Wir zwei auf Wolke sieben - Anja Rauter - E-Book

Wir zwei auf Wolke sieben E-Book

Anja Rauter

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Beschreibung

Lea hatte noch nie Glück mit Männern, und jetzt ist auch noch ihr Beinahe-Verlobter Sebastian in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit ihren Ersparnissen geflohen. London - Paris - Wien - kein Weg ist Lea zu weit, um ihren entlaufenen Ex zu finden. Dabei vergisst sie, sich zu fragen, ob sie Sebastian überhaupt noch liebt. Zu spät merkt sie, dass der eigene Schatten manchmal das größte Problem ist und dass man auch auf der Jagd nach dem Glück den Richtigen leicht übersehen kann. Aber dann erhält sie ein unwiderstehliches Angebot ...

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Seitenzahl: 421

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungIM PALAST DER EISKÖNIGIN23 STUNDEN ZUVORZURÜCK IM PALAST DER EISKÖNIGINGIN TONIC IM STURMGIBT ES EIGENTLICH HAIE IN SÜDFRANKREICH?PINK UND FERTIGFANG DEN MEHLWURMROSA RACHESCHWEINCHENSHOWDOWN MIT UNERWARTETEN HINDERNISSENBÖSES ERWACHENALZHEIMER-ALARMHAST DU IN MEINEM BETTCHEN GESCHLAFEN?LEAS KATASTROPHALES KARMAWIE FÜHLT ES SICH AN ZU SCHWEBEN?ÜBERTRIEBENE REAKTIONBITTE LÄCHELN!WANTED: MEHLWURM ENTLAUFENBONJOUR, MEHLWURM!!AMOR UND »PSYCHO«AU REVOIR, HÄNGEBÄCKCHENNOT VERY VIPPARIS, 9.00 Uhr– PERFEKT UNPERFEKTIM DUTZEND SIND MÄNNER BILLIGERHOME SWEET HOMEEIN KATER IST KEIN PRIVATLEBENWIEN, WIEN– UND GANZ ALLEINTEAM: TRÄCHTIGES WALWEIBCHENBUMM ZACK– UND DANN KAM DER SANDSACKNUR DIE HARTEN LAUFEN DURCH DEN GARTENIN Der FOLTERANSTALT– TAG 3REGENBÖGEN, ZUCKERKRAM UND WÜNSCH-DIR-WASOHNE OLGA GEHT ES NICHTWA(H)LAUFRUFVERLÄCHELTE TRÄUMEEINFACH NUR GUTE FREUNDEIMMER AUF DER FALSCHEN SEITESCHLUMPFBLAUE TRÄUMEWO EIN BILLY IST, IST AUCH EIN WEGROSAROTE POPCORNTRÄUMELIEBE, LUFT UND MATTHEOKÖNNEN MEHLWÜRMER WEINEN?RUF DOCH MAL ANWEIL DU SCHWEBSTREISENDE SOLL MAN (NICHT) AUFHALTENDAS WUNDERBARE WOHNKLOEIN MONAT SPÄTERJE SPÄTER DER ABEND, DESTO GRÖßER DER SCHOCKWER NIE AUF BÄUME KLETTERTLEA LÄUFT

Über dieses Buch

Lea hatte noch nie Glück mit Männern, und jetzt ist auch noch ihr Beinahe-Verlobter Sebastian in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit ihren Ersparnissen geflohen. London – Paris – Wien – kein Weg ist Lea zu weit, um ihren entlaufenen Ex zu finden. Dabei vergisst sie, sich zu fragen, ob sie Sebastian überhaupt noch liebt. Zu spät merkt sie, dass der eigene Schatten manchmal das größte Problem ist und dass man auch auf der Jagd nach dem Glück den Richtigen leicht übersehen kann. Aber dann erhält sie ein unwiderstehliches Angebot …

Über die Autorin

Anja Rauter wurde 1972 in Baden bei Wien geboren und arbeitet seit fünfzehn Jahren in leitender Funktion im Marketing. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer Stieftochter und einem dicken roten Kater in einer Kleinstadt in den Weinbergen südlich von Wien. Wir zwei auf Wolke sieben ist ihr erster Roman.

Anja Rauter

WIR ZWEI AUF WOLKE SIEBEN

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Agentur Brauer

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © shutterstock/Zizibuka; Tamiris6; Paul Lesser; Nancy White

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-6120-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Clemens – den schönsten roten Kater der Welt

IM PALAST DER EISKÖNIGIN

»Ich biete Ihnen einen phänomenalen Job, der Ihr Leben für immer verändern wird!« Maya van Swan fixiert mich mit gletscherkalten Augen.

»Sie brauchen nur zu unterschreiben, meine Liebe«, säuselt sie, lehnt sich in ihrem ledernen Thron zurück und nippt mit blutrot geschminkten Lippen an ihrem Espresso.

Meine Hand zittert, als ich nach dem Vertrag greife.

Was ist bloß los mit mir? Es ist doch nur ein Vorstellungsgespräch, und darin habe ich als freie Journalistin ja nun wirklich jede Menge Routine.

Aber meine Wangen glühen, und ich kann förmlich spüren, wie sich unzählige kleine rote Stressflecken auf meinem Gesicht ausbreiten. Bestimmt sehe ich aus, als hätte ich die Masern.

Ich rutsche noch tiefer in den unbequemen Stahlrohr-Sessel und versuche, mich zu beruhigen, was leider nicht klappt.

Im Gegenteil: Der Wunsch, von hier zu verschwinden, wird immer stärker.

Ich lasse meinen Blick Richtung Fenster wandern.

Am liebsten würde ich einfach hinausklettern oder mich wegbeamen. Alles, um nicht hier sein zu müssen: im 13. Stock des Media Towers, im Angesicht der berühmt-berüchtigten Eiskönigin der Medienszene, die mein komplettes Leben verändern will.

Dabei ist mein Leben doch perfekt!

Einfach perfekt!

Na ja. Bis gestern war es das … Die Erinnerung fällt mich wie ein Raubtier an und bohrt ihre scharfen Krallen in mein Herz.

Verdammt, was tue ich hier? Eigentlich sollte ich gerade in einem Flieger nach Frankreich sitzen und versuchen zu retten, was noch zu retten ist, oder mir wenigstens ungestört auf meinem Sofa die Augen aus dem Kopf heulen oder …

»Hallloooo-ooo??? Frau Winter, alles in Ordnung? Weinen Sie?« Erschrocken wische ich mir über die Augen und blicke in Maya van Swans verzerrtes Gesicht. Ihr abschätziges Lächeln sitzt etwas schief. Kann Botox verrutschen?

»Ich kann die Rahmenbedingungen gern noch einmal für Sie zusammenfassen«, schnarrt sie und schnippt mit spitzen Fingern eine Fluse von ihrem nachtschwarzen Blazer.

»Der Job scheint wie für Sie gemacht! Su schickt mir nur Kandidatinnen, die sie genau für mich durchleuchtet hat. Und Sie hat sie mir ausdrücklich empfohlen:

Ihr Pharmazie-Studium, die langjährige Erfahrung im Luxuskosmetik-Segment, und Sie waren sogar weltweit als freiberufliche Journalistin für renommierte Hochglanzmagazine tätig!«

Ich schnappe nach Luft.

Das wüsste ich aber!

Was hat sich meine beste Freundin da bloß zusammenfantasiert? Mein Studium habe ich nach nur zwei Semestern an den Nagel gehängt, und meine Erfahrung mit Luxuskosmetik beschränkt sich auf ein Marketing-Praktikum in Düsseldorf, wo ich drei Monate lang Produktproben einer japanischen Kultmarke nach Größen sortieren durfte. Und ich glaube auch nicht, dass die Berliner Frauenzeitschrift, für die ich eine monatliche Kolumne zu Themen wie »Schön – dank der Power der Biene« schreibe, als internationales Hochglanzmagazin durchgeht.

Maya van Swan beugt sich weiter vor, um mich unverhohlen abzuscannen.

»Bis auf die seltsamen roten Flecken in Ihrem Gesicht bringen Sie auch die körperlichen Voraussetzungen für diesen Traumjob mit! Sie sind jung, aber nicht zu jung. Nicht rasend schön, aber doch recht attraktiv. Und das Beste: Als Single sind Sie natürlich sofort einsatz- und reisebereit. Denn schon in 18 Stunden führt Sie Ihr erster Auftrag nach London.«

Ich bin nicht rasend schön, aber recht attraktiv?

Vielen Dank auch. Dass ich kein Supermodel bin, weiß ich selbst! Aber ich bin definitiv kein Single! Ich lebe seit über zwei Jahren in einer glücklichen Beziehung.

Dachte ich zumindest … Der Gedanke an den gestrigen Tag krallt sich wieder in mein Herz, und der Schmerz raubt mir für einen Moment die Luft.

Ich bin Single.

Seit 23 Stunden und ohne jede Vorwarnung.

Als ich mich räuspere, um wenigstens meiner Stimme einen enthusiastischen Klang zu verleihen, steigt der Geschmack von zwei Gin Tonic und vier Aperol Spritz aus meinem Magen auf.

23 STUNDEN ZUVOR

Liebe Lea,

wenn du das liest, sitze ich schon im Flieger.

Es tut mir leid, aber ich kann so nicht weitermachen, wir passen einfach nicht zusammen!

Als Trost lasse ich dir Van Gogh da, damit du nicht so allein bist.

XX Sebastian

PS: Ich brauchte dringend Geld und habe deshalb dein Sparbuch aufgelöst. Ich will endlich meinen Traum leben. Aber keine Sorge, in zwei, drei Monaten zahle ich dir selbstverständlich alles zurück.

Ungläubig starre ich auf die Nachricht, die Sebastian in seiner akkuraten Handschrift auf unseren Küchenblock geschrieben hat.

Das kann er doch nicht ernst meinen?

Meine Gedanken rasen. Noch vor drei Tagen hat mir Sebastian Frühstück ans Bett gebracht und mich mit einem langen Kuss verabschiedet, bevor ich nach Berlin zu einem neuen Auftrag in Sachen Bienenpower losfuhr. Was zur Hölle ist in den letzten 72 Stunden geschehen? Mein Herz wummert, mein Kopf ist wie leergefegt.

Ich stehe eindeutig unter Schock!

Was nicht weiter verwunderlich ist, denn bis vor zwei Minuten wusste ich nicht:

dass in meiner Beziehung etwas NICHT stimmt,dass Sebastian das Losungswort von MEINEM Sparbuch kennt unddass mein Freund nicht nur mich, sondern auch das rothaarige FELLMONSTER verlassen hat.

Und von welchem Traum schreibt er da? Scheinbar kenne ich den Mann, den ich seit zwei Jahren liebe, doch nicht so gut, wie ich dachte. Ich atme tief durch und versuche, mich zu konzentrieren. Ich muss Sebastian anrufen. Dann klärt sich sicher alles auf. Mit zitternden Fingern wähle ich seine Nummer, erreiche aber leider nur die Mobilbox. Und auch beim zehnten Mal meldet sich nur die blecherne Stimme der Voicemail, die mir zuerst auf Deutsch und dann auf Englisch mitteilt, dass diese Nummer vorübergehend nicht erreichbar ist und ich es zu einem späteren Zeitpunkt wieder versuchen soll.

Später?

Ich muss aber jetzt wissen, was mit Sebastian los ist.

Was mit uns los ist.

Mein Herz rast, und kleine Sternchen flimmern vor meinen Augen.

Ich muss sofort aufhören zu hyperventilieren.

Laut schniefend atme ich ein und aus und lese die Zeilen wieder und wieder, bis die Erkenntnis wie zäher Sirup in mein Hirn sickert.

Sebastian ist fort.

Sebastian liebt mich nicht mehr.

Die Buchstaben auf dem Papier verschwimmen durch den Tränenschleier vor meinen Augen, dann flattert der Zettel aus meiner Hand. Mit letzter Kraft sinke ich auf den harten Holzboden, und prompt nutzt das rothaarige Fellmonster meinen kurzen Moment der Schwäche, um sich mit gefährlich blitzenden Augen auf mich zu stürzen. Doch statt mir wie erwartet seine Krallen ins Bein zu schlagen, springt Van Gogh nur auf meinen Schoß und rollt sich dort gemütlich für ein Nickerchen zusammen. Anscheinend hat er vergessen, dass er mich hasst. Ganz vorsichtig kraule ich den Kopf des Katers, während meine Tränen in sein Fell sickern. »Warum hat er uns verlassen, Kater? Und warum meint er plötzlich, dass wir nicht zusammenpassen?«

Wir waren doch glücklich, oder etwa nicht? Also ich war es ganz bestimmt. Auch nach zwei Jahren Beziehung hatte ich beim Anblick des großgewachsenen, schlanken, nordisch-blassen Mannes mit den blauen Augen und dem leicht schiefen Lächeln – in das ich mich damals spontan verliebt hatte, weil es anspruchsvoll und schwer zu haben signalisierte – Millionen Schmetterlinge im Bauch … Die Tränen laufen weiter ungehindert über meine Wangen.

Wenn er doch nur endlich zurückrufen würde.

Moment, wo ist mein Mobiltelefon eigentlich?

Hektisch sehe ich mich um und entdecke es schließlich zwischen Van Goghs Pfoten. Schnell checke ich den Nachrichteneingang – nichts, null neue Nachrichten – und lande dann wie von selbst in meinem WhatsApp-Account mit dem Foto, das ich letzte Woche von Sebastian und mir bei Gino, unserem Lieblingsitaliener, gemacht habe. Auf Sebastians weißem Poloshirt prangt knapp unter dem eingestickten Pferdchen ein riesiger Rotweinfleck. Woran ich leider nicht ganz unschuldig bin, weil ich – O-Ton meine Mutter – nur stumm wäre, wenn man mir »die Hände fesseln würde«. Warum sind diese Rotweingläser aber auch so instabil? Gut sieht Sebastian aus, nur seine Mundwinkel sind etwas nach unten gezogen.

Mit lautem Poltern gleitet das Handy auf den Boden, während meine Gedanken laut schreiend Karussell fahren.

Was war an unserem gemeinsamen Leben so verkehrt?

Und was noch viel wichtiger ist: Warum hat er nicht versucht, mit mir über seinen Lebenstraum zu sprechen? Ich dachte eigentlich, ich und die Fotografie – oder meinetwegen auch in umgekehrter Reihenfolge – wären seine einzigen beiden Leidenschaften.

Doch scheinbar gibt es da noch etwas …

Etwas, das ihm so wichtig ist, dass er dafür in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einfach verschwindet … Aber warum ausgerechnet jetzt?

Es war doch Sebastians Vorschlag, nach zwei Jahren Beziehung endlich zusammenzuziehen. Und er war es auch gewesen, der erst vor wenigen Wochen einen Makler mit der Suche nach unserer Traumwohnung beauftragt hatte. Und dieser wurde trotz unseres engen Budgetrahmens erstaunlich schnell fündig und rief uns bereits am nächsten Tag an.

»Die Wohnung ist ein Schnäppchen und die Lage absolut einzigartig: urban und trotzdem grün!« Der Makler konnte es selbst nicht fassen. »Ganz in der Nähe ist sogar ein Park und ein sehr beliebter Kindergarten! Eine absolute Toplage!«

Was er leider am Telefon nicht erwähnte:

Die Wohnung war außen hui und innen pfui – der Parkettboden völlig zerkratzt, die Küchenzeile in widerlichem Knallorange aus den 70ern hatte auch schon bessere Zeiten gesehen, und das fensterlose Minibad und der Schimmel im Vorraum ließen mich zusammenzucken. So schäbig hatte ich mir unsere erste gemeinsame Wohnung ganz sicher nicht vorgestellt.

Aber es war die mit Abstand größte Wohnung, die wir uns leisten konnten. Und ausreichend Stauraum für Sebastians überdimensionale Fotoleinwände, die er bisher aus Platzmangel bei seinen Eltern in der Garage lagerte, gab es in der 120 Quadratmeter großen Altbauwohnung natürlich auch.

»Du siehst nur eine renovierungsbedürftige Wohnung, Lea – ich sehe das volle Potential«, flüsterte mir Sebastian während der Besichtigung ins Ohr.

Grübelnd strich ich über die abblätternde pinke Wandfarbe im Wohnzimmer. War der Vormieter farbenblind?

»Und das Beste – in nur fünf Minuten sind Sie am Hauptbahnhof!«

Treffer versenkt.

Der Makler hatte gewusst, welche Hebel er drücken musste, um den Kandidaten für Hässlicher wohnen zu gewinnen. Und das Glitzern in Sebastians Augen beim Gedanken, nicht mehr jeden Tag eine Stunde zur Arbeit in die Fotoagentur fahren zu müssen, bestätigte mir, was ich bereits ahnte:

Mein Alphamännchen hatte seine Entscheidung getroffen – es war aussichtslos, ihn umstimmen zu wollen.

Und so gab ich mir einen gewaltigen innerlichen Ruck.

Denn so unansehnlich die Wohnung auf den ersten Blick auch war, so war sie doch auch meine langersehnte Chance, endlich jeden Morgen in Sebastians Armen aufzuwachen.

Kurz darauf hatten wir den Mietvertrag unterschrieben – und feierten mit einer Flasche Prosecco die Tatsache, dass wir eine große und bezahlbare, wenn auch stark renovierungsbedürftige Wohnung in zentraler Lage gefunden hatten, leidenschaftlich!

Und wild!

Genau hier.

Auf dem zerkratzten Parkettboden … auf dem ich nun sitze … allein … ja gut, mit Van Gogh, der wie sein berühmter Namensvetter ein Stück seines linken Ohrs eingebüßt hat. In seinem Fall im Kampf mit einem aggressiven Dackel.

Meine Tränen beginnen wieder zu fließen.

Warum ist Sebastian einfach abgehauen, warum ist eigentlich der Kater hier, und wie soll ich ab sofort allein jeden Monat 850 Euro Miete bezahlen?

Ich schubse Van Gogh vorsichtig von meinem Schoß und lasse meinen Blick durch die Wohnung schweifen. Bis auf Sebastians altes Schlafsofa, das auch schon bessere Zeiten gesehen hat, einen Fernseher und die leider Original-Retro-Küchenzeile, ist sie komplett leer.

Mit dem Geld von meinem Sparbuch wollten wir uns diese Woche neue Möbel kaufen. Erst vor vier Tagen haben wir in einem Möbelhaus über die Farbe des neuen Sofas gestritten.

Ich atme tief in den Bauch, um mich zu beruhigen, während meine Gedanken sich wieder unkontrolliert im Kreis drehen.

Wo könnte Sebastian nur sein?

Wofür braucht er das Geld?

Ich rapple mich vom Boden hoch. Vielleicht finde ich ja in den Umzugskartons, die Sebastian in unserem unmöblierten Schlafzimmer gebunkert hat, die Antwort auf all meine Fragen.

Doch zu meinem grenzenlosen Entsetzen sind die beiden Kartons bis auf eine einzelne gammelige Tennissocke leer. Seine Hemden und Jeans, sein Kosmetikbeutel, seine Schuhe, sein heller Leinenanzug, seine Fotografie-Fachbücher, seine teure Spiegelreflexkamera … alles weg.

Dass er all seine persönlichen Sachen mitgenommen hat, macht die Situation erschreckend endgültig. Erneut tanzen hunderte Sternchen vor meinen Augen, und die Tränen wollen jetzt sintflutartig fließen, da entdecke ich einen zusammengeknüllten Zettel unter der Solosocke und ziehe ihn hervor. Mit zittrigen Händen streiche ich das Blatt glatt.

Hm … ein Werbeflyer … zwei braungebrannte, hübsche Bikini-Mädchen räkeln sich an Bord eines Segelbootes in der Sonne. »Kommen Sie an Bord, und lassen Sie alles hinter sich«, steht in geschwungenen Lettern darüber. Ich drehe den Flyer um – die Segelroute startet in Marseille, in Südfrankreich, und dauert drei Wochen … Und dann sehe ich es – das Reisedatum ist mit einem Textmarker eingekringelt. Die Reise startet heute. Und zum zweiten Mal an diesem Tag geben meine Knie nach.

O mein Gott, ist Sebastian gerade jetzt auf diesem Segelschiff?

Hoffentlich hat er seine Sonnencreme nicht vergessen, er ist doch so empfindlich …

»Maaaaunz!«

Unsanft tastet der Kater mit der Pfote nach meinem Fuß, als wolle er mir sagen, dass meine liebevolle Fürsorge völlig unangebracht ist und ich mich besser um ihn kümmern sollte.

Ich wische mir das tränennasse Gesicht mit dem Ärmel meiner Bluse trocken.

»Na, Fellmonster, hast du Hunger?«, frage ich meinen neuen Mitbewohner.

Auch wenn ich selbst nie Haustiere hatte, weil meine Mutter alles, was Schmutz verursacht und Unordnung in ihr makelloses Leben bringt, aus tiefstem Herzen verabscheut, mag ich Katzen.

Leider hatten Van Gogh und ich einen verdammt schlechten Start, oder wie auch immer man das nennen mag, wenn man beim ersten Antritt bei den Schwiegereltern in spe hinterrücks von der Katze angefallen wird.

»Van Gogh reagiert allergisch auf Vanilleduft und rastet dann völlig aus – das hätte dir Sebastian ruhig sagen können«, informierte mich seine Mutter leider erst, nachdem der Kater mit seinen langen Krallen ein Zickzackmuster in meine Wade gekratzt hatte.

Bedauernd warf ich mein Lieblingsparfum in den Müll, und obwohl es bei den sonntäglichen Besuchen bei Sebastians Eltern nie wieder zu einer Katzenattacke kam, konnte ich eine leicht diffuse Angst vor dem Kater nie ganz abschütteln.

Deshalb hatte ich mit Sebastian auch eigentlich vereinbart, dass Van Gogh, den er unbedingt wieder zu sich holen wollte, erst mal nicht bei uns einzieht.

Hat ja toll geklappt.

»Maaaaaaauuuuunzz!«

Mir gefriert das Blut in den Adern.

Er hat Hunger, großen Hunger. Jetzt heißt es schnell sein.

Hektisch öffne ich den Küchenschrank auf der Suche nach einem katzengerechten Snack und pralle erstaunt zurück!

Sebastian scheint vor seinem überstürzten Abgang zumindest an die Grundbedürfnisse seines Katers gedacht zu haben:

Sauber stapeln sich 30 Katzenfutter-Dosen in allen nur erdenklichen Geschmacksrichtungen. Der Kater schnurrt beglückt. Naserümpfend öffne ich die Dose »Rindfleischhäppchen vom glücklichen Freiland-Rind«.

Sofort rebelliert mein Magen – können die den undefinierbaren Brei nicht irgendwie geruchsneutral machen?

In Ermangelung eines Futternapfes kippe ich den widerlich stinkenden Inhalt in Sebastians edle Designer-Müsli-Schale, die ich ihm letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt habe.

Das hat er davon! Mich einfach so zu verlassen! Eine dicke Träne tropft auf die Rindfleischhäppchen.

Ich fühle mich, als hätte ich keinen einzigen Knochen mehr im Leib, der Schock, das Weinen und die zermarternden Gedanken scheinen jede Energie aus mir gezogen zu haben.

Ich schleppe mich zur altmodischen Kaffeemaschine und füttere sie mit frischem Pulverkaffee und Wasser und bete, dass das alles nur ein böser Traum ist, aus dem ich gleich aufwache.

Der Kater hat seine Rindfleischhäppchen in Rekordzeit hinuntergeschlungen und rülpst laut. Okay, das ist definitiv kein Traum. Selbst in meinen schlimmsten Albträumen gibt es keine rülpsenden Kater!

Während die Kaffeemaschine gluckert und tröpfchenweise starken Kaffee produziert, versuche ich, meine beste Freundin Su zu erreichen, ich brauche jetzt dringend seelischen Beistand. Aber auch bei ihr spricht nur die Mobilbox mit mir.

Ich hinterlasse ihr eine kurze Nachricht: »Bin seit fünf … nein … zehn Minuten wieder Single. Sebastian ist weg … mit meinem Gesparten …« Der Rest der Nachricht geht leider in einem weiteren Weinkrampf unter.

Shit happens, würde mein bester Freund Armin jetzt sagen, wenn ich wenigstens ihn erreichen könnte. Auch bei ihm läuft leider nur ein Band.

Scheinbar bin nur ich als freiberufliche Journalistin an einem Montagmorgen um 10.00 Uhr zu Hause, was in dieser Situation natürlich doppeltes Pech ist: Als berufstätige Frau mit Festanstellung hätte ich nämlich frühestens gegen 18.00 Uhr gemerkt, dass ich verlassen wurde.

Oder mit etwas Glück, wenn mein Rechercheauftrag in Berlin etwas länger gedauert hätte, sogar erst morgen.

»Schwamm drüber«, höre ich Armin in Gedanken sagen. »Eine erwachsene Frau bekommt keine Panik. Eine erwachsene Frau weiß immer, was zu tun ist!«

Statt des Kaffees, der im Ausguss landet, greife ich nach der noch drei Viertel vollen Flasche Prosecco von vor vier Tagen. Die Flasche Tequila und die zwei schrumpeligen Zitronen im Kühlschrank hebe ich mir für später auf. Man weiß ja nie …

Zehn entwürdigende WhatsApp-Nachrichten an Sebastian und eine halbe Flasche abgestandenes Blubberwasser später bin ich etwas ruhiger.

Bestimmt öden Sebastian das Meer, das tolle Wetter, das ständige Herumsegeln und die blöden Bikini-Mädchen schon nach wenigen Tagen an, und er kommt zu uns zurück.

Zu mir und Van Gogh! Fast schon liebevoll betrachte ich den dicken roten Kater, der mit jedem Schluck Prosecco sympathischer und schöner geworden ist.

Hurra, Katzen-sympathisch-Saufen funktioniert!

»Wir zwei gegen den Rest der Welt, was Kater?«

Der blinzelt gelangweilt, dreht mir sein Hinterteil zu und beginnt sich genüsslich zu putzen.

Noch eine Zurückweisung.

Heute ist definitiv nicht mein Tag, aber wenigstens ist mein neuer Mitbewohner reinlich.

Ich rolle mich in einer möglichst bequemen Liegeposition auf dem Sofa zusammen. Ich muss positiv denken. Wie ging nochmal der Spruch auf meiner Selbstfindungs-CD, den man sich nur oft genug vorsagen muss, damit er wahr wird? Ah ja, jetzt fällt er mir wieder ein:

»Waaas su mir gehört, gehört su mir!«, lalle ich mir mantraartig vor, während ich meine rosa Flauschdecke bis zu den Ohren hochziehe.

Leider vertrage ich keinen Alkohol.

Vor meinen Augen tanzen kleine Lichtblitze, ich hätte den Prosecco nicht auf nüchternen Magen trinken sollen.

Auch Schwamm drüber.

Erschöpft schließe ich die Augen, reiße sie aber sofort wieder auf, weil mir der Kater auf den Bauch springt.

»Töte mich oder leg dich zu mir, mir ist kalt«, wende ich mich tapfer an ihn. Ich darf jetzt auf keinen Fall Angst zeigen.

Der Kater maunzt leise und rollt sich zu einer kompakten Fellkugel zusammen.

Eigentlich ist er ja ganz niedlich. Wenn nur der Name Van Gogh nicht wäre! Ich will nicht jedes Mal, wenn ich den Kater ansehe, an das abgeschnittene Ohr des Jahrhundertmalers denken.

Da kommt mir eine Idee!

»Ich werde dich Sebastian nennen. Sebastian Mayer!« Der Kater blinzelt wieder und beginnt sich erneut zu putzen, gelangweilt, wie es scheint. Ich jedoch fühle mich ein klein wenig getröstet:

So habe ich wenigstens etwas, das mich an meinen Sebastian erinnert, nur für den Fall, dass er doch nicht zurückkommt – blöde Bikini-Mädchen und so …

Ich werde wach, weil jemand heftig an die Tür wummert.

»Und wenn sie sich etwas angetan hat?«, höre ich eine schrille Männerstimme vor der Tür.

»Entspann dich, bitte! Bestimmt liegt sie nur hackedicht auf dem Sofa. Du weißt doch, dass sie nichts verträgt. Wir holen jetzt einfach den Schlüsseldienst!«, erwidert eine mir vage bekannte Frauenstimme. »Ich ruf da jetzt an – das haben wir gleich!«

Hm, vielleicht sollte ich besser mal nachsehen. Ich öffne meine vom vielen Weinen leicht verklebten Augen und tapse wackelig zur Tür.

»Gott sei Dank, Mausezahn!« Mein bester Freund Armin wirkt sichtlich erleichtert und zieht mich in eine bärige Umarmung. »Geht es dir gut?«

»Ehrlich gesagt, ging’s mir schon mal besser«, krächze ich und schlucke ein paar Tränen herunter.

»Natürlich geht es ihr nicht gut, Armin, wären wir sonst an einem Montag um 11.30 Uhr hier?« Su, meine beste Freundin seit Kindertagen, stöckelt energisch auf ihren Megaheels hinter Armin in die Wohnung und umarmt mich fest.

»Also ich brauch jetzt mal einen Schluck auf den Schock!« Armin ist schon beim Kühlschrank, schenkt sich einen doppelten Tequila ein und verschüttet dabei schwungvoll die Hälfte auf dem Frühstückstresen.

»Wohl bekomm’s, Armin – es ist noch nicht einmal Mittag!« Anklagend mustert Su ihn.

»Prost! Für die Nerven, Mädels. Wollt ihr auch einen? Ich hab mich ja so aufgeregt, als ich deine Nachricht bekommen habe, Lea, und weil du dann nicht mehr ans Handy gegangen bist! Was denkt sich der Typ eigentlich? Wie kann er dich nur verlassen … und warum?«

Ich reiche Armin und Su wortlos Sebastians Nachricht auf dem Küchenzettel und checke mein Handy.

20 Anrufe in Abwesenheit – alle von Su und Armin. Traurig lasse ich mich aufs Sofa fallen.

»Pff, also ehrlich! Was heißt, er kann so nicht weitermachen? Und was meint er mit, seinen Traum leben?« Su starrt stirnrunzelnd auf das Geschriebene.

Wortlos reiche ich ihr den Bikini-Mädchen-Prospekt, den Armin ihr sofort neugierig aus der Hand reißt.

»Warum um alles in der Welt ein dreiwöchiger Segeltörn in Südfrankreich, Mausezahn?« Armin schaut mich aus himmelblauen Augen irritiert an und beginnt rhythmisch meine Schulter zu tätscheln, was mich alles andere als beruhigt.

»Warum nicht Südfrankreich? Macht es einen Unterschied, wohin er abgehauen ist? Er hat mich verlassen, einfach verlassen«, quetsche ich schluchzend hervor und schlinge die Arme um mich, mir ist plötzlich so kalt. Wo ist die blöde Flauschdecke?

»Hallo-oo! Das Ozonloch! Sebastians weiße ›Ich creme mich immer, auch im Winter, mit Lichtschutzfaktor 50 ein‹-Haut!«

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht: Ein heftiger Sonnenbrand könnte Sebastian zu mir zurückbringen.

»Wie ging das Lied von Boney M. nochmal? Diese deutsche Fassung«, überlegt Su nun laut.

»Ha! Ich hab’s, du meinst El Lute: ›Er hat nie das Licht der Sonne gesehen …‹«, singt Armin lauthals, und Su stimmt sofort mit ein, und sie klatschen sich begeistert ab.

Manchmal nerven die beiden echt.

»Könntet ihr bitte damit aufhören, euch ständig über ihn lustig zu machen …« Ich schnappe nach Luft.

»Sorry, aber mal im Ernst, Lea: Was macht das Bleichgesicht drei Wochen nonstop auf dem Mittelmeer? Ein kurzer Bootstrip, okay, aber drei Wochen sind verdammt lang – und außerdem dachte ich, er kann gar nicht schwimmen …« Su beginnt naserümpfend, meine Schränke zu durchwühlen. »Hast du hier eigentlich noch was anderes außer Katzenfutter und Alkohol gebunkert, Lea?«

»Mann über Bord!«, schreit Armin und verschüttet noch etwas Tequila. »Su hat recht: Sebastian kann gar nicht schwimmen!« Er richtet sich zu seiner vollen Größe von 1,60 Metern auf. »Erinnert ihr euch noch, als er letzten Sommer bei Nataschas Gartenparty fast im Planschbecken von Klein-Irina ertrunken ist?«

»Jetzt reicht’s, Armin … Er hatte etwas zu viel von der Erdbeerbowle getrunken, ist gestolpert und hat sich den Kopf angeschlagen, habt ihr das vergessen?« Ich finde das gemein … »Und als Planschbecken würde ich den immerhin zwei Meter tiefen Pool auch nicht bezeichnen.«

Hmpf. Warum versuche ich Sebastian zu verteidigen? Eigentlich sollte ich wütend auf ihn sein. Vielleicht geht er genau jetzt in Marseille an Bord dieses Segelbootes …

»Also, dass der Mehlwurm kalte Füße bekommt, sobald ihr eingezogen seid, war mir klar.« Su lehnt stirnrunzelnd am Küchentresen. »Ich – habe – es – kommen – sehen«, orakelt sie und wackelt unheilvoll mit dem Kopf.

»Sehr toll, Su. Hättest du dann nicht wenigstens eine kleine Andeutung in meine Richtung machen können? So nach dem Motto: Lea das nimmt kein gutes Ende, oder: Lea hier werdet ihr bestimmt nicht glücklich, oder: Ich hatte heute einen Traum, in dem du und Sebastian … ach, keine Ahnung …«

Mir fällt nichts mehr ein.

Su blickt mich prüfend an.

»Hättest du es denn wirklich hören wollen, Hase? Immer wenn ich in den letzten Monaten meine Bedenken zu Sebastian äußerte, hast du ziemlich allergisch reagiert.«

Stirnrunzelnd marschiert sie auf und ab und perforiert meinen ohnehin zerkratzten Parkettboden mit ihren spitzen Absätzen.

»Aber keine Sorge!« Sie wirbelt herum und richtet ihren Killerblick auf mich. »In spätestens drei Wochen ist Sebastian pleite und steht reumütig wieder auf der Matte!«

»Meinst du wirklich?«, wimmere ich hoffnungsvoll, vielleicht wird ja doch noch alles gut.

»Bestimmt, aber dann brauchst du die Albino-Ratte nicht mehr!« Zur Bekräftigung knallt Su die Faust auf den Küchentresen. Sie kann sehr emotional werden.

»Brauche ich nicht? Aber Su, ich liebe ihn doch!«

»Er ist es aber nicht wert! Sieh nur, was er dir eingebrockt hat! Der Mietvertrag läuft doch auf dich!« Die blaue Zornesader auf Sus Stirn ist gerade bedrohlich angeschwollen.

»Natürlich bist du traurig darüber, dass er dich verlassen hat, Mausezahn.« Wie immer ist Armin eine Spur taktvoller … oder liegt es am Tequila? Das war gerade bestimmt das dritte Glas auf ex. »Aber jetzt mal so rein praktisch gedacht: Su hat recht. Was machst du nun mit der Wohnung? Die ist viel zu teuer für dich allein! Außerdem – wer renoviert hier weiter? Wie du weißt, habe ich zwei linke Hände. Und das Allerschlimmste: Du hast nicht mal Möbel und einen gefräßigen neuen Mitbewohner!«

Anklagend starren wir drei den dicken roten Kater an.

Der schaut beleidigt und schleicht prompt wieder Richtung Küchenschrank, na bitte, das Tier hat schon wieder Hunger, er wird mich arm fressen, ich glaube, mir wird schlecht.

»Und wenn du deinen Vater um Geld anhaust?«

»Danke für den Tipp, Armin, aber vorher beiße ich mir die Zunge ab!« Beim Gedanken daran, wie mein Vater auf das plötzliche Verschwinden des »überspannten Künstlers, vor dem er mich mehrmals gewarnt hatte« reagiert, wird mir gleich noch übler.

»Okay. Themenwechsel – du bist weiß wie die Wand, Mausezahn!« Armin reicht mir einen Tequila rüber.

»Auf bessere Zeiten!«, prostet er mir zu und schenkt sich selbst Nummer vier ein. Ich muss ihm nachher unbedingt ein Taxi rufen.

»Und wenn du deine Mutter fragst –?«, wirft Su ein.

»Also bitte, Su! Du kennst doch Leas Mutter!« Armin ist nun auch ganz bleich geworden.

»Stimmt, blöde Idee!« Su baut sich vor uns auf und näselt mit spitz erhobenem Zeigefinger als perfekte Dr.-Leonora-Winter-Imitatorin. »Lea, dein« – sie hüstelt dezent – »Fast-Verlobter hatte sicher einen guten Grund, so plötzlich zu verschwinden!«

Sie geht völlig in ihrer Rolle auf und zieht die Augenbrauen vorwurfsvoll bis zum Haaransatz hoch.

»Denk darüber nach, Kind, irgendetwas musst du mal wieder falsch gemacht haben …«

Ich exe den Tequila.

Wie man es dreht und wendet, elterlichen Beistand kann ich mir wohl abschminken. Für meine Eltern bin ich in jedem Fall selbst schuld an der Misere! Mal direkt, mal indirekt.

Seufzend starre ich auf mein Mobiltelefon und versuche, es kraft meiner Gedanken zum Läuten zu bringen.

Doch leider bleibt es dunkel und stumm. »Ach Lea, nun aber mal wirklich etwas anderes …«

Su unterbricht ihre Wanderung durch mein Wohnzimmer und schwingt ihren Po elegant auf meinen Küchentresen.

»Ich hatte heute eine kurze Besprechung mit Maya van Swan, der Herausgeberin von SoYou. Sie suchen eine junge Journalistin für eine neue Kolumne … Irgendwas mit spannenden Reisen! Beauty und so, ich wollte dich sowieso am Nachmittag anrufen.«

Su ist als stellvertretende Chefredakteurin eines Online-Beautymagazins in der Verlagsbranche bestens vernetzt und vermittelt mir immer wieder Jobs.

»Ich habe ihr gesagt, dass du morgen um 10.00 Uhr im Verlag vorbeikommst und dich kurz vorstellst.«

»Ohne mich vorher zu fragen, na vielen Dank.« Ich hasse es, wenn man für mich Entscheidungen trifft. Hätte Sebastian mit mir geredet, statt einfach abzuhauen, säße ich jetzt nicht hier – völlig pleite, verwirrt und verheult.

»Das ist doch mal eine gute Nachricht, Mausezahn, oder?«, unterbricht Armin meine trüben Gedanken.

»Mit einem halbwegs gut bezahlten Job kannst du die Wohnung wahrscheinlich behalten. Na ja, zumindest, wenn du den Kater auf Nulldiät setzt und statt Prosecco Wasser trinkst«, konstatiert er laut und etwas undeutlich und schüttet sich Tequila nach. Das reicht jetzt, ich schnappe mir die Flasche und verstaue sie im Kühlschrank.

»Um was geht’s denn bei dem Job genau?«, frage ich Su, um nicht undankbar zu erscheinen.

»Maya wollte mir keine Details verraten, nur, dass sie eine freiberufliche, attraktive Journalistin suchen und deine, ähm, Aufgabe etwas – ich glaube, ihre genauen Worte waren speziell – ist.

»Was heißt ›speziell‹?« Irgendwie ist mir nicht ganz wohl bei der Sache.

»Keine Ahnung. Sie sagte etwas von großem persönlichen Einsatz und intensiver Recherche, auf jeden Fall eine Riesenchance für dich, weiterzukommen.« Su lächelt mich aufmunternd an. »Und das Beste habe ich noch gar nicht erwähnt: Ein fettes Spesenkonto bekommst du auch«, versucht sie, meine letzten Zweifel zu zerstreuen.

»Mit dem du deine lieben Freunde schon jetzt auf eine Pizza einladen kannst! Ich habe ganz plötzlich einen Wahnsinnshunger. Lasst uns zu Gino gehen.« Wie immer denkt Armin zuallererst an sein leibliches Wohl.

Nach einer kurzen Dusche ist mein Kopf klarer, und ich wühle mich auf der Suche nach ein paar frischen Klamotten durch die Umzugskartons. Mist, ich hätte die Dinger, wie mir Sebastian geraten hatte, wohl besser genau beschriften sollen, die ständige Sucherei nervt. »Du musst endlich mehr Ordnung in dein chaotisches Leben bringen! Das ist ja nicht auszuhalten!«, höre ich Sebastians Stimme in meinem Kopf hallen. Meine – nennen wir es mal – etwas unstrukturierte Art war der einzige Grund, warum wir gelegentlich stritten … Aber Menschen können sich ändern … Ich würde mich ändern … für ihn … Plötzlich halte ich mein blassblaues Lieblingssommerkleid mit dem enganliegenden, trägerlosen Spitzenoberteil und dem weit schwingenden Tellerrock in Händen. Sebastian hat es mir letztes Jahr in Rom gekauft, er meinte, dass ich in dem Kleid wunderschön aussehe … Ich muss schlucken bei der Erinnerung an den Abend, als ich es das erste Mal getragen habe – und sehe Sebastian und mich wieder in der kleinen romantischen Trattoria am Campo de’ Fiori. Meine Hand liegt sicher in seiner. Die Luft ist mitternachtsblau und immer noch warm. Es ist eine magische Nacht, und ich habe das Gefühl, im richtigen Kleid mit dem richtigen Mann am richtigen Ort zu sein – bis plötzlich Sebastians Handy läutet. Der Anruf ist von einer Arbeitskollegin aus der Fotoagentur, und es dauert über eine halbe Stunde, bis Sebastian wieder an den Tisch zurückkommt.

Danach scheint er mit seinen Gedanken woanders zu sein, und zu meinem großen Entsetzen entdecke ich auf meinem neuen Kleid auch noch einen Tomatenfleck. Der, obwohl ich das Kleid seitdem schon zigmal habe reinigen lassen, immer noch ganz schwach sichtbar ist. Behutsam lege ich das Kleid wieder in den Umzugskarton zurück und schlüpfe in ein T-Shirt und eine Jeans. Dann binde ich meine dunkelblonden Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen und trage noch etwas Lipgloss auf.

Meine vom Weinen kaninchenroten Augen zu schminken ist sinnlos, daher wische ich nur die verschmierte Wimperntusche ab, setze meine große Sonnenbrille auf und lächle mich zaghaft im Spiegel an.

»Don’t be sad! The so called ›Mehlwurm‹ is mad!

LALALALALALALA

Oh my GOD! You are so hot!«

Im Wohnzimmer grölt Armin gerade seine persönliche Interpretation meines Lieblingssongs. Mist! Er hat den Umzugskarton mit den DVDs entdeckt.

»So very, very HOT!«

Armin kniet vor meinem Fernseher und gibt alles.

»Armin, es reicht!« Su hat den Fernseher ausgeschaltet.

»Lächle, Lea – niemand ist gestorben!« Su nimmt mich fest in den Arm. »Was du jetzt brauchst, sind Kohlehydrate, Zucker und noch mehr Alkohol.« Zwei Minuten später stolpern wir zur Tür hinaus, und ich bin froh, a) immer noch hot zu sein, b) direkt über dem besten Italiener der Stadt zu wohnen und c) Freunde wie Armin und Su zu haben.

ZURÜCK IM PALAST DER EISKÖNIGIN

»Lea – ich meine, Frau Winter –, hören Sie mir eigentlich zu?«

Maya van Swans schrille Stimme dringt wie durch dichten Nebel zu meinen geplagten Gehirnzellen vor. Blinzelnd kehre ich wieder in den Media Tower und zu meinem seltsamen Vorstellungsgespräch zurück.

Keine Ahnung, wie lange ich in Gedanken war.

Nach dem ratlos bis wütenden Gesicht der Herausgeberin eindeutig zu lange.

»Wie Sie wissen, ist SoYou eines der auflagenstärksten Lifestyle- und Beautymagazine Europas.«

Immerhin das weiß ich, ich gehe nie unvorbereitet zu Terminen. Ich nicke vermeintlich begeistert.

»Die Leserin von SoYou ist die typische Karrierefrau, die sich mit eisernem Willen die Erfolgsleiter hinaufgearbeitet hat.«

Ihre Stimme ist lauter geworden.

»Doch neben ihrer 60-Stunden-Woche, den zahlreichen Bussinesslunches, Geschäftsreisen und ihrem täglichen Fitnessworkout fehlt unserer Businessfrau etwas. Etwas ganz Entscheidendes!«

Maya van Swan legt eine dramatische Pause ein und fixiert mich wie eine Schlange das Kaninchen. Mir wird auf einmal ganz heiß.

»Sie können sich sicher denken, was das ist, Frau Winter!«

In meinem Kopf herrscht völlige Leere.

»Diese Frauen haben wie alle Frauen nur ein Ziel, nur einen Wunsch«, versucht sie, mir auf die Sprünge zu helfen, während sie mich, ohne auch nur einmal zu blinzeln, anstarrt.

»Äh … Weltfrieden?«, presse ich nach einer gefühlten Ewigkeit hervor. Sagen die Frauen in Schönheitswettbewerben das nicht immer?

»Papperlapapp! Weltfrieden!«, spuckt sie das Wort verächtlich aus und beginnt in ihrem Büro hektisch auf und ab zu stöckeln. »Das Ziel ist es, sich ein gutsituiertes, paarungsbereites Männchen zu sichern, ehe es eine andere tut! Unsere Leserinnen sind Mitte 30 …« Ihre Stimme ist jetzt wieder schrill. Und sehr laut. »Heirat, Kinder … Tick, tock! Sage ich nur! TICK! TOCK! Das attraktivste Weibchen gewinnt den Hauptpreis!« Sie fixiert mich wieder. »Und hier kommen Sie ins Spiel!« Sie beugt sich nah zu mir herunter – ich kann eine fiese blaue Ader an ihrer Schläfe pulsieren sehen. »Sie recherchieren für die Leserinnen von SoYou die neuesten Beautytrends, was Ihnen bei Ihrem reichlichen Erfahrungsschatz nicht schwerfallen dürfte. Sie kennen sich aus, Frau Winter. Sie kennen die Zusammensetzung aller Anti-Aging-Produkte dank Ihres Studiums, da macht Ihnen niemand etwas vor. Helfen Sie unseren Leserinnen, auf der Jagd nach ihrem Mr. Right perfekt auszusehen. Die Konkurrenz schläft nicht, sag ich immer!«

Das klingt eigentlich machbar, ich atme etwas auf.

»Doch natürlich sind Sie dabei keine Schreibtischtäterin! Sie testen die neuesten Beautyinnovationen unerschrocken am eigenen Leib!«

Sie heftet wieder diesen hypnotischen Schlangenblick auf mich.

»Sie sind immer auf der Suche! Immer auf der Jagd! Wo sind die heißesten Beautytrends? Wo gibt es die tollsten Beautybehandlungen? Wo?«

Hilfe! Wenn die mich weiter so anstarrt, falle ich in Trance.

»Ich will strahlende Augen. Ich will jugendlich glatte Haut, ich will Oberschenkel zart wie ein Babypopo, ich will Makellosigkeit! Unsere Leserinnen wollen Makellosigkeit! Unsere Leserinnen verdienen Makellosigkeit!«, zischt sie.

Oje, gleich brennen ihre Augen ein Loch in meine Netzhaut.

»Machen Sie unsere Leserinnen schöner. Machen Sie sie stärker und fitter für die Jagd nach ihrem Traummann.«

Meine Haut kribbelt unter ihrem starren Röntgenblick, während ihre Stimme immer lauter und schriller wird.

»Helfen Sie den Frauen, ihre Sehnsüchte, ihre Träume und ihr Schicksal zu erfüllen! Machen Sie sie zu schöneren Menschen. Machen Sie sie zu Beauty Queens! Werden Sie unsere Beauty Queen, Frau Winter!«

Okay – es ist offiziell: Diese Frau ist eindeutig durchgeknallt. Su hätte mich ruhig vorwarnen können.

Von ihrer Rede erschöpft, lässt Maya van Swan sich auf ihren ledernen Thron zurückfallen, zündet sich einen Zigarillo an und bläst mir eine Rauchwolke ins Gesicht.

»Meine liebe Lea. Ich darf doch Lea sagen?«, schaltet sie jetzt wieder in ihren Säuselmodus um.

Ich nicke vorsichtig verhalten und hüstle dezent. Die Eiskönigin biedert sich an, aber wenn mir das zu einem Job verhilft …

»Was ich vielleicht noch nicht erwähnt habe, Lea, und was Sie sicherlich sehr freut, ist, dass Sie mit dem Vertrag zustimmen, sich gleich bei Ihrem ersten Auftrag einem Makeover, das heißt einer Art Runderneuerung, zu unterziehen.« Sie lächelt mich begeistert an.

Wie bitte? Runderneuerung?

Laut seriösen Frauenzeitschriften ist 30 doch das neue 20? Das heißt, ich bin – zumindest in Zeitschriften-Jahren – erst 23!

Das reicht jetzt.

»Ich lasse mich nicht botoxen!« Entschieden schnappe ich meine Handtasche und wuchte mich mühsam aus dem tiefen Sessel, meine Bauchmuskeln waren auch schon mal funktionsfähiger.

»Aber Lea – niemand will Sie botoxen! Sie haben da etwas ganz falsch verstanden!« Maya ist von ihrem Thron aufgesprungen und lässt ihre roten Krallen in meiner Jacke versinken.

»Ich spreche von aufregenden Reisen in die Metropolen Europas. Ich spreche von gratis Beautytreatments in London, Paris und Wien. Sie testen die neuesten Schönheitstrends und schreiben jeden Monat einen kleinen, exklusiven Artikel über Ihre Erlebnisse – klingt das nicht toll? Bereits morgen fliegen Sie zu Ihrem Makeover nach London zu Sacha – DEM Beautyguru.«

Zu einem Guru? Skeptisch runzle ich die Stirn, während vor meinem geistigen Auge das Bild eines kleinen hageren Inders in einer überdimensionalen Windelhose entsteht.

»Und natürlich haben Sie auch ein eigenes Spesenkonto für Sonderausgaben, Ermäßigungen in angesagten Restaurants und Spas und einen eigenen Fitnesscoach.«

Shit: Sie weiß, dass sie mich hat.

Ich lasse mich wieder in den unbequemen Stahlrohrsessel fallen, atme tief ein und setze meine wackelige Unterschrift unter den Vertrag.

Maya nimmt den letzten Schluck von ihrem Espresso und lächelt.

GIN TONIC IM STURM

»Wir durchfliegen gerade eine Gewitterzone. Bitte kehren Sie auf Ihre Sitzplätze zurück und bleiben Sie so lange sitzen, bis die Anschnallzeichen erloschen sind!«

Ich bin in meinem persönlichen Albtraum. Nach einer durchweinten Nacht, ohne eine einzige Nachricht von Sebastian, erlebe ich nun auch noch den schlimmsten Flug meines Lebens.

»Der Herr da im roten Pullover! Bitte nehmen Sie sofort wieder Ihren Sitzplatz ein!«

Armin als seelische Unterstützung nach London mitzunehmen und dafür mein Business-Class-Ticket gegen zwei Economy-Tickets zu tauschen, war im Nachhinein betrachtet sicher nicht eine meiner besten Ideen. Mein bester Freund leidet nämlich noch heftiger unter Flugangst als ich.

»Armin, tu, was die Stewardess sagt, und setz dich verdammt noch mal endlich wieder hin!« Wütend springe ich auf und zerre ihn auf seinen Sitzplatz beim Fenster zurück.

»Nur wenn ich auf und ab gehe, beruhigt sich mein Puls!« Nervös fummelt er an seinem Sicherheitsgurt herum.

Eine weitere Sturmbö schüttelt das kleine Flugzeug durch, und Armin krallt sich mit voller Kraft in meinen Oberarm. »Mausezahn, ich bin zu jung zum Ste-erben!«

Armin und ich haben uns vor über zehn Jahren in der Mensa der Uni kennengelernt. Er fiel in der Masse der Studenten sofort auf, weil er der Einzige war, der an diesem 30 Grad warmen Spätsommertag einen pinken Schweinchenanzug aus Plüsch mit rosa Schlappohren trug und Flyer mit der Aufschrift »Wir protestieren! Das kann keine Sau essen!« an die anderen Studenten verteilte, was mich damals mächtig beeindruckte. Endlich hatte mal jemand den Mut, gegen das schlechte Essen und die Abzocke etwas zu unternehmen, und keine Scheu, sich dabei lächerlich zu machen.

Seit diesem Tag begleitet mich Armin meist unerschrocken durch die Höhen und Tiefen meines Lebens und steht mir zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einer starken Schulter zum Anlehnen und fundamentalen Lebensweisheiten wie »Dein Körper ist ein Tempel, Mausezahn – nur Auserwählte sollten ihm huldigen dürfen« – zur Seite.

Nur leider zeichnet sich mein bester Freund in echten Krisensituationen wie steckenbleibenden Aufzügen (einmal) und unruhigen Flügen (zweimal) nur durch völlig hysterisches Verhalten aus:

»Ich werde aus dieser Welt gehen, ohne den perfekten Mann gefunden zu haben«, keucht Armin und starrt mit weit aufgerissenen Augen aus dem Fenster. Gerade zuckt wieder ein Blitz vorbei. »Das hier überleben wir garantiert nicht, Mausezahn!« Mein Arm fühlt sich mittlerweile an, als würde er in einem Schraubstock stecken.

»Du wirst heute nicht sterben«, versuche ich ihn und ein wenig auch mich selbst zu beruhigen. »Und den perfekten Mann hast du doch schon längst gefunden, oder?« Armin lebt in einer dramatischen, für sein näheres Umfeld ziemlich anstrengenden On-off-Beziehung.

»Zwischen mir und Stefan herrscht seit zwei Tagen Funkstille. Ich vermute, dass da was mit seinem knackigen schwedischen Personal Trainer läuft«, presst Armin leicht schnaufend hervor, während das Flugzeug gefühlte 100 Meter absackt. »Wahrscheinlich wird er nicht mal zu meinem Begräbnis kommen!«

»Jetzt beruhig dich, bitte! Das Flugzeug ist das sicherste Reisemittel«, zitiere ich eine Statistik, die ich mal gelesen habe. »Die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes liegt bei eins zu einer Million. Oder war es eins zu zwei Millionen? Egal! Wir werden das hier überleben, versprochen!« Behutsam löse ich seinen Klammergriff von meinem tauben Unterarm. Doch nur für Sekunden. Mehrere Blitze zucken an den Tragflächen vorbei. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das mit der Absturzstatistik wirklich stimmt.

Ich google das mal besser nach.

Hektisch durchwühle ich meine überdimensionale Tasche, die ich immer auf Reisen mit mir herumschleppe, nach meinem Handy. Unter der neuen Ausgabe der SoYou, meinem Notfalltropfen-Fläschchen – das ich an Armin weiterreiche –, einer kleinen Tube Handdesinfektionsmittel, Taschentüchern, meinem Mini-Laptop, einem Schokoriegel mit Minzgeschmack und meinem Schminktäschchen werde ich schließlich fündig.

Nachdenklich lasse ich meine Hand über den Einschaltknopf schweben. Vielleicht hat sich Sebastian in der Zwischenzeit gemeldet? Wir sind jetzt seit zwei Stunden in der Luft – bestimmt hat er gerade vorhin versucht, mich zu erreichen, um mir zu erklären, dass er einen Riesenfehler gemacht hat.

Ich will also kurz meine Mobilbox checken, da schreit Armin voller Panik laut auf.

»Wenn du das machst, stürzen wir ab!«

Aufgeregt drehen sich alle Passagiere in den umliegenden zehn Sitzreihen zu uns herum, und der Steward eilt herbei.

»Gibt es ein Problem, Miss?!« Ich muss weit nach oben schauen, der Flugbegleiter ist bestimmt 1,90 Meter groß.

»Ja! Alle haben hier gleich ein Problem, Herr Steward«, petzt Armin und zeigt anklagend auf das Mobilgerät in meiner Hand.

»Sie will ihr blödes Handy ausgerechnet jetzt einschalten, weil sie glaubt, dass ihr Exfreund, der vor zwei Tagen nach Südfrankreich abgehauen ist, telepathisch ihre sehnsüchtigen Schwingungen empfängt und just im Moment unseres sicheren Todes anruft!« Armin funkelt mich an. »Jeder Grundschüler weiß, dass man im Flieger nicht telefonieren darf!«

Der Steward lässt sich mit einem breiten Lächeln auf den freien Platz neben mir fallen. »Ach so! Na ja, wer kennt das nicht. Verzweifeltes Warten auf Anrufe, die nie kommen.«

Ich schaue in kieselgraue Augen und wundere mich. Dieser fremde Mann kommt mir seltsam vertraut vor, als hätte ich ihn nur eine sehr lange Zeit nicht gesehen …

»Wir landen in rund 30 Minuten, Miss, und haben schon mit dem Sinkflug begonnen, das bedeutet, die Mobiltelefone müssen ausgeschaltet bleiben. Nach der Landung können Sie gern mit Ihrem Freund telefonieren. Aber wenn es Ihnen hilft, erzählen Sie mir doch einfach von ihm. Wo ist er gerade?«

»Äh, nein, nicht nötig … mir geht es sehr, sehr gut! Vielen Dank auch«, wehre ich das fragwürdige Angebot ab. »Er hier ist die hysterische Zicke.« Ich deute auf Armin.

»Wenn wir erst alle tot sind, wirst du schon sehen, wer recht hatte!«, giftet Armin, dreht sich zum Fenster und nimmt beleidigt einen Schluck aus dem Notfalltropfen-Fläschchen.

»Ich bringe Ihnen jetzt erst mal etwas Stärkeres zur Entspannung, bin gleich wieder da!« Der Steward kämpft sich durch die schlingernde Maschine Richtung Bordküche und ist kurz darauf mit zwei XXL-Bechern zurück, die er mir vorsichtig in die Hand drückt.

»Ein Gin Tonic für Sie … und einen für Ihren Freund! Wohl bekomm’s! Geht aufs Haus!« Er nimmt wieder in dem freien Sitz neben mir Platz und schnallt sich an.

Hm, sehr lecker, wirklich genau die richtige Menge Gin, um einen alles vergessen zu lassen. So schlecht ist der Spezialservice in der Economy-Class gar nicht. Den zweiten Gin Tonic drücke ich Armin mit den Worten »Entspann dich und trink das!« in die Hand.

Ich nehme noch einen großen Schluck und noch einen und atme tief in den Bauch. Der Steward bleibt schweigend neben mir sitzen, und ich weiß nicht, ob es an dem Alkohol liegt, den ich um 9.00 Uhr morgens in atemberaubendem Tempo auf nüchternen Magen in mich reinkippe, oder an der Tatsache, dass ich, nachdem das Flugzeug seltsam zu schlingern beginnt, nun auch befürchte, dass mein letztes Stündchen endgültig geschlagen hat, auf jeden Fall erzähle ich dem Steward jetzt doch noch alles.

Wie ich Sebastian vor zwei Jahren im Urlaub bei einem Bootsausflug auf Korfu kennenlernte und er mich gentlemanlike vor dem sicher schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens rettete. Armin hatte nämlich vergessen, nachdem er seinen Luxuskörper im Hotel akribisch mit meiner Sonnencreme eingecremt hatte, diese wieder in die Badetasche zurückzulegen.

Und das vor einer zweistündigen Bootsfahrt …

Ich war damals echt wütend auf Armin, aber nur kurz.

Hätte ich sonst Sebastian kennengelernt?

Wenn ich die Augen schließe, spüre ich wieder die Sonnenstrahlen auf meinem Körper, den Wind auf meiner Haut und Sebastians starke Hände, die meine Schultern gewissenhaft und doch sehr behutsam eincremen, während das Ausflugsboot über die Wellen hüpft.

Ich seufze und streiche nachdenklich mit dem Daumen über das dunkle Display des ausgeschalteten Handys. Wann meldet er sich endlich? Wo ist er? Und was tut er gerade?

Während des Urlaubs kamen wir uns nur wenig näher, was einerseits an Su und Armin lag, die mich die ganze Zeit kreuz und quer über die Insel schleppten, aber auch an Sebastians Freunden, die ständig mit ihm Party machen wollten, schließlich war es der Junggesellenabschied von Thomas, Sebastians bestem Freund.

Aber wir wohnten im selben Hotel und trafen uns zweimal abends vor dem Essen auf einen Cocktail bei der Strandbar. Seufzend unterbreche ich meine Schilderung und schlucke den mächtigen Kloß im Hals runter, als ich an das helle Leuchten in Sebastians blauen Augen denke, während wir feststellten, dass wir nicht nur in der gleichen Stadt, sondern sogar nur zwei Straßenblocks voneinander entfernt wohnten.

Wie wir uns nach meiner Rückkehr bei seinem Lieblingsthailänder in der Innenstadt trafen und er – noch ehe sein Spicy-Curry und meine Kuai-Tiao-Nudelsuppe kamen – mein Gesicht sanft in seine Hände nahm und mich küsste.

Ich nehme noch einen Schluck vom Gin Tonic.

Meine, wie sich herausstellte, völlig unbegründete Eifersuchtsattacke mit einem Tennisschläger auf seine bildhübsche Arbeitskollegin vor drei Monaten streife ich nur und erzähle dem eifrig lauschenden Steward lieber, wie Sebastian mich kurz nach meinem Ausraster bat, mit ihm zusammenzuziehen.

Auch dass ich dachte, dass unsere gemeinsame Wohnung ein klares Statement und ein erster Schritt in unsere gemeinsame Zukunft sei, und wie ich hoffte, dass mir Sebastian spätestens zu unserem dritten Jahrestag einen Heiratsantrag machen würde.

Ich Idiotin hatte von der schönsten Hochzeit aller Zeiten geträumt: Ich sah mich in einem schulterfreien, cremefarbenen Seidenkleid mit Perlen und zarten Stickereien und einer drei Meter langen Schleppe. Sebastian an meiner Seite und wie wir uns vor den Augen aller Gäste liebevoll küssen. Okay, ich hatte auch sonst alles im Detail geplant: die dreistöckige pinke Torte mit dem Flamingo on top und unseren verschlungenen Zuckerguss-Initialen. Su im dezent roséfarbenen bodenlangen Kleid als meine bildhübsche Brautjungfer und Armin in seinem etwas zu engen Smoking als mein hypernervöser Trauzeuge, ja, verdammt, ich hatte sogar schon einen genauen Menüplan inklusive Weinbegleitung und Cocktails ausgearbeitet. Und die Deko … und …

Ich kann gar nicht mehr aufhören, den armen Steward zuzutexten, und schildere ihm jede verdammte Kleinigkeit der letzten zwei Jahre bis zum heutigen Tag, an dem ich nun hier in diesem sturmgeschüttelten Flieger sitze und mir nur eines wünsche: dass Sebastian endlich Vernunft annimmt und zu mir zurückkommt.

»Tja, das war’s!« Müde sinke ich ganz tief in meinen Sitz – so ein Seelenstriptease ist ganz schön anstrengend, und der Gin-Tonic-Becher in meiner Hand ist leer. Wenigstens die Windböen haben ob meiner Redseligkeit nachgelassen. Erwartungsvoll schaue ich zu dem Mann, der mir so aufmerksam gelauscht hat, auf. Komisch, bei dem diffusen Licht in der Flugzeugkabine wirkt er seltsam alterslos, und obwohl ich mir sicher bin, ihm noch nie zuvor begegnet zu sein, erinnert er mich an jemanden. Er nickt mir mit einem wissenden Lächeln zu. Dabei strahlen seine Augen wie gleißender silbergrauer Stahl. Irgendwie unheimlich. Er beugt sich vor und sieht mir fest in die Augen.

»Es gibt keinen Weg zum Glück, Lea. Glücklich sein ist der Weg!«

Wie bitte? Was hat er gerade gesagt?

»Denk darüber nach, ist übrigens leider nicht von mir, sondern von Buddha!« Er lächelt zufrieden und drückt meine Hand.

Empört entreiße ich sie ihm.

Soll das etwa seine Antwort auf meinen, ich checke die Uhrzeit auf den Bildschirmen, 15-minütigen Mein-Leben-ist-Mist-Monolog sein? Eine hohle Phrase aus dem Buch: Ein weiser Spruch für jede Lebenslage?

Außerdem: Woher zum Geier weiß er, dass ich Lea heiße. Ich bin sicher, dass das außer meiner BH-Größe die einzige Information ist, die ich ihm in der letzten Viertelstunde nicht gegeben habe.

Ich starre ihn an und warte auf einen besseren Ratschlag zu meiner vertrackten Situation. Hat er mir überhaupt zugehört? Was will er mir mit dem dämlichen Spruch überhaupt sagen? Ich grüble weiter und riskiere einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster.