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Wären mein Mann und ich andere Menschen geworden, wären wir nicht immer noch verheiratet? Wie und wer wäre ich sonst geworden? Und er? Hätten unsere Körper und unsere Art zu denken andere Formen angenommen? In kurzen Fragen und Überlegungen setzt sich Élisabteh Jacquet mit dem Zusammenleben von Paaren auseinander. Was macht es mit uns, wenn wir unser tägliches Leben mit einer anderen Person teilen? Wie verändert die Sichtweise des anderen unseren Blick auf die Welt? Und was genau macht eigentlich einen Ehemann aus? Ihre klugen und oft mit leisem Humor formulierten Betrachtungen lassen sich wunderbar als Anstoß zur Reflektion über die eigene Beziehung nutzen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Mehr über unsere Autoren und Bücher:
www.piper.de
Aus dem Französischen von Corinna Popp
© Serge Safran Éditeur, 2016
Die Originalausgabe erschien in Frankreich unter dem Titel »Mon mari et moi«.
Published by arrangement with Agence litteraire Astier-Pécher
© Piper Verlag GmbH, München 2019
Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München
Umschlagabbildung: akg-images/Paul Almasy
Litho: Lorenz & Zeller, Inning am Ammersee
Cover & Impressum
Motto
Eines Tages wurde …
Textnachweise
Im Schatten der Blumen
Ist selbst ein vollkommen Fremder
Kein Fremder mehr
Haiku von Kobayashi Issa
Eines Tages wurde aus einem Mann mein Mann.
Nichts Besonderes, denkt man, kein Grund, ein großes Bohei darum zu machen.
Aber es ist schon komisch.
Ich habe angefangen, so zu reden: mein Mann.
Mein Mann hier, mein Mann da, mein Mann und ich.
Er hat sich nicht verändert, seit er mein Mann geworden ist. Oder vielleicht doch, aus seiner Sicht, und ich weiß nichts davon?
Nein, es ist meine Sache.
Wo immer ich bin, ist plötzlich auch mein abwesender Mann.
Außerdem ist der Raum um uns herum zu einem Mischraum geworden.
Das Bett, das Sofa, die Schränke
die Sessel, Tische, Bücher
Seife, Kamm und Zahnpasta
Das ganze alltägliche und dekorative Zeug, angefangen bei den großen Dingen bis hin zu den ganz kleinen, alles war plötzlich nicht mehr meins oder seins, sondern unseres.
(Unsere Körper und Fingerabdrücke an allem dran und drum herum.)
Über die Jahre ist der Raum nicht immer gleichgeblieben, die Dinge wurden bisweilen ausgetauscht, behielten aber, mit Ausnahme einiger sehr spezieller Gegenstände, ihren Kollektivcharakter, diese wundersame Mischordnung.
Wenn wir alles auseinanderklamüsern müssten, bliebe uns nichts anderes übrig, als uns etwas auszudenken, wir müssten uns einen Haufen Einzelheiten in Erinnerung rufen oder nach versteckten Hinweisen suchen. Wozu wäre das gut? Wäre es dann nicht einfacher, alles wegzugeben?
Wenn wir den Raum auf null zurücksetzen müssten, wüssten wir nicht mehr, wohin mit uns und wie wir uns fertig machen sollten, um fortzugehen.
Durch die Verteilung der Dinge im Raum und ihre Verwendung sind gewisse Tropismen entstanden:
Unsere Schlüssel werden in den großen Aschenbecher auf dem Bücherschrank neben der Wohnungstür gelegt.
Einer macht den Fernseher an, der andere setzt sich dazu und schaut mit.
Einer putzt sich plötzlich die Zähne, der andere kommt und tut es ihm gleich.
(Dieses Buch auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer lesen wir beide, im Wechsel.)
Einer steht auf, um zu frühstücken, und der andere kommt, außer in seltenen Fällen, kurz darauf hinterher.
Unterhalten wir uns in der Küche und das Küchenradio mutiert zur bloßen Geräuschquelle, schaltet es einer ab, ohne dass der andere etwas dagegen einzuwenden hätte.
(Kein Toast, den du dir schmierst oder ich mir, wird dem Angriff des anderen mehr trotzen können. Während wir auf den Toaster warten: Willst du die Hälfte?)
Klingelt das Telefon, Handy oder Festnetz, und einer von uns geht ran, fragt der andere: Wer ist dran?
Egal, welchen verlegten Gegenstand wir suchen, wenn es darum geht, wer ihn zuletzt benutzt hat, schaffen wir es immer, den Verlauf der Tatsachen zu rekonstruieren.
Unsere vom Zusammenleben beeinflussten Geschmäcker werden ständig zu neuen Moden hingezogen: Erst Weißbrot, dann Vollkornbrot, ich finde es doch gut, dass du das Bild aufgehängt hast, erst Fleischkost, dann allmählicher Vegetarismus, du hast recht, wir sollten Gedichte auswendig lernen, Wandern macht wirklich Spaß.
Mit einer Mischung aus Toleranz und Indifferenz nimmt jeder von uns eine Sammlung von alten Büchern in Kauf, die, außer beim Abstauben, nie jemand aufschlägt, oder von wuchernden Orchideen, die einfach nicht eingehen wollen.
(Sollte eine von ihnen eines schönen Tages wieder Blüten treiben, werden wir staunend vor diesem Wunder der Natur stehen, besser gesagt diesem Wunder des Lebens: Erst war nichts, und jetzt das!)
