Wirtschaftsliberalismus - Thorsten Krings - E-Book

Wirtschaftsliberalismus E-Book

Thorsten Krings

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Beschreibung

Der Liberalismus als einflussreichste Denkrichtung der politischen Philosophie hat auch die Ökonomie geprägt. Der wirtschaftliche Liberalismus ist bis heute wirkungsmächtig und hat freiheitliche Wirtschaftsordnungen wie die Soziale Marktwirtschaft konstituiert. In aktuellen Debatten wird der Begriff jedoch häufig undifferenziert und sogar diffamierend gebraucht. In diesem prägnanten Band werden die Grundzüge wirtschaftsliberalen Denkens von John Locke über Adam Smith und die Klassiker der Nationalökonomie bis hin zur Freiburger und Chicagoer Schule herausgearbeitet. Besonders wird dabei auf den häufig falsch dargestellten Neoliberalismus und die Kernelemente modernen wirtschaftsliberalen Denkens eingegangen.

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Seitenzahl: 318

Veröffentlichungsjahr: 2025

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[2]BWL und VWL für die Praxis

herausgegeben von Thorsten Krings

Thorsten Krings

[3]Wirtschaftsliberalismus

Wurzeln und Perspektiven

Verlag W. Kohlhammer

[4]Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung:

W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart

[email protected]

Print:

ISBN 978-3-17-037812-4

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-037813-1

epub: ISBN 978-3-17-037814-8

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

[5]Inhaltsverzeichnis

1

Einleitung

2

Kapitalismus und Marktwirtschaft

2.1

Kapitalismus: ein Phantom

2.2

Kapitalismus und politische Emanzipation

2.3

Kapitalismus und Moral

2.4

Marktwirtschaft

2.5

Jenseits von Gut und Böse

3

Gesellschaftstheoretische Grundlagen: Hobbes und Locke

3.1

Thomas Hobbes (1588-1679)

3.2

John Locke (1632-1704)

3.3

Zusammenfassung

4

Klassik

4.1

Adam Smith (1723-1790)

4.1.1

Grundzüge von Smiths Denken

4.1.2

Staatliche Kernaufgaben

4.1.3

Natural Liberty

4.1.4

Arbeitsteilung und freie Märkte

4.1.5

Der Kapitalist

4.1.6

Eigeninteresse als Handlungsmotivation

4.1.7

Zusammenfassung

4.2

Exkurs: Die Hölle der Industriellen Revolution und die Gründerzeit

4.3

Die Zeit des Pessimismus

4.3.1

Thomas Robert Malthus (1766-1834)

4.3.2

David Ricardo (1772-1823)

4.3.3

John Stuart Mill (1806-1873)

4.4

Zusammenfassung

5

Neoklassik

5.1

Léon Walras (1834-1910)

5.2

William Stanley Jevons (1835-1882)

5.3

Carl Menger (1840-1921)

5.4

Alfred Marshall (1842-1924)

5.5

Zusammenfassung

6

Exkurs: John Maynard Keynes (1883-1946)

7

Österreichische und Chicagoer Schule

7.1

Ludwig von Mises (1881-1973)

7.2

Friedrich August von Hayek (1899-1992)

7.3

Milton Friedman (1912-2006)

7.4

Zusammenfassung

8

Walter Eucken (1891-1950) und die Freiburger Schule

9

Zusammenfassung und Ausblick

Literatur

Nachweis der Bildquellen

[7]1Einleitung

»Alles, was universalgeschichtliche Anschauung und was Denken in Wirtschaftsordnungen behindert, erschwert die Erkenntnis des Werdens und des Seins moderner Wirtschaft.« (Eucken 1944, S. 76)

Die Idee zu diesem Buch ist sehr alt, denn es war mein ursprüngliches Dissertationsprojekt, was ich 1993 jedoch verworfen habe, weil sich das Thema schwer eingrenzen lässt. Aus heutiger Sicht muss ich feststellen, dass die Herausforderung nicht darin besteht, eine akademische Abhandlung über die Ideengeschichte des Wirtschaftsliberalismus zu schreiben, sondern vielmehr in der Auswahl, was davon heute noch relevant sein kann. Einige Jahrzehnte später begann ich mich jedoch erneut mit dem Thema zu beschäftigen, weil ich beobachtete, dass viel über Wirtschaft, Staat und Kapitalismus gesprochen wird. Ich war erstaunt, und teilweise entsetzt darüber, welchen scheinbaren wirtschaftspolitischen »Wahrheiten« als gegeben akzeptiert werden und wie wenig theoretischer Hintergrund in den Diskurs einfließt. Daraus entstand dann die Idee zu diesem Buch.

Obschon wir in den meisten europäischen Ländern – und so auch in Deutschland – ein nie gekanntes Niveau von Wohlstand und materieller Sicherheit erreicht haben, mehren sich die Stimmen, die den Kapitalismus grundsätzlich in Frage stellen. Besonders die öffentlich-rechtlichen Medien und vermeintlich linksliberale Publikationen werden nicht müde, eine Renaissance des Marxismus zu beschwören und den Systemwechsel zu propagieren. Dafür gibt es sicherlich verschiedene Gründe:

die politische Ausrichtung einiger Redakteure, besonders bei öffentlich-rechtlichen Sendern

und mangelnde Kenntnisse in Wirtschafts- und Dogmengeschichte,

dass viele politisch linksstehende »Experten« sichere Plätze im intellektuellen Establishment haben,

dass jüngere und in materieller Sicherheit aufgewachsene Generationen weder politische Unfreiheit noch materielle Not erfahren haben,

gebetsmühlenartiges Nachplappern »kapitalismuskritischer« Phrasen.

Ein trauriger Höhepunkt war der taz-Artikel »All Cops are berufsunfähig«, in dem eine »Journalistin«, die sehr viel Pech beim Denken hat, irgendwie einen Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus und der Abschaffung der Polizei sieht. Also [8]muss der Kapitalismus abgeschafft werden, damit seine Schergen entsorgt werden können. Der Kapitalismus wird immer häufiger als die Wurzel allen Übels ausgemacht. Beseitigt man ihn, sind alle wieder glücklich.

Aber was ist denn der Kapitalismus überhaupt? Das wird Gegenstand des ersten Kapitels sein. Vor allem steht hier die Frage im Mittelpunkt, ob Kapitalismus zwangsläufig mit Marktwirtschaft gleichzusetzen ist.

Kapitalismuskritik wird heute verpackt, um zu verschleiern, was ein alternatives Wirtschaftssystem denn wirklich bedeuten würde: Es gibt nun einen guten und einen bösen Kapitalismus. Der neue Schuldige ist der Neoliberalismus. Es ist also nicht der Kapitalismus an sich, der überwunden werden muss, sondern nur eine bestimmte Ausprägung. Das ist natürlich in mehrerlei Hinsicht eine Mogelpackung. Da der Begriff liberal in unserer Gesellschaft positiv besetzt ist, ist es schwer, argumentativ gegen eine liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vorzugehen. Also modifiziert man den Begriff mit dem Präfix »neo«, um zwischen gutem und bösem Liberalismus zu unterscheiden. Hier zeigt sich aber auch die Unkenntnis vieler, die sich am Diskurs beteiligen. Der Kampfbegriff »neoliberal« wird in diesem Kontext auch meist falsch verwendet1, weil man sich dabei auf rein marktliberale Ansätze wie die Chicagoer oder die Österreichische Schule bezieht. (Piekenbrock, 2008, S. 71ff.) Als Feindbild dient da besonders Margaret Thatcher, deren wirtschaftspolitischer Kurs stark von Friedrich August von Hayek beeinflusst war und deren Name für viele als Synonym für soziale Kälte und Exzesse des Raubtierkapitalismus steht. Tatsächlich beschreibt der Begriff Neoliberalismus historisch betrachtet jedoch eine Denkschule, die sich als Ziel gesetzt hatte, eine liberale Antwort auf die Extreme Kommunismus und Kapitalismus zu finden und daher einer der Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft war. (Hartwich 2009, S. 13; Piekenbrock, 2008, S. 41ff.) Wenn »liberal« also positiv ist und Liberale als »neoliberal« diffamiert werden, so hat die politisch Linke damit für sich selbst in Anspruch genommen, der eigentliche Gralshüter des Liberalismus oder der sozialen Marktwirtschaft zu sein. Im Wesentlichen kann man also davon ausgehen, dass jemand, der den Begriff »neoliberal« verwendet, keine Ahnung von wirtschaftlichen Zusammenhängen und Ideengeschichte hat.

Begriffe wie Raubtierkapitalismus oder Heuschrecken werden gern verwendet, um Marktwirtschaft und Kapitalismus zu diskreditieren. Genau an dieser Stelle muss jedoch nicht die Systemfrage gestellt werden, sondern vielmehr die, inwiefern Kapitalismus und Marktwirtschaft sich unterscheiden. Ist eine bestimmte Form des Kapitalismus vielleicht sogar die Antithese zu Marktwirtschaft? In anderen Worten: Die Systemfrage wird zu oft gestellt, weil viele sich mit dem System gar nicht auseinandergesetzt haben.

Deshalb soll in diesem Buch zunächst geklärt werden, was Kapitalismus und Marktwirtschaft (nicht) sind und welche liberalen Denkansätze es gab, welche [9]Relevanz diese heute haben und welche sich auch als Irrweg entpuppt haben. Dieses Werk soll vor allem zu einer Versachlichung der Debatte um Kapitalismus und Wirtschaftsliberalismus beitragen. Dies scheint mir ein sehr wichtiger Beitrag zur politischen Debatte zu sein, denn gerade in Folge der Corona-Krise stellen auch Politiker der Mitte immer wieder die Frage nach der Sinnhaftigkeit des bisherigen Wirtschaftens und fordern mehr Staat und mehr Kontrolle.

1

Exemplarisch kann hier der Artikel Kommt jetzt der Neoliberalismus zurück? von Mark Schieritz in der Zeit stehen. Online: https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-05/neoliberalismus-wirtschaftspolitik-angebotspolitik-5vor8?, abgerufen am 24.06.2024.

[10]2Kapitalismus und Marktwirtschaft

2.1Kapitalismus: ein Phantom

Eine pauschale Kapitalismuskritik greift zwangsläufig immer zu kurz, weil sie einen Begriff verwendet, der gar nicht trennscharf definiert werden kann. (Eucken 1944, S. 54) In anderen Worten: Man kritisiert eine Chimäre, deren wahre Gestalt man gar nicht kennt und in dieser vereinfachten Form auch gar nicht kennen kann. Den Kapitalismus in der ein oder anderen Form gab es nämlich schon lange bevor es den Begriff gab. Der Kapitalismus hat sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt und es gibt ihn in vielen Erscheinungsformen seit dem Hochmittelalter. (Eucken 1944, S. 54f.) Der Begriff an sich wurde erst durch seine Kritiker im 19. Jahrhundert ex post in den Diskurs eingeführt. Es gibt und gab Kapitalismus und Marktwirtschaft jedoch in vielen Schattierungen und Ausprägungen. Daher wird in der »Kapitalismuskritik«, die momentan wieder en vogue ist, oft mit Schlagworten statt mit differenzierten Begrifflichkeiten argumentiert. Die Fundamentalkritik am »Kapitalismus« ist ein gesamteuropäisches Phänomen, sicherlich angefeuert durch Jugendbewegungen wie Fridays for Future. In Großbritannien war die Labour Partei unter Jeremy Corbyn von einer liberalen Sozialdemokratie deutlich nach links gerückt. Corbyn selbst bezeichnet sich zwar »nur« als Sozialist, steht dem Marxismus, von dem er nach eigener Aussage jedoch wenig weiß, aber aufgeschlossen gegenüber. (Plickert 2019) In Frankreich hat die linkspopulistische Partei La France Insoumise ihren festen Platz in der politischen Landschaft gefunden. In Deutschland gelang es dem Bündnis Sarah Wagenknecht, sich in kürzester Zeit zu etablieren, mit einem Programm, das Angst vor allem schürtBeide Länder haben jedoch auch eine lange Tradition von kapitalismuskritischen Parteien, die wesentlich fundamentaler in ihrer Systemkritik sind als dies in Deutschland bis 1990 denkbar gewesen wäre, was seine Ursache sicher im deutschen Konzept der sozialen Marktwirtschaft hat. Ein offener Dualismus zwischen Marktwirtschaft und gesamtgesellschaftlichen Interesse gehörte nicht zum politischen Diskurs in Deutschland nach 1945. Es schien immer um Wohlstand für alle zu gehen und um Sozialpartnerschaft. Wie kommt diese fundamentale Systemkritik nun nach Deutschland und wie ist sie einzuordnen? Immerhin haben bei einer Umfrage aus dem Jahr 2017 gerade mal 16 Prozent der Befragten den Kapitalismus als etwas Positives gesehen und 52 Prozent lehnen ihn gar ab. (Inhoofen 2017)

Begeben wir uns auf eine historische Spurensuche: Die heute in Die Linke umbenannte SED hat sich ab 1990 in ihren Wahlkämpfen sehr konsequent gegen [11]die alte Bundesrepublik und deren Wirtschaftssystem positioniert. Nachdem Helmut Kohls »blühende Landschaften« in den ostdeutschen Bundesländern sich als Luftschlösser entpuppten, gab es plötzlich Enttäuschte, Verlierer und Gewinner, die sich an den Verlierern bereicherten – oder zumindest wurde diese Wahrnehmung kolportiert. Dies war die Geburtsstunde dieses Ressentiments in der Politik auf nationaler Ebene. Genau diese Chance nutzt die in ihrer ersten Häutung in PDS umbenannte SED, um sich als »Anwalt des Ostens« gegen den Kapitalismus des Westens zu positionieren. Dies bedingt natürlich, dass eben diese Ressentiments geschärft werden. So gab es Slogans wie »Der Osten wählt rot«, »Damit es nicht noch kälter wird«, »Das ist auch unser Land« oder »Dieses Plakat ist nicht im Westen gedruckt«. Aber auch klare Angriffe auf das politische Establishment blieben nicht aus: »Mehr Arbeit, weniger Phrasen« (eine Phrase par excellence). Es ist klar, dass diese Aussagen sich auf die hohe Arbeitslosigkeit in der ehemaligen DDR nach der Wiedervereinigung bezogen, an der ironischerweise ja die SED bzw. der real existierende Sozialismus und eben nicht der Kapitalismus schuld war.

Nachdem die im Westen neu gegründete WASG in der PDS aufgegangen war und die Partei sich nun Die Linke nannte, wurde die Rhetorik nun in eine andere Richtung geschärft, nämlich gegen die vermeintlichen reichen Sozialschamrotzer. Nun wurden Slogans aufgerufen wie »Millionäre2 zur Kasse«, »Teilen macht Spaß: Millionär-Steuer«, »Millionäre besteuern, mehr Geld für Kitas und Schulen«, »Solidarität!«, »Millionen sind stärker als Millionäre«, Sarah Wagenknecht unterstellt gar jedem Reichen, dass er kriminell und asozial ist, wenn sie sagt: »Die wirklich teuren Flüchtlinge, das sind nicht die, die vor Krieg und Terror fliehen. Die wirklich teuren, das sind die, die Steuerflüchtlinge, das sind die Konzerne und reichsten Familien, die mit tausend Tricks die öffentliche Hand in Deutschland jedes Jahr um bis zu 100 Milliarden Euro prellen.« (Wagenknecht, 2015) Wo die Zahl herkommt, wird nicht wirklich geklärt, aber es wird das klare Feindbild des Reichen herausgearbeitet. Freilich mag man fragen, wie Großverdiener der Linkspartei wie Lafontaine oder Gysi dazu passen. Gysis Erwiderung, dass ein Linker nicht arm, sondern nur gegen Armut sein müsse (o.V. 2015), wirkt angesichts der Rhetorik der Partei nicht gegen Armut, sondern gegen Reichtum, dann doch wenig überzeugend. Schließlich wurde gar die Figur des »Flaschensammlers« geprägt und immer wieder bemüht, um die urdeutsche Angst vor Verelendung zu schüren. Tatsache ist jedoch, dass die Zahl der über 65-Jährigen, die von staatlichen Transferleistungen abhängig sind, gering ist und meist nur Menschen mit fragmentierter Erwerbsbiographie betrifft. Jeder einzelne Fall mag tragisch sein, aber es ist kein Massenphänomen (Eckert 2019). Doch wenn man eben nur lange genug von einem Problem redet, existiert es irgendwann auch. So war es dann nicht verwunderlich, dass die SPD aus einem Angstreflex heraus im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 [12]eine Gerechtigkeitsdebatte mit einfachen Antworten führen wollte, statt sich differenziert mit sozialen und wirtschaftlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Kernpunkt war, dass in der Bundesrepublik alles furchtbar ungerecht ist und ein irgendwie gearteter Systemwechsel Wirklichkeit werden muss. Zum einen muss man natürlich die Frage nach der Glaubwürdigkeit stellen, denn die SPD unter Gerhard Schröder hat die deutsche Sozialpolitik mit der Agenda 2010 schließlich maßgeblich beeinflusst. Andererseits waren 2017 jedoch 87 Prozent aller Deutschen mit ihrer wirtschaftlichen Lage sehr zufrieden und Armut war eher rückläufig. (o.V. 2017) Und das obwohl der Neoliberalismus bzw. der Kapitalismus doch angeblich solch negative Folgen gehabt hat?

Daher soll im Folgenden auf die Entwicklung des Kapitalismus und seine politische und (kultur-)historische Bedeutung eingegangen werden. Für dieses Kapitel soll folgende technische Definition des Begriffs Kapitalismus gelten: Aufgeschobener Konsum von Kapital mit dem Zweck durch Investition und steigende Produktivität eine Rendite zu erzielen. Dies wiederum erfordert eine Marktwirtschaft, in der die Produktion und Allokation von Gütern und Dienstleistungen durch den Markt bzw. die Marktteilnehmer gesteuert werden.

Kapitalismus beruht also auf Wachstum. Wenn Kapitalismus nun bedeutet, dass man Kapital investiert, um zu dem Kapital noch eine Rendite zu haben, dann müssen mehrere Rahmenbedingungen gewährleistet sein. Waren und Dienstleistungen müssen zu Preisen verkauft werden, die eine Investition attraktiv machen. Da eine Investition mittel- bis langfristig getätigt wird, müssen diese Preise steigen und/ oder die Kosten sinken. Insofern sind Innovationen mit allen Konsequenzen für das Funktionieren der Marktwirtschaft notwendig. Preise müssen steigen, um kontinuierliche Gewinne zu ermöglichen. Folglich ist eine gesunde Inflation immer Teil des Kapitalismus. Aber die Waren und/ oder Dienstleistungen müssen auch gekauft werden, d.h. Märkte sind nur dann attraktiv, wenn dort Kaufkraft vorhanden ist. In einer Marktwirtschaft besteht folglich immer ein Eigeninteresse an einer gleichmäßigen Verteilung von Kaufkraft. Gleichzeitig bringen Kostensteigerungen Dynamik in Märkte, weil sie wiederum Innovationen zur Kostensenkung erfordern. Insofern zeigt sich, dass ein funktionierender Markt immer etwas Selbstzerstörerisches hat, das aber zu Neuem führt.

Die eingangs formulierte Frage lautet, was Kapitalismus überhaupt ist. Hier beginnt nämlich schon das Problem. Im Gegensatz zum Kommunismus oder zum Feudalismus ist der Kapitalismus kein geschlossenes System, sondern kommt in vielen Spielarten vor. Er wurde nicht als Wirtschaftsmodell entworfen, sondern er hat sich entwickelt. Kapitalismus gab es also schon lange, bevor es den Begriff überhaupt gab. Schon im Mittelalter arbeiteten Menschen mit ihrem Kapital, vermehrten es und ließen andere für sich arbeiten. Hier kann man sicher nur von einer Vorform des Kapitalismus reden, denn ein sicheres Rechtssystem als Grundvoraussetzung für Geldverkehr und einheitliche Zahlungsmittel gab es nur in bestimmten Gebieten Europas.

Gerade durch die von Rousseau beschworene »Entfremdung der Arbeit« wurde diese vorkapitalistische Zeit häufig verklärt. Der Kapitalismus mit seiner Arbeits[13]teilung habe dem Arbeiter die Sinnstiftung geraubt. Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Karl Polanyi wirft die Frage auf, ob es Arbeitsteilung nicht schon immer gegeben habe. (Polanyi 2001, S. 46ff.) Die »Entfremdung der Arbeit« selbst bleibt eine theoretische Argumentationsfigur, aber empirisch ein letztlich nicht belegter Mythos. Dahingegen weist Adam Smith darauf hin, dass gerade die Arbeitsteilung der entscheidende Faktor für einen Kapitalismus war, der auf Produktivitätssteigerungen beruht. Die vermeintliche vorkapitalistische Idylle dürfte von vielen Zeitgenossen eher als eine Hölle erlebt worden sein, da sie fast täglich mit existenzbedrohenden Situationen konfrontiert waren. Die höhere Produktivität einer arbeitseiligen Wirtschaft hat letztlich mehr materielle Sicherheit für die vielen geschaffen. Materielle Sicherheit wiederum ist eine Grundvoraussetzung für die Selbstverwirklichung des Individuums.

Man kann und muss an dieser Stelle jedoch vor allem auch die Frage stellen, ob Arbeit unter archaischen und damit potenziell immer existenzbedrohenden Produktionsbedingungen etwas Befriedigendes oder gar Idyllisches haben kann. Auch muss man berücksichtigen, dass Menschen in der vorkapitalistischen Zeit stets mit lebensbedrohenden Schwierigkeiten rechnen mussten, da sie komplett von externen und nicht beeinflussbaren Faktoren wie z.B. dem Wetter abhängig waren und keine andere Möglichkeit der wirtschaftlichen Betätigung hatten, um diese Risiken auszugleichen. Ackerbau und Viehzucht bedeutete in den meisten Fällen Subsistenzwirtschaft. Eine schlechte Ernte konnte den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Im sogenannten Verlagswesen stellten Landbewohner in Heimarbeit Dinge (meist Textilien) für Unternehmer aus den Städten her. Man könnte dies nun als eine Form der Ausbeutung sehen. Diese Zuverdienstmöglichkeiten durch Heimarbeit bedeuteten aber ein Mehr an Sicherheit. Die Einführung von Geldverkehr anstelle von Tauschhandel bedeutete aber auch einen zusätzlichen Mehrwert, da Geld nicht zwangsläufig sofort verzehrt wird, sondern in Form von Erspartem dann eingesetzt werden kann, wenn man es braucht. Also zeigt sich auch hier, dass der Kapitalismus in seiner Frühform allen Beteiligten einen Nutzen gebracht hat. Mit dem Voranschreiten von Kapitalismus und Marktwirtschaft verschwanden existenzbedrohende Situationen zunehmend. Die letzte Hungersnot in Europa datiert vom Ende der 1860er-Jahre. Hunger als existenzbedrohendes Element des Lebens wurde also durch den Kapitalismus überwunden. (Herrmann 2017, S. 153f.)

Insofern muss man die »Verklärung vorkapitalistischer Zeiten« (Kocka 2017, S. 9) wie sie seit Rousseau und Marx zu den Topoi der Linken gehört, sehr kritisch betrachten. Diese Frühform des Kapitalismus war also ein Schritt hin zur offenen Gesellschaft und weg von der in wirtschaftlicher Hinsicht unsicheren und von persönlicher Unfreiheit geprägten Gemeinschaft.

Vorformen des Kapitalismus begannen im 13. Jahrhundert, eben mit dem erwähnten Verlagswesen: »Ein neues ökonomisches System beginnt sich herauszubilden : der Kapitalismus; seine Entwicklung erfordert neben neuen Techniken (…) auch den massiven Gebrauch von Praktiken, die die Kirche seit jeher verdammt hat.« (Le Goff 1988, S. 8) Die »ökonomischen Tauschandlungen« der Gemeinschaft [14]waren identitätsstiftend für eine »auf christlichen und feudalen Beziehungsgeflechten beruhende Gesellschaft.« (Le Goff 1988, S. 17) Wenn man nun berücksichtigt, dass die Feudalgesellschaft das Prinzip der persönlichen Freiheit nicht kannte, dann ist der Kapitalismus in dieser Frühform ein erster Schritt zur politischen Emanzipation des Menschen. Dazu gehört auch, dass der beginnende Kapitalismus zur Verstädterung beitrug, weil Städte Wirtschaftszentren waren und Sicherheit boten. Die Städte wiederum waren in großen Teilen eigenständig und frei von Fremdherrschaft. Vor allem kannten die Städte das Konzept der persönlichen Freiheit. Insofern waren die Städte der Gegenentwurf zur Feudalgesellschaft.

2.2Kapitalismus und politische Emanzipation

Aber Vorformen des Kapitalismus führten nicht nur zu einer beginnenden politischen Emanzipation in den Städten, sondern auch zu einer geistigen und kulturellen. Durch die Reconquista, die Rückeroberung des iberischen Raums von arabischer Herrschaft, wurden neue Handelswege frei, die vor allem von italienischen Händlern aus urbanen Ballungszentren genutzt wurden. Dies führte zu einem enormen Anstieg von Wohlstand in den italienischen Städten, die ja auch Handels- und Wirtschaftszentren waren. Die reichen Kaufleute wurden nun auch wichtige Mäzene von Kunst und Literatur und lösten damit die Kirche als Ausgangspunkt für jede künstlerische und literarische Betätigung ab. Kultur wurde also in der Renaissance verweltlicht. Im Laufe der Zeit griff das auch auf die Wissenschaft über. Der Historiker Jacob Burckhardt formuliert diese Entwicklung wie folgt: »Im Mittelalter lagen die beiden Seiten des Bewusstseins –nach der Welt hin und nach dem Inneren des Menschen selbst – wie unter einem Schleier (…). Der Schleier war gewoben aus Glauben, Kindesbefangenheit und Wahn: durch ihn hindurchgesehen erschienen Welt und Geschichte wundersam gefärbt, der Mensch erkannte sich nur als Rasse, Volk, Partei, Korporation, Familie oder sonst in irgendeiner Form des Allgemeinen. In Italien zuerst verweht dieser Schleier in die Lüfte; es erwacht eine objektive Betrachtung des Staates und der sämtlichen Dinge überhaupt; (…) der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.« (Burkhardt 1972, S. 217) Die durch den Fernhandel ausgelöste wirtschaftliche Entwicklung mündete in der Emanzipation des Menschen, weil dieser nun seine Individualität erkannte und Empirie als einzige Quelle der Erkenntnis sah. Der Mensch lernte damit unabhängig und frei von Verboten zu denken.

Im 17. Jahrhundert setzte sich dieser Prozess in der beginnenden Aufklärung fort. John Locke wendet sich in seinem Werk »An Essay Concerning Human Understanding« gegen »angeborene Ideen« und postuliert, dass die Wahrnehmung durch die eigenen Sinne die einzige Quelle der Erkenntnis sein kann und alle übergeordneten Ideen nur aus diesen abgeleitet werden können. Der Mensch formuliert also sein Wissen über die Welt aus den Beobachtungen, die er tätigt. Damit hatte Locke den absoluten Anspruch auf Deutungshoheit der Kirche in Frage gestellt und den Prozess der Aufklärung eingeleitet. Aber auch Bildung war nun verweltlicht wor[15]den, es ging nicht mehr um die Anhäufung von Wissen über religiöse »Wahrheiten«, sondern Bildung wurde zur Grundbedingung für die persönliche, politische und wirtschaftliche Autonomie des Menschen. Die Erklärung wird also nicht mehr von der Religion in die Welt getragen, sondern die Welt wird aus sich selbst heraus erklärt. Das war ein Frontalangriff auf die Rolle der Kirche, die ja wiederum eng mit den Interessen der Machthabenden verknüpft war. Dass solche Überlegungen überhaupt angestellt wurden, hatte vor allem mit der starken ökonomischen Rolle des Bürgertums zu tun, das nun für sich auch entsprechende Partizipationsrechte einforderte. Man muss auch hier einschränken, dass es sich nicht um eine universelle Bewegung handelt, sondern vielmehr um in der Regel städtische Eliten. Für den größten Teil der Bevölkerung spielten diese Emanzipationsbewegungen in ihrem Alltag noch eine untergeordnete Rolle.

Trotzdem waren die Vorformen des Kapitalismus der erste Schritt zum Wandel von der Gemeinschaft zur Gesellschaft. Der Soziologe Ferdinand Tönnies schrieb im Jahr 1887 das grundlegende, wenn auch über lange Zeit wenig beachtete Buch »Gemeinschaft und Gesellschaft«. Hierbei handelt es sich um ein grundlegendes Werk der modernen Sozialwissenschaft. Er trifft dabei folgende Begriffsdefinitionen: »Das Verhältnis selber, und also die Verbindung, wird entweder als reales und organisches Leben begriffen – dies ist das Wesen der Gemeinschaft, oder als ideelle und mechanische Bildung – dies ist der Begriff der Gesellschaft.« (Tönnies 1991, S. 3) Er weist darauf hin, dass die Begriffe umgangssprachlich häufig synonym verwendet werden (Tönnies 1991, S. 3f.), die Differenzierung jedoch wichtig ist, weil es um fundamental unterschiedliche Modelle menschlichen Zusammenlebens geht. Eine Gemeinschaft ist organisch gewachsen, aber im Gegensatz zur Gesellschaft nicht im Hinblick auf die Rechte der Individuen konstruiert worden. Dies deckt sich mit Le Goffs Charakterisierung der Feudalgesellschaft, die durch den Kapitalismus aufgeweicht wird. In einer Gemeinschaft ordnet der Einzelne sich dem Kollektiv unter. Mill spricht hier vom Despotismus des Brauchs (»despotism of custom«). (Mill 2014, S. 53) Die Zugehörigkeit zum Kollektiv ist also ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Aspekt der eigenen Identität. Folglich muss das Individuum einen Teil der Individualität abgeben, um nicht die Identität der Gemeinschaft zu gefährden. Die Regeln dieser Gemeinschaft wurden nicht planerisch entwickelt, sondern sind das Ergebnis von Stammesriten und Aberglaube und damit stark von irrationalen Kräften geprägt, die sich der Diskussion entziehen, weil sie Glaubenssätze sind. Das Individuum muss sich den Konventionen der Gemeinschaft beugen, weshalb eine hohe Kontrolldimension ein Merkmal der Gemeinschaft ist. Damit gibt es also keine Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Person. Die Gemeinschaft bestimmt somit alle Aspekte des Privatlebens und sanktioniert Verstöße. Karl Popper redet hier von der »Stammes- oder geschlossenen Gesellschaftsordnung, die magischen Kräften unterworfen ist«. (Popper 1992, S. 3) In einer solchen Gemeinschaft oder »geschlossenen Gesellschaft« in Poppers Terminologie ist Religion und/ oder Aberglaube Teil der Ordnung und sie ist von Tabus und Denkverboten geprägt.

[16]Der Gemeinschaft setzt Tönnies nun das Konzept der Gesellschaft entgegen. Diese »konstituiert einen Kreis von Menschen, welche (…) auf friedliche Art nebeneinander leben und wohnen, aber nicht wesentlich gebunden, sondern wesentlich gentrennt sind (…)« (Tönnies 1991, S. 34). Hier ist also nicht die Gemeinschaftszugehörigkeit der höchste Wert, sondern das Individuum, seine Freiheit und seine Rechte stehen höher. Die Kontrolldimension des Staates ist also deutlich geringer und wird nur dann ausgeübt, wenn die Freiheit des Individuums oder dessen Grundrechte bedroht sind. Auch Poppers oft beschworene und selten verstandene offene Gesellschaft hat nichts mit einer Laissez-faire-Gesellschaft zu tun, sondern staatliche bzw. gesellschaftliche Institutionen haben zunächst den Zweck, die Freiheit des Individuums zu stärken oder aber Kräfte zu kontrollieren, die diese Freiheitsrechte beschränken könnten. Freiheit ist in diesem Konzept also Selbstzweck. Die Frage, wieviel Freiheit also der Gemeinschaft, ihren Werten oder sozialen Beziehungen schadet, stellt sich also nicht, solange das konkrete Handeln nicht die Freiheitsrechte anderer bedroht. Dies soll dann auch eine Grundproblematik des Wirtschaftsliberalismus sein, wie man später sehen wird. Antworten bieten tatsächlich nur wenige Ökonomen an.

Wenn also die Beziehungen zwischen Menschen in einer Gesellschaft nicht mehr von Werten, Religion, Familie, Zugehörigkeit oder sozialen Beziehungen geregelt werden, so muss an deren Stelle ein anderer transparenter und rationaler Mechanismus treten. Dies sind Gesetze und Regeln, die sich in einer Demokratie die Bürger mittel- oder auch unmittelbar selbst geben. Folglich ist die rationale Gestaltung der Beziehungen in einer Gesellschaft eine Grundbedingung für Freiheit. Diese rationale Gestaltung auch in Form eines berechenbaren Rechtswesens ist wiederum Grundlage von Kapitalismus und Marktwirtschaft. Der Wandel von Gemeinschaft zu Gesellschaft war also auch Teil des ökonomischen Transformationsprozesses.

Dieser Wandel wäre ohne die Entwicklung des Kapitalismus nicht möglich gewesen. Gerade John Locke, der ja auch der Architekt moderner Rechtsstaatlichkeit ist, sieht das Recht auf Privateigentum als wesentlichen Bestandteil eines bürgerlichen Staatswesens. (Krings 2020, S. 19) Der Kapitalismus ist also eine Grundvoraussetzung für die Gesellschaft, aber er führt nicht zwangsläufig dazu, sondern das tut erst eine Marktwirtschaft. Betrachtet man die Geschichte, so war der Kapitalismus bis in das frühe 20. Jahrhundert (die Anwendung der US-amerikanischen Antitrust-Gesetze unter Franklin Roosevelt ab den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts stellen hier eine Zäsur in Form von Marktregulierung dar) oft in autoritäre Systeme eingebunden, die alte Machtstrukturen fortsetzten und persönliche Unfreiheit oder Rechtsungleichheit mit Kapitalwirtschaft verbunden. Ein Markt konstituiert sich also nicht durch Geld, Kapital und Warenwirtschaft, auch wenn diese Grundbedingung dafür sind. Auch der oft verklärte Unternehmerkapitalismus des 19. Jahrhunderts war häufig eine Geschichte von Monopolen und Oligopolen.

Anders als Marx dies postuliert hat, wurden Revolutionen selten von den verarmten Massen getragen, sondern häufig vom Bürgertum (Davies 1973), deren ökonomischer und kultureller Stellenwert nicht in eine archaische Gemeinschaft [17]passten und dem daher Gestaltungsmöglichkeiten versagt blieben. Nun könnte man versucht sein zu argumentieren, dass es dem Bürger eben immer um seine Brieftasche und nicht um die echte Freiheit geht. Eine Revolution ist jedoch eine Totalumwälzung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, damit also auch eine Infragestellung des eigenen Besitzstands. Insofern sind die oft monetären Anlässe einer Revolution nur Symptome für das dysfunktionale Verhältnis zwischen Bürger und Staat.

In vorrevolutionären Zeiten war das Bürgertum als Steuerzahler und Wirtschaftsfaktor nützlich, hatte aber keinen politischen Stellenwert. Letztlich kulminiert der Emanzipationsprozess des Bürgertums in der französischen Revolution, die zwar als Revolte des Adels begann, dann zum Projekt des Bürgertums in der beginnenden Industriellen Revolution (Hobsbawm 1977, S. 43) wurde. 1789 korrespondierten Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheitsrechte des Bürgertums also nicht mehr mit seinem gesellschaftlichen Stellenwert. So wurden Absolutismus und Feudalherrschaft von einer zunächst bürgerlichen Gesellschaft abgelöst. Dazu gehörte vor allem auch in der Frühphase, dass Zivilrecht an die Stelle von Feudalrecht gesetzt wurde und damit einer der maßgeblichen Schritte in Richtung Gesellschaft getätigt wurde. (Furet, Richet 1987, S. 112) Darauf folgte schließlich das Dokument der bürgerlichen Emanzipation schlechthin, nämlich die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, in dem das Individuum seine Rechte gegenüber dem Staat definiert. Die historische Betrachtung zeigt also, dass ökonomische und politische Freiheit immer Hand in Hand gingen und daher nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Der Code Napoleon schließlich lieferte die Rechtsgrundlage für eine Marktwirtschaft. (Hobsbawm 1977, S. 216)

Aber dieses Einfordern von Partizipations- und Freiheitsrechten galt zu diesem Zeitpunkt nicht den Massen, sondern ausschließlich einer bürgerlichen Elite. (Polanyi 2001, S. 127) Die Emanzipation derer, die durch Armut unfrei waren, kommt in der politischen und ökonomischen Theorie des 18. Jahrhunderts weitestgehend nicht vor. Gerade hier sieht man den fundamentalen Unterschied zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft: Kapital verschafft Macht, die in einem unregulierten Markt schamlos über den Machtlosen ausgeübt werden kann. Ein Markt ist von einer Gesellschaft reguliert, um allen Beteiligten einen fairen und freien Marktzugang zu ermöglichen, der wiederum für die Wahrnehmung ihrer bürgerlichen Freiheitsrechte unerlässlich ist. Das zeigt wiederum, dass sowohl über- als auch unterregulierte Märkte für die Gesellschaft schädlich sind. Doch hat die Geschichte auch gezeigt, dass Märkte nicht mehr ohne Weiteres funktionieren, wenn der Markt(-preis) überreguliert wird.

2.3Kapitalismus und Moral

Geldwirtschaft hat also langfristig für mehr Unabhängigkeit, Sicherheit und Freiheit für viele geführt. Nun mag man einwenden, dass die furchtbaren Lebensbedingungen der Unterschicht im frühen 19. Jahrhundert besonders in England [18]das Raubtierhafte des Kapitalismus zeigt. Friedrich Engels beschreibt in seiner Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England realistisch und sehr eindringlich das aus heutiger Sicht unfassbare Elend des Proletariats. Das übersieht jedoch, dass das Elend auf dem Land ebenso groß war (Hobsbawm 1977, S. 46). Die Bevölkerungsexplosion im 19. Jahrhundert sowie der Zuzug von Arbeitskräften vom Land und aus dem Ausland (vor allem Irland) hatte in den Städten zu einem Überangebot an Arbeitskräften geführt, was wiederum Lohndumping und die Verelendung bereiter Bevölkerungsschichten (Pauperismus) zur Konsequenz hatte. Auch führten technische Neuerungen im 19. Jahrhundert dazu, dass Arbeitsschritte mit deutlich weniger Aufwand verrichtet werden konnten und dem Überangebot an Arbeitskräften somit eine sinkende Nachfrage und niedrigere Margen, die in niedrigeren Löhnen resultieren, gegenüberstand. Auch wenn Malthus dem Problem mit einer Kontrolle des Bevölkerungswachstum begegnen wollte (Starbatty 2016, S. 79ff.), so war es letztlich der Freihandel, der zu sinkenden Getreidepreisen führte und somit das Elend linderte3. Insofern war also nicht der Kapitalismus die Ursache des Elends, sondern er hat – zynisch betrachtet – nur daran partizipiert und es für seine Zwecke genutzt. Umgekehrt mag man sich aber auch die Frage stellen, was passiert wäre, hätte es die Städte nicht als Abwanderungsziel für die stetig wachsende Landbevölkerung gegeben.

Auch heute wird ja vom linken Lager immer wieder die Frage gestellt, ob man denn wirklich jede technische Neuerung verfolgen muss. Das muss man, denn Kapitalismus funktioniert u.a. nur unter der Prämisse des Wachstums durch Steigerung von Produktivität. Jede neue Technologie hat aber vor für die Gesellschaft insgesamt positive Auswirkungen, da sie Waren oder Dienstleistungen besser und/ oder billiger machen kann. Damit werden Güter und Dienstleistungen für viele verfügbar und steigern die Lebensqualität. Die Frage ist nur, wie die Gesellschaft mit dem Wandel und den Konsequenzen für das Gemeinwesen umgeht. Wandel »frequently does not depend upon our volition, it is the rate at which we allow change to take place which well may depend on us.« (Polanyi 2001, S. 39) Polanyi definiert hier den fundamentalen Unterschied zwischen Kapitalismus und Marktwirtschaft: Der Kapitalismus hat ausschließlich die Vermehrung des Kapitals zum Inhalt, die Marktwirtschaft jedoch auch den Markt selbst bzw. die Auswirkungen auf die Marktteilnehmer. Der Kapitalist hat im Zweifelsfall an einem funktionierenden Markt gar kein Interesse (was auch Adam Smith schon feststellte), weil der Markt symmetrische Machtverhältnisse schafft und die reine Vermehrung des eigenen Kapitals dann gar nicht mehr so einfach funktioniert. Gerade im 19. Jahrhundert konnte man dies am Widerstand der Großgrundbesitzer gegen Freihandel mit Getreide beobachten. Aus rein kapitalistischer – im Gegensatz zur marktwirtschaftlichen – Sicht ist die Kontrolle des Angebots und/ oder der Marktpreise durchaus attraktiv. Es gibt also Gründe, um für das Wohlergehen des Marktes als Ganzes steuernd in diesen einzugreifen.

[19]Kritiker der Marktwirtschaft werfen jedoch bei schmerzhaften Einschnitten wie z.B. Stellenabbau immer ein, dass man ja nicht alles tun müsse, was man tun kann. Insbesondere die Politik echauffiert sich gern publikumswirksam in dieser Form. Sehr deutlich wurde dies bei der ersten, durch Digitalisierung bedingten Entlassungswelle bei der Deutschen Bank, die 1995/96 für großes mediales Echo sorgte. Dass eine Bank Stellen abbaut (wenn auch sozialverträglich) war in der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft ein Novum, das viele verunsicherte. Eine vereinfachte Sicht auf den Vorgang könnte zur Schlussfolgerung führen, dass hier also langjährige Mitarbeiter geopfert werden, nur um noch mehr Profit zu erwirtschaften. Dass der damalige Vorstandsvorsitzende Hilmar Kopper sich immer wieder in der Öffentlichkeit als Prototyp des rücksichtlosen Finanzkapitalisten produziert hat, trug natürlich zur sehr negativen Wahrnehmung des Vorgangs bei. Aber wäre es gesamtwirtschaftlich und -gesellschaftlich besser gewesen, auf diesen Stellenabbau zu verzichten? Ging es nur um die kurzfristigen Profite der Aktionäre? Oder stand dahinter eventuell doch eine verantwortungsethische Entscheidung? Die Aktie der Deutschen Bank war damals unterbewertet und das Unternehmen galt seit Jahren als Übernahmekandidat für US-amerikanische Großbanken mit dem Ziel einer Marktbereinigung. Wäre dies passiert, hätte dies wahrscheinlich eine Abwicklung der Deutschen Bank zur Folge gehabt, in jedem Fall jedoch deutlich höhere Arbeitsplatzverluste. Die Restrukturierung des Finanzdienstleisters hatte also das Ziel, durch Kostensenkungen den Kurs der Aktie zu steigern, um so die Unabhängigkeit des Unternehmens zu wahren und seine Zukunftsfähigkeit zu sichern. Hinzu kam, dass die digitale Technik rasante Fortschritte gemacht hatte, die es nun ermöglichten, bis dahin dezentral erbrachte Dienstleistungen zu zentralisieren und Arbeitsschritte in vielen Vorgängen zu eliminieren. Damit hätte die Deutsche Bank bei Nichtdurchführung der Kostenanpassungsmaßnahmen die eigene Wettbewerbssituation deutlich verschlechtert mit mittelfristig großen Nachteilen für das Unternehmen, die Aktionäre und die Belegschaft. Insofern zeigt sich, dass die Frage nach der moralischen Dimension dieser Handlung deutlich schwerer zu beantworten ist, als Teile der Presse und der Politik es uns glauben lassen wollten. Es geht um die Position im Markt und damit um die Frage, welchen Nutzen das Unternehmen Individuen mit unterschiedlichen Interessenlagen und der Gesellschaft langfristig bieten kann. Die von der Politik gestellte Suggestivfrage, ob man den alles tun muss, was man tun kann, ist also so einfach doch nicht zu beantworten. Denn, wenn ein Unternehmen den Regeln des Marktes und der Marktwirtschaft (Steigerung von Profiten durch höhere Preise und/ oder niedrige Kosten) nicht folgt, schadet es sich und dem Markt. Heißt das also nun, dass ein Unternehmen immer grundsätzlich alles tun sollte, was nicht illegal ist? Der liberale Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman hat sich bereits in den 1970er-Jahren in seinem in der New York Times erschienenen Aufsatz mit dem Titel The Social Responsibility of a business is to increase ist profits mit dem Thema beschäftigt.

Seit Anfang der 1970er-Jahre wird an Unternehmen verstärkt der Anspruch gestellt, die Unternehmensführung an gesamtgesellschaftlichen Erfordernissen auszurichten. Das klingt zunächst recht sympathisch, besonders wenn man sich [20]Exzesse des Kapitalismus in dieser Zeit betrachtet (Krings 2024, S. 12f.). Dieser Forderung setzt Milton Friedman eine grundsätzlich andere Sichtweise entgegen. Friedman wird heute gern als eine Art »radikalkapitalistischer« Dinosaurier belächelt. Doch bei näherer Betrachtung sind seine Forderungen zwar einseitig, aber an vielen Stellen valide. Zunächst argumentiert er, dass moralisches Handeln nur von natürlichen Personen eingefordert werden kann. Die meisten Unternehmen sind jedoch rechtliche Personen und können daher kein moralisches Bewusstsein haben. Insofern zeigt er, dass es also nicht das System Kapitalismus ist, das moralisch oder unmoralisch handelt, sondern der Mensch als Marktteilnehmer.

Die Führungskräfte können zwar individuell »moralisch« handeln, haben aber von den Eignern kein Mandat dazu, ihre individuellen Vorstellungen von Moral umzusetzen. Der Manager verwaltet das Geld der Eigenkapitalgeber mit dem alleinigen Ziel, dies zu vermehren. Damit weist Friedman auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Führungskraft und Unternehmer hin. Der Unternehmer zeichnet sich in Abgrenzung zum Manager dadurch aus, dass er Geldgeber ist, selbst das Risiko trägt und haftet. Die Führungskraft hingegen hat einen klaren Handlungsauftrag und die meisten Unternehmen haben das Erwirtschaften von Profiten zum Geschäftszweck. Handelt die Führungskraft nicht in diesem Sinne, veruntreut sie das Geld der Besitzer. Führt das vermeintlich moralische Handeln einer Führungskraft dazu, dass eine Ware oder Dienstleistung verteuert wird, erhebt er damit faktisch eine Steuer. Der Wettbewerb im Markt führt jedoch dazu, dass sich das durchsetzt, was der Kunde für richtig hält. Dieser wiederum kann als Individuum moralisch entscheiden. Im Prinzip schlägt Friedman damit also eine basisdemokratische Entscheidung über moralische Standards vor. Als einziger Standard für die Bewertung des Handelns von Unternehmen dienen Gesetze. (Friedman 1970) Das mag aus heutiger Sicht tatsächlich erstaunlich naiv anmuten, aber man darf dabei nicht außer Acht lassen, dass es zu diesem Zeitpunkt nur den Gegensatz zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten gab. Jede Alternative zum reinen Kapitalismus schien nach herrschender Meinung zwangsläufig in die Unfreiheit des Sozialismus zu führen. Zum damaligen Zeitpunkt war die Demokratie die einzige Regierungsform, die mit Freiheit auch das Versprechen des Wohlstands verband. Heute findet man auch autokratische Systeme, in denen es den Bürgern materiell sehr gut geht. Einige Staaten propagierten damals einen »dritten Weg« und es ging Friedman darum zu vermitteln, dass Eingriffe in freies Marktgeschehen zwangsläufig zu Unfreiheit führen müssen.

Man muss Friedman jedoch vorhalten, dass er eine vollkommen unrealistische Vorstellung vom Kunden als autonomem Marktteilnehmer hat. Er betrachtet asymmetrische Machtverhältnisse, Sachzwänge und Informationsdefizite überhaupt nicht. Den Widerspruch, wie denn zu handeln sei, wenn fairer und freier Marktzugang eben nicht für alle Marktteilnehmer gegeben ist, kann er nicht auflösen, weil freiheitsbeschränkende Maßnahmen für ihn mit Sozialismus und damit mit Unfreiheit gleichzusetzen sind. Dennoch lässt sich also festhalten, dass Friedman recht hat, wenn er postuliert, dass Unternehmen eine rein wirtschaftliche Daseins[21]berechtigung haben, Führungskräfte das Geld der Eigenkapitalgeber zu mehren haben und dass erfolgreiche Unternehmen den Wohlstand für alle mehren. Gleichzeitig wissen wir jedoch aus der Geschichte auch, dass dies allein zu kurz greift.

Der englische Dichter John Donne (o.J., online) beginnt eines seiner bekanntesten Gedichte mit den Worten: »Niemand ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Ganzen.« Die Inselmetapher lässt sich auch gut auf die Marktwirtschaft anwenden, denn kein Marktteilnehmer agiert im luftleeren Raum, sondern ist von der Kooperationsbereitschaft anderer Interessengruppen abhängig. Diese bezeichnet man als Stakeholder. Dazu gehören die Mitarbeiter, Fremd- und Eigenkapitalgeber, Kommunen, Gewerkschaften, der Gesetzgeber u.v.a. Die offensichtlichste Gruppe sind die Kunden. Diese trifft ihre Kooperationsentscheidung glaubt man der heutigen Theorie nicht nur auf Basis von Preis, Qualität und Auswahl, sondern vielmehr auf Grundlage des Verhaltens des Unternehmens in der Gesellschaft (Corporate Citizenship). Was bedeutet die Marktmacht der Stakeholder nun für die Unternehmensführung? Friedman denkt ohne Umwege und stellt die Frage, ob ein unternehmerisches Handeln unmittelbar dem Geschäftszweck des Unternehmens dient. Der Stakeholderansatz ist im Gegensatz zum orthodoxen Shareholder Value-Ansatz längerfristig angelegt: Er stellt die Frage, wie nachhaltig eine Kooperationsbereitschaft der relevanten Bezugsgruppen gewährleistet bleibt. Das heißt, dass unternehmerisches Handeln unmittelbar weniger profitabel sein kann als es möglich wäre, dafür aber mittelbar einen größeren Nutzen für die Organisation bietet. Mit anderen Worten der Markt reguliert mit den moralischen Werten der Marktteilnehmer, was moralisches Handeln ist und was nicht. Sicherlich kann man jetzt einwenden, dass genau das häufig eben nicht passiert, weil unmoralisches Handeln von Konzernen sonst nicht möglich wäre. Dem ist entgegenzusetzen, dass der Markt formale Regeln hat, die ihm die Gesellschaft gibt. Das sind verbindliche Vorschriften, Regeln und Gesetze. Letztlich stellt Friedman also die Frage, ob es für die Gesellschaft besser ist, wenn eine kleine Elite die Regeln macht oder wenn der Markt als Ganzes die Regeln bestimmt. Je kleiner die Gruppe derer ist, die darüber entscheiden dürfen, ob ein unternehmerisches Handeln individuellen ethischen Vorstellungen genügt und daher sanktioniert werden muss, desto höher ist die Gefahr von Willkür. Die Tatsache, dass Stakeholder ihre Rolle im Markt heute oft aktiv wahrnehmen, hat dazu geführt, dass Unternehmen in der Summe gezwungen sind, die ethischen Standards der Gesellschaft in einem ganz anderen Maße zu berücksichtigen als früher. Bei aller berechtigten Kritik spielten Ethik und Verantwortung wahrscheinlich nie eine größere Rolle in der Wirtschaft als heute. Dass dies so ist, ist auch ein Ergebnis eines funktionierenden Marktes.

2.4Marktwirtschaft

Betrachtet man die Staaten des ehemaligen Ostblocks vor 1990 oder die Volksrepublik China heute, so wird schnell deutlich, dass Gier, Einflussname und Krimina[22]