Wirtschaftspartner Türkei - Çaglayan aliskan - E-Book

Wirtschaftspartner Türkei E-Book

Çaglayan aliskan

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Beschreibung

Weit mehr als ein beliebtes Urlaubsziel: die wichtigsten Informationen über die türkische Wirtschaft. Firmen wie Investoren finden in der Türkei attraktive Expansions- und Arbeitsbedingungen vor. Das Land mit seinen rund 75 Millionen Einwohnern hat sich als Brücke zwischen Europa und Asien gut positioniert. Wer sich diesen Markt auch nur ansatzweise erschließen will, benötigt harte ökonomische Fakten und Hintergrundinfos über die Gepflogenheiten der türkischen (Business-)Welt und Gesellschaft. Genau das leistet dieses Handbuch: Çag layan Çaliskan ist ein exzellenter Kenner beider Kulturen und unterstützt Unternehmen bei Vorbereitung und Ausbau professioneller Beziehungen in der Türkei.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2007

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Çağlayan Çalışkan

Wirtschaftspartner Türkei

Çağlayan Çalışkan

Wirtschaftspartner Türkei

Ein Handbuch für erfolgreiche Unternehmer

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-636-01497-9 | Print-Ausgabe

ISBN 978-3-86881-111-7 | E-Book-Ausgabe (PDF)

E-Book-Ausgabe (PDF): © 2009 by Redline Verlag, FinanzBuch Verlag GmbH, Münchenwww.redline-verlag.de

Print-Ausgabe: © 2007 by Redline Wirtschaft, Redline GmbH, Heidelberg Ein Unternehmen von Süddeutscher Verlag | Mediengruppe

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Christina Mathoi-Pollack, Wien Umschlag: Thomas Jarzina, Köln Umschlagabbildung: Corbis (Hintergrund), mauritius images Satz: Manfred Zech, Landsberg am Lech Druck: Himmer, Augsburg Bindearbeiten: Thomas, Augsburg Printed in Germany

Meiner Frau Sabine, die die Entstehung dieses Buches geduldig und einfühlsam mitgetragen hat.

Geleitwort

The goal of attracting investment has been a prominent feature of successive Turkish governments for several decades. To achieve this, many rules and regulations have been changed. Efforts to make procedures simpler and combating red tape have been part of this process. Despite all these efforts investment did not pick up at a rate that we wished. It was concentrated to a few countries and sectors.

The main change came not because of our bureaucratic adjustments. It was rather the decision of the EU to open accession negotiations with Turkey in December 2004. Almost immediately there was an increase from many sources. So the magic touch of the EU which worked in other candidates was successful for Turkey as well. This is because in a way starting accessions talks meant that the EU gave its blessing. Since 1999 when Turkey became a candidate, there were many reforms in the political and economic fronts. If we are to concentrate on the economic side, one must mention that this was done not only at the behest of the EU. We had two severe economic crisis in 2000 and 2001. We learned from our mistakes the hard way.

The recent developments in broad strokes are as follows:

Simplifying the tax regime; strengthening corporate governance; reducing administrative and bureaucratic barriers; accelerating the privatization program and reforming the social security system. Harmonizing standards and regulations with the European Union. Increasing the efficiency of customs, particularly import procedures. An investment portal of Turkey has been designed and was launched in 2006. Improving the infrastructure in telecommunications sector (the number of mobile phone clients and internet); building new highways, railways (Ankara–Istanbul and Ankara–Konya Fast Train Projects), and Turkish Airlines has decided to add 23 new access lines to its current 79 external routes. Investing further in education and training as well as links between universities and companies. Securing the availability of land for investment. Protecting Intellectual Property Rights more effectively. Increasing awareness of small and medium sized enterprises (SMEs). Finally there is an agreed definition in line with the EU legislation that has been adopted.

Nevertheless, there are also peculiarities regarding each country with which doing business is essential. So in addition to changing legislation one must be aware of the way business is conducted.

This book will be helpful in both deciphering the behaviors of doing business in Turkey, as well as helping the reader invest with a minimum of difficulty.

Selim Yenel

Ambassador of the Republic of Turkey (Vienna)

Inhaltsverzeichnis

Warum dieses Buch?

1.  Die Türkei in aller Munde

2.  Der unbekannte Riese

2.1 Der Kopf einer Stute – oder: Der lange Galopp nach Westen und das Mosaik der Kulturen2.2 Die regionale Wirtschaftsmacht – oder: Die Brücke zwischen Europa und Asien 2.3 Die Neuorientierung in der Außenpolitik – oder: „Frieden im Land, Frieden auf der Welt“2.4 Die demokratische Kultur – oder: Der Kampf der Kemali sten gegen den politischen Islam2.5 Der strategische Partner – oder: Die europäische Türkei und das türkische Europa 2.6 Der riesige Binnenmarkt – oder: Die Wolkenkratzer im Schatten der Übernachtbauten2.7 Die weit entwickelte Wirtschaft – oder: Ist die Türkei ein Reformland? 2.8 Das Interesse internationaler Investoren – oder: Der „Emerging Market“ Europas

3.  Markteintritt in die Türkei

3.1 Gastfreundschaft und Business3.2 Business-Etikette am Bosporus3.3 Rolle des Islam3.4 Marktanalysen3.5 Strategien für den Markteintritt3.6 Suche und Auswahl von Mitarbeitern3.7 Führungskultur und Rolle der Führungskraft3.8 Bürokratie und Behördenkontakte

4.  Rechtssystem der Türkei

4.1 Rechtsstaat4.2 Handelsrecht4.3 Steuerrecht4.4 Arbeitsrecht4.5 Sozialversicherungsrecht

Anhang

Kleine türkische SprachschuleZeittafel: Beziehungen zwischen der EU und der TürkeiAnmerkungenQuellenverzeichnisStichwortverzeichnisDer Autor

Warum dieses Buch?

Die Türkei ist in aller Munde. Vor allem aufgrund der holprigen EU-Beitrittsverhandlungen ist das Land in den letzten Jahren fast täglich in den Schlagzeilen. In der aktuellen Diskussion wird jedoch aus meiner Sicht ein wichtiger Aspekt beinahe übersehen: die Türkei ist und bleibt ein Zukunftsmarkt für international tätige und allen voran für europäische Unternehmen – ungeachtet dessen, ob die türkische EU-Vollmitgliedschaft nun zustande kommt oder nicht.

Insbesondere in der medial geführten Diskussion um den EU-Beitritt geht die Auseinandersetzung mit der Türkei nur selten in die Tiefe. Diese aufstrebende Wirtschaftsmacht vor den Toren Europas kennen und begreifen zu lernen, wird jedoch nur durch eine differenzierte Betrachtung des Landes möglich sein. Denn die heutige Türkei präsentiert sich dem aufmerksamen Beobachter als eine bunte Mischung gegensätzlicher Erscheinungen, die unmittelbar nebeneinander anzutreffen sind.

Dieses Buch hat vorrangig das Ziel, Ihnen die Vielfältigkeit der Türkei näher zu bringen und die Bedeutung des Landes als Wirtschaftspartner für die Zukunft Europas zu unterstreichen.

Im ersten Teil des Buches „Der unbekannte Riese“ werden die vielfältigen Sachzwänge der heutigen Türkei dargelegt, beginnend mit einer Auseinandersetzung mit der Geschichte des Landes, auf die eine Vielzahl aktueller Entwicklungen zurückzuführen sind. Die Themen, die in den letzten Jahren die westliche Öffentlichkeit besonders beschäftigen, werden ebenfalls in diesem Teil behandelt: die laufenden Beitrittsverhandlungen zwischen Brüssel und Ankara, die gegenwärtige politische Situation der Türkei, die Rolle des Militärs und des politischen Islam sowie die außenpolitische Rolle des Landes in der Region. Darüber hinaus wird die Veränderung der türkischen Gesellschaft aufgrund ihrer Brisanz für die künftige Entwicklung des Landes sowie die Bedeutung des riesigen Binnenmarktes der Türkei erläutert. Die Reife der türkischen Wirtschaft wird ebenfalls mit Fokus auf die wesentlichen Branchen und die herrschenden Trends mit dem Ziel dargelegt, den Unterschied des türkischen Marktes zu den Reformländern zu unterstreichen.

Im zweiten Teil des Buches „Markteintritt in die Türkei“ stehen Themenstellungen im Vordergrund, die bei einem wirtschaftlichen Engagement auf dem türkischen Markt von besonderer Relevanz sind. Sie finden hier eine Übersicht über die Markteintrittsstrategien genauso wie die Besonderheiten bei der Erstellung einer Marktstudie in der Türkei. Der Abschnitt über die Businesskultur des Landes befasst sich mit der interkulturellen Kompetenz im Hinblick auf die Gemeinsamkeiten sowie die Unterschiede zwischen dem türkischen und dem deutschsprachigen Kulturkreis einschließlich der Rolle des Islam. Der Bereich Personal als ein unverzichtbarer Bestandteil eines jeden grenzüberschreitenden Engagements wird ebenfalls in diesem Abschnitt mit einem Überblick über den türkischen Stellenmarkt sowie über die Frage der Führung türkischer Mitarbeiter behandelt. Der Umgang mit Behörden und der türkischen Bürokratie rundet den Themenfächer ab.

Im dritten Teil des Buches „Rechtssystem der Türkei“ befassen wir uns mit den bei einem türkischen Markteintritt relevanten juristischen Regelwerken Handels-, Steuer-, Arbeits- und Sozialversicherungsrecht des Landes. Hier finden Sie einen ersten Überblick über die Rechtsordnung der Türkei, die im Übrigen jener des deutschsprachigen Raums recht ähnlich ist.

Schließlich gibt Ihnen der „Anhang“ eine kurze Einführung in die türkische Sprache und eine nützliche Literaturliste sowie Linkssammlung für eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit der Türkei.

Viel Spaß bei der Lektüre!

Istanbul, Wien, im Juni 2007

1. Die Türkei in aller Munde

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Türkei“ lesen? Welche Bilder steigen in Ihrem Kopf auf? Welche Assoziationen drängen sich an die Oberfläche? Vielleicht denken Sie an Frauen im Kopftuch, an zwangsverheiratete Töchter oder an die Opfer von Ehrenmorden. Oder es kommen Bilder der gebrochen Deutsch sprechenden Gastarbeiter mit dickem Schnurrbart hoch, denen Sie flüchtig in der Straßenbahn begegnen. Möglich, dass Sie an die schönen Strände der Südtürkei denken, jene türkisblauen Küsten auf den Plakaten der Türkei-Werbung. Oder es drängen die Warnrufe von Politikern in Ihr Ohr, die lauthals vor einer Entfremdung des Heimatlandes warnen.

Das herrschende Türkei-Bild in Europa wird meines Erachtens im Wesentlichen von folgenden Faktoren geprägt: von der Begegnung mit den türkischen Gastarbeitern, die mehrheitlich die ländliche Türkei repräsentieren; von gelegentlichen Urlaubsaufenthalten im touristischen Süden der Türkei mit Strand, Sonne und Meer, die wenig dazu dienen, das Land und seine Kultur kennen zu lernen; von Meldungen der Massenmedien, die manchmal den Eindruck vermitteln, dass Auflagenstärke und Einschaltquoten mehr Gewicht in den Redaktionsstuben haben als eine objektive und differenzierte Berichterstattung; und nicht zuletzt von populistischen Politikerparolen, die im Zuge der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei die Integrationsprobleme der in Europa lebenden Türken inklusive zugehöriger Vorurteile und Ängste zum Inhalt der Debatte machen.

„Wien darf nicht Istanbul werden!“

Politisches Kleingeld machen mit Emotionen der Wähler ist in Europa salonfähig geworden. Das ist demokratiepolitisch eine bedenkliche Entwicklung, die immer öfter auf fruchtbare Erde fällt und populistischen Politikern Aufwind verschafft. Sie verwenden die Themen „Ausländer“, „Islam“ und „EU-Beitritt der Türkei“ in den letzten Jahren und vor allem in Wahlkampfzeiten sehr oft zur Stimmungsmache. Dies führt zu einer stärkeren Polarisierung der Gesellschaft und trägt weder zur Verständigung zwischen den Völkern noch zur Integration etwas bei, sondern lässt in den Köpfen der Menschen ein unvollständiges Bild der Türkei beziehungsweise der Türken im Allgemeinen entstehen.

Um mögliche Missverständnisse zu vermeiden, möchte ich unterstreichen: ich stelle hier nicht die freie Meinungsäußerung in Frage, sondern kritisiere vielmehr die Qualität der geäußerten Meinung selbst sowie die dadurch hervorgerufenen Reaktionen. Denn die Politiker haben eine wesentliche Rolle bei der Gestaltung der Gesellschaft, durch welche sie eben zur Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe verpflichtet und legitimiert werden. Ihre populistischen und polarisierenden Praktiken mögen heute beinahe zur Gewohnheit geworden sein, doch dies entbindet sie nicht von ihrer Verantwortung.

Eine den äußersten rechten Flügel Österreichs repräsentierende politische Partei sorgte in den vergangenen Jahren mit Werbeslogans wie „Daham statt Islam“1 oder „Wien darf nicht Istanbul werden!“ wiederholt für Aufregung – vermutlich stammen diese Zeilen aus der Feder eines Texters, der noch nie am Bosporus gewesen ist. Noch erschreckender als solche Parolen sind meines Erachtens zwei Dinge: Zum einen sind es die aktuellen Wahlergebnisse im deutschsprachigen Raum, die unmissverständlich zeigen, dass eine nicht zu unterschätzende Zahl von Wählern diese Art von Politik durchaus unterstützt, da sie sich offensichtlich bedroht fühlt. Zum anderen scheuen sich auch die Zentrumsparteien christlicher oder sozialistischer Prägung, ja sogar die liberalen Bewegungen, im Zusammenhang mit der Türkei etwas Positives zu sagen. Denn selbst die Befürwortung von „ergebnis-offenen“ Beitrittsgesprächen mit Ankara führt unweigerlich zu Stimmenverlusten bei den Wählern.2

Die politische Antwort auf diese Entwicklung blieb nicht aus. Eine in Wien organisierte Ausstellung des deutsch-türkischen Künstlers Feridun Zaimoĝlu trug den verheißungsvollen Namen „Kanack Attack. Die dritte Türkenbelagerung“. Ich möchte bezweifeln, ob diese Ausstellung dazu beigetragen hat, eine Auseinandersetzung für eine bessere Verständigung beziehungsweise eine Bildkorrektur in den Köpfen zu initiieren. Viel mehr sehe ich die Gefahr, dass gerade durch auf Provokation aufbauende Aktivitäten die Kernwählerschichten mehr und mehr zementiert werden. Angstmechanismen führen zwangsläufig zu einer defensiven Haltung.

Auch in Deutschland lässt sich eine ähnlich gelagerte Diskussion beobachten. Vorstöße wie etwa jener von Claudia Roth, am „Tag der Wiedervereinigung“ zukünftig auch den Beginn der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei mitzufeiern, oder jener der grünen Fraktion im bayerischen Landtag, fünf islamische Feiertage einzuführen, tragen wohl kaum zur Integration, sondern mehr zur Polarisierung bei. Bei beiden Meldungen stehen meines Erachtens der populistische Effekt und das provokative Medienecho zu sehr im Vordergrund. – Und die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Etwa gab der scheidende Ministerpräsident Bayerns, Edmund Stoiber, als Hauptredner auf der Bühne der Passauer Dreiländerhalle zum Besten, dass er die Einführung von islamischen Feiertagen in Bayern von einer Besserstellung von „unseren Christen in der Türkei“ abhängig sehe.3 In seiner wohl letzten Aschermittwoch-Rede versuchte er „einige Pflöcke einzuschlagen“ und scheute dabei nicht davor zurück, vor seinen treuesten Fans auch die Themen EU-Beitritt der Türkei, Ausländer und Religion rhetorisch gekonnt bis zur Unkenntlichkeit zu polemisieren. Er fand im Passauer „Mekka der Konservativen“ einen fruchtbaren Boden, um seine „Grundlinien konservativer Politik“ als Vermächtnis an seine Nachfolger aufzuzeigen. Leider übersieht der erfahrene Politiker in seinen Formulierungen mehr oder weniger bewusst den Unterschied zwischen konstruktiver Integrationspolitik und populistischen Hetzparolen. Er entscheidet sich vielmehr für eine entbehrliche Scheinkonfrontation mit der türkischstämmigen Bevölkerung Deutschlands, die sich kaum so prominent zu Wehr setzen kann.

Türken in Europa

Heute leben Schätzungen zur Folge etwa vier Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Europa. In Deutschland sind es knapp drei Millionen und in Österreich fast eine viertel Million. Ihre genaue Zahl kann mangels verlässlicher Datenquellen nicht exakt erfasst werden. Die amtlich registrierte Staatsbürgerschaft bietet aufgrund der zahlreichen Türken, die in den letzten Jahrzehnten Staatsbürger des Gastlandes geworden sind, keine verlässliche Genauigkeit. Auch die im Haushalt vorwiegend verwendete Sprache ist aufgrund der ebenfalls zahlreichen Mischehen zwischen Türken und Europäern kein zuverlässiges Merkmal. Daher ist jegliche statistische Erfassung dieser Gruppe mit Unsicherheit verbunden, ganz zu schweigen von nicht registrierten Personen.

Das Gros der Türken in Europa, die so genannten Gastarbeiter, blickt mittlerweile auf eine mehr als vierzigjährige Vergangenheit zurück. Die ersten unter ihnen kamen schon in den 1960er Jahren und wurden auch Teil des deutschen Wirtschaftswunders. Anfänglich war es ihr Ziel, so schnell wie möglich, spätestens nach ein paar Jahren in der Fremde, wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück zu kehren. Doch die Pläne änderten sich, viele holten ihre Familien nach, sie waren nun in Europa zu Hause. Die so genannte „erste Generation“ hat jedoch ihre Koffer nie richtig ausgepackt, sie wollten ja nächstes Jahr nach Hause zurückkehren. Sie pflegen daher ihre Traditionen besonders, um ihre bedrohte Identität zu wahren und ihre Sehnsucht nach der Heimat zu stillen. Sie sind als Zugehörige der Arbeiterklasse meist Teil der unteren Gesellschaftsschicht, sparen ihr Geld und investieren in der Türkei, um eines Tages dort zu leben. Manche von ihnen führen kleine Unternehmen, von wenigen Ausnahmen abgesehen in Branchen wie Einzelhandel, Gastronomie, Frisöre und Ähnliches, grundsätzlich gehören sie aber der Arbeiterschicht an.

Die „zweite Generation“ bilden die in Europa geborenen oder aufgewachsenen Kinder der ersten Gastarbeiter. Sie erleben eine andere Spannung, denn sie sind zu sehr türkisch, um Europäer zu sein, und gleichzeitig zu sehr europäisch, um Türken zu sein. Ein Leben zwischen den Stühlen sozusagen. Zu Hause wird ihnen die türkische Kultur ihrer Eltern vermittelt, deren Heimat sie bestenfalls von wenigen Urlaubsfahrten her kennen. Ihre Sprache ist eine Mischung aus Türkisch und Deutsch. Der sozialen Schicht ihrer Eltern können sie schwer entfliehen. Nicht selten erhalten sie aufgrund ihrer eher schlechten Deutschkenntnisse eine Sonderschul-, bestenfalls aber eine Berufsschulausbildung. Es gibt wenige Ausnahmen, die aus diesem System ausbrechen können. Meist sind es besonders herausragende Persönlichkeiten, darunter findet man prominente Unternehmer, Filmemacher, Buchautoren, ja sogar Abgeordnete.

Die Enkel der ersten Gastarbeiter bilden schließlich die „dritte Generation“, sie kommen in Europa auf die Welt, erhalten meistens eine vollständig europäische Ausbildung und wählen andere Berufe als ihre Vorfahren. Sie sind meist Europäer mit türkischen Wurzeln, es entsteht die oft polemisch diskutierte „Multi-Kulti-Gesellschaft“. Sie haben kaum Bezug zur Türkei, sie fühlen sich eher als Deutsche beziehungsweise Österreicher denn als Türken. Meist besitzen sie bereits die Staatsbürgerschaft ihrer Wahlheimat, sie dienen im Bundesheer als Soldaten oder pflegen Alte und Kranke als Zivildiener. Soziale und kulturelle Spannungen erleben sie eher in ihrem eigenen „Gastarbeiter-Milieu“ als mit der restlichen Gesellschaft. Doch es gibt auch eine dritte Generation, die weiterhin unter den gleichen Umständen lebt wie die erste und zweite Generation. Sie wählen dieselben Berufe wie ihre Vorfahren, ihre Deutschkenntnisse sind noch immer gering und ihr Sozialstatus hat sich kaum geändert. Die Zahl der Sonderschüler unter den Türken der dritten Generation ist weiterhin hoch. Sie sind somit nicht Europäer mit türkischen Wurzeln, sondern vielmehr Entwurzelte. Die umstrittene Theorie der von selbst funktionierenden Integration von Ausländern ab der dritten Generation hat sich somit nicht, zumindest nicht zur Gänze bewahrheitet.

Die Türkei diente in der Geschichte vielen Völkern Jahrtausende lang als Heimat und weist mit ihrer großen Fläche und Einwohnerzahl eine bunte Vielfalt an Kulturen und Lebensstilen auf. Die türkischen Gastarbeiter in Europa kommen vorwiegend aus ländlichen Gebieten der Türkei. Ihnen ist Europa und die europäische Kultur oft gleich fremd wie die städtische Türkei und deren Metropolen. Während die Menschen aus dem ländlich strukturierten Zentral- und Ost-Anatolien eine eher konservative Grundhaltung an den Tag legen, sind die Bewohner der Westtürkei und vor allem jene in den Großstädten meist von europäischem sowie amerikanischem Gedankengut und ebensolcher Lebensart geprägt. Es existiert darüber hinaus ein steiles Einkommensgefälle in der Ost-West-Achse des Landes, begleitet von einem signifikanten Unterschied im Bildungsniveau.

Somit präsentiert sich die Türkei als eine bunte Kollage, in der sich viele Gegensätze direkt nebeneinander befinden. Die Businesswelt der Wirtschaftsmetropole am Bosporus ist für die gesamte Türkei genauso wenig repräsentativ wie die Vielzahl der in Europa lebenden Türken. Daher sind Rückschlüsse auf die heutige Türkei, die ausschließlich auf der Begegnung mit den türkischen Gastarbeitern in Europa beruhen, manchmal irreführend.

Die schöne Südtürkei

Eine Meinungsumfrage aus Deutschland belegt, dass über 70 Prozent der Befragten die Türkei als ein attraktives Reiseland mit schönen und beeindruckenden Landschaften sowie einer überaus gastfreundlichen Bevölkerung ansehen; hingegen nur 11 Prozent bezeichnen die Türkei als ein weltoffenes Land und einen guten Standort für ausländische Unternehmen.4 Dieses Ergebnis ist sicherlich Grund zur Freude für den recht erfolgreichen türkischen Fremdenverkehrssektor, der seit eh und je mit den restlichen Mittelmeerländern um die Gunst europäischer Urlauber wetteifert. Und Jahr für Jahr verbringen über 25 Millionen Menschen, übrigens beinahe jeder fünfte darunter kommt aus dem deutschsprachigen Raum, ihren Urlaub an der unvergleichlichen Küste oder sie bereisen die einzigartigen Landschaften Anatoliens mit Highlights wie den Kalkterrassen von Pamukkale oder dem Tüfgestein von Kapadokien.

Sonne, Strand und Meer sowie die vielfältige Küche: der zweiwöchige Pauschalurlaub beschert den erholungshungrigen Gästen viele aufregende Momente. Spätestens beim wöchentlich dargebotenen türkischen Folkloreabend im All inclusive Club haben die Touristen die Gelegenheit zu realisieren, in welchem Mittelmeer-land sie dieses Jahr ihren Sommerurlaub verbringen. Und mit den braungebrannt vor den massenüberströmten Ausgrabungen aus der Römerzeit aufgenommenen Urlaubsfotos lässt sich so manche Anekdote dem neidisch blickenden Nachbarn zu Hause erzählen. Doch so einprägsam, aufregend und angenehm diese Erlebnisse auch sein mögen, zur Beurteilung der Türkei in ihren reichhaltigen und vielschichtigen Sachzwängen können sie wenig beitragen.

Massenmedien und die Türkei

Kennen Sie den berühmten Mann aus Anatolien, dessen Abbildung, wie er mit wettergegerbter Haut auf seinem Esel durch die trockenen Felder reitet, zahlreiche Medienberichte über die Türkei schmückt? Auch wenn ihn in der Türkei kaum jemand kennt, ist er in Europa beinahe zu einer Berühmtheit geworden. Der westliche Betrachter möchte annehmen, dass das einzige verfügbare Verkehrsmittel in Anatolien ein unterernährter Esel ist und die Straßen wie die Pisten in der Sahara aussehen. Natürlich gibt es immer noch Dörfer, die manchmal einen ganzen Winter lang nicht erreicht werden können und deren Bewohner von der Außenwelt völlig abgeschnitten ihrem Schicksal überlassen sind. Dennoch, die Türkei ist keineswegs ein Entwicklungsland mit unzureichender Infrastruktur, sondern verfügt über eine beachtliche logistische Anbindung. Das medial verwertete Bildmaterial aus dem Archiv suggeriert jedoch ein äußerst rückständiges Image, das sich in den Köpfen festsetzt und nur schwer zu korrigieren ist.

Und nicht zu vergessen sind auch die regelmäßigen Berichte in den Massenmedien über Anatoliens verkaufte Töchter, die in Kopftücher gehüllt aus den Titelseiten bunter Printmedien blicken. Einige Beststeller-verdächtige Titel haben ihre bedrückenden Schicksale zum Thema und bevölkern die Regale in den Bücherläden. Diese jungen Frauen und Mädchen sind ohne Zweifel die Leidtragenden einer tief greifenden Veränderung der türkischen Gesellschaft, die mittlerweile nicht nur auf türkischem, sondern auch auf europäischem Boden stattfindet. Sie erfüllen mit ihren aufrüttelnden Berichten über ihr Leben zwischen den Stühlen eine wichtige Aufgabe und sind die Fahnenträgerinnen einer Bewegung, die den folgenden Generationen türkischer Frauen den Weg in die persönliche Freiheit, Selbstbestimmung und Emanzipation ebnen wird, die tragenden Säulen eines jeden sozialen Wandels. Doch all diese Bilder sind mit einer derart einprägsamen Kraft gesegnet, dass sie alle anderen Aspekte überdecken. Die türkische Gesellschaft birgt diese traurigen Schicksale, ja. Allerdings kann der Stellenwert und die Rolle der türkischen Frau im sozialen Gefüge der heutigen Türkei nicht allein dadurch beurteilt werden.

Was macht die Türkei zum Zukunftsmarkt Europas?

Erstens ist die Entwicklung des türkischen Markts vor allem in den letzten fünf Jahren anhand volkswirtschaftlicher Indikatoren recht beeindruckend belegbar: Die türkische Konjunktur zeigte zwischen 2002 und 2006 ein sehr dynamisches Bild und die Wirtschaftsleistung wuchs um mehr als ein Drittel, das entspricht einer durchschnittlichen Wachstumsrate von rund sieben Prozent pro Jahr. Die Türkei befindet sich mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 400 Milliarden US-Dollar gegenwärtig unter den größten zehn Volkswirtschaften Europas. Ein grober Vergleich mit den jüngsten EU-Mitgliedern macht diese Dimension deutlich: die türkische Wirtschaft weist die rund zehnfache Größe Bulgariens und die vierfache Größe Rumäniens auf. Das Außenhandelsvolumen entwickelte sich im Zeitraum 2002–2006 genauso rasant und übersprang 2006 die 200 Milliarden US-Dollar-Grenze – für 2007 beträgt das Ziel sogar 260 Milliarden US-Dollar. Die traditionell recht hohe Inflationsrate konnte in dieser Periode ebenso deutlich gesenkt werden und unterschritt nach mehr als drei Jahrzehnten erstmals wieder die Zehn-Prozent-Marke. Das Haushaltsbudget erreichte Ende 2006 praktisch eine schwarze Null und die gesamte Staatsverschuldung im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt lag bei 61 Prozent. Doch auch die Problemfelder gibt es nach wie vor, darunter die bedrohliche Entwicklung des Zahlungsbilanzdefizits und der Arbeitslosigkeit sowie die ausufernde Schattenwirtschaft.

Zweitens ist der Binnenmarkt der Türkei in etwa gleich bedeutend wie jener im gesamten südosteuropäischen Raum: Das Land wird im Jahr 2008 nach staatlicher Prognose etwa 75 Millionen Menschen beherbergen, was in Summe der Einwohnerzahl aller zehn neuen EU-Mitglieder der Erweiterungsrunde von 2004 entspricht. Die Einwohnerzahl des jüngsten Mitglieds Bulgarien beträgt rund ein Zehntel und jene Rumäniens rund ein Viertel. Die türkische Bevölkerung wächst, wenn auch in den letzten Jahren tendenziell etwas langsamer, aufgrund der relativ hohen Geburtenrate um eine Million Menschen pro Jahr, und die Hälfte der Einwohner ist weniger als 27 Jahre alt. Rund zwei Drittel der Türken leben heute in den Städten und konsumieren betont markenbewusst. Allein in der Metropole Istanbul existieren mehr als vierzig Einkaufszentren, landesweit gibt es noch einmal so viele. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist mit rund 5.500 US-Dollar im EU-Vergleich zwar niedrig, doch unter Betrachtung nach Kaufkraftparitäten ergibt sich ein Wert von über 9.000 US-Dollar, welcher sich mit manchen EU-Ländern durchaus messen kann. Die steile Einkommenskurve bedeutet im Übrigen eine große Schicht an Konsumenten, die bei Luxusgütern für eine immense Nachfrage sorgt. So verfügt das oberste Fünftel in der Einkommensskala über die Hälfte des verfügbaren Einkommens beziehungsweise über etwa zehnmal so viel wie das unterste Fünftel.

Drittens stellt die geographische Lage der Türkei einen wichtigen Faktor dar: Die Türkei liegt auf zwei Kontinenten, Europa und Asien, und erstreckt sich vom Balkan bis zum Nahen Osten. Ihre Fläche umfasst rund 780.000 Quadratkilometer, was in etwa der zweifachen Fläche Deutschlands beziehungsweise der neunfachen Österreichs oder der achtzehnfachen der Schweiz entspricht. Das Land ist von drei Seiten von Meeren begrenzt, dennoch zählt die Türkei nicht zu den großen Seefahrernationen der Welt. Der überwiegende Teil des Landes ist gebirgig, die zahlreichen Flüsse sind zwar nicht befahrbar, jedoch stellen sie hinsichtlich Energiegewinnung sowie Bewässerung wichtige Ressourcen dar. Nur ein Viertel des Landes ist bewaldet, rund ein Drittel wird landwirtschaftlich genutzt. Das türkische Territorium befindet sich zudem auf dem Knotenpunkt wichtiger Transportwege zu Land und zur See, wie etwa die strategisch bedeutenden Meeresengen Bosporus und Dardanellen. Durch die Türkei führen zudem Pipelines für Erdöl und Erdgas, die zur Energieversorgung Europas lebenswichtig sind. So gelangt gegenwärtig Erdöl aus der kaspischen Region über die Türkei zum Mittelmeer und von dort weiter nach Westen. Unter anderem soll das ehrgeizige Nabucco Pipeline-Projekt bald dazu führen, die Abhängigkeit Europas vom russischen Erdgas zu vermindern. Auch ägyptisches Erdgas soll schon bald über die Türkei nach Europa gelangen.

Viertens ist die kulturelle Brückenrolle der Türkei von besonderer Bedeutung: Die türkische Wirtschaft hat den Reichtum eigener Wurzeln in der Verständigung sowohl mit dem Okzident als auch mit dem Orient gut genutzt und unterhält heute ein dichtes Geflecht wirtschaftlicher Beziehungen in beide Himmelsrichtungen. Die Türkei stellt einerseits als einziges muslimisches Land mit einem funktionierenden demokratischen und laizistischen System für die instabilen Nachbarregionen ein einzigartiges Modell dar, andererseits ist sie ein wichtiger wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Stabilitätsfaktor. Und dies trotz oder gerade wegen einer gemäßigt islamistischen Alleinregierung an der Macht, denn ausgerechnet diese hat die Ausrichtung nach Westen wie keine andere zuvor auf ihre Fahnen geheftet. Aufgrund der erfolgreichen Geschäftsbeziehungen türkischer Unternehmen im benachbarten Ausland kommt dem Land somit eine Art Sprungbrettfunktion zu, die europäischen Investoren als Tor zu den Regionen Kaukasus, Kaspisches Meer, Naher Osten sowie arabische Halbinsel und Nordafrika dienen kann.

Fünftens ist die dynamische und stark wachsende türkische Wirtschaft in zahlreichen Bereichen viel weiter entwickelt als jene der so genannten Reformländer des ehemaligen Ostblocks in Südosteuropa. Die Öffnung der türkischen Wirtschaft begann zwar bereits in den 1950er Jahren, jedoch stellte das Liberalisierungsprogramm des Jahres 1980 die wichtigste Wende für das Land sowie die heutige ökonomische Struktur dar. Auch wenn geschichtlich gesehen der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft maßgeblich war, ist der Rückzug der öffentlichen Hand gut gelungen, wie die zahlreichen Privatisierungen in den letzten Jahre zeigen. Im Gegensatz zu zentral- und osteuropäischen Staaten war die Türkei ja bekanntlich kein kommunistisches Land und kennt daher die freie Marktwirtschaft schon sehr viel länger als Europas Randgebiete. Annahmen in der Beurteilung der Türkei, die auf den Expansionserfahrungen in diesen Reformmärkten beruhen, können daher irreführend sein.

Sechstens ist in den letzten Jahren ein enorm wachsendes Interesse ausländischer Investoren am türkischen Markt zu beobachten. Der türkische Markt wurde unter anderem durch Liberalisierungen bei Firmengründungen sowie die Senkung der Körperschaftsteuer für ausländische Investoren attraktiver gemacht. Lagen die ausländischen Direktinvestitionen im letzten Jahrzehnt bei zirka ein bis zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr, so änderte sich dies durch die genannten Maßnahmen blitzartig: bereits das Jahr 2005 brachte den Rekordwert von fast zehn Milliarden US-Dollar an Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen in der Türkei ein, und mit 20 Milliarden US-Dollar waren es im Jahr 2006 bereits doppelt so viel. Für 2007 wird ein weiteres Ansteigen des ausländischen Kapitalzuflusses auf über 22 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Meldungen der türkischen Regierung zufolge wurde bereits in den ersten Monaten dieses Jahres ein Volumen von 13–14 Milliarden US-Dollar getätigt, sodass von offizieller Seite bis Jahresende sogar mit einer Summe von 30 Milliarden US-Dollar gerechnet wird.

Siebtens spielt die Türkei nicht nur als Beitrittskandidat, sondern auch als strategischer Partner für die Zukunft Europas eine wichtige Rolle. Und dies unabhängig davon, ob im nächsten Jahrzehnt eine EU-Vollmitgliedschaft der Türkei zustande kommt oder eine andere Form gefunden wird, die „privilegierte Partnerschaft“ oder sonst wie genannt wird. Die tiefe wirtschaftliche Verflechtung der Türkei mit Europa kann jedenfalls nicht mehr beiseite geschoben werden: etwa die Hälfte des türkischen Außenhandels findet bereits mit den EU-Ländern statt. Die aktuellen Beitrittsgespräche zwischen der EU und der Türkei, wenn auch von großen Herausforderungen für beide Seiten begleitet, bringen das Land durch weit reichende Reformen näher an Europa heran und verbessern das Investitionsklima weiterhin.

2. Der unbekannte Riese

2.1 Der Kopf einer Stute – oder: Der lange Galopp nach Westen und das Mosaik der Kulturen

Die frühen Kulturen Anatoliens

Die ersten ständigen Siedlungen in Zentral- und Südostanatolien wurden vor rund 10.000 Jahren gegründet und gehören zu den ältesten der Welt. Manche Experten vermuten den biblischen Garten Eden in der Südosttürkei, in der Nähe der Stadt Urfa.5 Die ältesten keilschriftlichen Funde in Zentralanatolien sind etwa 4.000 Jahre alt. Sie stammen von den Hethitern, die ein Vielvölkerreich und den ersten Rechtsstaat des Altertums gründeten. Ihr Rechtssystem beruhte auf dem Prinzip der Wiedergutmachung und Entschädigung anstatt auf Vergeltung. Die Hethiter hinterließen zudem die älteste Verfassung der Geschichte sowie einen Friedensvertrag mit Ägypten.6

Etwa zur gleichen Zeit erlebte in Westanatolien die Stadt Troja ihre Glanzzeit. Diese Kultur brachte das große literarische Werk Homers hervor. Um 1.000 vor Christus begann die Gründung der Stadtstaaten Westanatoliens unter dem Einfluss griechischer Kolonien, die sich stark mit Handel befassten und durch die erste Münzprägung Geld als Zahlungsmittel einführten. Westanatolien war zu dieser Zeit die Heimat großer Philosophen wie Thales oder Heraklith, die die Grundsteine der westlichen Kultur von heute legten.

Der Invasion der Perser in Kleinasien folgten die Eroberungszüge Alexanders des Großen. West- und Zentralanatolien wurde in etwa zu Beginn unserer Zeitrechnung Stück um Stück Teil des römischen Reiches und erlebte erneut eine bereichernde Mischung mit fremden Kulturen – vor allem die erhaltenen Bauwerke aus dieser Zeit sind Zeugen dieser gegenseitigen Beeinflussung der Völker.

Die schnelle Verbreitung des christlichen Glaubens in Anatolien geht auf die missionarischen Reisen und berühmten Briefe des Apostel Paulus zurück, der selbst aus Tarsus, einer Kleinstadt in der Südtürkei, stammt. Die Christenverfolgung durch die Römer in den darauf folgenden drei Jahrhunderten hinterließ in Kleinasien Spuren, wie etwa die unterirdischen Siedlungen in Kapadokien.

Im 4. Jahrhundert nach Christus trennte sich das Oströmische Reich von Rom. Der erste christliche Staat der Geschichte entstand, der mehr als tausend Jahre existieren sollte. Seine Hauptstadt Konstantinopel am Bosporus zählte eine halbe Million Einwohner und war eine der bedeutendsten Metropolen der damaligen Welt. Der oberste Repräsentant der griechisch-orthodoxen Kirche hat dort bis heute seinen Sitz.

Das byzantinische Reich verkleinerte sich flächenmäßig in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends zu Gunsten arabischer Stämme aus dem Süden und später türkischer Stämme aus dem Osten kontinuierlich. Die Turkstämme kamen in ihrer Wanderung von Zentralasien über das Kaspische Meer immer weiter Richtung Westen und erreichten schließlich Anatolien, wo sie sich ab Beginn des 11. Jahrhunderts niederließen. Die Seldschuken, ein alttürkisches Herrschergeschlecht, das bereits den Islam angenommen hatte, verbreiteten sich nach der Eroberung Bagdads weiter bis nach Westanatolien. Mit ihrem Sieg in der Schlacht von Malazgirt in Ostanatolien über die Byzantiner im Jahre 1071 begannen sie die Vorherrschaft in Kleinasien zu übernehmen.

Die Seldschuken legten den Grundstein zur Turkisierung Anatoliens. Der Islam bildete zwar das sichtbare Zeichen der Identität dieses Turkstammes, sie trugen aber nach wie vor schamanische Wurzeln in ihrer Brust und sie vermischten sich auch mit den bereits in Anatolien lebenden Völkern. So entwickelte sich unter ihrer Herrschaft eine humanistische Kultur, die etwa in der unvergleichlichen Dichtung von Rumi oder aber in beeindruckenden Steinmetzarbeiten an Bauwerken wie Karawansereien zum Ausdruck kommt.

Das Osmanische Reich

Die Zeit der Seldschuken fand im 13. Jahrhundert durch den Einfall der Mongolen in Anatolien ein Ende, der eine Vielzahl von kleinen Fürstentümern entstehen ließ, die sich fortan gegenseitig um die Vorherrschaft bekriegten. Einer dieser Fürsten war Osman im Nordwesten, dem es gelang, die anderen einzubinden oder militärisch zu unterwerfen, sodass er nach und nach die Führung auf der anatolischen Halbinsel übernehmen und das Osmanische Reich gründen konnte, das bis zum Ende des ersten Weltkriegs mehr als sechs Jahrhunderte überdauern sollte. Sein Sohn Orhan heiratete die Tochter des byzantinischen Thronfolgers, kam seinem Schwiegervater gegen die Serben zur Hilfe und setzte die Expansion seines Reiches auf dem europäischen Kontinent fort.7

Eine besondere Wende und den endgültigen Aufstieg des Osmanischen Reiches zur Weltmacht markierte die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 durch Sultan Mehmet II., die das Ende des nunmehr auf eine einzige Stadt geschrumpften Oströmischen Reiches bedeutete. In dieselbe Ära fielen die Institutionalisierung und Zentralisierung der Staatsverwaltung, wenn auch die osmanische Bürokratie im Gegensatz zu heute ein gewisses Gleichgewicht zwischen der zentralen und dezentralen Macht beinhaltete.8

Die Osmanen boten den während der Reconquista von der iberischen Halbinsel gewiesenen Juden auf ihrem Territorium Schutz und nahmen sie auf. Im Jahr 1517 eroberte Sultan Selim Ägypten und übernahm das Kalifat. Durch die Erbfolge wurden alle nach ihm an die Macht kommenden Sultane Stellvertreter des Propheten und somit die oberste religiöse Instanz des Islam auf Erden; dadurch wurden alle Muslime unter der osmanischen Fahne vereint.

Unter der Führung von Sultan Süleyman dem Prächtigen reichte das Osmanische Reich im 16. Jahrhundert vom Jemen bis zu den Toren Wiens, vom Kaspischen Meer bis zum Atlantik in Nordafrika, von Ägypten bis zur Krim und wurde somit zum mächtigsten Staat Europas, des Mittelmeerraums und Vorderasiens.9 In dieser Zeit begannen die regen diplomatischen Kontakte zwischen dem Sultanat und den europäischen Mächten. Das Reich war diplomatisch-politisch gesehen eher eine europäische als eine asiatische Macht.10

Das Osmanische Reich vereinte als Vielvölkerstaat unzählige Volksgruppen, die ihre eigene Sprache und Kultur pflegten und unterschiedlichen Religionen angehörten. Schon in den Gründungsjahren bestand das Staatsvolk aus einem Völkergemisch, dessen Verwaltung auf lange Sicht nur auf der Basis der Gleichberechtigung derselben untereinander möglich war.11 Der Sultan war der uneingeschränkte Herrscher, die gesamte Staatsgewalt ging von ihm aus und die Bürger waren seine Untertanen, dennoch waren der Willkür der Herrschenden gewisse moralische und ethische Grenzen gesetzt.12 Christen und Juden genossen den Status autonomer Gemeinden mit gewissen Privilegien, sie zahlten Steuern, durften jedoch nicht in der Armee dienen. Ihre Knaben jedoch wurden zu einer islamischen Kaderausbildung rekrutiert und aus diesem Kreis bildete sich die Führungselite des osmanischen Staates. Interessanterweise wurde der Türke somit durch den Staat verschmäht, den er gegründet hatte. Es war ihm verwehrt, in dessen Führung zu wirken, während jedoch die ganze Welt daran festhielt, diesen Staat als einen türkischen zu bezeichnen.13

Herausragende militärische Leistungen wurden durch ein Lehensystem belohnt. Der dadurch zugesprochene Landbesitz war nicht vererblich und fiel mit dem Tode des Belohnten wieder dem Sultan anheim, der seinem Herrscher bis dahin als Krieger treu diente.

Die Osmanen hatten durch ihre militärische Übermacht nicht nur die Vorherrschaft am Kaukasus, auf der arabischen Halbinsel, in Nordafrika und am Balkan übernommen, sie traten auch das reiche kulturelle Erbe Anatoliens an. So schufen sie kunstgeschichtlich bedeutende Bauwerke, die Elemente des seldschukischen, hellenischen und römischen Stils vereinten. Einer der herausragenden Vertreter der osmanischen Architektur war Mimar Sinan. Er war der Hofarchitekt von Sultan Süleyman dem Prächtigen und Schöpfer der Moscheen Süleymaniye und Selimiye mit ihrer unvergleichlichen Schönheit. Einen bemerkenswerten Spagat vollzogen die osmanischen Künstler durch ihre Miniaturen zwischen dem Bildnisverbot im Islam und der in dieser Hinsicht betont westlichen Orientierung mancher Gebieter, darunter etwa Sultan Mehmet II., der sich sogar von einem italienischen Maler porträtieren ließ.

Die zweite Hälfte des letzten Jahrtausends brachte keine weiteren Ausdehnungen des osmanischen Territoriums. Die zweite erfolglose Belagerung von Wien und die damit verbundene Niederlage im Jahr 1683 markierte eine große Wende am Balkan, worauf kontinuierliche Landverluste und damit einhergehend Ertragseinbußen folgten. Das Reich begann aufgrund interner Intrigen, zunehmender Korruption und mangelnder Innovation einerseits und sich verändernder Handelsströme durch die Entdeckung neuer Seewege andererseits mehr und mehr an Macht zu verlieren. Die militärische Elite der Janitscharen und die Hofdamen gewannen an Einfluss in der Reichsführung sowie Erbfolge und nutzten dies zu ihren eigenen Gunsten. Der Balkan wurde zunehmend durch den Erzrivalen, die Donaumonarchie der Habsburger beherrscht. Zahlreiche Bemühungen um eine Reform des Staatswesens durch die Nachahmung westlicher Vorbilder, darunter Heeres-, Verwaltungs- und Verfassungsreform, entfalteten nicht die erhoffte Wirkung. Der Einfluss der Großmächte Frankreich, England und Russland nahm kontinuierlich zu. Das Osmanische Reich konnte mit dem anbrechenden Zeitalter der Industrialisierung in Europa nicht mehr Schritt halten und geriet zunehmend in wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ausland. Die ersten nennenswerten Infrastrukturinvestitionen in Anatolien wurden durch westliches Kapital finanziert, die vorrangig die Erschließung sowie privilegierte Nutzung der reichen Bodenschätze zum Ziel hatten, dazu zählt etwa die noch heute existierende Bagdad-Bahn.

Der Staat war Ende des 19. Jahrhunderts praktisch bankrott und konnte nur durch ein strenges Regime des Sultans stabil gehalten werden. Zu dieser Zeit formierte sich die Jung-Türken-Bewegung aus der in Europa ausgebildeten geistigen Elite des Landes mit dem Ziel der Liberalisierung des Staates. Die Parole lautete: „Wir gehören zur türkischen Nation, zur islamischen Religionsgemeinschaft und zur europäischen Zivilisation“.14 Die Bewegung erreichte sogar die Wiedereinführung der Verfassung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, doch deren Bemühungen konnten weder die Territorialverluste am Balkan und im Nahen Osten noch die innere Zersetzung des Staates verhindern.

Im letzten Jahrhundert seiner Existenz durchlebte das Osmanische Reich drei von oben herab verordnete und auf den ersten Blick gegensätzliche Ideologien der Verwestlichung, Islamisierung und Türkisierung, die jedoch alle ein gemeinsames Ziel verfolgten, nämlich die Modernisierung des Staates sowie die Herstellung der Einheit nach innen und Stärkung nach außen gegen den Westen.15 – Interessant ist hier zu beobachten, dass auch die heutige Türkei nach wie vor von drei ähnlichen Ideologien geprägt ist und dadurch eine dreipolige Struktur erkennen lässt.

Die junge Republik

Durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges sowie das erfolglose Militärbündnis mit dem Deutschen und dem Österreichisch-Ungarischen Reich wurde das Ende der über sechs Jahrhunderte dauernden Herrschaft des Osmanischen Reiches eingeläutet. Nach dem ersten Weltkrieg wurde das Osmanische Reich in weiten Teilen besetzt. Auch die anderen Vielvölkerreiche, die Donaumonarchie und das Zarenreich, existierten nicht mehr.

Der Besetzung des Landes am Ende des ersten Weltkrieges folgte die Widerstandsbewegung unter der Führung eines jungen Generals namens Mustafa Kemal (Atatürk), der sich durch zwei Versammlungen in Sivas und Erzurum mit Standesvertretern die Legitimation und die Unterstützung in Anatolien sicherte. Er initiierte daraufhin die Gründung des ersten Parlaments in Ankara im Jahr 1920. Der Befreiungskrieg endete mit dem Sieg der türkischen Truppen über die Besatzungsmächte, der letzte osmanische Sultan verließ das Land. Schließlich rief Mustafa Kemal am 29. Oktober 1923 die Republik aus und wirkte als Staatspräsident bis zu seinem Tode an dem großen Veränderungsprojekt von einem islamischen Reich zu einem Nationalstaat. Das Ziel war, aus dem Untertanen einen Bürger zu machen, ein realistisches und zugleich utopisches Vorhaben.16

Die Entscheidung Atatürks, die Türkei politisch, sozial und geistig-kulturell nach Europa auszurichten, ist ein Vorgang von äußerster Vielschichtigkeit. Die Westausrichtung war nicht Selbstzweck, sondern von Anfang an auch ein Mittel, das veraltete politische und geistige Fundament des osmanischen Staats zu zerstören.17 Der Nationalchef schuf eine Nation, jeder war nun ein Türke, der innerhalb der Landesgrenzen lebte, ungeachtet seiner ethnischen oder religiösen Identität. Es folgten umfangreiche Reformen, die die Türkei nach dem Vorbild des Westens zu einem modernen und demokratischen Rechtsstaat formen sollten, durchzogen von einem dominierenden zentralistischen Verwaltungsapparat.

Die junge Republik schlug den Weg des Westens ein und trennte als einziges muslimisches Land der Erde unter dem Prinzip Laizismus Religion und Staatsgewalt. Mit der neuen Verfassung wurde das westliche Rechtssystem eingeführt, die lateinische Schrift und die europäischen Maße ersetzten die osmanischen. Eine neue Kleiderordnung wurde erlassen, die der Öffentlichkeit durch den Präsidenten Atatürk persönlich vorgestellt wurde. Viel früher als in manchen westlichen Demokratien wurde das Wahlrecht für Frauen eingeführt.

Der Staat war federführend bei den Investitionen für Infrastruktur, Landwirtschaft und Industrie, da im durch langjährige Kriege geschwächten Land mangels Kapital kaum Privatwirtschaft existierte. Ein Hauptziel der Wirtschaftspolitik der jungen Republik war die Erlangung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit des verarmten Agrarlandes vom Ausland. Die Planwirtschaft ermöglichte die Wunden des Krieges zu verbinden und ein auf landwirtschaftliche Grundversorgung aufbauendes System zu errichten. Der nördliche Nachbar Sowjetunion war dabei nicht nur ein Vorbild, sondern leistete finanzielle Unterstützung und stellte seine Experten beim Entwurf des Wirtschaftsmodells bei.18 Schwerpunkt des Wirtschaftprogramms war der Ausbau des Verkehrwesens, insbesondere des Eisenbahnnetzes. Die Gründung von Banken sowie der Beginn der Industrialisierung zur Verwertung der landwirtschaftlichen Rohstoffe und Bodenschätze folgten. Dabei mussten Zollbegünstigungen eine Weile aufrechterhalten und ein Teil der Schulden des Osmanischen Reiches zurückbezahlt werden.19

Wie die Reformen im Bereich des Rechtssystems wurden auch die wirtschaftlichen Lenkungsmaßnahmen in Ankara beschlossen und von dort aus umgesetzt. Andere Optionen gab es auch nicht wirklich bei einer Bevölkerungsstruktur, die eine Analphabetenrate von 90 Prozent aufwies. Eine der beachtlichsten Leistungen der jungen Republik war der Ausbau des Bildungswesens mit der verfassungsrechtlich garantierten kostenlosen Grundausbildung.20

Der junge Staat lebte rund drei Jahrzehnte seines Bestehens in einem Einparteiensystem. Die zentralistische Macht ging direkt von der Führungselite rund um den Staatspräsidenten aus und wurde durch Beamte der regionalen Verwaltungseinheiten umgesetzt, die in der Regel auch politische Funktionen inne hatten. Die bürokratische und militärische Elite in Ankara, die sich der westlichen Ausformung der jungen Republik verpflichtete, fühlte sich als Hüter der kemalistischen Staatsidee, die notfalls auch mit gewaltsamen Mitteln zu verteidigen war.21 Dieses zentralistische System bewirkte die Entstehung von zwei strategischen Gruppen: auf der einen Seite das verwaltete Volk und auf der anderen Seite die elitäre Staatsbürokratie.22 Eine Folge daraus war das Festhalten breiter Schichten an den traditionellen Werten und Normen – ein Trend, der auch in der heutigen Türkei noch beobachtet werden kann.23

Das demokratische Experiment

Im Jahr 1930 musste ein erstes demokratisches Experiment einer künstlichen und loyalen Opposition bereits nach drei Monaten wieder beendet werden. Nach dem Tode Atatürks im Jahr 1938 übernahm seine rechte Hand Ísmet Ínönü die Führung und setzte die kemalistische Idee unbeirrt fort. Im Jahr 1945 beschloss das Parlament durch eine Landreform an die bedürftigen Bauern Grundstücke zu verteilen, zum Teil durch Enteignung der Großgrundbesitzer, was zu einer Spaltung der Partei und zur Entstehung einer echten Opposition führte. Ein Jahr später gab es vorgezogene Wahlen, bevor der Gegner sich formieren konnte, so wurde Ínönüs Regierung für weitere vier Jahre bestätigt.

Eine gelebte Mehrparteiendemokratie konnte erst im Jahr 1950 erreicht werden. Die Wahlen brachten eine Wende. Die Konservativen unter der Führung von Adnan Menderes mit dem Versprechen „in jedem Dorf ein Millionär“ gewannen die Mehrheit im Parlament – so begann „das türkische Experiment in Demokratie“.24 Die Ära unter der neuen Menderes-Regierung brachte eine deutliche Kurskorrektur, die monopolistischen Strukturen sollten aufgebrochen und das Land für ausländisches Kapital attraktiver gemacht werden.

Der Marshall-Plan der Nachkriegsjahre bedeutete eine erhebliche Erweiterung der landwirtschaftlich genutzten Flächen und Modernisierung durch den Einsatz von Maschinen. Er erhöhte aber gleichzeitig die Abhängigkeit von Auslandskapital und -technik und verursachte Arbeitslosigkeit auf dem Land, die Landflucht sowie Auswanderung ins Ausland zur Folge hatte. Die florierende (Land-)Wirtschaft bedingte einen deutlichen Einkommenszuwachs, der jedoch kurz darauf von einem bisher noch nicht ausreichend bekannten Phänomen abgelöst wurde: die Paarung Inflation und Devaluation verursachte die Katerstimmung am nächsten Morgen – die Türkei begann die freie Marktwirtschaft kennen zu lernen. Die Ver- und Überschuldung des Staatshaushaltes begann ebenso in dieser Ära, die sich in den späteren Jahrzehnten zu einem chronischen Leiden der türkischen Wirtschaft entwickeln sollte.

Im Jahr 1960 gab es die erste Militärintervention in der Geschichte der Türkischen Republik. Sie hatte die Wiederherstellung der kemalistischen Ideologie der Gründergeneration zum Ziel und verlief unblutig. Ministerpräsident Menderes selbst sowie seine Finanz- und Außenminister wurden des Hochverrats für schuldig befunden und hingerichtet, Staatspräsident Celal Bayar wurde aus Altersgründen verschont. Im Jahr 1961 gab es eine neue Verfassung mit wesentlichen Neuerungen, so wurde die Gesetzgebung auf zwei Kammern aufgeteilt, ein Verfassungsgerichtshof eingerichtet und die bürgerlichen und politischen Freiheiten ausgeweitet. Die kurz darauf abgehaltenen Neuwahlen brachten die erste Koalitionsregierung unter der Führung von Ínönü. Es folgten weitere Jahre meist kurzlebiger Koalitionsregierungen – eine lang anhaltende Phase politischer Instabilität nahm ihren Anfang.