Wissen, Glaube, Mathematik - Carsten Rathgeber - E-Book

Wissen, Glaube, Mathematik E-Book

Carsten Rathgeber

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Beschreibung

Im Grenzbereich von Philosophie, Theologie, Physik und Mathematik werden Grundfragen thematisiert und in ihrer Bedeutsamkeit für unser "Weltverständnis" erörtert. Stichwörter Zur Vernunft Ethik und Logik Zum Menschsein Natur, Idee und Geist Handlungen und Ziele Leere und Not der Welt Symmetrie und Gesetze Antinomien und Dialektik Moderne Forschungsbemühungen Das Kleine, Unendlichkeit und Lücken Unbewusstes und logische Denkmodelle Gott, Kybernetik und Gewissheit Offenbarung und Mythos Bilder, Lyrik und 'Wüsten' Psyche und Kultur

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Handlung, Logik, Zeit

Zum Begriff der Vernunft

Ich-Welt-Mathematik

Mathematik und Natur

Zur Natur (und Anthropologie) bei Goethe, Hegel, Feuerbach, Marx

Das unendlich Kleine

Unendlichkeit und Leere in der Welt

Zum Willensbegriff von Arthur Schopenhauer

Zur (modernen) anthropologischen Fragestellung

Zufall und Realität

Bilder zur Welt

Zum Menschsein im IT-Zeitalter

Zum Denken über die Welt(not)

„Moderne“ Denk- und Forschungsbemühungen

Zur Frage nach der Gewissheit (Gottes)

Das geschichtliche Wesen des Christentums im Gegensatz zur Mythologie

Naturwissenschaft und Philosophie (im kirchlichen Kontext)

Zur Problematik von Symmetrien und Symmetriebrüchen

Gedichte – Leuchttürme im Leben

„Wüsten“

Jesus – Alles hat seine Zeit(?)

Epilog

Zur Geschichte der Denker / der Entdecker / der Einsichten

Quellen / Bezüge (Literatur; www)

Zum Autor (Literatur, Kontakt)

Notizen

Blick in die Welt

Räder mit Speichen

Vorbemerkung

„Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?“ Diese drei Grundfragen stellte sich Kant. Sicherlich berühren sie auch die Fragen von vielen Menschen in unserer Zeit.

Verstehen wir die Erde als Scheibe oder Kugel (→ Geoid) und das Weltall als Blase? Haben wir ein Gefühl der Ehrfurcht vor der Unendlichkeit? Oder fürchten wir sie? Ist sie ein Abgrund? Was ist aber das Unendliche? Gibt es Gott oder nicht? Ist das Absolute in der Welt erkennbar? Gibt es eine Realität hinter den uns bekannten Daten, Fakten, Theorien und Modellen? Hat sich Gott in dieser Welt offenbart? Oder ist das gar nicht möglich? Was sagen die Naturgesetze tatsächlich über die Natur und die Welt?

Diese (kindlichen) Fragen stellen sich angesichts des Wissens unserer Zeit. Und die Kantische Frage „Was ist der Mensch?“ wird durch die modernen informationstechnischen Virtualisierungen verkompliziert. Nachfolgend werden Überlegungen vorgestellt, die sich im Rahmen der Klärung der Gegebenheiten ergaben. Im Kern geht es darum, die Verflechtungen von philosophischen und wissenschaftlichen Einsichten zu beleuchten. Von besonderer Bedeutung sind hierbei mathematische Gegebenheiten. Dazu kommen Betrachtungen zu theologischen Aspekten.

Mit dem viertletzten Text (→ „Naturwissenschaft und Philosophie (im kirchlichen Kontext)“) gebe ich einen Einblick in die Verständigungen in der Zeit von 2010 bis 2017 (und dann noch bis 2025) der AG „Philosophie und Naturwissenschaften“, die ich im Rahmen der ev. Gemeinde in Petersberg/Fulda (Hessen) gegründet habe und leite.

Die Beziehungen speziell zu Philosophie und Mathematik werden genannt. Jedoch ist auch zu sehen, dass Bezüge zu psychologischen und soziologischen Einsichten existieren. In gewisser Hinsicht war es eine Suche nach Nahtlinien zwischen getrennten Sphären (Denken / Leben; Gedanke / Sprache; Formel / Experiment etc.), um Bedingungen und Kontexte verstehen zu können.

Die Darlegungen sind hauptsächlich in der Zeit von 2016 bis 2023 entstanden. Alle Texte sind essayartige Zusammenfassungen umfangreicherer Betrachtungen. Jeder Text ist für sich lesbar. Sie kreisen um einen Mittelpunkt – die Suche nach einer Gewissheit.

Mit den Betrachtungen zu Gedichten und „Wüsten“ wird eine Annäherung zwischen Wissenschaft und Philosophie mit der Ästhetik und anthropologischen Gegebenheiten gesucht.

Bezüglich der Quellen, Nachweise und Referenzen siehe S. 130ff.

Die eingefügten Fotos und Gedichte (© Rathgeber) dienen zur Anregung.

„Sobald wir in die Welt eintreten, um eine Zeitlang in ihr zu verweilen, gibt es keine Alternative zu dem Ringen um die Entscheidung darüber, was wir glauben und wie wir leben sollen (…). Sofern wir überhaupt denken, müssen wir uns selbst – individuell und kollektiv – als Wesen begreifen, die die Ordnung der Vernunftgründe nicht erschaffen, sondern ihr unterworfen sind.“ Nagel 1999, S. 210.

Eingang

„Wollte man Leben definieren, so würde man sicher die Leistungen des Gewinnens und Speicherns von Information in die Definition einbeziehen, ebenso wie die strukturellen Mechanismen, die beides vollbringen. In dieser Definition aber wären die spezifischen Eigenschaften und Leistungen des Menschen nicht enthalten. Es fehlt in dieser Definition des Lebens ein essentieller Teil, nämlich alles das, was menschliches Leben, geistiges Leben, ausmacht. Es ist daher keine Übertreibung zu sagen, dass das geistige Leben des Menschen eine neue Art von Leben sei.“ Lorenz 1984, S. 217.

Handlung, Logik, Zeit

Unsere Handlungen, die vom Denken geplant werden können, beziehen sich auf die Welt und verändern diese. Dabei kann eine Kontinuität in der Realität aufgebrochen werden. Unter Beachtung psychologischer und philosophischer Einsichten wird diese Möglichkeit nachfolgend betrachtet.

1 Zur Leere der Welt

„Ein lichter Augenblick – das war’s. (…) Der Rest war bloß Lärm“. Sallis 2009, S. 97.

1.1 Prinzipiell kann jeder mit einem Taschenrechner zeigen, dass ist. Platon konnte dies (wahrscheinlich) nicht beweisen. (Siehe Popper 2006, S. 335ff.) Die Irrationalität der Zahl war Platon bekannt. Sie existiert nicht in der Menge der rationalen Zahlen (|Q). Es liegt eine ‚Lücke’ vor. Inwieweit wird |Q der Realität gerecht? Mit den reellen Zahlen (|R) stellte sich vertieft die Frage zum Status der Unendlichkeit (∞). Platon verband die irrationalen Zahlen mit dem Geheimnis. Gott kann sich im verborgenen Raum aufhalten: Quasi unendlich klein und versteckt mitten in der Welt. Verbindet sich mit der ‚Lücke’ eine ‚Leere’? Nach Popper können sämtliche „Theologien (...) auch als Lehren betrachtet werden, die eine verborgene Wirklichkeit hinter der Erscheinung postulieren“ (Ib., S. 412). Jedoch versprach zumindest die Euklidische Geometrie eine klare und vollständige Realitätsbeschreibung. Doch mit der Entdeckung der nichteuklidischen Geometrien wurde auch diese Einschätzung fragwürdig.

1.2 Wie gestalten sich die Übergänge von ‚etwas’ zu ‚etwas’? Wie kommt man von einer Zahl zu einer anderen, von einem Ton zu einem anderen? Wie ist die Abfolge zwischen den Silben, wie zwischen den Wörtern? Wie verbindet sich das Wort mit der Welt? Wie die Handlungen untereinander? Muss ein gesonderter Akt den Übergang stiften? Auch bei Verträgen bleibt zum Beispiel eine ‚Leere’ im juristisch geregelten Handlungsablauf: Warum überreicht ein „Ladenbesitzer einem die Waren (…), nachdem sie bezahlt worden sind? Warum stecken sie sich das Geld nicht einfach ein?“ (Binmore 2013, S. 118.) Dies führt zum ‚Vertrauensspiel’, zum rationalen Geflecht von Kooperationen und Konflikten.

1.3 Einschub – Sätze, Urteile, Welt: Wörter, Sätze und Theorien beschreiben die Welt. Anderseits geben sie auch Vorgaben für die Welt. Die theoretische Philosophie spricht (1) von deskriptiven (‚Wort-auf-Welt-Ausrichtung’: Aussagen und Feststellungen) und (2) von präskriptiven Gedanken (‚Welt-auf-Wort-Ausrichtung’: Befehle und Aufforderungen) (vgl. Detel 2011, S. 72). Wobei Wittgenstein darauf verweist, dass jede Vorschrift „als Beschreibung, jede Beschreibung als Vorschrift aufgefasst werden“ kann (Wittgenstein 1981, S. 59 (Nr. 14)). Der Realismus geht davon aus, dass sich die Allgemeinbegriffe auf eine Realität beziehen: ‚universalia sunt realia ante rem’. Der Nominalismus versteht die Begriffe dagegen nur als ‚Denkeinheiten’, deren Bezug zur Realität definitiv nicht an sich gegeben ist: ‚universalia sunt nomina post rem’. Kant verstand, ganz im Sinne der nominalistischen Orientierung, Begriffe als Abstraktionen, die der Verstand aus der zusammenfassenden und abstrahierenden Betrachtung der Materialität erlangt hat. Er „sagt, der Begriff sei ein Denkgebilde, eine Abstraktion, die sie gewonnen haben von soundso vielen wirklich seienden zerstreuten Gegenständen, von denen Sie irgendwelche Merkmale festgehalten und zu diesem Begriff abstrahierend verarbeitet haben“ (Adorno 1979, S. 106).

Die Erscheinungen befinden sich bei Kant an der Stelle, an der der Verstandsapparat mit den Daten (‚data‘) der Realität zusammenkommen:

Subjektive Seite‘ der Erkenntnis

Objektive Seite‘ der Erkenntnis

Innerer Bezugspunkt (‚Ich an sich‘)

Äußerer Bezugspunkt (‚Ding an sich‘)

Bild 1: Beziehung zwischen Ich (Subjekt) und Welt (Objekt)

Für Wittgenstein hat ein Wort keine Bedeutung, „die ihm gleichsam von einer von uns unabhängigen Macht gegeben wurde“. Nach ihm hat ein Wort „die Bedeutung, die jemand ihm gegeben hat“ (Wittgenstein 1980, S. 52). Wobei nach Tugendhat zu sehen ist, dass aus sprachanalytischer Sicht die „Relation zwischen dem Zeichen und seinem Gegenstand (…) nicht als Zuordnung“ zu verstehen sei (Tugendhat 1976, S. 478). Die Beziehung zwischen dem Phänomen und dem Wort ist somit nicht nur aus nominalistischer Sicht problematisch. Die begriffliche Widerspruchsfreiheit allein beweist keine Existenz.

1.4 War im katholischen Denken die Welt noch erfüllt mit Engeln und vielfältigen Zwischenwesen, so wird im protestantischen und kritischen Denken eine entleerte Welt gesehen. Trauer und Melancholie können, worauf Benjamin mit Blick auf das Mittelalter hingewiesen hat, die entsprechenden (individuellen) Reaktionsbildungen sein. Wobei nach ihm die Idee, über die die Weltphänomene erst lokalisierbar werden, nicht aus den Weltdaten gefolgert werden kann. Die Ideen repräsentieren nicht bloß das Allgemeine der Phänomene: Sie „sind ewige Konstellationen“ und „die faustischen Mütter“. Die „Wahrheit ist ein aus Ideen gebildetes intentionsloses Sein“ (Benjamin 1977, S. 17, 18, 20). Er nahm eine zentrale Wirklichkeit an, nach der das Universelle bereits im Individuellen, dem Besonderen enthalten sei. In theologischer Orientierung war für Benjamin das Wort bedeutsamer als der Satz und unter Beachtung des Bilderverbots auch als das Bild. Wahrheit hat dabei etwas mit der Übereinstimmung von Wort und Gegebenheit zu tun. Wobei die Wahrheit, wie Adorno hervorhebt, „objektiv und nicht (nur) plausibel“ zu sein hat (Adorno 1982, S. 52).

1.5 Der Nominalismus sieht die ‚Leerstellen’ der Welt und die konstruktiven, assoziativen Ergänzungen des menschlichen Denkens. Die Gegenwart wird „nicht als Dauer begriffen, sondern als punktuelle, jeweils gerade jetzt stattfindende Aktualität“. Es ergibt sich der Zwang, die „Gegenwart von Moment zu Moment zu reproduzieren“ (Luhmann 1979, S. 65). Die Kontinuität (der Welt und des Lebens) wird durch Betrachtungen zur Stetigkeit und Differenzierbarkeit abgelöst. Dies ist der Ansatz der Mathematik. Sie ringt mit der Unendlichkeit und den zum Teil seltsamen Funktionsgegebenheiten. Und sie hat mit den nicht-linearen Beziehungen neuartige Beschreibungen im 20.

Jahrhundert entdecken können. (Siehe Wallace, 2003.) In praktischer Hinsicht muss sich das konkrete Individuum immer wieder neu anstrengen, um eine Einbindung erfahren zu können. Es ergibt sich die psychische Notwendigkeit, die ‚Leerstelle’ zu überwinden. Es kommt zu Handlungen und speziell zu technischen Erfindungen und Tätigkeiten, mit denen die Leerstellen aufgehoben werden sollen. Eine Kontinuität wird kontrolliert realisiert. Die Theorie leitet eine Praxis, die eine Lebenssicherung ermöglichen soll.

Mit Blick auf die vielfältigen philosophischen Denkansätze kann gefragt werden, ob nicht genau dies die Absicht aller Bemühungen ist – unabhängig von der jeweiligen Sprache und Grundorientierung: „Darum sagen die wesentlichen Denker stets das Selbe. Das heißt aber nicht: das Gleiche. Freilich sagen sie dies nur dem, der sich darauf einlässt, ihnen nachzudenken“ (Heidegger 1975, S. 118). Mit der technischen Welt wird eine zweite Welt entwickelt, die uns sichern soll. Die Technik als „Prothese“ (Freud) erweitert den Menschen Zugleich wird der Mensch über die Rückwirkungen und Forderungen verändert und formiert.

2 Handlung und Wille bei Kant

„Kants Philosophie rückt das ganze neuzeitliche Denken und Dasein erstmals in die Helle und Durchsichtigkeit einer Begründung.“ Heidegger 1984, S. 55. „Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen Gegenstand zu beziehen“. Kant 1976, B 304.

2.1 Mit Blick auf die Unterscheidung von Glauben und Wissen arbeitet Kant in der Kritik der reinen Vernunft (KrV) die transzendentalen Bedingungen der Möglichkeit von (exakter) Erkenntnis heraus. Ausgehend von der subjektiven Erkenntnisseite bemüht er sich, die Objektivität der Erkenntnis zu bestimmen.

Er möchte, so Adorno, die Objektivität der Welt retten. (Siehe Adorno 1974b, S. 49.)

2.2 Kant verdeutlicht, dass gesicherte Erkenntnisse nur in der Orientierung an der Mathematik bestimmt werden können. Für ihn ist mit Blick auf die Konstruktion der Begriffe die Vernunfterkenntnis mathematisch. Speziell ist eine „reine Naturlehre über bestimmte Naturdinge (Körperlehre und Seelenleben) [sic!] (…) nur vermittels der Mathematik“ möglich, „da in jeder Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft angetroffen wird, als sich darin Erkenntnis a priori befindet“ und „Naturlehre nur so viel eigentliche Wissenschaft enthalten (wird) als Mathematik in ihr angewandt werden kann“ (Kant 1977, A IX). Nach Kant haben sich „alle Naturphilosophen, welche (…) mathematisch verfahren wollten (…) sich jederzeit (obschon sich selbst unbewusst [sic!]) metaphysischer Prinzipien bedient“. Eine nach ihm „wahre Metaphysik“ wird „dem Wesen des Denkungsvermögens selbst“ entnommen (Ib., S. A XII-XIII).

Das Nachdenken der kritischen Philosophie bewegt sich im Grenzgelände von Denkungsvermögen und Erkenntnisprinzipien. Kant hat nun den Kategorischen Imperativ der (reinen) praktischen Vernunft so beschrieben: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. Mit diesem reinen Grundsatz der praktischen Vernunft geht nach Kant auch eine unmittelbar gesetzgebende Wirkung einher. Dabei ist der Wille für ihn „unabhängig von empirischen Bedingungen“ zu denken. (Kant 1982, S. A 54 (§ 7).) Das Wollen und die Handlungsmaxime werden verknüpft. Sie sind aber nicht identisch: Das Wollen selbst ist gar „kein Handeln“ (Schnädelbach 2012, S. 189). Von Kant wird mit dem ‚jederzeit’ und dem ‚zugleich’ auch ein Bezug zwischen der Zeit, dem allgemeinen Gesetz (im Sinn der Vernunft) und dem nahen Umfeld betont. Er hat auf die Bedeutung der Zeit für die „reine innere Erscheinung“ hingewiesen (Kant 1977, S. A XI). Auch die Fragen zum Verhältnis von Form und Inhalt, zum Bezug der Handlungen zum Ich und der Verknüpfungen zwischen Ethik, Gesetzlichkeit, Logik, Wille und Zeit finden hier ihren Grund.

2.3 Einschub – Mathematik, Logik, Welt: Das Verhältnis von Mathematik und Logik wurde im 20. Jahrhundert unter anderem von Hilbert, Russel und Gödel näher untersucht. Russel und Hilbert identifizierten die Mathematik direkt mit der Logik. Die Zuordnung hängt dabei auch vom Verständnis der analytischen und synthetischen Urteile ab. Mit den synthetischen Urteilen a priori hat Kant eine besondere Einsicht zur Überbrückung der Beziehung von Gesetzen und Phänomenen und zur Erweiterung der Erkenntnismöglichkeiten bestimmt. Das Problem der Selbstbegründung wurde von Gödel analysiert.

Die Beziehung zwischen Mathematik und Seelenlehre wurde auch in der antiken Philosophie thematisiert. Die Seele besitzt einen privilegierten Zugang zu mathematischen Beziehungen: Sie sind wesensmäßig von gleicher Art.

Die moderne Kosmologie beschreibt die Entwicklung des Weltalls unter Verwendung der Mathematik. Sie entfaltet sich als Disziplin zwischen Philosophie und Physik. Sie ist eine wissenschaftlich-rationale Metaphysik. (Siehe Kanitscheider 2012.)

2.4 Kant unterscheidet in der KrV mit Blick auf das Ich: „1. Ich denke / 2. als Subjekt / 3. als einfaches Subjekt / 4. als identisches Subjekt, in jedem Zustande meines Denkens“ (Kant 1976, B 419). Wobei das unter (2) aufgeführte Subjekt nur im logischen Sinne zu verstehen ist. Das ‚Ich denke’ ist der Bezugspunkt für die Konstituierung von Erkenntnis. Das transzendentale Vermögen selbst soll nicht zeitabhängig und nicht variabel sein. Und die Konstruktionsregeln sind nicht individuell empirisch bedingt. Jedoch soll das Regelwerk die zeitlichen Möglichkeiten erfassen. Bezüglich der Logik unterscheidet Kant folgende Orientierungen: (1) formale Logik als subjektive Logik: Lehre vom richtigen Schließen; (2) Logik im Sinne einer objektiven Theorie der Wahrheit; (3) transzendentale Logik (=> Suche nach den Bedingungen im subjektiven Bewusstsein). Diese drei ‚Problemtitel’ sind miteinander vermittelt. (Vgl. Adorno 1979, S. 72f. Die objektive Logik wird – so Adorno – bei Hegel dann zur Metaphysik (Siehe Adorno 1974b, S. 90).) Die Betrachtungen von Kant zur transzendentalen Deduktion (Kant 1976, A 84ff.) und zum Schematismus der Begriffe (Ib., A 137ff.) wurden zum Ausgangspunkt der Bemühungen, die innere Verzahnung der Denkformen mit der Realität und die (vermeintliche) Abhängigkeit des Denkens von der Sprache zu bestimmen. Der innere Zeitsinn ermöglicht die regelorientierte Verknüpfung zwischen Begriffen und die Bezüge zur Realität. In unserer Zeit führt dieses Nachdenken zur Frage nach der ‚Bedeutung der Bedeutung’ und zur Erkundung des ‚logischen Raums der Gründe’ gemäß Wilfrid Sellars. Erkennt die Empirie einen nicht empirisch erklärbaren Erkenntnisanteil? Wird so die reine Vernunft gegen psychologisch-soziologische Nivellierungen verteidigt? Weiterhin wurden die bildlichen und sprachlichen Verarbeitungsbereiche entdeckt. Die Relativierung der Erkenntniseinsichten durch eine einseitige Abhängigkeit von sprachlichen Beziehungen konnte wohl überwunden werden.

Die „allgemeinsten Formen des Denkens (…) hängen von keiner Einzelsprache ab“ (Nagel 1999, S. 59).

Kann der Mensch den Grund der Logik verstehen? Bei Heraklit lag zum Beispiel die Überzeugung vor, dass der Alltagsmensch „die Wahrheit über den lógos nicht“ verstehen kann (Schnädelbach 2012, S. 136). Folgt der „gesunde Menschenverstand“ einer anderen Logik als zum Beispiel „die Metaphysik“? (Jonas 1993, S. 62.) Während Kant in der KrV bezüglich der Erkenntnismöglichkeiten den inneren Regel-Mechanismus ergründete, ergibt sich mit der Kritik der praktischen Vernunft (KpV) vorrangig eine Betrachtung zur Zielausrichtung des Handelns. Auch die vom konkreten Ich gestalteten Handlungen stehen wie sein konkretes Denken in zeitlichen Bezügen.

2.5 Nachtrag – Einschätzungen uns Einsichten mit Blick auf das Kantische Denken: Nach Kant führt die KrV „zur Wissenschaft“ (Kant 1976, B 22). Schiller hatte frühzeitig bei der Verständigung mit dem Kantischen Denken eine Brücke zwischen den Instinkten und Gedanken, eine Verbindung von Form und Inhalt und von Pflicht und Neigung gefordert: Eine vollständige anthropologische Schätzung des Menschen verlangt nach ihm, dass „mit der Form auch der Inhalt zählt“ (Schiller 1986, S. 12 (Vierter Brief)). Schelling identifizierte als Grund der Realität das Chaotische und Regellose. Von ihm wurde, so Schulz, als Erstem erkannt, dass der Wille „von der Vernünftigkeit“ abgelöst ist (Schulz 1980, S. 377). Es öffnete sich die Abgründigkeit der Welt. Der Verstand kann nach ihm den Gegensatz von Wille und Vernunft nur in Ansätzen überbrücken. Es führt zur Frage, ob es reale oder nur logische Gegensätze sind. (Siehe Glockner 1980, S. 598.) Hegel bedachte die Abgrenzung endlicher Größen von unendlichen. Für ihn ist es so, dass das Absolute schon irgendwie und -wo in dieser Welt sein muss: Wenn „es nicht an und für sich schon bei uns wäre und sein wollte“ (Hegel 1973, S. 56).

Weiter heißt es bei Hegel: „Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege die Erinnerung der Geister, wie sie an ihnen selbst sind und die Organisation ihres Reiches vollbringen. Ihre Aufbewahrung nach der Seite ihres freien in der Form der Zufälligkeit erscheinenden Daseins, ist die Geschichte, nach der begriffenen Organisation aber die Wissenschaft des erscheinenden Wissens; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewissheit seines Thrones, ohne den er das leblose Einsame währe; nur - aus dem Kelche dieses Geisterreiches schäumt ihm seine Unendlichkeit.“ (Ib. S. 446f.) Heidegger bemerkt dazu: „Die Wissenschaft der Phänomenologie des Geistes ist die Theologie des Absoluten hinsichtlich seiner Parusie im dialektisch-spekulativen Karfreitag. Hier stirbt das Absolute. Gott ist tot. Das sagt alles andere, nur nicht: es gibt keinen Gott“ (Heidegger 1980, S. 198). „Die Phänomenologie des Geistes ist die Parusie des Absoluten“ (Ib., S. 201).

Kripke sieht in unserer Zeit, dass bei Kant eine grundlegende Konfusion zwischen den metaphysischen und erkenntnistheoretischen Implikationen der Urteilssätze vorliegt. Notwendigkeit ist ein metaphysischer Begriff. In den Bereich der Erkenntnistheorie gehört das Apriori. Wissen a priori kann somit empirisch, auch durch Raten und Erkunden, gefunden werden. Es gibt nach Kripke „sowohl kontingente Wahrheiten a priori als auch notwendige Wahrheiten a posterori“ (Stegmüller 1986b, S. 315 und vgl. S. 327). Nach Schnädelbach kann die Vernunft wohl generell nicht erfassen kann, was „gut und was böse ist“ (Schnädelbach 2012, S. 128 und S. 154). Und das Gute selbst ist (so die These von Moore) gar nicht definierbar. Die Grundannahme der klassischen Metaphysik, dass das Seiende, Wahre und Gute austauschbar sind, sogar dasselbe sind („Ens et verum et bonum convertuntur“), wurde mit bzw. nach Kant fragwürdig (Ib., S. 174). Habermas sieht angelehnt an Foucault in Kant einen „Vorläufer der Junghegelianer, der als erster (…) die Philosophie vom Wahren und Immerseienden abzieht und auf das konzentriert, was (…) bis dahin als das Begriffslose und Nicht-Seiende, als das schlechthin Zufällige und Flüchtige gegolten hat“. Er hat die „stochastische Denkweise“ bereits mit seinem (Spät-)Werk vorbereitet (Habermas 1996, S. 127). Und für Kant selbst ist für die Vernunft nicht die „Notwendigkeit, sondern die Zufälligkeit (…) unbegreiflich“ (Kant 1979, S. 620). Der absolute Zufall selbst wird dann bei Hegel angedacht. (Siehe Henrich 1971, S. 159.) In der „Wissenschaft der Logik“ hat Hegel, so Adorno, den Aspekt des Zeitkerns der Logik bzw. der Wahrheit herausgestellt: „Wahrheit (…) hat als solches einen Zeitkern“. (Adorno 1974a, S. 42). Der zeitlich eingebundene menschliche Verstand kann dies erkennen bzw. denken!

3 Handlungen

„Das Denken handelt, indem es denkt“. Heidegger 1992, S. 4 Vielleicht „hat der bisherige Mensch (…) bereits zu viel gehandelt und zu wenig gedacht“.; Heidegger 1975, S. 53.

3.1 Handlungen bezeichnen bewusste menschliche Aktivitäten und beachten naturwissenschaftlich-technische Kausalgegebenheiten wie auch Aspekte zukünftiger Möglichkeiten und Realitäten. Insofern kommt es im Zusammenhang mit Handlungen zur Verknüpfung von vielfältigen Facetten. Die Grenzziehung zwischen Verhalten und Handeln bleibt ein Problem. Der Begriff Handlung ist „kein einfacher Begriff“. Er ist analysierbar. (Schnädelbach 2012, S. 178.)

3.2 Weber hat in der Schrift ‚Soziologische Grundbegriffe’ Verhalten und Handeln unterschieden: „§ 1. Soziologie (...) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Verhalten deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ‚Handeln’ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder inneres Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden“. Unter Sinn wird von Weber der tatsächliche oder „subjektiv gemeinte Sinn“ verstanden. (Weber 2005, S. 3 (§ 1).) So ergibt sich ein Zugang zum Subjektbegriff. Graumann hat in den 1970er Jahren in Bezug zur Systemtheorie bemerkt, dass das Verhalten „mit vier Kriterien ausgestattet (sein muss), damit es Handeln genannt werden darf. (1) Es ist zielorientiert. (2) Es findet in Situationen statt. (3) Es ist normativ reguliert.

(4) Es impliziert Energieverbrauch“ (Graumann 1980, S. 17).

3.3 Orientiert an Danto (vgl. Schnädelbach 2012, S. 178) sei folgende Handlungsstruktur (Bild 2) angenommen: Im Bereich von S1 (Positionen A-1 und A-2) verhandelt das Subjekt – zum Teil unbewusst – seine inneren Vorstellungen mit sich selbst. Das Subjekt bedenkt Probehandlungen, die revidierbar sind. Sie werden vorläufig nicht aktualisiert. In diesem Bereich denkt das Subjekt auch verkürzt und energiesparend in Form von ‚Skripten’. Bilder und Wörter sind wie Fahnen, die auf näher zu analysierende Aspekte hinweisen, ohne dass sie vollständig aufgelöst werden. Quasi sind es ‚Merker’ für Problemstellen. Aktivitäten für mögliche Welten werden entworfen, deren Wirkungen und Folgen eventuell nur stochastisch orientiert abgeschätzt werden können.

Bild 2: Handlungsstruktur

Es kommt im Bereich von S2 zu einer Aktion (Position A-3), die auch realisiert wird (Pos. A-4). Ausgehend von A-4 wird das Ergebnis erfasst. Es kann analysiert werden, sofern geeignete Instrumente und Modelle zur Verfügung stehen. Im Bereich von S3 wird deutlich, welche mentale Konzeption das Geschehen insgesamt leitet. Mit den Positionen A-3 bis A-6 kommt es zu einem Realitätszugriff. Durch die Konkretisierung der Handlungsidee wird eine Differenz in die Welt gebracht, die zur Folge hat, dass Vergangenheit (Dokument) und Zukunft zu unterscheiden sind. Es wird ein ‚Jetzt-Punkt’ (bzw. ‚Jetzt-Bereich’) zwischen Vergangenheit und Zukunft gesetzt. Eine Handlungsrevision ist nur noch begrenzt möglich. (So müssen zum Beispiel im Straßenverkehr die Gegebenheiten vorausschauend beurteilt werden.) Die ursprüngliche Symmetrie im Zeitablauf wird gebrochen. Dies kennzeichnet bewusste Handlungen gegenüber den rein inneren Probehandlungen. Dieser Übergang entspricht in gewisser Hinsicht in der menschlichen Psyche dem Übergang vom Traumgeschehen zum bewussten Denken. Die Dynamik unbewusster Fantasien beeinflusst jedoch die Intentionsausbildung. Bereits bei A-1 ergeben sich Probleme. Das empirische Subjekt wägt verschiedene Überlegungen (Motive) ab, die im Rahmen von Projektionen und Probehandlungen erkundet werden. Hierfür benötigt das Subjekt Zeit. Die Zeitlänge muss begrenzt bleiben. Ansonsten würde das reale Subjekt in einer Schleife hängen bleiben und den Realitätsbezug bzw. sich selbst verlieren. Durch die Aktualisierung der Intention ergibt sich ein Anschluss zur Realität. Motive, Interessen, Neigungen, Empfindungen und Stimmungen führen zur Herausbildung einer (einheitlichen) Intention. In die Ausdifferenzierung spielen Ideen, normative Vorgaben, ökonomische Kontexte und Bewertungen etc. hinein. Doch das Denken kann sein Wollen (siehe Schelling) nur begrenzt vernünftig beeinflussen. In gewisser Hinsicht kommt es hier zur späteren Rationalisierung der Handlungsgründe. Die einzelnen Handlungen können aus Teilhandlungen aufgebaut besteht, die jeweils für sich zu betrachten sind. Ist das Zusammenfügen eine eigene Handlung? Auch die Nachbetrachtung und Reflexion auf die Gründe kann als Handlung verstanden werden. Handlungen modifizieren die Abläufe der Realität. Sie folgen normativen Vorgaben und beschreiben musterartig Entwicklungen. Die Kausalbeschreibungen der Natur, die deskriptiver Art sind, sind in gewisser Hinsicht selbst als Handlungen zu verstehen. Kausal- und Handlungsvorstellungen sind verknüpft. Wer ist aber tatsächlich das Subjekt? Im Kontext der Theorien kann der Subjektbezug näher betrachtet werden. Die Spieltheorie fragt zum Beispiel nach den subjektlosen Intentionen. (Vgl. Binmore 2007, S. 10.)

3.4 Ergänzung: Hingewiesen sei auf die Beziehungen zwischen Kommunikation und Handlung und den zugehörigen Theorien (vgl. Luhmann 1987, S. 191-241). Die Kommunikationsansätze reflektieren bewusst den Handlungssinn. In expressiver Art werden die Orientierungen und Deutungen unserer postmodernen Realität und die Offenheit der Zukunft thematisiert. Eine schematische Bezogenheit der Handlungen auf ‚industriell’ vorgedachte Sinnzusammenhänge wird vermieden. Wobei dies zu Betrachtungen zum Verhältnis der Selbsterkenntnis zum Selbstbewusstsein geführt hat (vgl. Schnädelbach 2012, S. 124f.). Erinnert sei, dass Husserl das ‚reine Bewusstsein’ bedacht hat. Ihm ging es darum, mit der ‚inneren Wesensschau’ jenseits der „Zufälligkeit des Faktischen und Individuellen“ das zu erkennen, „was für alle Subjekte gleichermaßen gilt“ (Jonas 1993, S. 11). Davon ausgehend wurde die Leiblichkeit des Menschen und speziell von Heidegger das Dasein bedacht.

So wurde der „finale Charakter allen Subjektseins“ herausgehoben (Ib., S. 17). Die Subjektivität des Menschen bleibt aus der Sicht von Jonas für die Naturwissenschaften rätselhaft, gerade weil sie „von Zielen und Zwecken spricht“ (Ib., S. 34).

3.5 Handlung, Subjekt, Zeit: Bereits die kantische Feststellung, dass „das Urteil (…) die mittelbare Erkenntnis eines Gegenstandes, mithin die Vorstellung einer Vorstellung derselben“ (Kant 1976, B 93) ist, erklärt die Bemühungen, die Subjekt-Objekt-Beziehung näher zu bestimmen. Dabei ist die im Rahmen der Transzendentalphilosophie unbewusst vorausgesetzte „strukturelle Allgemeinheit und Gleichheit von Subjektivität“, wie Schnädelbach ausführt, unhaltbar. Sie beruht auf „uralten Irrtümern“ (Schnädelbach 2012, S. 105 und S. 107). Diese Einsicht ist bedeutsam, da das „Kantische ‚Ich denke’, das individuelle Einheitsmoment, (…) immer auch das überindividuelle Allgemeine“ erfordert (Adorno 1982, S. 146). Somit wird ein Befund präsentiert, der die Möglichkeit des Kantischen Denk- und Systemansatzes in Frage stellt. Kant selbst hat – so Schnädelbach – „bereits eine Theorie der Selbstreferenz mithilfe indexikalischer Ausdrücke“ entwickelt (Schnädelbach 2012, S. 101).

3.6 Ausgehend von der Frage, ob „die Subjektivität der Selbstreferenz als Struktur der Objektwelt“ zu begreifen ist, überlegt Luhmann, ob die „Zeitdifferenz selbst der Schlüssel zum Problem“ sein kann. (Luhmann 1980, S. 52 und S. 53. Der Bezug von Ding- und Zeichenwelt ist nicht abschließend geklärt.) Bereits Fichte erkannte, dass das Ich und die in sich zurückkehrenden Handlungen völlig identische Begriffe sind. (Vgl. Luhmann 1980, S. 52.) Für Wittgenstein ist das Subjekt nur eine Grenzgröße. Aus den Handlungstheorien folgt, dass Handlungen „keine Prozesse, sondern Ereignisse“ sind. „Prozesse ergeben sich erst durch die Verknüpfung einer Mehrzahl von Handlungen“. Die subjektive Sinnbestimmung, die nicht nur nach Weber für die Handlungsbestimmung notwendig ist, führt zur Frage, wie sich diese Sinnvorgaben von Handlung zu Handlung vermitteln. Es zeigt sich, dass sie – „der Moment, das Ereignis, die Handlung“ – ihren „Halt in der Zeit“ verlieren (Luhmann 1980, S. 38, S. 39 und S. 57). Nicht nur mit den Handlungstheorien wird insofern die Zeit als Grundproblem der Möglichkeit menschlicher Existenz und des Wissens erkennbar. Luhmann thematisiert, dass die „Träumerei mehr als bloßes Verweilen im Augenblick“ ist. Sie kann als „konzentriertes Handeln zur Ausschaltung des Handelns“ bzw. des Handlungsdrucks verstanden werden! Erst durch den Druck, die Zeithorizonte selbst zu organisieren, entsteht ein Zwang, über das Handeln Zukunft und Vergangenheit zu bestimmen. Das Handeln wird nach diesem Verständnis zu einer „Notwendigkeit der Zeit selbst“ (Luhmann 1979, S. 69 und S. 64). Über das Handeln sollen Zukunft und Vergangenheit getrennt werden. Der Mensch kann dieser Notwendigkeit nicht entgehen. Das träumende Subjekt findet einen Ort abseits dieser Anforderungen. Die Tagträume (Träumereien) nehmen wohl eine Stellung zwischen dem unbewussten Traumgeschehen und den zielorientierten Handlungswelten ein. Von daher kann ein Blick auf das Subjekt gelenkt werden, um zu klären, wer oder was uns leitet. Dies auch deshalb, weil der „Begriff des Subjekts (…) vielleicht nur ein Aggregatbegriff für ungelöste Theorieprobleme“ ist (Luhmann 1980, S. 32. Vgl. auch Ib., S. 50).

3.7 Der Blick auf psychoanalytische Erfahrungen zeigt, dass gerade die Zeitwahrnehmung eine besondere Rolle bei individuellen Verletzungen, Störungen und Beeinträchtigungen besitzt. So bemerkt Rohde-Dachser bezüglich der Depressionen bei Borderline-Patienten: „Das Gefühl, allein zu sein, lädt sich dabei ununterscheidbar mit den Schreckenserinnerungen der Vergangenheit auf, die wieder gegenwärtig werden, so als ob die Zeit – zumindest im individuellen Kontext – stehen geblieben wäre.“ (Rohde-Dachser 2010, S. 867.) Mit der Auflösung der tragenden Kontinuität von der Geburt bis zum Tod wird auch die vermeintliche Schicksalshaftigkeit des Lebens aufgebrochen: „Aus seiner Haut aber kann jeder heraus, denn keiner trägt sie bereits“ (Bloch 1980, S. 1090).

3.8 Nach Weizsäcker gibt „ein Satz, der eine Handlung ausspricht, eine andere ontologische Struktur“ wieder „als einer, der ein Eidos von einem anderen prädiziert“. Nach ihm führt dies zu einer zeitlichen Beschreibung der Gegebenheiten und somit zu einer „zeitlichen Logik“ (Weizsäcker 1981b, S. 97).

Die Mathematik stellt sich mögliche Handlungen vor. Mathematik wird hierbei als Operationslehre verstanden, die ihre Prozesse offenlegen kann. Insofern verschwindet der mathematische Prozess nicht einfach hinter einem Ergebnis. Die Mathematik kann in dieser zeitlichen Welt Universalien entdecken.

3.9 Handlung und Kausalität: Mit den Beschreibungen der Natur und den Handlungsbestimmungen gehen kausale Annahmen einher. Die Physik orientiert sich heutzutage an der ‚causa efficiens’. (Siehe Heidegger 1985, S. 8.

Dazu tritt ergänzend die Orientierung am „Prinzip der kleinsten Wirkung“ (Stöltzner 2012, S. 342). Zu nennen ist weiterhin die Beachtung von Symmetriegegebenheiten. (Vgl. auch Abschnitt 5.)) Zugleich wurde innerhalb der Physik als leitende Disziplin der Naturwissenschaft zunehmend das Nahfeldkonzept favorisiert. In Spannung dazu steht die von Kant im Rahmen der KpV herausgestellte Bedeutung der Zielorientierung des Handelns, die ihren Ausdruck in der ‚causa finalis’ findet. Sie behält mit Blick auf ethische Problemstellungen ihre Bedeutung. (Vgl. Stegmüller 1986a, S. 104.) Es geht um die ‚Welt-auf-Wort’-Beziehung. Bei der Bestimmung der Handlungsziele und der möglichen Realisierungsschritte ist dieser Kausalitätsaspekt zu beachten.

Auch mit Blick auf die Gesamtfolgen der modernen Technik ist das Fragen im Sinne der ‚causa finalis’ relevant. Wobei hier auch vernetzte Kausalstrukturen bedacht werden. Letztlich kommt es zu Überschneidungen zwischen naturwissenschaftlichen und sozialen Bezugswelten. Kultur und Natur werden über technische Handlungen und systemische Beschreibungen verknüpft und vermittelt. (Das Kochen verbindet zum Beispiel die soziale und natürliche Dimension des Menschen.) Die ‚causa efficiens’ leitet die naturwissenschaftlichen Orientierungen. Gefragt wird, ob die ‚causa finalis–Überlegungen’ über Betrachtungen zur ‚causa efficiens’ eingelöst werden können. In der Quantenphysik werden die Vorstellungen von lokalen Verursachungen problematisch. Es wird nachgedacht, ob zum Beispiel quantenmechanische Phänomene über die Annahme von final wirkenden Beziehungen erklärt werden können. Und Nagel hofft, worauf Tetens hinweist, auf „einen tiefgreifenden Wandel unseres Verständnisses der fundamentalen Naturgesetze“ in der Art, „dass wir in Zukunft wieder eine nicht-theistische Spielart teleologischer Naturgesetze und eine Art von Panpsychologismus werden zulassen müssen“ (Tetens, 2015, S. 28). Aktuell spielt die ‚causa finalis’ jedoch keine prominente Rolle in den Denkorientierungen der Naturwissenschaften. Wright bemerkt, dass sich „die Zielgerichtetheit generell mit Hilfe einer (…) Verkettung von Kausalsystemen erklären“ lässt (Wright 1984, S. 28). Auch Weizsäcker sieht, dass ein „Gegensatz zwischen kausaler und finaler Determination des Geschehens in Wahrheit nicht existiert“ (Weizsäcker 2002, S. 148). Systemische Betrachtungen zeigen, dass Verhaltensweisen in Systemen auftreten können, die wir als final verursachte verstehen können, die jedoch ohne übergreifendes Plankonzept innerhalb lokaler Gegebenheiten geleitet werden. (Mathematisch erinnert dies an die Frage zur Beziehung zwischen Integralprinzip und lokalen Differentialgleichungen. Feynman sprach sogar davon, dass „das Licht entscheidet“. (Siehe Stöltzner 2012, S. 344. Zum Zusammenspiel von Differenzial- und Integralgleichung siehe Schulz 2006, S. 38f.) An einem Beispiel der Genetik hat Weber die Problematik der Kausalitätsbestimmungen (Weber 2016, S. 46) näher betrachtet.)

3.10 „Bei den Aspekten der Teleologie, die von kybernetischen Erklärungen, die einem Gesetzesschema der Erklärung entsprechen, erfasst werden, handelt es sich, glaube ich, primär um die Aspekte, bei denen keine Intentionalität im Spiel ist. Unter den Dingen, denen Intentionalität zugeschrieben wird, nehmen Handlungen einen besonders wichtigen Platz ein“ (Wright 1984, S. 33). Unstrittig ist, dass Handlungen mit intentionalen Entscheidungen verbunden sind. Nach Nagel ist jedoch eine „naturalistische Analyse der Intentionalität“ nicht möglich „und es lassen sich auch keine im Sinne des Naturalismus hinreichenden Bedingungen für sie angeben. Weder durch eine physikalische noch durch eine phänomenologische Beschreibung ist sie in den Griff zu bekommen“ (Nagel 1999, S. 64). Zu fragen bleibt, ob dies auf eine ungenügende Naturalismus-Konzeption hinweist. Die Natur rechnet eventuell anders als der Mensch. („Eine Mathematik, die in der Physik fruchtbar wäre, (…) existiert bisher nicht“ (Weizsäcker 2002, S. 166). Bloch überlegt, ob mit der Quantenmechanik deutlich wird, dass „Anfänge und Grundlagen der Welt noch objektiv zu alogisch sind, um konkret verstehbar zu sein“ (Bloch 1985, S. 344). Ja, ist die Physik selbst ein Wahnsystem? (So Weizsäcker 1982, S. 113.) Zu anderen Mathematikkonzeptionen siehe: Randall 2006.)