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Der Autor entwickelt Wesensmerkmale für eine neue Gesellschaft, die gegen den verharrenden Zustand der Selbstzerstörung gerichtet sind. Er greift dabei auf die Ideen von Heleno Sana, welcher in seinem Werk " Die verlorene Menschlichkeit", die Befreiung der Menschheit und die Herbeiführung einer humanistischen Gesellschaftsordnung beschreibt.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2017
Alexander Brün
Deutung der Lehren Rousseaus für unsere Zeit
Alexander Brün
Wissen, Glauben, Handeln– Deutung der Lehren Rousseaus für unsere Zeit
ISBN: 978-3-7345-4989-2 (Paperback)
ISBN: 978-3-7345-5089-8 (Hardcover)
ISBN: 978-3-7345-5090-4 (e-Book)
© Verlag TREDITION, 2016 (Nachdruck der 1. Auflage 2008)
Alle Rechte liegen beim Autor/Herausgeber. Kopie, Abdruck und Vervielfältigung sind ausschließlich mit schriftlicher Genehmigung des Autors/Herausgebers gestattet. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung verändert, reproduziert, bearbeitet oder aufgeführt werden.
Im zunehmenden Maße wird heute für jeden philosophisch denkenden Menschen der grundlegende Zusammenhang zwischen der Philosophie einerseits und den Glaubensansichten der Religionen in der Frage der Weltanschauung andererseits deutlich. Der ewige Streit von der Anerkennung eines ursprünglichen Prinzips, sei es die Materie oder der Geist, führte in der Philosophie zu den beiden Hauptrichtungen, dem Materialismus und dem Idealismus. Auf der Woge der Metaphysik, die der Materialismus nach außen hin bestreitet, beschworen beide Richtungen ihre Wissenschaftlichkeit in der Weltanschauung und stehen bis heute in einem unüberbrückbaren Gegensatz zueinander. Die Religionen werden von ihnen als blinder Glaube angesehen und für phantastisch erklärt. Die Metaphysik führte jedoch zu keinen wissenschaftlich fundierten Aussagen über die Welt, und es war nur eine logische Schlussfolgerung, wenn sich immer mehr neuzeitliche Philosophen mit den Kernfragen von Wissen und Glauben und der Religion beschäftigen.
Die grundsätzliche Verurteilung des Glaubens in der Weltansicht durch Aristoteles, trotz seiner realistischen Ansicht über die Welt, führte zu vielen Verirrungen in den philosophischen Ansichten. Immer mehr wurde die menschliche Vernunft herausgefordert, die eine Bindung zwischen Wissen und Glauben sah und im Zuge der Aufklärung sich eine Religionsphilosophie herausbildete. Ihr hauptsächlichster Sinn war, die Religion unabhängig von einer übernatürlichen Offenbarung philosophisch zu begründen.
Durch Kritik an der Metaphysik und infolge des Fortschreitens der Naturwissenschaften kam es zur Infragestellung religiöser Anschauung, die auf Tradition und ihren Dogmen beruhte. Aber schon die chinesische Religion, insbesondere der Konfuzianismus, trug religionsphilosophischen Charakter und ging von einer teleologisch verstandenen Vernunftnatur des Menschen aus. Konfuzius war es auch, der die Grundsätze für den späteren und durch Rousseau begründeten religiösen Realismus schuf. Mit der Einbindung des Gewissens, als eine göttliche Stimme, in die Vernunft des Menschen und seinem eindeutigen Bekenntnis zur Realität dieser Welt durchbrach er die Kluft zwischen Wissen und Glauben und schuf damit eine gläubig verehrende und ethisch orientierte Weltansicht.
Die von uns gefühlte göttliche Macht offenbart sich sehr anschaulich in den Gesetzmäßigkeiten der realen Welt und ihrer Harmonie.
Auch der Naturwissenschaftler fühlt diese uns überlegene Vernunft und erweist seine Demut zu dieser göttlichen Macht in einem religiösen Glauben, der seiner Vernunftserkenntnis entspricht. Auch Aristoteles fühlte diese göttliche Macht, nur wollte er sie mit Hilfe der Metaphysik nachweisbar machen. Diese göttliche Macht ist aber für uns Menschen nicht nachweisbar. Wahre philosophische Weisheit wird stets Wissen und Glauben im Blick auf das höchste Sein dieser Welt beinhalten und aus dieser Einsicht heraus seine Aussagen für den Menschen und sein Handeln treffen. Nur der aus dem Wissen geborene Glauben, der Vernunftsglauben, gibt uns die Orientierung für ein rechtschaffenes und glückliches Leben auf dieser Welt.
Wissen, Glauben und danach Handeln, das ist der Inhalt der natürlichen Religion, der aus der Vernunft des Menschen entspringt und ihm den wahren Sinn des Lebens gibt. Realität ist immer wahr, sie kann aber gut und auch grausam sein. Es liegt in der menschlichen Vernunft, dieses zu erkennen und dank der göttlichen Eingebung, durch das Gewissen, in freier Entscheidung den richtigen Weg zu wählen. Gewissen ist nach Rousseau Instinkt, unsterbliche und himmlische Stimme, die den Menschen gottähnlich macht. Reale Welt und Glaube an Gott bilden keinen Widerspruch. Diesen Zusammenhang sah auch Einstein als größtes Genie des 20. Jahrhunderts. Seine von ihm erklärte kosmische Religion bildete den Zusammenhang von realer Welt und der über uns waltenden überlegenen Vernunft, die er als Gott ansah. Diese über uns waltende überlegene Vernunft ist für uns Menschen wissenschaftlich nicht nachweisbar, aber dafür durch unsere Vernunft als zuversichtlicher Glaube in uns fest verbunden. Aus diesem Glauben heraus erwächst auch dem Menschen in erster Linie die WertvorStellung über diese Welt, die ihn zu einem wahren ethischen und humanistischen Menschen macht. Die Stellung des Menschen in dieser realen Welt ergibt sich aus der Vereinigung von Geist und Materie als denkendes und schöpferisches Wesen Gottes, und die Frage der Weltanschauung wird immer eine Frage des Glaubens sowohl für den Gottesgläubigen wie Atheisten sein.
Ohne Sinn für das Unendliche, für das Göttliche, ist endliches Leben im Grunde sinnlos. Die Maxime elementarer Menschlichkeit gelten in allen großen Weltreligionen und sollten auch durch ihre Institutionen stets im Blickpunkt der Weltverantwortung stehen. Der Ethos der Welt sollte, wie nach Küng, die Religionen trotz ihrer unterschiedlichen Glaubensansichten im Ringen um eine friedfertige und humane Welt vereinen. Der Religionsfriede ist dringend erforderlich, damit der Welt der Friede erhalten werden kann. Der von Rousseau entwickelte religiöse Realismus, auf der Grundlage der natürlichen Religion, ist durchdrungen von der Idee zur Toleranz mit allen Religionen sowie des Humanismus in seiner Einheit von Weltanschauung, Ethik und der sich daraus ergebenden politischen Konsequenz für die Staaten der Welt. Ausgehend von dieser Tatsache entwickelte Rousseau seine Ideen vom Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag beinhaltet in Anlehnung an die Ansichten von Aristoteles die Grundideen eines humanistischen bürgerlichen Sozialstaates. Rousseaus Grundidee von der Gesellschaft und der Stellung des Menschen in der Gesellschaft basiert auf der Überzeugung, dass die soziale Ordnung nicht das Ergebnis einer historischen Evolution noch von Gesetzen, die außerhalb des Menschen wirken, sondern ein Akt individueller Willensäußerungen ist, die durch einen Gesellschaftsvertrag verbunden werden muss. Die Grundideen eines humanistischen bürgerlichen Sozialstaates können heute nur auf den von der UNO definierten und proklamierten Menschenrechten und Pflichten zur Geltung kommen. Alle Überlegungen von Rousseau münden in der festen Überzeugung, dass Menschlichkeit nur in der wahren Hinwendung des Menschen als Geschöpf zu Gott, seinem Schöpfer, sich durchsetzen wird. Eine Glaubensentscheidung kann nicht außerhalb rationaler Prüfung und gegen die Vernunft gefällt werden.
Wissen und Glauben bilden in der Vernunft eine Einheit und das Wirken der Menschen in dieser Welt muss stets von der Vernunft getragen sein. Die humanistischen Ideen der Aufklärung haben nicht, wie es im Lehrbuch zur Geschichte der Philosophie behauptet wird, den bestehenden Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft verschärft, sondern der Religion ihren gebührenden Platz neben Vernunft und Wissenschaft zugewiesen. Die zukünftige Gesellschaft wird, wie Herder es richtig feststellte, ihre höchste Vollendung in der Humanität und Religion finden. Religion aber als Glaubensansicht wird niemals zu einer Einheitsreligion führen. Ihre Gemeinsamkeit kann aber nur auf der Grundlage der Humanität, die fest in der Vernunft des Menschen eingebunden ist, Bestand haben. Die heutige Welt schreit förmlich nach der Verwirklichung der humanistischen Ideen der Aufklärung. Der menschliche schöpferische Geist hat solche Höhenzüge in Wissenschaft und Technik erreicht, dass sein Potential nicht mehr länger für globale Ausbeutung der Menschen und Zerstörung der Natur sowie der Aufrüstung genutzt werden darf. Der Geist muss über diese zerstörerische Macht siegen und die Politik auf die Durchsetzung der allseitigen Menschenrechte und der Erhaltung des Weltfriedens hinwirken. Das Gewissen, die göttliche Stimme, ermahnt uns zu dieser Vernunft.
Mit der Herauslösung des Menschen aus dem Tierreich im Zuge der biologischen Evolutionsgeschichte in ihren vielfältigsten Formen vollzog sich die Entwicklung des menschlichen Denkens und damit der menschlichen Kultur, Religion und Philosophie.
Auf die einzelnen geschichtlichen Etappen der Menschheitsgeschichte soll hier nicht eingegangen werden, sie sind in den Bänden zur Weltgeschichte allseitig dargestellt worden. Der gewordene Mensch hat seine geistigen Fähigkeiten bis zur heutigen Höhe vollzogen. Bezeichnend ist jedoch, dass schon in den ersten Stufen des primitiven Menschen, mit dem Schaffen von Artefakten zur planvoll gestaltenden menschlichen Produktion sich Kunst und Religion entwickelten. Schon in der entfernsten Zeit des primitiven Menschen sind Kunstgegenstände der Malerei sowie Schnitzkunst in faszinierender Ausdrucksform dargestellt worden. Im Zuge der Freude am künstlerischen Schaffen sind religiös-kulturelle Motive entstanden, die auf die Anfänge religiösen Glaubens hinweisen. Stark ausgeprägt war der Glaube an Geister, der Opfer für eine Gottheit und an ein Jenseits.
Für die menschliche Entwicklung in allen seinen Phasen, von der Steinzeit bis zur heutigen modernen Gesellschaft, war die geistige Potenz die entscheidende Grundlage, auf der sich seine Fertigkeiten zur Erlangung materieller Güter und seines kulturellen und geistigen Lebens entwickelten. Die humane Evolutionsphase, das Tier-Mensch-Übergangsfeld, geht um eine Million Jahre zurück. Mit der Ingebrauchnahme der einfachsten Werkzeuge begann die humane Evolution, die bis zur Zivilisation unserer Tage sich vollzieht.
Treffend wird dieses dokumentiert im Buch der Weltgeschichte durch Gerhard Heberer, indem er feststellt: „Ein Gerät ist mehr als ein Werkzeug. Werkzeuggebrauch bei Tieren ist häufig, zum Teil verknüpft mit komplizierten angeborenen Verhaltensweisen (Instinktmechanismen). Wenn aber ein Instrument für bestimmte Tätigkeiten final und zukunftsbezogen hergerichtet ist, also artifiziell gestaltet und vielleicht auch wiederholt benutzt worden ist, dann liegt ein Gerät und damit eine humane Leistung des Gehirns vor; denn ohne adäquates Gehirn wäre die Hand allein nicht in der Lage, intentionell etwa einen Stein mit einer Schneidekante zu versehen. Affenhände tun das nicht." [1] S. 129
Generell stellt er fest, dass es nur einen sicheren Weg gibt, den Ursprung der Menschheit geographisch und zeitlich zu fixieren; durch die Erforschung der kulturellen Güter, die unsere Vorfahren hinterlassen haben. Bei der Betrachtung der menschlichen Entwicklung und des Denkens, als entscheidendes Attribut des Fortschritts in der gesellschaftlichen Entwicklung, ist die Frage des Bewusstseins, des Selbst und der Seele von entscheidender Bedeutung.
Die Unterscheidung zwischen der geistigen und der physikalischen Welt sind auch die unterschiedlichen Kerngedanken in den beiden philosophischen Weltanschauungen des Materialismus und des Idealismus. Die physikalische Welt ist durch Beobachtung jedem zugänglich, die geistige Welt hat keine materiellen Objekte und ist ausschließlich nur in Gedanken zugänglich.
Paul Davies erklärt in seinem Buch [2], dass unser Gedankenuniversum nicht von physikalischen Universum losgelöst, sondern fest mit ihm verbunden ist. Umgekehrt wirkt die geistige Welt durch das Phänomen des Willens auf die physikalische Welt. Dass der Geist nicht ein Produkt der Materie ist, hat insbesondere die Diskussion um die „künstliche Intelligenz" eindeutig herausgestellt. Der Geist ist keine physikalische Substanz, sondern eine Art ätherisch schwer zu fassende Substanz. In diesem Streit der Philosophen zum Dualismus bildeten sich die strengsten Extreme heraus, der Materialismus und der Idealismus. Dazu sagt Davies: „Das eine Extrem ist der Materialismus, der die Existenz des Geistes ganz und gar bestreitet. Dem Materialismus sind geistige Zustände und Vorgänge nichts als physikalische Zustände und Vorgänge ...
Das andere Extrem finden wir in der Philosophie des Idealismus, die behauptet, die physikalische Welt existiere nicht; alles sei Wahrnehmung. Mir scheint die dualistische Theorie dem Trugschluss zu erliegen, dass sie eine Substanz heranzieht, um etwas zu erklären, was in Wirklichkeit ein abstrakter Begriff und kein Gegenstand ist." [2] S. 114
Das Leib-Seele-Problem beschäftigt besonders in jüngster Zeit viele Philosophen und Theologen, aber auch in immer stärkerem Maße die Naturwissenschaftler. Die bisherige Forschung auf dem Gebiet des Gehirns lässt keine Aussage zu, dass seelische Zustände in einer physikalischen Beschreibung des Gehirnzustandes automatisch enthalten sein müssen. Die meisten Gehirnphysiologen und auch Philosophen halten die Annahme eines immateriellen Bewusstseins des Menschen für unumgänglich. Daher ist die gefasste Definition über den Geist im Bertelsmann-Lexikon am wahrscheinlichsten, dass der Geist im Wirklichkeitsbereich neben der Materie, das belebende, beseelende, immaterielle Prinzip im Menschen und in allen Dingen, eine besondere Seinstufe ist. Wie schon erwähnt, setzt sich mit dieser Problematik von Geist und Seele besonders der Physiker Davies auseinander. Er meint, dass es in der geistigen Welt keine materiellen Objekte, sondern ausschließlich Gedanken gibt. Unser Gedankenuniversum ist nicht vom physikalischen Universum um uns herum losgelöst, sondern fest mit ihm verbunden. Alle neueren Erkenntnisse der Naturwissenschaft weisen eindeutig darauf hin, dass die scharfe kartesianische Unterscheidung zwischen Geist und Materie nicht länger aufrechterhalten werden kann. Immer mehr Geisteswissenschaftler, aber auch Naturwissenschaftler kommen zu der Ansicht, dass der Urquell und Urkern der Natur Geist ist und die für uns sinnlich erscheinende reale Welt die Verleiblichung des Geistes ist.
In Verabsolutierung der sinnlich erscheinenden realen Welt als Verleiblichung des Geistes kommt man sehr schnell zu der metaphysischphilosophischen Annahme, wie es besonders Scheler getan hat, indem er den Geist als den Urgrund allen Seins erklärt und jede theistische Voraussetzung leugnet. Wörtlich erklärt er dazu: „Von vornherein ist nach unserer Anschauung Mensch- und Gottwerdung gegenseitig aufeinander angewiesen." [3] Neben den vielen guten Erkenntnissen über die Rolle und das Wesen des Menschen durch Scheler ergeht es jedoch jedem Metaphysiker, der den Logos des Menschen über die göttliche Vernunft stellt und damit auch den wahren Theismus, der sich im philosophischen Glauben kundtut, negiert, in reine subjektive Spekulationen, die er angeblich wissenschaftlich zu begründen glaubt. Der Kosmos, das Universum der Natur, ist die Materialisation des Geistigen und damit auch des Göttlichen. Von diesem Grundgedanken ausgehend kommt Einstein, den Davies unter den Wissenschaftlern denselben Rang zuspricht, wie ihn der Heilige Paulus unter den Christen innehatte, zu seiner kosmischen Religion. Er betont, dass auch alle religiösen Genies durch diese kosmische Religiosität ausgezeichnet waren, die keine Dogmen und keinen Gott kennt, der nach dem Bild des Menschen gestaltet wäre. Die Naturwissenschaftler haben die Erkenntnis des Menschen und zugleich seine Macht über die Natur in außerordentlicher Weise gesteigert. Sie führen aber nicht zur Lösung des Welträtsels über den Geist, es bleibt nach wie vor ein Glaube, ein Vernunftsglaube. Dieser Glaube aber gründet sich auf ein fundiertes Wissen über viele Zusammenhänge, die mit diesem Problem in Verbindung stehen und auch zum Teil durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse begründet sind, sie bilden den Kern der religiösen, aber zugleich realen Weltanschauung.
Diese Weltanschauung ist nicht identisch mit der Naturwissenschaft selbst, sondern sie ist nur eine gewisse Deutung und Bewertung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis und ihrer Ergebnisse. In dieser Weltanschauung ist für metaphysische Ansichten kein Platz vorhanden. Die grundsätzliche Aussage über die negative Rolle der Metaphysik im wissenschaftlichen Denken durch Rousseau ist durch nichts zu widerlegen.Alle Versuche vieler Philosophen, der Metaphysik in ihren Ansichten über das Sein eine wissenschaftliche Existenz zu verleihen, sind gescheitert.
Rousseau sagt: „Die allgemeinen und abstrakten Ideen sind die Quellen der größten Irrtümer der Menschen. Niemals ist durch das Gerede der Metaphysik eine einzige Wahrheit entdeckt worden; aber es hat die Philosophie mit Ungereimtheiten angefüllt, deren man sich schämt, sobald man sie ihrer Großsprecherei entkleidet." [4] S. 285 - Die meisten real denkenden Philosophen der Aufklärung lehnten die Metaphysik als wissenschaftliche Methode im geistigen Schaffen ab. Sie negierten keineswegs die Religion. Ihre Absicht war es lediglich, der Religion ihren gebührenden Platz neben Vernunft und Wissenschaft zuzuweisen.
Welthistorisch gesehen entwickelten sich zuerst die Religionen, die am Anfang viel stärker die Komponente kosmischer Religiosität, wie sie besonders im Buddhismus und Konfuzianismus zum Ausdruck kamen, in sich trugen. Erst später vervollständigte sich die Philosophie als eigenständiges Gebiet außerhalb von Theologie und religiöser Lehre. Jede Philosophie hatte zur Aufgabe, mehr oder weniger eine geschlossene Weltanschauung mit den Ansichten über die Welt, die Natur, den Menschen und die Gesellschaft zu interpretieren. Dabei stand immer im Vordergrund die Frage nach dem Verhältnis von Geist und Materie. Nach 3 000 Jahren des Philosophierens und der damit verbundenen Versuche, positive Gottesbeweise zu erbringen oder die Nichtexistenz eines Gottes nachzuweisen, sind bisher immer gescheitert. Alle metaphysischen Spekulationen über Gott, Unsterblichkeit, Unendlichkeit u. a. gingen nicht auf. Die Vernunft des Menschen erwartet jedoch auf diese Fragen, wenn keine wissenschaftlich begründeten, so jedoch einsichtbare Erklärungen, die ihnen für ihr Weltbild und damit ihr praktisches Wirken in dieser Welt einen Halt geben.
Es gibt zwar eine Unterscheidung zwischen der Philosophie und der Theologie, dennoch sind religiöse Fragen nach wie vor das zentrale Thema fast aller idealistischen wie realistischen Philosophien. Wir müssen auf die Grundaussagen von Philosophie und Theologie zurückgehen, um ihre Gemeinsamkeiten zu verstehen. Diese Gemeinsamkeiten beruhen in erster Linie auf der sogenannten Ersten Philosophie nach Aristoteles und der theologia naturalis als Wissenschaft von Gott, die sich auf die natürliche Erkenntnisfähigkeit des Menschen beruft. Wichtig ist dabei, dass diese Theologie eine Wissenschaft ist, die die religiösen Glaubensaussagen systematisch reflektiert und entfaltet und somit den wahren philosophischen Glauben oder auch Vernunftsglauben beinhaltet. Die Erste Philosophie von Aristoteles erkannte keinen Glauben in der Wissenschaft an und erhob die Metaphysik zu einer Wissenschaft als einen Weg zur Erkenntnis des Seienden, insofern es ein Seiendes ist. Dieses erste und eigentliche Prinzip, welches nach seiner Auffassung stets das Bewegte bewegt und selbst unbewegt ist, ist ewig und göttlich. Die Metaphysik wurde zur ersten Wissenschaft erhoben und die Mathematik, Naturwissenschaft und Theologie waren für ihn nachgeordnete und betrachtende Wissenschaften. Wobei er schon damals nicht umhin kam, der Theologie den Vorzug vor den beiden anderen zu geben, weil sie sich mit dem Ehrwürdigsten aller Dinge, nämlich Gott beschäftigte.
Aristoteles fühlte eine göttliche Macht, die alles in dieser Welt bewegte, und wollte sie mit Hilfe der Metaphysik nachweisbar machen. Aus dieser inneren Einsicht gebar er den mystischen Realismus. Diesen Nachweis glaubte er mit Hilfe des menschlichen Logos führen zu können und lehnte auch daher jeden Glauben und daher auch jede Religion ab. Aristoteles scheint damals nicht den Ausspruch des Begründers des religiösen Realismus von Konfuzius gekannt zu haben, der sagte, dass er sich einen Menschen ohne Glauben nicht vorstellen konnte. Es war aber auch Konfuzius, der schon damals jede von einer Metaphysik getragene Weltansicht ablehnte. Die Apriorieinsicht beim Menschen, die eine Funktion des menschlichen Geistes ist und das kreative Denken des Menschen beflügelt, darf nicht zur geistigen Überheblichkeit und reinen Spekulation führen. Zur absoluten wissenschaftlichen Erkenntnis über Gott und die Welt wird der Mensch nie gelangen. Dieses Geheimnis ist von Gott ihm in seinem eigenen irdischen Interesse auferlegt worden.
Die philosophische Theologie erkennt die Grenzen der menschlichen Vernunft an und versucht mit Hilfe der Wissenschaft, einsichtbare Erkenntnisse aus der Natur heraus in glaubwürdige Bekenntnisse zur göttlichen Vernunft zu finden. Göttlichkeit ist nur im philosophischen Glauben, dem Vemunftsglauben zu erfassen. Philosophische Weisheit beinhaltet Wissen und Glauben im Blick auf das höchste Sein dieser Welt.
Im Unterschied zur philosophischen Theologie gründet die Offenbarungstheologie ihre Aussagen über Gott auf die von Gott her ergangene Offenbarung. Die reine Schrifterforschung der heiligen Bücher von Propheten der einzelnen Offenbarungsreligionen verkörpert nicht den wahren Sinn der Theologie. Eine Theologie, die jegliche evolutionäre Entwicklung in der Welt leugnet, steht im Widerspruch zur Wissenschaft und damit auch der Vernunft des Menschen, die eine Gabe Gottes ist. Der Jesuitenpater und Wissenschaftler Pierre Teilhard de Chardin, der versuchte, den christlichen Glauben mit der neuen evolutiven Sicht von Kosmos und Leben zusammen zu deuten, fand wenig Gehör beim Klerus.
Der religiöse Realismus, mit dem Grundgedanken der natürlichen Religion, ist die wahre philosophische Theologie und die Weltanschauung eines freien und vernunftsbegabten Menschen. Nach Herder ist der Mensch zur Humanität und Religion gebildet und nach seiner Auffassung ist daher die erste und letzte Philosophie immer Religion gewesen. In der Weltansicht machte sich die materialistische Philosophie dieses Problem viel einfacher, indem sie die Materie als das Ursprüngliche betrachtet und die Welt aus sich selbst zu erklären versucht. Obwohl sie ihre Ansichten als die einzig wahren und daher als wissenschaftlich begründet dar stellen, verfallen sie in Wirklichkeit in die größten Spekulationen und leiten daraus gefährliche Ansichten über die Welt, den Menschen und die Gesellschaft ab. Gleichwohl sie die Metaphysik in ihren philosophischen Darlegungen strikt ablehnen, sind jedoch ihre grundsätzlichen Aussagen in ihrem Kern rein metaphysisch und daher spekulativ. Den Materialisten sei die Feststellung von Moewes ins Stammbuch geschrieben: „Vielleicht äußert sich gerade im Nicht-Glauben die Religiosität der Aufklärung. Aber glauben, dass man nicht glaubt, ist auch glauben. [71] S. 103
Ihre überhebliche Feststellung, dass der Idealismus stets auf Seiten der Religion und der Materialismus auf Seiten der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft, steht, führte gerade in der Zeit der Aufklärung zu vielen Verwirrungen bei angesehenen Persönlichkeiten in Wissenschaft und Kultur. Der Materialismus lehnt jeglichen religiösen Glauben ab und steht daher in seinem Wesen der Religion feindlich gegenüber. Ihre vom Materialismus abgeleiteten ethischen Grundsätze für die Gesellschaft sind in der heutigen Zeit, ausgehend von den gesammelten praktischen Erfahrungen, als eindeutig überholt anzusehen.
Infolge der kulturellen und geistigen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und des damit verbundenen Fortschreitens des philosophischen Denkens entwickelt sich die dritte Hauptsäule in der Philosophie, der Realismus. Im Gegensatz zum Idealismus, bei dem die Wirklichkeit der Welt die Ideen sind, und zum Materialismus, bei dem die Erklärung der Welt vom Verhältnis der Körper untereinander benutzt und der Bereich des Geistigen als ein abgeleitetes Phänomen begriffen oder gar nicht behandelt wird, vertritt der Realismus einen Wirklichkeitsstandpunkt mit der Anschauung, dass das begriffliche Allgemeine auch außerhalb des menschlichen Denkens existiert und wirklich ist.
Nach von Gleich und Mellinger in ihrem Werk „Die Wahrheit als Gesamtumfang aller Weltansichten" [5] ist der philosophische Realismus Ausfluss einer seelischen Gleichgewichtshaltung des erkennenden Menschen, welche es möglich macht, den beiden Seiten des Universums gleichermaßen gerecht zu werden. Sie betonen, dass der echte Realist von einseitigen Spiritualisten leicht zum Materialisten und von einseitigen Materialisten als Spiritualist betrachtet wird, weil er beide Seiten des Daseins gleichermaßen umfasst und somit die gegensätzlichen Standpunkte zum Ausgleich bringt.
Diese Weltauffassung ist aber für sie nicht Mystik. Aber sie hat mit der Mystik das gemein, dass sie die objektive Wahrheit nicht als etwas in der Außenwelt Vorhandenes betrachtet, sondern als etwas, das sich im Inneren des Menschen wirklich ergreifen lässt.
Die Seelenhaltung der Mystik ist die Grundvoraussetzung für das einheitliche Erkenntnisleben des Realismus. In diesem Zusammenhang spricht man auch von einem mystischen Realismus, den auch nach ihrer Meinung Aristoteles vertrat. Es gibt eine vom menschlichen Denken unabhängige Wirklichkeit, die aber im Denken erkennbar ist. Der naive Realismus setzt diese Erkundbarkeit uneingeschränkt voraus, während der kritische Realismus eine Reinigung der Wahrnehmung von bloß subjektiven Momenten fordert. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert überzog das realistische Denken viele philosophische Strömungen, leidet aber noch immer unter den Nachwirkungen des kantischen Subjektivismus.
Infolge der vielen Spekulationen, besonders im Spektrum der Metaphysik, ist die Philosophie heute als wissenschaftliche Disziplin mehr denn je in ihrer Existenz gefährdet. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften haben ihr ein breites Spektrum des traditionellen Arbeitsfeldes entzogen. Besonders der klassische Teil, die so genannte Erste Philosophie, die das „Seiende als Seiendes" zu untersuchen hatte und von Aristoteles auch „Metaphysik" genannt wurde, führte zu keinen wissenschaftlichen fundierten Aussagen über die Welt. Es ist daher nur eine logische Schlussfolgerung, wenn sich immer mehr die neuzeitliche Philosophie mit den Kernfragen vom Wissen und Glauben und der Religion beschäftigt. Am weitesten vorangeschritten ist auf diesem Gebiet der kritische Realismus, der jedoch, um wissenschaftlich zu erscheinen, einer so genannten deduktiven Metaphysik eine Existenz einräumt. Mit der Kritik an der Metaphysik und den Erkenntnissen aus der Naturwissenschaft bildete sich im Zuge der Aufklärung eine Religionsphilosophie heraus, die die Frage nach der religiösen Wahrheit mit den Mitteln des Denkens und der Vernunft zu beantworten versuchte. Es bildeten sich im Zuge dieses religiösen Einflusses auf die Philosophie solche Standardbegriffe wie Vernunftsglaube und philosophischer Glaube heraus. Jaspers begründet die neue Erfahrung in der Eigenständigkeit der PhiloSophie so: „Philosophie ist nicht Wissenschaft im Sinne der modernen Wissenschaften. Philosophie ist Erkennen nicht im Sinne der Allgemeingültigkeit für jeden Verstand, sondern ist Denkbewegung der Erhellung des philosophischen Glaubens." [6] - Seit jeher hat die Religion eine wichtige Rolle in der Geschichte der Philosophie gespielt. Im philosophischen Denken des Ostens ist beides kaum unterscheidbar. Wenn auch die großen Philosophen der Antike und des Ostens die Lehre von Göttern bestritten, sahen sie eine äußere Macht oder einen Urgrund, der außerhalb des Weltgeschehens existiert, und der mystische Gedanke war immer zugegen.
Grundsätzlich hatten Religion und wichtige Philosophierichtungen, außer der materialistischen Philosophie, stets eine enge Beziehung zueinander. So wie sich die großen Religionen in zwei Gruppen unterscheiden, die östliche in „Religionen des ewigen Weltgesetzes" und die westliche in die „geschichtliche Gottesoffenbarung", so teilten sich auch die philosophischen Strömungen auseinander. Selbst in der Zeit der Aufklärung löste sich die Philosophie nicht endgültig aus ihren religiösen und theologischen Beziehungen. Wenn man die Grundzüge der Philosophie der Aufklärung richtig betrachtet, dann war es auch nicht ihr Ziel, sich von der Religion schlechthin zu trennen, sondern den Glauben mehr an das Wissen herauszuführen. Die Zeit der Aufklärung wird nach der griechischen Antike und der Renaissance mit vollem Recht als eine neue Morgendämmerung und als eine der erfolgreichsten Epochen der westlichen Philosophiegeschichte angesehen. Es war René Descartes, der diese neue philosophische Etappe einleitete und die Vernunft des Menschen aus dem Halbdunkel der Religion erhob. Descartes wird als der Stammesvater der modernen Philosophie angesehen. Mit seinem philosophischen Denken leitete er die Ära der Aufklärung ein, um die Philosophie aus dem Dunkel der Scholastik herauszuführen. Er knüpfte an die antike Philosophie von Platon und Aristoteles an und stellte die Vernunft in den Mittelpunkt seiner philosophischen Betrachtungen. Jedoch beruhte die menschliche Vernunft für ihn auf einer strikten Trennung von Geist und Körper, die nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht mehr zu vertreten ist. Wie Aristoteles verfolgte auch er die Auffassung, dass Gott als eine Substanz, die unendlich und unabhängig von allem Seienden ist, existiert. Dieses unendliche Wesen war für ihn höchst vollkommen und im höchsten Grade wahr und notwendig. [7] Als Metaphysiker hoffte er mit Hilfe der Vernunft das Wesen Gottes zu erkennen und damit einen philosophischen Gottesbeweis zu liefern. Wie Aristoteles lehnte er jeden religiösen Glauben an Gott ab und war der Begründer eines mystischen Rationalismus, der auch den Realismus in sich einschloss.
Diesem mystischen Rationalismus folgten in der Denktradition von Descartes auch Spinoza und andere Philosophen der Aufklärung.
Das Anliegen jedoch der meisten Philosophen dieser Zeit war es, nicht die Religion zu negieren, sondern den Glauben näher mit der Wissenschaft und Vernunft zu verbinden. Die Warnung der großen Philosophen dieser Zeit war stets darauf gerichtet, sich nicht auf Grund der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse von Gott zu entfernen. Sie wiesen aber gleichzeitig auch darauf hin, dass Glaube nicht allein auf Tradition beruhen darf. Er muss ständig im Ringen mit der Wissenschaft seine Aktualität bewahren und das seelische Gleichgewicht erhalten. Dieser Aufgabe widmete sich besonders Kant, der als großer Verehrer der Ideen von Rousseau sich den Fragen von Wissen und Glauben zuwandte. Leider wurde sein Wirken im Hinblick auf die Theorie „vom Ding an sich" und damit doch der Abkehr vom Realismus dieser Aufgabe nicht gerecht. Kants größter Fehler war, dass er sich auch nicht von der Metaphysik trennen konnte. Wissen und Glauben bilden eine Einheit und sind in der Weltanschauung durch metaphysische Ansichten nicht in Einklang zu bringen. Rousseau war der Begründer einer neuen Religionsphilosophie, mit seinen klaren Aussagen zur natürlichen Religion und damit dem wahren Glauben, den man heute den Vemunftsglauben oder philosophischen Glauben nennt. Wenn auch die Philosophen aller Schattierungen, einschließlich der Materialisten, durch die Ideen von Rousseau sich stark angegriffen fühlten und ihn zu negieren versuchten, sind seine Ideen unsterblich. Sein oberstes Prinzip war, dass ein Geisteswissenschaftler sich niemals dem Modetrend und der Käuflichkeit unterwerfen darf und nur seinem Gewissen folgen muss. Neben seiner Weltanschauung und seinem Glauben achtete er jeden Glauben an Gott, ganz gleich welcher Konfession, wenn er aufrichtig und ehrlich ist und nicht in Fanatismus ausartet und damit der Menschheit schadet. Er sah es als eine große Dummheit an zu behaupten, dass die Welt nicht eine teleologische Entwicklung hat, weil sie so viel Leid und Elend bewirkt. Jeder Prozess hat seine Geburtswehen und der der Menschheit erst recht. Gott schuf für alle irdischen und überirdischen Prozesse seine Gesetze. Nur der Mensch kann sie dank seiner Intelligenz nutzen. Ob sie zu seinem Wohl gereichen, bedarf es jedoch der Vernunft. Jeder Verstoß oder Missbrauch seiner Gesetze bringt dem Menschen nur Unheil. Wunder gibt es in der Natur nicht, weil sie außerhalb der Gesetze stehen würden und daher Unsinn bedeuteten.
Wenn diese Welt nicht von einer göttlichen Vernunft, nach Einstein der uns überlegenen Vernunft genannt, geleitet wird, dann ist diese Welt sinnlos und jedes vemunftsbegabte Lebewesen ein Nichts. Es ist doch heute keine unumstößliche Behauptung mehr, dass alle bedeutenden Naturwissenschaftler von Galilei bis Einstein ehrfürchtige und religiöse Menschen waren. Nur ihre religiösen Ansichten waren mit dem Offenbarungsglauben schwer vereinbar. Sie waren aber tolerant und ließen jede Glaubensansicht, wenn sie von tiefer innerer Einsicht geprägt war, gelten. Die Frage nach der Existenz Gottes stand immer im Mittelpunkt der wichtigsten Religionen und Philosophien. Damit einher geht die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Wissen und Glauben zu den Grundproblemen über das Sein. Zu einseitig wurde diese Thematik sowohl in der Theologie als auch in den beiden Hauptrichtigen der Philosophie, dem Idealismus und dem Materialismus, behandelt. Jegliche Religion verinnerlicht in sich gläubig eine verehrende Anerkennung bestimmter transzendenter Mächte, die sowohl in persönlicher als auch unpersönlicher Gestalt angenommen werden. Die heutigen fünf großen Weltreligionen lassen sich in zwei entscheidende Gruppen unterscheiden, in die Religionen des ewigen Weltgesetzes und der geschichtlichen Gottesoffenbarung. Wichtig dabei ist, dass alle diese Religionen vom Ursprung her ethische Hochreligionen sind. Dazu sagte Glasenapp in seinem Buch „Die fünf Weltreligionen" folgendes: „Die ethischen Hochreligionen verbinden diese Überzeugung mit dem Glauben an eine sittliche Ordnung der Welt; dieser Glaube findet in der Vorstellung von einer sittlichen Verantwortung für das Handeln, von einer gerechten Vergeltung allen Tuns und von der Möglichkeit eines Fortschritts zur höchsten Vollkommenheit seinen Ausdruck." [8] S. 9 - Im Kern eines jeden Glaubens steht die ethische Komponente, die sittliche Verantwortung für das Handeln eines wahrhaft gläubigen Menschen im Vordergrund. Diesen ethischen Grundsätzen müssten sich heute alle religiösen Würdenträger wieder bewusst werden und ihr Handeln danach ausrichten. Der Fundamentalismus ist heute die größte Gefahr für alle diese ethischen Hochreligionen; sie müssen daher zu ihren eigentlichen Grundsätzen zurückkehren und den Religionsfrieden sichern.
Keine Religion hat das Recht, sich zur einzig wahren Religion zu erklären und Andersgläubige zu Gottlosen und Feinden der Menschheit zu verdammen. Nach wie vor ist das Anliegen der Philosophie, aber auch der Religionen, nicht nur Weltansichten zu begründen, sondern auch nach ihren ethischen und politischen Grundsätzen gesellschaftliche Ordnungen zu deuten. Die antike Philosophie, besonders durch ihren Wortführer Platon, verteidigte die Sklavenordnung und sah deren „Demokratie" als die ideale Staatsform an. In der Zeit der Scholastik unter der Dominanz des Katholizismus, wo die Philosophie als Magd der Offenbarungstheologie fungierte und der Papst als der einzige Repräsentant Gottes auf Erden angesehen wurde, begleiteten deren politische Grundsätze die Ordnung der Leibeigenschaft in der gesamten Epoche des Feudalismus. Mit der Aufklärung begann eine neue Morgendämmerung der Zivilisation, die weittragende philosophische Erkenntnisse brachte und dem aufstrebenden Bürgertum die ihnen angemessene philosophische Richtung, den Liberalismus, schenkte, der fortan zur Leitphilosophie des Kapitalismus wurde. Die wahren Grundsätze der Aufklärung, die eine demokratische und humanistische GesellschaftsOrdnung beinhalteten, kamen jedoch nicht zum Tragen. Auf dem Fuße der Aufklärung folgte jedoch die langersehnte Idee der Materialisten, die Idee des Kommunismus.
Im Taumel dieser atheistischen Philosophie folgten ihre Ableger, die Anhänger des so genannten Dynamismus. Zu diesem Dynamismus vertreten von Gleich und Mellinger [5] mit vollem Recht die Auffassung, dass mit dem Dynamismus als Weltbild auf Dauer zu leben es unmöglich sei. Man stirbt seelisch an ihm und büßt sein Menschentum ein. Der Dynamismus betrachtet die Menschenseele nicht als vernunftserfüllte, moralisch verantwortliche, freie Persönlichkeit, sondern nur als naturhaftes Geschlechts- und Gattungswesen. Sie betonen, dass Antihumanismus und Nihilismus die praktischen Lebenskonsequenzen des Dynamismus sind und immer zu einer düsteren Weltansicht und zum Pessimismus neigen. Für sie steht fest, dass der böse Dämon des Dynamismus das deutsche Volk verführt und vergewaltigt hat. Typische Vertreter dieser Philosophierichtung sind für sie Hobbes, Schopenhauer, Dühring, Nietzsche und Wagner. Ihre Einschätzung zum Dynamismus besteht zu vollem Recht, dabei war es der Nihilismus, der die theoretische Grundlage für den Faschismus bildete. Alle letztgenannten so genannten modernen Philosophierichtungen und ihre Ableger, als Folge der nichtbewältigten Aufklärung, müssen heute als hoffnungslos kompromittiert und überholt angesehen werden. Aus den bitteren Erfahrungen der Geschichte sind heute hohe ethische Anforderungen sowohl an die Philosophie als auch Religion gestellt.
Die Ideologieströmungen, verstanden als ein gebundenes System von Weltanschauungen und Wertungen, widerspiegeln sich, wie bereits dargelegt, nicht nur in philosophischen, sondern auch in religiösen Ansichten. Besonders gefährlich werden solche Ideologieströmungen, wenn sie zu alleinigen Wahrheitsansichten deklariert und der Versuch unternommen wird, sie mit allen Mitteln in der gesellschaftlichen Praxis durchzusetzen. Dazu zählen besonders in unserer Zeit der marxistische Materialismus, der Liberalismus sowie der islamische Fundamentalismus und der Klerikalismus.
