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In Wo wir sprechen zeigt Djamila Ribeiro neue Perspektiven auf die Intersektionalität von Rassismus, Klassismus und Sexismus auf. Aus der Perspektive des Schwarzen Feminismus behandelt sie Problematiken und kritisiert Dynamiken, die mit westlich-wissenschaftlich orientierten und dominierten Formen von Wissen und Wissenschaft einhergehen. Ribeiro hebt die Bedeutung von Wissensformen und -beständen hervor, die in innovativer Weise in Schwarzen / afrodiasporischen /afrolateinamerikanischen soziopolitischen Widerstandsbewegungen entstehen und von mehrfach Marginalisierten ausgehen und weitergetragen werden. Djamila Ribeiro ist eine der bedeutendsten Stimmen des modernen afrolateinamerikanischen Feminismus. Herausgegeben von Inajá Wittkowski, Jamila Adamou und Ana Graça Correia Wittkowski Mit Beiträgen von Inajá Correia Wittkowski, Jamila Adamou und Ana Graça Correia Wittkowski.
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Seitenzahl: 104
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Djamila Ribeiro
Wo wir sprechen.
Schwarze Diskursräume
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar
Eigentumsvorbehalt:
Dieses Buch bleibt Eigentum des Verlages, bis es der gefangenen Person direkt ausgehändigt wurde. Zur-Habe-Nahme ist keine Aushändigung im Sinne dieses Vorbehalts.
Bei Nichtaushändigung ist es unter Mitteilung des Grundes zurückzusenden.
Djamila Ribeiro
Wo wir sprechen.
Schwarze Diskursräume
1. Auflage 2022
ISBN 978-3-96042-832-9
© edition assemblage
Postfach 27 46 | D- 48041 Münster
www.edition-assemblage.de
Herausgeberinnen: Jamila Adamou, Ana Graça Correia Wittkowski, Inajá Correia Wittkowski
Übersetzung: Inajá Correia Wittkowski
Umschlag: Camilla Ridha
Satz: Carina Büker | edition assemblage
Lektorat: Jamila Adamou, Nora Langenfurth
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Vorworte
Danke
Einführung
Ein wenig Geschichte
Die Schwarze Frau: Andere des Anderen
Was sind Schwarze Diskursräume?
Jede:r hat einen Diskursraum
Glossar
Bibliographie
Eine Übersetzung ist wie ein tausendteiliges Puzzle, das abhängig davon, wann und wie versucht wird, es zu lösen, ein anderes Bild ergibt. Wir haben dieses Puzzle aus unserem Raum als Schwarze Frauen in Deutschland heraus gelöst und freuen uns, den Leser: innen in Deutschland aus unserer Perspektive einen kleinen Einblick in die Weiten lateinamerikanischer Wissensbestände geben zu dürfen. Dabei war es uns besonders wichtig, den Text möglichst unverfälscht – und nicht europäisiert – wiederzugeben.
Inajá Correia Wittkowski
Als einzige in ihrer Familie lesen und schreiben zu können war der größte Stolz meiner Großmutter, die als Wäscherin arbeitete. Nun bin ich hier, eine in Deutschland lebende Schwarze Frau aus Salvador da Bahia, Migrantin in Deutschland, so bewegt sich mein Körper in Zeit und Raum ohne zu akzeptieren, weniger Respekt zu bekommen als alle anderen, die in dieser Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Lesen und schreiben habe ich auch lernen dürfen und genieße es, eine der Herausgeberinnen dieser Arbeit zu sein.
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Schwarze Frauen solche Chancen bekommen, auch nach so vielen Jahren feministischer Bewegungen. Darum erfreut es mich ungeheuer, dass wir es geschafft haben, das Buch von Djamila Ribeiro im deutschsprachigen Raum zu veröffentlichen. Es ist keine leichte Aufgabe gewesen, aber wir wussten, dass es Zeit war, hierzulande einen feministischen Diskurs aus dem sogenannten globalen Süden zu veröffentlichen. Wir, drei Schwarze Frauen, haben uns dabei auch gestärkt und verstärkt, diese Stärke teilen wir mit allen Leser: innen, und das hier ist nur der Anfang.
Ana Graça Correia Wittkowski
Die Idee zur Übersetzung dieses Buches entstand während der Besuche von Djamila Ribeiro in Frankfurt/Main in den Jahren 2018 und 2019. Diese Besuche versammelten viele verschiedene Akteur: innen aus der Afro-Diaspora in Deutschland. Als Übersetzerinnen und Herausgeberinnen war und ist es uns wichtig, in Form transkontinentaler Dialoge die Wissensbestände und Widerstandsformen, die intellektuelle und aktivistische Wissensproduktion insbesondere von Frauen der Afro-Diaspora in den Ländern Mittel- und Südamerikas in Europa und Deutschland sicht-, hör- und lesbar zu machen.
Als Nachfahrin starker, kluger und sensibler Frauen – einer Schwarzen Großmutter, die als sog. formale Analphabetin als eine der ersten und wenigen Frauen ihrer Generation große soziale und politische Macht innehatte und deren großer Wunsch es war, lesen, schreiben und studieren zu können und einer weißen deutschen Großmutter, die als eine der ersten und wenigen Frauen ihrer Generation Humanmedizin studierte und darin promovierte – bin ich froh, demütig und dankbar angesichts der Privilegien, an dieser Übersetzung und Veröffentlichung mitwirken zu können.
Uns ist als Übersetzerinnen und Herausgeberinnen die besondere Verantwortung und Herausforderung bewußt, Übersetzungen zwischen verschiedenen geographischen und soziopolitischen Kontexten und verschiedenen zivilgesellschaftlichen und aktivistischen Bewegungen authentisch und kritisch zu gestalten. Deshalb haben wir uns in Achtsamkeit, Solidarität und Respekt vor dem Original und seinen spezifischen Bezugsräumen weitgehend an die Worte und die Wortwahl des Originaltextes gehalten. Wir hoffen, damit einen möglichst authentischen Text zu gestalten, der angesichts von Unterschieden zu konstruktiven Debatten und neuen Formen von Austausch einlädt.
In Zeiten, in denen viele von uns sich in virtuellen und realen Filter- und Gesellschaftsblasen bewegen und sich (Schein-)Debatten gefiltert durch Algorithmen vollziehen, ist es wichtiger denn je, Impulse für Austausch, Dialog und (Selbst-)Reflexion zu geben und Räume zu schaffen, in denen sog. Marginalisierte ihre Erfahrungen, Realitäten und Expertisen in ihren Worten ausdrücken, schreiben, sprechen, teilen.
Wo wir authentisch sprechen, entstehen neue Räume des Spiegelns, des Erkennens, des Achtens und des (Mit-)Fühlens, neue Formen von Wahrheit, Solidarität und Empathie.
Jamila Adamou
Der Originaltitel dieses Buches lautet Lugar de fala – Diskursräume. Ein enigmatischer Titel. Nicht, weil es ein unverständliches oder schwer definierbares Konzept wäre, sondern weil es uns dazu bringt, über seine Definition nachzudenken. Es ist ein Spiel mit verschleierten Wörtern, die erst verstanden werden müssen; und hier betreten wir die wunderbare Welt Djamila Ribeiros: sie lädt uns laufend dazu ein, nachzudenken.
Was ist ein Diskurs? Wo ist der Raum? Und wie kann ein Diskurs einen Raum haben?
Dies sind die Fragen, die der Titel aufwirft, die bereits entstehen, bevor wir zu lesen beginnen, noch bevor das Buch geöffnet, durchblättert oder gelesen wird. Djamila hat die große Gabe, ihr Publikum in neue Gedankengänge zu verwickeln. Die beiden Wörter Diskurs und Raum haben ihre eigenen Bedeutungen, aber zusammengesetzt bilden sie einen neuen, spannenden Begriff, der eines neuen Verständnisses und einer neuen Definition bedarf. Wir assoziieren selten die Funktion eines Organs, des Mundes mit seinem Diskurs, mit einem Ort oder Raum, den diese Funktion bewohnt. Djamila erinnert uns also daran, dass jeder Diskurs einen Raum bewohnt. Ein Diskurs ist nicht neutral. Er ist nicht objektiv und auch nicht universell, Diskurs wird immer von einer Person produziert, die einen bestimmten Punkt in Raum und Zeit bewohnt, die eine bestimmte Geschichte und Biografie hat. So wird der Diskurs zu einem politischen Ort. Er ist nicht neutral, nichts ist neutral. Auch nicht der von Djamila gewählte Titel, und auch nicht die Worte, die ich wähle, um dieses Vorwort zu schreiben, sei es bewusst oder unbewusst. Jedes der Worte gibt preis, wer wir sind und welchen Ort wir bewohnen, in Raum, Zeit und in der Geschichte.
Aber was passiert, wenn ein Diskurs sich nicht an einem Ort positioniert?
Der Anspruch auf Neutralität oder gar Universalismus zeigt eine Wiederholung eines alten, kolonialen Systems, das nicht wahrnimmt – oder zumindest nicht wahrnehmen will – dass es keinen neutralen Diskurs produziert, sondern aus einer Machtposition heraus spricht. Diese Machtposition bringt das Privileg mit sich, dass die Positionierung des Diskurses nicht in einem bestimmten Raum stattfindet, sondern überall.
Damit kommen wir zu einer problematischen Gleichung: Die Diskurse, die sich nicht in einem bestimmten Raum positionieren, sind gleichzeitig diejenigen, die alle Räume besetzen – die normativen und vorherrschenden Diskurse, die nicht nur im Namen aller und der gesamten Menschheit sprechen, sondern die gleichzeitig das menschliche Dasein an sich repräsentieren.
An dieser Stelle kommen weitere Fragen auf: Wem glauben wir, wenn gesprochen wird? Welchen Diskursen schenken wir Glauben? Welche Diskurse kennen wir? Und welche kennen wir nicht? Und warum? Und wie hängt all dies mit Macht, Gewalt, Ethnie, Geschlecht, Sexualität und Klasse zusammen?
Dies ist die politische, aber auch philosophische und ontologische Dimension, die Djamila in diesem Werk sehr akkurat und ausgeklügelt darlegt. Sie nimmt uns mit auf eine chronologische Reise durch plurale Feminismen und zeigt, wie diesen trotz ihres Diskurses die Räume verwehrt wurden.
Wir sprechen also über Macht, Gewalt, und Produktion von Wissen, aber auch über Widerstand, über Schaffung und Transformation von Wissensbeständen. Djamila offenbart uns die Geschichte des Schwarzen Feminismus als eine Sequenz hochentwickelten und futuristischen Denkens, das über die Grenzen von Ethnie, Geschlecht, Sexualität und Klasse hinausgeht und eine Intersektion bildet, die dringend verstanden werden muss. Um es mit ihren Worten auszudrücken: „Schwarzen Feminismus denken bedeutet, […] die Spaltung einer ungleichen Gesellschaft zu überwinden. Es bedeutet […] ein neues Gesellschaftsmodell anzuvisieren.“ (S. 17/18)
Die Notwendigkeit, diese Diskurse zu verstehen ist genauso groß wie die Notwendigkeit, den Raum, von dem sie sprechen, zu erkennen, sowie einen Raum zu schaffen, in dem sie sprechen.
In diesem Werk konstruiert Djamila genau diese drei Achsen und zeigt ihre intensive Recherche auf, in der sie einige der vielen Schwarzen Philosoph: innen nennt, die diesen grundlegenden Diskurs seit Generationen schaffen: Sojourner Truth, Audre Lorde, bell hooks, Angela Davis, Sueli Carneiro, Lélia Gonzalez, Patricia Hill Collins, Gayatri Chakravorty Spivak gehören unter anderem zu ihrer Liste von Diskursen, in der auch ich die Ehre habe, meinen Namen wiederzufinden.
Ich fühle mich Djamila sehr verbunden. Ich habe sie 2016 bei meinem ersten offiziellen Besuch in São Paulo kennengelernt, lange bevor mein Buch „Plantation Memories“ in Brasilien erschienen ist. Ich war damals Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin und entwickelte ein künstlerisches Projekt am Maxim Gorki Theater, ebenfalls in Berlin. Wir lernten uns kurz vor meiner Teilnahme an der 32. Biennale von São Paulo und direkt nach einem Performance-Vortrag beim Internationalen Theaterfestival von São Paulo (MITSP) kennen. Das war ein wichtiger Moment. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihre Arbeit noch nicht die Anerkennung erhalten, die sie jetzt hat, und meine ebenso wenig.
Ich wartete im Garten des Goethe-Instituts auf sie, um ein weiteres Interview zu geben, ohne zu wissen, wer sie war. Ich wusste auch nicht, dass ich einen Einfluss auf ihre Arbeiten gehabt hatte. Ich erinnere mich bis heute an den genauen Moment ihrer Ankunft, ihr warmes Lächeln, ihre herzliche Umarmung, als ob sie mich kannte, und ich erinnere mich ebenso an die Freude und die Erleichterung, zum ersten Mal eine Schwarze Journalistin vor mir zu haben – die mich aus der intellektuellen Einsamkeit herausholte, eine Philosophin, die dieselbe Sprache sprach wie ich, aus demselben Diskursraum heraus.
Djamila gestand mir in ihrer charismatischen Art sofort, wie wichtig ich für ihre Arbeit gewesen sei. Mich überraschte es damals, als ich feststellte, dass meine Arbeit in Deutschland bereits Teil eines bestimmten Diskurses in Brasilien war, obwohl ich sie dort nie vorgestellt hatte. Und dies habe ich in großen Teilen Djamila zu verdanken, die meine Arbeit in viele verschiedene Orte und Communitys getragen hat. Sie verbreitet – wie sie es auch in diesem Buch tut – neues Denken und ist Schöpferin neuer Definitionen.
Jetzt, da das Werk Djamilas ins Deutsche übersetzt wird, ist es mir eine große Ehre, ihren Diskurs verbreiten zu dürfen. Die gesamte Geschichte hat eine gewisse Zeitlosigkeit in sich, oder vielleicht einen umgekehrten Fluss, der über Raum und Zeit hinausgeht: Von dem Moment an, in dem ich Djamila kennenlernte, war ich es, die von ihr gelernt hat, die durch ihre Arbeit inspiriert und beeinflusst wurde, und das unaufhörlich.
Djamila Ribeiro ist eine der wichtigsten und hervorragendsten Autor: innen unserer Zeit, die nun einen Diskursraum einnimmt, in meiner Gedankenwelt sowie in der realen.
In Liebe und Dankbarkeit
Grada Kilomba
Für Thulane, Teil von mir und Teil der Welt.
An Odé, an Carla Moradei Tardelli, die in mir die Idee entfacht hat, ein Buch zu schreiben, und an Rodney William, der sich um mein Ori kümmert.
An Joice Bert, Isis Vergílio, Juliana Borges.
Besonderer Dank gebührt Brenno Tardelli, für den Beistand beim Schreiben, im Leben und in der Liebe.
Wir gehen hier das Risiko ein, zu sprechen – und zwar trotz aller Auswirkungen. Weil für uns gesprochen wurde, wir infantilisiert wurden (infantilisiert sind diejenigen, die keine eigene Sprache haben; das Kind, das von sich selbst in der dritten Person spricht, weil die Erwachsenen für es sprechen) werden wir nun in dieser Arbeit unsere eigene Sprache sprechen. Also: Jetzt redet der Müll, und zwar so, wie wir wollen.
Lélia Gonzalez, über Rassismus und Sexismus in der brasilianischen Kultur.
Ziel der Reihe „Plurale Feminismen“ ist es, einem breiten Publikum wichtige Fragen diverser Feminismen in didaktischer und greifbarer Form zugänglich zu machen. Aus diesem Grund habe ich – als Philosophin und Feministin – die Veröffentlichung einer Reihe von Büchern veranlasst, die im Kontext intellektueller Beiträge von historisch marginalisierten Gruppen unabdingbar sind: Werke aus der Sicht dieser Gruppen als politische Subjekte.
Wir haben uns entschieden, die Reihe mit dem Thema „Schwarzer Feminismus“ zu beginnen, um grundlegende Konzepte darzustellen und endgültig mit der Vorstellung zu brechen, es gäbe in diesem Zusammenhang keine Projekte. Wir hören immer wieder, dass Schwarzer Feminismus Spaltungen und Brüche mit sich bringe, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist. Beim Benennen der Unterdrückung aufgrund von Ethnie, sozialer Klasse und Geschlecht1 ist es grundlegend, die verschiedenen Unterdrückungsformen nicht zu hierarchisieren, oder wie es Angela Davis in ihrem Vortrag „Mulheres negras na construção de uma nova utopia“ (Schwarze Frauen in der Gestaltung einer neuen Utopie) beschreibt, keinen „Vorrang einer Form von Unterdrückung in Relation zu anderen“ zu konstruieren. Schwarzen Feminismus denken
