Wo Wolken enden - Martin Wolkner - E-Book

Wo Wolken enden E-Book

Martin Wolkner

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Beschreibung

Ein Schüler trägt eine düstere, erdrückende Schuld in seiner Seele, wegen er sich von Menschen fernhält. Sein einziger Freund ist eine Eiche tief im Wald. Doch eines Tages kann er nicht vermeiden, dass er einem jungem Mann mit einem Hund begegnet, der sanft versucht, ihn zurück ins Leben zu holen. Doch kann der Außenseiter das zulassen? Die melancholisch-poetische Novelle "Wo Wolken enden" entstand zwischen Oktober 1999 und Mitte 2000. Nach intensiver Überarbeitung erschien sie 2019 erstmals und zugleich in englischer Fassung.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2019

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für meinen besten Freund:

die Einsamkeit

Über den Autor:

Martin Wolkner wurde 1980 im Ruhrgebiet geboren, studierte englische und deutsche Sprachwissenschaften, Film/Fernsehen sowie zusätzlich ein bisschen Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und University of Hull.

Er war tätig als Texter, Journalist, Filmkritiker, Übersetzer, Untertitler und Leiter des Filmfests homochrom in Köln und Dortmund.

Neben seinen ersten beiden Romanen "Morgenreport" und "Vollmondbraut" ist der Gedichtband "immer (noch) wahr" erhältlich. Ein englischsprachiger Gedichtband folgt bald.

Die Novelle "Wo Wolken enden" entstand zwischen Oktober 1999 und Mitte 2000. Nach intensiver Überarbeitung erschien sie 2019 erstmals und zugleich in englischer Fassung.

INHALT

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"Ich sehne mich

nach Gefühlen

so tief

wie der Ozean,

Geborgenheit,

Nähe,

Wärme,

Schutz,

Liebe."

"Ich möchte meinen Körper

und die Regungen meines Herzens spüren,

und doch fühl ich nichts von alledem…"

1

Er war so gut wie aus der Welt. Obwohl er noch in ihr verweilte, gab es kaum Anzeichen, dass er da war, denn er hielt sich, soweit er konnte, von allem Leben fern. Allein der Schmerz war mit ihm. Wie genugtuend Einsamkeit doch sein kann! Welch ein Genuss sie ist, wenn man sich sonst alles verwehren muss! Welch eine Befreiung, wenn man sich im Leben, im Geschick der Welt gefangen fühlt!

Er war noch immer da und wollte einfach nicht verschwinden, dieser Schmerz, so sehr er sich auch bemühte. Der bittersüße Schmerz war immer zugegen und seine Kräfte waren mit seinen Gefühlen und Erinnerungen an jenen dunklen, geheimen Ort gebannt und dort verborgen. Er führte ein Schattenleben. Er hatte sich vom Licht entfernt und konnte nicht mehr kämpfen. Für ihn gab es auch keine Vergangenheit, keine Gegenwart oder Zukunft mehr, nur Schmerz. Und an diesen klammerte er sich, denn er war das einzige, was ihm geblieben war. Er bestätigte ihm immer wieder, dass er das Richtige tat. Denn sollte er einmal nicht mehr da sein, dann hatte er gewiss etwas falsch gemacht und all seine Werte und Vorsätze gebrochen.

Die langen Jahre der Gewohnheit hatten ihn aber nicht abstumpfen lassen. Dazu war er viel zu vorsichtig. Wann er das erste Mal diese Bitterkeit, diese Melancholie gefühlt hatte, die sich als schwarzes Trauertuch über ihn gelegt, war unwichtig, denn es war nun einmal so und der Anfang vergessen, wie so vieles anderes aus seiner verlorenen Kindheit. Abgesehen von einem klitzekleinen Funken Freude ganz zu Anfang erinnerte er sich nur an das Herzeleid. Vermutlich war er sogar damit geboren worden. Sein konstanter Begleiter war für ihn etwas Wertvolles und Wichtiges, ohne das er nicht hätte leben wollen, ein treuer Reisegefährte, der einem so wichtig geworden ist, dass man ihm an der nächsten Gabelung folgt und seinen Weg zum eigenen macht. Der Schmerz war das einzige, an dem es keinen Zweifel gab.

Er saß in den Ästen seines unbeugsamen Freundes, der einsamen Eiche, die auf der Kuppe eines sanften Hügels in der Mitte einer großen Wiese stand. Der selten benutzte Weg mit Sprenkeln von groben Kieseln verlief einen Steinwurf von der Eiche entfernt einmal quer über die Anhöhe, die sich wie eine grasbewachsene Insel aus dem Meer der Wälder rundherum am Fuße des Hügels erhob.

Er saß in der Krone des Baumes und überblickte die Landschaft geprägt von Laubwäldern und Wiesen. Irgendwo fast am Horizont schlängelte sich die Schneise einer breiten Autobahn durch das Gelände und zerstörte den schönen Anblick ebenso wie die dutzend Hochspannungsleitungen, die sich von Mast zu Mast schwangen und indirekt davon zeugten, dass er wohl doch nicht allein in diesem Meer war.

Der September hatte bestimmt seine Vorzüge gehabt, sonnig und warm, doch jetzt war es Ende Oktober. Die Bäume hatten sich bereits früh der Jahreszeit entsprechend verfärbt, waren dunkelrot und schon fast komplett kahl gefegt von den Stürmen, die gewütet hatten. Auch jetzt wehte ein kühler Wind durch die Äste und Zweige seines Freundes, der stark und widerstandsfähig war. Seine Blätter hatten sich zwar verfärbt, doch waren sie im Gegensatz zu denen der anderen Bäume noch immer feuerrot und dicht. Aber allzu lange würde es wohl nicht mehr dauern. Bald würde alles kahl und trist sein und grau wie der Himmel, über den ein dicker Wolkenteppich dahinjagte. Sein Blick wanderte über diesen Teppich, als würde er darüber spazieren. Viele Leute mochten solch ein Wetter nicht, es drückte schwer auf ihre Gemüter und Launen. Das war einer der Gründe, warum kaum jemand hier vorbeiging. Grundsätzlich kamen selten Menschen durch den Wald über die Wiese spaziert. Dieser Ort war friedlich, ruhig, beruhigend. Gedankenversunken bemerkte er gar nicht, wie der Wind allmählich stärker und kälter wurde und an den Ästen der Eiche seine grausame Melodie des Abschieds pfiff. Nur für einen kurzen Augenblick bemerkte er den Wind durch seine Kleidung kriechen und seine Wärme rauben. Nicht einmal die blieb ihm, das letzte Stückchen dessen, wonach er sich eigentlich sehnte, wenn er es sich denn eingestanden hätte. Je mehr er sich gegen seine Sehnsucht nach Gesellschaft und Zuneigung wehrte, desto stärker schwelte sie unterschwellig nach Erfüllung. Für einen Augenblick funkte die Sehnsucht auf, vom kalten Oktoberwind angefacht, und er strengte seine Rationalität gegen sie an. Dass die Welt trist und kalt sei, davon war er überzeugt, konnte er es doch immer wieder am eigenen Leib spüren, so wie in diesem Moment. In dieser wie in allen anderen Hinsichten konnte ihm niemand etwas vormachen. Er hatte genug durchgemacht, um die Welt zu kennen. Es hatte genug Enttäuschungen um Enttäuschungen in seinem Leben gegeben, genug Menschen, die ihn benutzt oder getäuscht oder verlassen hatten. Dann vergaß er die Sehnsucht wieder.

Der Ausblick auf das geschwungene Tal war atemberaubend. Die geschlossene Fläche der Baumkronen unterhalb von ihm, die vom Wind hin und her geschüttelt wurden, erinnerte ihn wieder einmal an das weite Meer, das wellt und wogt und ständig in Bewegung ist. Die letzten Laubkleidfetzen der Bäume wurden zerrissen wie die Lumpen eines Bettlers und wirbelten durch die Luft wie Pusteblumensamen im Sommer. Der Wind drehte sich rasch und fegte seine Beute, die Blätter, auf ihn und seinen Freund zu und hüllte sie in eine Wolke. Voller Begeisterung über dies Naturspektakel wurde er sich klar darüber, dass die Natur ihm die einzigen wahren Freuden geben durfte. Die der Menschenwelt waren unantastbar für ihn, wollte er sich nicht selbst verraten. Menschen waren nur grausam, allein die Natur in ihrer Grausamkeit war schön. Gerade jetzt zeigte sie sich wieder von dieser Seite und er genoss es, im Schutze der Eiche von den Blättern umspielt zu werden und zu wissen, dass dieses freudige Spiel Auftakt war zur Totenstarre des Winters.

Langsam wurden die Wolken immer dunkler, weil die verdeckte Sonne sich dem Horizont näherte. Bald würde sie untergehen und die Welt in nächtlich-blauen Schatten gehüllt zurücklassen. Darum musste er nun langsam Abschied nehmen und sich auf den Heimweg machen. Aber etwas Zeit blieb ihm noch, ein klein wenig Zeit, und die wollte er nutzen. In der Pflicht der Trübsinnigkeit ergriff ihn erneut ein starkes, unerwartetes Gefühl von Sehnsucht und Trauer. Er fühlte das Kribbeln in seiner Nase und das behutsame Aufsteigen von Tränen in seinen Augen. Eigentlich war in ihm eine Regung, eine Sehnsucht nach jemandem, der mit ihm verbunden war, nach einer starken Freundschaft, Verständnis und Aufrichtigkeit, die er jedoch nicht beachten wollte, war sie doch unerfüllbar. Es gab keinen Menschen, der sich so auf ihn einlassen wollte oder konnte, wie er es gebraucht hätte, und keine Erlaubnis seinerseits, sich auf so etwas einzulassen.

Innerlich hörte er die klagende, getragene Musik einer Flöte zu Gitarre, die Musik seiner Traurigkeit, die in seinem Kopf erklang. Sie vermischte sich mit dem Pfeifen und Flüstern des Windes, der sein leises Schluchzen überraunte und mit sich riss, fort von der Eiche über die freie Wiese. Tränen rannen über sein Gesicht, während er sich fragte, aus welcher Ecke seines Herzens dieser Anflug gekommen war und was er zu bedeuten hatte. Die Kälte der Luft ließ ihn deutlich die Bahnen der Tropfen auf seinem Gesicht spüren. Sein Herz war offen, und leer und voll gleichzeitig. Es kam häufiger vor, dass er so empfand, aber wirklich begreifen hatte er noch nie gekonnt, was in ihm vorging. Diese widersprüchlichen Gefühle waren vertraut und doch…

Er spürte eine leichte Berührung an der linken Schulter, sanft und kühl. Er drehte sich verwirrt um, denn niemand war bei ihm außer sein unbewegter Freund. Es war weder der Wind, der Baum noch jemand, der sich ihm genähert hatte, nur eine Phantomberührung, die er nicht einordnen konnte, etwas, das er sich eingebildet haben musste. Wenn er gläubig gewesen wäre, hätte er es womöglich mit einem Engel erklärt. Aber er war es nicht. Das wäre zu nett gewesen, hätte dieser Glaube beinhaltet, dass er niemals wirklich alleine wäre. Aber er war sich sicher, dass Menschen allein waren. Es gab keinen Gott und keine Engel, die über die Schöpfung wachten, sonst säße er jetzt nicht verlassen in diesem Baum. Tiefe Trauer erfüllte und umhüllte ihn. Der Verlust war so frisch wie der Geschmack des Fleisches von Weintrauben auf der Zunge. Er erinnerte sich.

Ferne Geräusche drangen allmählich in sein Bewusstsein. Er zuckte unwillkürlich zusammen und schreckte aus seinen Gedanken hoch, bereits wieder vergessend. Die Geräusche waren erst kaum lauter als das Rauschen in den Blättern und so gut wie nicht davon zu unterscheiden. Aber sie kamen näher, nahmen an Intensität zu und dann wurde er mit einem Mal gewahr, was es war: das bedrohliche Bellen eines Hundes. Was ihm aber weit schlimmer erschien, war die Tatsache, dass mit dem Tier auch ein Mensch in seine Nähe kam und ihn in seiner letzten ruhigen Minute doch noch störte. Er ärgerte sich hilflos. Hoffentlich würde es schnell und schmerzlos vorbeigehen!

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auszuharren und es über sich ergehen zu lassen, wenn er nicht bemerkt werden wollte. Kommt bloß nicht zu nahe, dachte er bei sich, doch sie taten es. Der Hund tollte auf der Wiese im Zwielicht herum, bellte fleißig und näherte sich dem Baum. Der widerliche Klang des Tieres dröhnte in seinem Kopf und vertrieb die letzten Töne von Flöte. Als wäre das noch nicht genug, verließ der Hundehalter den Weg und ging über die Wiese der Bestie hinterher auf seinen Baum zu.

Er überblickte ungefällig die gesamte Szene von seinem Logenplatz aus. Der Hund machte kehrt, hüpfte auf der Stelle, lief zu seinem Herrchen, hüpfte vor diesem erneut auf und ab und der junge Mann Anfang zwanzig schien sich auch noch darüber zu amüsieren!

Es war jener junge Mann, den er vor etwas mehr als einem Jahr erstmalig und danach öfter hier gesehen hatte, einer der wenigen, die überhaupt hier entlang wanderten. Der Fremde kam meist am späten Nachmittag hierher, aber nicht immer mit dem Tier. Ganz selten schlenderte er allein über den Kiesweg und trat gedankenverloren Steine vor sich her. Niemals ging er in menschlicher Begleitung.

Diese übertriebene Freude des jungen Mannes war ihm zu viel. Sie störte ihn, verhöhnte ihn. Er mochte es nicht ertragen, wenn andere sich so glücklich gaben. Oft kaufte er es ihnen auch nicht wirklich ab. Er war sich sicher, dass viele Leute ihre Ängste, Traurigkeiten und Sorgen durch eine aufgesetzte Freudigkeit überspielten. Alles schien so unecht. Bei dem Fremden in seiner Nähe jedoch hatte er ein Gefühl von Natürlichkeit, die er nicht genau fassen konnte. Wahrscheinlich kam es aus dem Kontrast zu dem, was er zuvor bei ihm beobachtet hatte. Denn auch der Fremde schien in das Geheimnis des Leids eingeweiht zu sein, wie er das ein oder andere Mal in den letzten Monaten beobachtet zu haben glaubte.

Nichtsdestotrotz, der jetzige Freudenausbruch störte ihn! Er hatte in Frieden Abschied nehmen wollen von seinem erröteten Freund, vom Schutz und der Ruhe dieses Ortes. Und dann kam dieser jemand und machte alles zunichte! Das war ein weiterer Beweis dafür, dass es ihm nicht vergönnt war, das geringste Stückchen Glück, seine persönliche Glückseligkeit zu haben.

Der Kerl unten kicherte, als der Hund im Kreis um ihn herum, einmal, zweimal und dann in Richtung Baum lief. Mit einem einzelnen klaren Lachen setzte sich der Fremde zur Verfolgung des Tieres in Bewegung.

Er saß oben in der Krone, sah die Gestalt auf sich zu laufen. Jetzt ist es aus! Jetzt sieht er mich! Mach die Augen zu, halt die Luft an! Es ist sofort vorüber!

Er atmete tief ein und seine Lider senkten sich langsam über seine Augen. Der letzte Anblick vor der Dunkelheit brannte sich in sein Gedächtnis: das freudige Antlitz des Fremden. Er versuchte dieses Bild zu verscheuchen. Das Rascheln der Schritte der beiden Kreaturen durch vertrocknetes Gras und gefallenes Laub hob sich vom Säuseln des Windes ab. Ein Lachen erscholl und vertönte. Dann jagte eine Sturmböe durch das Laubdach der Eiche und raunte ihr Lied an den Blättern. Er spürte, wie sich die Äste der Kraft des Windes widersetzten und unfreiwillig bogen. Dann wurde es ruhiger. Der Wind ließ mehr und mehr nach. Es war still. Kein Geräusch mehr. Nicht einmal die Flöte in seinem Kopf. Überhaupt kein Geräusch mehr.

Er öffnete langsam die Augen. Der Mensch und das Tier waren verschwunden. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und wunderte sich, während die kühle Luft in seine Lungen strömte. Es fühlte sich so an, als hätte er seit Äonen nicht mehr geatmet. Die Zeit, die er die Augen geschlossen gehalten hatte, kam ihm unendlich lange vor. Er runzelte die Stirn, kräuselte die Lippen, wandte den Blick zur Seite, zögerte nachdenklich einen Moment, zuckte resignierend leicht mit den Schultern. Er rieb seine kalten Hände aneinander und entspannte seine Haltung ein wenig, weil er sich in Erwartung seiner Entdeckung krampfhaft zusammengekauert hatte.

Ein langer Seufzer löste sich aus seinem Inneren. Sein Abschied hatte sich nun erledigt, sein perfekter Nachmittag war doch noch ruiniert worden. Er konnte sich nicht mehr auf das Gefühl einlassen, das ihn kurz zuvor beherrscht hatte. Stattdessen waren seine Gedanken bei dem seltsamen Fremden, dessen Gesicht noch immer in seine Erinnerung graviert war. Aber so sehr er sich auch bemühte, dieses Bild zu verbannen, gelang es ihm nicht.

Die Sonne stand bereits tief am Horizont. Er sah den rötlichen Funken durch die grauen Wolken schimmern. Es war endgültig Zeit für ihn zu gehen. Mit steifen Gliedern vom langen Sitzen und der Kälte kletterte er von Ast zu Ast herunter und schwang sich mit eleganten Bewegungen vom untersten zu Boden. Als freundliche Miene presste er die Lippen zusammen, nahm schweigend Abschied von der Eiche, indem er den Stamm für einige Zeit umarmte und sich für den Schutz bedankte. Diese Freundlichkeit und Innigkeit traute er zu geben, weil es keine Zuschauer gab und weil er davon überzeugt war, dass nur er dem Baum eine Persönlichkeit, eine Seele zuschrieb, obwohl er in Wirklichkeit keine besaß.

Flott stampfte er durch die Wiese. Der Wind belebte sich und trieb Wolken von Westen her über ihn hinweg. Die Brise ergriff ihn am Kopf des Hügels, als sie ostwärts hinauffegte. Er sah zum Horizont, den Wind im Gesicht, und streckte die Arme, die Hände, die Finger aus, um die Luftbewegung an sich zerren zu fühlen. Da brachen am Himmel die Wolken auf. Die letzten glutroten Strahlen der untergehenden Sonne streiften sein Gesicht. Ein kribbelnder Schauer lief seinen Rücken herunter. Der Glutball war schon hinter den weiten Bäumen, nur die obere Ecke lugte noch über sie hinweg. Während die Sonne sich immer mehr senkte, krochen die Schatten des Waldes die Wiese hinauf auf ihn zu. Als sie seine Füße erreichten, schaute er an sich herab und beobachtete, wie die Dunkelheit seinen Körper heraufkletterte. Bald schon berührte sie seine Brust. Er sah wieder zur Sonne hinüber, die gerade in diesem Moment hinter den Bäumen verschwand. Er senkte seinen Blick, schloss die Augen einen Augenblick, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte mit langen Schritten über den Weg nach Nordnordosten.

Der Wald war düster, verlassen und unheimlich in der Dämmerstunde. Ein bisschen Furcht ergriff ihn wie jedes Mal. Sein Adrenalinspiegel stieg. Er war wachsam und gewappnet für einen plötzlichen Angriff eines Wolfes, obwohl er sich eigentlich sicher war, dass nichts Derartiges passieren würde.

Der Fremde, den er bei dem herrlichen Naturschauspiel vergessen hatte, kam wieder zurück in sein Bewusstsein. Die Bewegung seines Körpers brachte auch seine Gedanken auf Trab und er sann darüber nach, warum dieser junge Mann solch eine komische Wirkung auf ihn hatte, warum er sympathischer als der Rest der Menschheit wirkte. Nach mehr als einer halben Stunde Grübelei kam er am ersten Haus vorbei, das abseits der anderen am Waldesrand lag. Er legte noch einen Zahn zu, um möglichst schnell durch die spärlich beleuchteten Straßen zu seiner Wohnstätte zu gelangen. Er erreichte den anonymen Wohnblock am Ende des letzten Straßenzugs des Großstadtvorortes, ohne die ihn nachschauenden Augenpaare zu bemerken.

Er ging entlang eines Gebüsches den Weg zur Haustür, kramte in seinen Hosentaschen nach dem Schlüssel, schloss auf und ging zu einer der Wohnungen im vierten Stock. Durch den Spion schimmerte es hell. Er öffnete die Tür und seine Mutter, die den Flur durchquerte, hielt in ihrem Schritt inne, drehte sich um und lächelte ihm zu:

"Schön, dass du da bist. Das Essen ist gerade fertig."