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Die meisten Menschen möchten zuhause alt werden. Aber was heißt zuhause? Wohnungen, Städte und Gemeinden können alters- und generationengerecht gestaltet werden. Dazu braucht es eine anregende Umgebung, neue Wohnmodelle und Mobilität für alle. Die Kommunen müssen die Vielfalt des Alters und die soziale Ungleichheit im Alter im Blick haben, auch in der Stadtentwicklung. Denn in einer Gesellschaft des langen Lebens sollte unsere Umgebung fördern, dass wir selbstständig und selbstbestimmt altern können. Das Buch stellt Beispiele vor, wie das gelingen kann, und weist auf Herausforderungen hin, die zu meistern sind.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Cover
Titelei
1 Grundlegendes
1.1 Gutes Altern braucht gute Orte: auf dem Weg zu altersfreundlichen Städten und Gemeinden
1.2 Alles anders? Älter werden auf dem Land
2 Gestaltungsmöglichkeiten
2.1 Bewegung und Begegnung: Wie Stadtplanung gutes Altern fördern kann
2.2 Für Leib und Seele: Teilhabe am kulturellen und sozialen Leben vor Ort
2.3 Mobil bleiben: Mit oder ohne Auto
2.4 Zeit für die Senioren-WG? Neues Wohnen und neue Wohnformen
2.5 Smart Home: Wie Digitalisierung das Leben und Wohnen im Alter verändert
2.6 Am Leben teilhaben: Pflege als Teil des Wohnens
2.7 Wer kann mir vor Ort helfen? Beratung und Information
2.8 Gesunde Orte schaffen: Prävention und Versorgung als lokale Aufgaben
2.9 Wenn selbständig leben schwieriger wird: Hilfen im Alltag
3 Herausforderungen für die kommunale Seniorenpolitik und Seniorenarbeit
3.1 Solidarität im Kleinen: Was lässt sich vor Ort tun gegen Exklusion und Einsamkeit?
3.2 Auf dem Weg in die lokale Rentner-Demokratie? Politische Beteiligung in der späteren Lebensphase
3.3 Freiwilliges Engagement der Älteren: eine ungenutzte Ressource?
3.4 Gemeinsame Visionen: Ansätze einer partizipativen Altenhilfeplanung
3.5 Vorsorge statt Fürsorge? Von der Altenhilfe zur modernen Seniorenarbeit
4 Ausblick
Literatur
Lange Leben leben I Altern gestalten
Wissen – Positionen – Impulse
Hrsg. von Hans-Werner Wahl, Hans Förstl, Ines Himmelsbach und Elisabeth Wacker
Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:
https://shop.kohlhammer.de/lange-leben-leben
Der Autor
Prof. Dr. Christoph Strünck ist Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Sozialpolitik an der Universität Siegen sowie Gründungsdekan der Lebenswissenschaftlichen Fakultät. Darüber hinaus ist er Direktor des Instituts für Gerontologie an der TU Dortmund.
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1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:ISBN 978-3-17-040716-9
E-Book-Formate:pdf:ISBN 978-3-17-040717-6epub:ISBN 978-3-17-040718-3
Wie altersfreundliche Umgebungen entstehen
✔Altenhilfe ist Teil der kommunalen Daseinsvorsorge
✔Altern auf dem Land ist anders
Wo wollen wir alt werden? Natürlich zuhause, in der vertrauten Umgebung, zusammen mit Familie und Freunden, dort, wo wir uns auskennen. Was aber ist unser »Zuhause«? Ist es die eigene Wohnung? Oder sind es in erster Linie die Menschen und sozialen Kontakte, die uns ein Gefühl von Zuhause vermitteln? Und was machen wir, wenn wir Unterstützung brauchen im Alltag? Eine Gesellschaft des langen Lebens hat unterschiedliche Orte, an denen Menschen alt werden können und alt werden wollen.
Wir wollen weiterhin am öffentlichen Leben teilnehmen, auch wenn wir nicht mehr so mobil sind. Dafür sind noch einige Barrieren wegzuräumen, nicht nur im wörtlichen Sinne. Auch begegnen sich Generationen nicht automatisch draußen, auf der Straße, im Café, oder anderswo im öffentlichen Raum. Sie besuchen häufig getrennte Orte, sind zu unterschiedlichen Zeiten unterwegs. Städte und Gemeinden leben jedoch von und mit Vielfalt, auch von der Vielfalt und vom Austausch der Altersgruppen. Eine Gesellschaft des langen Lebens braucht daher auch neue Ansätze der Stadtplanung und Gemeindeentwicklung, über die Seniorenarbeit hinaus. Die Idee einer alters- oder generationenfreundlichen Gemeinde ist eine der großen sozialen Innovationen unserer Zeit. Denn gutes Altern braucht gute Orte.
Die Kommunen erleben den demografischen Wandel hautnah: Städte und Gemeinden werden bunter, viele ländliche Regionen altern und schrumpfen. Das Leben und das Zusammenleben ändern sich. Wenn wir alle gut altern wollen, und wenn der Erfahrungsschatz des Alterns gehoben werden soll, kommt es nicht nur auf die großen Sicherungssysteme wie Rente oder Krankenversicherung an oder auf eine neue Verteilung von Arbeits- und Lebenszeit. In einer Gesellschaft des langen Lebens gestalten wir gemeinsam vor Ort eine altersfreundliche Umgebung, die allen nutzt und niemanden ausschließt. Verbundenheit fühlen und Verbindungen schaffen: Das ist eine persönliche Aufgabe, aber auch ein öffentlicher Auftrag.
Die Kommunen setzen dafür Rahmenbedingungen. Vieles, aber nicht alles hängt dabei am Geld und den rechtlichen Möglichkeiten. Vom Wohnen, über Verkehr, Platzgestaltungen bis hin zur sozialen Infrastruktur gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wie Kommunen Einfluss nehmen können, um gutes Altern zu fördern. Kommunen sind Instanzen für die Planung von Infrastruktur. Kommunen sind zugleich der Ort, an dem sorgende Gemeinschaften entstehen können, die gutes Altern unterstützen.
Die Beziehungen zwischen der Umwelt mit ihren Einflussfaktoren und dem Einzelnen mit seinen Ressourcen, seiner Widerstandsfähigkeit und seiner Verletzlichkeit sind ein großes Thema der Alternsforschung, wenn auch ein ziemlich abstraktes auf den ersten Blick (Wahl & Gerstorf, 2018). Meine eigenen physischen, kognitiven und emotionalen Fähigkeiten werden auch von sozialen und sozialpolitischen Faktoren beeinflusst: Bin ich sozial eingebunden, motivieren mich andere mitzumachen und mich zu engagieren, bieten mir Dritte ihre Hilfe im Alltag an? Unsere Umgebung ist jedoch nicht nur von Menschen geprägt, sondern auch von Infrastrukturen: Wohnungen, Gebäude, Straßen, Plätze, Veranstaltungsorte, Gesundheitsversorgung. In diesem Buch stehen Stadtplanung, Wohnen, Mobilität und Versorgungsstrukturen im Vordergrund. Die bauliche Umgebung hat einen großen Einfluss darauf, wie wir altern und ob wir die Chance haben, dabei aktiv und möglichst lange gesund zu bleiben (Penger et al., 2019).
Denn die Forschung zeigt, dass die Gesundheit älterer Menschen stärker als bei anderen Altersgruppen von der natürlichen, gebauten und sozialen Umwelt beeinflusst wird (Schlicht et al., 2016). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält diese Erkenntnis für so wichtig, dass sie ein Konzept entwickelt hat, an dem sich Städte und Gemeinden orientieren können. Es beruht auf dem Ziel des »aktiven Alterns«: Gesundheit, Beteiligung und Sicherheit sollen für alle Älteren gefördert werden. Dabei kommt es zum einen auf individuelle Ressourcen an, die gefördert werden können. Es geht aber genauso darum, dass die Umgebung so gestaltet sein kann, dass Menschen Gelegenheiten und Anreize bekommen, aktiv und gesund zu bleiben. Eine Kommune ist aus Sicht der WHO dann altersfreundlich, wenn sie sich folgenden Zielen verschrieben hat (Weltgesundheitsorganisation, 2007):
♦
die Ressourcen und Fähigkeiten älterer Menschen anerkennen und fördern
♦
mit Angeboten auf altersbezogene Bedürfnisse und Präferenzen eingehen
♦
unterschiedliche Lebenslagen und Lebensstile respektieren
♦
die verletzlichen Älteren schützen
♦
Teilhabe und Beteiligung Älterer am öffentlichen Leben fördern
Inzwischen existiert ein globales Netzwerk an Städten und Gemeinden, die sich aufgemacht haben, altersfreundliche Orte zu werden. Sie orientieren sich alle am Rahmenkonzept der WHO.
Abb. 1.1:Handlungsfelder der altersfreundlichen Stadt (Quelle: Datengrundlage eigene Darstellung Körber-Stiftung & Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung nach WHO-Leitfaden)
Die WHO hat auch eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe Städte und Gemeinden ihre Umgebung altersfreundlich gestalten können. Darin finden sich Instrumente in zentralen Handlungsfeldern wie öffentlicher Raum, Wohnen, Verkehr, soziale Beteiligung, Kommunikation und Information oder Gesundheitsversorgung.
Die WHO beim Wort nehmen: altersfreundliches Radevormwald
Die Stadt Radevormwald hat sich die Empfehlungen der WHO zu eigen gemacht und daraus ganz konkrete Maßnahmen abgeleitet. Zu diesen Maßnahmen gehören beispielsweise:
♦Parks, Grünflächen und Sitzgelegenheiten sind ausreichend vorhanden, in gutem Zustand und sicher.
♦Alle städtischen Gebiete und Dienstleistungen sind an den öffentlichen Nahverkehr angebunden; Routen und die Ziele der Fahrzeuge sind gut bezeichnet.
♦Es gibt ausreichende und bezahlbare haushaltsnahe Dienstleistungen und Unterstützungsleistungen.
♦Menschen mit dem Risiko der sozialen Vereinsamung erhalten Informationen von Vertrauenspersonen.
♦Gesundheits- und soziale Dienstleistungen können mit allen Arten von Transportmitteln bequem erreicht werden.
Ein Verein kümmert sich darum, diese Ziele im Interesse aller Bürger1 der Gemeinde im Blick zu haben und die kommunalpolitisch Verantwortlichen daran zu erinnern.
Weiterführende Infos: www.aktiv55plus.de/startseite.html
Städte und Gemeinden sind Orte, an denen sich Menschen zu Gemeinschaften zusammenfinden: in Familien, im Freundeskreis, in Nachbarschaften. Wir werden nicht alleine alt, und das ist gut so. Altern ist keine reine Privatangelegenheit, erst recht nicht aus Sicht der Kommunen. Viele sehen den demografischen Wandel als Last und Bedrohung. Doch er ist auch eine Chance, das Zusammenleben neu zu gestalten und damit innovative Impulse zu setzen, hin zu einer alters- und generationenfreundlichen Umgebung, aus der niemand ausgeschlossen ist.
Unsere Städte und Gemeinden werden in einigen Jahrzehnten anders aussehen, anders aussehen müssen. In einer Gesellschaft der Singularisierung und Individualisierung kommt es mehr denn je darauf an, neue Gemeinschaftsformen zu finden, den öffentlichen Raum kreativer zu gestalten und eine gute Balance zwischen privat und öffentlich zu finden. Die Bedingungen sind dabei in Städten andere als auf dem Land. Unsere Art des Wohnens wird sich ändern. Wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen, wird sich ändern, und beides nicht nur aus ökologischen Gründen. Die wohnortnahe Gesundheitsversorgung wandelt sich schon jetzt, und gerade in ländlichen Räumen gibt es große Herausforderungen. Und mit der Digitalisierung ergeben sich neue Möglichkeiten, gutes Altern zu unterstützen. Diese Herausforderungen betreffen nicht die Kommunen alleine, und sie tragen dafür auch nicht alleine die Verantwortung. Doch sie haben einen Gestaltungsauftrag.
Dieser Auftrag der Kommunen, die Lebensbedingungen ihrer Bürger mitzugestalten, hat in Deutschland einen eigenen Namen: Daseinsvorsorge. Für unser aller »Dasein« Vorsorge zu treffen, ist ein großer Anspruch. Trotz aller Unschärfen des Begriffs gibt es relativ konkrete gesetzliche Vorgaben, was Kommunen tun müssen.
Kommunale Daseinsvorsorge: Was ist das?
Kommunen sollen lebenswichtige Güter und Dienstleistungen zur Verfügung stellen, damit die sozialen Lebensbedingungen ihrer Bürger gesichert sind. Diese kommunale »Daseinsvorsorge« ist sogar verfassungsrechtlich im Art. 20 Abs. 1 des Grundgesetzes verankert, als Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft. In der Praxis gehören vor allem öffentlich relevante Infrastrukturen dazu, wie die Wasser- oder Energieversorgung, die Abfallwirtschaft oder auch öffentlicher Personennahverkehr. Rechtlich können solche Güter und Dienstleistungen aber auch von privaten Unternehmen angeboten werden, im Auftrag der Kommunen. Soziale Infrastruktur wie Schulen, Kindertageseinrichtungen oder Angebote der Altenhilfe zählen ebenfalls zur Daseinsvorsorge. Auch hier muss die Kommune nicht unbedingt selbst Träger sein, dass können auch gemeinnützige oder private Anbieter übernehmen. Die Kommune jedoch muss gewährleisten, dass eine angemessene soziale Infrastruktur vorhanden ist.
Die Lebensqualität aller Bürger hängt auch von der Qualität der Daseinsvorsorge in ihren Kommunen ab. Von der Infrastruktur und konkreten Dienstleistungen profitieren Ältere genauso wie andere Gruppen. Dazu zählen zum Beispiel:
♦
die Förderung bezahlbarer Wohnungen und alternativer Wohnformen
♦
Mehrgenerationenprojekte
♦
die Förderung von Ehrenamt und Nachbarschaftshilfe
♦
sichere und vernetzte Verkehrswege
♦
öffentliche Sicherheit
♦
öffentliche Plätze und Orte der Begegnung, Sitz- und Freizeitmöglichkeiten
♦
Grüngestaltung und Klimamanagement
♦
Quartiersentwicklung und Quartiersmanagement
♦
Beratung und Informationsmöglichkeiten
♦
Gesundheitsversorgung und Pflegeeinrichtungen
♦
Seniorenarbeit und Seniorenhilfe
♦
soziale Teilhabe und Partizipationsmöglichkeiten für Ältere
♦
Weiterbildung und Kultur
Für solche konkreten Leistungen der Daseinsvorsorge sind in den Kommunen unterschiedliche Ämter und Abteilungen der Verwaltung zuständig. In Kommunen herrscht manchmal ein Ressortdenken, das eine inklusive, alters- und generationengerechte Gestaltung der Umgebung erschwert. Denn Handlungsfelder wie Wohnen, Mobilität, Gesundheit, Pflege oder Stadtentwicklung müssten dafür miteinander verzahnt werden. Darauf zielt der integrative Ansatz der »altersfreundlichen Stadt« ab, wie ihn die Weltgesundheitsorganisation propagiert. Eine altersfreundliche Umgebung ist eine inklusive Umgebung, denn sie nützt nicht nur älteren Menschen.
In den deutschen Städten und Gemeinden gibt es allerdings auch ein System der Altenhilfe im engeren Sinne, das sich aus der Sozialhilfe heraus entwickelt hat.
Kommunale Altenhilfe: ein Teil der Daseinsvorsorge
Verantwortlich für die Altenhilfe sind die örtlichen Sozialhilfeträger als Teil der kommunalen Selbstverwaltung. Rechtlich fixiert sind individuelle Leistungen der Altenhilfe im Sozialgesetzbuch XII, im Paragraphen 71, als Teil der Sozialhilfe. Im ersten Absatz heißt es dort:
»Die Altenhilfe soll dazu beitragen, Schwierigkeiten, die durch das Alter entstehen, zu verhüten, zu überwinden oder zu mildern und alten Menschen die Möglichkeit zu erhalten, selbstbestimmt am Leben in der Gemeinschaft teilzunehmen und ihre Fähigkeit zur Selbsthilfe zu stärken«.
In den weiteren Absätzen werden vor allem Alltagshilfen, Wohnberatung, Angebote für eigenes Engagement, zur besseren Mobilität sowie weitere Dienstleistungen genannt, welche die soziale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in der Kommune fördern sollen. Der Gesetzgeber weist außerdem darauf hin, dass die möglichen Leistungen mit Leistungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung sowie mit weiteren Leistungen der Kommunen u. a. im Feld der Pflege abgestimmt werden sollen. Auf der kommunalen Ebene existieren daher mehrere Systeme, von deren Leistungen ältere Menschen profitieren können. Außer den Kommunen selbst bieten auch andere solche Leistungen an, etwa frei-gemeinnützige Träger der Wohlfahrtsverbände oder Vereine und Initiativen.
Die Altenhilfe nach SGB XII soll eine soziale Infrastruktur in den Kommunen etablieren. Damit ist die Altenhilfe ebenfalls Teil der kommunalen Daseinsvorsorge. Gibt man den Begriff »Kommunale Altenhilfe« auf Google ein und wählt die Option »Bilder«, erscheinen ausschließlich Motive aus der Pflege. Altenhilfe ist aber etwas anderes als Pflege. Zwar stammt der Begriff der Altenhilfe aus der Fürsorge. Doch es geht im Kern nicht darum, eine klassische Sozialleistung zu gewähren. Stattdessen haben die Kommunen den Auftrag, Menschen dabei zu beraten, zu begleiten und zu stärken, im Alter selbstständig zu bleiben. Altenhilfe hat also auch eine präventive Funktion.
Die Leistungen der Altenhilfe nach SGB XII beziehen sich vor allem auf Information, Beratung und Unterstützung. Solche Angebote kann es nur geben, wenn in Kommunen entsprechende Strukturen aufgebaut worden sind. Doch die Unterschiede zwischen den Kommunen sind riesig. Denn eine Verpflichtung, bestimmte Strukturen der Altenhilfe vorzuhalten, ergibt sich nicht aus dem Sozialgesetzbuch. Aus diesem Grund gibt es keineswegs in allen Kommunen solche Einrichtungen wie Seniorentreffs, Seniorenbüros oder Pflege- und Wohnberatung.
In einem weiten Verständnis sind auch alle Pflegeeinrichtungen, ob ambulant oder stationär, Einrichtungen der Altenhilfe. Als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit sind es vor allem Orte der Begegnung wie Seniorentreffs, Beratungsangebote vor allem zum Wohnen, zusätzliche professionelle Angebote ergänzend zur Pflege sowie ehrenamtliches Engagement, das über Seniorenbüros oder andere Stellen läuft. Die Altenhilfe ist jedoch nur ein Teil der kommunalen Seniorenpolitik, und die kommunale Seniorenpolitik ist ein Teil einer altersfreundlichen Stadt, nach der Vorstellung der WHO. Aber für wen sind altersfreundliche Städte gedacht?
»Die Älteren« gibt es bekanntermaßen nicht, genauso wenig, wie es »die Jungen« gibt. Viele Ältere sehen sich nicht als hilfebedürftig und möchten auch so nicht angesprochen werden. Die Bedürfnisse und Ressourcen, die Lebenslagen und Lebensstile sind auch im Alter höchst unterschiedlich. Trotzdem tauchen auch in diesem Buch immer wieder Formulierungen wie die »Älteren« oder »ältere Menschen« auf. Das ist lesefreundlich gemeint, aber zu pauschal. Wenn also hier von den »Älteren« oder »älteren Menschen« die Rede ist, ist damit eine große, sehr heterogene Gruppe ab 65 Jahren gemeint.
In der Alternsforschung werden nach den zwei Phasen der Kindheit/Jugend sowie dem Berufsleben inzwischen zwei weitere Altersphasen unterschieden (Wahl, 2017): Das sog. »Dritte Alter« beginnt ab 65 Jahren mit der nachberuflichen Phase. Allerdings beginnt die nachberufliche Phase keineswegs für alle mit 65 bzw. 67 Jahren. Vor allem Selbstständige sind häufig noch viel länger beruflich tätig. Auch verrentete Beschäftigte können eine neue berufliche Phase beginnen, was zukünftig angesichts der Fachkräfteknappheit zunehmen wird.
Gerade im »Dritten Alter« zwischen 65 und 80 Jahren sind die Unterschiede in den Lebenslagen beträchtlich. Sie unterscheiden sich nach sozialem und wirtschaftlichem Status, nach Wohnsituation, nach persönlichen und sozialen Beziehungen, nach kulturellem Hintergrund, nach Geschlecht, um nur die wichtigsten Dimensionen zu nennen. Zwischen dem biologischen, dem chronologischen und dem »gefühlten« Alter gibt es enorme Unterschiede. Ab 80 Jahren beginnt dann das sog. »Vierte Alter«, in dem Menschen als hochaltrig gelten.
Die Pandemie hat gezeigt, wie eindimensional das Bild des Alters in den Kommunen sein kann. So beklagte der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD), dass 2020 zu Weihnachten nur Kontaktpersonen »aus dem engsten Familienkreis« erlaubt waren. Denn für die eigenen Mitglieder seien Freundinnen und Freunde die wichtigsten Bezugspersonen. Wahlfamilien dürften nicht weniger geschätzt werden als Herkunftsfamilien. In einem Erfahrungsbericht älterer Homosexueller in der Corona-Krise sind solche Episoden gebündelt worden (https://rubicon-koeln.de/alter-nrw/).
Es geht aber nicht nur darum, dass die sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebenslagen und Lebensstile im Alter höchst verschieden sind. Es macht auch einen Unterschied, ob Menschen in Städten oder stadtnah alt werden, oder ob sie auf dem Land leben. In Deutschland leben die meisten Menschen in Kleinstädten oder auf dem Land. Altern auf dem Land ist anders als das Altern in der Stadt!
