Wofür stirbt ein Mensch - John Alexander Gordis - E-Book

Wofür stirbt ein Mensch E-Book

John Alexander Gordis

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Beschreibung

Im 7. Jahrhundert n. Chr. beherrscht das Frankenreich den Großteil Mitteleuropas. Im östlichen Teilreich Austrasien stirbt 656 König Sigibert III. Der Adel will den vierjährigen Dagobert II von der Thronfolge ausschließen, verbannt ihn in ein Kloster nach Irland. Fürsorgliche Zieheltern ermöglichen ihm eine glückliche Jugend. Er heiratet einen angelsächsische Prinzessin, sie haben 3 Kinder. Dagobert wird ins Frankenreich zurück gerufen, um als König zu regieren. Doch der Adel hat einen schwachen König erwartet, nicht einen tatkräftigen. 679 wird er ermordet. Wofür musste er mit 27 Jahren sterben?

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Seitenzahl: 469

Veröffentlichungsjahr: 2024

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FÜR RAIK HECKL

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

ERSTES KAPITEL DIE VERBANNUNG

ZWEITES KAPITEL AIDAN

DRITTES KAPITEL LIBANIUS

VIERTES KAPITEL GERHILD

FÜNFTES KAPITEL KRIEG

SECHSTES KAPITEL DER NEUE KÖNIG

SIEBTES KAPITEL DAGOBERT IN DER KLOSTERSCHULE

ACHTES KAPITEL DER MORDANSCHLAG

NEUNTES KAPITEL DIE HÜTERIN DES MOORES

ZEHNTES KAPITEL LIEBESKRANK

ELFTES KAPITEL AIDANS LETZTER KAMPF

ZWÖLFTES KAPITEL DIE DREI BRÜDER AUS NORTHUMBRIA

DREIZEHNTES KAPITEL DER HERR HAT`S GEGEBEN, DER HERR HAT`S GENOMMEN

VIERZEHNTES KAPITEL ZURÜCK IN DIE ALTE HEIMAT

FÜNFZEHNTES KAPITEL ENDLICH IN METZ

SECHZEHNTES KAPITEL DER WALD VON WOEVRE

NACHWORT

ALPHABETISCHES VERZEICHNIS DER NAMEN

LITERATURVERZEICHNIS

QUELLEN

VORWORT

Im Frühmittelalter kam es in der westlichen Hälfte des römischen Reiches allmählich zu einer Romanisierung der angrenzenden nichtrömischen Völker (von den Römern „Barbaren“ genannt) durch einen regen Verkehr über den Limes hinaus, vor allem durch den Handel, speziell die Belieferung der römischen Armeen. Gleichzeitig kam es zu einer „Barbarisierung“ des Imperiums, vor allem durch den ständig wachsenden Einsatz von „Barbaren“ in der römischen Armee und durch die Ansiedlung von Barbaren innerhalb der Reichsgrenzen, später sogar ganzer Völker. Auch die Errungenschaften römischer Zivilisation wirkten anziehend auf die Barbaren. Der Aufstieg in der Armee führte Barbaren in die höchsten Positionen. Manche waren gebildet und kultiviert, befreundet mit Männern aus dem senatorischen Adel wie Ambrosius, dem Bischof von Mailand.

Im Westen kam es allmählich zu einer Erosion der Zentralgewalt. Senatorische Adlige wurden unermesslich reich durch riesigen Landbesitz. Im Zentralstaat

sahen sie eine Bedrohung ihrer Privilegien. Nachdem ganze Völker ins Reich (z. B. Westgoten) aufgenommen worden waren, andere allmählich eingesickert oder gewaltsam eingedrungen waren, bildeten sich barbarische Königreiche innerhalb des Imperiums. Römische Adlige waren im Dienst dieser Könige, solange diese ihre Privilegien und ihre privaten Ländereien nicht in Frage stellten. Sie waren diesen Königen nützlich, indem sie ihre administrative Kompetenz zur Verfügung stellten. Im Zuge der Auflösung der Kommunalverwaltungen traten Bischöfe aus dem senatorischen Adel an deren Stelle, sie verwalteten und regierten „ihre“ Kommunen. Da diese Bischöfe meistens aus der staatlichen Verwaltung kamen, hatten sie nur selten einen theologischen Hintergrund. Sie traten aber auch als Fürsprecher für die durch ständig gestiegene Steuern und Abgaben verarmten Pachtbauern auf, sie gewährten ihnen Schutz. Der Status eines großen Teils dieser Bauern glich allmählich dem der Sklaven, nur dass sie noch zum Wehrdienst verpflichtet waren. Daher flohen viele von ihrem Land, das sie eigentlich nicht verlassen durften.

Das alles führte neben anderen Faktoren (Seuchen, Geburtenrückgang, Kollaps des Finanzsystems) zum Zusammenbruch des westlichen Imperiums. Die letzte römisch regierte Region in Gallien wurde vom Frankenkönig Chlodwig I erobert.

In den folgenden Jahren schaffte er durch weitere Eroberungen und brutales, rücksichtsloses Vorgehen, auch gegen Adlige seines eigenen Volkes, sogar gegen seine eigenen Verwandten, die Grundlage für das Frankenreich. Seither spricht man vom Frühmittelalter. Unter Chlodwigs Nachfolgern bildeten sich durch Erbteilung drei Teilreiche heraus: Neustrien, Austrasien und Burgund, die sich aber weiterhin nur als Teile des einen großem Reiches betrachteten.

Jeder König hatte in seinem Teilreich einen eigenen Majordomus („Hausmeier“), ursprünglich ein Verwalter des königlichen Haushalts. In der folgenden Zeit erhielt der Majordomus vom König allerdings immer mehr Aufgaben und Befugnisse übertragen, so dass er schließlich bei der Verwaltung des Landes beinahe kaum weniger Macht besaß als der König. In der letzten Phase der merowingischen Dynastie regierte der Majordomus faktisch allein neben einem König, der sich auf repräsentative Aufgaben beschränkte.

ERSTES KAPITEL

DIE VERBANNUNG

An einem trüben Novembermorgen des Jahres 656 n. Chr. löffelte der junge Franke Ansegisil ohne rechten Appetit seinen Gerstenbrei zum Frühstück und trank Ziegenmilch dazu. Mit ihm an dem roh gezimmerten Tisch saßen seine etwas jüngere Schwester Haldetrud und ihr betagter Vater Wulfilaic. Ansegisil bewirtschaftete mehr schlecht als recht den kleinen Pachthof der Familie in der Nähe der Stadt Poitiers. Sein Vater half ihm, soweit es seine Kräfte noch zuließen; aber schwere körperliche Arbeit schaffte er schon seit einigen Jahren nicht mehr. Seine Frau, die Mutter ihrer beiden Kinder, war bei der Geburt der Tochter gestorben. Haldetrud besorgte die Hauswirtschaft und fütterte auch die Schweine, die Hühner und Gänse. Bekümmert blickte sie auf das sorgenvolle Gesicht ihres Bruders. Endlich fragte sie ihn leise: „Was hast du, Bruder? Geht es dir nicht gut?“

Ansegisil legte den hölzernen Löffel aus der Hand und sah seine Schwester

lange an, ohne ein Wort zu sagen. Schließlich seufzte er, ergriff ihre Hand und drückte sie fest. „Schwesterherz,“ begann er, „ich mache mir große Sorgen um uns Drei. Die beiden letzten Ernten waren sehr schlecht. Hagel hat einen Teil des Getreides zu Boden geworfen, wo die Körner von Raben und Krähen gefressen wurden. Danach hat eine Dürre das Land heimgesucht. Jetzt können wir die nächste Pachtrate nicht bezahlen. Der Grundherr wird uns von Haus und Hof jagen.“ Er stockte. „Der allmächtige Gott möge uns gnädig sein, sonst müssen wir in der Fremde Hungers sterben.“

Natürlich waren Ansegisils Ängste nicht unbegründet. Das wusste auch Haldetrud. Aber sie wollte versuchen, trotzdem die Zukunft nicht so schwarz zu sehen. „Unser Grundherr,“ erwiderte sie, „ist doch der Bischof Dido von Poitiers. Bestimmt wird ein Bischof, ein Mann Gottes, nicht so hart vorgehen wie manch andere Grundherren und wird uns die Pachtzahlung stunden.“ Sie sah ihren Bruder fragend an.

Ansegisil schüttelte den Kopf. Seine Miene hatte sich noch weiter verdüstert. „Es sollte ja eigentlich so sein, wie du sagst, Schwester“, brachte er mühsam hervor. „Ein Bischof sollte für seine Gemeinde - seine Schafe - ein guter Hirte sein, der uns die Güte und Liebe unseres Herrn Jesus Christus erkennen lässt. Vielleicht war es in der Frühzeit des Christentums wirklich so. Aber längst sind die meisten Bischöfe im Frankenreich vor allem Herrscher in ihrer Diözese, die mit eiserner Hand regieren, Steuern und Pachten eintreiben. Es gibt wohl nur wenige, die Pachten senken und sich als Fürsprecher für die Bauern einsetzen, indem sie die Steuerbehörden um Steuernachlass oder wenigstens Senkung der Steuerlast bitten. Von unserem Bischof Dido haben wir kaum Milde zu erwarten.“ Ansegisil ließ den Kopf hängen nach diesen Worten und schwieg. Seine Schwester wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Der Vater wiegte nur seinen Kopf hin und her und murmelte unaufhörlich: „Herr, erbarme dich, Christus, erbarme dich!“

Nach einem langen Schweigen erhob Ansegisil seinen Kopf und blickte von seiner Schwester zu seinem Vater und wieder zu seiner Schwester. „Ich kenne nur einen Ausweg“, sagte er langsam, „dass wir uns freiwillig in das Patronat des Bischofs begeben, in welchem wir dann seinen Leibeigenen gleich gestellt wären. Er könnte dann über uns verfügen, wie es ihm gefällt. Immerhin könnten wir weiter auf diesem Hof leben.“ Ansegisils Gesicht wirkte eingefallen, Tränen rannen seine Wangen hinab.

Haldetrud stand auf, sie umarmte ihren Bruder. Auch sie hatte begonnen zu weinen. „Wenn es so sein soll, dann soll es eben so sein“, flüsterte sie mit erstickter Stimme. Sie wischte sich die Tränen ab, setzte sich wieder auf ihren Platz und fuhr mit fester Stimme fort: „Geh so bald wie möglich zum Bischof, Bruder, wirf dich vor ihm auf die Knie, flehe ihn um Gnade an und mache ihm diesen Vorschlag mit dem Patronat, wenn es denn sein muss! Aber jetzt, ich bitte dich, Bruder, nimm deinen Löffel und iss etwas von dem guten Gerstenbrei!“

Ansegisil nickte. Er lächelte schwach. „Wenigstens haben wir noch die Ziegen, die uns mit frischer Milch versorgen.“ Er trank einige große Schlucke aus seinem Becher. Dankbar blickte er Haldetrud an; sie hatte ihm Mut gemacht. Er begann wieder, aus der großen gemeinsamen Holzschüssel den Gerstenbrei zu löffeln. Er sann darüber nach, wie seine Familie in diese ausweglose Situation geraten konnte. Seine Vorfahren waren einst, nachdem König Chlodwig I den größten Teil Galliens erobert hatte, vom Niederrhein in diese Gegend Aquitaniens gezogen, angelockt von der Aussicht auf eigenes Land. Doch im Laufe der Jahre war die Steuerlast immer drückender geworden, so dass sich sein Großvater in die Abhängigkeit der Bischöfe von Poitiers begeben musste. Sie waren jetzt die Grundherren, denen seine Familie von da an Pacht zahlen musste. Zudem war es ihnen nicht erlaubt, ihr Ackerland zu verlassen. Wie ihnen war es zahlreichen Bauern im Frankenreich gegangen. Sie galten zwar noch als Freie, aber ihre Freiheit beschränkte sich darauf, Kriegsdienst leisten zu müssen sowie an Gerichtsverhandlungen teilnehmen zu dürfen.

Die unaufhörliche schwere Arbeit und die Sorgen um die Existenz hatten Ansegisil gezeichnet. Mit seinen zwanzig Jahren glich er eher einem Dreißigjährigen. Er war ein hochgewachsener, hagerer Mann, dem man kaum zutraute, zu schwerer körperlicher Arbeit fähig zu sein. Sein täglich Wind und Wetter ausgesetztes Gesicht wirkte hart und verschlossen. Seine Schwester konnte sich kaum daran erinnern, ihn lachen gesehen zu haben. Mit seinem halblangen, leicht gelockten dunkelblonden Haar und seinen blauen Augen sah er eigentlich sehr ansprechend aus. Zudem lag ein freundlicher, gütiger Ausdruck in seinen Augen. Im nächst gelegenen Dorf Lezay fand zweimal im Jahr ein Tanzvergnügen für die Jugend statt. Wahrscheinlich hätte er dort manch junges Mädchen bezaubern können, aber Ansegisil hatte nie daran teilgenommen, er war wohl etwas zu schüchtern.

Haldetrud machte sich natürlich ebenso große Sorgen wie ihr Bruder wegen der verzweifelten Lage der Familie. Doch war sie aus ganz anderem Holz geschnitzt, sie hatte ein heiteres, geradezu sonniges Gemüt. Nichts konnte sie so leicht aus der Bahn werfen; sie glaubte fest daran, dass es mit Gottes Hilfe immer irgendeinen Ausweg aus jeder misslichen Lage geben würde. Meist ging sie bei der Hausarbeit singend durch das kleine Holzhaus der Familie mit seinen zwei Räumen, dann über den Hof , um die Hühner und Gänse zu füttern, und zum Stall, um den Schweinen ihr Futter zu bringen. Das ungeduldige Quieken der Schweine brachte sie jedes Mal zum Lachen. Ihr Herz war voller Freude über das Zwitschern der Vögel,

über die milden Strahlen der Sonne und das lustige Plätschern des Regens. Als Kind hatte sie in den Pfützen auf dem Hof immer winzige hölzerne Schiffchen schwimmen lassen. Sie hätte liebend gern an den dörflichen Tanzvergnügen teilgenommen, aber solange ihr Bruder sie nicht begleitete, war das leider nicht möglich, es wäre ganz unschicklich gewesen.

Haldetrud war nicht sehr hochgewachsen, im Gegensatz zu ihrem Bruder hatte sie eine rundliche Figur mit wundervoll geschwungenen Hüften und Schultern, sowie zart gerundeten Brüsten. Man hätte sie nicht unbedingt als Schönheit bezeichnen können, aber ihre weißblonden Haare schimmerten mit den Strahlen der Sonne um die Wette; und der Blick ihrer großen tiefblauen Augen, die manchmal ins Grün hinüberspielten, konnten bestimmt manch jungen Mann um den Schlaf bringen. So wie sie ihn davon träumen lassen würde, ihre weichen, vollen Lippen zu küssen. Zu ihrem großen Kummer hatten sie nie Besuch, höchstens schaute einmal ein Nachbar vorbei. Zum Glück durfte sie Ansegisil begleiten, wenn er gelegentlich für unumgängliche Besorgungen ins Dorf fuhr. Hierfür wurde die braune Stute Begga vor einen etwas wackeligen Wagen gespannt. Zu den wenigen Dingen, die gekauft werden mussten, gehörten Salz und Olivenöl.

Im selben Jahr, als Ansegisil. Haldetrud und Wulfilaic um ihre bescheidene Existenz rangen, starb in Austrasien, dem östlichen Teil des Frankenreiches, in seiner Residenzstadt Metz König Sigibert III aus dem Geschlecht der Merowinger. Er hinterließ seiner Witwe Chimnechild ihren gemeinsamen vierjährigen Sohn, den sie in Gedenken an seinen berühmten Großvater Dagobert genannt hatten, sowie die zweijährige Tochter Bilichild. In Chimnechilds Trauer um ihren so jung verstorbenen Ehemann brach gleich das nächste Unglück über sie herein. Der Majordomus (Hausmeier) Grimoald erschien mit einigen Soldaten im Königspalast und verlangte von Chimnechild die Herausgabe ihres kleinen Sohns. Im ersten Moment war die Witwe fassungslos, dann fiel sie vor Grimoald auf die Knie. Tränen überströmt rang sie die Hände. „Hab Erbarmen, Grimoald!“, flüsterte sie mit erstickter Stimme, „nimm mir um Gotteswillen nicht meinen einzigen Sohn weg!“ Doch der Majordomus grinste nur hämisch und befahl den Soldaten, das völlig verängstigte Kind mitzunehmen, das sich hinter seiner Mutter versteckt hatte. „Du kannst ja wieder heiraten und noch weitere Kinder bekommen,“ rief er Chimnechild im Weggehen zu.

Die Hausmeier der Frankenkönige waren ursprünglich Verwalter des königlichen Palastes gewesen, mit der Zeit hatten sich viele Könige aber immer weniger selbst um die Staatsgeschäfte gekümmert, sondern sie den Hausmeiern überlassen, die ihrerseits aus adeligen Familien stammten. Im Falle Grimoalds war es das Geschlecht der Arnulfinger. Bis zu diesem Zeitpunkt waren seit der Reichsgründung immer Merowinger die Könige gewesen, doch Grimoald griff in seinem Machthunger nach der Königskrone. Er hatte bereits vor der Geburt des kleinen Dagobert König Sigibert III gezwungen, seinen eigenen Sohn zu adoptieren. Als nun der König plötzlich gestorben war, ließ er keine Zeit verstreichen, um seinen Sohn Childebert als neuen König über Austrasien zu proklamieren. Der eigentliche Thronerbe Dagobert II war ihm jetzt natürlich lästig, doch ihn töten zu lassen, scheute er sich. Da bot sich als Ausweg die Verbannung des Kindes an. Er beauftragte einige ihm ergebene Gefolgsleute und Soldaten, das Kind Dagobert zum Bischof Dido von Poitiers zu bringen Der sollte ihn möglichst weit weg schaffen, am besten nach Irland in ein Kloster, wo er sein Leben als frommer Mönch zu beschließen hatte.

Man kann sich die Gemütsverfassung des kleinen Jungen vorstellen, der seine ersten vier Lebensjahre behütet im Schoß seiner Familie verbracht hatte, plötzlich seiner Mutter entrissen worden war und nun von groben Leuten herum gereicht und herum geschubst wurde. Ja, einer packte das zitternde Kind und schor sein Kopfhaar ab.Das hatte Grimoald angeordnet, um den Jungen schon als künftigen Mönch zu kennzeichnen und und seine Eignung als künftigen König zunichte zu machen. Denn alle merowingischen Könige trugen langes Haar. Wahrscheinlich gehörte das zu ihrem Charisma. Schließlich setzte man Dagobert in einen Reisewagen, der rumpelnd losfuhr.

Um von Metz nach Poitiers zu gelangen, musste das halbe Frankenreich durchquert werden, eine Reise, die wohl zwei bis drei Wochen gedauert haben musste. Es ging auf gepflasterten Römerstraßen über Paris, Orleans und Tours nach Poitiers, dem Sitz des Bischofs Dido. Dagobert hatte keine Ahnung, wohin er gebracht werden sollte; seine Angst vor dem Unbekannten wuchs von Tag zu Tag, völlig verstört kam er schließlich im Bischofspalast von Poitiers an, wo ihn erst einmal eine Kinderfrau unter ihre Fittiche nahm. Sie hatte die allergrößte Mühe, das arme Kind zu beruhigen. Der Junge weinte manchmal stundenlang, sprach kein Wort und mochte nichts essen. Schließlich wurde eine Amme geholt, eine warmherzige, mütterliche Frau, an die sich Dagobert schmiegte, und die ihm sogar die Brust reichte. Jetzt erst kam das Kind allmählich zur Ruhe und begann wieder zu sprechen.

Nach mehreren Wochen fasste sich Ansegisil ein Herz und brach zum Bischof Dido von Poitiers auf. Im Morgengrauen sattelte er die Stute Begga, stopfte etwas Proviant in eine Satteltasche und ritt schweren Herzens zur Landstraße. Die ungepflasterte Landstraße war zwar durch den winterlichen Regen etwas verschlammt, aber der kräftigen Stute machte das nicht allzu viel aus. Tapfer schritt sie durch den Schlamm voran, sog die frische Morgenluft ein und wieherte wie ein mutiges Schlachtross. Haldetrud und Wulfilaic hatten Ansegisil mit vielen Segenswünschen verabschiedet. In einen dicken Wintermantel gehüllt zog der junge Mann jetzt auf der Landstraße nach Poitiers. Der Winter war in diesem Jahr recht mild verlaufen, zu beiden Seiten der Straße blickte Ansegisil auf Wiesen, deren Grün im Licht der fahlen Wintersonne matt leuchtete. Ohne ihr Laub bildeten die kahlen Äste der Bäume ein filigranes, verwirrendes Muster, in tiefem Schwarz stachen ihre Silhouetten gegen den Himmel ab. Immer mehr Wolken verdunkelten ab und zu die Sonne, aber noch regnete es nicht. Von dieser düsteren Szenerie der Natur wurde Ansegisils Stimmung nicht gerade aufgehellt. Außer ihm waren kaum andere Menschen zu Fuß oder zu Pferd unterwegs. Nach zwei Stunden erreichte er die Stadt und stand bald vor dem Bischofspalast. Es war ein düsterer Ziegelbau, er glich eher einer Zwingburg als einem Palast. Er war wohl mindestens hundert Jahre alt.

Wie in ganz Aquitanien hatte die Bevölkerung von Poitiers schon vor langer Zeit das Christentum in der Form der römischen Orthodoxie angenommen. Hingegen hatten sich die Westgoten, die hier mehrere Jahrzehnte regiert hatten, zum arianischen Christentum bekehren lassen, was zu einer nicht unbedeutenden Kluft zwischen ihnen und der ansässigen gallorömischen Bevölkerung geführt hatte. Schon vor etwa hundert Jahren hatten jedoch die Franken Aquitanien erobert; zugleich mit König Chlodwig I waren seine Gefolgsmänner sowie der fränkische Adel zum orthodoxen Christentum konvertiert, im Gegensatz zu den fränkischen Bauern, die mehrheitlich weiter an die Götter ihrer Vorfahren glaubten, besonders an Wodan, den Kriegsgott, Donar, den Wettergott und Freia, die Göttin der Liebe.

Je näher er dem Bischofspalast gekommen war, desto schlimmer wurde Ansegisils Anspannung; er schwitzte, sein Herz klopfte bis zum Hals, seine Zunge war schon ganz trocken. Im Hof des Palastes nahm ihm ein Stallknecht das Pferd ab, ein anderer Diener geleitete ihn in den Palast. In einem Vorzimmer zum Audienzraum des Bischofs musste er zwei Stunden warten, dann wurde er vorgelassen. Wie fast alle Bischöfe im Frankenreich war Bischof Dido ein Adliger aus einer gallorömischen Familie. Er war ein betagter Mann, eher klein von Wuchs, aber dennoch eine Ehrfurcht gebietende Persönlichkeit. Schon die purpurfarbene Soutane und der spitze Bischofshut, die Mitra, verliehen ihm eine gewisse Würde. Sein halblanges, weißes Haar und der weiße gestutzte Bart verstärkten noch diesen Eindruck. Seine stechenden braunen Augen und die scharfen Gesichtszüge, die zu einem römischen Heerführer gepasst hätten, ließen Ansegisil nichts Gutes ahnen, bevor einer von ihnen auch nur ein Wort gesprochen hatte.

Ansegisil fiel auf die Knie und küsste den Bischofsring an der rechten Hand des Bischofs, die jener ihm entgegen gestreckt hatte. Mit stockender, gepresster Stimme begann der junge Mann zu sprechen: „Hochverehrter Bischof, ich komme mit einem wichtigen Anliegen zu dir und bitte dich um deine Gnade.“

Bischof Dido blickte Ansegisil streng an, er verzog keine Miene, aber bedeutete ihm mit einer Handbewegung aufzustehen. „Was ist dein Anliegen, junger Mann, ich kenne dich, du bist doch einer meiner Pächter. Nun sprich!“

Ansegisil hatte es erst einmal die Sprache verschlagen; der Bischof schien schon die Geduld zu verlieren, endlich brachte er mühsam einige Sätze hervor: „Hochverehrter Bischof, du weißt, dass in diesem Jahr eine Dürre das Land versengt hat, und im Jahr davor wurde der Boden von zu viel Regen durchtränkt, so dass wir zwei schlechte Ernten hintereinander hatten. Deswegen ist es mir leider nicht möglich, die Steuern sowie die nächste fällige Pachtrate zu bezahlen.Ich flehe dich deshalb an, uns diese Zahlungen zu stunden, bis wir wieder auf die Beine gekommen sind. Meine Familie und ich würden uns auch unter dein Patronat stellen und unseren Stand als Freie aufgeben.“

Ansegisil schlug die Augen nieder, er hatte begonnen, am ganzen Körper zu zittern; ängstlich wartete er auf die Antwort des Bischofs. Bischof Dido hatte keine Miene verzogen; er schwieg eine ganze Weile, schließlich kräuselten sich seine Lippen zu einem kaum merklichen, süffisanten Lächeln, bevor er Ansegisil antwortete: „Dein Vater und du wart immer fleißige, treue Pächter, ihr habt bisher jedes Jahr Steuern und Pacht pünktlich bezahlt. Deshalb werde ich deinem Wunsch nachkommen, Ansegisil. Was euren Status betrifft, hast du nicht das richtige Wort gewählt. Du meintest sicher das Patrocinium – das heißt, dass ihr euch unter meinen Schutz stellt. Formal wäret ihr dann noch Freie, aber tatsächlich wäret ihr mir unbedingten Gehorsam schuldig. Im Gegenzug würde ich euch gnädig die fälligen Abgaben erlassen. Bist du damit einverstanden, Ansegisil? “

Der junge Mann hatte aufgehört zu zittern. Natürlich war die Aussicht, dem Bischof – seinem Grundherrn – vollständig untertan zu sein und jedem seiner Befehle gehorchen zu müssen, überhaupt nicht erfreulich, aber es blieb ihm kaum eine andere Wahl. Wenigstens würden seine Schwester, sein Vater und er nicht ihr Zuhause und ihre Heimat verlieren. Er verbeugte sich tief vor Dido und sagte leise: „Ich danke dir, hochwürdiger Bischof, für deine gnädige und weise Entscheidung. Ich werde dir immer treu ergeben sein.“

Für Ansegisil schien die Unterredung hiermit beendet. Er wandte sich schon zum Gehen, da hielt ihn Bischof Dido zurück. „Warte!“, begann Dido, „es gibt schon jetzt einen besonderen Dienst, den du für mich leisten sollst. Ich werde den jungen merowingischen Prinzen Dagobert nach Irland geleiten. Dort soll er im Kloster Slane eine gute Erziehung erhalten und später einmal Mönch werden. Sobald die Zeit der Winterstürme vorüber ist, werde ich mich mit ihm einschiffen. Du und deine Schwester, ihr sollt uns begleiten. Ihr sollt in Irland auf ihn aufpassen und euch um ihn kümmern, als ob ihr seine Eltern wärt. Da der kleine Dagobert schon mit vier Jahren von seiner Mutter getrennt wurde, nachdem sein Vater gestorben war, ist es besonders wichtig, dass deine Schwester mitkommt, um sich anstelle seiner Mutter um den Jungen zu kümmern. Dein Vater, Ansegisil, mag derweil auf eurem Hof bleiben. Sobald wir mit dem Kleinen aufbrechen, werde ich es dir durch einen Boten mitteilen lassen. Nun geh in Frieden!“

Ansegisil taumelte aus dem Audienzraum, als ob er gerade einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen hätte. Der Befehl des Bischofs, dem er Folge leisten musste – außer er verließe fluchtartig Haus und Hof – würde sein und seiner Familie Leben vollständig umkrempeln. Ob es sein Haus überhaupt noch geben würde, wenn er mit seiner Schwester nach zehn oder zwanzig Jahren wiederkäme – wer könnte das schon sagen? Sein Vater wäre vielleicht inzwischen gestorben, und im Haus würde längst ein anderer Pächter wohnen. Es war ihm, als ob er am Rand einer Klippe stände und im nächsten Augenblick in einen bodenlosen Abgrund stürzen müsste. Niedergeschlagen ritt Ansegisil zurück zu seinem Hof. Er schaute nicht nach rechts oder links, seine Gedanken kreisten um die ungewisse, bedrohliche Zukunft. Er mochte sich gar nicht vorstellen, wie er mit diesen Nachrichten seiner Schwester und seinem Vater unter die Augen treten konnte. Natürlich würden sie entsetzt reagieren und ihn wegen des Ergebnisses seiner Unterredung mit dem Bischof als Versager betrachten.

Wie ein geprügelter Hund trat er endlich vor die beiden und berichtete kleinlaut, mit Tränen in den Augen, von dem Befehl des Bischofs. Es herrschte daraufhin minutenlanges Schweigen, die beiden starrten ihn ungläubig an. Schließlich ging Haldetrud auf ihren Bruder zu und nahm ihn in die Arme. „Mein liebster Bruder, mein Armer,“ flüsterte sie, „es ist alles nicht deine Schuld. Du arbeitest dich hier Jahr für Jahr krumm und kommst trotzdem aus den Sorgen nicht heraus. Was kannst du dafür, dass dieser Bischof so grausam mit dir umspringt? Er hat, weiß Gott, kein Herz Das Vorhaben, den kleinen Dagobert nach Irland zu schaffen, um ihn dort in ein Kloster zu stecken, ist höchst seltsam. Es gibt doch hier im Frankenreich genug Klöster. Offenbar hat irgend jemand vor, den Jungen so weit weg wie möglich bringen zu lassen. Das hört sich für mich an, als wollte man ihm die Thronfolge verwehren, um jemand anderen an seiner Stelle auf den Thron zu setzen.“

Sie nahmen am Tisch im Wohnzimmer Platz. Wulfilaic ergriff die Hände seines Sohnes und drückte sie fest. „Seid nicht traurig, meine Kinder, keiner von uns trägt an dieser Entwicklung die Schuld. Wer weiß. vielleicht liegt für euch beide sogar eine große Chance darin, euch in Zukunft um diesen Prinzen zu kümmern. Immerhin könnt ihr ja nicht gleichzeitig euren Lebensunterhalt verdienen, es wird also für euch gesorgt werden. Und ihr seht etwas von der Welt, lernt ein neues Land kennen. Wo liegt dieses Irland eigentlich? Ich habe noch nie davon gehört. Es muss sehr weit weg sein vom Frankenreich. Und welche Sprache wird dort gesprochen? Was mich betrifft, macht euch um mich keine Sorgen. Der gnädige Gott wird für mich sorgen. Natürlich kann ich nicht allein unsere Felder bestellen. Aber die Tiere kann ich weiterhin versorgen, ich werde immer genügend Fleisch, Eier und Milch haben. Und unser Garten gleich hinter dem Haus wird mir frisches Gemüse liefern.“ Er lächelte tapfer. „Ich werde ganz bestimmt zurecht kommen. Und wenn ihr eines Tages wiederkommt, werde ich euch gesund und munter umarmen. Dann feiern wir unser Wiedersehen, danken Gott dem Herrn und bearbeiten wieder gemeinsam dieses Land.“

Erstaunt blickten ihn seine Kinder an. Mit so viel Mut und Zuversicht ihres Vaters hatten sie nicht gerechnet. Beiden fiel ein Stein vom Herzen. Ansegisil hatte schon befürchtet, dass die Aussicht, allein auf dem Hof zu bleiben und sich selbst versorgen zu müssen, sein Vater nicht verkraften würde. Die Drei sprachen gemeinsam ein Vaterunser und baten den Heiligen Martin von Tours um seine Unterstützung und Fürsprache bei Gott.

Anfang April war es so weit. Im Januar und Februar waren einige Winterstürme über das Land hinweggefegt, aber inzwischen hatte der Frühling Aquitanien erreicht, hatte milde Luft herbeigeführt und Bäume und Sträucher zu neuem Leben erweckt. Die Ziegen und die Kuh konnten gar nicht genug von dem frischen Futter bekommen. Am dritten April ritt ein Bote in den Hof ein und überbrachte die Nachricht, Ansegisil und Haldetrud sollten sich in einer Woche zum Palast des Bischofs von Poitiers begeben.

Nun hieß es, die notwendigen Dinge für einen langen Aufenthalt in der Fremde zu packen. Auf die Fragen ihres Vaters hinsichtlich Irlands hatten die Geschwister auch keine Antwort gehabt, aber ihr Nachbar, der alte Brodulf, kannte sich da offenbar aus. „Irland ist eine große Insel,“ erklärte er ihnen, „noch weiter im Westen als Britannien, die Menschen sprechen dort Gälisch. Diese Sprache soll so ähnlich sein wie das Gallische, das die Bevölkerung Galliens früher gesprochen hat. So viel ich weiß, wird diese Sprache hier heutzutage nicht mehr gesprochen, außer in der Landschaft Bretagne, vielleicht auch in abgelegenen Dörfern der Auvergne.“

Die Familie war verblüfft. „Wir hatten ja keine Ahnung, wie gebildet du bist,“ meinte Haldetrud lachend. „Wir werden uns also auf eine lange Seereise begeben müssen.“ Sie mussten sich nun überlegen, wie Ansegisil, Haldetrud sowie das Gepäck nach Poitiers gelangen sollte. Schließlich besaßen sie nur die Stute Begga. Brodulf lächelte verschmitzt: „Das ist doch ganz einfach,“ wandte er sich an seine Nachbarn: „Mir gehören ja drei Pferde; auf einem wird Haldetrud reiten, ich auf dem zweiten, Wulfilaic auf dem dritten, Ansegisil auf seiner Stute Begga. Ein Maultier für das Gepäck habe ich auch noch. Auf dem Rückweg können Wulfilaic und ich je auf einem Pferd reiten und ein zweites an einer Leine führen. Das Maultier verkaufen wir in Poitiers, das dürfte nicht schwierig sein.“

Dieser Plan fand allgemeine Zustimmung. Zur großen Erleichterung der Familie versprach Brodulf zudem, Wulfilaic in Zukunft zur Hand zu gehen, sollte er

Hilfe benötigen; endlich brach die kleine Kavalkade auf. Ansegisil und Haldetrud warfen noch einen bangen Blick zurück auf ihren Hof. Ihnen wurde schwer ums Herz; würden sie ihn jemals wiedersehen? In eine ungewisse Zukunft würden sie jetzt gestoßen werden. Gott allein wusste, was sie erwartete. Aber er würde sie bestimmt nicht im Stich lassen.

Als sie den Hof des Bischofspalastes in Poitiers erreicht hatten, kam ein junger Mann im langen schwarzen Gewand eines Geistlichen auf sie zu. Er war schlank, und mit seinen ebenmäßigen Gesichtszügen und dem freundlichen Ausdruck seiner braunen Augen machte er einen vertrauenerweckenden Eindruck. Er war glatt rasiert und trug sein dunkelblondes Haar sehr kurz. Er war unschwer als Römer zu erkennen: „Ich bin Libanius, Archidiakon dieses Bistums,“ stellte er sich vor. „Ich heiße euch im Namen des Bischofs willkommen. Ihr könnt eure Pferde jetzt im Stall unterbringen. Die Stallknechte werden euch Gerstengrütze und Wasser bringen, außerdem für jeden einen Strohsack. Heute Nacht könnt ihr im Stroh neben euren Pferden schlafen. Morgen früh, wenn die Hähne krähen, wollen wir alle auf der Römerstraße, die bis Bordeaux reicht, unsere Reise beginnen. Ein Stück vor Bordeaux biegen wir dann in nordwestlicher Richtung auf die Landstraße ein, die zum Hafen Royan an der Mündung der Gironde führt. Mit Gottes Hilfe werden wir drei Tage für die Strecke benötigen. Die Nächte können wir in Herbergen zubringen.“ Der Archidiakon senkte leicht den Kopf und verschwand im Bischofspalast. „Ein seltsamer Mensch,“ meinte Brodulf.

In aller Herrgottsfrühe machte sich die ganze Truppe am nächsten Morgen auf den Weg. Der Bischof hatte mit dem Archidiakon in einem der Reisewagen Platz genommen; in einem zweiten Wagen saß Haldetrud zusammen mit dem kleinen Dagobert. Bischof Dido hatte zwei schwer bewaffneten Soldaten seiner Leibgarde sowie seinem persönlichem Hausdiener befohlen, die Gruppe auf der Reise zu begleiten. Sie ritten auf Pferden des Bischofs wie auch Ansegisil. Auf der Römerstraße ging es anfangs recht flott voran. Schon bald zeigte sich über einer sanften Hügelkette im Osten ein schmaler, blassgelber Streifen, bis der Himmel einen violetten Schimmer annahm. Nach einer weiteren halben Stunde überstrahlte die purpurne Morgenröte den ganzen östlichen Himmel. Ansegisil war immer wieder beeindruckt von diesem Schauspiel.

Nach etwa 10 Meilen kam ihnen eine Kamelkarawane entgegen. Noch nie hatte Ansegisil solche Tiere gesehen, besonders faszinierend fand er ihren eleganten, wiegenden Gang. Ab und zu ließ eines der Tiere ein kräftiges Brüllen ertönen. Einer der beiden Soldaten erklärte ihm, dass es syrische Händler wären, die Luxusgüter ins Frankenreich importierten. „Auch Griechen und Juden durchwandern mit Karawanen das ganze Reich,“ fügte er hinzu. „Aber die Waren – Juwelen, kostbare Gewänder, Papyrus und fremdländische Gewürze – sind natürlich nur für die Mächtigen und Reichen bestimmt, die sich so etwas leisten können.“ Er lachte. „Unsereins muss froh sein, wenigstens Salz zu bekommen Ich heiße übrigens Frodo. Mein Kamerad hier ist Rado.“

Auch Ansegisil stellte sich vor „Werdet ihr auch mit dem Schiff nach Irland fahren?“ fragte er die beiden.

„Selbstverständlich!“, erwiderte Rado. „Und anschließend auf demselben Weg wieder zurück, sobald der Bischof seinen Auftrag erfüllt hat. Man kann ja nie wissen, was für ein Gesindel sich so herumtreibt,“ fügte er grinsend hinzu und klopfte auf die Scheide seines Schwertes. Wie um die Worte des Soldaten zu bekräftigen, fanden sie nach weiteren zehn Meilen am Straßenrand einen umgestürzten, arg ramponierten Reisewagen. Als sie näher herangekommen waren, erblickten sie im Inneren die blutigen Leichen von zwei Reisenden. „Das waren Straßenräuber,“ meinte Frodo grimmig. „Oder hier hat es einen Kampf zwischen zwei adligen Sippen gegeben, die eine Fehde untereinander austragen,“ warf Rado ein. „Seht doch die Kleidung der beiden Getöteten an, das waren offensichtlich hohe Herrschaften. Bevor sie getötet wurden, hat man sie bestimmt ausgeraubt. Ihre bewaffneten Begleiter sind nach dem Kampf sofort geflohen. Ich habe gehört, dass im Zuge solcher Fehden Adlige sogar Gehöfte ihrer Gegner überfallen und sie ausplündern.“

Ansegisil war erschüttert v0m Anblick der beiden getöteten Männer und des zerstörten Reisewagens. Was für ein hemmungsloser, blinder Hass mochte die Leute angetrieben haben, dass sie mit dieser Brutalität ihre Gegner hingemetzelt hatten! Sein Großvater hatte ihm einmal erzählt, dass es bei den Franken in früheren Zeiten, bevor sie Gallien eroberten, auch schon Fehden zwischen Familien und Sippen gegeben hätte. Aber dass sogar Könige ermordet wurden, wie es heutzutage immer wieder geschah, das hätte es damals nicht gegeben. Mit Schaudern hatte er gehört, dass in der Sippe der Merowinger die Könige sogar ihren eigenen Verwandten nach dem Leben trachteten, besonders, wenn sie hofften, dadurch ihr eigenes Teilreich auf Kosten des Nachbarn vergrößern zu können. Ebenso waren offenbar auch die Hausmeier der Könige an diesem mörderischen Treiben beteiligt.

Am Abend des dritten Tages erreichte die Truppe des Bischofs das Fischerdorf Royan, wo alle Unterkunft in einer einfachen Herberge fanden. Die drei Tage waren für Haldetrud nicht einfach gewesen, da der kleine merowingische Prinz ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Wenn er nicht gerade schlief, erzählte sie ihm Märchen oder allerlei Geschichten, die sie sich ausdachte; oder sie sang ihm Lieder vor, alle, die sie kannte – Tanzlieder, Schlaflieder, Liebeslieder, sogar Soldatenlieder, die dem Kleinen besonders gut gefielen. Sie erklärte ihm alles, was auf beiden Seiten der Straße zu sehen war – die Namen der Bäume und Büsche, Bauern auf den Feldern bei der Arbeit, Kühe und Schafe auf den Weiden. Dagobert war sehr wissbegierig und sog alles ein, was seine Begleiterin ihm zeigte. Besonders hatten es ihm natürlich die Kamele der syrischen Kaufleute angetan. Er war ganz begeistert von ihrem Anblick, lachte und hüpfte auf seinem Sitz auf und nieder. Anschließend fragte er Haldetrud, wann denn noch weitere Kamele kommen würden. Aber zwischendurch weinte er auch immer wieder. Der Verlust seiner Mutter war zu schmerzhaft für ihn, als dass er schon darüber hinweggekommen wäre; besonders, da es immer wieder andere Leute waren, die zu seiner Betreuung abkommandiert waren. Wenn Dagobert eingeschlafen war, hing Haldetrud ihren Gedanken nach. Obgleich das Leben auf ihrem Hof eine ewige Plackerei war, vermisste sie es jetzt schon schmerzlich. Seit ihrer Kindheit war ihr dort alles vertraut gewesen; es war ihre Heimat, die sie verloren hatte. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie diese Heimat liebte. Natürlich vermisste sie auch ihren Vater. Es war schrecklich, daran zu denken, dass er jetzt ganz allein auf dem Hof lebte. „Gnädiger Gott,“ betete sie immer wieder, „lass meinen Vater mit allem fertig werden, lass ihn zurechtkommen mit der Arbeit und der Einsamkeit, erhalte ihm seine Gesundheit!“

Das Schiff, das die Gesellschaft nach Irland bringen sollte, hatte am Abend schon im Hafen vor Anker gelegen. Es war ein stattliches, mit einem Lateinersegel getakeltes Schiff. Ansegisil betrachtete es am nächsten Morgen voller Bewunderung; gleichzeitig war ihm aber etwas mulmig; schließlich war er noch nie zur See gefahren. Er konnte sich nicht erinnern, das Meer überhaupt schon einmal gesehen zu haben. Als alle glücklich an Bord waren, auch die Pferde und das Gepäck, befahl der Kapitän, den Anker zu lichten und abzulegen. Die Brise aus Nordost blähte das große Lateinersegel, das Schiff nahm Fahrt auf mit Kurs Nordwest. „Wir müssen erst ziemlich lange an der Küste des Frankenreichs entlang segeln,“ erklärte ein Matrose Ansegisil auf dessen Frage. „Vorläufig fahren wir noch im Golf von Biskaya, der berüchtigt ist für seine schweren Stürme. Gott bewahre uns davor, von einem solchen Sturm ergriffen und an die felsige Küste mit ihren vorgelagerten Klippen geschleudert zu werden.“ Er bekreuzigte sich dreimal.

Seine Worte waren nicht gerade dazu angetan, Ansegisils Angst vor der hohen See zu nehmen. Finster betrachtete er jeden neuen Wellenberg, der auf das Schiff zugerollt kam. Er und Haldetrud hatten miteinander vereinbart, sich bei der Betreuung des kleinen Dagobert abzuwechseln, besonders wenn dieser eingeschlafen war. Es war jetzt wieder Zeit, seine Schwester abzulösen. Ansegisil war es nicht unlieb, unter Deck zu gehen, wo er nicht ständig auf die Wogen starren konnte, die sich immer höher auftürmten, wie es ihm schien. Nun stand Haldetrud an der Reling und blickte auf die See hinaus. An Steuerbord konnte man noch die Küste wie einen schmalen Strich erkennen, an Backbord war nichts zu sehen außer Wellenbergen und Wellentälern, die in ihrer ewigen Ordnung aufeinander folgten. Auch sie hatte zuvor noch nie das Meer gesehen, es erfüllte sie mit Bewunderung und Ehrfurcht vor der Schöpfung, die der große, allmächtige Gott geschaffen hatte. Sie erschauerte bei jedem neuen Wellenberg, der das Schiff anhob. Aber es war nicht wirklich Furcht, die sie empfand. Es war eher eine tiefe Erschütterung ihrer Seele. Die in gleichförmigem Rhythmus heranrollenden Wogen waren ein grandioses Abbild der Ewigkeit Gottes und seiner Ehrfurcht gebietenden Schöpfung. Sie selbst war dagegen so klein wie ein winziger Wassertropfen im Angesicht dieser unendlichen Meeresflut. Obwohl das Schiff doch so klein wirkte auf diesem grenzenlosen Meer, und sie selbst nur ein Nichts, der Gewalt der Elemente ausgeliefert, fühlte sie doch Gottes Nähe, der auch sie bei ihrem Namen gerufen hatte, in dessen Hand sie immer geborgen sein würde.

Nach einer Weile kam ein vierschrötiger, verwegen aussehender Mann auf sie zu und stellte sich ihr vor. „Ich heiße Wulfoald, ich bin der Kapitän dieses guten Schiffes, das den Namen “Sancta Maria“ trägt; und du bist Haldetrud, wie ich schon von deinem Bruder gehört habe. Du bist die einzige Frau an Bord, ich heiße dich ganz besonders willkommen. Ich hoffe, wir werden eine halbwegs ruhige Fahrt haben bis Irland. Ihr habt ja einen kleinen Jungen mitgebracht,“ fuhr er fort. „Ein so junges Kind hatten wir noch nie an Bord.“

Der Kapitän hoffte wohl, von Haldetrud Informationen über Dagobert zu erhalten. Doch die junge Frau ignorierte seine Worte. „Hast du schon einmal Seeungeheuer gesehen?“ fragte sie ihn stattdessen, „wie den Leviatan, von dem in der Bibel die Rede ist.“

Wulfoald lächelte: „Das will ich meinen, Haldetrud. Wenn du Glück hast, wirst du auf dieser Reise selber solche Seeungeheuer sehen, die wir Wale nennen. Es gibt von ihnen riesengroße und auch etwas kleinere. Die großen sind mindestens so groß wie zwei Bauernhäuser.“

Haldetrud starrte den Kapitän ungläubig an. „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, Wulfoald; so etwas gibt es ganz bestimmt nicht,“ fügte sie streng hinzu.

Der Kapitän lächelte nachsichtig. „Warte, bis wir durch die Irische See fahren, da gibt es manchmal Wale.“ Um sie etwas mehr Respekt zu lehren, fügte er grimmig hinzu: „Und wir können dann von Glück sagen, wenn uns so ein Riesenwal nicht alle verschlingt.“

Haldetrud begab sich unter Deck, um Ansegisil abzulösen. Für eine Weile saßen sie zusammen neben Dagobert, der noch in tiefem Schlaf gefangen war. „Gerade hat der Kapitän versucht, mich über den armen Jungen auszuhorchen. Ich habe natürlich nichts dazu gesagt; wir wissen ja praktisch nichts über das Kind. Aber findest du Dagoberts Verbannung in ein irisches Kloster nicht auch äußerst merkwürdig, Bruder? Da stimmt doch etwas nicht. Ich habe den Verdacht, jemand wollte ein anderes Mitglied der königlichen Familie oder aus der des Hausmeiers auf den Thron setzen. Deshalb musste unser kleiner Prinz weg geschafft werden.“

Das wird wohl so sein, Schwester“, erwiderte Ansegisil müde; aber was geht uns das an?“

„Natürlich geht es uns überhaupt nichts an, Bruderherz. Aber denk nur, falls der Plan scheitert und Dagobert kehrt irgendwann einmal zurück, wäre sein Leben dann nicht in höchster Gefahr? Ich habe den Kleinen jetzt schon lieb gewonnen. Ich möchte auf jeden Fall verhindern, dass ihm ein Leid geschieht, wenn ich es verhindern kann.“

Ansegisil begab sich wieder an Deck. Er war zwar nicht seekrank, trotzdem ging es ihm an Deck, wo er auf den Horizont schauen und frische Luft atmen konnte, besser als in der stickigen Luft unter Deck. Inzwischen hatte der Wind an Stärke zugenommen, aber dem Steuermann gelang es ohne Schwierigkeiten, die anrollenden Wogen abzureiten. Wie Ansegisil gehört hatte, würden sie auf dem Nordwestkurs bleiben bis zur Spitze der Bretagne, von dort über den Ärmelkanal bis zum westlichen Ende von Cornwall fahren, an den Scilly Inseln vorbei, und immer noch auf dem selben Kurs in die Irische See hinein. Von dort würden sie auf Nordostkurs ein gutes Stück an der Ostküste Irlands entlang laufen müssen, bis sie in den Hafen von Ath Cliath (Dublin) einlaufen könnten. Von dort wäre es nicht mehr weit, um mit Reisewagen oder zu Pferd das Kloster Slane zu erreichen. Für die gesamte Reise würden sie vielleicht zwei Wochen brauchen. Falls allerdings ein schwerer Sturm oder gar ein Orkan sie vom Kurs abbringen sollte, oder sie tagelang Flaute hätten, würde die Reise entsprechend länger dauern.

Als sie am zweiten Tag weiter auf Kurs segelten, dauerte es nicht lange, bis achteraus ein Schiff auftauchte, das ziemlich schnell näher kam. Die Miene des Kapitäns verdüsterte sich. „Das ist möglicherweise ein Piratenschiff, verdammt noch mal!“ fluchte er. „Wir werden versuchen, uns zu verteidigen.“ Als das Piratenschiff schon ziemlich nahe herangekommen war, hörte man eine Stimme, die zu ihnen herüber brüllte: „Ergebt euch! Dann geschieht euch nichts. Sonst wird es euch schlecht ergehen.“ Niemand von der “Sancta Maria“ antwortete. Nun wurden vom Piratenschiff Brandpfeile herüber geschossen, die aber alle ihr Ziel verfehlten und zischend im Meer landeten. Nun war es an den beiden Soldaten des Bischofs, den Piraten eine passende Antwort zu erteilen. Auch sie schossen Brandpfeile ab, die aber im Gegensatz zu denen der Piraten ihr Ziel nicht verfehlten. Bald stand die Takelage des feindlichen Schiffs in Flammen. Der Pirat machte keine Fahrt mehr und fiel zurück.

Die ganze Besatzung der “Sancta Maria“ und alle Passagiere lobten jetzt Gott und dankten überschwänglich den beiden Soldaten, die einen Angriff der Piraten verhindert hatten. Das Schiff setzte ungestört seine Fahrt auf dem gleichen Kurs wie vorher fort, bis der Kapitän in der Abenddämmerung befahl, in Küstennähe zu ankern. Auf dieser letzten Etappe ihrer Seereise tauchte an Steuerbord ein dunkles, buckliges Etwas knapp oberhalb der Wasseroberfläche auf. Es schwamm offenbar neben ihnen her. Der Kapitän rief Haldetrud zu: „Da, schau!Ein Wal!“ Im selben Moment schoss eine Wasserfontäne aus dem Körper des Wals. Und bevor sich Haldetrud versah, sprang der Wal aus dem Wasser hoch in die Luft, um dann wieder klatschend in die Wellen einzutauchen. Haldetrud war tief beeindruckt von diesem Schauspiel. Der Kapitän hatte nicht übertrieben, dieses Tier war wirklich riesengroß, wahrscheinlich noch größer als ein Leviathan.

Die weitere Fahrt bis zum Hafen von Ath Cliath (Dublin) verlief ohne Zwischenfälle. Jeweils am westlichen Zipfel der Bretagne , in Cornwall und im Hafen von Fishguard war Proviant und Frischwasser aufgenommen worden. Der Kapitän war ein ausgezeichneter Navigator, der nach Landmarken, dem Sonnenstand und nachts nach den Sternen zu navigieren verstand. Endlich lief das Schiff nach zwei Wochen in den Hafen von Ath Cliath an der Ostküste Irlands ein. Der Bischof, seine Eskorte, der merowingische Prinz Dagobert sowie das Geschwisterpaar gingen an Land. Ansegisil fiel auf die Knie und dankte Gott für die glückliche Ankunft in Irland. Wie schon auf der Fahrt durch Aquitanien setzten sich der Bischof und der Archidiakon in den ersten, Haldetrud mit Dagobert in den zweiten Reisewagen, alle anderen erhielten Pferde. Auf einer holprigen, schlammigen Landstraße bewegte sich der Zug aus dem Frankenreich nun nach Norden. Auf Grund des schlechten Zustands der Straßen brauchten sie zwei Tage, um das Kloster Slane zu erreichen. Dort war man auf den Bischof von Poitiers und seine Leute schon vorbereitet, da ein Bote vorausgeschickt worden war. Alle kamen in einem Gästehaus des Klosters unter. Das Kloster bestand aus flachen, einfachen Steinhäusern, in denen sich die Unterkünfte für die Mönche, das Dormitorium, das Refektorium, die Bibliothek und Wirtschaftsräume befanden. Dem Geschwisterpaar mit dem kleinen Dagobert hatte man allerdings ein Bauernhaus ganz in der Nähe zugewiesen, da es nicht statthaft war, eine Frau auf dem Klostergelände zu beherbergen. Finlay O`Hara, der Abt des Klosters, hatte alle besonders herzlich begrüßt, vor allem Dido, den Bischof von Poitiers.

Haldetrud und Ansegisil staunten über das Bauernhaus, das für sie als Zuhause vorgesehen war. Nach der üblichen irischen Bauweise hatte man es aus grob behauenen Feldsteinen errichtet. In Gallien waren dagegen die Bauernhäuser aus Fachwerk oder Holz gebaut. Als sie die Tür öffneten, empfing sie eine gähnende Leere. Offenbar war das Haus unbewohnt. Im Hauptraum gab es an der Stirnseite einen gemauerten Kamin, in dem ein langer Eisenhaken angebracht war, an den man einen Kochtopf hängen konnte. Im zweiten Raum standen zwei Schlafbänke, sonst war im ganzen Haus kein weiteres Möbelstück zu sehen. Die Geschwister mussten erst erst einmal schlucken. Ansegisil wandte sich seiner Schwester zu und nahm sie in seine Arme. Er lächelte tapfer, aber seine Stimme klang heiser, als er sagte: „Meine liebe Schwester, ich bin sicher, mit Gottes Hilfe werden wir es schon schaffen, hier zu leben. Ich werde als erstes einige kleine Bäume fällen, damit wir heizen können. Dann werde ich mich daran machen, Möbel zu fertigen, vor allem einen Tisch und Stühle. Für Dagobert brauchen wir natürlich auch dringend ein Bettchen.“

Haldetrud brachte ein mattes Lächeln zustande. „Ganz bestimmt wird uns alles gelingen, Bruder. Wir müssen vor allem auf Gott und Jesus vertrauen. Im Moment ist das Wichtigste natürlich, dass es im Haus erst einmal warm wird. Das Dach scheint zum Glück dicht zu sein, in den Räumen sieht ja alles trocken aus.“ Ein kleiner Stapel Feuerholz lag immerhin in einer Ecke, bald prasselte ein Feuer im Kamin, die Räume wurden allmählich warm.

Währenddessen hatte Dagobert mit offenem Mund dagestanden, ohne sich zu rühren. Er schien ins Leere zu starren, er gab keinen Mucks von sich. Doch

plötzlich begann er, laut zu weinen. Haldetrud nahm ihn auf ihre Arme und versuchte, ihn zu trösten. Es dauerte aber recht lange, bis er zu weinen aufhörte und nur noch schluchzte. Die junge Frau legte ihren Schützling auf eine der Schlafbänke, wo er bald in einen leichten Schlummer fiel. „Ich gehe gleich hinüber zum Kloster und besorge uns Lebensmittel,“ rief Ansegisil seiner Schwester zu und machte sich auf den Weg.

An den folgenden Tagen wurde vom Kloster die Lebensmittelversorgung der Drei geregelt. Außerdem ordnete der Abt an, dass der kleine Dagobert, wenn er das sechste Lebensjahr vollendet hätte, also in einem Jahr, täglich im Kloster unterrichtet werden sollte; vor allem in der christlichen Lehre, aber auch in den freien Künsten der römischen Bildungstradition, nämlich Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Das war natürlich ein sehr anspruchsvolles Lehrprogramm, aber für die Erziehung des Jungen hatte man ja viel Zeit. Frühestens mit fünfzehn Jahren könnte er sich als Novize auf den Mönchsstand vorbereiten. Dieses Leben hatten der Majordomus Grimoald und die anderen fränkischen Adligen, die den Knaben in die Verbannung geschickt hatten, für ihn vorgesehen. Außerdem bestimmte der Abt, dass Haldetrud, die für Dagobert die Stelle der Mutter eingenommen hatte, das Kind im Unterricht begleiten sollte. Die anfallenden täglichen Arbeiten im Bauernhaus sollte dagegen Ansegisil übernehmen.

Bischof Dido hatte nach einer Woche den Archidiakon zu einer Unterredung gebeten. „Du hast mir bisher stets treu gedient, Libanius, und du weißt, dass du mir unbedingten Gehorsam schuldest. Ich habe eine schwere Aufgabe für dich. Du sollst nicht mit mir nach Poitiers zurückkehren, sondern hier im Kloster bleiben, um die Erziehung des jungen Prinzen zu überwachen. Da der Junge unter dem Schutz der Kirche steht, obliegt uns nun die Fürsorge für ihn. Die lege ich in deine Hände. Solange er hier erzogen wird, sollst du also bei ihm in Irland bleiben.“

Libanius glaubte im ersten Moment, seinen Ohren nicht zu trauen. Er sollte jahrein, jahraus in diesem irischen Kloster versauern, alles nur wegen dieses dummen Jungen? Er sprang auf, sein Gesicht war leichenblass, zornentbrannt schrie er den Bischof an: „Weißt du nicht, dass du mir mit dieser Anordnung meine Karriere zerstörst, dass du damit meine ganze Lebensplanung vernichtest? Du weißt genau, Bischof Dido, dass ich genauso wie du einer altehrwürdigen, vornehmen römischen Familie entstamme. Seit Jahrhunderten besetzt diese gallorömische Aristokratie die Bischofssitze. Meine Familie wird diese Entscheidung sicher nicht hinnehmen! Du weißt auch sehr wohl, dass Bischöfe im Frankenreich schon abgesetzt oder sogar ermordet worden sind. Die Stellung des Archidiakons ist nach alter Tradition als Vorbereitung für das Bischofsamt angesehen worden. Ich wäre also dein natürlicher Nachfolger in diesem Amt. Sollte ich aber Jahre oder Jahrzehnte in diesem elenden Irland festsitzen, dann kann ich die Aussicht auf das Bischofsamt vergessen. Ich warne dich, Bischof Dido, treib es nicht zu weit mit deiner Autorität über mich! Schließlich bist du nicht Gottvater oder Jesus!“ Libanius` Stimme überschlug sich, seine Lippen bebten, er hatte die Fäuste geballt.

Mit einem derartigen Ausbruch hatte der Bischof wohl nicht gerechnet. Auch er war jetzt wütend, versuchte aber, die Fassung zu bewahren. Er blickte den jungen Archidiakon scharf an. Mit erhobener, aber nicht allzu lauter Stimme, in der seine unterdrückte Wut mitschwang, fuhr er den jungen Mann an: „Du wagst es, mir zu drohen, Libanius? Hast du den Verstand verloren? Weißt du nicht, dass du zu absolutem Gehorsam gegen deinen Bischof verpflichtet bist? Ich könnte dich auch gleich in dieses Kloster stecken, wo du bis zu deinem Lebensende als einfacher Mönch ausharren müsstest. Du hast sicher schon bemerkt, dass die Zellen der Mönche eiskalt sind. Beheizt werden sie niemals, das Klima ist hier sehr rau, besonders wenn man an das milde aquitanische Klima gewöhnt ist. Kalt ist es das ganze Jahr, bis auf wenige Wochen im Sommer. Ich empfehle dir dringend, dich zu mäßigen, sonst droht dir genau dieses Schicksal. Es bleibt dabei; solange der junge Dagobert hier lebt und erzogen wird, wirst du ihn als Vertreter der Diözese von Poitiers beschützen und auch überwachen. Das ist mein letztes Wort. Du darfst dich jetzt zurückziehen!“

Zähneknirschend, immer noch bebend vor Zorn, entfernte sich der Archidiakon. Im Moment war es ihm zu seinem Leidwesen nicht möglich, etwas gegen den Befehl des Bischofs zu unternehmen. Aber er nahm sich fest vor, sich damit nicht abzufinden, sondern einen Boten nach Paris zu König Chlothar III zu senden und um Rückkehr ins Frankenreich zu ersuchen. Mit schweren Schritten stapfte Libanius erst einmal zurück in sein Gemach im Gästehaus und warf sich auf seine Schlafbank.

ZWEITES KAPITEL

AIDAN

Das Kloster Slane war auf einem Hügel errichtet, dem Hill of Slane. Von hier schweifte der Blick auf eine sanft gewellte Landschaft mit grünen Wiesen und frisch eingesäten Äckern, so weit das Auge blicken konnte. Nirgendwo gibt es so ein leuchtendes Grün der Wiesen wie in Irland, da es hier fast täglich regnet. Doch es ist meist kein Dauerregen, sondern zwischen den Schauern bricht immer wieder die Sonne durch die Wolken und lässt die Landschaft in ihrem leuchtenden Grün erstrahlen. Daher rührt die Bezeichnung Irlands als die grüne Insel.

Während der Hill of Slane seit alters her eine spirituelle Bedeutung besaß, residierte auf dem Hill of Tara schon seit vorchristlichen Zeiten der Ard Ri, der Hochkönig von Irland. Er herrschte aber nicht wirklich über die Insel, sondern seine Stellung war eher nomineller oder symbolischer Art, ursprünglich sogar kultisch – sakraler Art. Seit langer Zeit war Irland zersplittert in zahlreiche kleine Königreiche, in denen jeweils ein eigener König regierte. Diese Königreiche lagen oft im Streit miteinander, schlossen Bündnisse mit anderen und führten Kriege gegeneinander. Der Hochkönig von Tara herrschte tatsächlich nur über das Gebiet Meath (heute: County Meath), in dem sich auch das Kloster Slane befand. Für diesen Hochkönig gab es ein ganz besonderes Vorrecht, nämlich auf dem Hügel von Slane zum alljährlichen Frühlingsanfang ein großes Feuer zu entzünden. Als aber der Heilige Patrick, der maßgeblich für die Christianisierung Irlands verantwortlich war, dieses Feuer am Ostertag – der mit dem Frühlingsanfang zusammenfiel – eigenmächtig entzündete, hatte der damals amtierende Hochkönig dies toleriert und den Heiligen Patrick nicht bestrafen lassen.

Der derzeitige Hochkönig war Cellach mac Maele Coba. Als er erfuhr, dass ein merowingischer Prinz in Begleitung eines fränkischen Bischofs mit seinem Gefolge im Kloster Slane weilte, hatte er verlangt, dass alle zu einer Audienz bei ihm erscheinen sollten. Auch Ansegisil und Haldetrud sollten daran teilnehmen, die Zieheltern des kleinen Dagobert. Tara war von Slane nur einen halben Tagesritt entfernt, so dass die fränkische Gesellschaft am übernächsten Tag in Tara eintraf. Während der Audienz des Hochkönigs für seine Gäste standen etliche seiner Familienmitglieder im Halbkreis hinter ihm. Der Hochkönig begrüßte alle sehr wohlwollend, besonders hatte es ihm der junge Prinz angetan. Er beugte sich zu ihm herab, tätschelte seine Wangen und gab ihm seinen Segen. Dem Bischof von Poitiers gegenüber verhielt er sich recht kühl. Vielleicht fürchtete er, dieser könnte dauerhaft in Irland bleiben und ihm seine Vormachtstellung streitig machen, eventuell sogar fränkische Truppen ins Land holen.

Eines seiner Familienmitglieder war sein Neffe Aidan, ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren. Mit seinem langen, rotblonden Haar, seinen blauen Augen und seinem gewinnenden Lächeln hatte er schon manches junge Mädchen verzaubert. Interessiert musterte er diese seltenen Gäste. Wie oft kam es schon vor, dass eine fränkische Abordnung nach Irland reiste, und dann noch mit diesem hübschen kleinen Jungen aus königlicher Abstammung? Für den Kleinen war diese Audienz natürlich eine schrecklich langweilige Prozedur, er versuchte mehrmals, sich von Haldetruds Hand loszureißen, aber es gelang ihm nicht. So schnitt er Grimassen und begann zu singen. Hierdurch wurde Aidans Aufmerksamkeit auf die Aufpasserin des Prinzen gelenkt, auf Haldetrud. Sie gefiel ihm gut, auch wenn er sie nicht als Schönheit bezeichnet hätte. Aber ihre schimmernden weißblonden Haare, ihre grünblauen Augen und ihre sinnlichen Lippen verfehlten nicht ihren Eindruck auf den jungen Mann. Wohlwollend betrachtete er ihre weiblichen Rundungen und stellte sich vor, wie es wäre, sie zu besitzen. Als der offizielle Teil der Audienz beendet war, ging er auf Haldetrud und Ansegisil zu und stellte sich ihnen vor. Zum Glück hatte er von einem irischen Missionar nach dessen Rückkehr aus Gallien etwas Fränkisch gelernt, so dass er jetzt in der Lage war, mit den Geschwistern in ihrer Sprache zu sprechen. Er begann die Unterhaltung mit der Frage, ob sie seit ihrer Ankunft in Irland schon einem Leprechaun begegnet wären. Als die Geschwister ihn verständnislos ansahen, fuhr er fort: „Das sind ganz kleine Zwerge, die grün gekleidet sind, einen hohen, spitzen Hut auf dem Kopf tragen, rote Haare und einen langen Bart haben. Sie fertigen Schuhe für die Feen an, vor allem aber verstecken sie Gold, oft einen ganzen Topf voll, am Ende eines Regenbogens. Wem es gelingt, einen von ihnen zu fangen, den führt er zu dem verborgenen Gold und macht ihn reich. Doch das ist sehr schwierig, da sie sich plötzlich unsichtbar machen können.“

Haldetrud war sehr beeindruckt. „Ach, ich wünschte, so einen Leprechaun einmal fangen zu können und seinen Goldtopf ausgehändigt zu bekommen,“ rief sie aus.

Aidan lachte. „Wer weiß, vielleicht gelingt es dir ja. Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass der Leprechaun so von deiner Schönheit geblendet ist, dass er das Gold für dich freiwillig herausrückt.“ Er lachte.

Auch Haldetrud musste lachen. „Nun übertreib mal nicht, Aidan,“ erwiderte sie. „Ich bin doch nur ein bescheidenes Bauernmädchen. Aber zu einem solchen Haufen Gold würde ich natürlich nicht nein sagen.“ sie lachte wieder. „Mir fällt gerade ein,“ fuhr sie fort, auch bei den Franken gibt es Zwerge, die Gold und andere Schätze horten. Sie leben aber meist unter der Erde, wo sie nach Erzen schürfen. Sie sollen sehr listig, sogar verschlagen sein. Besonders berühmt ist der Zwerg Alberich, der sich durch eine Tarnkappe ebenfalls unsichtbar machen konnte, so wie ein Leprechaun. Doch dem Helden Siegfried gelang es, ihm die Tarnkappe zu entreißen und an das Gold des Zwerges, den Nibelungenschatz, zu gelangen. Er brachte ihm aber kein Glück.“

„Bei dir wäre das ganz anders,“ begann Aidan wieder. „Du würdest mit dem Gold klug umgehen, vielleicht würdest du einen großen Hof kaufen, mit vielen Kühen, Pferden und Schafen, und vor allem würdest du armen Leuten helfen, dessen bin ich mir sicher. Es wundert mich übrigens gar nicht, dass es bei den Iren wie auch bei den Franken so viele Erzählungen über Zwerge gibt. Man findet sie eben nur viel zu selten.“ Er lächelte. „Ihr beide,“ fuhr Aidan fort, „seid ja noch nicht lange in diesem schönen Land. Ich könnte euch hier in der Nähe die Ruinen einer uralten Burg zeigen. Wir könnten zusammen hin reiten. Selbstverständlich würden wir den kleinen Dagobert mitnehmen.“

Haldetrud war gleich Feuer und Flamme. „Das wäre schön, wenn du uns zu dieser Burg führen könntest, Aidan,“ rief sie begeistert aus und lächelte Aidan zu. Ansegisil nickte zustimmend. Sie verabredeten sich für den übernächsten Tag. Als die Geschwister in ihrem Haus angekommen waren, nahmen sie ihr Abendbrot ein und Dagobert wurde zu Bett gebracht. Die beiden setzten sich noch eine Weile zusammen vor dem glimmenden Herdfeuer. „Nun, was hältst du von diesen Leuten?“ wollte Ansegisil wissen.

„Was soll ich sagen, Bruder, es scheinen recht freundliche Leute zu sein, wenn sie auch – wie alle Adligen – einen ziemlich hochnäsigen Eindruck machen.“ Ansegisil stimmte ihr zu, doch die Unterhaltung kam ins Stocken. Haldetrud war an diesem Abend ungewöhnlich schweigsam. Nach einer guten Stunde legte sie sich auf ihre Schlafbank und drehte den Kopf zur Wand. Aber einschlafen konnte sie nicht. Mühsam war es ihr gelungen, ihre innere Erregung vor ihrem Bruder zu verbergen. Doch durch ihren Körper liefen kalte Schauer, ihre Zunge war ganz trocken, ihr Herz klopfte so heftig, dass sie befürchtete, Ansegisil würde es hören können.

Sie wusste überhaupt nicht, was mit ihr geschehen war. Noch niemals hatte sie so etwas erlebt. Offensichtlich war die Begegnung mit Aidan daran schuld. In ihrem Kopf drehte es sich wie ein rasend schnelles Mühlrad. Wenn sie ihre Augen öffnete, sah sie gar nichts, auch nicht