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Nachdem der junge Berulf sein Heimatdorf im Sachsenland verlassen und im Frankenland auf dem Adelssitz Ouwe an der Rur Gefolgsmann des Grafen geworden ist, fühlt er sich bald vom Leben dort völlig desillusioniert. Statt ruhmreiche Heldentaten zu bestehen, muss er an sinnlosen, blutigen Fehden der Adligen teilnehmen. Er verliebt sich in die junge Sklavin Swetlana, gemeinsam fliehen sie. Ihr Sehnsuchtsort ist das heimliche Tal im Böhmerwald, aus dem die Slavin Swetlana stammt und das sie nach einer gefahrvollen, mehrjährigen Reise auch erreichen. Zwanzig Jahre später verteidigt Berulf seine neue Wahlheimat gegen das fränkische Heer unter König Dagobert.
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Seitenzahl: 420
Veröffentlichungsjahr: 2021
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FÜR SCHURA UND ANNELIE
ERSTES KAPITEL DER BÄR
ZWEITES KAPITEL LUBINA
DRITTES KAPITEL BERULF KUMMER
VIERTES KAPITEL KRANKHEIT
FÜNFTES KAPITEL AUFBRUCH
SECHSTES KAPITEL DIE ENTFÜHRUNG
SIEBTES KAPITEL IM FRANKENLAND
ACHTES KAPITEL DIE GEFANGENSCHAFT
NEUNTES KAPITEL OUWE
ZEHNTES KAPITEL DER IRISCHE MÖNCH
ELFTES KAPITEL SWETLANA
ZWÖLFTES KAPITEL AUF DER WANDERUNG
DREIZEHNTES KAPITEL NACH BÖHM
VIERZEHNTES KAPITEL DIE FLUCHT
FÜNFZEHNTES KAPITEL WOGASTISBURG
VERZEICHNIS DER NAMEN
LITERATURVERZEICHNIS
In einer milden, ruhigen Sommernacht des Jahres 603 lagen die Bewohner des sächsischen Dorfes Heesen nach getaner Arbeit in friedlichem Schlaf, wie auch ihre Pferde, Kühe, Schafe und Schweine. Ein gelegentliches Wiehern einer Stute, die bald ihr Fohlen gebären sollte, oder das vereinzelte kurze Gackern eines Huhns weckte niemanden auf. Die Hofhunde allerdings lagen nur in leichtem Schlummer, mit halbem Ohr immer wachsam, um bei jedem Anzeichen von Gefahr anzuschlagen. Doch alles blieb ruhig, kein Feind näherte sich im nahe gelegenen Wald auf leisen Sohlen dem Dorf der Sachsen.
Immerhin lagen einige Dörfer der slawischen Obotriten nicht allzu weit östlich von Heesen. Doch bisher hatte es zwischen den beiden Stämmen keinerlei Feindseligkeiten gegeben, aber man konnte ja nie wissen. Nachbarlich freundschaftliche Beziehungen bestanden allerdings auch nicht. Das Land warnur spärlich besiedelt, es gab genug Platz für alle.
Nur der junge Berulf wälzte sich auf seiner Schlafbank im Haus seiner Familie unruhig hin und her, immer wieder fuhr er aus seinem Schlaf auf, setzte sich kurz hin, ließ den gestrigen Tag noch einmal an sich vorüberziehen, legte sich wieder hin und schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Man hatte am Tag zuvor in Heesen ein Thing abgehalten, auf dem Berulf und einige seiner Altersgenossen Speer und Schild erhalten hatten. Somit waren sie jetzt erwachsene Männer, mit deren Rechten und Pflichten. Sie durften jetzt als vollwertige Mitglieder an der Thingversammlung teilnehmen, auf der wichtige Angelegenheiten besprochen wurden, die das Dorf betrafen. Aber sie hatten nun auch die Pflicht, an einem Kriegszug teilzunehmen. Nachdem Berulf wieder eingeschlafen war, träumte er jedes Mal von gefährlichen Abenteuern und Kämpfen mit finsteren Feinden. Einmal stürmte eine ganze Schar von grässlichen Unholden und Dämonen auf ihn ein, mit Blut triefenden Mäulern und entsetzlichem Geschrei und Geheul. Zum Glück wachte er auf, als sie gerade über ihn herfielen. Dann wieder träumte er, dass er ganz allein die verschleppte Tochter eines Sachsenherzogs befreien wollte. Er hatte vorher die Priesterin im Nachbardorf Boyen befragt. Nachdem er in einer Quelle ein Opfer – eine besonders schöne, verzierte Tonschale – dargebracht hatte, führte sie ihn in einen heiligen Hain, betete zum Kriegsgott Wodan und murmelte lange Zaubersprüche über seinen Waffen. Zuletzt befragte sie das Runenorakel und versicherte Berulf, dass die Götter sein Vorhaben gelingen lassen würden. Im Triumph würde er die befreite Prinzessin zu ihrem Vater zurückführen und von diesem gebeten werden, sein Gefolgsmann zu werden.
Beim Krähen des ersten Hahns im Dorf noch vor Sonnenaufgang war Berulf allerdings hellwach. Nachdem er aufgestanden war und sich angezogen hatte, weckte er seinen Vater, der noch ganz schlaftrunken etwas vor sich hin brummelte. „Ich gehe in den Wald, Vater. Vielleicht kann ich ja einen Hirsch schießen.“
„Aber nimm dir etwas Proviant mit“, warf seine Mutter ein, die jetzt auch aufgewacht war, „und geh nicht zu weit in den Wald hinein!“
„Spätestens am Nachmittag bin ich wieder zurück“, versicherte Beruf, ergriff seinen Jagdbogen und einen Köcher mit Pfeilen, der an der Wand hing, steckte ein Jagdmesser ein und trat ins Freie. Die Morgenluft war noch kühl und erfrischte Körper und Geist. Ein leichter Wind trieb vereinzelte grauweiße Wolken über den blassblauen Himmel, und das Morgenrot überzog die Welt mit einem geheimnisvollen zartrosa Schleier. Über dem Dorf lag noch ein schläfriger Friede, nur spärliche Geräusche drangen aus den Langhäusern, als Berulf vorüberging. Hier und da muhten schon Kühe, die auf das morgendliche Melken warteten. Kein Dorfbewohner war zu sehen, aber ein neugieriger großer Hütehund folgte dem jungen Mann eine Weile schweifwedelnd, bis der ihn begrüßt und gestreichelt hatte. Berulf liebte diese frühe Morgenstunde. Er hatte das Meer in seinem Leben noch nie gesehen, aber er stellte sich vor, die Luft, die ihn umgab, wäre ein Ozean, in dem er ewig bis zum weiten hohen Himmel hinaufschwimmen könnte. Er breitete die Arme aus, schloss die Augen, und es war ihm, als ob er sich gleich wie ein Vogel in die Luft erheben könnte.
Während Berulf über den Dorfplatz schlenderte, wo gestern noch das Thing stattgefunden hatte, dachte er über Geschichten nach, die ihm sein Großvater
manchmal erzählte. Hoch oben im Himmel sollte es eine Burg der Götter geben, in der Wodan, der Vater der Götter, herrschte und über die Erde wachte. Dort sollten auch die in der Schlacht gefallenen Helden nach ihrem Tod weiterleben und sich im Kampf üben für die letzte Entscheidungsschlacht des Guten gegen das Böse. Danach würde aus den Trümmern der alten Erde eine neue geboren werden. Ob man das alles glauben konnte? Doch wer war er, der junge Berulf, dass er diese Geschichten, die seit alters her von Generation zu Generation weitererzählt wurden, anzweifeln wollte?
Er musste eine knappe halbe Stunde durch die Feldmark gehen, bis er den
Waldrand erreichte. Gerste und Roggen gediehen prächtig in diesem Jahr, da genügend Regen gefallen und bisher kein Unwetter mit Starkregen oder Hagel über das Korn niedergegangen war. Es würde nicht mehr lange dauern, bis es geschnitten werden konnte. Berulf war jetzt sechzehn Jahre alt. Für sein Alter war er schon recht hoch aufgeschossen, er war schlank und drahtig. Sein langes Haupthaar hatte eine Farbe zwischen dunkelblond und braun, um Wangen und Kinn begann ihm der erste Flaum zu sprießen. Man hätte kaum sagen können, dass er gut aussah; er hatte eine fliehende Stirn, seine ziemlich große Nase wirkte recht plump, seine Lippen waren schmal, aber fein geschwungen. Unter buschigen Augenbrauen lagen seine braunen Augen, die manchmal einen listigen Ausdruck hatten.
Endlich erreichte Berulf den Waldrand, an einer Stelle, wo ein schmaler Pfad geradewegs in das Dickicht führte. Niemand war ihm gefolgt. Behutsam und so leise, wie er konnte, folgte er nun dem Pfad. Sogleich war er eingehüllt vom fahlen Dämmerlicht des Waldes. Der Wind hatte wohl inzwischen nachgelassen, denn es regte sich hier kein Lüftchen, die Blätter hingen regungslos an ihren Zweigen; es war, als ob sie gespannt und aufmerksam lauschten, ja als ob sie auf etwas warteten. Doch worauf mochten sie warten, fragte sich Berulf. Vielleicht auf den feinen, für die Menschen kaum vernehmbaren Gesang der Elfen oder das leise Klopfen von Hacken und Hämmern der Zwerge unter der Erde. Oder ob sie dem ewig gleichen Ton lauschten, der seit Erschaffung der Welt über allem schwebte und alles durchdrang, der Himmel und Erde zum Klingen brachte? Tiere, Pflanzen, Menschen, Steine, Wasser und Feuer – alles hing auf rätselhafte Weise zusammen, war eng miteinander verwoben. Wie die Welt zusammengefügt war, wie alles zusammengehalten wurde, das wussten die Menschen nicht, sie hatten nur eine dunkle Ahnung davon. Hier und da erklang das fröhliche Morgenlied eines Vogels, in der Ferne konnte Berulf den klagenden Gesang einer Nachtigall hören. Vorsichtig schlich er weiter auf dem Pfad und achtete darauf, auf keinen trockenen Zweig zu treten, damit das Knacken nicht Tiere aufschreckte. Besonders wachsam waren manche Vögel, vor allem Elstern, die bei drohender Gefahr sofort laute Warnrufe ausstießen. Geschickt kletterten einige Eichhörnchen an den Stämmen hoch, um von einem Ast aus sicherer Höhe auf den Eindringling herabzublicken und mit meckernden Lauten zu schimpfen. Ein Baummarder huschte vor ihm über den Weg, und beinahe wäre er auf einen Feuersalamander getreten, der gemächlich den Pfad entlang kroch.
Rechts und links von ihm, soweit man durch diesen fest zusammengewachsenen Urwald überhaupt blicken konnte, ragten mächtige Buchen und Eichen, Tannen und Fichten, aber auch Ahorn, Eschen und Kiefern empor und streckten ihre prächtigen Kronen voller Sehnsucht dem Himmel entgegen. Zwischen ihnen wand und schlängelte sich das dichte Unterholz in alle Richtungen. Dazu versuchten auch Brombeersträucher, sich noch in das letzte bisschen Raum hineinzudrängen. Was man vom Waldboden sehen konnte, war dieser mit einer dicken, dunklen, an manchen Stellen mattroten Schicht abgefallenen Laubs bedeckt. Hier und da dehnte sich ein undurchdringlicher Wirrwarr von Ästen, Zweigen, Blättern sowie am Boden liegender Bäume aus, die wohl ein Sturm oder der Blitz niedergestreckt hatte. Einige waren mitsamt ihrem Wurzelwerk und der daran haftenden Erde ausgerissen worden. Wie eine steile Wand ragten diese Wurzel - Erdmassen senkrecht empor. Das alles schien eine geheimnisvolle, verzauberte Welt zu sein, in der Pflanzen sich gegenseitig zu erwürgen trachteten, um sich nur selber genug Luft zum Atmen zu verschaffen, und Tiere übereinander herfielen, um selber überleben zu können. Unheimliche, dämonische Kräfte mochten hier wirken, von denen Berulf nur eine dunkle Ahnung hatte, denen die Menschen aber ausgesetzt waren. Er wusste, dass die ganze Natur beseelt war. In jedem Baum und auch in jedem Tier lebte ein Geist, ja sogar in jedem Felsen und in jedem plätschernden Bach. Man musste Ehrfurcht vor diesen Geistern haben, niemals war man sicher, ob sie einen nicht
ihre Macht spüren ließen. Doch für Berulf war es selbstverständlich, alle Kreatur zu respektieren, auch er war ein Teil von ihr; seine Seele war in Einklang mit allen Lebewesen um ihn her, er war mit allen vertraut. Er brauchte sie nicht zu fürchten, solange er ihnen behutsam und ehrfürchtig begegnete. Nach einiger Zeit verlor sich der von den Menschen ausgetretene Pfad im Dickicht, aber es dauerte nicht lange, bis Berulf einen deutlich erkennbaren Wildwechsel fand, auf dem er weiter schlich. Vielleicht würde er ja hier auf einen Hirsch, ein Reh oder Wildschwein stoßen. Er bahnte sich seinen Weg weiter, bis die Sonne etwa im Mittag stand. Da er inzwischen hungrig geworden war, hockte er sich auf den Waldboden neben eine Quelle und trank erst einmal von dem kühlen, klaren Wasser. Dann packte er seinen Proviant aus und ließ sich etwas Gerstenbrot und zwei Äpfel schmecken, die noch vom vorigen Jahr übriggeblieben waren.
Berulf blickte gerade staunend an einer mächtigen, besonders hohen Esche hoch und fragte sich, ob dies vielleicht der Weltenbaum Yggdrasil sein mochte, als er plötzlich ein grässliches Brüllen hörte. Es musste ganz aus der Nähe kommen. So ein lautes und entsetzliches Gebrüll – das konnte nur ein gewaltiger Bär sein! Und einen Moment später erscholl ein markerschütternder Schrei zu ihm herüber. Kein Zweifel, ein Mensch wurde offenbar von einem Bären angegriffen! So schnell er konnte, bahnte sich Berulf einen Weg durch die von beiden Seiten über den Pfad wachsenden Zweige. Das Brüllen des Bären war jetzt in ein tiefes, wildes Knurren übergegangen, das nicht minder bedrohlich klang. Gleichzeitig vernahm man einen dumpfen Aufprall. Wahrscheinlich war der angegriffene Mensch zu Boden gestürzt. Die letzten Meter schlich sich Berulf an die Kampfszene heran. Jetzt konnte er den Bären aus nächster Nähe erkennen, der sich über den niedergestreckten Menschen beugte und ihm gerade Tatzenhiebe versetzte. Berulf befand sich in einer günstigen Schussposition, der Bär schien sein Kommen noch nicht bemerkt zu haben. Kurz entschlossen legte er einen Pfeil auf die Sehne seines Bogens, zielte und schoss. Der Pfeil drang in den Hals des Bären ein und blieb dort stecken. Der Bär drehte sich zu Berulf um, jetzt stockte dem jungen Mann der Atem, wie gelähmt blieb er stehen, statt sofort wegzurennen. Für einen Moment lang war er sicher, der Bär würde sich auf ihn stürzen, doch auf einmal begann das Tier zu schwanken und fiel mit einem gurgelnden Laut aus seiner Kehle krachend auf den Waldboden. Der Schuss musste ihn schwer verletzt haben!
Sofort sprang Berulf an dem röchelnden Bären vorbei zu dem Verletzten, einem jungen Mann, etwa so alt wie er selbst. Er beugte sich zu ihm nieder. Der Mann schien das Bewusstsein verloren zu haben, aber er atmete noch. Er blutete aus schrecklichen Wunden seiner Brust und einigen weniger schweren an seinen Armen. Berulf zerriss sein Untergewand und versuchte, mit den Fetzen die großen Brustwunden notdürftig zu verbinden. Der junge Mann stöhnte, aber nach ein paar Minuten kam er wieder zu Bewusstsein. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Berulf an, wobei er weiterhin stöhnte und leise wimmerte. Als Berulf ihn auf sächsisch ansprach, blickte er nur verständnislos seinen Retter an. Berulf überlegte fieberhaft, was er machen sollte. Er könnte Hilfe holen, aber den jungen Mann allein lassen – das kam nicht in Frage. So hob er ihn vorsichtig hoch und lud ihn sich auf die Schultern. Auf dem Wildwechsel ging er zurück, bis der breitere Weg begann. Dort legte er den jungen Mann wieder zu Boden, hieb mit dem Jagdmesser zwei größere und mehrere kleinere Äste ab und machte in Windeseile eine Art Ziehschlitten. Die Äste hatte er mit Schlingpflanzen zusammengebunden. Nachdem er den Verletzten darauf gelegt hatte, zog er ihn bis zum Waldrand. Glücklicherweise sah er einige Männer auf den Feldern arbeiten, darunter auch seinen Vater, die er zu Hilfe rief. Sie trugen den Verletzten, der auf dem Schlitten wie auf einer Trage lag, in kurzer Zeit ins Dorf. „Können wir den jungen Mann in unser Haus bringen, Vater?“, fragte Berulf zögernd.
Rado, sein Vater, sah Berulf mit ernster Miene an, er wollte gerade mit ihm schimpfen, aber hielt das doch für unangebracht. So erwiderte er nur: „Ja, von mir aus, wenn deine Mutter auch einverstanden ist.“
Sie waren bald am Haus der Familie angekommen, inzwischen waren ihnen mehrere Dorfbewohner gefolgt, jetzt trat auch Nanthild, Berulfs Mutter, aus der Haustür und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie die seltsame Prozession erblickte. „Wer ist das? Was ist geschehen?“, rief sie erschrocken.
„Beruhige dich, Nanthild!“, rief Rado. „Es ist wohl ein verletzter junger Obotrit. Ein Bär hat ihn angegriffen und so zugerichtet.“
„Bitte, Mutter“, flehte Berulf, „dürfen wir den jungen Mann in unser Haus tragen und ihn bei uns pflegen?“
Zweifelnd blickte Nanthild ihren Mann an, aber als der nickte, lächelte sie und erwiderte: „Na gut, mein Sohn, wir werden uns um den Verwundeten kümmern. Du wolltest ja eigentlich ein Wild mitbringen, Berulf, stattdessen schleppst du uns diesen Obotriten heran.“ Doch sie machte kein böses Gesicht bei diesen Worten.
Berulf war sehr erleichtert. „Ich danke euch“, wandte er sich an seine Eltern. „Ich will mich auch um den jungen Mann kümmern und ihn pflegen helfen.“ Der Verwundete wurde ins Haus getragen und auf eine Schlafbank gelegt. Er war wieder bei Bewusstsein, aber kein Laut kam über seine Lippen, er blickte nur mit großen Augen ängstlich auf all die Leute, die ihn umringten.
Berulfs Mutter hatte damit begonnen, ihn vorsichtig auszuziehen und seine Wunden zu untersuchen. Wie viele sächsische Frauen hatte sie von ihrer eigenen Mutter viel über die Behandlung von Krankheiten und Wunden gelernt. Sie kannte viele Heilkräuter und wusste, wo man sie am besten finden konnte. „Der Obotrit hat ganz bestimmt viel Blut verloren“, wandte sie sich an ihren Mann und an Berulf, „er hat sicher großen Durst. Bring sofort einen Krug Wasser her, mein Sohn, und einen Becher. Du kannst gleich damit anfangen, ihm zu trinken zu geben.“ Nanthild begann jetzt, die Wunden des Verletzten zu säubern. Das war für ihn natürlich äußerst schmerzhaft, er stöhnte wieder und verzog das Gesicht. „Du gehst am besten noch einmal los und suchst an den Rändern der Wege und Felder nach Zinnkraut!“, rief sie ihrem Sohn zu, nachdem er den Krug Wasser gebracht hatte. „Diese Pflanze hilft sehr gut bei der Heilung von Wundinfektionen.“
Berulf lief gleich los, er war froh, etwas Sinnvolles tun zu können, seine älteste Schwester Ragna begleitete ihn. Sie wollte selbstverständlich sofort alles über den Hergang des Bärenangriffs erzählt bekommen.
Inzwischen hatte Rado mit einigen Männern des Dorfes beratschlagt. Es gab im Dorf einen jungen Mann, der vor mehreren Jahren bei einem Überfall fränkischer Krieger auf eine slawische Siedlung weiter im Süden geraubt worden war. Schließlich war er als Sklave an Gundulf, den Dorfältesten von Heesen, verkauft worden. Dieser hatte ihm bald darauf seine Freiheit geschenkt; Dobyslaw wuchs wie ein Sohn in seinem Haus auf. Weil er als Einziger im Dorf die Sprache der Slawen sprach, wurde er gebeten, mit dem Verwundeten zu reden. Da der junge Obotrit offenbar bei Bewusstsein war, kauerte sich Dobyslaw neben sein Lager, stellte sich vor und fragte ihn: „Wie heißt du, Bruder? Ich habe früher auch in einem slawischen Dorf gelebt, ich bin jetzt etwas aus der Übung mit meiner alten Sprache, ich hoffe, du verstehst mich. Mein Name ist Dobyslaw.“
Der Verwundete war offensichtlich dankbar, dass hier jemand seine Sprache sprechen konnte. „Ich heiße Stanislaw und komme aus dem Dorf Bukojna. Das habt ihr euch ja sicher schon gedacht. Ich bin allein im Wald herumgestreift und hatte gehofft, vielleicht ein Reh zu schießen. Dabei wurde ich dann von diesem Bären überrascht. Er ist so schnell auf mich zu gestürmt, ich war vor Entsetzen ganz starr vor Schreck. Ich konnte nicht einmal mehr versuchen, auf einen Baum zu klettern. Ich bin euch sehr dankbar für eure Hilfe.“
Jetzt hatte sich auch Berulf, der inzwischen das Zinnkraut beschafft hatte, neben Stanislaw niedergekauert. „Dies ist Berulf, dein Retter“, stellte ihn Dobyslaw vor, er hat den Bären erlegt und dich hierher ins Dorf gebracht.“
Die beiden begrüßten sich etwas verlegen. Stanislaw versuchte ziemlich mühsam, zu lächeln und bedankte sich bei Berulf. „Du hast mir das Leben gerettet, Berulf. Mögen die Götter dich segnen! Ich danke dir, vielleicht kommt eines Tages eine Gelegenheit, dass ich dir deine Güte vergelten kann. Es war sehr mutig von dir, den Bären anzugreifen.“ Man sah, dass ihn die Rede erschöpft hatte. Er schloss die Augen, suchte aber mit der Rechten nach Berulfs Hand und drückte sie. Dobyslaw hatte seine Worte für Berulf übersetzt.
Inzwischen hatte Berulfs Mutter einen Teil des Zinnkrauts zerstampft und legte es nun auf Stanislaws Brustwunden. Danach wickelte sie wieder Leinentücher um seine Brust, aber nicht zu fest, damit die Atmung nicht behindert würde. „Ich denke, er wird jetzt etwas schlafen“, meinte sie, „Berulf, gib ihm vorher noch einmal zu trinken! Über Nacht wird er wohl Fieber bekommen, er ist noch nicht über den Berg“, fügte sie hinzu und seufzte. Beim Nachtmahl musste Berulf noch einmal ausführlich den Hergang seines Jagdausflugs erzählen. Gebannt hingen seine Geschwister an seinen Lippen und blickten ihren großen Bruder bewundernd an. Eigentlich wollte seine Mutter zu bedenken geben, dass es doch sehr leichtsinnig war, direkt auf einen erwachsenen Bären zuzulaufen, aber sie sagte nichts. Sie dachte: `So sind die Jungs in diesem Alter eben, sie stürzen sich mutig, ohne viel zu überlegen, in gefährliche Situationen. Wenn es anders wäre, würden aus ihnen später vielleicht unentschlossene, zaghafte Männer werden.`
Zur Feier des Tages wurde sogar Bier ausgeschenkt, auch für Berulf wurde ein Trinkhorn gefüllt. Er fragte seine Eltern, ob er am nächsten Tag mit seinen Freunden noch einmal losziehen dürfte, um dem Bären das Fell abzuziehen. Die Eltern wollten es ihm nicht abschlagen und gaben ihre Erlaubnis. Er war sehr zufrieden, als er sich schlafen legte; er träumte von gefährlichen Jagden auf Bären, Wildschweine und Auerochsen.
Natürlich hatte sich über Nacht Berulfs Abenteuer längst im Dorf herumgesprochen. Als er morgens aus der Haustür trat, wurde er gleich von jungen Leuten umringt, die ihn alle bestürmten, wieder und wieder von seinem Erlebnis zu berichten. Als sie hörten, dass Berulf noch einmal losziehen wollte, drängte sich die Schar der jungen Männer zu ihm. Jeder bat darum, ihn begleiten zu dürfen. Berulf nahm schließlich seine beiden Freunde Audo und Siggo mit. Als sie den Kadaver des Bären erreichten, stob von ihm sofort ein großer Fliegenschwarm mit lautem Summen auf. Fressspuren durch andere Raubtiere konnten sie nicht entdecken, es wäre wohl nur ein großes Tier wie ein Wolf imstande gewesen, das dicke Fell des Bären aufzureißen. Die drei Burschen zückten jetzt ihre Jagdmesser und begannen schweigend, das zottige braune Fell des gewaltigen Tieres abzuziehen, nicht ohne vorher einen Zauberspruch zu sprechen, mit dem sie den Geist des Bären besänftigen wollten. Das Häuten erwies sich als äußerst mühsam und langwierig, aber das war ihnen von vornherein klar gewesen. Zwischendurch legten sie kurze Pausen ein, um Wasser zu trinken und von ihrem mitgebrachten Proviant zu essen. Nach einigen Stunden hatten sie es geschafft. Es war die ganze Zeit schwül und stickig gewesen im Wald, und so rann allen dreien der Schweiß vom Leib herunter.
„Die Familie des verwundeten Stanislaw wird ja ihren Sohn schon seit gestern vermissen“, meinte Berulf, an seine Freunde gewandt. „Vielleicht haben sie schon hier im Wald gesucht und sind äußerst beunruhigt, weil sie ihn nicht gefunden haben.“
„Du hast völlig Recht“, erwiderte Audo, „ich könnte mir vorstellen, dass sie uns bald in Heesen besuchen, weil sie sich vielleicht denken können, dass er bei uns ist.“
Die Freunde legten das Bärenfell nun zusammen und schnürten es mit einem mitgebrachten Hanfstrick zu einem Bündel, das zwei Schlaufen zum Tragen erhielt. So konnten sie es ins Dorf transportieren, wobei sie sich hin und wieder abwechselten. Hier wurde das große dicke Fell des Bären gebührend bestaunt und bewundert. Zusammen mit Dobyslaw als Dolmetscher begab sich Berulf gleich zu Stanislaw, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Doch mit dem verwundeten Obotriten war im Moment nicht zu reden, er hatte hohes Fieber und phantasierte. Dobyslaw konnte aus den Sprachfetzen heraushören, dass Stanislaw immer noch glaubte, mit dem Bären zu kämpfen, aber auch wähnte, von wilden Kriegern anderer Stämme angegriffen zu werden.
Bekümmert wandte sich Nanthild an ihren Sohn: „Leider hat er doch heftiges Wundfieber bekommen. Wir geben ihm schon die ganze Zeit Weidenrindentee zu trinken, so gut es geht, in seinem Zustand.“ Sie seufzte. „Wir können jetzt nur beten, dass er durchkommt. An sich ist er ja ein kräftiger, junger Mann, da sollte er eigentlich genügend Widerstandskraft haben, um mit dieser Wundinfektion fertig zu werden. Du kannst dich gleich zu ihm setzen, Berulf, und ihm ab und zu etwas Weidenrindentee einflößen.“
So setzte sich Berulf auf einen Hocker neben Stanislaws Schlafbank, lauschte auf dessen Fieberphantasien und beobachtete ihn aufmerksam. Hin und wieder bemühte er sich, dem jungen Mann etwas von dem Fieber senkenden Tee zu geben. Der Verwundete trank erst gierig ein paar Schlucke, dann drehte er den Kopf jedes Mal zur Seite. Jetzt wurde Berulf erst klar, in welche Lebensgefahr er sich begeben hatte, als er auf den Bären zugegangen und einen Pfeil auf ihn abgeschossen hatte. Hätte der Pfeil das Tier weniger schwer verwundet, dann hätte es sich bestimmt wütend auf ihn gestürzt, und es wäre aus mit ihm gewesen. Aber in jenem Augenblick hatte Berulf überhaupt nicht über die Gefahr nachgedacht; ihm war der Gedanke, schnell wegzulaufen und den Obotriten seinem Schicksal zu überlassen, gar nicht in den Sinn gekommen. Mit Hilfe der Götter würde Stanislaw wohl überleben, aber Berulf hatte hautnah miterlebt, wie schnell der Tod den Menschen ereilen kann, auch wenn er noch sehr jung ist. Genauso war es im Krieg; zwischen den Stämmen gab es immer wieder Fehden, und auch Raubzüge junger Krieger bedrohten die Dörfer. Bei diesen Kämpfen konnte ebenfalls ein junger Mann seines Alters getötet werden.
Am nächsten Tag war offenbar das Schlimmste überstanden, Stanislaws Fieber war gefallen, und er war wieder bei Bewusstsein. Mit Hilfe von Dobyslaw als Übersetzer konnte Berulf schon ein wenig mit dem Verwundeten sprechen. Er erfuhr, dass Stanislaw drei Brüder und zwei Schwestern hatte, während es unter seinen eigenen Geschwistern drei Schwestern und zwei Brüder gab. Stanislaw war sechzehn Jahre alt und galt in seinem Stamm ebenfalls als erwachsener Mann. Das Leben der beiden lief in ganz ähnlichen Bahnen ab; wie die meisten Dorfbewohner waren sie mit landwirtschaftlichen Tätigkeiten beschäftigt, mit Pflügen, Säen, Ernten und Dreschen, sowie mit dem Melken der Kühe und Ziegen. Das Melken war allerdings hauptsächlich Sache der Frauen, und das Hüten des Viehs besorgten im Allgemeinen kleinere Kinder. Zusätzlich war auch der Fischfang bei den Obotriten von großer Bedeutung.
Am frühen Nachmittag erschienen einige Obotriten im Dorf, Stanislaws Vater und zwei seiner Onkel. Sie grüßten die sächsischen Dorfbewohner höflich mit einer leichten Verbeugung und fragten sie, ob sie etwas von dem vermissten Stanislaw wüssten. Als sie erfuhren, dass er lebte und in einem der Häuser wegen seiner schweren Verletzungen gepflegt würde, hellten sich ihre bedrückten Mienen auf, sie dankten dem Kriegsgott Perun und Swarog, dem Schöpfer allen Lebens, und erbaten die Erlaubnis, ihren Verwandten sehen zu dürfen. Sogleich wurden sie zu dem Vermissten geführt. Stanislaws Vater Dragomir kniete neben seinem Sohn nieder und küsste ihn, während ihm Tränen die Wangen herabliefen. „Stanislaw, mein Sohn, mein lieber Sohn! Du lebst, den Göttern sei Dank! Was ist nur geschehen? Du glaubst nicht, was für Sorgen wir uns gemacht haben! Als wir heute Morgen die Stelle im Wald gefunden haben und dort den gehäuteten Bären entdeckten, sowie einen kleinen abgerissenen Fetzen deines Untergewands, befürchteten wir schon ein großes Unglück. Vorstellen konnten wir uns allerdings nicht, was wirklich mit dir geschehen sein könnte. Schließlich sind wir auf gut Glück in das Dorf unserer sächsischen Nachbarn gekommen.“
So gut er konnte, bemühte sich Stanislaw zu lächeln und antwortete ein wenig mühsam: „Als mich dieser riesige Bär angriff, war ich gelähmt vor Furcht. Nur ein Gedanke war in meinem Kopf: dies ist der Tod. Als der Bär anfing, mit seinen Tatzen nach mir zu schlagen, empfand ich seltsamerweise keinen Schmerz, dann muss ich das Bewusstsein verloren haben. Als ich wieder zu mir kam, sah ich den jungen Sachsen Berulf – der jetzt rechts von dir steht – über mich gebeugt, wie er gerade notdürftig meine Wunden auf der Brust verband. Sofort war mir klar, dass er mir freundlich gesinnt sein musste, ja dass er mich offenbar vor dem wütenden Bären gerettet hatte. Erst jetzt spürte ich große Schmerzen in meinen Wunden, besonders als Berulf mich ein Stück weit trug und mit einem eilig gefertigten Schlitten aus dem Wald brachte. Dann muss ich erst einmal wieder ohnmächtig geworden sein.“
Stanislaw fiel das Sprechen noch schwer, er machte eine Pause und atmete tief durch. Sein Vater war unbeschreiblich erleichtert, nachdem er erfahren hatte, wie sein Sohn gerettet worden war. Er küsste ihn wieder und strich ihm über die wirren Haare. „Die Hauptsache ist, dass du lebst, mein Junge“, fuhr er fort. „Wie ich dich kenne, wirst du mit Hilfe der Götter bestimmt wieder gesund werden.“ Er erhob sich und wandte sich an Berulf und dessen Eltern, die neben ihm standen. „Ich danke euch tausend Mal, ihr guten Leute, dass ihr meinen Sohn aus der Gewalt des Bären gerissen und ihn so gut verarztet habt. Wir werden immer in eurer Schuld stehen. Mögen die Götter euch allezeit beschützen und euch segnen! Wann, glaubt ihr, dass mein Sohn so weit genesen ist, dass ich ihn abholen kann?“
Nanthild war sehr erfreut nach diesen Worten und erwiderte: „Das kann man noch nicht sagen. Im Augenblick hat dein Sohn ja noch das Wundfieber. Vor allem durch den Blutverlust ist er natürlich sehr geschwächt. Ich denke, es wird noch mindestens drei Wochen dauern, bis ihr ihn wieder in euer Dorf bringen könnt.“
Dragomir nickte. „Am liebsten würde ich dich jetzt gleich mitnehmen, mein Sohn“, wandte er sich wieder an Stanislaw.
Der versuchte, wieder zu lächeln, und sagte leise: „Lass mir Zeit, Vater. Der Angriff des Bären war ja erst gestern, oder ist es zwei, vielleicht drei Tage her? Ich habe im Moment gar kein Zeitgefühl mehr. Du und Mutter könnt beruhigt sein, ich bin bei unseren sächsischen Nachbarn wirklich in den besten Händen. Komm mich doch so in einer Woche wieder besuchen!“ Stanislaws Vater und die beiden Onkel verabschiedeten sich von ihm, sowie auch von Berulf und dessen Familie.
Zwei Wochen waren seither vergangen; Stanislaws Wundheilung machte gute Fortschritte, er konnte schon für kurze Zeit aufstehen und sich etwas die Beine vertreten. „Meine Beine sind so wackelig geworden, ich glaube, ich muss wieder das Laufen lernen“, meinte er kopfschüttelnd zu Berulf. „Aber ich bin sehr froh und dankbar, dass ich überhaupt mit dem Leben davongekommen bin. Wenn du nur wenige Augenblicke später aufgetaucht wärest, hätte ich mein Leben unter den Pranken des Bären schon ausgehaucht.“
Berulf nickte. „Die Götter haben dich vor dem Tod bewahrt, Stanislaw. Sie haben mich rechtzeitig zur Hilfe geschickt.“ Schon die ganzen Tage bemühte sich Berulf, mit Dobyslaws Hilfe möglichst viel von Stanislaws Sprache zu lernen, und auch dieser hatte in der Zwischenzeit etliche sächsische Worte und Redewendungen aufgeschnappt. Die beiden konnten sich gut leiden. Berulf nahm sich vor – wenn Stanislaw erst wieder in seinem Dorf wäre – bei Dobyslaw Unterricht im Obotritischen zu nehmen.
Allmählich bekam Stanislaw immer stärkeres Heimweh nach seiner Familie, seinem Dorf Bukojna, und seinen Altersgenossen. In der dritten Woche bat er seinen Vater, der ihn ja regelmäßig besuchte, ihn demnächst mit nach Hause zu nehmen. Seine Wunden waren so gut verheilt, dass er keine Verbände mehr brauchte, und es ging ihm zusehends besser. Doch den langen, holprigen Weg durch den Wald wollte Dragomir seinem Sohn noch nicht zumuten; er beschloss, ihn auf einem Pferd reiten zu lassen und lieber einen längeren Umweg auf einem breiteren Weg in Kauf zu nehmen. So geschah es. Stanislaw wurde von den Dorfbewohnern aus Heesen herzlich verabschiedet, sogar ein Segen wurde von der Priesterin über ihn gesprochen. Alle mochten den ruhigen, sympathischen jungen Mann, auch wenn sie seine Sprache nicht verstanden. Berulf erhielt die Erlaubnis, Stanislaw und seinen Vater nach Bukojna zu begleiten. Die beiden waren inzwischen gute Freunde geworden und verstanden viel von der Sprache des anderen, sie konnten sie sogar ein wenig selber sprechen.
Der langsame Ritt auf dem längeren Weg dauerte gut zwei Stunden; das ständige Schaukeln auf dem Pferderücken war für Stanislaw doch etwas beschwerlicher, als er es sich vorgestellt hatte, aber er biss die Zähne zusammen. Endlich gelangten sie wohlbehalten nach Bukojna, das am Ufer eines schmalen Flusses lag. Im Nu lief das ganze Dorf zusammen, um Stanislaw einen würdigen Empfang zu bereiten, sowie Berulf zu begrüßen und ihm Dank zu sagen. Viele hatten noch nie einen Sachsen gesehen und waren ganz erstaunt, dass er auch nicht anders aussah als ein obotritischer junger Mann seines Alters. Berulf wurde von Stanislaws Familie gebeten, über Nacht zu bleiben, was er gerne annahm. Von den Brüdern und Schwestern seines Freundes wurde er natürlich neugierig beäugt, alle bestürmten ihn mit Fragen, die er mit seiner noch schwachen Kenntnis der slawischen Sprache nur bruchstückhaft beantworten konnte. Aber Stanislaw, der ja über drei Wochen in Heesen verbracht hatte, gab bereitwillig Auskunft über vieles, was er in dem sächsischen Dorf gesehen hatte. Stanislaws ältere Schwester war schon fast achtzehn Jahre alt, sie hieß Lubina. Als Berulf sie erblickte, stockte ihm der Atem. In seinem Dorf gab es auch einige hübsche Mädchen, besonders eine namens Uta hatte ihm seit einiger Zeit gut gefallen. Doch dieses Mädchen hier war mit keiner anderen jungen Frau zu vergleichen, die er je gesehen hatte.
Es war, als hätte ihn plötzlich ein Blitz getroffen und zermalmt. Ein sengendes Feuer verbrannte ihn von innen, es raste durch seine Adern, schoss ihm in den Kopf und benebelte seinen Sinn. Ihm wurde schwindelig, er musste sich mit einer Hand an der Wand abstützen, sonst wäre er zu Boden gestürzt. Er öffnete seinen Mund, um Lubina und die anderen Geschwister zu begrüßen, aber sein Mund war plötzlich völlig ausgetrocknet, seine Zunge klebte am Gaumen, er bekam keinen Ton heraus. Lubinas Mutter Ludmila war sein sonderbares Verhalten inzwischen aufgefallen, ohne dass sie es sich erklären konnte. Sie führte ihn zu einer Schlafbank, wo er sich setzen und sich erst einmal an die Wand lehnen konnte.
Auch Lubina hatte den jungen Sachsen scharf beobachtet. Vom ersten Moment an hatte er ihr nicht besonders gefallen, er war eben ein junger Mann wie viele andere auch in seinem Alter, weder gut noch schlecht aussehend, sie fand ihn einfach uninteressant. Umso erstaunter war sie nun über sein eigenartiges Verhalten. Sie hatte sehr wohl bemerkt, wie er sie angestarrt, ja geradezu mit den Augen verschlungen hatte. Sie konnte sich denken, dass sie wohl selbst der Grund dafür war, dass Berulf sich gebärdete, als sei er vom Donner gerührt worden, weil sie anscheinend einen überwältigenden Eindruck auf ihn gemacht hatte. Ihr Mund verzog sich zu einem feinen, spöttischen Lächeln. `Was für ein dummer Junge`, dachte sie, `er ist eben noch grün hinter den Ohren. Wahrscheinlich hat er in seinem Leben noch nie ein so hübsches Mädchen gesehen, dass er gleich derartig die Fassung verliert.` Wie er jetzt von ihrer Mutter zu der Schlafbank geführt werden musste und dort hockte wie ein ungezogener Bengel, dem der Vater gerade eine Tracht Prügel versetzt hat, war einfach jämmerlich, sie verachtete ihn.
Lubina war nicht besonders groß für ihr Alter, doch sie hatte eine schlanke, sehr weibliche Figur, große blaue Augen und wundervolles blondes Haar, das in zwei langen Zöpfen über ihren Brüsten hing. Die etwas fliehende Stirn, die schmale kleine Nase, ihre weichen fein geschwungenen Lippen fügten sich harmonisch zusammen. Oft hatte sie einen schwärmerischen Gesichtsausdruck, und mit ihrem Lachen – noch mehr mit ihrem rätselhaften Lächeln – konnte sie jeden jungen Mann bezaubern. Das wusste Lubina durchaus, daher war sie nicht allzu überrascht von der Wirkung, die sie offensichtlich auf diesen tölpelhaften jungen Sachsen ausgeübte hatte.
Berulf hatte sich inzwischen etwas gefangen, er schämte sich, dass er sich wie ein Schwächling verhalten hatte, wie ein tollpatschiger Bub, der noch an den Rockschößen der Mutter hängt. Betreten blickte er zu Boden, er wagte es nicht, den Blick zu Lubina zu erheben. In seinem Inneren tobte gerade ein furchtbares Chaos von Gefühlen. Am liebsten wäre er aufgestanden, um mit Lubina zu reden, ihr von der Rettung ihres Bruders zu berichten, vielleicht mit ihr ein wenig zu plaudern und zu lachen. Doch das war gänzlich unmöglich! Hätte er doch bloß den Mut und die Unbefangenheit, sie einfach anzusprechen. Doch leider war daran im Moment nicht zu denken; er war schon froh, dass er es schaffte, aufzustehen und sich an die übrigen Familienmitglieder zu wenden. Die Eltern lächelten ihm freundlich zu und ermunterten ihn, noch einmal zu erzählen, wie er ihren Sohn gerettet hatte. Die anderen Geschwister hörten ihm gespannt zu; der jüngste Bub hing geradezu an seinen Lippen, während Lubinas Gesichtsausdruck zu sagen schien, dass sie das alles nicht interessierte.
Natürlich wurde Berulf von den Geschwistern mit vielen Fragen bestürmt, die er bereitwillig beantwortete, so gut es sein holpriges Obotritisch zuließ. „Du musst ja selber Bärenkräfte haben, Berulf“, meinte Dragomir anerkennend, „dass du es geschafft hast, unseren Stanislaw ganz allein bis zum Waldrand zu tragen! Ludmila und ich werden dir das nie vergessen, so lange wir leben.“
Stanislaws Mutter nahm Berulf sogar in die Arme. „Wir möchten dir noch einmal von ganzem Herzen danken“, sagte sie leise, „dass du unseren Sohn dem Bären aus dem Rachen gerissen hast. Du bist wahrhaftig ein Held!“
Dieses überschwängliche Lob war Berulf doch ein wenig peinlich, besonders weil er bemerkte, dass Lubina spöttisch die Lippen verzog, Er ging darüber hinweg und begann, von Stanislaws Genesung zu erzählen. „Ich kann euren Sohn sehr gut leiden“, sagte er treuherzig, „wir wollen uns auch weiterhin treffen und unsere Kenntnisse von der Sprache des anderen verbessern. Wenn es euch recht ist, möchte ich Stanislaw in Zukunft möglichst oft besuchen, und er kann jederzeit zu mir nach Heesen kommen.“
Stanislaws Eltern nickten zustimmend. „Selbstverständlich kannst du kommen“, versicherte ihm Dragomir, „wir werden dich wie einen Sohn hier empfangen.“
Leider durfte Berulf nicht so oft, wie er es gern gehabt hätte, seinen neuen Freund in Bukojna besuchen. Wie alle Männer seines Dorfes hatte er schließlich Pflichten. Zur Zeit wurde die Gerste geerntet, und so stand auch Berulf fast jeden Tag zusammen mit anderen Männern in einer Reihe auf den Feldern, wo sie mit ihren Sicheln die Gerste schnitten. Er hatte schon davon gehört, dass es in manchen Dörfern die effektiveren Sensen geben sollte, aber gesehen hatte er noch keine. Jedenfalls besaß in Heesen niemand eine Sense. Alte Erntelieder wurden von den Schnittern gesungen, dabei ging ihnen das Schneiden noch mal so gut von der Hand. Zum Glück war es noch nicht allzu warm, so dass die Arbeit auf dem Feld erträglich war. Die Schnitter arbeiteten meistens den ganzen Tag, ab und zu gab es natürlich Pausen; zur Stärkung wurde ihnen zwischendurch von den Frauen ein deftiger Gerstenbrei sowie Wasser und Dickmilch aufs Feld gebracht. Abends waren dann alle richtig erschöpft, nach einem kräftigen Abendessen mit Getreidebrei aus Gerste oder Hafer, der oft auch Linsen und Bohnen enthielt, gingen sie früh schlafen.
Seit Berulf Stanislaws Schwester Lubina in Bukojna gesehen hatte, war es vorbei mit seinem festen, tiefen Schlaf. Wohl schlief er nach einer Weile ein, aber die ganze Nacht hindurch wachte er immer wieder auf, grübelte und wälzte sich hin und her, bis er von neuem in einen unruhigen Schlaf versank. Manchmal träumte er von Lubina, dass sie gemeinsam Hand in Hand durch einen finsteren Wald oder durch Kornfelder gingen, in denen sich die Ähren sanft im Wind wiegten. In der ersten Nacht hatte er geträumt, dass er sie aus ihrem Dorf entführt hatte; auf zwei Pferden ritten sie immer weiter nach Osten, bis sie zu einem Volk gelangten, dessen Aussprache des Slawischen selbst für Lubina ganz fremd klang. Aber die Leute waren freundlich, es gab gerade ein leerstehendes Haus, in das die beiden sofort einziehen konnten. Nachdem sie die Tür geschlossen hatten, fielen sie sich in die Arme, küssten sich immer wieder und liebten sich schließlich auf dem festgestampften Lehmboden. „Ich bin so glücklich“, flüsterte Lubina, „ich liebe dich so sehr, Berulf. Wir müssen unser ganzes Leben zusammenbleiben!“
Berulfs Glück war unaussprechlich. „Meine Liebste, meine geliebte Lubina, mein Leben!“, stammelte er immer wieder. „Ich weiß nicht, wie ich ohne dich hätte leben können. Du bist das Licht, das mir den Tag erhellt und mir in der Nacht leuchtet, heller als der Mond und alle Sterne zusammen. Du bist meine Luft zum Atmen. Du bist das Gras und die Erde, über die ich laufe. Ich glaube, ohne dich müsste ich in eine öde, leere Finsternis stürzen.“
Lubina lächelte, nahm Berulfs Kopf in ihre Hände und küsste ihn. „Du dummer Junge, wir sind doch jetzt zusammen, niemand kann uns mehr trennen. Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen.“ Berulf nahm Lubina in die Arme und wirbelte sie mehrmals im Kreis herum. Dann fassten sie sich an den Händen und tanzten lachend durch den Wohnraum, bis sie außer Atem zu Boden sanken.
In diesem Moment wachte Berulf auf. Es war alles nur ein Traum gewesen! Er weinte bitterlich, bis ihm Freya, die Göttin der Liebe, wieder einen gnädigen Schlaf schenkte.
Drei Wochen, nachdem Stanislaw in sein Dorf zurückgekehrt war, durfte Berulf ihn endlich besuchen. Er durfte dafür auch das Pferd der Familie nehmen, das wie auch die Kühe, Schafe und Schweine mit den Menschen gemeinsam in einem abgeteilten Bereich des Langhauses untergebracht war, freilich nur in der kalten Jahreszeit. Das hatte den Vorteil, dass die Tiere viel Wärme spendeten, denn die Wände des Hauses bestanden zwar zwischen den tragenden Eichenpfosten aus Flechtwerk, das man reichlich mit Lehm verputzt hatte, aber allzu gut war das Haus im Winter dadurch nicht isoliert, und man konnte kaum Tag und Nacht ein prasselndes Feuer brennen lassen.
Das Pferd der Familie war eine kräftige braune Stute, auf der Berulfs Vater schon einmal zu einem Kriegszug geritten war. Sie hieß Helga, sie war nicht besonders schnell, aber zäh und ausdauernd, und hatte ein ausgesprochen freundliches Gemüt. So machte sich Berulf also frühmorgens, mit genügend Proviant versehen, auf den Weg. Es würde wohl ein heißer Sommertag werden, aber so früh am Morgen war die Luft noch angenehm. Die Farben der saftig grünen Büsche und Bäume, die mit dicken Körnern beladenen Kornähren und die knallroten Mohnblumen in ihrer leuchtenden Pracht überboten sich geradezu im sanften Licht der Morgensonne an Schönheit und Lebensfreude.
Auf dem ganzen Weg musste Berulf an Lubina denken. Während der vergangenen drei Wochen war sie ihm ohnehin nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Es war, als ob sein ganzes Leben, sein Denken und Fühlen, ja seine ganze Existenz umgestürzt worden wäre. Er erkannte sich selbst kaum noch wieder. Den unbeschwerten, fröhlichen, etwas leichtsinnigen jungen Mann, den gab es plötzlich nicht mehr. Was war mit ihm geschehen? Er grübelte darüber nach, aber er konnte es nicht begreifen. War es denn möglich, dass diese eine, eigentlich sehr flüchtige Begegnung mit einer jungen Frau ihn derartig aus dem Gleichgewicht gebracht, ihn derartig aus der Bahn geworfen hatte? Es war erschreckend, es war, als ob sich plötzlich ein Abgrund vor ihm geöffnet hatte, an dessen Kante er nun mit schwankenden Beinen stand und jeden Augenblick hinabzustürzen drohte. Hatte er sich in Lubina verliebt? Das mochte wohl sein, aber den Kern seiner umstürzenden Veränderung traf das nicht. Er war in der tiefsten Tiefe seiner Seele verstört, er fühlte, dass da eine Macht ihn erfasst hatte, der er ausgeliefert war, vor der er sich fürchtete. Diese unbestimmte Angst war eigentlich das Schrecklichste. Es war die Angst, in den Abgrund zu fallen und zermalmt zu werden.
Berulf versuchte, diese schwarzen Gedanken wegzuschieben, aber er schaffte es nicht. Er versuchte, sich an Verse zu erinnern, die er einmal von einem fahrenden Sänger gehört hatte, in denen vom Ragnarök, dem Untergang dieser Welt und der Erschaffung einer neuen Erde die Rede war. In schaurigen Bildern wurde erzählt, wie der Fenriswolf den Göttervater Wodan verschlang, wie der Blitzeschleuderer Donar die entsetzliche Midgardschlange mit seinem Hammer erschlug, aber durch ihr Gift ebenfalls den Tod fand. Berulfs derzeitige seelische Verfassung war sicherlich kein Vorzeichen für den bevorstehenden Untergang der Welt, aber sie bedeutete wohl einen tiefgreifenden Wendepunkt seines Lebens.
Nach einer guten Stunde erreichte er das Dorf Bukojna. Auch dort wurde fleißig die Gerste geschnitten, aber auf Grund von Stanislaws schweren Verletzungen musste er noch nicht mit anpacken. Berulf begrüßte seinen Freund herzlich. „Wie geht es dir, Stanislaw? Was machen deine Wunden aus dem Bärenkampf?“
„Ach, mir geht es schon ganz gut, Berulf“, antwortete Stanislaw vergnügt. „Schmerzen habe ich überhaupt keine mehr, alles verheilt gut, es bilden sich schon Narben.“
„Damit wirst du sicher bei den Mädchen großen Eindruck machen“, meinte Berulf lachend. „Mit solchen Narben, die von den Tatzen eines Bären herrühren,
kann man ja die Leute ebenso zum Staunen bringen wie durch Verwundungen aus dem Krieg.“
Auch Stanislaw musste lachen. „An so etwas habe ich noch gar nicht gedacht, vielleicht hast du Recht. Aber wie auch immer, ich danke jedenfalls den Göttern, die mein Leben behütet haben, mit deiner Hilfe natürlich!“ Die beiden Freunde setzten sich auf eine Bank am Esstisch und nahmen erst einmal ein deftiges Frühstück aus Hirsebrei zu sich. Zur Feier des Tages backte die Mutter sogar Brotfladen aus Gerstenmehl, dafür wurde der Teig auf Steinen ausgestrichen, die im Feuer erhitzt worden waren. Sie aßen mit gutem Appetit und tranken reichlich Ziegenmilch zum Essen. Berulf berichtete von der Gerstenernte in Heesen, und dass er in der Zwischenzeit weiter Unterricht bei Dobyslaw in der obotritischen Sprache bekommen hatte. Als er am Erzählen war und gerade nicht an Lubina dachte, stand sie plötzlich neben ihm, er hatte ihr Kommen überhaupt nicht bemerkt. Sie begrüßte ihn in höflichem, wenn auch nicht gerade herzlichem Ton und sagte mit leichtem Spott in der Stimme, wie es Berulf schien: „Na, haben deine Eltern dir heute frei gegeben?“
Sofort wurde es Berulf heiß und kalt, sein Herz begann, wie wild zu schlagen. Er blickte kurz zu Lubina auf und antwortete mit heiserer Stimme: „Ja, so, so ist es, du hast Recht, ich habe heute frei bekommen von der Feldarbeit.“ Er spürte, dass sein Gesicht wohl rot geworden war, es fühlte sich ganz heiß an. Er dachte: `Was für ein Pech, dass ich so überrascht worden bin, bestimmt hält sie mich jetzt für den allergrößten Dorftrottel.` Doch Lubina ließ sich nichts anmerken, sie setzte sich zu den beiden an den Tisch und begann, Berulf nach seinen Eltern, seinen Geschwistern und nach dem Leben in seinem Dorf auszufragen. So gut Berulf es in seinem bruchstückhaften Obotritisch konnte, antwortete er ihr, aber er fing an, immer mehr zu stottern und verhaspelte sich mit den Worten der doch noch sehr fremden Sprache.
Lubina hatte sich eigentlich vorgenommen, sich über Berulf ein wenig lustig zu machen oder ihn sogar durch spöttische Bemerkungen in Verlegenheit zu bringen, aber auf einmal verspürte sie keine Lust mehr dazu. Er hatte ihr schließlich nichts getan. Im Grunde fand sie ihn ganz sympathisch, doch eher uninteressant als Mann. Nie im Leben könnte sie sich in ihn verlieben. Er war ihr viel zu jungenhaft, zu unreif und naiv. Sie träumte von einem Mann, der deutlich älter als sie selbst sein müsste, stark und mutig, sowie gescheit und lebenserfahren. Er sollte aber auch gefühlvoll und verständnisvoll sein, kein herrischer Kerl, sondern einer, der eine Frau als gleichberechtigte Partnerin ansah. Sie seufzte. Ob sie so einen Mann jemals finden würde? Sie musste sich eingestehen, dass eigentlich nur ihr Vater ihren Wunschvorstellungen entsprach. Alle jüngeren Männer, die sie bisher kennengelernt hatte – und das waren vor allem die jungen Männer ihres Dorfes – waren großsprecherische Angeber und einfältige Wichtigtuer. Es gab wohl auch den einen oder anderen sensiblen jungen Mann, denen es auch nicht an Verstand zu mangeln schien, aber das waren wiederum nachdenkliche, unentschlossene, wenn nicht sogar schwächliche Typen.
Sie war inzwischen ganz in ihre Gedanken versunken, als Stanislaw sie ansprach: „Lubina, woran denkst du? Warum hast du denn gerade geseufzt?“
Lubina hob trotzig den Kopf, „Das geht dich gar nichts an, Bruderherz. Frag nicht so dumm! Ich seufze, so viel ich will.“ Sie lachte laut auf. „Von den Gedanken und Gefühlen einer Frau versteht ihr Grünschnäbel so viel wie ein Huhn vom Weben der Wolle!“
Berulf wurde wieder rot und gab keine Antwort. Aber Stanislaw musste jetzt auch lachen und rief vergnügt: „Nun sieh mal einer an! Meine große Schwester, so empfindlich wie ein frisch geschlüpftes Küken! Ich wollte dir nicht zu nahe treten, meine herzallerliebste Schwester!“
Lubina lachte wieder und schlug nach ihrem Bruder. „Ich als deine ältere Schwester sollte dich mal übers Knie legen, sonst wirst du mir noch zu übermütig!“ Beide lachten, bis ihnen die Tränen kamen. Berulf sah, dass sich Bruder und Schwester gut verstanden. Er wünschte sich, auch so ungezwungen mit Lubina sprechen zu können, aber daran war leider nicht zu denken. Er war völlig verstummt, sein Kopf war so leer wie eine blank gefegte Tenne, ihm fiel überhaupt nichts ein, was er hätte sagen können. Um den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen, fragte Berulf seinen Freund: „Glaubst du, dass du schon wieder auf die Jagd gehen kannst?“
Stanislaw schüttelte den Kopf. „Heute noch nicht, leider. Aber in zwei oder drei Wochen, denke ich, ist bei mir bestimmt alles so gut verheilt, dass wir beide zusammen auf die Jagd gehen können. Aber noch einmal will ich dann nicht mit einem Bären nähere Bekanntschaft machen.“
Beide lachten. Lubina stand auf. „Ich lass` euch Faulenzer jetzt allein. Ihr habt euer Frühstück von der Mutter ja schon bekommen“, sagte sie und nickte dabei Berulf freundlich zu. „Ich hab ja versprochen, den Schnittern eine Stärkung aufs Feld zu bringen.“ Mit einem großen Krug Wasser und einem Topf voll Gerstengrütze verließ sie das Haus.
Dass sie ihn überhaupt eben eines Blickes gewürdigt und ihr Ton dabei
keineswegs spöttisch geklungen hatte oder ihre Miene unfreundlich gewesen war, ließ Berulfs Herz gleich höherschlagen. Ob er sich vielleicht doch Hoffnung machen konnte, dass sie eines Tages seine Gefühle erwidern würde? Er hatte sich eigentlich fest vorgenommen, niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen von seinen Gefühlen mitzuteilen, aber er spürte, dass er das nicht aushielt. „Du hast es bestimmt nicht bemerkt, und sicher auch sonst niemand“, wandte er sich zögernd mit leiser Stimme an Stanislaw, „aber ich habe mich Hals über Kopf in Lubina verliebt, neulich schon, als wir dich von Heesen hergebracht haben.“ Er stockte.
Stanislaw schob sich gerade ein Stück Fladenbrot in den Mund. Fast blieb ihm der Mund offenstehen. Er verschluckte sich an dem Bissen und musste erst einmal husten. „Das gibt`s ja nicht!“, rief er und blickte Berulf völlig verdattert an. „Ich glaub` es nicht! Meine große Schwester! Da hast du kaum ihre Nasenspitze gesehen und verliebst dich sofort in sie!“ Er schüttelte fassungslos den Kopf.
Berulf bereute es schon wieder, Stanislaw eingeweiht zu haben. Aber was erwartete er denn? Hatte er gedacht, sein Freund würde ihm gratulieren? Etwas kleinlaut murmelte er: „Ich kann doch nichts dafür. Es hat mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen.“
Stanislaw hatte sich wieder gefangen. „Tut mir Leid, Berulf, dass ich eben so albern reagiert habe, aber damit habe ich nun überhaupt nicht gerechnet. Als Bruder kann man sich sowieso nicht vorstellen, dass sich jemand in die eigene Schwester verliebt. Aber warum eigentlich nicht? Sogar ich muss zugeben, dass Lubina ein sehr hübsches Mädchen ist.“ Er grinste. „Und dann gleich so schnell! Du hast es wohl faustdick hinter den Ohren! Du bist ja geradezu ein Draufgänger!“ Er lachte, hörte aber sofort damit auf, als er sah, dass Berulf überhaupt nicht nach Lachen zumute war. „Hast du es ihr schon gesagt?“, begann er wieder vorsichtig.
„Bist du verrückt, Stanislaw? Wann hätte ich es ihr denn sagen sollen? Vielleicht eben, als sie mit uns am Tisch saß? Ich weiß sowieso nicht, ob ich es je schaffen werde, mit ihr davon zu reden. Ich fange ja schon an zu zittern, wenn sie mich nur anblickt. Wer weiß, vielleicht in einigen Wochen oder Monaten werde ich den Mut haben, sie darauf anzusprechen. Niedergeschlagen starrte er mit gesenktem Kopf auf den Tisch.
„Nun sei nicht gleich so verzagt!“, versuchte Stanislaw, seinen Freund aufzumuntern. „Ich kann dir da dummerweise keine Ratschläge geben, weil ich überhaupt noch nie verliebt war und mich in deine Lage nicht recht hineinversetzen kann. Aber es ist ja allgemein bekannt, dass sich Mädchen anfangs oft etwas zieren. Sie wollen erst einmal umworben werden. Da musst du viel Geduld aufbringen, Berulf. Aber schließlich bist du doch ein starker, gut aussehender junger Mann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Lubina dich nach einer gewissen Zeit nicht sehr wohlwollend ansehen wird. Verlier` jetzt nicht gleich die Geduld!“
Berulf hob den Kopf und lächelte matt. „Vielleicht hast du ja Recht. Auf jeden Fall danke ich dir für deine Worte. Ich verspreche dir, dass ich sie mir zu Herzen nehmen werde.“ Berulf blieb bis zum Nachmittag in Bukojna. Die beiden Freunde machten noch einen langen Rundgang durch die Feldmark. Stanislaw erzählte seinem Freund viel über das Leben der Obotriten, über ihre Herkunft und über ihre schweren Kämpfe mit dem wilden Reitervolk der Awaren, die lange Zeit die Slawenstämme beherrscht hatten. Berulf blieb recht wortkarg, aber er hörte aufmerksam zu, auch wenn er nicht alles verstand. Lubina sah er nur einmal von weitem bei den Schnittern. Am späten Nachmittag ritt er schließlich nach Heesen zurück.
