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Die zwei Geschichten spielen sich in Lebenskrisen des Protagonisten ab. In der ersten trifft er in Träumen den Propheten Jeremia, wobei Jeremias Leben an ihm vorüberzieht.. In der zweiten ist er in einer seelischen Ausnahmesituation gefangen, die Züge einer Psychose hat. Halluzinationen und Visionen quälen ihn, während die Grenzen zwischen Realität und Traum zerfließen.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2022
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FÜR SVEN GROSSE
WAS SIEHST DU, JEREMIA? - EINE TRAUMGESCHICHTE
ERSTES KAPITEL AUFERSTEHUNG
ZWEITES KAPITEL DIE ZEIT JEREMIAS
DRITTES KAPITEL DAS SCHICKSAL DER FREIGELASSENEN SKLAVEN
VIERTES KAPITEL IN JERUSALEM
FÜNFTES KAPITEL IN ÄGYPTEN
SECHSTES KAPITEL GNADE
SIEBTES KAPITEL DIE BUCHROLLE
ACHTES KAPITEL HANANJA
NEUNTES KAPITEL JEREMIAS LEID
ZEHNTES KAPITEL DER VERDORBENE HÜFTSCHURZ
ELFTES KAPITEL DER PROZESS
ZWÖLFTES KAPITEL IN DER ZISTERNE GEFANGEN
DREIZEHNTES KAPITEL HOFFNUNG
VIERZEHNTES KAPITEL DER KAUF DES ACKERS
FÜNFZEHNTES KAPITEL DER NEUE BUND
DANKSAGUNG
LITERATURVERZEICHNIS
MICH WIRST DU NIE WIEDER LOS! - EINE TRAUMGESCHICHTE
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
ERSTES KAPITEL AUFERSTEHUNG
ZWEITES KAPITEL DIE ZEIT JEREMIAS
DRITTES KAPITEL DAS SCHICKSAL DER FREIGELASSENEN SKLAVEN
VIERTES KAPITEL IN JERUSALEM
FÜNFTES KAPITEL IN ÄGYPTEN
SECHSTES KAPITEL GNADE
SIEBTES KAPITEL DIE BUCHROLLE
ACHTES KAPITEL HANANJA
NEUNTES KAPITEL JEREMIAS LEID
ZEHNTES KAPITEL DER VERDORBENE HÜFTSCHURZ
ELFTES KAPITEL DER PROZESS
ZWÖLFTES KAPITEL IN DER ZISTERNE GEFANGEN
DREIZEHNTES KAPITEL HOFFNUNG
VIERZEHNTES KAPITEL DER KAUF DES ACKERS
FÜNFZEHNTES KAPITEL DER NEUE BUND
DANKSAGUNG
LITERATURVERZEICHNIS
Als ich sechzehn Jahre alt war, sah ich in einem Traum Jesus von Nazareth (auf Hebräisch bzw. Aramäisch Jeschua. Im Alten Testament auf Griechisch Jesus, möglicherweise, weil es im Griechischen keinen Laut für „sch“ gibt); den die Christen als den lang ersehnten Messias (hebr. Maschiach, griechisch Christos, der Gesalbte) verehren und an den sie als Sohn Gottes glauben. Ich kann mich noch gut erinnern, dass er zu mir auf Englisch gesprochen hat: „Be always as good to your daddy as I was to you!“ Ob er damit meinen leiblichen Vater oder Gott-unser aller Vater- meinte, weiß ich bis heute nicht so recht..
Dieser Traum hat mich damals sehr beeindruckt, er ist mir auch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, noch gegenwärtig. Das Leben und Sterben Jesu hat mich seitdem nicht mehr losgelassen, seine Lehre hat mich immer wieder ergriffen und erschüttert. Doch das Entscheidende, was mir immer wieder Kraft und Mut gibt, ist seine Auferstehung, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, so wie er uns alle auferwecken wird , die wir alle Gottes Kinder sind.
Diese Auferstehung von den Toten und unsere Hoffnung auf ein Leben bei Gott, der all unsere Tränen abwischen wird, ist es, die mir nach dem Tod unseres geliebten Jonathan Kraft und Trost gibt. Ich glaube ganz fest daran, ich bin mir sicher, dass Gott auch unseren armen Sohn von den Toten auferwecken und ihm das ewige Licht scheinen wird, und dass wir ihn nach unserem Tod wieder sehen werden. Ja, so sei es, Jonathan, so wird es sein! Wir werden dich wieder in unsere Arme schließen dürfen und mit dir zusammen singen und springen, Gott loben und preisen dürfen.
Ich habe früher noch nicht so viel in der Bibel gelesen, aber jetzt weiß ich, dass auch schon in vorchristlicher Zeit viele Juden an die Auferstehung der Menschen nach ihrem Tod geglaubt haben. So hat es der Prophet Jesaja sehr eindrücklich beschrieben: „Deine Toten werden lebendig, meine Leichen (wieder) auferstehen. Wacht auf und jubelt, Bewohner des Staubes! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten gebären“ (Jes26,19).
Und staunen muss man auch vor den Worten des Propheten Ezechiel: „Da sprach er zu mir: Weissage über diese Gebeine und sage zu ihnen: Ihr vertrockneten Gebeine, hört das Wort des HERRN! So spricht der Herr, HERR, zu diesen Gebeinen: Siehe, ich bringe Odem in euch, dass ihr (wieder) lebendig werdet. Und ich lege Sehnen an euch und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe euch mit Haut, und ich gebe Odem in euch, dass ihr (wieder) lebendig werdet. Und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR bin“ (Hes37,4ff).
Und auch am Schluss des Danielbuches redet ein Engel zum Propheten Daniel von der Auferstehung der Toten: „Und viele von denen, die im Land des Staubes schlafen, werden aufwachen; die einen zu ewigem Leben und die anderen zur Schande, zu ewigem Abscheu“ (Dan12,2). Im letzten Vers dieses Buches spricht dann der Engel die feierlichen, schönen Worte zu Daniel: „Du aber geh hin auf das Ende zu! Und du wirst ruhen und wirst auferstehen zu deinem Los am Ende der Tage!“ (Dan12,13).
Am meisten erschüttert aber hat mich der Bericht im 2. Makkabäerbuch, in dem geschildert wird, wie sieben Brüder und ihre Mutter den Märtyrertod sterben, im festen Glauben an ihre Auferstehung. So spricht der zweite der Brüder kurz vor seinem Tod zum König: „Du verruchter Mensch, du nimmst uns wohl das zeitliche Leben; aber der König der Welt wird uns, die wir um seiner Gesetze willen sterben, wieder erwecken in der Auferstehung zum ewigen Leben“ (2.Makk.7,9; Luther-Übersetzung).
Ja, es ist wohl wahr, ich glaube mit all meiner Kraft, mit meiner ganzen Seele an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben; dass Gott unseren lieben Sohn Jonathan wieder auferwecken wird und wir ihn dereinst wiedersehen werden und ihn herzen und küssen und ihn fest in die Arme nehmen dürfen.
Dass es den Satan oder einen Teufel oder irgendwelche höllischen Dämonen gibt, die sozusagen eine Gegenmacht zu Gott dem HERRN, dem einzigen Gott, bilden, glaube ich nicht. In diesem Zusammenhang hat der Prophet, den wir Deuterojesaja nennen, geschrieben: „Ich bin der HERR - und sonst keiner - , der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Frieden wirkt und das Unheil schafft. Ich, der HERR bin es, der das alles wirkt“ (Jes 45,6f). Und in Sprüche 16,4 heißt es: „Alles hat der HERR zu seinem Zweck gemacht, so auch den Gottlosen für den Tag des Unglücks.“
Mir leuchtet das ein. Gott allein hat die Welt erschaffen, und alles, was darinnen ist. Es ist alles aus Gottes Willen entsprungen. Gott hat die Welt gut gemacht, aber er hat auch das Unheil gemacht – wenn ich das auch nicht begreifen kann, wenn mir der Sinn dessen auch verborgen ist und im Dunkel liegt. Doch hat Gott ja gesagt, dass er im Dunkel wohnen will; und dass seine Gedanken nicht unsere Gedanken, und unsere Wege nicht seine Wege sind (s. Jes 55,8). So stehen wir also ratlos vor diesen Rätseln, diesen Geheimnissen, die unser Geist nicht fassen kann, und fragen uns manchmal verzweifelt, warum ein Mensch so hart gestraft wird, der sich doch nichts Ernstes hat zuschulden kommen lassen.
So ist es auch Hiob ergangen, der sich keiner ernstlichen Schuld bewusst ist, auch wenn er weiß, dass es keinen Menschen gibt, der völlig frei von Schuld ist. So klagt Hiob Gott an und fordert ihn in seinen Reden immer wieder zur Rechenschaft heraus, warum er ihn so hart bestraft hat. In Kap. 30, 20-22 sagt er: „Ich schreie zu dir, und du antwortest mir nicht. Ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich. In einen Grausamen verwandelst du dich mir, mit der Stärke deiner Hand feindest du mich an. Du hebst mich auf den Wind, du lässt mich (auf ihm) reiten und mich zergehen im Krachen (des Gewitters).“ So verwünscht Hiob in seinem Elend den Tag seiner Geburt: „Vergehen soll der Tag, an dem ich geboren wurde, und die Nacht, die sprach: Ein Junge wurde empfangen“ (Hi 3,3)!
Dennoch wendet sich Hiob, auch in seiner größten Not und Verzweiflung, nicht von Gott ab; er redet weiter mit ihm, rechtet mit ihm und klagt ihn an. Trotz allem bleibt Gott sein Ansprechpartner, sein letzter Bezugspunkt, er kann nicht von ihm lassen, er kann ihn nicht verwerfen. So weiß Hiob auch tief in seinem Inneren, dass Gott ihn nicht verlassen hat, dass er ihn nach wie vor in seiner Hand hält: „Doch ich weiß: Mein Erlöser lebt; und als der Letzte wird er über dem Staub stehen. Und nachdem man meine Haut so zerschunden hat, werde ich doch aus meinem Fleisch Gott schauen“ (Hi19,25f).
Auch den Propheten Jeremia überkam die Verzweiflung in seinem Leid, und er haderte mit Gott: „Warum ist mein Schmerz dauernd (da) und meine Wunde unheilbar? Sie will nicht heilen. Ja, du bist für mich wie ein trügerischer Bach, wie Wasser, die nicht zuverlässig sind.“ (Jer15,18). Und es kommt mit ihm sogar so weit, dass er für einen Moment daran denkt, sich von Gott abzuwenden. „Doch (sooft) ich (mir) sage: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen reden, wird es in meinem Herzen wie brennendes Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Und ich habe mich (vergeblich) abgemüht, es (weiter) auszuhalten, ich kann nicht (mehr)“ (Jer20,9)!
So kann auch Jeremia nicht von Gott lassen, auch wenn er durch Gottes Auftrag an ihn, der ihn zu einem einsamen, verhöhnten und verfolgten Menschen gemacht hat, leidet. Trotz allem ist Gott für ihn Freude und Trost geblieben: „Fanden sich Worte von dir, dann habe ich sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens; denn dein Name ist über mir ausgerufen, HERR, Gott der Heerscharen“ (Jer15,16).
Über diese Gedanken und Erfahrungen Hiobs und Jeremias muss ich immer wieder nachsinnen. Ihre tiefe Verbundenheit mit Gott, auch wenn sie sich zeitweilig von ihm verlassen fühlten, erschüttert mich und gibt mir Kraft und Trost. Ich will Gott bitten, auch mir dieses Vertrauen in ihn zu schenken – auch in tiefer Not und dem Gefühl großer Verlassenheit. Und ich will Gott anflehen, mir Gewissheit zu geben, dass er unseren lieben Sohn Jonathan auch in seinen schwersten Stunden nicht verlassen hat, dass er ihn fest in seiner Hand gehalten hat und ihn hat wissen lassen: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jes43,1)!
Immer wieder habe ich die Erzählung von Jeremias Berufung gelesen und ihre Worte verschlungen. Es ist für mich der erschütterndste, wunderbarste Bericht über die Begegnung eines Menschen mit Gott, den ich kenne. Wie Gott seine Hand ausstreckt, Jeremias Mund berührt und seine Worte in dessen Mund legt, das ist einfach unfassbar, vollkommen unbegreiflich, großartig und wunderbar schön! Und dazu noch Gottes Wort an Jeremia: „Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich erkannt, und ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt; zum Propheten für die Nationen habe ich dich eingesetzt“ (Jer1,5).
Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, hat es mich geradezu umgehauen. Es ist mir heiß und kalt über den Rücken gelaufen. Was für Worte! Was für Gedanken und Vorstellungen! Dass Gott den Jeremia also schon lange vor dessen Geburt kannte, auf einer ganz anderen Ebene des Seins, die für uns gänzlich verschlossen, rätselhaft und unbegreiflich ist – davor können wir nur staunend und erschauernd stehen. Für Gott war Jeremia also schon vor dessen irdischem Leben existent, er kannte ihn schon, er hat ihn schon auf dieser Ebene der Transzendenz zum Propheten bestellt – und sogar zum Propheten für die Völker! Jeremia ist also nicht nur zum Volk Israel gesandt, das Gott einst auserwählt hat, sondern zu uns allen, er spricht zu uns allen!
Ganz erstaunlich, verwirrend und bestürzend empfinde ich, dass Jeremia – der ja mit Gott reden darf – sogar wagen kann, Gott Widerworte zu geben. Er versucht sogar, seine Berufung abzuwenden! Einwände gegen ihre Berufung durch Gott haben auch schon andere vorgebracht, z. B. Mose und Gideon. Jeremia sagt doch tatsächlich zu Gott: „Ach, Herr, HERR! Siehe, ich verstehe nicht zu reden; denn ich bin (zu) jung“ (Jer1,6). Was für eine Nähe zu Gott, was für eine Intimität! Auch Abraham und Mose durften so intim mit Gott reden, dass es einem die Sprache verschlägt. Abraham handelt sogar die Anzahl der Menschen, die Gott in Sodom für gerecht erachtet und um derentwillen er die Stadt verschonen will, auf zehn herunter!
Und Jeremias Gespräch mit Gott geht ja noch weiter. Gott zeigt ihm Dinge des täglichen Lebens, die Jeremia dann schaut – einen Mandelzweig, einen siedenden Topf – die aber dann in Gottes Deutung einen ganz anderen Stellenwert, einen ganz anderen Sinn, eine Bedeutung erhalten, die auf einer anderen Ebene liegt, die Gott den Jeremia dann erkennen lässt. Am Anfang dieser Visionen hat Gott Jeremia gefragt: „Was siehst du, Jeremia?“ (Jer1,11)? Und in dem, was Jeremia dann sieht und Gott ihm deutet und erklärt, ist schon der Kern des ganzen Jeremia-Buches eingeschlossen – die Anklage gegen das Volk, weil es Gott verlassen hat, die Ankündigung des Strafgerichts sowie die Hoffnung auf ein neu erwachendes Leben des Volkes Juda nach dem Vollzug des Gerichts. Jeremia selbst aber – das sagt Gott auch schon bei dessen Berufung – wird es sehr schwer haben; er wird von allen angefeindet und verfolgt werden; er wird nicht als strahlender Held dastehen wie Mose, der Prophet und Anführer des Volkes, oder wie der von Gott berufene Heerführer Gideon, oder der vom Volk hochgeachtete Samuel, sondern sein Privileg wird einzig sein, dass er mit dem Leben davonkommt, dass Gott ihm die Zusicherung gibt: „Fürchte dich nicht vor ihnen! Denn ich bin mit dir, um dich zu retten“, spricht der HERR (Jer1,8).
Was war das für eine Zeit, in der Jeremia lebte und wirkte? Nach den Angaben im Bericht von Jeremias Berufung (s. Jer1,2) geschah das Wort Gottes an Jeremia zum ersten Mal im dreizehnten Regierungsjahr Josias, des Königs von Juda. Vor allem mit Hilfe der assyrischen Annalen und einer Sonnenfinsternis im Jahr 763 v. Chr., die von den babylonischen Astronomen beschrieben wurde, und deren Zeitpunkt heute genau festgelegt werden konnte, haben Historiker errechnet, dass es sich um das Jahr 627 v. Chr. handelt. Etwa hundert Jahre zuvor hatten die Assyrer das Nordreich Israel besiegt und ihrem Reich einverleibt; auch das Südreich Juda ächzte inzwischen unter ihrer Oberhoheit. Doch gerade zu der Zeit, als Jeremia aufwuchs, begann die Macht der Assyrer zu schwinden.
In Israel und Juda waren seit der Frühzeit von Teilen der Bevölkerung neben ihrem Hauptgott Jahwe (JHWH, übersetzt „der HERR“) auch andere Götter verehrt worden, besonders Baal und Aschera. Unter der Bedrückung durch die Assyrer waren die Judäer mehr oder weniger genötigt worden, auch noch weitere Götter anzubeten, z. B. die Himmelskönigin und das ganze Heer des Himmels. Unter König Manasse, dem Großvater des Königs Josia, waren sogar im Tempel des HERRN in Jerusalem, der ja nur für diesen erbaut und geheiligt war, Altäre dieser anderen Gottheiten aufgestellt worden, für die treuen Anhänger des HERRN ein ungeheuerlicher Frevel! Die Altäre und Standbilder dieser Götter hatte dann König Josia im Zuge seiner Kultreform zwar wieder entfernen und zerstören lassen, doch wie wir aus den Anklagen des HERRN gegen das Volk Juda im Jeremia-Buch erfahren, hatte der Kult des Baal und der Aschera in Juda noch keineswegs aufgehört zu existieren. Während der Wirkungszeit Jeremias trieb das Reich Juda allmählich einer politischen Katastrophe entgegen, vor der Jeremia in seinen Reden das Volk und die Mächtigen ja unaufhörlich gewarnt hat. Bald nach dem Untergang Assyriens streckten sowohl die Ägypter als auch die Babylonier (in biblischen Texten meist „Chaldäer“ genannt) unter König Nebukadnezar ihre Hände nach Juda aus. Nebukadnezar behielt die Oberhand, König Jojakim von Juda musste ihm Tribut zahlen. Wie üblich, wurden diese Zahlungen durch zusätzliche Besteuerung der Bevölkerung eingetrieben. Natürlich stöhnte das Volk unter diesen Belastungen. Doch sowohl Jojakim als auch Zedekia, der letzte König von Juda, waren in ihrer Einschätzung der politischen Kräfteverhältnisse und ihrer eigenen Möglichkeiten geradezu verblendet; sie glaubten offenbar, sie könnten die Ägypter gegen die babylonische Oberhoheit ausspielen, und kündigten den Vasallenvertrag mit Nebukadnezar. So kam es, wie es wohl kommen musste, und wie es Jeremia richtig vorhergesehen hatte: nach einer ersten Eroberung Jerusalems durch die Babylonier und einer teilweisen Deportation von Judäern (darunter auch der Prophet Hesekiel) nach Babylon erfolgte zehn Jahre später im Jahr 587 v. Chr. nach einer langen Belagerung die zweite Eroberung durch Nebukadnezars Truppen, an die sich die Zerstörung der Stadt Jerusalem und die Zerstörung des Tempels des HERRN anschloss. Ein großer Teil der politischen und religiösen Oberschicht der Judäer, der Künstler und Handwerker, musste sich nun auf den mühseligen Marsch nach Babylon ins Exil machen. All diese Ereignisse hat Jeremia miterlebt und durchlitten, wir können es in seinem Buch nachlesen. Er selbst kam allerdings nicht ins babylonische Exil; er blieb noch eine Weile im besetzten Juda, bis eine Gruppe von Judäern den babylonischen Statthalter ermordete. Der Putsch scheiterte jedoch, die Gruppe floh nach Ägypten und schleppte Jeremia mit. Über das weitere Schicksal Jeremias, der damals vielleicht fünfundfünfzig Jahre alt war, steht im Jeremia-Buch nichts weiter geschrieben. Möglicherweise ist er in Ägypten gestorben.
Mit was für einer ungeheuer großen, unmöglichen, gefährlichen Aufgabe hatte Gott dich betraut, Jeremia! Was für eine schreckliche Last hatte er dir zugemutet! Du hattest Gottes dunklen, unbegreiflichen Weg mit seinem Volk, dem von ihm erwählten Volk, vor Augen, mit einem brennenden Griffel hatte er ihn dir auf die Tafel deines Herzens geschrieben. Du allein solltest Jahr für Jahr den Menschen deines Volks den Spiegel vorhalten, ihnen unablässig ihre Verfehlungen Gott gegenüber einhämmern, ihnen die schlimmste aller Sünden vor Augen führen, dass sie nämlich Gott den HERRN – der sie geschaffen, bewahrt und ernährt hatte – vergessen und verlassen hätten.
Dabei hat Gott so zu seinem Volk gesprochen, wie du es niedergeschrieben hast, Jeremia: „Ich erinnere mich an die Treue deiner Jugendzeit, an die Liebe deiner Brautzeit, wie du hinter mir hergingst in der Wüste, im unbesäten Land“ (Jer2,2). Gottes Erwählung seines Volkes Israel, das du jetzt anklagen musstest, Jeremia, war im 5. Buch Mose, dem Deuteronomium, mit folgenden Worten formuliert worden: „Denn du bist dem HERRN, deinem Gott, ein heiliges Volk. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt, dass du ihm zum Volk (seines) Eigentums wirst aus allen Völkern, die auf dem Erdboden sind. Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat der HERR sich euch zugeneigt und euch erwählt - ihr seid ja das geringste unter allen Völkern – , sondern wegen der Liebe des HERRN zu euch, und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen,… “ (Dtn7,6-8).
Du solltest die Menschen unablässig anklagen, Jeremia, aufrütteln und, wenn noch irgend möglich, zur Umkehr bewegen. Dabei kanntest du das unabänderliche, grausame Schicksal, die schwere Strafe nur allzu genau, die Gott für sein halsstarriges Volk vorgesehen hatte – falls es sich nicht doch noch zur Umkehr bewegen ließe. Diese kommende Strafe brannte dir wie ein verzehrendes Feuer in deiner Seele, das zukünftige Schicksal deiner Mitmenschen jammerte dich, und doch warst du dazu ausersehen, dieses Schicksal anzukündigen.
Man kann sich gut vorstellen, wie deine Mitmenschen dich, diesen Unglückspropheten, der wie ein schwarzer Totenvogel beständig um sie herumflatterte, gehasst haben, ja, wie sie dich – nachdem das Unglück über Jahre hinweg noch nicht eintraf – verlacht, verhöhnt und verachtet haben!
Du warst der einsamste Mensch in Jerusalem, viele Menschen spuckten vor dir aus, wenn du ihnen auf der Gasse entgegenkamst, du wurdest geschlagen, vor Gericht gezerrt und in ein finsteres Verlies – eine schlammige Zisterne – geworfen. Dort wärst du wohl elend zugrunde gegangen, wenn Gott in seiner Güte nicht einige barmherzige Männer geschickt hätte, die dich von dort mit einem Seil wieder herauszogen.
Keine eigene Familie war dir beschieden, vom geselligen Leben, von den Festlichkeiten der Menschen warst du ausgeschlossen. Dein Herz war manchmal so verzweifelt, dass du mit Gott hadertest und an seiner Treue zu zweifeln begannst; doch Gott verließ dich nicht, er ließ dich nicht fallen; wie er es dir bei deiner Berufung zugesagt hatte, rettete er dich immer wieder vor den Nachstellungen der Menschen. Und Gott hat dir auch die Gnade erwiesen, dir einen Gefährten an die Seite zu stellen, deinen Sekretär Baruch, der wohl die meisten deiner Prophezeiungen niedergeschrieben hat, und der wohl auch von vielen Dingen, die dir widerfahren sind, in einem gesonderten Teil deines Buches berichtet hat, so dass sie uns Nachfahren bis heute das Herz ergreifen und erschüttern.
Wie hast du es nur geschafft, Jeremia, dieses Leben, das Gott dir zugedacht hat, durchzustehen, ohne endgültig zu verzweifeln? Du warst kein Held wie Gideon oder David; aber die Kraft und der Mut, mit denen du dein Leben bestanden hast, erfüllen mich mit Ehrfurcht und Staunen. Es ist ganz offensichtlich, dass Gott dich immer in seiner Hand gehalten hat. Er hat dich, wie er es dir bei deiner Berufung versprochen hatte, zur befestigten Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer gegen deine Widersacher gemacht.
Bitte lehre mich, Jeremia, an diese schützende Hand Gottes zu glauben, ihr zu vertrauen, damit auch ich mein Leben bestehen kann. Lehre mich erkennen, dass Gott die Quelle lebendigen Wassers ist, nach der wir Menschen dürsten, und die allein uns am Leben erhält. Lehre mich, Gottes Güte zu erkennen, damit auch ich glauben und sagen kann: „Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich“ (Ps23,4).
In der vorigen Nacht träumte ich, dass ich in Jerusalem wäre. Wir befanden uns im neunten Regierungsjahr des Königs Zedekia von Juda, und nach dessen Bruch des Vasallenvertrags war der babylonische König Nebukadnezar mit seinem Heer heraufgezogen, um Jerusalem zu belagern. Es dauerte nicht allzu lange, und das Volk in der Stadt begann zu hungern. Doch viele Judäer hofften und beteten inbrünstig zum HERRN, er möge das Wunder der Rettung Jerusalems vor dem Heer des Königs Sanherib von Assyrien – gut hundert Jahre zuvor – noch einmal wiederholen und die Stadt auch diesmal wieder retten. Die Judäer konnten sich nicht vorstellen, dass Gott seine heilige Stadt der Eroberung und Zerstörung preisgeben würde. Und das Wunder war – scheinbar – eingetreten! Die sehnsüchtig erwarteten Ägypter unter ihrem Pharao Hofra waren aufgebrochen, um Jerusalem zu Hilfe zu eilen! Und tatsächlich, das Heer der Chaldäer hob die Belagerung auf und zog ab, den Ägyptern entgegen. Das Volk in Jerusalem jubelte, dankte dem HERRN und feierte Freudenfeste. Der König ließ im Tempel des HERRN Dankgottesdienste abhalten und Dankopfer darbringen.
Ich schlenderte durch die staubigen Gassen Jerusalems, ganz in Gedanken versunken. Es war früher Nachmittag, die Sommersonne stand noch hoch am wolkenlosen Himmel und brannte auf die Stadt nieder, auf Häuser und Wälle, Menschen und Tiere. Ich nahm die Hitze kaum wahr, unablässig musste ich an Jeremias Worte denken, die er seit Jahren auf den Gassen und Plätzen und auch im Tempel redete. Er beschwor das Volk, von seinem sündigen Leben abzulassen, zurückzukehren zum Glauben an den HERRN, und nicht länger anderen Göttern nachzulaufen, die ja ohnehin nur Nichtse waren. Seit Jahren predigte er den grausamen Untergang Jerusalems – für den Fall, dass die Leute nicht reuevoll zum HERRN zurückkehrten. Besonders an einen Satz einer Rede des HERRN an Jeremia (die er uns mitgeteilt hatte) musste ich immer wieder denken: „Höre es, Erde! Siehe, ich bringe Unheil über dieses Volk, die Frucht ihrer Gedanken. Denn auf meine Worte haben sie nicht geachtet, und mein Gesetz – sie haben es verworfen“ (Jer6,19). Es wurde mir sehr schwer ums Herz, wenn ich an diese Reden Jeremias vom bevorstehenden Gericht Gottes dachte, die ich mehrmals mit angehört hatte. Wenn Jeremia zu den Leuten sprach, gab er oft die Worte des HERRN wieder, die er von ihm empfangen hatte.
