Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wie kann der Wohlstand vermehrt werden? Wie müssen die staatlichen Rahmenbedingungen aussehen, damit die Güter-, Arbeits- und Finanzmärkte funktionieren? Wie müssen die Grundvoraussetzungen sein, damit die Unternehmen und Arbeitskräfte die für die Vermehrung des Wohlstands notwendige Dynamik entfalten? Wegen der Arbeitsteilung wird das Wirtschaftsgeschehen vor allem aus subjektiver Warte betrachtet. Immer weniger Leute sind mit den Problemen bei der Schaffung von Wohlstand vertraut. Es werden deshalb Entscheidungen getroffen, die dem Gesamtwohlstand abträglich sind. Kurt Schiltknecht, erfahren in Forschung, Geldpolitik und Wirtschaft, versucht, diese Wissenslücke zu schliessen. Er verknüpft Theorie und Praxis, analysiert die jüngsten Krisen, fragt, wie sie gelöst werden könnten und welche Aussichten bestehen, dass in den krisengeplagten Industrieländern wieder mehr Wohlstand geschaffen wird. Seine Erkenntnisse gibt er in einer allgemein verständlichen Sprache an eine interessierte Leserschaft aus Wirtschaft und Politik weiter.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kurt Schiltknecht
Wohlstand – kein Zufall
Die ökonomischen Zusammenhänge
Verlag Neue Zürcher Zeitung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
©2015 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2015 (ISBN 978-3-03810-029-4)
Titelgestaltung: icona basel
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
ISBN E-Book 978-3-03810-077-5
www.nzz-libro.ch
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1Der Mensch im Zentrum
1.1Wie rational ist der Mensch?
2Braucht die Wirtschaft Gesetze und Regulierungen?
3Gütermärkte – vom Marktplatz zum Internet
3.1Staatliche Eingriffe ins Marktgeschehen
3.2Die Rolle der Preise
4Das Geld
4.1Vom Tauschhandel zum Notengeld
4.2Die Aufgaben einer Notenbank
4.3Inflation – ein monetäres Problem
4.4Warum Preisstabilität?
4.5Rationale Erwartungen und deren Implikationen für die Geldpolitik
4.6Die Geldpolitik in der Praxis
4.7Wie wirkt die Geldpolitik?
4.8Geldpolitische Strategien
4.9Die Geldpolitik der Schweiz unter dem System flexibler Wechselkurse
4.10Wechselkurs und Geldpolitik
5Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen
5.1Voraussetzungen für eine industrielle Produktion
5.2Was und wie soll produziert werden?
5.3Die Unternehmen als Zentrum der Produktion
5.4Die Bedeutung institutioneller und organisatorischer Strukturen für den Produktivitätsfortschritt
5.5Die Bedeutung des Humankapitals
5.6Das Ziel eines Unternehmens
5.7Die Gewinnmaximierung
6Der Arbeitsmarkt
6.1Das Arbeitsangebot
6.2Die Arbeitsnachfrage
6.3Die Arbeitslosigkeit
6.4Die Suchprozesse auf dem Arbeitsmarkt
6.5Die Löhne
7Banken und Finanzmärkte
7.1Der volkswirtschaftliche Beitrag der Banken
7.2Die Banken als Schnittstelle zwischen Ersparnissen und Krediten
7.3Die Rolle der Banken bei der Verteilung von Risiken
7.4Die Revolution auf den Finanzmärkten
7.5Exkurs: Die Bewertung von Aktiva und deren Auswirkungen auf die Vermögensverteilung
8Steuern und Fiskalpolitik
8.1Steuern
8.2Die Besteuerung der Einkommen
8.3Die Besteuerung der privaten Ersparnisse
8.4Vermögens-, Erbschafts- und Schenkungssteuern
8.5Indirekte Steuern
8.6Die Besteuerung der Unternehmensgewinne
9Fiskalpolitik
9.1Sind steigende Steuern und Staatsausgaben eine Einbahnstrasse?
9.2Die Bedeutung des Steuerwettbewerbs
9.3Öffentliche Schulden, Krisen und Finanzpolitik
10Die Wirtschaftskrisen des 21.Jahrhunderts
10.1
Vorwort
Als ich vor mehr als 50Jahren an der Universität Zürich Nationalökonomie zu studieren begann, empfahl mir mein späterer Doktorvater, Friedrich A. Lutz, das Buch Nationalökonomie heute von Erich Preiser (vgl. dazu: Preiser, 1959). Das Buch war die Zusammenfassung einer zehnteiligen Vortragsreihe des Bayerischen Rundfunks. Erich Preiser führte in einfacher Sprache in das ökonomische Denken ein. Das Buch war der Startschuss für meine nie nachlassende Begeisterung für Nationalökonomie. Es dauerte noch einige Jahre, bis ich meinen ersten Beitrag zur wirtschaftspolitischen Diskussion in der Schweiz leisten konnte. Nach meiner Rückkehr von der OECD in Paris erhielt ich von Hans Würgler vom Institut für Wirtschaftsforschung an der ETH Zürich folgenden Auftrag: Im Zusammenhang mit der Einführung eines Konjunkturartikels in der Bundesverfassung sollte ich ein Grundlagenpapier für die Kommission für Konjunkturfragen schreiben. Ich versuchte, meine bei der OECD gewonnenen ökonometrischen Kenntnisse an den Mann zu bringen. Nach einigen Sitzungen kam die Kommission zu dem Schluss, dass mein Bericht zu technisch und für die wirtschaftspolitische Diskussion ungeeignet sei. Der Bericht wurde in den kaum je gelesenen Anhang (vgl. dazu: Schiltknecht, 1971) verbannt. Ich begriff, dass man in der wirtschaftspolitischen Diskussion nur dann gehört wird, wenn man die Zusammenhänge in einfacher Sprache formuliert. Diese Erkenntnis konnte ich kurze Zeit später bei der Schweizerischen Nationalbank nutzen. Als ich 1974 mit Alexander Galli ein geldpolitisches Konzept für die Schweiz entwickelte, verbannten wir alle Formeln und ökonometrischen Resultate des Berichts in den Anhang und begnügten uns mit der verbalen Beschreibung des Vorschlags. Wir vermieden weitestgehend den Fachjargon. Der Bericht hatte Erfolg. Die Vorschläge fanden die Zustimmung des Direktoriums. Nun sollte das geldpolitische Konzept einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht werden. Zu diesem Zweck musste ich Vorträge und Artikel für das Direktorium und für mich selbst schreiben. In Interviews und Podiumsdiskussionen lernte ich, welche Formulierungen verstanden werden und welche Aussagen überzeugen. Leser, Zuhörer und Studenten sind gute Lehrmeister für verständliches Reden und Schreiben.
Während meiner Zeit bei der Nationalbank begann ich Kolumnen zu schreiben. In den letzten 40Jahren beschäftigte mich immer wieder die Frage, welchen Beitrag die Wirtschaftspolitik zur Schaffung von Wachstum und Wohlstand leisten kann. Aufgrund meiner Forschungsarbeiten und meiner praktischen Erfahrungen änderte sich im Lauf der Zeit meine Meinung. Ich war immer weniger überzeugt, dass mit einer aktivistischen Wirtschafts- und Geldpolitik das Wirtschaftswachstum stabilisiert und auf hohem Kurs gehalten werden kann. Heute bin ich der Ansicht, dass die Wirtschafts- und Geldpolitik für den Wohlstand eines Lands den grössten Beitrag mit der Schaffung stabiler und berechenbarer Rahmenbedingungen leisten kann. Wie diese gestaltet sein sollten, ist eines der zentralen Themen in diesem Buch.
Die Reaktionen auf meine Kolumnen haben mir gezeigt, dass Interesse an ökonomischen Zusammenhängen und deren Implikationen für die Wirtschaftspolitik besteht. Dies hat mich bewogen, ein Lesebuch über die Nationalökonomie im Allgemeinen und die Schaffung von Wohlstand im Speziellen zu schreiben. Darin haben sich meine Erfahrungen in der Forschung, bei der Nationalbank, in verschiedenen Unternehmen und aus meiner 40-jährigen nebenamtlichen Lehrtätigkeit an den Universitäten Basel und Zürich sowie an der Kaderschule Zürich niedergeschlagen.
Die ökonomische Forschung hat seit meinem Studium grosse Fortschritte gemacht. Einerseits wurde die Wirtschaftsstatistik stark ausgebaut. Andererseits ermöglichte die Verbesserung der Computer und der statistischen Theorie eine bessere Auswertung der Daten und die Falsifizierung von verschiedenen ökonomischen Theorien.
Dieses Lesebuch ist kein Lehrbuch. Es verzichtet auf Formeln und lange theoretische Abhandlungen. Man kann das Buch als Ganzes oder auch kapitelweise lesen. Beim Schreiben habe ich davon profitiert, dass es seit einigen Jahren im angelsächsischen und deutschsprachigen Raum Fachzeitschriften gibt, die in leicht verständlicher Sprache Artikel über wichtige wirtschaftspolitische Fragen veröffentlichen und den Zugang zur wissenschaftlichen Literatur vereinfachen.1
Die Ökonomie ist keine abgeschlossene Wissenschaft. Sie wird sich weiterentwickeln. Aus dem Zusammenspiel von Theorie und Empirie werden immer wieder neue Erkenntnisse gewonnen. Doch bereits heute hat sich ein Wissen akkumuliert, das in der Wirtschaft und der Wirtschaftspolitik nutzbringend angewandt werden kann. Je besser die Bürger und Politiker die Zusammenhänge verstehen, desto besser stehen die Chancen für gute wirtschaftspolitische Entscheidungen. Ziel dieses Buchs ist es, einen Beitrag für ein vertieftes Verständnis der Wirtschaft und bessere Entscheidungen zu leisten.
Ich möchte an dieser Stelle meiner Frau Estelle, die in den letzten 40
1Der Mensch im Zentrum
Wer sich mit Wirtschaft beschäftigt, muss sich zwangsläufig mit dem Menschen auseinandersetzen. Es ist der Mensch, der produziert, konsumiert, investiert, organisiert und reguliert. Die Vorstellung, wie diese Prozesse ablaufen, wie sie durch unternehmerische oder staatliche Massnahmen verbessert werden könnten, hängt nicht zuletzt vom implizit oder explizit unterstellten Menschenbild ab. Im Lauf der Geschichte sind immer wieder neue Menschenbilder entstanden. So haben die meisten Religionen ihre eigenen Vorstellungen darüber entwickelt. Auch Philosophen versuchen immer wieder, ein allgemeingültiges Bild des Menschen zu konzipieren. Bekannt sind die Menschenbilder der Psychologen, beispielsweise das von Freud formulierte. Andere populäre Menschenbilder sind der Homo oeconomicus oder der Homo ludens. Der Kommunismus oder der Nationalsozialismus haben Menschenbilder entwickelt, die deren Ideologie entsprachen.
Die Vorstellungen über das Verhalten der Menschen haben einen grossen Einfluss darauf, wie eine Gesellschaft oder ein Unternehmen organisiert und reguliert wird. Die beiden US-amerikanischen Ökonomen Michael C. Jensen und William H. Meckling sind der Meinung, dass die meisten Unterschiede in Bezug auf die Vorstellung, wie Staaten oder Unternehmen organisiert und strukturiert werden sollen, auf die unterschiedlichen Vorstellungen der Politiker, Manager, Wissenschaftler und Bürger über den Menschen, über dessen Intelligenz, Bildung, Ehrlichkeit, Selbstsucht oder soziales Verhalten zurückzuführen sind (vgl. dazu: Jensen/Meckling, 1994).
Unternehmer, Manager, Politiker und Sozialwissenschaftler brauchen ein Menschenbild, um die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozesse besser verstehen und effizienter gestalten zu können. Hinter jeder Organisation, jeder Regulierung und jeder ökonomischen Theorie steht eine Vorstellung, wie der Mensch auf bestimmte Rahmenbedingungen reagiert. Je besser das Menschenbild das Verhalten wiedergibt, desto besser können wirtschaftliche Prozesse erklärt und die Gesetze und Vorschriften sowie die Organisation der Gesellschaft im Allgemeinen und der Wirtschaft im Speziellen gestaltet werden.
Es steht die Frage im Raum, ob es ein allgemeingültiges Menschenbild gibt. Sind wir nicht alle verschieden? Hat nicht jeder seine eigenen Vorstellungen und Handlungsweisen? Verändern sich im Lauf der Zeit unser Verhalten und unsere Vorlieben oder reagieren wir immer gleich? Kaum jemand wäre so vermessen zu behaupten, dass wir alle gleich sind. Es ist auch schwer vorstellbar, dass sich die Menschen in der heutigen Internetgesellschaft noch genau so verhalten wie vor 100 oder 200Jahren. Doch die Feststellung, dass nicht alle gleich sind, dass die menschliche Vielfalt enorm ist und dass die Menschen sich laufend verändern, ist trivial und bringt uns in Bezug auf das Verständnis unseres Daseins ebenso wenig weiter wie die häufig gemachte Aussage, dass die Welt immer komplizierter wird. Um gesellschaftliche, aber auch naturwissenschaftliche Prozesse verstehen zu können, müssen diese vereinfacht werden. Es müssen Modelle formuliert werden, die die Prozesse möglichst gut abbilden. Wie komplex diese sein müssen, lässt sich a priori nicht beantworten. In der Geschichte hat sich gezeigt, dass auch einfache Modelle wichtige Erkenntnisse liefern können. Die Ökonomen verwenden zur Behandlung gewisser Fragen das Bild des Homo oeconomicus. Wegen seiner eindimensionalen und rationalen Ausrichtung auf die Gewinn- und Nutzenmaximierung wird der Begriff des Homo oeconomicus zur unfundierten Kritik an der Ökonomie als Wissenschaft verwendet. Dabei ist der Homo oeconomicus nichts anderes als eine starke Vereinfachung des Menschenbilds unter Hervorhebung spezifischer Eigenschaften. Dies muss berücksichtigt werden, wenn die auf der Basis des Homo oeconomicus abgeleiteten Modellergebnisse interpretiert werden. Die Forschung kennt solche Vereinfachungen in allen Wissenschaften. Für die Wahl eines Modells ist letztlich entscheidend, ob damit zusätzliche Erkenntnisse gewonnen werden können.
In der Philosophie und der Psychologie, in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wird seit mehr als 200Jahren nach geeigneten Menschenbildern gesucht. Dennoch gibt es kein abschliessendes und universal gültiges Bild, da sich der Mensch im Zusammenspiel mit den Erkenntnissen und Entwicklungen neuer Gesellschaftsformen verändert. Hinzu kommt, dass die Forschung über die Art, wie das Hirn neue Erkenntnisse verarbeitet und das menschliche Verhalten steuert, noch in den Kinderschuhen steckt. Seit einigen Jahren hat sich die Forschung auf diesem Gebiet intensiviert. So beschäftigt sich der Forschungsbereich Behavioural Economics unter anderem mit der Frage, wie sich der Mensch in spezifischen Situationen verhält und warum er sich so und nicht anders entscheidet. Dabei werden auch Laborversuche mit Testpersonen durchgeführt (vgl. dazu: Fehr/Rangel: 3 ff.). Es ist umstritten, inwieweit Laborversuche für die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik brauchbare Rückschlüsse auf das Verhalten der Menschen zulassen. Menschen können sich im Labor anders verhalten als im wirklichen Leben. So kann es sein, dass sich eine Person im Labor sozialer verhält. Auch die Risikofreudigkeit kann grösser sein. Beim Monopolyspiel nehmen Spieler Risiken auf sich, denen sie im Geschäftsleben aus dem Weg gehen würden. Wie immer man dem Bereich Behavioural Economics gegenübersteht, die Forschung auf diesem Gebiet wird Wesentliches zur Weiterentwicklung des Menschenbilds in der Ökonomie beitragen.
1.1Wie rational ist der Mensch?2
Jensen und Meckling haben ein Bild des menschlichen Verhaltens entwickelt, das auf den Ergebnissen von 200Jahren Forschung und Diskussion im Bereich der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie der Philosophie und Psychologie basiert. Das Modell ist nicht abschliessend definiert. Neue Erkenntnisse können problemlos in das Modell integriert werden. Das von Jensen und Meckling entwickelte Menschenbild eignet sich ausgezeichnet für die sozialwirtschaftliche und sozialpolitische Forschung und zur Erklärung wirtschaftlicher und politischer Prozesse. Meckling und Jensen haben ihrem Menschenbild den Namen REMM gegeben. REMM steht für «Resourceful, Evaluating, Maximizing Model». Bereits der Name weist auf wichtige Eigenschaften des Menschen hin.
Mit «Resourceful» wird zum Ausdruck gebracht, dass sich der Mensch um vieles kümmert: um die Ernährung, das Wissen, die persönlichen Beziehungen, das Einkommen und das Vermögen, die Kinder und Eltern, um Anerkennung, Musik, Sport, die Umwelt, den Nachbarn, das Wetter, die Sicherheit, die gesellschaftlichen Normen, die Politik und um vieles mehr.
«Evaluating» bedeutet, dass der Mensch die Ereignisse und Beobachtungen, mit denen er konfrontiert ist, beurteilt und vergleicht, die Implikationen seiner Entscheidungen abschätzt und anschliessend seine Entscheidungen trifft. Da das Wissen des einzelnen Menschen begrenzt ist und der Einzelne nicht über unbegrenzte zeitliche und finanzielle Ressourcen zur Erweiterung seines Wissens verfügt, muss er immer wieder abwägen, wie weit er bei seiner Analyse von Entscheidungsproblemen geht. Der Mensch – und dieser Eigenschaft kommt in der ökonomischen Lehre ein zentraler Stellenwert zu – muss jederzeit sogenannte Tauschgeschäfte – die Ökonomen sprechen von Trade-offs (Tauschentscheidungen) – machen. So muss der Mensch bereit sein, eine bestimmte Summe Geld, Güter oder Dienstleistungen gegen andere Produkte oder Dienstleistungen zu tauschen. Er kann Freizeit gegen mehr Lohn eintauschen, oder er kann auf einen Kinobesuch zugunsten eines Abendessens verzichten. Er kann aber auch sparen, statt zu konsumieren, ein Entrecôte essen, statt Wein zu trinken, oder einen spannenden Film ansehen, statt ein Buch zu lesen. Solche Tauschgeschäfte prägen das tägliche Leben. Welche Trade-offs vorgenommen werden, hängt nicht zuletzt von den verfügbaren Mitteln und den individuellen Vorlieben ab. Das verfügbare Einkommen, Vermögen sowie die Zeit setzen den Tauschgeschäften Grenzen. Die Präferenzen hängen von der Erziehung und Ausbildung, vom gesellschaftlichen Umfeld, der historischen Erfahrung, der Religion und den politischen Vorstellungen, vielleicht aber auch von der menschlichen Natur, von den Genen oder vom Überlebenswillen ab. Die Frage, warum und wie stark sich Präferenzen ändern können, ist noch wenig erforscht. Immerhin haben die Erfahrungen mit totalitären Systemen gezeigt, dass es mit staatlicher Gewalt nicht gelingt, den Menschen nachhaltig ein ideologisches Präferenzsystem aufzuzwingen.
Das Verständnis von Trade-offs ist für die Analyse gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Prozesse, für die Konzeption unternehmerischer und wirtschaftspolitischer Eingriffe sowie Entscheidungen zentral. Jeder Einzelne versucht, seine persönliche Situation durch gute Tauschentscheidungen zu verbessern und seinen Nutzen zu maximieren. Durch Weiterbildung kann er sich bei den Tauschgeschäften auf dem Arbeitsmarkt in eine bessere Situation bringen. Dafür muss er jedoch Zeit und Geld opfern. Auch die Unternehmen müssen permanent versuchen, ihre Tauschposition im Wettbewerb mit den Konkurrenten zu verbessern. Sie können dies tun, indem sie Geld in die Entwicklung neuer und qualitativ besserer Produkte stecken. Der Nobelpreisträger James M. Buchanan hat die Meinung vertreten, dass die Bürger das Geschehen in der Wirtschaft besser verstehen würden, wenn man statt der Gewinnmaximierung als abstrakte Zielsetzung unternehmerischen Handelns die kontinuierliche Optimierung von Tauschpositionen in den Vordergrund stellte.
Es liegt auf der Hand, dass jedes einzelne Tauschgeschäft einen Einfluss auf viele andere Tauschgeschäfte in der Gesellschaft und in der Wirtschaft hat. Wenn sich jemand entscheidet, seine Stelle aufzugeben und stattdessen sich weiterzubilden, hat dies Auswirkungen auf den Arbeitgeber und die Schule, an der man sich weiterbilden will. Längerfristig wirkt sich die bessere Ausbildung unter anderem auf den Lohn und die Leistung der Wirtschaft aus.
Die Verhältnisse, unter denen die Menschen ihre Tauschentscheidungen treffen, können einerseits von ihnen selbst und andererseits durch die Einführung von Gesetzen oder durch die Veränderung von Regeln, Preisen und Löhnen verändert werden. Wirtschaftspolitik bedeutet letztlich nichts anderes als den Versuch, mit Gesetzen sowie fiskal- und geldpolitischen Eingriffen die Entscheidungsgrundlagen für die Akteure in der Wirtschaft so zu setzen, dass die daraus resultierenden Tauschgeschäfte die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Aktivität in die von der Politik gewünschte Richtung beeinflussen. Das Ziel wirtschaftspolitischer Eingriffe müsste es sein, ein Umfeld zu schaffen, in dem die Menschen jene Trade-offs vornehmen, die die Leistungsbereitschaft erhöhen und zu Innovationen, Investitionen und einem höheren Wohlstand für alle führen. Vor allem bei ideologisch gefärbten Regierungen besteht die Gefahr, dass sie ihre Macht nutzen, um Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Bürger zu einem ihrem ideologischen Konzept entsprechenden Verhalten zwingen. In der Vergangenheit ist es jedoch nie gelungen, mit Gesetzen, Vorschriften und Markteingriffen dies bei der Mehrheit der Menschen dauerhaft zu erreichen. Bei vielen politischen Massnahmen stehen nicht übergeordnete Ziele, sondern Partikularinteressen im Vordergrund. So wird beispielsweise mit spezifischen Gesetzen die Stellung der Mieter oder der Bauern zu verbessern versucht.
Es ist ausserordentlich schwierig, die Tauschgeschäfte, die sich als Folge politischer Eingriffe ergeben, vorauszusagen. Trotzdem vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Politiker mit gesetzlichen Änderungen oder Eingriffen in das Marktgeschehen die Menschen zu Tauschentscheiden veranlassen will, die zu einer gerechteren, sozialeren oder effizienteren Welt führen sollten. Hinter solchen politischen Vorstössen stehen meist naive Vorstellungen über die durch politische Massnahmen ausgelösten Entscheidungen. So wollen Politiker durch die Subvention von Solarenergie die Energieprobleme lösen und ein Umsteigen auf Solarenergie fördern. Auf den ersten Blick scheinen solche Subventionen vernünftig zu sein. In Tat und Wahrheit ist die Situation komplexer, da die Subventionen nicht nur den Trade-off zwischen konventioneller Energie und Solarenergie beeinflussen. Wenn die Solarenergie im Vergleich zu anderen Energiearten wegen der Subventionen billiger wird, macht dies die Forschung im Bereich anderer Alternativenergien weniger attraktiv. Zu billiger Strom verringert auch das Energiesparen oder die Anreize, energiesparende Produkte oder Produktionsprozesse zu entwickeln. Welches Potenzial Sparprozesse haben können, hat die Entwicklung von Autos mit einem geringen Benzinverbrauch im Anschluss an den ersten Ölpreisschock gezeigt. Vor der Preisexplosion waren in den USA Autos mit einem Benzinverbrauch von 30Litern auf 100Kilometer keine Seltenheit.
So wie die Politik ihre Bürger mit Gesetzen und Vorschriften zu einem bestimmten Verhalten führen will, versuchen auch die Unternehmen, ihre Organisation so zu gestalten, dass ihre Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten ihre Tauschentscheidungen im Interesse des Unternehmens treffen. Bonuszahlungen können beispielsweise eingesetzt werden, um die Belegschaft zu mehr Leistung anzuregen. Mit der Schaffung eines guten Betriebsklimas können die Arbeitsplätze attraktiver gemacht und die Mitarbeiter emotional an das Unternehmen gebunden werden.
Generell kann gesagt werden, dass jede Änderung des subjektiven Umfelds viele, oft auch komplexe und unerwartete Trade-offs auslöst. Wie in der Wirtschaftspolitik ist es auf Unternehmensebene nicht immer einfach vorauszusagen, wie die Entscheidungen als Folge veränderter Rahmenbedingungen ausfallen. Die Versuche der Banken, mit ausgeklügelten und hohen Bonuszahlungen den langfristigen Unternehmenswert zu steigern, haben Schiffbruch erlitten und sind die Aktionäre teuer zu stehen gekommen. Vom Systemwandel haben nur die Bankmanager profitiert.
Eine andere Eigenschaft des Menschen besteht darin, dass seine Wünsche nach positiv bewerteten Gütern und Dienstleistungen, aber auch nach immateriellen Gütern wie Ehre, Ruhm, Glück und Unsterblichkeit unbegrenzt sind. Die Vorstellung, dass man von allem einmal genug hat, trifft nicht zu. Dies lässt sich am Beispiel von Milliardären zeigen. Es gibt immer Dinge, von denen auch diese Menschen noch mehr haben möchten. Viele reiche Menschen versuchen, mit der Gründung wohltätiger Stiftungen oder mit Schenkungen an Museen ein höheres Ansehen in der Gesellschaft zu bekommen. Andere wiederum finanzieren Fussballklubs oder sponsern Universitäten und Opernhäuser. Das damit gewonnene Ansehen kann einen höheren Stellenwert einnehmen als ein noch grösseres Vermögen. Viele sind auch bereit, einen Teil ihres Vermögens für einen Ordenstitel, einen Ehrendoktor oder das Präsidium eines Museums oder Theaters einzutauschen. Mit zunehmendem Wohlstand verschieben sich die Trade-offs weg vom materiellen Vermögen hin zu immateriellen Gütern wie Ruhm, Adelstitel oder Ehrendoktorwürde.
Letztlich versucht jeder auf seine Art, seine persönliche Befriedigung sowie seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dabei wird er in der einen oder anderen Form durch sein Einkommen und Vermögen, durch Regulierungen, durch seine Fähigkeiten, durch die verfügbare Zeit oder durch andere Faktoren in seinem Maximierungsprozess eingeschränkt. Zudem kennt niemand alle ihm zur Verfügung stehenden Wahlmöglichkeiten. Möchte man sich über alle Möglichkeiten ein genaues Bild machen, wäre dies mit hohen Kosten verbunden. Übersteigen diese den Nutzen der zusätzlichen Erkenntnis, so lohnt sich die Beschaffung des zusätzlichen Wissens nicht. Deshalb können Entscheidungen getroffen werden, die bei vollständigem Wissen suboptimal oder sogar falsch wären.
Der Mensch ist auch kreativ. Er erkennt die Veränderungen in seinem Umfeld und versucht, deren Implikationen und Konsequenzen für sich und seine Umwelt so weit wie möglich zu verstehen. Neu gewonnene Erkenntnisse fliessen in die Erwartungen über die künftige Entwicklung ein. Bei vielen Entscheidungen spielen in der Wirtschaft Erwartungen eine zentrale Rolle und beeinflussen die Art, wie sich ein Mensch einem veränderten Umfeld anpasst.
Das Verständnis des menschlichen Verhaltens ist wichtig, wenn man die Reaktionen auf neue Gesetze oder Regulierungen voraussagen möchte. Noch immer glauben Politiker, dass sich die Menschen nach der Einführung von Regulierungen den neuen Vorschriften passiv anpassen würden. Häufig ist das Gegenteil der Fall. Es wird nach Möglichkeiten gesucht, die negativen Wirkungen von Vorschriften zu minimieren oder zum eigenen Vorteil zu nutzen. Es lässt sich beobachten, dass Vorschriften und Regeln umso häufiger umgangen oder missbraucht werden, je dichter sie geflochten sind. Die Folge davon sind noch einschränkendere Regulierungen.
Mithilfe dieses in groben Zügen skizzierten Menschenbilds lassen sich wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Prozesse besser verstehen und gestalten. Es ist auch einfacher zu erklären, weshalb eine Wirtschaft ohne Regulierungen und Gesetze nicht funktionieren kann.
2Braucht die Wirtschaft Gesetze und Regulierungen?
Ein Blick auf die Wirtschaftsentwicklung der letzten 200Jahre zeigt riesige Unterschiede zwischen den Ländern. Während einige zu grossem Wohlstand gelangt sind, dominieren in anderen Armut und Hunger. Weshalb es zu diesen unterschiedlichen Entwicklungen kam und weshalb das Elend grosser Teile der Weltbevölkerung bisher nicht erfolgreich bekämpft werden kann, beschäftigt die Ökonomen seit Generationen. Zu den populären Thesen gehören die Ausstattung eines Lands mit Rohstoffen oder deren geografische Lage. Vor allem linke und religiöse Kreise neigen dazu, den Wohlstand der reichen Industrieländer mit dem früheren Kolonialismus in Zusammenhang zu bringen oder mit der Ausbeutung der Entwicklungsländer zu erklären. Auf den ersten Blick scheinen solche Thesen nicht abwegig zu sein. Vertieft man die Analyse, so geben diese Theorien jedoch keine konsistente Erklärung für die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung ab. So haben die Durchschnittseinkommen in einigen ölproduzierenden arabischen Ländern das Niveau der reicheren Industrieländer erreicht. Doch in anderen ölreichen Ländern wie in Libyen, Nigeria oder Venezuela ist die Armut trotz der Ölvorkommen nach wie vor riesig. Auch in zahlreichen anderen rohstoffreichen Ländern lässt ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum auf sich warten. Dafür haben sich rohstoffarme Länder wie Singapur, Liechtenstein, die Schweiz oder Hongkong an die Spitze der wohlhabendsten Länder gestellt. Der Erfolg dieser kleinen Länder zeigt, dass der Machtfaktor und der Kolonialismus zur Erklärung eines starken Wirtschaftswachstums keine ausreichende Begründung abgeben. Karl Brunner weist in seinem Artikel «The Poverty of Nations» darauf hin, dass die Macht bei der Schaffung von Wohlstand keine, bei der Verteilung von Wohlstand jedoch eine bedeutende Rolle spielen kann (vgl. dazu: Brunner, 1985: 39). Bereits oberflächliche Beobachtungen deuten darauf hin, dass andere Faktoren für die Frage, ob ein Land reich oder arm ist, eine wichtigere Rolle spielen.
Ob in einem Land viel oder wenig produziert wird, hängt nicht zuletzt von der Qualität des Humankapitals ab, d.h. von der Bereitschaft der Menschen zu arbeiten, von deren Ausbildungsstand, deren Kreativität und Innovationsfreudigkeit. Es sind die einzelnen Menschen, die das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand eines Lands schaffen und vorantreiben. Deren Verhalten im Wirtschaftsprozess wird sowohl im Positiven als auch im Negativen von vielen Faktoren bestimmt. Es ist unbestritten, dass die Erziehung und Ausbildung, die gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Vorstellungen, aber auch die wirtschaftlichen Erfahrungen eine Rolle spielen. Damit diese Faktoren positiv zum Tragen kommen, braucht es ein institutionelles Umfeld, in dem die Menschen Anreize haben, in ihre Aus- und Weiterbildung zu investieren, grosse Leistungen zu erbringen und kreativ zu sein. Anreize zum Produzieren allein genügen nicht. Genauso wichtig sind die Anreize zum Sparen und Investieren. Denn ohne die kontinuierliche Bildung von produktivem Kapital gibt es kein nachhaltiges Wachstum.
Ein Blick auf die Wirtschaftsentwicklung in den einzelnen Ländern zeigt, dass die Wohlstand schaffenden Faktoren am besten zur Entfaltung kommen, wenn die verfassungsmässigen, gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen den einzelnen Personen das Gefühl vermitteln, für ihre Anstrengungen und Leistungen belohnt zu werden. Die Menschen müssen gute Chancen sehen, die aus ihrer Tätigkeit kommenden Erträge weitgehend für sich behalten zu können. Beim Fehlen eines solchen Umfelds lässt die Leistungsbereitschaft der meisten Menschen zu wünschen übrig.
Welche Bedeutung das institutionelle Umfeld für den wirtschaftlichen Erfolg eines Lands haben kann, zeigt das enorme Wirtschaftswachstum in China, das nach dem Systemwechsel vor etwas mehr als 20Jahren einsetzte. Andere schlagende Beispiele sind Vietnam oder die unterschiedliche Entwicklung in Nord- und Südkorea.
Um die Bedeutung des institutionellen Umfelds für den Wohlstand und den Erfolg eines Lands zu erklären, greifen die Ökonomen zum Vergleich mit einem anarchischen System. Eine hervorragende Abhandlung dazu findet sich in dem Werk The Limits of Liberty: Between Anarchy und Leviathan von James M. Buchanan (vgl. dazu: Buchanan, 1977). In einem anarchischen System gibt es keine Gesetze und Regeln, keine Polizei, kein Militär und keine Bürokratie, die die einzelnen Bürger in ihrem Handeln einschränken oder sie zu einem bestimmten Handeln zwingen würden. Jeder kann tun, was ihm gefällt. Zusammenarbeit basiert auf Freiwilligkeit. Niemand ist gezwungen, etwas zu tun, was ein anderer will. Doch auch in einem anarchischen Staat würden sich rasch gewisse Verhaltensnormen zur Vereinfachung des Lebens herausbilden. Das lässt sich unter anderem in den nicht regulierten Bereichen einer modernen Industriegesellschaft beobachten. Viele Entscheidungen, etwas zu tun oder zu unterlassen, basieren auf der Rücksichtnahme gegenüber den Mitmenschen oder auf dem Versuch, das Zusammenleben möglichst angenehm und effizient zu gestalten. Solche freiwilligen Verhaltensnormen sind nicht in Stein gemeisselt und können sich ändern. So überliessen die Jüngeren früher in der Bahn oder im Bus den Älteren ihren Sitzplatz. Das ist heute immer weniger der Fall. Deshalb gibt es Länder, in denen einige Sitzplätze für ältere Personen reserviert sind. Dieses Beispiel zeigt, dass sich in einem anarchischen, nicht regulierten System nicht immer Lösungen auf freiwilliger Basis finden lassen. Dennoch ist auch heute noch vieles, was wir im Umgang mit anderen Menschen tun oder unterlassen, freiwillig. Auf Freiwilligkeit basierende Prozesse sollten nicht durch staatliche Einflüsse behindert werden. Denn solche Entscheidungen sind – sieht man von kriminellen Organisationen ab – fast ausnahmslos gute Entscheidungen.
Einem anarchischen System kann auf den ersten Blick eine gewisse Sympathie nicht abgesprochen werden. Wer möchte nicht frei und unabhängig sein? Wer möchte seine Entscheidungen nicht alle selber treffen? Sobald man jedoch etwas genauer in die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse hineinschaut, stösst man auf viele Probleme, die sich mit Toleranz und Rücksichtnahme allein nicht effizient lösen lassen. Was passiert, wenn sich die Menschen nicht darüber einigen können, wem das schönste Grundstück am See gehören soll? Wer entscheidet, auf welcher Strassenseite man mit dem Auto fährt? Wem gehören die Früchte der Bäume? Bereits diese wenigen Fragen lassen erkennen, dass es für eine Gemeinschaft von grossem Vorteil ist, wenn eine institutionelle Ordnung besteht, die die Lösung solcher Probleme in geordneter Weise erlaubt. Eine institutionelle Ordnung sollte aber auch die Voraussetzungen schaffen, dass der Einzelne die gesteckten Ziele möglichst gut erreichen kann. Die Gestaltung eines solchen institutionellen Umfelds ist ein langwieriger politischer Prozess und erfordert von allen Seiten Kompromisse.
Die Schaffung von Gesetzen und Institutionen kann als vertragliche Vereinbarung zwischen rational handelnden Menschen verstanden werden. Im Gegensatz zu einem freiheitlich und kapitalistisch organisierten Staat, dessen Ziel es ist, für den Einzelnen ein möglichst gutes Umfeld zur Entfaltung seiner individuellen Fähigkeiten und zur Erfüllung seiner Wünsche zu schaffen, gibt es religiöse und politische Strömungen, die in der Schaffung eines institutionellen Umfelds in erster Linie ein Mittel zur Erreichung übergeordneter ideologischer oder religiöser Ziele sehen. In einem solchen System müssen die Einzelnen ihre persönlichen Interessen und Wünsche der Ideologie oder den Ideen einzelner Politiker oder kirchlicher Exponenten unterordnen. Die Entfaltungs- und Wahlmöglichkeiten sind begrenzt. Das Gesellschaftssystem ist rigide. Es erstaunt deshalb nicht, dass die wirtschaftliche Entwicklung in den Ländern, in denen die Entfaltungsmöglichkeiten der Einzelnen stark eingeschränkt sind, nicht mit der einer freiheitlich organisierten Gesellschaft mithalten kann.
Im Folgenden wird die Frage diskutiert, wie ein optimales institutionelles Umfeld aussehen soll, vornehmlich vor dem Hintergrund der Schaffung von Wohlstand. Den Ausgangspunkt bilden die Möglichkeiten, die ein Einzelner in einem anarchischen System hat (vgl. dazu: Brunner, 1985: 40). In einem solchen System kann der Einzelne seine wirtschaftlichen Anstrengungen auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen und einen freiwilligen Tausch der von ihm und anderen produzierten Güter und Dienstleistungen ausrichten. Einen anderen Teil der Bemühungen kann er auf den Schutz seiner Produktion und seines Besitzes ausrichten. Eine dritte Möglichkeit würde darin bestehen, durch Raub oder gewaltsame Enteignung in den Besitz der Güter anderer Menschen zu kommen.
Nur die erste dieser drei Optionen führt zu einer direkten Vermehrung des Wohlstands. Die zweite Option bringt einen beträchtlichen Aufwand, aber keinen direkten Ertrag mit sich. Die dritte Option, der Raub, macht klar, weshalb in einem anarchischen Staat der Einzelne aus der Furcht heraus, beraubt zu werden, kein Interesse hat, mehr als das Notwendigste zu produzieren. Eine Mehrproduktion wird für den Einzelnen erst attraktiv, wenn es Gesetze, Regulierungen und polizeiliche Institutionen gibt, die seine Mehrproduktion schützen. Das haben auch die ersten Goldgräber in Alaska verstanden. Statt sich bei der Suche nach Gold gegenseitig umzubringen, haben sie mit dem Abstecken von Claims Eigentumsrechte und damit klare Verhältnisse für die Goldsuche geschaffen. Der Goldrausch in Alaska brachte auch andere Regulierungen mit sich. Um zu vermeiden, dass zu viele Goldsucher kamen und es in der Folge zu sozialem Elend und Raub kommen könnte, verlangte die Regierung von Alaska von den Goldsuchern, dass sie über ausreichend Nahrung und Werkzeug verfügten. Spätere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Kosten dafür höher als der durchschnittliche Ertrag eines Goldsuchers waren!
Das Beispiel der Goldgräber in Alaska zeigt, dass das Wirtschaften ohne Regulierungen schnell in Chaos und Konflikte münden kann. Die ersten Regulierungen waren deshalb in erster Linie auf die Schaffung eines Staats ausgerichtet, der Leistungen erbringt, die für das Funktionieren einer Marktwirtschaft und einer Gesellschaft notwendig sind, aber von dieser nicht automatisch hervorgebracht werden. Klassische Beispiele für solche Leistungen sind die Polizei, die Armee oder die Gerichtsbarkeit. Solche Dienstleistungen werden von den Ökonomen, weil alle Menschen davon profitieren können und meist mit Steuern finanziert werden, als öffentliche Güter bezeichnet. Die Schaffung öffentlicher Güter erfordert kollektive Entscheidungen.
Im Lauf der Zeit nahm der Umfang an Regulierungen und Gesetzen laufend zu. Viele sind als Reaktion auf Fehlentwicklungen und soziale Konflikte entstanden. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Regulierungsprozess an Dynamik gewonnen. Kaum taucht ein die Gemüter der Bürger bewegendes Problem auf, wird nach einer staatlichen Regulierung gerufen.
Mit der Bildung guter politischer Strukturen wie der Verfassung oder der Gesetzgebung und Institutionen wie der Polizei oder den Gerichten werden wichtige Voraussetzungen geschaffen, damit die Einzelnen mehr produzieren, als sie selber verwenden können. Ohne Eigentumsrechte und den Schutz des Eigentums durch die Polizei, das Militär und die Justiz wäre die rasante wirtschaftliche Entwicklung in den Industrieländern undenkbar gewesen. Ohne institutionelle Regeln gäbe es einen permanenten Kampf um die knappen Ressourcen. Letztlich werden mit institutionellen Rahmenbedingungen Rechte festgelegt, wer was unter welchen Umständen mit den knappen Ressourcen tun kann (vgl. dazu: Brunner,1985: 41). Die Zuordnung individueller Rechte und die Schaffung einer Rechtsordnung sind auch eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Menschen untereinander Verträge abschliessen und Güter in einer effizienten Art und Weise tauschen können. Die Vorteile einer institutionellen Ordnung hängen nicht nur von der Ausgestaltung der Rechtsordnung ab. Ebenso wichtig ist es, dass der Staat in der Lage und willens ist, sowohl die in der institutionellen Ordnung festgelegten Rechte als auch die vertraglichen Vereinbarungen zwischen den Bürgern zu schützen und umzusetzen. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Nachhaltigkeit einer Rechtsordnung. Länder, in denen die Gesetze, Regulierungen und Steuern laufend geändert werden, haben sich als schlechter Boden für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung erwiesen. Nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, auch die institutionellen Rahmenbedingungen müssen für die Wirtschaft prognostizierbar sein.
Vor allem sehr freiheitlich gesinnte Menschen glauben, dass sich die institutionelle Ordnung und die Aktivitäten des Staats auf die schützenden Funktionen beschränken könnten. Auf andere Massnahmen sollte nach deren Ansicht verzichtet werden. Vor allem sollten keine Regulierungen geschaffen werden, die bestimmten Gruppen Vorteile bieten. Dies würde nur zu einer Behinderung der freien Märkte und zu einer wirtschaftlich nicht zu rechtfertigenden Vermögens- und Einkommensumverteilung führen. Die Ansicht, dass der Staat auf jede Art von Umverteilungsmassnahmen verzichten sollte, lässt sich nicht aufrechterhalten. Jede gesetzliche Regelung, jeder Eingriff in die Marktordnung, selbst die Finanzierung der staatlichen Schutzfunktionen oder der öffentlichen Güter implizieren eine gewisse Umverteilung der Einkommen oder der Vermögen. Die Eigentumsrechte sind zwar für alle gleich, doch nicht jeder profitiert davon im gleichen Ausmass. Dies trifft auch für die Schutzfunktionen des Staats zu. Für deren Finanzierung gibt es keinen Verteilungsschlüssel, der eine Umverteilung ausschliessen würde. Die mit der Schaffung einer institutionellen Ordnung und den damit einhergehenden, durch staatliche Aktivitäten ausgelösten Umverteilungen sind nicht zwangsläufig ein Problem. Umverteilungen können sich auf die Wirtschaftsentwicklung auch positiv auswirken. Sie können soziale Konflikte zwischen den Einkommensgruppen verkleinern oder sozial Schwache motivieren und befähigen, aktiv im Arbeitsprozess mitzuwirken.
In den vergangenen Jahren haben die politischen Parteien und andere Interessengruppen erkannt, dass mit Änderungen in der institutionellen Ordnung, insbesondere in der Steuergesetzgebung, spezifische Interessen verfolgt oder Einfluss auf die Einkommens- und Vermögensverteilung genommen werden kann. Von dieser Möglichkeit wird in allen demokratisch organisierten Ländern heute ausgiebig Gebrauch gemacht. Dabei hat sich gezeigt, dass solche institutionellen Änderungen einer für eine nachhaltige Vermehrung des Wohlstands optimalen Ausgestaltung der institutionellen Ordnung zuwiderlaufen können. Umverteilungen wirken sich – je nach Umfang und Ausgestaltung – in der Wirtschaft negativ auf die Leistungsbereitschaft aus. Im Extremfall haben Umverteilungen eine ähnliche Wirkung wie die Gefahr von Raub und Diebstahl in einer anarchischen Gesellschaft. Die Frage, bei welchem Ausmass die Umverteilungen ihre positive Wirkung verlieren und die Schaffung von Wohlstand gefährden, gehört zu den umstrittenen Themen in der Wirtschaftspolitik. Letztlich lässt sie sich am ehesten mithilfe empirischer Untersuchungen beantworten. Die Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre scheint darauf hinzudeuten, dass eine übermässige Umverteilung zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums und zu einer höheren Arbeitslosigkeit führt.
Regulierungen können sowohl eine positive als auch eine negative Wirkung haben. Es ist nicht immer einfach abzuschätzen, was dominiert. Die Entscheidung darüber, ob Regulierungen eingeführt werden sollen, wird dadurch erschwert, dass die Vor- und Nachteile nicht für alle gleich sind. Allan Meltzer illustriert dieses Problem mit einem Beispiel bezüglich der Zulassung neuer Medikamente (vgl. dazu: Meltzer, 2012: 32). Untersuchungen haben gezeigt, dass die strengen Vorschriften für die Zulassung neuer Medikamente diese sicherer machten. Gleichzeitig wurde aber auch festgestellt, dass wegen der für die Zulassung notwendigen Testverfahren lebenserhaltende Medikamente erst mit Verzögerung auf den Markt kamen und damit schwer- und todkranken Menschen zu lange vorenthalten wurden. Von diesen Nachteilen nehmen die Aufsichtsbehörden nicht immer ausreichend Kenntnis. Sie ziehen die strengen und langwierigen Kontrollen vor und sind oft nicht bereit, die Risiken einer schnelleren Freigabe dringend benötigter neuer Medikamente auf sich zu nehmen.
Auch in vielen anderen Bereichen gibt es keine Schwarz-Weiss-Lösungen. So lässt sich die Frage, wie weit die Gewährung von Eigentumsrechten gehen soll, nicht abschliessend beantworten. Unbestritten ist, dass Eigentumsrechte nicht unbegrenzt sein können. Das Zusammenleben in einer Gesellschaft erfordert unter Umständen Einschränkungen in einem übergeordneten Interesse. Wenn es beispielsweise die Verkehrsplanung erfordert, muss der Staat im Interesse der Gemeinschaft die Möglichkeit haben, ein Grundstück zu enteignen. Auch die Meinungsfreiheit kann nicht so weit gehen, dass damit das Beschriften fremder Häuser mit politischen Parolen gerechtfertigt werden könnte.
Grundsätzlich sollten die institutionellen Rahmenbedingungen im Wirtschaftsbereich so ausgestaltet werden, dass sie die Tauschgeschäfte erleichtern. Dadurch können freie Märkte entstehen. Auf diesen hat der Einzelne bessere Chancen, seine Tauschgeschäfte so abzuwickeln, dass sein persönlicher Nutzen und seine Zufriedenheit maximiert werden. Auf Vorschriften, die Tauschgeschäfte im Interesse einzelner Interessengruppen erschweren oder kostspieliger machen, sollte verzichtet werden. Sie behindern das Wirtschaftswachstum und ziehen unerwünschte Einkommens- und Vermögensumverteilungen nach sich. Vorschriften sollten so weit wie möglich nur im Interesse der ganzen Gesellschaft erlassen werden.
Da sich die Auswirkungen staatlicher Massnahmen auf die Gesellschaft und auf die einzelnen Gruppen meist nicht zuverlässig abschätzen lassen, ist es oft schwierig zu entscheiden, wie stark Tauschgeschäfte reguliert und die Eigentumsrechte beschränkt werden sollen. Es erstaunt deshalb nicht, dass sich Philosophen, Ökonomen, Politiker und Bürger bei der Frage nach der optimalen Ausgestaltung der institutionellen Rahmenbedingungen nach wie vor uneinig sind. Insbesondere Politiker neigen dazu, die Vorteile eines staatlichen Eingreifens zu über- und die Nachteile regulierter Tauschgeschäfte zu unterschätzen. Für die Politiker zahlt es sich bei den Wahlen aus, wenn sie sich für neue Regulierungen und Gesetze einsetzen, die den (häufig nicht gerechtfertigten) Anspruch erheben, ein brennendes Problem zu lösen. Die Honorierung des politischen Aktivismus in unserer medialen Welt hat zu einer Flut von Regulierungen und Gesetzen und damit zu einer fortschreitenden Entmündigung der Menschen geführt. Hinzu kommt, dass die Politiker und Regulierer selten auf ihre einmal erhaltenen Kompetenzen zu verzichten bereit sind. Unterstützung finden sie bei vielen Juristen, die sich von möglichst vielen und komplexen Regulierungen zusätzliche Einnahmen versprechen. Dass unter solchen Umständen die Abschaffung überholter und unnützer Gesetze oder Regulierungen eher die Ausnahme als die Regel ist, erstaunt nicht.
Liberale und freiheitlich orientierte Ökonomen verlangen angesichts der immer dichter werdenden Regulierungsnetze, dass der Staat den Menschen wieder mehr Entscheidungsspielraum einräumt und deren Suche nach neuen Lösungen für eine bessere Gesellschaft und mehr Wohlstand erleichtert. Statt sich unter dem Schlagwort von mehr Gerechtigkeit auf die Umverteilung des Einkommens und Vermögens zu konzentrieren, sollte der Blick wieder auf die Erleichterung der Tauschgeschäfte und auf die Schaffung von Einkommen sowie von Wohlstand ausgerichtet werden. Denn ohne Wohlstand ist der Spielraum für Umverteilungen klein. Diese Erfahrung haben alle kommunistisch regierten Länder machen müssen.
Die zunehmende Bevormundung der Bürger und Unternehmen und die damit einhergehende Einschränkung von deren Wahlfreiheit erschweren eine rasche Anpassung an die sich schnell verändernden Gegebenheiten in einer modernen Industriegesellschaft. Die Entwicklung neuer Technologien, die Öffnung der Märkte und die Notwendigkeit zu Innovation zwingen die Unternehmen, sich laufend anzupassen. Nur so können sie wettbewerbsfähig bleiben. Wenn, um ein Beispiel zu nennen, die Anpassungsprozesse durch einschneidende Vorschriften auf dem Arbeitsmarkt behindert werden, kann dies die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.
Friedrich August von Hayek (vgl. dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_August_von_Hayek – Zugriff 14.1.2015), der Vordenker einer liberalen Gesellschaft, war der Überzeugung, dass sich der Staat im Hinblick auf eine gut funktionierende und anpassungsfähige Wirtschaft in erster Linie darauf beschränken sollte, eine Rechtsordnung zu schaffen, in der die Vertragsfreiheit, das Eigentum und die Haftung für die eigene Tätigkeit geregelt sind. Eine weitere Aufgabe des Staats sah Hayek in der Bereitstellung öffentlicher Güter wie sauberer Luft oder Wasser, Militär und Polizei. Auch die Erhebung von Steuern und die Sicherung eines Mindesteinkommens sah Hayek als Aufgabe des Staats an.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Ökonomen betrachtet Hayek die Bereitstellung eines Zahlungsmittels nicht als Aufgabe des Staats. Nach seiner Meinung sollte auch die Schaffung von Zahlungsmitteln dem freien Markt überlassen werden. In der Vergangenheit hätte der Staat sein Monopol bei der Herausgabe von Geld immer wieder zur inflationären Finanzierung des Staatshaushalts missbraucht. Diese Beobachtung trifft zu. Ob sich aber private Banken disziplinierter als Notenbanken verhalten, ist fraglich. Das spekulative Verhalten der Banken, das zur jüngsten Bankenkrise führte, ist kein Plädoyer zugunsten einer Privatisierung der Geldversorgung. Nach wie vor befürworten die meisten Ökonomen eine Herausgabe des Gelds durch eine staatliche Notenbank. Nachdem die Notenbanken der westlichen Industrieländer im Anschluss an die Bankenkrise das Bankensystem in einem bisher nicht für möglich gehaltenen Umfang mit Geld fluteten, rückt die Frage nach einer Privatisierung der Geldausgabe wieder vermehrt ins Zentrum der geldpolitischen Diskussionen. Einig ist man sich nur, dass die Schaffung eines allgemein anerkannten und wertbeständigen Zahlungsmittels die Tauschgeschäfte in der Wirtschaft enorm vereinfacht und die Schaffung von Wohlstand nachhaltig erleichtert. Einer stabilen Währung kommt eine ähnlich wichtige Funktion zu wie dem Eigentum, der Vertragsfreiheit, der Polizei oder der Justiz.
3Gütermärkte – vom Marktplatz zum Internet
Zu den Lieblingsbeschäftigungen von Touristen in Entwicklungsländern gehört der Besuch farbenprächtiger Märkte, auf denen Bauern und Handwerker ihre Produkte anbieten und auf denen vor allem die lokale Bevölkerung als Nachfragende auftritt. Die Käufer suchen sich die Produkte aus, die sie kaufen möchten. Sie verhandeln mit den Verkäufern über den Preis und die zu kaufende Menge. Je nachdem, wie sich die Nachfrage und die Verfügbarkeit der Produkte präsentieren, zeigen sich die Anbietenden und Nachfragenden bei der Preisverhandlung mehr oder weniger flexibel. Die Geschäfte auf diesen Märkten wickeln sich weitgehend unreguliert ab, und die ausgehandelten Preise widerspiegeln die Angebots- und Nachfragesituation auf dem lokalen Markt. Der Preis für ein verkauftes Produkt ist letztlich nichts anderes als der Betrag, zu dem die Käufer bzw. Verkäufer bereit sind, ein Produkt zu kaufen bzw. zu verkaufen. Ökonomisch interessant ist die Frage, von welchen Faktoren die Bereitschaft, zu diesem Preis zu kaufen bzw. zu verkaufen, abhängig ist. Intuitiv lassen sich schnell einige Faktoren aufzählen. Bei einer sehr guten Ernte sind die Bauern eher bereit, Preiskonzessionen zu machen. Dies wird vor allem dann der Fall sein, wenn die Nachfrage nicht mit der höheren Ernte Schritt hält. Umgekehrt hängt das Verhalten der Nachfragenden auch von deren wirtschaftlichen Lage ab. Eine Rolle spielen die Preise ähnlicher Produkte. Wenn die Preise von Birnen im Gegensatz zu denen von Äpfeln stark sinken, werden weniger Äpfel und dafür mehr Birnen nachgefragt.
Indem die Käufer nach dem Anbieter mit den billigsten und besten Produkten Ausschau halten, zwingen sie die Anbieter mit hohen Preisen, diese den Marktverhältnissen anzupassen. Es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie schnell sich auf lokalen Märkten Informationen über die Konditionen der getätigten Transaktionen verbreiten und in die Entscheidungen der übrigen Marktteilnehmer einfliessen. In kleinen lokalen Märkten ist es verhältnismässig einfach, sich über die spezifischen Marktgegebenheiten ein Bild zu machen. Die Kosten für die Beschaffung der Informationen sind für alle Marktteilnehmer klein. Dies ist mit ein Grund, weshalb sich solche Märkte im Lauf der Geschichte in praktisch allen Gesellschaften herausgebildet haben. Die Märkte, an denen Güter des täglichen Bedarfs getauscht oder gehandelt werden, zählen zu den ältesten Märkten. Heute erinnern in den Industrieländern die Floh- oder Viehmärkte noch ein wenig an diese nostalgische Organisation des Gütertauschs. Interessant ist auch die Beobachtung, dass auf den alten Marktplätzen die einzelnen Berufsgruppen ihre Geschäfte oder Verkaufsstände mehr oder weniger am gleichen Ort hatten. Für die Käufer hatte dies den Vorteil, dass sie ohne grosse Anstrengungen einen Überblick über das Angebot hatten. Für die Anbieter lag der Vorteil darin, dass sich alle potenziellen Käufer an diesem Ort einfanden und sie sich ohne grosse Schwierigkeiten ein Bild über das Angebot der Konkurrenten und die bezahlten Preise machen konnten. Mit der Entwicklung moderner Kommunikations- und Transportmittel haben diese Vorteile an Bedeutung verloren. Vor allem die Senkung der Transportkosten hat zu einer Belebung des Welthandels geführt und den Güteraustausch über die Grenze begünstigt. Im Zug komplexer und effizienter werdender Wirtschaftsprozesse haben sich immer mehr spezifisch gestaltete Märkte herausgebildet. Einkaufszentren, Warenbörsen, Geschäfte mit einem grossen Filialnetz oder der Versandhandel sind einige dieser Marktformen. Mit der Einführung des Internets haben sich viele Märkte noch weiter verändert. Immer mehr Menschen nutzen die Möglichkeiten, Dienstleistungen oder Produkte im Internet anzubieten oder nachzufragen. Solche strukturellen Veränderungen, die zum Verschwinden oder zur Redimensionierung von Geschäftsbereichen führen, gehören in einer dynamischen Wirtschaft zur Norm. Es macht keinen Sinn, sich mit staatlichen Massnahmen gegen solche Entwicklungen zu stemmen. Wenn heute immer mehr Bücher und Reisen über das Internet gekauft bzw. gebucht werden und deshalb ein Teil der Buchhandlungen und Reisebüros verschwindet, ist dies für die Betroffenen zwar bedauerlich, aber kein Grund für den Staat, den Strukturwandel mit Regulierungen oder mit Subventionen bremsen oder aufhalten zu wollen.
Dank dem Internet wird es immer einfacher, sich ein Bild über die Preise auf den Märkten zu machen oder einen Kontakt zwischen Käufer und Verkäufer herzustellen. Inzwischen gibt es Unternehmen, die systematische Preisvergleiche vornehmen und ihre dabei gewonnenen Erkenntnisse an potenzielle Nachfragende verkaufen. Solche systematischen Preisvergleiche verbessern den Wettbewerb.
An dem Prinzip, wie die Preise auf Veränderungen des Angebots und der Nachfrage reagieren, hat sich mit der Schaffung des Internets nichts Grundsätzliches geändert. Auch auf den Internetmärkten gilt, dass eine steigende Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot die Preise in die Höhe treibt. Umgekehrt gehen die Preise bei steigendem Angebot zurück. Bei steigenden Preisen überlegen sich die Anbieter, ob es für sie nicht gewinnträchtiger wäre, mehr zu produzieren. Hohe Preise animieren auch andere Unternehmer zur Produktion solcher Güter. Allerdings wird sich der Nachfragende bei steigenden Preisen überlegen, ob er sich die Produkte bei seinem Einkommen noch leisten kann oder ob er auf ähnliche, billigere Produkte ausweichen soll. Solche und ähnliche Überlegungen fliessen in die Preisbildungsprozesse ein. Der Preis, der sich auf einem Markt einstellt, ist letztlich das Ergebnis vieler Einflussfaktoren und enthält deshalb wichtige Informationen für alle Marktteilnehmer.
3.1Staatliche Eingriffe ins Marktgeschehen
Ein Charakteristikum der neueren Wirtschaftsentwicklung ist die zunehmende Einflussnahme der Staaten auf die Ausgestaltung der Märkte und Preise. Der Kauf oder Verkauf von Gütern und Dienstleistungen sowie die Anstellung und Entlassung von Arbeitskräften ist ohne staatliche Vorschriften genauso Geschichte wie nicht reglementierte Immobilien- oder Finanzmärkte. Die Eingriffe haben zwei verschiedene Stossrichtungen. Auf der einen Seite wird mithilfe staatlicher Regeln versucht, den Wettbewerb und die Preisbildungsprozesse zu verbessern. Auf der anderen Seite stehen hinter den staatlichen Eingriffen sozialpolitische Motive.
Dem freien Wettbewerb kommt eine zentrale Bedeutung zu. Die Nachfragenden können auf den Märkten die Güter, die ihnen in Bezug auf Preis und Qualität am besten zusagen, nach freiem Gutdünken auswählen. Die Unternehmen können die Produkte anbieten, von denen sie sich den grössten Gewinn versprechen. Um auf einem freien und unreglementierten Markt zu bestehen, muss ein Unternehmen wettbewerbsfähig sein. Die Preise seiner Produkte können längerfristig nicht über denjenigen der Konkurrenten liegen. Auch die Qualität der Produkte muss mit der der anderen angebotenen Produkte vergleichbar sein. Damit ein Unternehmen in einem Markt überdurchschnittlich profitieren kann, muss es immer bessere und günstigere Produkte entwickeln. Diese permanente Herausforderung des Wettbewerbs ist mühsam. Deshalb lässt sich beobachten, dass Unternehmen den Wettbewerb manchmal durch Preisabsprachen auszuschalten versuchen. Um solche Entwicklungen zu verhindern, muss ein Staat vorbeugende Massnahmen ergreifen.
Eingriffe ins Marktgeschehen drängen sich dann auf, wenn der Wettbewerb wegen einer Monopolstellung oder einer marktbeherrschenden Stellung einzelner Marktteilnehmer nicht mehr richtig funktioniert. Die Liberalisierung des Welthandels hat dazu geführt, dass viele Unternehmen immer grösser werden und damit eine grosse Marktmacht ausüben können. Diese Entwicklung ist unter dem Gesichtspunkt der Effizienz positiv zu werten. Doch marktmächtige Unternehmen tendieren dazu, ihre Marktmacht auszunutzen, indem sie für ihre Produkte überhöhte Preise verlangen oder ihre Lieferanten zu Preiskonzessionen zwingen. Der Staat muss nicht nur solche Entwicklungen, sondern auch Preis- oder Mengenabsprachen verhindern. Unternehmen versuchen auch, den Wettbewerb durch Absprachen auszuhebeln, wer in welcher Region seine Produkte oder Dienstleistungen anbieten darf.
Gesetze zur Verhinderung von Monopolen und Kartellabsprachen sind heute in den meisten Ländern vorhanden. Dennoch gehören Kartellabsprachen weiterhin zur Tagesordnung. Indem vor allem die USA und die Europäische Union immer höhere Bussen bei Verstössen gegen die Kartellgesetzgebung erlassen, wird der Anreiz für Absprachen reduziert.
Für einen gut funktionierenden Wettbewerb ist es wichtig, dass der Markteintritt allen Menschen und Unternehmen offensteht. In der Vergangenheit haben die dominierenden Wirtschaftskreise immer wieder Massnahmen ergriffen, um sich unerwünschte Konkurrenz vom Leib zu halten. Diesem Zweck dienten früher die Zünfte und andere Standesorganisationen. Obwohl in den letzten 30Jahren der Freihandel immer mehr zunahm, sind Zölle nach wie vor ein beliebtes Instrument, um ausländische Konkurrenten vom inländischen Markt fernzuhalten. Andere, etwas subtilere Massnahmen gegen ausländische Konkurrenz sind die in einem Land zur Anwendung gelangenden Normen. Indem ein Land andere Grössen und Anschlüsse für Küchengeräte festlegt, werden die einheimischen Unternehmen begünstigt. Solche sogenannten nicht tarifären Handelshemmnisse müssen im Interesse eines effizienten Wettbewerbs eliminiert werden. Vorderhand sind sie noch immer verbreitet.
Vorschriften und Regulierungen können die Wettbewerbsverhältnisse auf nationaler und internationaler Ebene stark beeinflussen. Die Erfüllung von Vorschriften geht oft mit beträchtlichen Kosten einher. Da diese von den grossen Unternehmen meist besser getragen werden können, wirken sich Regulierungen oft zu Ungunsten der kleinen und mittleren Unternehmen aus. Die grossen stehen deshalb neuen Regulierungen und Gesetzen weniger skeptisch gegenüber. Im Pharmabereich sind die von den Aufsichtsbehörden geforderten klinischen Tests inzwischen so teuer geworden, dass sie junge, innovative Unternehmen kaum mehr finanzieren können. Sie sind gezwungen, bei der Zulassung eines von ihnen entwickelten Medikaments entweder mit einer grossen Pharmagesellschaft zusammenzuarbeiten oder die Nutzung des Medikaments zu verkaufen. Häufig werden junge, innovative Unternehmen aber auch von grossen, etablierten Konzernen übernommen.
