Wohnungslosigkeit - Claudia Steckelberg - E-Book

Wohnungslosigkeit E-Book

Claudia Steckelberg

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Beschreibung

Wohnungslosigkeit ist ein soziales Problem, mit dem sich die moderne Soziale Arbeit seit ihren Anfängen beschäftigt. Auch im 21. Jahrhundert ist die Wohnungsfrage eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen angesichts der steigenden Mieten, Zwangsräumungen und zunehmender Armut. Für immer mehr Menschen ist eigener Wohnraum keine Selbstverständlichkeit mehr. In diesem Lehrbuch wird Wohnungslosigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven und Disziplinen beleuchtet. Soziologische und ökonomische Grundlagen werden ebenso vermittelt wie sozial- und wohnungspolitische Strategien gegen die Wohnungsnot. Welche Ansätze, Konzepte und Methoden zur Überwindung von Wohnungslosigkeit die Soziale Arbeit bietet, wird differenziert für unterschiedliche Lebenslagen und Zielgruppen aufbereitet. Im Fokus steht dabei nicht nur die Wohnungslosenhilfe; vielmehr bezieht das Buch zahlreiche Handlungsfelder der Sozialen Arbeit mit ein und liefert entsprechende Methoden. Denn den Folgen von Wohnungsnot begegnen Sozialarbeitende in den unterschiedlichsten Kontexten - eine Entwicklung, der dieses Buch Rechnung trägt.

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Titelei

Vorwort zur Reihe

Zu diesem Buch

1 Wohnen im historischen und gesellschaftlichen Kontext

1.1 Merkmale modernen Wohnens

1.1.1 Wohnen als Lebens- und Aufenthaltsform jenseits der Erwerbsarbeit

1.1.2 Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit als gesellschaftliche Sphären

1.1.3 Wohnen als Mittel der sozialen und individuellen Distinktion

1.1.4 Herausbildung der heteronormativen Geschlechterordnung

1.1.5 Naturalisierung von Sesshaftigkeit

1.1.6 Erziehung durch Wohnen

1.2 Ausblick im 21. Jahrhundert: postmodernes Wohnen im neoliberalen Kontext

2 Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik

2.1 Der Wohnungsmarkt als unvollkommener Markt

2.1.1 Wohnraum als unbewegliche Ware

2.1.2 Heterogenität der Güter und mangelnde Markttransparenz

2.1.3 Geringe Flexibilität und Anpassungselastizität

2.1.4 Subjektive Präferenzen und strukturelle Diskriminierung

2.1.5 Mangelnde Substituierbarkeit von Wohnraum

2.1.6 Folgen für die Wohnraumversorgung

2.2 Wohnungspolitik in der sozialen Marktwirtschaft

2.3 Instrumente der Wohnungspolitik

2.3.1 Steuerungsinstrument »Recht«

2.3.2 Steuerungsinstrumente »Finanzierung«

2.3.3 Steuerungsinstrument »Eigentum«

2.4 Herausforderungen im 21. Jahrhundert: Wohnungsmarkt als finanzialisierter Markt

2.4.1 Privatisierung der Daseinsvorsorge

2.4.2 Finanzialisierung des Wohnungsmarkts

2.4.3 Wohnraum für alle: Initiativen und Bündnisse

3 Wohnungslosigkeit als soziales Problem

3.1 Historische Entwicklungen

3.2 Soziale Probleme als Anlässe Sozialer Arbeit

3.3 Wohnungslosigkeit und Wohnungsnotfall: Begriffe und Definitionen

3.4 Zahlen und Statistiken

4 Problemfelder in der Wohnungslosigkeit

4.1 Räumliche und soziale Exklusion

4.2 Armut und Arbeitslosigkeit

4.3 Bildung

4.4 Gesundheit

4.5 Gewalt

4.5.1 Häusliche Gewalt als Ursache von Wohnungslosigkeit

4.5.2 Gewalt gegen wohnungslose Menschen

4.6 Diskriminierung, Ausgrenzung und Vertreibung

5 Dimensionen von Wohnungslosigkeit

5.1 Lebensalter und Lebensphasen

5.1.1 Jugendliche und junge Erwachsene ohne festen Wohnsitz

5.1.2 Krisen im Erwachsenenalter

5.1.3 Wohnungsnotfälle im Alter

5.2 Geschlecht und queere Perspektiven

5.2.1 Ungleichheiten und Zumutungen in der Geschlechterhierarchie

5.2.2 Queere Perspektiven in der Wohnungslosigkeit

5.3 Migration und Rassismus

5.3.1 Rechtliche Ausgrenzung und Benachteiligung

5.3.2 Rassismus

6 Handlungsansätze der Sozialen Arbeit

6.1 Überlebenshilfen und Beratung: niederschwellige Handlungsansätze

6.1.1 Tagesaufenthaltsstätten und Notschlafstellen

6.1.2 Straßensozialarbeit/Streetwork

6.1.3 Medizinische Hilfen

6.2 Wohnhilfen

6.2.1 Notunterkünfte nach Polizei- und Ordnungsrecht

6.2.2 Notunterkünfte und Betreutes Wohnen nach Sozialrecht (SGB XII)

6.2.3 Notschlafstellen und Unterbringung nach SGB VIII

6.3 Housing First

6.3.1 Wohnen ist ein Menschenrecht – Prämissen von Housing First

6.3.2 Umsetzung von Housing First

6.3.3 Housing First als Teil des Hilfesystems

6.4 Kultur und Bildung

6.4.1 Exklusion entgegenwirken

6.4.2 Auszeit und Entlastung aus dem Alltag

6.4.3 Selbstwirksamkeit und eigensinnige Produktivität

6.4.4 Empowerment

6.5 Politisches Handeln und Einmischung

6.5.1 Koordinierte Hilfen in der Region

6.5.2 Recht auf Stadt

6.5.3 Wohnungspolitische Einmischung und Forderungen

7 Ausblick

Literatur

Grundwissen Soziale Arbeit

Herausgegeben von Rudolf Bieker

Das gesamte Grundwissen der Sozialen Arbeit in einer Reihe: theoretisch fundiert, immer mit Blick auf die Arbeitspraxis, verständlich dargestellt und lernfreundlich gestaltet – für mehr Wissen im Studium und mehr Können im Beruf.

Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:

https://shop.kohlhammer.de/grundwissen-soziale-arbeit

Die Autor*in

Dr. Claudia Steckelberg ist Professor*in für die Wissenschaft Soziale Arbeit an der Hochschule Neubrandenburg, sie ist außerdem Erziehungswissenschaftler*in, Sozialarbeiter*in und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Wohnungslosigkeit, Gemeinwesenarbeit, Gender und Queer Studies, prekäre Lebenslagen, niederschwellige Handlungskonzepte sowie Disziplin- und Professionsentwicklung Sozialer Arbeit.

Claudia Steckelberg

Wohnungslosigkeit

Grundlagen und Handlungswissen für die Soziale Arbeit

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

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1. Auflage 2023

Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:ISBN 978-3-17-038452-1

E-Book-Formate:pdf: ISBN 978-3-17-038453-8epub: ISBN 978-3-17-038454-5

Vorwort zur Reihe

Mit dem sogenannten »Bologna-Prozess« galt es neu auszutarieren, welches Wissen Studierende der Sozialen Arbeit benötigen, um trotz erheblich verkürzter Ausbildungszeiten auch weiterhin »berufliche Handlungsfähigkeit« zu erlangen. Die Ergebnisse dieses nicht ganz schmerzfreien Abstimmungs- und Anpassungsprozesses lassen sich heute allerorten in volumigen Handbüchern nachlesen, in denen die neu entwickelten Module detailliert nach Lernzielen, Lehrinhalten, Lehrmethoden und Prüfungsformen beschrieben sind. Eine diskursive Selbstvergewisserung dieses Ausmaßes und dieser Präzision hat es vor Bologna allenfalls im Ausnahmefall gegeben.

Für Studierende bedeutet die Beschränkung der akademischen Grundausbildung auf sechs Semester, eine annähernd gleich große Stofffülle in deutlich verringerter Lernzeit bewältigen zu müssen. Die Erwartungen an das selbstständige Lernen und Vertiefen des Stoffs in den eigenen vier Wänden sind deshalb deutlich gestiegen. Bologna hat das eigene Arbeitszimmer als Lernort gewissermaßen rekultiviert.

Die Idee zu der Reihe, in der das vorliegende Buch erscheint, ist vor dem Hintergrund dieser bildungspolitisch veränderten Rahmenbedingungen entstanden. Die nach und nach erscheinenden Bände sollen in kompakter Form nicht nur unabdingbares Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitstellen, sondern sich durch ihre Leserfreundlichkeit auch für das Selbststudium Studierender besonders eignen. Die Autor*innen der Reihe verpflichten sich diesem Ziel auf unterschiedliche Weise: durch die lernzielorientierte Begründung der ausgewählten Inhalte, durch die Begrenzung der Stoffmenge auf ein überschaubares Volumen, durch die Verständlichkeit ihrer Sprache, durch Anschaulichkeit und gezielte Theorie-Praxis-Verknüpfungen, nicht zuletzt aber auch durch lese‍(r)-freundliche Gestaltungselemente wie Schaubilder, Unterlegungen und andere Elemente.

Prof. Dr. Rudolf Bieker, Köln

Zu diesem Buch

Wohnungslosigkeit ist ein soziales Problem, mit dem sich die moderne Soziale Arbeit seit ihren Anfängen vor mehr als 150 Jahren beschäftigt. Dabei zeigt sich Wohnungslosigkeit einerseits als persönliches Problem und existenzielle Not für die Betroffenen und andererseits als strukturelles Problem und soziale Frage an Gesellschaft und Politik. Im Wandel der Zeit und der politischen und sozialen Verhältnisse wurden unterschiedliche Erklärungsmodelle entwickelt, wie es dazu kommen kann, dass Menschen ohne eigenen Wohnraum leben müssen, und welche öffentlichen Hilfen mit welcher Zielsetzung bei der Überwindung von Wohnungslosigkeit sinnvoll sind. Handlungsleitende Konzepte der Sozialen Arbeit sind dabei immer in ihren historisch-gesellschaftlichen Kontexten zu verstehen. Neben emanzipatorischen Ansätzen, die ergänzend zu den Hilfen für Individuen auch sozial- und wohnungspolitische Forderungen formulieren, gibt es bis heute solche Ansätze, die wohnungslose Menschen mit einer paternalistischen Haltung begegnen und als Störfaktor im öffentlichen Raum beseitigen wollen.

Die Themen Wohnungslosigkeit und Wohnen haben immer dann Konjunktur im öffentlichen und politischen Diskurs, wenn bezahlbarer Wohnraum knapp ist und auch erwerbstätige Menschen und damit größere Kreise der Bevölkerung von Wohnungsnot bedroht sind. Im 21. Jahrhundert ist Wohnen und Wohnungsnot, wie bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts oder in den 1950er Jahren, wieder zu einer der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit geworden.

Dieses Lehrbuch beschäftigt sich mit Wohnungslosigkeit als sozialem Problem und Handlungsanlass Sozialer Arbeit. Dabei wird sich explizit nicht auf das Handlungsfeld der Wohnungslosenhilfe beschränkt. Vielmehr werden Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot in umfassender Weise handlungsfeldübergreifend in ihrer Relevanz für die Soziale Arbeit thematisiert. Denn obwohl die Wohnungslosenhilfe ein klassisches Handlungsfeld Sozialer Arbeit darstellt, müssen sich Fachkräfte Sozialer Arbeit in anderen Handlungsfeldern und unterschiedlichen Zielgruppen wie in der Jugendhilfe oder Suchthilfe mit den Problemfeldern wohnungsloser Menschen und deren Ursachen und Folgen auskennen.

Um Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot verstehen zu können, ist es wichtig, sich zunächst mit dem Phänomen Wohnen zu beschäftigen (▸ Kap. 1). Die Art und Weise, wie gewohnt wird oder gewohnt werden soll, ist geprägt durch gesellschaftliche (Macht-)‌Verhältnisse, Werte und Normen. Wohnen ist nicht für jede*n voraussetzungsfrei zugänglich, sondern eng konnotiert mit spezifischen Verhaltenserwartungen an Individuen und soziale Gruppen und ausgerichtet auf als normal anerkannte Lebensformen und Biografien. Wissenschaftlich betrachtet sind mehrere Disziplinen entlang ihrer je eigenen Fragestellungen beim Thema Wohnen involviert: Dazu gehören u. a. die Soziologie, die Architektur und Stadtplanung, die Ökonomie sowie die Psychologie und Philosophie. In der Sozialen Arbeit, für die Wohnen vor allem im Kontext lebensweltlicher Strukturen und sozialer Probleme relevant ist, ist eine transdisziplinäre Betrachtung sinnvoll.

Auf der Straße und in den Einrichtungen der Sozialen Arbeit wird Wohnungslosigkeit vordergründig als individuelles Schicksal sichtbar. Inwieweit soziale Ungleichheit und ökonomische sowie politische Rahmenbedingungen Wohnungslosigkeit als soziales und strukturelles Problem hervorbringen, lässt sich nachvollziehen, wenn man sich aus sozialpolitischer und ökonomischer Perspektive mit Wohnen beschäftigt. Die Rahmenbedingungen des Wohnens lassen sich mit den Begriffen Wohnungsmarkt und Wohnungspolitik erfassen (▸ Kap. 2). Wer Konzepte und Strategien gegen Wohnungslosigkeit entwickeln und inhaltlich Stellung beziehen will, muss die jeweils aktuellen Debatten rund um das Thema Wohnraumversorgung über den Tellerrand der Sozialen Arbeit hinaus kennen, verstehen und einordnen können.

Nach den transdisziplinären Grundlagen in den ersten Kapiteln geht es anschließend um die fachwissenschaftliche und fachpraktische Perspektive auf Wohnungslosigkeit. Soziale Probleme sind Handlungsanlässe Sozialer Arbeit. Inwiefern Wohnungslosigkeit ein Anlass für öffentliche Hilfen war und ist und wie das Problem definiert und quantitativ gefasst wird, wird in Kapitel 3 aufgezeigt. Konkreter gefasst werden in Kapitel 4 Problemfelder benannt, mit denen sich wohnungslose Menschen konfrontiert sehen und die Ursache ebenso wie Folge von Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit sein können. Der Verlust eines privaten Rückzugsraums zieht sozialen Ausschluss aus einer Vielzahl von Lebensbereichen nach sich und ist mit Erfahrungen von Stigmatisierung und Missachtung verbunden. Dabei wird deutlich, dass es für die Bearbeitung dieser Problemfelder Wissen und Kompetenzen weit über das Thema Wohnen hinaus bedarf, etwa wenn es um die Gesundheit, Bildung oder Diskriminierungserfahrungen der Adressat*innen geht.

Wohnungslosigkeit kann jede*n treffen, und doch bewirkt soziale Ungleichheit, dass die Risiken, in existenzielle Not zu geraten, ungleich verteilt sind. Die Lebenslage Wohnungslosigkeit zeigt sich in der Verschränkung mit anderen Problemlagen, mit unterschiedlichen Lebenslagen und entlang von wirkmächtigen Differenzkategorien in ihrer Heterogenität. Mit einer intersektionalen Perspektive wird deshalb in Kapitel 5 differenziert dargestellt, wie sich diese Verschränkungen auf die Lebenslagen der Adressat*innen auswirken.

Nach den differenzierten Darstellungen der Problem- und Lebenslagen wird in Kapitel 6 aufgefächert, wie Soziale Arbeit das soziale Problem Wohnungslosigkeit auf unterschiedlichen Ebenen methodisch vielfältig bearbeitet.

Ein Lehrbuch kann ein komplexes Phänomen und soziales Problem wie Wohnungslosigkeit und Wohnungsnot und seine Bearbeitung durch die Soziale Arbeit nicht vollumfänglich abbilden. Deshalb finden sich an geeigneten Stellen Literaturhinweise für eine vertiefte Beschäftigung mit Themenbereichen. Diese stehen in Kästen, ebenso wie die Rechercheaufgaben, die in einigen Kapiteln zu finden sind. Um sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren, bieten sich bestimmte Quellen an, die die Leser*innen entlang von leitenden Fragestellungen für eine gezielte Recherche nutzen können.

Mein herzlicher Dank gilt den studentischen Mitarbeiter*innen Lisa Elbe und Niklas Müller, die mich bei der Fertigstellung des Buchs tatkräftig und zuverlässig unterstützt haben. Lisa Elbe ist zudem die Co-Autorin des Exkurses unter dem Titel »Wohnungslosigkeit und Sucht« in Kapitel 4.4.

Neubrandenburg, im Januar 2023,Claudia Steckelberg

1 Wohnen im historischen und gesellschaftlichen Kontext

T Was Sie in diesem Kapitel lernen können

Welche Bedeutung und welche Funktion werden dem Wohnen zugemessen und wie steht dies im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Strukturen und symbolischen Ordnungen, die sich wiederum in der Wohnkultur und den Wohnweisen im jeweiligen historischen Kontext manifestieren und materialisieren? Diese grundlegenden (vorwiegend soziologischen) Fragen sind wichtig, um (fach-)‌öffentliche Diskurse und politische Diskussionen zum Thema Wohnen zu verstehen und sich dazu positionieren zu können. Im Folgenden soll deshalb aufgezeigt werden, wie und unter welchen Bedingungen das heutige Verständnis von Wohnen entstanden ist und was die moderne Wohnkultur ausmacht (▸ Kap. 1.1). Darüber hinaus gibt ein Blick auf das postmoderne Wohnen unter den Bedingungen der Digitalisierung und Globalisierung einen Hinweise auf den Wandel, der sich mit dem 21. Jahrhundert ankündigt (▸ Kap.1.2).

Wohnen ist ein so selbstverständlicher Teil des Alltags, dass es schwer fällt konkret zu benennen, was damit gemeint ist. Zunächst ist Wohnen ein elementares und existenzielles Bedürfnis des Menschen, das assoziiert wird mit Schutz vor Witterung, Sicherheit für die physische Unversehrtheit und Geborgenheit (Hannemann 2014, 37, Hasse 2019, 14). Die Bedeutung des Wohnens reicht jedoch weit über die physische Schutzfunktion für Menschen hinaus (Häußermann/Seibel 2000, 12). Die Behausung des Menschen als natürliches Bedürfnis und anthropologische Konstante aufzufassen, reicht nicht aus, um die Vielzahl an Formen und Bedeutungen zu verstehen, die Wohnen im Wandel der Zeiten angenommen hat. In der Bedeutung und der Funktion des Wohnens spiegeln sich gesellschaftliche und soziale Ordnungen wider, die im historischen Kontext verstehbar werden.

Historisch wandelbar ist die Vorstellung davon, welche Art von Nutzung eines umbauten Raums als Wohnen gilt und welche nicht und ob jeder Mensch mit einem Obdach auch ›wohnt‹. Die Fragen, wer mit wem zusammen wohnt und wohnen soll, welche Funktionen dem Wohnen zugeschrieben werden oder welche Verhaltensweisen damit verknüpft sind, können nur im Zusammenhang mit den jeweils vorherrschenden gesellschaftlichen Normen und Werten beantwortet werden. Im jeweiligen historischen Kontext wird beispielsweise unterschiedlich definiert, wer oder was als schutzbedürftig oder schutzwürdig gilt, wovor Schutz geboten ist und wie dieser gewährleistet werden soll (ebd., 13). Die Bedeutung des Wohnens zeigt sich zudem nicht nur im umbauten Raum, sondern auch außerhalb der eigenen Wohnung oder des eigenen Hauses in der Nachbarschaft und der Wohnumgebung.

Recherche: Wie wird gewohnt? Aktuelle Zahlen und Fakten

Bevor Sie mit dem historischen Rückblick und den anschließenden Ausblick ins 21. Jahrhundert starten, beschäftigen Sie sich bitte mit einer Bestandsaufnahme zum Wohnen. Recherchieren Sie Zahlen und Fakten zum Thema Wohnen:

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Wieviel Wohnraum gibt es in Deutschland?

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Wem gehört dieser Wohnraum? Zu welchem Anteil ist er in Privatbesitz, in öffentlichem Besitz oder in genossenschaftlichem Besitz?

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Wohnen Menschen in Deutschland mehrheitlich zur Miete oder in Eigentum? Gibt es dabei regionale Unterschiede (Stadt-Land/Ost-West/Nord-Süd)?

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Wieviel Quadratmeter stehen jedem*jeder Bürger*in durchschnittlich zur Verfügung? Gibt es dabei Unterschiede nach Einkommen, Alter und/oder Geschlecht?

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Wie hoch sind die Wohnkosten durchschnittlich, vor allem in Relation zum jeweiligen Einkommen/Vermögen?

·

Gibt es andere Fakten zum Thema Wohnen, die Sie interessant und wichtig finden? Welche sind das und warum sind sie aus Ihrer Sicht von Bedeutung?

Nutzen Sie zur Recherche die Informationen des statistischen Bundesamts sowie des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Auch in der Tagespresse sind aktuelle Fakten zu finden.

1.1 Merkmale modernen Wohnens

Das moderne Wohnen, das heute gesellschaftlich und sozial anerkannte und rechtlich verankerte soziale Praxis ist, hat sich erst in den letzten Jahrhunderten entwickelt und ist damit historisch relativ jung. Betrachtet man diese Entwicklung genauer, lässt sich der enge Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Wandel und dem Wandel von Wohnkulturen nachvollziehen.

Zentral für das moderne Wohnen sind die historischen Entwicklungen seit dem 18. Jahrhundert in Europa. Dazu gehört insbesondere der Wandel von der Feudal- und Ständegesellschaft zur bürgerlichen Gesellschaft, der eine neue politische und moralische Werteordnung und andere Formen der sozialen Distinktion hervorbrachte. Zudem gingen die Industrialisierung im 19. Jahrhundert und die damit entstehende kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit enormen Bevölkerungs- und Bedeutungszuwachs in den Städten (Urbanisierung) einher sowie mit einer grundlegenden Veränderung der Lebenslagen und Arbeits- und Lebenswelten der Menschen.

Die Produktion von landwirtschaftlichen und handwerklichen Gütern fand vor der industriellen Revolution vor allem im sog. Ganzen Haus statt (Häußermann/Siebel 2000, 22), in einer Hausökonomie als Lebens- und Wirtschaftsform (Terlinden 2010, 23). Das bedeutet, dass unter einem Dach oder auf einem Hof nicht nur Familien im engeren Sinne zusammenlebten, sondern genauso Dienstboten, Gesell*innen, Knechte und Mägde, ohne dass ihnen getrennte Räume zugewiesen wurden. Zudem gab es keine Trennung von Produktionsarbeit (z. B. Herstellung von handwerklichen Gütern) und Reproduktionsarbeit (Essen zubereiten, Putzen, Kinderversorgung), wie sie heute üblich ist. Unter Arbeit wurden alle Tätigkeiten verstanden, die erledigt werden mussten, um den Alltag und das Überleben zu sichern. Dies veränderte sich im Laufe des 19. und zu Beginn des 20 Jahrhunderts grundlegend, als viele Menschen in die Städte zogen, um wegen der Verlagerung der Produktion in die technisch überlegenden Fabriken lohnabhängige Arbeit zu suchen.

Welche Auswirkungen dies auf das Wohnen hatte und was diese Entwicklungen mit der Entstehung der noch heute wirkmächtigen Normen und Ideale des Wohnens zu tun haben, lässt sich anhand der folgenden Aspekte ausführen, die als Merkmale modernen Wohnens identifizierbar sind.

1.1.1 Wohnen als Lebens- und Aufenthaltsform jenseits der Erwerbsarbeit

Mit Beginn des industriellen Kapitalismus setzt sich zunehmend die räumliche (und auch soziale) Trennung von Wohnen und produktiver Arbeit bzw. der Erwerbsarbeit als Leitbild für modernes Wohnen durch. Durch die Abtrennung der Erwerbsarbeit aus der Hausökonomie entsteht das Wohnen, wie es auch heute noch soziale Praxis ist. Wohnen wird zum »Ort der Nichtarbeit« (Häußermann/Seibel 2000, 24), der das räumliche und soziale Gegenstück zur außerhäuslichen Arbeitswelt darstellen soll und der zum Ort der Erholung, Intimität und Reproduktion stilisiert wird.

Mit der Unterscheidung von Arbeit in bezahlte außerhäusliche Erwerbsarbeit einerseits und unbezahlte innerhäusliche Reproduktionsarbeit andererseits geht eine unterschiedliche Wertschätzung der jeweiligen Tätigkeitsbereiche einher. In der Wohnung wird zwar nach wie vor gearbeitet, dies sind aber vor allem reproduktive Tätigkeiten, die geschlechtsspezifisch in die Zuständigkeit von Frauen verwiesen werden. Reproduktive Arbeit, die sog. »Hausarbeit« soll aber möglichst unauffällig ausgeführt werden und wird nicht als Arbeit benannt oder anerkannt. Reproduktionsarbeit wird entlang der bürgerlichen Geschlechterkonstruktion als Liebesdienst von Frauen an ihren Familien gedeutet, als ein natürliches Bedürfnis zu versorgen und zu pflegen, das in der Hausarbeit ihren Ausdruck findet (Hausen 2012, 23). Der Begriff »Arbeit« meint bis heute zumeist die Erwerbsarbeit und schließt Care Arbeit damit aus, obwohl diese die unerlässliche Grundlage für das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft darstellt.

Ein wesentliches Merkmal des Ganzen Hauses war die Vorratswirtschaft und Eigenproduktion von Bedarfen des täglichen Lebens und Nahrungsmitteln. Im Laufe der Urbanisierung und der technischen Entwicklungen wurde die Selbstversorgung jedoch weitgehend aus den Haushalten ausgegliedert. Der moderne städtische Konsumhaushalt ist angewiesen auf öffentliche und marktförmige Dienstleistungen und Betriebe, eine technische Infrastruktur und die Anschaffung von technischen Geräten, die vorwiegend über Geldzahlungen zugänglich sind (Häußermann/Seibel 2000, 28). Damit entsteht Wohnen als eine Lebens- und Aufenthaltsform, die abhängig ist von der ökonomischen Welt der Lohnarbeit (Hasse 2012, 484).

Dieser neuen Lebens- und Aufenthaltsform wird entlang der bürgerlichen Werteordnung eine Bedeutung zugeschrieben, die in ihren Grundstrukturen bis heute überdauert. Die Wohnung und, mehr noch, das Eigenheim gelten als privater Ort des Rückzugs und des Schutzes vor öffentlicher sozialer Kontrolle. Das eigene Haus ist ein wichtiges symbolisches Gut, das nach außen den erreichten Lebensstandard und das Ansehen in der Gesellschaft abbilden und steigern soll (Terlinden 2010, 25). Die Anschaffung und Ausstattung dieses Statussymbols ist kostspielig und verstärkt die Abhängigkeit des Wohnens von der außerhäuslichen Erwerbsarbeit, um das öffentliche Ansehen nicht zu gefährden (Hayden 2017, 71). Wohnen ist damit ein wichtiger Marktbereich in der kapitalistischen Konsumgesellschaft.

Um Wohnungslosigkeit als soziales Problem zu verstehen, ist dieser Zusammenhang von Lohnarbeit, Wohnen und gesellschaftlichem Status von grundlegender Bedeutung.

Wohnkosten umfassen nicht nur die Miete, sondern auch weitere Kosten wie die der Stromversorgung, Einrichtung und Instandhaltung, deren Finanzierung ohne Lohnarbeit nur schwer möglich ist. Ohne eigenen Wohnraum als Ort der Reproduktion, des Schutzes und der Erholung ist es wiederum schwer, den Anforderungen von Lohnarbeit, einer Ausbildung oder auch eines Schulbesuchs gewachsen zu sein. Zudem wird die Suche nach einem Arbeitsplatz ohne Wohnung schwierig, auch weil Wohnen mit sozialem Status und Ansehen verbunden ist. Genauso wie der Besitz eines Eigenheims in guter Lage zu gesellschaftlicher Anerkennung einer Person führt, wird der Verlust des eigenen Wohnraums als Scheitern einer Person angesehen, deren Leistungsfähigkeit und deren Charakter nicht mehr vertraut wird und die deshalb von Teilhabe ausgeschlossen wird. Allein aus dieser Verbindung von Wohnen und sozialem Status lässt sich nachvollziehen, welche negativen Auswirkungen der Verlust des eigenen Wohnraums auf das Selbstverhältnis und die sozialen Beziehungen eines Menschen haben kann.

1.1.2 Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit als gesellschaftliche Sphären

Ein Kernelement der neuen symbolischen Ordnung in der bürgerlichen Gesellschaft ist die Differenzierung von Privatheit und Öffentlichkeit als zwei gesellschaftliche Sphären, denen unterschiedliche Räume, Lebensbereiche und Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Der Begriff »öffentlich« versteht sich in diesem Zusammenhang zum einen im Sinne von etwas »allgemein Zugänglichen, Transparenten – im Gegensatz zum Geheimen, Unzugänglichen, Verborgenen« (Preglau 2013, 147), das als privat bezeichnet wird. Zum anderen ist mit Öffentlichkeit die »Bedeutung von Staatlichkeit im Gegensatz zum Privaten (Familie, Warenproduktion)« (ebd.) gemeint. Die Wohnung gilt als der wesentliche soziale Ort der Privatsphäre, der zugleich »die Sphäre der patriarchalen Kleinfamilie« (Habermas 2019, 107) ist. Dieser private Raum wird verstanden als vor fremden Blicken geschützter Raum der Entfaltung von Individualität und Intimität (Häußermann/Seibel 2000, 32).

In Wohnungsgrundrissen seit dem 19. Jahrhundert lassen sich anhand der unterschiedlichen Funktionsräume differenzierte Abstufungen im Übergang vom öffentlichen Raum in den privaten Wohnraum erkennen. Jürgen Habermas konstatiert dazu: »Die Linie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit geht mitten durchs Haus« (Habermas 2019, 109). Der Flur, der seit dem 19. Jahrhundert die Wohnungsgrundrisse prägt, dient als Vorraum, von dem aus alle anderen Räume betreten werden können (Hannemann 2014, 39). Damit kommt diesen anderen Räumen in der Wohnung eine besondere Privatheit zu, weil sie nicht als Durchgangsräume genutzt werden. Einzelne Zimmer werden nur für bestimmte Funktionen und nur von bestimmten Haushaltmitgliedern genutzt (z. B. Elternschlafzimmer, Badezimmer, Kinderzimmer). Der Salon der frühen bürgerlichen Häuser als Forum des öffentlichen Austauschs und damit als öffentlicher Raum im Privaten findet sich durch die zunehmende Privatisierung des Wohnens in den Wohnungsgrundrissen des 20. Jahrhunderts nicht mehr wieder. Seitdem ist das Wohnzimmer meistens der größte Raum, der auch für Besucher*innen zugänglich ist und deshalb am ehesten der Raum zur Repräsentation des sozialen Status und des eigenen Lebensstils ist. Als private Räume der Intimität, Sexualität und Hygiene sind Schlaf- und Badezimmer in der Regel haushalts- und familienfremden Personen nicht zugänglich. Auch wenn sich Grundrisse und Wohnformen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts deutlich diversifiziert haben, lassen sich doch spezifische Funktionen für einzelne Räume und damit verbunden ein unterschiedlicher Grad an Privatheit auch heute noch erkennen. Spezifische Praxen des Lebens werden ganz selbstverständlich als Privatsache verstanden und mit dem Wohnen verbunden (ebd., 40).

Mit dieser Stilisierung des Wohnraums als Privatsphäre geht die Ausgrenzung bestimmter Verhaltensweisen und Bedürfnisse aus der Öffentlichkeit, insbesondere dem öffentlichen Raum einher. Körperliche Bedürfnisse zu erfüllen wie Schlafen oder Körperpflege, gilt im öffentlichen Raum als nicht angemessen oder stellt in vielen Städten sogar eine Ordnungswidrigkeit dar. Der Ausdruck von Emotionen wie Hass, Trauer, Liebe in der Öffentlichkeit sorgt für Irritationen, wenn er nicht eingebunden ist in ein spezifisches soziales Setting oder Ereignis wie beispielsweise eine Beerdigung, eine Hochzeit oder ein Fußballspiel. Körperliche Vitalfunktionen ebenso wie Emotionalität werden seit dem 19. Jahrhundert zunehmend mit Peinlichkeits- und Schamreaktionen besetzt, die zum Teil auch in der Wohnung vor anderen Haushaltsmitgliedern verborgen werden müssen. Im öffentlichen sozialen Raum werden Selbstbeherrschung, Anpassung und das disziplinierte Einhalten von emotionaler und körperlicher Distanz verlangt. Öffentliche Institutionen wie Badehäuser oder Waschhäuser wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts sukzessive abgeschafft und Wohnformen, in denen beispielsweise die Essenszubereitung und die Mahlzeiten kollektiv organisiert sind, gibt es heute nur wenige. Damit wird für die Erfüllung existenzieller menschlicher Grundbedürfnisse die Verfügung über einen eigenen privaten Wohnraum unerlässlich.

Für wohnungslose Menschen hingegen wird die Erfüllung existenzieller Bedürfnisse prekär. Die wenigen Möglichkeiten, die es im (halb-)‌öffentlichen Raum für Erholung und Hygiene gibt, sind an strenge Nutzungsvorgaben gebunden. Die Toilette einer Bücherei und die Dusche im Schwimmbad ist beispielsweise nur für die Nutzer*innen der jeweiligen Institution gedacht. Die Parkbank oder der Sitzplatz in der U-Bahn sollen nur vorübergehend besetzt werden, das Schlafen oder Übernachten ist implizit oder explizit unerwünscht oder untersagt. Damit geraten Menschen ohne Wohnung vielfach in Konflikte mit Ordnungsbehörden, weil sie ihre Privatangelegenheiten im öffentlichen Raum verrichten müssen. Die Vertreibung wohnungsloser Menschen von städtischen Plätzen und Grünflächen wird von den Verantwortlichen vielfach mit der Herstellung der öffentlichen Ordnung begründet. Die öffentliche Ordnung, für die die Entleiblichung des öffentlichen Raums und die Verhäuslichung von körperlichen Bedürfnissen konstitutiv ist, scheint so wirkmächtig zu sein, dass die Not der Menschen, die vertrieben werden, zweitrangig wird, wie es z. B. bei der Räumung von Zelten als notdürftige Unterkünfte wohnungsloser Menschen in Großstädten wie Berlin oder auch San Francisco den Anschein hat (Steckelberg 2019a, 237).

Die Deutung des privaten Wohnraums als Schutzraum entspricht nicht den Erfahrungen, die vor allem Frauen und junge Menschen gemacht haben, wenn sie ihre Wohnung wegen häuslicher Gewalt verlassen müssen. Die Privatheit, verstanden als die Sphäre, in der öffentliche Einmischung keinen Platz haben soll, bietet also nicht nur Raum für die freie Entfaltung, sondern kann auch unkontrollierte Gewaltverhältnisse und persönliche Willkür begünstigen.

Feministische Kritik hat seit den 1970er Jahren immer wieder die unentdeckte Kehrseite von Privatheit in Form von sozialer Isolation, patriarchalen Machtverhältnissen und unsichtbarer Sorgearbeit thematisiert. Verfolgt man die politischen Diskussionen beispielsweise über die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe Ende des 20. Jahrhunderts oder über das Recht auf gewaltfreie Erziehung zu Beginn dieses Jahrhunderts, so findet man dort immer die Frage, inwieweit der Staat sich einmischen darf oder auch muss in Vorgänge, die innerhalb der Privatheit der Familie und der Wohnung vor sich gehen. Indem die Privatheit immer mehr Teil einer öffentlichen politischen Diskussion wird, desto offensichtlicher wird, dass diese Sphäre nicht so losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen existiert und nicht der »Bereich der reinen Menschlichkeit« (Habermas 2019, 110) ist, als der er gerne dargestellt wird.

Die Sphären der Privatheit und Öffentlichkeit sind nicht eindeutig bestimmt, sondern vielmehr durch Ambivalenz gekennzeichnet. Privatheit bedeutet Schonraum und Entfaltung der Persönlichkeit ebenso wie die Begünstigung von Abhängigkeit und Gewalt. Öffentlichkeit bedeutet Anerkennung durch Teilhabe und Vielfalt, aber auch Bloßstellung und unentrinnbare soziale Kontrolle (Preglau 2013, 148).

In der Sozialen Arbeit mit wohnungslosen Menschen zeigt sich diese Ambivalenz in den Lebenswelten der Adressat*innen und muss als Spannungsfeld im methodischen Handeln bedacht werden.

1.1.3 Wohnen als Mittel der sozialen und individuellen Distinktion

Wohnen als Privatsphäre erfüllt neben pragmatischen Funktionen des Schutzes und der Regeneration auch symbolische Funktionen. Wo und wie Menschen wohnen und wie dieser Wohnraum ästhetisch gestaltet ist, gilt als Ausdruck von sozialem Status und von Individualität.

Die Art der funktionalen und ästhetischen Gestaltung der Wohnräume ist Teil des individuellen Ausdrucks derjenigen, die darin leben. Die Realisierung der Wohnwünsche und die Möglichkeiten zur Inszenierung des persönlichen Stils sind allerdings wesentlich von der Größe des verfügbaren privaten Raums und den finanziellen Ressourcen der Bewohner*innen abhängig. In der Gestaltung des Wohnraums bildet sich zudem die soziale Struktur der darin lebenden Familien oder Gemeinschaften ab, beispielsweise bei der Frage, wessen Bedürfnisse erfüllt werden, wer einen eigenen Raum in der Wohnung hat und wer nicht oder welche Wohnräume für wen zu welchem Zweck zugänglich sind. Hier spiegeln sich häufig die Machtstrukturen im Generationen- und Geschlechterverhältnis wider.

Möbel und Gegenstände in einer Wohnung haben nicht nur eine funktionale Bedeutung. Ihnen kann auch ein ideeller Wert, beispielsweise als Erinnerungsstücke zukommen, die biografisch für die Identitätsbildung und Selbstvergewisserung von Bedeutung sind. Das Haus als Familiensitz, in dem sich die Familiengeschichte dokumentiert und sich verschiedene Lebensphasen seiner Bewohner*innen abbilden, dient sogar der Identitätsbildung über mehrere Generationen hinweg. Didier Eribon weist allerdings zurecht darauf hin, dass dies wohlhabenden bürgerlichen Familien vorbehalten ist, die über Wohneigentum verfügen. Für Arbeiter*innenfamilien ist diese Form der generationsübergreifenden Identitätsbildung nur schwer möglich:

»Es gibt keine Orte oder überlieferten Dokumente, in denen ich den dumpfen Klang ihrer Stimmen, in denen ich ihre Schritte, ihre Leben vernehmen könnte. Anders als in bürgerlichen Familien wurden bei uns keine Häuser vererbt, und es können auch deshalb keine Archive in Schubladen und Schränken solcher Häuser gefunden werden« (Eribon 2017, 150).

Ohne diese privaten Räume, die das Erinnern ermöglichen, sind die Familiengeschichten und Lebenswelten von Arbeiter*innen sowie von Menschen in Armut nur marginal kulturell repräsentiert. Über ausreichende finanzielle Ressourcen zu verfügen, um sich (Wohn-)‌Räume als Eigentum anzueignen, hat also auch einen kulturellen Mehrwert, der über die Privatsphäre hinaus bedeutsam ist.