Wolfsmänner - Achim Geisenhanslüke - E-Book

Wolfsmänner E-Book

Achim Geisenhanslüke

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Beschreibung

Von Ovid bis Freud, von Canetti bis Deleuze/Guattari – Achim Geisenhanslüke setzt sich mit den seit der Antike überlieferten Figuren der Wolfsmänner auseinander und entwickelt eine Theoriegeschichte dieser sagenumwobenen Mischwesen. Die Analyse wird durch den ständigen Einbezug literarischer Texte u.a. von Schiller, Goethe, Stifter, Storm, Canetti, Hesse, London und Kipling sowie filmischer Überlieferungen ergänzt.

Der Band ist für Literaturwissenschaftler ebenso interessant wie für Medien- und Filmwissenschaftler, darüber hinaus aber auch für ein breiteres Publikum lesenswert.

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EPUB

Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2018

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ACHIM GEISENHANSLÜKE

Wolfsmänner

Zur Geschichte einer schwierigen Figur

© 2018 transcript Verlag, Bielefeld Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Coverkonzept: Kordula Röckenhaus, Bielefeld eBook-Konvertierung: Datagrafix GmbH, Berlin Print-ISBN 978-3-8376-4271-1 PDF-ISBN 978-3-8394-4271-5 EPUB-ISBN 978-3-7328-4271-1

Besuchen Sie uns im Internet: http://www.transcript-verlag.de

Inhalt

Einleitung

I. Das Märchen vom bösen Wolf

1. Der böse Wolf im Märchen

2. Böse Wölfe in der Fabel

3. Mythos Wolf

II. Wölfe im Land der Literatur

1. Goethe, die Zigeuner und die Wölfe. Götz von Berlichingen

2. Schillers Wolfsmann. Die Geschichte des Sonnenwirtes

3. Die Wölfe und die verletzte Ehre. Brentanos Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl

4. Graue Wölfe – graue Häuser. Theodor Storms Aquis submersus und Zur Chronik von Grieshuus

5. Wolfsjagd bei Adalbert Stifter. Brigitta

III. Freud und die Wolfsmänner

1. Wölfe und Hunde. Brehms Tierleben

2. Der Wolfsmann

3. Freud, die Wölfe und die Psychoanalyse

4. Werwölfe im Film

5. Unter Wölfen. The Wolf Man

IV. Wolfsmänner bei Hesse und Canetti

1. Arme Wölfe bei Hermann Hesse

2. Canetti und Freud

3. Der kleine Elias

4. Schauergeschichten. Wölfe auf der Donau

5. Die Wolfsmaske und der Vater

6. Anthropologie des Kannibalismus. Masse und Macht

7. Zeugenschaft der Wölfe

V. Caput lupinum. Literatur und Politik der Wölfe bei Deleuze/Guattari, Kipling und London

1. Wölfe und Hunde. Mille plateaux und die Kritik der Psychoanalyse

2. Giorgio Agambens Homo Sacer und der Werwolf

3. Kiplings Wolfsjunge

4. Wölfe und Hunde bei Jack London. White Fang

5. Politik der Literatur – Politik der Wölfe

Epilog: Vom Glück der Wölfe

Literaturverzeichnis

Einleitung

In seinem Schelmenroman Satyricon lässt Petronius den ehemaligen Sklaven Niceros, der die Lust am Zechen verloren zu haben scheint, von einer unheimlichen Begegnung berichten. Gemeinsam mit einem Soldaten ist er auf dem Weg zu einem Gasthaus, als beide an einem Friedhof anhalten. Dort geschehen ungeheuerliche Dinge:

Wie ich mich aber nach meinem Gefährten umsehe, da hat er sich ausgezogen und alle seine Kleider an den Straßenrand gelegt. Na, mir blieb beinahe die Puste weg: ich stand da wie eine Leiche. Der pißte um seine Kleider herum, und im Nu hatte er sich in einen Wolf verwandelt. Glaubt nicht, daß das ein Witz ist; um kein Geld der Welt möchte ich eine Lüge erzählen. Also, wie ich schon gesagt habe, er wurde ein Wolf, dann fing er an zu heulen und rannte in den Wald hinein.1

Die seltsame Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Als der Erzähler bleich vor Schrecken am Gasthaus ankommt, informiert ihn seine Freundin darüber, dass ein Wolf in den Gasthof gekommen sei und alles Vieh gerissen habe, dabei aber von einem Knecht am Hals verletzt worden sei. Zu Hause erwartet ihn eine weitere Überraschung: »Wie ich aber nach Hause komme, da liegt mein Soldat steif im Bett, steif wie ein Ochs, und ein Arzt behandelt seinen Hals. Ich sah also wohl, daß er ein Werwolf war, und konnte mit ihm danach nie wieder ein Stück Brot brechen, selbst ums Verrecken nicht.«2 Petronius’ kurze Erzählung vom Werwolf zählt nicht allein zu den frühesten literarischen Berichten über die Verwandlung des Menschen in einen Wolf und die Rückverwandlung des Wolfes in einen Menschen. Er hat zugleich an den Mechanismen teil, die den Umgang mit den Wölfen in der Kulturgeschichte des Menschen über lange Zeit bestimmten. Als Werwolf legt der Soldat zunächst all seine Kleider und damit die Insignien des zivilisierten Lebens ab, um sich danach ganz seiner animalischen Gier nach Blut hinzugeben. Die Verletzung, die er als Wolf erhalten hat, behält er auch als Mensch und flößt gerade darum seinem Kameraden einen unüberwindbaren Schrecken ein. Fortan gilt er für ihn nicht mehr als Mensch, mit dem er das Brot teilen könnte, sondern als ein unheimliches Wesen, das aufgrund seiner hybriden Natur aus dem Bereich des Humanen herausfällt. Der Wolf im Menschen lässt eine soziale Gemeinschaft zwischen Wolf und Mensch nicht zu.

Die Erzählung des Petronius deutet mit der Attacke des Knechts gegen den angreifenden Wolf bereits an, wie die europäische Zivilisation mit der verfemten Figur des Wolfes umgegangen ist. Die Geschichte der Wölfe in Europa, und nicht nur dort, ist die Geschichte einer lang anhaltenden Verfolgung, die beinahe bis zur vollständigen Ausrottung geführt hat. Wie hartnäckig der Impuls ist, den Wolf als einen Schädling zu betrachten, den es am besten umstandslos zu töten gilt, zeigt sich an seiner in den letzten Jahrzehnten zu beobachtenden allmählichen Rückkehr in den zentraleuropäischen Lebensraum. Sobald der Wolf in Deutschland, Frankreich, Italien oder Spanien wieder auftaucht, erheben sich Stimmen der Betroffenen, die seinen sofortigen Abschuss fordern. Die in den Feuilletons der großen Tageszeitungen häufig verbreitete Schlagzeile, dass der Wolf in Europa zurück sei, wird ebenso regelmäßig von Berichten über den ›versehentlichen‹ Abschuss eines Tieres begleitet. Die Bauern, die um ihr Vieh fürchten, sind sich einig, dass der Lebensraum des Wolfes mit dem des Menschen unvereinbar ist. Für den Menschen scheint der Wolf eine einzige Bedrohung darzustellen, gegen die sich dieser nur durch entschlossene Gegenwehr wappnen kann. Gerade die europäischen Länder, die aufgrund ihrer traditionsreichen Geschichte für sich beanspruchen, Hüter der Zivilisation zu sein, sperren sich hartnäckig gegen den Wiedereinzug der Wölfe in ihren Lebensraum.

Die Frage, die sich vor diesem Hintergrund stellt, ist die, wie es überhaupt zu dieser bemerkenswerten Situation kommen konnte. Sie ist sicher nicht leicht zu beantworten. Dennoch gibt es einige Hinweise auf die Gründe der lang andauernden Feindschaft zwischen Mensch und Wolf. Aus evolutionsgeschichtlicher Sicht sind sie zunächst Konkurrenten um die identischen Futterreserven gewesen. Das zeigt auch eine kleine Episode in Cervantes’ Tiernovelle Gespräch zwischen Cipión und Berganza, in der Berganza Cipión von seiner zeitweiligen Tätigkeit als Hirtenhund berichtet, der trotz gewaltiger Anstrengungen nichts gegen die Angriffe der Wölfe unternehmen kann, bis er entdeckt, dass nicht die Wölfe die Schafe reißen, sondern die Schäfer selbst: »Ich war betreten und sah mit Staunen, daß die Schäfer selbst die Wölfe waren, und daß die, die die Herde hüten sollten, sie zugrunde richteten.«3 In ihrer Funktion als Fleischfresser sind die Positionen von Mensch und Wolf austauschbar. Die Verfolgung des Wolfes setzt eine lange Zeit der Koexistenz voraus, die sich durch die bereits in der Eiszeit erfolgte Zähmung des Wolfes noch verkompliziert hat. Denn fortan existiert der Wolf in einer doppelten Gestalt: als gezähmtes Haustier und als wilder Räuber, der den Menschen bedroht. Die Spaltung des Urwolfes in Hund und Wolf hat dazu geführt, dass der eine Teil idealisiert, der andere Teil hingegen verteufelt wurde. Der Wolf ist zum Gegenstand einer simplen Projektion geworden: Alle schlechten Eigenschaften des Tieres sind auf ihn übertragen worden, die guten hingegen auf den häuslichen Freund, den beschützenden Hund. Die Positionen von Freund und Feind sind so eindeutig verteilt. Ausgeblendet werden konnte damit etwa das ausgeprägte Familienleben des Wolfes, dessen Rudelverhalten wie Anpassungsfähigkeit in mehr als einer Hinsicht an das soziale Gefüge des Menschen erinnert.4

So kann es nicht verwundern, dass der Wolf in der Geschichte der europäischen Zivilisation zum Gegenstand einer erbarmungslosen Verfolgung geworden ist, die seinen Bestand bis aufs Äußerste dezimiert hat. Der evolutionäre Erfolg der Spezies Mensch ist an dieser Entwicklung nicht unschuldig: Nachdem der Mensch seinen Lebensraum erweitern konnte, sich vom konkurrierenden Jäger und Sammler zum Bauern und Hirten gewandelt hat, ist die Bedrohung durch den Wolf noch gewachsen. Denn in dem Maße, in dem ihm durch die Kultivierung des Landes weniger Wild zur Verfügung stand, konzentrierte sich das Jagdinteresse des Wolfes auf die von den Hirten und Hunden bewachten Herden. Die unmittelbare Folge war eine Verfeinerung der Wolfsjagd durch Fallgruben, Netze u.a., wie sie seit dem Mittelalter in vielen Texten und Darstellungen zu beobachten ist. In organisierten und immer mehr professionalisierten Wolfsjagden wurden die Tiere verfolgt und zu Tode gehetzt. In der Zeit um 1800 war der Bestand der Wölfe bereits so weit dezimiert, dass eine reale Bedrohung, ohnehin häufig eine Erfindung, die die Vertreibung der scheuen Tiere rechtfertigen sollte, von ihnen kaum noch ausgehen konnte.

Die Geschichte der Konkurrenz zwischen Wolf und Mensch ist aber nur die eine Seite der Medaille. Ihre andere ist die bereits angedeutete kulturelle Nähe.5 Das Zusammenleben in einer Art Großfamilie, die gemeinsame Aufzucht der Jungen, die Anpassungsfähigkeit und ihre weite Verbreitung auf allen Teilen der Erde von der Wüste bis zur Arktis verbinden Wolf und Mensch viel eher, als dass sie sie voneinander trennen würden. Das hat dazu geführt, dass der Wolf in der Kulturgeschichte des Menschen nicht allein als Bedrohung auftaucht, sondern auch als dessen mächtiger Begleiter, am deutlichsten sichtbar vielleicht in der Geschichte von Romulus und Remus, den Gründern Roms, die dem Mythos zufolge von einer Wölfin gesäugt und aufgezogen worden sollen seien. Das Herz der europäischen Zivilisation scheint sich einer hybriden Familienbildung zu verdanken, die sich rhetorisch wie ein Chiasmus zu der Aufzucht und Zähmung des Wolfes zum Hund durch den Menschen verhält: So wie junge Wölfe durch das Säugen menschlicher Frauen zu zahmen Haustieren wurden, so finden die menschlichen Jungen in der Wölfin eine Ersatzmutter, die sie dazu befähigt, den Mythos Rom zu begründen. Der Wolf existiert in der europäischen Zivilisation so auf doppelte Art und Weise: am Rande und im Zentrum zugleich.

Dieser doppelten Position des Wolfes entspricht seine gespaltene Wahrnehmung in der Geschichte. Auf der einen Seite erscheint er als wilder Räuber, der dem Menschen Angst einflößt, auf der anderen Weise als Verkörperung einer Ursprungsmacht, die dem Menschen Bewunderung abverlangt. Die Kulturgeschichte des Wolfes schwankt zwischen Angst und Faszination, zwei Affekten, die das ambivalente Bild des Wolfes für den Menschen spiegeln. »Wie kein anderes Tier in unserem Kulturkreis löst der Wolf gleichzeitig Angst und Schrecken wie Faszination und Bewunderung aus«, hält der Verhaltensforscher Erik Zimen fest.6 Die kulturellen Repräsentationen des Wolfes tragen dieser Ambivalenz Rechnung, indem sie das Raubtierhafte des Wolfes im Medium der Literatur oder des Horrorfilms mit beiden Eigenschaften ausstatten. Angst und Faszination gehen im Fall der literarischen oder filmischen Darstellung von Wolfsmännern Hand in Hand. Wo der Wolf als Naturwesen einen erbitterten Feind des Menschen darstellt, da fließen Mensch und Wolf in den kulturellen Figuren von Wolfsmännern bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander. Die Geschichte des Ausschlusses des Wolfes aus der menschlichen Kultur wird von dem umgekehrten Prozess eines Einschlusses begleitet, der an kulturellen Figurationen wie Wolfsmännern, Werwölfen und anthropomorphisierten Wölfen in Märchen und Fabel deutlich wird. Die hier unternommene Studie geht dieser doppelten Geschichte des Wolfes in der Kultur im Folgenden nach, indem sie seine Repräsentation in der Literatur und im Film an einigen ausgewählten Beispielen näher untersucht. Das Ziel liegt nicht in einer möglichst vollständigen Erfassung der Darstellung von Wölfen in der Kulturgeschichte des Menschen.7 Die Studie legt den Schwerpunkt vielmehr historisch in den Bereich der Moderne und gattungspoetisch in den Bereich der erzählenden Literatur (und ergänzend den des Films), um der doppelten Manifestation des Wolfes zwischen den antagonistischen und zugleich miteinander vermittelten Extremen von Angst und Faszination nachzugehen. Die Prämisse der Untersuchung lautet dementsprechend, dass beides, Angst wie Faszination, strukturell zusammengehört und Teil eines kulturellen Archivs bildet, das es im Durchgang durch die Texte zu entschlüsseln gilt. Dass die Psychoanalyse in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle spielt, mag manchen Leser irritieren, verdankt sich jedoch der simplen Tatsache, dass in der Psychoanalyse nicht nur die wesentlichen Aspekte der Wolfsverfolgung- und verehrung thematisiert werden (etwa in den Begriffen der Projektion und des Totemismus), sondern dass es Sigmund Freud darüber hinaus gelungen ist, mit der Geschichte des Wolfsmannes selbst einen Mythos der Psychoanalyse im Zeichen des Wolfes zu begründen. Mit der Psychoanalyse und über diese hinaus stellt sich die Frage, inwiefern die Darstellungen des Wolfes in der Literatur und im Film ein kulturelles Unbewusstes verkörpern, das die Rationalisierungsprozesse der Moderne im Rahmen der Ausdifferenzierung von Politik, Ästhetik und Ethik begleitet. Dieser Problemstellung entsprechend fragt die Studie nach dem kulturellen Unbewussten, das der Wolf verkörpert, im Medium des Märchens, der Fabel, der Erzählung, des Romans und des Films, darüber hinaus aber auch nach der Bedeutung, die der Wolf für Theoriebildungsprozesse in der Moderne gewinnen konnte – nicht nur bei Hobbes und Freud, sondern, in entschiedenem Widerspruch zur Psychoanalyse, auch bei Gilles Deleuze/Félix Guattari und Giorgio Agamben, Theoretiker, die sich mit dem Freudschen Phantasma der Urszene nicht zufriedengeben wollten. Die doppelte Verortung der Wolfsfiguren in Literatur, Film und politischer bzw. ästhetischer Theorie verbietet es der Studie zugleich, eine klare Grenzziehung zwischen Theorie und Literatur vorzunehmen. Die Wölfe zum Sprechen zu bringen, wie Freud es wenn auch mit zweifelhaftem Erfolg versucht hat, bedeutet keineswegs, selbst zum Wolf werden zu müssen, wie es Deleuze/Guattari im Rahmen ihrer Freudkritik fordern. Die hier unternommene Annäherung an den Wolf sucht die Mitte zwischen Angst und Faszination zu halten, um von dort aus einem kulturellen Phantasma nachzugehen, ohne dessen suggestiver Kraft zu verfallen.

1 | Petron, Satyricon. Ein römischer Schelmenroman. Übersetzt und erläutert von Harry C. Schnur, Stuttgart 1968, S. 72.

2 | Ebd., S. 73.

3 | Miguel de Cervantes, Novellen. Aus dem Spanischen von Konrad Thorer, Frankfurt a.M. 1987, S. 561.

4 | Der Verhaltensforscher Erik Zimen spricht in diesem Zusammenhang von dem »endgültigen Sieg des Stärkeren bei dem jahrtausendealten Konkurrenzkampf zwischen Mensch und Wolf«. Erik Zimen, Der Wolf. Mythos und Verhalten, München 1978, S. 10. Er hebt dabei »die ähnliche soziale Organisationsform des Wolfes und des Menschen« hervor. Ebd., S. 33. Mit einer wachsenden Überschneidung der Lebensräume habe sich eine Konfrontation ergeben, innerhalb derer der Wolf zunehmend als »Objekt von Projektionen menschlicher Ängste« erschienen sei. Ebd., S. 274.

5 | Vgl. die Untersuchung von Petra Ahne, Wölfe. Ein Portrait, Berlin 2016.

6 | Ebd., S. 279.

7 | Vgl. Brian J. Frost, The Essential Guide to Werewolf Literature, Madison 2003 und Charlotte F. Otten, A Lycanthropy Reader. Werewolves in Western Culture, Syracuse 1986.

I.Das Märchen vom bösen Wolf

1.DER BÖSE WOLF IM MÄRCHEN

Dem Wolf ergeht es im Märchen schlecht. Ihm wird der Bauch aufgeschnitten, er wird ertränkt, erschlagen und auf alle erdenkliche Art und Weise malträtiert. Gerade in der extrem vereinfachten Form des Märchens, das sich v.a. durch Eindimensionalität, Flächenhaftigkeit und abstrakten Stil auszeichnet,1 kann der Wolf – in ähnlicher Weise wie seine weiblichen Pendants die Hexe oder die böse Stiefmutter – gar nicht anders denn als Stereotyp erscheinen. Seine hervorstechenden Eigenschaften sind seine Gier und seine Dummheit. Der Wolf ist immer gefräßig, ein wahrer Nimmersatt, der nie zufrieden ist mit dem, was er hat. Seine Gier aber wird ihm stets zum Verhängnis: ein vollgefressener Wolf, so die Moral der Geschichte, lässt sich leichter erschlagen als ein hungriger. Zahllose Märchen können als Beispiel für die Geschichte des tumben verfressenen Wolfes dienen, der am Ende doch ausgetrickst wird. Seine Reinform stellt vielleicht das Märchen Der Wolf und die sieben jungen Geißlein dar, die Geschichte der armen Mutter, die ihre Kinder an den Wolf verliert und dann durch die eigene Tatkraft wiedergewinnt: »Eine Geiß hatte sieben junge Geißlein, die sie mütterlich liebte, und sorgfältig vor dem Wolf hütete«2, so lautet der erste Satz des Märchens, das von Anfang an eine räumliche Konstellation aufbaut, derzufolge ein häuslich und mütterlich besetzter Raum gegen den männlichen Eindringling beschützt werden muss, den der Wolf repräsentiert. Die Geschichte entfaltet sich so als Bedrohung und schließlich Eroberung des mütterlichen Schutzraumes durch den männlichen Aggressor. Die Haustür dient weniger als Schwelle denn als Grenze, die das Innen eindeutig vom Außen trennt: Das Märchen präsentiert einen scheinbar in sich geschlossenen Innenraum, der sich durch das mütterliche Verbot konstituiert, den Wolf hineinzulassen. Ausgeschlossen wird der Wolf aus diesem Innenraum in seiner Funktion als räuberischer Eindringling. Das Märchen übersetzt eine aus der Realität als Bedrohung bekannte Situation – der Wolf, der eine Herde angreift und es vor allem auf die schwächeren Tiere, in diesem Fall die Kinder, absieht – in eine Szene, die sich vor dem Auge des Lesers abspielt. Auf dieser symbolischen Ebene lässt sich ein Szenario der Bedrohung durchspielen, das zunächst vom Erfolg des Wolfes und dann von seinem verdienten Ende berichten kann.

Wenn das Bild des Wolfes das eines Räubers ist, dann ist es wesentlich von Bildern der Gewalt bestimmt. Das Märchen verlagert die Gewalt, die vom räuberischen Tier ausgeht, in den Bereich der List. Was die Handlung bestimmt, ist eine Abfolge von Stratagemen der List, die aufeinander folgen: Die List der Kinder, die sich vom Wolf nicht hereinlegen lassen wollen, die List des Wolfes, der sich mit der Hilfe von Krämer, Bäcker und Müller dem Anschein nach in die Mutter verwandelt, schließlich die List der zurückgekehrten Mutter, die ihn endgültig besiegt, indem sie die Kinder befreit und seinen Bauch mit Wackersteinen beschwert. Das ist um so überraschender, als es »einen entscheidenden Grundzug unserer Kultur gibt, der nicht nur ›listenblind‹, sondern zumindest ›listenskeptisch‹, im Grund aber ›listenfeindlich‹ ist«3, wie Ute Guzzoni herausgearbeitet hat. Während andere Kulturen die List oft positiv besetzt haben, neigt die abendländisch-christliche Tradition der Aufrichtigkeit dazu, die List als Trug, Täuschung, Hinterlist und Niederträchtigkeit zu verteufeln. Dass in der Konfrontation des Wolfes und der Geißlein dennoch zunächst die List und nicht die Gewalt aufgerufen wird, zeigt, dass es im Märchen nicht nur um den Wolf als Natur-, sondern zugleich als Kulturwesen geht, dem menschliche Eigenschaften zugesprochen werden, damit er um so sicherer von diesen in Schach gehalten werden kann.

Der Erfolg seiner dreifachen List kann daher nicht dauerhaft sein. Die Kinder verwehren ihm zunächst erfolgreich den Zugang in das Haus. Einmal mit dem Eindringling konfrontiert, verstecken sie sich mit der Ausnahme des Jüngsten jedoch vergeblich: »Aber der Wolf fand sie alle, und verschluckte sie, außer das jüngste in der Wanduhr, das blieb am Leben.«4 Der Schutzraum des Hauses wird im Falle des jüngsten Geißleins, in seiner mythischen Funktion als Jüngstes der Mutter am nächsten, um einen weiteren Innenraum erweitert, den der Wanduhr, in der sich das Kind versteckt. Das Haus erscheint so als Folge in sich gefalteter Innenräume, die vor dem Eingriff von außen schützen. Umgekehrt aber ist die Aufnahme durch den Wolf, der die Geißlein verschluckt, wiederum als ein Innenraum gezeichnet, ein nicht mütterlich, sondern männlich bzw. väterlich besetzter Innenraum, der die sechs Kinder aufnimmt. Im Unterschied zum Schutzraum des Hauses erscheint dieser Raum in der Form eines »dunkeln Gefängnis«5, in das die Kinder eingesperrt werden. Die eigentümliche Raumstruktur des Märchens stellt somit in einer einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnung einen positiv besetzten mütterlichen Schutzraum einem negativ besetzten männlichen Raum entgegen, der über die Geschlechterverteilung und Familienaufstellung zugleich einen ersten Aufschluss über das Phantasma gibt, das dem Mythos des Wolfes im Märchen zugrundeliegt: Es handelt sich offenkundig um eine Form der verbotenen Inkorporation (in diesem Fall zwecks Nahrungsaufnahme), für die derjenige, der sich ihr anheimgibt, bestraft werden muss. Die Sanktion, die das Märchen ausspricht, richtet sich gegen eine männliche Figur, die mit dem Bild des in der Familie zunächst fehlenden Vaters verschmilzt und die sich schuldig gemacht hat, etwas zu verschlingen, was ihm nicht zusteht. Die Bestrafung folgt daher auf den Fuß.

Auf die List des Wolfes antwortet die der Mutter, »die klug und listig war«6, wie es ausdrücklich heißt. Die strategische Antwort auf das Stratagem des Wolfes besteht in der Befreiung der Kinder und ihrer Ersetzung durch Wackersteine. Mit den typisch weiblichen Werkzeugen Zwirn, Nadel und Schere bewaffnet öffnet die Mutter den Bauch des Wolfes und verhilft den Kindern zu einer zweiten Geburt. »Damit ritzte sie dem Wolf den Bauch auf, und die sieben Geißerchen, die er in der Gier und Hast ganz verschluckt hatte, als sie Luft bekamen, sprangen heraus, hatten keinen Schaden genommen, und freuten sich daß sie aus dem dunkeln Gefängnis erlöst waren.«7