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Im Roman "Wolken über Innermoos" ist ein ganzes Dorf einbezogen. Arm und Reich begegnet sich dort. Habgierige und Bescheidenen, Rücksichtslose und Rücksichtsvolle, Liebende und solche mit Gier nach Sex. Wer ist nun glücklicher und welcher Weg führt ins Verderben? Sogar ein Mord bewegt die Gemüter!
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Seitenzahl: 504
Veröffentlichungsjahr: 2019
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1
Noch vor fünfzig Jahren war es ein reines Bauerndorf. Das hatte sich mit der Erschliessung durch die Eisenbahn im Jahre 1955 gründlich verändert. Ein tüchtiger Unternehmer hatte damals die günstige Lage von Innermoos erkannt. Ein lang gezogenes Berg-Tal, fast noch unerschlossen, an dessen Einmündung ins Flachland Innermoos lag, verhiess billige Arbeitskräfte, Kleinbauern, die sich an ihren Steilhängen abrackerten und nur darauf warteten im Nahbereich einen Arbeitsplatz zu finden.
So gründete Rudolf Schindler die „IVOR“ ein Zulieferungsbetrieb, hauptsächlich für die Autoindustrie. Seither war Innermoos mehr und mehr zu einem Industrieort geworden. Die Bauern der Gemeinde gaben teilweise ihre unrentablen Betriebe auf, verkauften sie oder hielten sich noch ein paar Schafe und suchten Arbeit in der Fabrik oder in einem Handwerksbetrieb, die in der Folge auch fast wie Pilze aus dem Boden schossen.
Wieder andere Bauern, vor allem an den nicht sehr steilen Hängen auf der Sonnseite, vergrösserten ihren Besitz durch Zukauf.
Einer von ihnen war Fritz Gafner, auch Halden-Fritz genannt. Durch Zukauf von drei Kleinbetrieben vergrösserte er sein ohnehin schon stattliches Heimwesen zu einem schönen, rentablen Bauernhof.
Das behäbige Bauernhaus stand auf einer Terrasse, etwa hundert Höhenmeter über dem Dorf, die wohl an die zwanzig Jucharten mass. Gegen das Tal zogen sich leicht haldige Matten und hinter dem Haus ebensolche, nur dass sie allmählich immer steiler wurden und schlussendlich durch einen Bergwald begrenzt waren. Ein Fichtenwald, mit kleinen Felsen durchzogen, der ebenfalls zur Halde gehörte. Oberhalb des Waldes befand sich noch eine Jungviehweide mit einer Scheune, auch in Gafners Besitz. Alles in allem ein Betrieb mit dreissig Hektaren, der Wald eingeschlossen.
Nebst diesem schönen Besitz hatte Fritz Gafner noch Anteil an einer Alp ganz hinten im Tal, wo er die meisten seiner Milchkühe im Sommer dem Sennen überliess, und selber zuhause in aller Ruhe zusammen mit seiner Frau, einem älteren etwas verwachsenen Knechtlein und gegebenenfalls mit seinen Kindern für das Futter im Winter besorgt war
Fünf Personen sassen um den Mittagstisch. Der Bauer, die Bäuerin, Kobi der Knecht, Tamara die achtzehnjährige Tochter und ihr vierzehnjähriger Bruder, Lukas.
„Hat es dir geschmeckt?“ fragte Anna, die Bäuerin, Kobin den Knecht „Ja es war fein!“ antwortete dieser, etwas beschränkte, mit einem Sprachfehler behaftete, untersetzte Mann, der eher zu einem Mitglied der Familie gezählt wurde, denn als Knecht. Seine Gutmütigkeit war allgemein bekannt und seine Hilfsbereitschaft grenzte schon bald an Grossmut. Er hätte das Essen auch gerühmt, wenn es ihm nicht geschmeckt hätte. Aber Bratwurst mit viel Zwiebeln und Kartoffelrösti war sein Lieblingsgericht. Danach noch Kuchen und Kaffee zum Dessert, was will man denn mehr!
„Nachmittag geht es ums Letzte, danach ist es wieder einmal eingebracht! “ so stellte der Bauer fest. „Ja“, erwiderte die Bäuerin, „es war eine gute Heuernte, wir hatten Glück mit dem Wetter.“ „Hilfst du auch, oder musst du lernen?“ fragte Vater Fritz seine Tochter Tamara. „Nur wenn ich auch ein wenig mit dem Ladewagen fahren kann!“ „Ach meinetwegen,“ entgegnete der Vater. Da packte Lukas seine Schwester unsanft an den Haaren und schrie: „Die darf immer und ich nie!“ Nun schritt die Mutter ein. „Hör auf zu zanken, du wirst bestimmt auch nicht zu kurz kommen!“ Der Junge gehorchte augenblicklich, ein Zeichen dafür, dass seine Mutter die Autorität noch nicht verloren hatte. Tatsächlich liess sie mit sich diskutieren, aber Widerreden duldete sie nicht.
2
Tamara machte eine Verwaltungslehre in der örtlichen Gemeindeschreiberei, weil es aber Samstag war hatte sie frei. Für sie war es selbstverständlich, in ihrer Freizeit auf dem Hof mitzuhelfen. Das war schon immer so bei Gafners. Niemand zwang die Kinder zur Arbeit auf dem Hof, sie halfen einfach, vielleicht weil ihre Arbeiten, wenn auch noch so klein, gewürdigt und geschätzt wurden. An dieser Familie könne man sich ein Beispiel nehmen, sagten die Leute im Dorf. Vor allem das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war vorbildlich, aber auch zwischen den Eltern herrschte kaum jemals Familienkrieg. Die beiden Geschwister lagen sich natürlich schon etwa in den Haaren, das waren aber harmlose Geplänkel, die schnell wieder vergessen waren.
Kobi und Fritz erhoben sich nun vom Esstisch und begaben sich vor das Haus auf eine lange Bank und pflegten eine halbe Stunde der Musse. Das taten sie immer bei schönem, warmem Wetter. Dabei stopfte Kobi sein Tabakspfeifchen und entfachte es genüsslich. Hier hatten sie eine wunderbare Aussicht über das Dorf hinweg und weit in das Tal hinein. Vor ihnen lagen die abgeernteten Heumatten, durchzogen von der Zufahrtstrasse, die sich in zwei grossen Kurven vom Dorf hinaufwand.
„Gibst du mir auch einen Zug?“ fragte Lukas der sich unterdessen zu den Männern gesellt hatte, den Kobi und deutete auf die Tabakspfeife. „Lass das lieber sein, und fang gar nicht erst damit an!“ riet ihm der Vater.
Derweil die Männer vor dem Haus Siesta hielten, wuschen Tamara und die Mutter das Geschirr ab. Anna hatte sich geweigert einen Geschirrspüler anzuschaffen. Erstens verbrauche der nur Strom und zweitens könne man nirgends so ungezwungen miteinander schwatzen wie beim Abwaschen. Schwatzen tat sie eben gern, denn sie hatte ihr Herz auf der Zunge. Nichts das ihr Kummer machte oder auch Freude konnte sie für sich behalten. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude, war ihr Wahlspruch. So erzählte sie oft Dinge, die eine Frau normalerweise nicht erzählt, und wenn sie es nicht hätte erzählen können wäre sie sicher fast zerplatzt. Fritz warf ihr dann etwa einen scharfen Blick zu, wenn er glaubte jetzt ginge sie zu weit.
Heute ging es beim Abwaschen wieder einmal um Liebe und sogar um Sex. Die zwei Frauen hatten untereinander überhaupt keine Hemmungen und so war Tamara auch schon sehr früh aufgeklärt, und hatte schon einiges von ihrer Mutter mit auf den Weg bekommen.
„Hast du eigentlich noch keinen Freund?“ wollte die Mutter wissen. „Ich habe verschiedene, aber noch keinen Festen. „In welchem Alter hattest den du den Ersten?“ „Meinst du den ersten Festen?“ „Ja Mutter!“ „Du glaubst es vielleicht nicht, aber meinen ersten festen Freund habe ich immer noch!“ „Du meinst Vater?“ „Ja, den meine ich!“ „Hattest du denn nie einen andern?“ „Vielleicht so ein bisschen ein Geplänkel schon, aber nichts Ernstes!“ „Wie alt warst du denn als du dich verliebt hast?“ „Das war kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag.“ „Mein Gott da bin ich ja direkt altmodisch und ihr liebt euch immer noch?“ „Klar doch unsere Liebe ist ungebrochen!“ „Bist du dir da sicher? Ich meine, Vater könnte anders denken!“ „Das glaube ich nicht, Männer muss man nur verwöhnen, du weisst schon was ich meine, dann gehen sie auch nicht fremd!“ „Wann gingt ihr denn das erste Mal zusammen ins Bett?“ „Du willst viel wissen, vielleicht etwa nach einem Jahr.“ „So lange habt ihr gewartet!“ „Ja, ich wollte zuerst sicher sein, dass Fritz mein Mann fürs ganze Leben sein würde!“ „Du meinst also man sollte nicht gleich mit jedem ins Heu!“ „Verbieten würde ich es dir nicht, aber abraten. Schau, wenn es danach zur Trennung kommt, prahlen die Burschen herum der haben sie es auch einmal gemacht. Sofort hast du einen schlechten Ruf und unter der Hand bezeichnen sie dich als „Occasion“. Dazu und das ist meine Meinung, sollte man Liebe und Sex nicht trennen. Die höchste Erfüllung erlebt man glaube ich nur, wenn man sich auch wirklich liebt! „So nun ist es wohl Zeit zum Ausrücken, die Männer warten sicher schon auf uns!“ Es galt noch das letzte Heu in den steilen Matten hinter dem Haus einzubringen. Die Arbeit war Routine, seit Jahren die gleiche. Oben am Wald war das Gelände für alle Maschinen zu steil, deshalb musste das Heu hier mit Handrechen heruntergezogen werden, soweit bis es mit dem Ladewagen aufgenommen werden konnte. Das war Arbeit für die Mutter und die Kinder. Weiter unten bediente Kobi den Bandheuer, während der Vater bereits mit dem Ladewagen auffuhr. Nach drei Fudern übernahm Tamara den Ladewagen, weil der Vater auf der Bühne den Heu Kran bedienen musste. Lukas kam beim letzten Walm auch noch zum Zuge, und konnte doch noch ein Fuder heimführen.
„So das wäre wieder einmal geschafft!“ Guter Laune stellte dies der Vater fest, nachdem er den letzten Rest mit dem Heu Kran auf den Stock befördert hatte. „Ja, wascht euch beim Brunnen und setzt euch danach vors Haus an den Tisch, ich werde zur Feier des Tages etwas zum Knabbern auftragen!“ Diese Einladung kam von der Mutter.
Es war zirka vier Uhr und Zeit genug, sich etwas hinzusetzen, bevor man die zwei Milchkühe die zuhause geblieben waren und die Kälber besorgen musste.
Vor dem Haus befand sich ein grosser Tisch aus Arven Brettern, dazu Bänke aus dem gleichen Holz. Er stand wohl schon seit Urgrossvaters Zeiten da, unter dem grossen Vordach, so dass er bisher jedes Unwetter überstanden hatte. Von hier aus konnte man das ganze Dorf und weiter das lange Tal überblicken.
Da hatte man sich hingesetzt. Mutter und Tamara hatten eine grosse Fleischplatte und dazu für die Männer Bier und für die Andern kalten Tee aufgetragen.
Leicht bekleidet, nur das nötigste auf dem Leib, dem Wetter und der getanen Arbeit entsprechend. So trug Tamara kurze Hosen und ein freizügiges Top. Darunter der grossen Hitze wegen nicht einmal einen Büstenhalter. Die Mutter war ähnlich angezogen, trotz ihres Alters von über vierzig Jahren. Es sehe sie ja niemand und wenn auch. Sie hätte sich ohne weiteres sehen lassen können. Denn sie war eine hübsche Erscheinung und brauchte nichts zu verstecken. Sowohl Mutter als auch Tochter konnten ihre wohlgeformten Körper kaum hinter Kleidern verbergen. Fritz dachte oft bei sich, wenn es stimme, dass der liebe Gott die Menschen erschlaffte, so habe er sich bei seinen Frauen ganz besonders Mühe gegeben. Anna wie eine Rose in voller Blüte und seine Tochter wie eine sich gerade öffnende.
Nicht weniger gefiel aber der Mutter Gafner ihr Mann. Ein selbstbewusstes Muskelpaket, mit kantigem Gesicht stahlblauen Augen, dunkelblondem dichtem Haar und Händen, die zupacken konnten. Anna betrachtete wieder einmal das Spiel seiner Muskeln, die von einer glatten gebräunten Haut überzogen waren. Sie war mehr als zufrieden mit ihrem Mann und oft, wenn sie mit ihm wieder eine besonders schöne Stunde verbracht hatte, wollte es ihr das Herz fast zersprengen und am liebsten wäre sie unter das offene Schlafzimmerfenster gestanden, und hätte es dem ganzen Dorfe zugerufen wie schön es wieder gewesen sei. Etwa so: „Schminkt euch wie ihr wollt, ihr da unten. Salbt euch ein mit Parfüm. Hängt goldene Ketten um den Hals und kauft euch teure Kleider, aber einen Mann wie ich einen habe kriegt ihr nie—nie!“ So war ihr jeweils zumute und wir haben es schon gehört, sie hatte das Herz auf der Zunge.
Und Lukas? Er war nicht mehr ganz ein Knabe aber auch noch nicht erwachsen. So im dümmsten Alter. Nirgends konnte er lange sitzen, so auch heute nicht. Während die Andern am Tische plauderten, versuchte er mit Steinen die Apfelbäume zu treffen, spielte mit dem Hund Fino und neckte vor allem immer wieder Tamara, und hatte die grösste Freude daran, wenn sie ihn erzürnt verfolgte. Sonst war er ebenfalls ein hübscher Bursche, er müsste ja nicht ein Gafner sein. Kobi der Knecht kaute genüsslich an einem Stück Schinken und trank dazu Bier in kleinen Schlücken. Er war wirklich eine treue Seele. Seit seiner Kindheit war er schon bei Gafners. Die Grosseltern hatten ihn aufgezogen als wäre er ihr eigenes Kind. Nie wurde er wegen seinem Aussehen und seinem Sprachfehler gehänselt und wenn ihm Tamara oder Lukas etwas Schlechtes angetan hätten, wären sie vom Vater oder der Mutter hart bestraft worden. Leicht bucklig, den Kopf etwas schräg gestellt, weil er in seinen ersten dreissig Lebensjahren einen grossen Kropf gehabt hatte, den damals niemand zu operieren gewagt hatte. Weitere Merkmale waren seine kleinen etwas listigen Äuglein und sein Gesicht glich etwa dem einer Ziege.
Kobi war äusserst sensibel. Eine Kleinigkeit brauchte es und er hatte Tränen in den Augen. Entweder vor Freude oder vor Kummer oder sonst einer Begebenheit, die sein Herz bewegte. Bei Gafners lachte niemand darüber und unter andere Leute kam er kaum. Am liebsten blieb er zu Hause bei seinen Tieren. Nur einmal im Jahr, das wussten alle, kleidete er sich sonntäglich und nahm sich einen Tag frei um in dem nahen Städtchen den Herbstmarkt zu besuchen. Dort kaufte er sich von seinem Ersparten immer beim gleichen Händler eine Glocke. Fahrgeläute nennen das die Bauern. Diese Glocken sind meist an einer langen Stange vor dem Haus aufgehängt und werden den Kühen nur angelegt, wenn sie auf die Alp getrieben werden, oder dann von dort bekränzt in einer Alpabfahrt wieder zurückgebracht werden. Dieses Fahrgeläute war Kobis grosser Stolz. Der Händler, der ihm die Glocken jeweils verkaufte, hätte dieses Knechtlein auch schamlos ausnützen können, aber er tat es nicht, auch wenn er sonst den reichen Bauern nichts schenkte, und alles versuchte, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
So sassen sie nach getaner Arbeit gemütlich vor dem Haus als Lukas plötzlich gegen den Himmel deutete und rief: „Ein Gleitschirm, ein Gleitschirm, direkt über unserem Haus!“
Nun, weiter hinten im Tal wäre das nichts Aussergewöhnliches gewesen. Aber dieser Bursche war wahrscheinlich auf der Haldenfluh gestartet. Das heisst, dass er sein schweres Gerät durch den relativ selten begangenen Wanderweg hat hinauftragen müssen, an und für sich schon eine beachtliche Leistung. Oben als Erster zu starten brauchte sicher Mut.
Am Schirm hing Markus Speidel. Vor zwei Wochen hatte er sein Gleitschirmpilotenbrevet nach bestandener Prüfung erhalten. Darauf war er sehr stolz, besonders weil ihn seine Eltern nicht finanziell unterstützt hatten und er sich das ganze Geld das die Ausbildung und der Schirm gekostet hatten, aus seinem Lehrlingslohn zusammengespart hatte.
Markus war Mechaniker Lehrling im dritten Lehrjahr. Die ersten zwei Lehrjahre hatte er in der Nähe von Winterthur absolviert. Da seinem Vater, einem Maschinenbau-Ingenieur, eine gut bezahlte Stelle bei der IVOR angeboten wurde, war die ganze Familie nach Innermoos umgezogen. Hier konnte Markus seine angefangene Lehre fortsetzen.
Noch bekundete er etwas Mühe, in einen Freundeskreis von gleichaltrigen Innermooser aufgenommen zu werden. Die waren von jeher skeptisch allen Fremden gegenüber, eine Eigenschaft, die in den Bergen weit verbreitet ist. In der IVOR wurden aber noch zwei weitere Lehrlinge ausgebildet. Die erkannten in ihm schnell einen angenehmen Kollegen. Einer davon lernte gerade Gleitschirm-Fliegen und konnte Markus auch dazu animieren. Der erwies sich als sehr geschickt, so dass er nun die Prüfung vor seinem Kollegen Hermann ablegen konnte.
Stolz zog er nun seine Kreise am Himmel über Innermoos. Im Schweisse seines Angesichts hatte er den Schirm auf die Haldenfluh getragen. Die Neigung erwies sich als gut, und der Start bereitete ihm keine grosse Mühe. Etwas mehr Erfahrung hätte er aber gebraucht, um den richtigen Aufwind zu finden. Schnell musste er einsehen, dass er keine allzu grosse Höhe gewinnen konnte, und somit das Dorf wohl nicht überfliegen könne. Unter sich sah er einen Bauernhof, und darum herum frisch abgeerntete Heuwiesen. Am besten würde er hier landen, denn weiter unten sah er eine Freileitung und Gärten. So flog er noch ein paar Kreise, bis er genug Höhe abgebaut hatte, zog nachher an den Leinen und leitete die Landung ein.
Gespannt hatten Lukas und Tamara den Flug verfolgt und waren, als dem jungen Mann die Landung glückte, zu ihm geeilt.
Tamara kannte den Burschen flüchtig, weil er sich auf der Gemeindeschreiberei eine Indentitätskarte bestellt hatte. Dort hatte sie sich dabei ertappt, dass sie sich sein Passfoto öfters als nötig angeschaut hatte, so wie man ein Bild gerne anschaut, das einem gut gefällt.
„Hoi,“ rief ihm Tamara zu und Lukas musste sich natürlich den Flieger aus nächster Nähe ansehen. „Tritt mir bitte nicht in die Leinen“, wies ihn Markus etwas zurück.
„Ist das nicht gefährlich?“ fragte nun Tamara, wohl eher um ein Gespräch, mit diesem hübschen jungen Mann zu beginnen. „Wenn man alles beachtet überhaupt nicht. Wunderschön ist es, megageil, das kann ich dir sagen, himmlisch schön!“
Unterdessen war auch der Vater und Kobi interessiert herbei getreten. „Du hast sicher Durst, wir nehmen gerade z’ Vieri vor dem Haus. Komm iss mit uns eine Kleinigkeit.“ „Gerne, danke, aber ich muss zuerst den Schirm einpacken, bevor mir der Wind alles durcheinander macht.“ „Kann ich dir etwas helfen?“ „Wohl kaum, das ist etwas, das gelernt sein muss, ich danke dir trotzdem!“ So schauten alle, ausser der Mutter zu, wie Markus die Leinen und den Schirm faltete und in einen grossen Tragsack steckte. Die Mutter hatte gehört, dass Vater den Burschen eingeladen hatte, und beeilte sich, die Fleischplatte und die Getränke zu ergänzen.
So sass man nun von neuem um den grossen Tisch. Markus musste erzählen, wie so ein Schirm zu bedienen sei, was man alles über das Wetter und die Beschaffenheit der Wolken wissen müsse, wie man auszuweichen hätte, wie man einen Sinkflug einleite oder mit Aufwind an Höhe gewinnen könne.
Tamara hörte ihm besonders gut zu. Sie fand diesen jungen Mann äusserst sympathisch, und konnte kaum den Blick von ihm abwenden. Gut gebaut, mit sportlicher Figur dazu braune glänzende Augen, eine Reihe gesunder Zähne in seinem kantigen Gesicht das er glattrasiert hatte. Es war ihr, als sähe sie nur lauter Vorteile an ihm. Dazu musste er mutig sein, sonst wäre er nicht Gleitschirmflieger. Das Mädchen war im Begriff, sich in einen Jungen zu verlieben.
Die Blicke von Tamara blieben natürlich von Markus nicht unbemerkt und er müsste ein Holzklotz gewesen sein, wenn sie ihn nicht zu tiefst erregt hätten. Schliesslich war Tamara eine wunderschöne junge Frau. Markus getraute sie in ihrer leichten Bekleidung kaum anzusehen. Jedoch zweifelte er daran, dass jemals ein so hübsches Mädchen an ihm gefallen finden könnte, denn selber fand er sich hässlich und mit allen möglichen Fehlern behaftet.
Das Gespräch nicht nur mit Tamara, sondern der ganzen Familie fand er aber angenehm und er fühlte sich wohl an ihrem Tisch.
Nach einer Weile bemerkte nun der Vater, sie müssten wohl in den Stall. Da wollte sich Markus erheben und sich verabschieden. Tamara versuchte ihn noch zurückzuhalten, sie müsste ja nicht in den Stall! Markus erklärte aber, er sollte nun auch nach Hause, sonst würden sich seine Eltern Sorgen machen. So bedankte er sich für die Gastfreundschaft, streckte jedem seine Hand hin und wünschte ein schönes Wochenende.
An diesem Samstagabend konnte Tamara lange nicht einschlafen. Das lag kaum am Mond, der hell durch ihr Fenster schien. Entweder sah sie Markus im Geiste am Gleitschirm hängen und hatte Angst um ihn, oder er sass bei ihnen am Tisch und plauderte, und sie dachte wortwährend wie hübsch dieser Bursche sei. Dann träumte sie mit offenen Augen er wäre ihr Freund, und läge bei ihr im Bett. Da brauste ihr junges Blut wild durch ihre Adern, und sie kriegte lauter Schmetterlinge im Bauch.
3
Der Weg von ihrer Wohnung zur IVOR war kurz, und so legte ihn Markus jeweils zu Fuss zurück. Natürlich immer im letzten Moment, wie alle jungen Burschen, aber nur solange, bis er einmal entdeckt hatte, dass die Verwaltungslehrtochter Tamara etwa zehn Minuten früher den gleichen Weg, aber in entgegengesetzter Richtung mit dem Fahrrad befuhr. Da wunderte sich seine Mutter, wie plötzlich der Bub zeitig zum Morgenessen erschien und auch früh zur Arbeit aufbrach.
Am Anfang begnügten sich die beiden damit, einen freundlichen Gruss und einen süssen Blick auszutauschen. Doch eines Tages, es waren wohl kaum zwei Wochen vergangen, hielt Tamara an, und erkundigte sich wie es ihm ergehe, ob er auch wieder geflogen sei, wie es ihm in der IVOR gefalle? Fragen wie sie eben gestellt werden, nur in der Hoffnung es könnte daraus vielleicht doch eine Beziehung entstehen. Tatsächlich gab’s von nun an jeden Morgen einen kleinen Schwatz.
4
Einmal mehr sassen Gafners nach getaner Arbeit um den Stubentisch. Vater Fritz las die Zeitung und gab sie Blatt um Blatt an Kobi weiter. Lukas schaute sich eine Sendung im Fernseher an, die offenbar sonst niemanden interessierte. Mutter Anna konnte es nicht lassen und strickte an einem Socken, während Tamara einen Kleiderkatalog studierte. Immer wieder blieb sie an der gleichen Seite hängen, an einem Kleidchen das ihr ganz besonders gefiel. Sie schob der Mutter den Katalog hin und fragte: “Was meinst du zu dem?“ Sie zeigte auf ein enggeschnittenes Polokleid. „Ein bisschen gewagt finde ich, möchtest du nicht lieber Hosen und dazu ein Top?“ „Bis jetzt habe ich immer Hosen getragen, nun möchte ich einmal einen Rock oder so etwas.“ Nun mischte sich der Vater ein: „Zeig her welches möchtest du? Potz Tausend, sexy, darin wirst du die Buben anziehen wie ein Kuhfladen die Fliegen!“ „Das will ich ja auch, damit ich mir den besten aussuchen kann!“
Eigentlich wollte Tamara nur wissen, ob sie mit diesem Kleid bei den Eltern auf totale Ablehnung stossen würde; sie hatte sich nämlich schon lange für dieses entschlossen. Der Preis war günstig, wenig mehr als sechzig Franken. Mit der Farbe war sie sich noch nicht ganz einig. Unterer Teil weiss mit schwarzem Muster, Oberteil schwarz oder unterer Teil braun mit grünem Blattmuster und Oberteil fliederfarbig. Da sonst die Eltern nichts einzuwenden hatten, entschloss sie sich zur zweiten Variante.
„Was meinst du Mutter? Wenn ich es morgen bestelle erhalte ich es bis am übernächsten Samstag?“ „Ich glaube schon, wenn du es nicht noch umtauschen musst! Was ist denn an diesem Samstag so wichtiges, dass du ein neues Kleid brauchst?“ „Aber Mutter! Da ist doch im Dorf Sommernachtsfest es steht doch in allen Zeitungen. Macht denn der Damen-Turnverein nicht mit?“ „nicht, dass ich wüsste!“ „Und die Dorfmusik auch nicht?“ „Doch, wir spielen zur Eröffnung ein paar Märsche. Durchführen tun es die Hornusser und der Sportverein.“ „Ich will auch neue Kleider,“ meldete sich nun Lukas. „Ich wüsste nicht wozu, du hast Kleider genug und dazu bezahlt Tamara das Ihrige selber!“
Das Kleid kam rechtzeitig und passte wie angegossen. Glücklich muss sein, wer eine Figur hat wie eine dieser Frauen die sie in den Katalogen präsentieren!
Nun kam endlich der ersehnte Samstag. Wer eine erwachsene Tochter im Hause hat wäre gut beraten mit zwei Badezimmern. Glücklicherweise hatte es bei Gafners noch eine Dusche mit WC im Scheunenteil. Sonst wäre wohl ein kleiner Krieg ausgebrochen, denn Tamara belegte das Bad lange. Es ist von Natur im Wesen der Frauen sich für solche Anlässe möglichst schön zu machen, wobei diejenigen sich noch die meiste Mühe geben, die es überhaupt nicht nötig hätten. Da ist duschen und waschen noch das wenigste. Von den Haaren bis zu den Zehenspitzen muss alles glänzen und duften. Haare waschen, Zähne etwa drei Mal putzen sich einbalsamieren, die Wimpern tönen dezentes Rot auf die Lippen, immer wieder kontrollieren ob die Haare auch richtig liegen, natürlich die Fingernägel lackieren und je nach Art der Schuhe auch noch die Zehennägel. Das dauert schon seine Weile.
Endlich war Tamara zufrieden mit ihrer Körperpflege. Wohlgefällig betrachtete sie ihren nackten Körper im Spiegel, war zufrieden mit ihren prallen Busen und dachte eigentlich an keinen Andern als an Markus. Sie zog sich ihre Unterwäsche an und begab sich vom Bad in ihr Zimmer, wo sie ihr neues Kleid überstreifte. Toll sah sie aus, würde sie wohl ihrem Traummann gefallen?
Vater war fast ein bisschen schockiert als er seine Tochter sah, während die Mutter nur ein schelmisches Lächeln aufsetzte. Vater hatte die Musikuniform angezogen und Mutter ein leichtes Sommerkleid. So begaben sie sich zu Fuss auf den Weg ins Dorf, begleitet von Schimpfwörtern, ausgestossen von Lukas, weil er zu Hause bleiben musste. In der Festhütte trennten sie sich. Vater musste zum Einblasen, Mutter begab sich an einen Tisch an dem sich Kolleginnen vom Damenturnverein befanden und Tamara fand schnell zu Jugendlichen in ihrem Alter. Sie schaute sich nach allen Seiten nach Markus um, sah ihn aber nirgends. Ziemlich aufgewühlt sass sie auf ihrer Bank, trotz dem Auftritt der Dorfmusik den Blick meistens auf den Eingang gerichtet. Endlich! Mit einem etwa gleichaltrigen oder vielleicht etwas älteren Burschen trat er unter den Eingang und schaute sich um. Jetzt oder nie, ging es Tamara durch den Kopf und sie winkte ihm zu. Offenbar besprach er sich nun mit seinem Kollegen und deutete dabei auf ihren Tisch. Darauf setzten sie sich in ihrer Richtung in Bewegung. Die Jungs rutschten ein wenig zusammen, und die Zwei setzten sich mit freundlichem Gruss gegenüber von Tamara an den Tisch. Dich kennen wir, du bist der Junge vom IVOR Chef, aber wer ist dein Kollege. Da fühlte sich Tamara dazu berufen den jungen Mann vorzustellen und so sagte sie, das ist Markus Speidel Mechaniker Stift in der IVOR. Sein Vater arbeitet ebenfalls dort und ist Ingenieur.“ „Du bist bereits gut im Bilde!“ meinte einer ihrer Schulkameraden mit einem etwas eifersüchtigen Unterton. „Ach so? in der Gemeindeschreiberei lernt man eben die Leute kennen!“
Die Jungs lauschten nun doch ein bisschen den Klängen der Dorfmusik, konnten es aber fast nicht erwarten bis die Kapelle zum Tanze aufspielte.
Endlich war es soweit. Eine bekannte Stimmungskapelle eröffnete den Tanzabend. Tamara hatte Herzklopfen, und zitterte vor Aufregung. Würde er sie zum Tanze auffordern? Zu leicht wollte sie es ihm nicht machen, und so richtete sie ihren Blick gegen die Tanzbühne statt Markus zuzulächeln. Jener hätte eigentlich nichts lieber getan als mit Tamara zu tanzen, fürchtete aber sie könnte ihm einen Korb geben und dazu fand er, habe er ja zwei linke Beine und könne nicht tanzen. So zögerte er zu lange, obschon auch ihm das Herz zum Zerspringen klopfte.
Im Gegensatz zu ihm hatte sein Kollege, Felix Schindler überhaupt keine Hemmungen. Diesem war der Umgang mit Mädchen geläufig, und als Student und Sohn eines reichen Fabrikanten hatte er auch immer reichlichen Zulauf gehabt und Erfahrung gesammelt. Der hatte sich schon bei den ersten Tönen von seinem Sitz erhoben und forderte über den Tisch hinweg Tamara zum Tanze auf. Jene warf zwar noch einen sehnsüchtigen Blick auf Markus, getraute sich aber nicht nein zu sagen und so tanzte sie eben mit Felix den ersten Tanz. Sie war eigentlich auch noch Anfängerin. Sie hatte zwar in der Schule im Ferienlager ein wenig tanzen gelernt aber auf der Tanzbühne hatte sie keine Erfahrung. Anders Felix. Der hatte schon oft an Studentenpartys und in der Disco getanzt. So führte er Tamara sicher und das Paar war recht hübsch anzuschauen. Dies nahm natürlich Markus endgültig den Mut. In der Folge tanzte nun Tamara einen um den andern mit Felix und ärgerte sich eigentlich darüber. Sie hätte erwartet, dass Markus auch einmal aufgestanden wäre und sie gefragt hätte, denn ihr Herz schlug seit langem für ihn.
Markus seinerseits wurde immer betrübter. Am liebsten hätte er seinem Kollegen das Mädchen einfach entrissen. Mehr als einmal fasste er den Mut und dachte, das nächste Mal werde er sie fragen, aber Felix war immer der Schnellere, oder er fragte sie schon auf der Bühne um den nächsten Tanz.
So dachte Markus bei sich, bei der hätte er ohnehin keine Chance. Die sei so schön, dass sie sich einen aus den oberen Zehntausend aussuchen könne. So verflogen seine schönsten Träume die er in den letzten Wochen gehabt hatte und tiefbetrübt stand er auf wünschte eine gute Nacht und ging nach Hause.
Darüber ärgerte sich Tamara sehr. Weshalb hatte er sie nicht ein einziges Mal um einen Tanz gefragt? Wie gerne hätte sie ihn in ihren Armen gehabt. War sie ihm zu wenig? Oder war er derart eifersüchtig, weil sie den ersten Tanz mit Felix getanzt hatte. Oder wollte er es mit dem Sohn seines Chefs nicht verderben?
Obschon sie auch enttäuscht war, wollte sie sich nichts anmerken lassen und den Abend bis zum letzten Tanz auskosten, denn daran fand sie Gefallen. Ihre Eltern hatten sich etwa um zwei Uhr nach Hause begeben. Sie wünschte aber noch ein wenig zu bleiben. So tanzte sie mit Felix bis die Musik erklärte, dies sei nun der Letzte. Da fragte er sie, ob er sie nach Hause begleiten dürfe. „Ich finde den Weg gut selber!“ gab sie ihm zur Antwort. „Das glaube ich dir, aber ich würde dich trotzdem gerne begleiten!“ Darauf erwiderte Tamara nichts, was Felix einfach als Einwilligung auffasste.
Kaum lagen die letzten Häuser hinter ihnen, sie waren gerade bei einer kleinen Hecke angelangt, packte sie der Bursche, riss sie mit Gewalt an sich und wollte sie küssen. Tamara wehrte sich und versuchte ihn von sich zu stossen. „Lass das sein so weit sind wir noch nicht!“ „Tu doch nicht so blöd, was ist denn schon dabei!“ „Ich stelle mir das ein bisschen anders vor, ich bestimme selber wer mich küssen soll! Er zog sie aber erneut mit aller Gewalt an sich und versuchte wieder sie zu küssen. „Jetzt ist aber genug, scher dich nach Hause, aber sofort!“
Was war denn das für eine dumme Ziege? Bei den Mädchen und Studentinnen die er sich bis jetzt geangelt hatte, hatte er nie sonderlich Widerstand gespürt. Es war ihm bis jetzt auch kaum jemals ein Wunsch ausgeschlagen worden. Fast vom ersten Atemzug an wurde ihm, als einzigem Sohn des Fabrikanten Schindler alles zugetragen, was immer er sich wünschte. Nun stand das hübscheste Mädchen vor ihm, das er je gesehen hatte und sie liess sich nicht einmal küssen!
Widerspenstige Frauen müsse man erobern, hiess es unter den Studenten. Solche Sprüche und schlechte Filme über erotische Männerträume führten dazu, dass er Tamara erneut an sich riss, und versuchte ihr den Rock zu heben um zu ihrer Unschuld vorzudringen. Dabei riss das enge Kleid von untenher auf. Eine ungeheure Wut verlieh Tamara die Kraft sich loszureissen. Eine schallende Ohrfeige erreichte nun ihr Ziel. „Du hast mir das neue Kleid zerrissen du Lümmel, geh mir aus den Augen und zwar sofort, sonst schreie ich so laut ich kann. Da wandte sich der junge Schindler ab, rief aber noch zurück: „Ich bezahle dir das Kleid, kauf dir ein neues!“ „Ihr glaubt wohl, für Geld könne man alles haben! Aber mich nicht!“
Zügig schritt sie nun nach Hause. Tränen liefen ihr über die Wangen. Teilweise vor Wut, aber auch vor Enttäuschung. Wieso hatte sie Markus nicht ein einziges Mal zum Tanze aufgefordert? Hatte er dazu überhaupt Gelegenheit? Warum hatte sie dem Schindler nicht gesagt, sie würde es gern einmal mit Markus versuchen? Aber er hätte auch den Mut aufbringen können, seinem Kollegen zu sagen, er möchte auch einmal mit ihr tanzen? Solche und ähnliche Gedanken gingen ihr auf dem ganzen Heimweg durch den Kopf. Auch musste sie immer wieder an diesen Lümmel von Schindler denken und damit war ihre Laune wirklich im Keller und die Enttäuschung über diesen Abend gross.
5
Felix Schindler ging auf seinem Heimweg auch Einiges durch den Kopf. Kaum jemals hatte sich ihm ein Mädchen verweigert. Zum Teil waren sie schon willig, wenn er ihnen als Entgelt eine jener braunen Zigaretten anbot. Auch hatte er in seinem jungen Leben immer alles erhalten was er sich gewünscht hatte. Nur, da gab es offenbar Mädchen und Mädchen. Die, die er bisher benutzt hatte, gab er auch wieder weg, als wenn es eine billige Ware wäre. Aber hier war er offenbar an etwas Besseres, Edleres geraten! Erstens war Tamara die schönste Frau, die er je gesehen hatte und vermutlich keines dieser billigen Geschöpfe die es mit jedem trieben.
Er war klug genug, den Fehler für das Scheitern bei sich selber zu suchen. Da müsse er ganz anders vorgehen, dachte er bei sich. Dass er dieses Mädchen besitzen wolle, das war sein fester Entschluss. Er müsse zuerst etwas Gras über den heutigen Abend wachsen lassen und es später ganz anders versuchen. Ganz sachte würde er sich an sie heranpirschen. Sich vorerst entschuldigen und sich dann als wahrer Kavalier bei ihr beliebt machen. Dieses Mädchen musste sein werden, wie noch alles sein geworden war, was er sich gewünscht hatte.
Die Sonne stand schon fast am Himmel als Tamara endlich einschlafen konnte und dementsprechend musste sie die Mutter wachrütteln als das Mittagessen bereits auf dem Tische stand. Das hätte sie auch bleiben lassen können, denn Tamara stocherte nur missmutig im Teller herum. Kaum einen Bissen brachte sie hinunter. Nicht einmal das Dessert mit Erdbeeren und Glace wollte ihr schmecken. Ums Abräumen und Abwaschen konnte sie sich aber nicht drücken, das hätte die Mutter auch noch wütend gemacht. „Was ist eigentlich los?“ fragte die Mutter als sie nun allein in der Küche waren. Vorerst gab Tamara keine Antwort, so dass die Mutter nachhakte: „Manchmal wird es einem besser, wenn man sein Herz jemandem ausschütten kann!“ „Ach, mein neues Kleid ist kaputt, zerrissen!“ „Potz tausend, was habt ihr denn getrieben, dass das passiert ist?“ „Der Schindler wollte mich, -wollte mich vergewaltigen, der Lümmel und ich habe mich gewehrt, dabei ist mein schönes neues Kleid gerissen!“ „Ja, und danach?“ „Habe ich ihm eine Ohrfeige verpasst und ihn nach Hause gejagt!“ „Dann sollte jetzt eigentlich deine Welt wieder in Ordnung sein!“ „Ist sie eben nicht!“ „Wegen dem Kleid?“ „Das auch!“ „Aber da ist noch etwas, das dich bedrückt?“ Es dauerte eine Weile bis Tamara zu einer Auskunft bereit war, aber dann schüttete sie ihr Herz gleich gründlich aus. Eigentlich habe sie sich wegen Markus auf diesen Abend gefreut, und der habe sie nicht ein einziges Mal zum Tanze aufgefordert und sei erst noch vor der Zeit nach Hause gegangen. „Mädchen, das wundert mich überhaupt nicht. Ich habe euch zugeschaut. Du hast gleich den Ersten mit dem Schindler getanzt und dann den ganzen Abend ohne Unterbruch. Wie soll denn da ein anderer noch an dich herankommen?“ „Er hätte doch seinen Kollegen fragen können, ob er mich auch einmal haben dürfe!“ „Und du hättest dem Schindler sagen müssen du möchtest einmal mit Markus tanzen! Es wundert mich überhaupt nicht, dass jener beleidigt war und nach Hause gegangen ist!“ „So habe ich wohl alles falsch gemacht!“ „Ich denke schon, aber jetzt hol dein neues Kleid, wollen sehen was da zu machen ist!“
„Es ist nur die Naht,“ stellte die Mutter fest, „das kann man flicken.“ Dummerweise betrat Lukas die Stube und sah natürlich das zerrissene Kleid. „Haa, mein liebes Schwesterchen war mit einem in den Büschen und hat dabei das Kleid zerrissen, ai-ai-ai!“ „Scher dich hinaus du Lümmel. Tamara ergriff die Fliegenklatsche, und trieb damit ihren Bruder in die Flucht „Mutter, ich bin verliebt in Markus, wie kann ich nun meinen Fehler wiedergutmachen?“ „Die Liebe findet immer einen Weg, aber wenn ich dich wäre, ich würde am Morgen, wenn du ihm begegnest, mit dem Fahrrad anhalten und ihm sagen, eigentlich wärest du wegen ihm an das Sommernachtsfest gekommen, aber er habe dich nicht ein einziges Mal zum Tanze aufgefordert. Mehr sagst du nicht, lass es wirken und warte ab wie er darauf reagiert!“
Tamara tat wie ihr die Mutter geraten. Sie begegnete Markus an derselben Stelle wie jeden Morgen, nur hatte er heute den Blick kaum auf sie gerichtet, sondern schaute traurig auf seinen Weg. Er hob seine Augen erst als Tamara neben ihm anhielt. „Tschüss, ich wollte dir nur sagen, dass ich am Samstag eigentlich wegen dir ans Sommernachtsfest gekommen bin, aber du hast mich kein einziges Mal zum Tanze aufgefordert!“ Markus stand da mit offenem Mund und fand für den Augenblick keine Worte. Erst als Tamara wieder das Fahrrad besteigen wollte, stammelte er: „Ich hatte gedacht du und Felix, ihr wäret…“ „Was wären wir? Nichts wären wir! Hab gleichwohl einen guten Tag, tschüss!“
Mutter hatte Recht, die Wirkung blieb nicht aus. Zuerst dachte Markus, was für einen Esel er doch gewesen sei! Jetzt sei wohl alles kaputt, denn seine Gefühle waren gleicher Natur wie die ihren. Aber da war auch wieder Hoffnung. Immerhin hatte sie doch durchblicken lassen, dass sie lieber mit ihm getanzt hätte. Hoffen und Bangen hielten sich die Waage und so sann er, wie er seinen Fehler wiedergutmachen könnte.
6
Am Arbeitsplatz hatte er den Kopf an diesem Morgen nicht so recht bei der Sache, so dass ihn sein Lehrmeister ermahnen musste. “Was ist mit dir? Hast du Kopfweh? Erträgst du die Wochenenden nicht?“ Mechaniker Meister Schneider war bei den Lehrlingen nicht sehr beliebt. Kaum je wurde eine Arbeit mit Lob bedacht, dafür ernteten sie massenweise Kritik. Dazu war der Mann arrogant, unbeherrscht und von sich selber eingenommen. Die Lehrlinge ertrugen ihn mit einem verächtlichen Lächeln, denn wer immer nur schimpft, den beachtet niemand mehr. Dazu war der Vater von Markus wiederum der direkte Vorgesetzte von Schneider, was jenem eine gewisse Sicherheit gab. Unter vorgehaltener Hand nannten sie ihren Lehrmeister den Solisten. Das hatte seinen Grund. Franz Schneider war Mitglied der Dorfmusik und wie er selber glaubte das wichtigste.
Tatsächlich war es so, dass wenn auf dem ersten Cornet ein Solo zu spielen war, übernahm er schon seit Jahren diese Aufgabe, zum Ärger junger Musikanten, die sich auch gerne einmal profiliert hätten. Zu Anerkennen war aber, dass er den doppelten Zungenschlag beherrschte und auch sonst technisch sicher ein guter Bläser war. Die Qualität des Tones lasse aber zu wünschen übrig, meinten die Jungen. So hatte er sich also den Übernamen „Solist“ eingehandelt.
7
Felix musste an diesem Morgen nach drei Wochen Ferien, die er mit den Mechaniker-Stiften im Betrieb seines Vaters verbracht hatte, wieder in die Schule. Er nahm es locker. Dumm war er nicht, aber zu faul um zu lernen. Es war ihm auch egal, wie oft er ein Semester wiederholen musste. Es gefiel ihm am Gymer, und sein Vater hatte so viel Geld, dass er ohne weiteres noch eine Zeitlang die Schulbank drücken konnte. Er würde sich wie bisher bei Bedarf an den gewohnten Mädchen vergnügen, aber sein Ziel, sich Tamara zu schnappen niemals aufgeben!
8
Tamara fühlte sich wohl auf der Gemeindeschreiberei. Sie hatte im Gemeindeschreiber einen guten Lehrmeister. Viele der anfallenden Arbeiten konnte sie schon selbständig verrichten. Vor allem bediente sie die Leute am Schalter. Freundlich und zuvorkommend, so dass es fast eine Freude war, auf der Kanzlei eine Besorgung zu machen. Vor allem war schon der Anblick dieser schönen Frau für Männer einen Besuch wert. Freundlich korrekt und doch etwas auf Distanz.
An diesem Montag hatte sie etwelche Mühe, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie dachte immer wieder an Markus und sann darüber nach, wie sie jenen nach dem misslungenen Samstag wieder für sich gewinnen könnte.
Einen Mann fürchtete sie ein bisschen, wenn er die Kanzlei aufsuchte. Es war Direktor Schindler, der Vater von Felix. Er liess nie einen Zweifel daran, dass er der grösste Steuerzahler von Innermoos war, und benahm sich auch dementsprechend. Oft musste sich Tamara ganz besonders Mühe geben, ein freundliches Gesicht zu machen, wenn dieser am Schalter erschien. Arrogant und ungeduldig erwartete er immer eine bevorzugte Behandlung. Mach dir nichts draus, hatte ihr Chef schon oft zu ihr gesagt, der glaubt natürlich er sei mehr als andere Leute, was ja auch ein bisschen stimmt, aber Bescheidenheit wäre immer noch eine Zier!
9
Vor mehr als fünfzig Jahren hatte der Vater von Daniel Schindler die IVOR gegründet und sich von Anfang an auf die Zulieferung von präzisen Autoteilen spezialisiert. Seine Umsicht und Tüchtigkeit führte zu einem blühenden Familienbetrieb, der ständig vergrössert wurde. Sein Sohn, nicht weniger tüchtig, erkannte, dass der Bau von automatisierten Werkstrassen eine grosse Zukunft hätte und so erweiterte er den Betrieb um diesen Zweig. Bei all ihrer erfolgreichen Tätigkeit achteten Vater und Sohn stets darauf, einen Familienbetrieb zu bleiben und vermieden es eine Aktiengesellschaft zu werden.
Daniel Schindler war sonst ein umsichtiger und allseits beliebter Patron. Er honorierte gute Arbeit mit guten Löhnen, machte täglich seine Runde durch den Betrieb und war sich nicht zu gut mit jedem ein kleines Gespräch zu führen. So war er bei der ganzen Belegschaft beliebt.
Über sein Privatleben aber zirkulierten die wildesten Gerüchte. Er sei ein richtiger Frauenheld, liebe schöne Frauen, nur seine eigene nicht. Die sei aber selber schuld und um nichts besser, so wurde erzählt.
Einen grossen Teil am Erfolg der Firma hatte auch der Chefbuchhalter, der schon beim alten Schindler angestellt und vom Jungen übernommen wurde. Da die Firma keinem Verwaltungsrat die Buchhaltung offenlegen musste, sorgte jener dafür, dass Herr Schindler zwar der höchste Steuerzahler im Dorf war, sparte ihm aber manchen Franken an Ausgaben an den Fiskus!
Nun waren die Werkstrassen sehr gefragt und man hätte mehr liefern können, aber dazu hätte man die Fabrik erweitern müssen. Da war man aber an Grenzen gestossen. Auf der Ostseite begrenzte eine hohe Fluh eine Erweiterung auf der Westseite war Wald der nicht gerodet werden durfte, nordseitig grenzte die Fabrik ans Bahngeleise und auf der Südseite befand sich die alte Schmiede, ein seit Generationen im gleichen Besitz verbliebener Gewerbebetrieb. Dieses Gebäude abzureissen wäre die einzige Möglichkeit gewesen die IVOR zu erweitern. Der Besitzer weigerte sich aber, das Haus zu verkaufen und blieb trotz guten Angeboten standhaft. Seit fünf Generationen war die Schmiede in ihrem Besitz, welche ihnen bescheidenen Wohlstand gebracht hatte. Früher wurden hier Pferde beschlagen sowie Wagen und deren Räder. Man passte sich aber der neuen Zeit an. Zuerst mit Sanitärarbeiten und danach auch mit Zentralheizungen. Vater Fuchs hing an seinem Betrieb und sein Sohn Jakob war gleicher Meinung.
So rannte die IVOR mit jedem Angebot gegen eine Mauer sehr zum Ärger von Direktor Schindler. Da müsste man andere Massnahmen ergreifen, sagte Chefbuchhalter Fischer zu seinem Boss und zwinkerte vielsagend mit den Augen.
10
Markus Speidel traf sich nun wieder jeden Morgen mit Tamara zu einem kleinen Schwatz, wenn sie sich auf der Strasse begegneten. Sein Kollege, Felix Schindler hatte das Mädchen bei ihm schlechtgemacht. Die sei wahrscheinlich lesbisch, jedenfalls eine dumme Kuh. Die habe ihm einen runtergehauen, nur weil er sie gefragt habe, ob er sie küssen dürfe. Bei der hätte er, Markus ohnehin keine Chance.
Dieser fand sie aber äusserst freundlich und sympathisch, konnte aber immer noch nicht recht glauben, dass sie mit ihm jemals eine feste Beziehung eingehen würde, obschon er sich immer wieder in den schönsten Träumen ausmalte, wie es wäre, wenn er sie einmal in seinen Armen halten könnte.
Hätte er in Tamaras Herz blicken können, hätte er gesehen, wie nahe er diesem Traum gewesen wäre. Besonders am Abend vor dem Einschlafen gingen ihm viele Gedanken durch den Kopf. Wie sollte es auch anders sein bei einem jungen Burschen, der in seinen Träumen ein Mädchen in sein Herz geschlossen hat. Allmählich fand er, sie würde ja nicht jeden Morgen neben ihm mit dem Fahrrad anhalten und mit ihm plaudern, wenn sie ihn nicht ein bisschen möchte.
So sann er, wie er ihr seine Liebe kundtun könnte. Das erste Mal als er sie näher kennen gelernt hatte, war ja an jenem Samstag gewesen als er seinen Gleitschirm auf die Haldenfluh geschleppt und dort gestartet und anschliessend vor der Halde gelandet war. Weil er darin eine Möglichkeit sah Tamara auf diese Weise erneut zu treffen, entschloss er sich an einem schönen Abend erneut zu einem Start auf der Haldenfluh. Diesmal erwischte er Aufwind und hätte das Dorf gut überfliegen können. Da er aber unbedingt in der Halde landen wollte, zog er ein paar grosse Kreise. Dabei sah er, dass Tamaras Bruder Lukas ins Haus rannte, und danach mit Tamara und der Mutter vor das Haus trat um ihn zu beobachten.
Er zog noch einmal eine grosse Schlaufe über dem Dorf und leitete darauf genau über der Halde mit einer kühnen Spirale die Landung ein. Kaum fünfzig Schritte neben Tamara und dem Buben. Die Augen der jungen Frau leuchteten als sie Markus ihre Hand zum Gruss hinstreckte. Lukas, der etwas eifersüchtig war, weil er von dem Burschen weniger beachtet wurde, liess ein paar Sprüche fallen von einer verliebten Schwester die so hässlich sei, dass sie niemals einen Gleitschirmflieger als Schatz haben könne, was ihm natürlich einen Puff einbrachte.
Geduldig wartete Tamara bis der Schirm eingepackt war und lud nachher Markus ein, sich doch ein wenig zu ihnen vor das Haus zu setzen und etwas zu trinken. Damit hatte Markus im Stillen gerechnet und sagte natürlich nicht nein. Frau Gafner hatte auch bereits einen Krug mit Süssmost und Gläser bereitgestellt.
Sie war ja die einzige die um den Zustand ihrer Tochter wusste und es nahm sie einfach wunder, wie sich die Sache entwickeln würde, denn der Bursche gefiel ihr ebenfalls.
Markus versuchte fieberhaft, ein vernünftiges Gespräch zu beginnen, aber alles was er sich vorher ausgedacht hatte schien ihm zu dumm, oder blieb ihm im Halse stecken. So war er froh, dass die Mutter begann, indem sie fragte, ob denn das Gleitschirmfliegen anstrengend sei und wie man diesen Flügel überhaupt lenken könne. Nun war für den Burschen der Bann gebrochen, denn darüber gab es vieles zu erzählen. Vor allem hatte er nun in Lukas einen aufmerksamen Zuhörer, aber auch für Tamara und die Mutter war interessant zu hören, wie ein Gleitschirmpilot zum Beispiel die Wolken richtig einschätzen, auf die Windrichtung achten, bei zu starkem Wind nicht starten dürfe, und wie und wo er Aufwind suchen müsse.
Auch der Vater setzte sich noch ein wenig zu ihnen. Er hatte aber Musikprobe, zurzeit zweimal in der Woche, denn die Dorfmusik übte fleissig für das Eidgenössische Musikfest. Er spielte das erste Tenorhorn. Gleichzeitig war er Präsident, sicher nur ausnahmsweise. Denn normalerweise war dies der „Solist“ doch wegen Amtszeitbeschränkung hatte dieses Amt im Moment der Haldenbauer inne.
Nach einer Weile sagte die Mutter zu Lukas: „Hast du deine Aufgaben gemacht?“ Jener gab keine Antwort. „Also nicht, so komm ich helfe dir.“ Somit waren nun Tamara und Markus allein und jener fasste sich ein Herz und fragte Tamara: „Möchtest du am Samstag mitkommen? Im Städtchen läuft ein guter Film, den möchte ich mir anschauen.“ „Ich habe davon gehört und hätte ebenfalls Lust, aber allein gehe ich nicht hin.“ „Dann könnten wir uns doch zusammentun oder nicht?“ „Ich danke dir für die Einladung, ich will nur noch die Mutter fragen, ich gebe dir morgen Bescheid.“ Die Mutter hätte sie bestimmt nicht fragen müssen, doch sie wollte Markus noch ein wenig zappeln lassen, denn zu leicht wollte sie es ihm auch nicht machen. Sie mochte es aber selber fast nicht erwarten ihm am nächsten Morgen zuzusagen.
So bestiegen sie am Samstagabend die Eisenbahn. Sie trug ihr neues Kleid, das ihr die Mutter geflickt hatte. Markus zitterte vor Aufregung und sein Herz schlug so aufgeregt, dass er fürchtete man könne es im ganzen Wagen hören. Endlich glaubte er sicher zu sein, in Tamara eine feste Freundin gefunden zu haben. Es war ihm, als spielten Engel auf tausend Geigen und er badete dazu in süssem Wein. Diese schöne junge Frau, das war er nun sicher, sie würde seine Geliebte. Alles, so dachte er, würde er für dieses Mädchen tun sie auf Händen tragen, mit Gold überschütten sie verwöhnen und lieben bis an sein Lebensende. Toll sah sie aus in ihrem Kleid. Er getraute sich kaum, ihr in den etwas gewagten Ausschnitt zu gucken. Dabei dachte er auch daran was ihm Felix erzählt hatte, der offenbar wegen Aufdringlichkeit eine Ohrfeige erhalten hatte. Das müsse ihm nicht passieren! Er würde Sorge tragen, und sie keinesfalls zu etwas drängen!
Der Film im Kino Rex war wirklich nicht schlecht, doch Markus beschäftigte sich mehr damit, wie er bei seinem Mädchen den besten Eindruck hinterlassen könnte. Wo die Liebe einmal in die Herzen gedrungen ist, braucht es nicht viel. Oft sind Worte überflüssig. So wären die Zwei am liebsten ineinander verschmolzen, doch vorläufig wagte keines den ersten Schritt, bis Tamara bei einer etwas schrecklichen Szene sich an Markus klammerte und ihn darauf nicht mehr losliess.
Mit dem Spät-Zug fuhren sie zurück nach Innermoos. Dort gaben sie einander die Hand und es war keine Frage. Markus durfte sie heim begleiten. Zuhause, unter dem grossen Birnbaum, schmiegte sich Tamara an Markus und gab ihm den ersten Kuss, vorerst schüchtern auf die Backe, dabei flüsterte sie die schönen Worte: „Ich liebe dich!“ Nun packte Markus sie und küsste sie auf den Mund. Sie wehrte sich überhaupt nicht. Wunderschön fand sie es und es hätte ewig dauern können. So erfüllten sich ihrer beiden Sehsüchte und ihre gegenseitige Liebe war gross und sie glaubten, sie sei durch nichts zu erschüttern.
11
Vater Gafner musste nun sogar dreimal in der Woche zur Musikprobe. Sie waren ehrgeizig, die Innermooser-Dorfmusikanten. Beim letzten Eidgenössischen hatten sie in der dritten Stärkeklasse den zweiten Rang belegt und nun wollten sie dasselbe in der zweiten Stärkeklasse erreichen. Besonders der „Solist“ hatte darauf gedrängt, obwohl Hans Stettler, der Dirigent seine Bedenken äusserte. Da ging es um die Ehre und wenn es um die Ehre geht, nimmt man alles in Kauf, auch drei Proben pro Woche. Da wurde geübt und wieder geübt, verfeinert und gebüffelt, man hätte meinen können da gehe nichts mehr schief. Hans Stettler hatte nur eine Sorge. Immer wieder versuchte er die Instrumente zu stimmen, und doch meinte er in gewissen Tonlagen einen leichten Missklang zu hören. Er versuchte es immer und immer wieder. Zuerst mit dem mittleren C. Wenn er glaubte nun sei alles gut, liess er die Musiker nacheinander H-A-G blasen. Bei G schüttelte er jeweils den Kopf, korrigierte neu, und liess nachher wieder A-H-C blasen. Prompt stimmte nun das C wieder nicht. Als nun der „Solist“ Fred Schneider auch noch zu stänkern begann, ob eigentlich denn diese Instrumente nicht zu stimmen seien, ging Stettler einen Kompromiss ein, und gab seine Bemühungen auf. Eigentlich hätte er schon lange gewusst, woran der gelegentliche Missklang lag, aber sein Fehler war, dass er sich nicht getraute, die Sache beim Namen zu nennen.
Sonntagabend in Innermoos. Alles war bereit die Dorfmusik zu empfangen und gebührend zu feiern, die um viertel nach Acht von ihrem Auftritt am Eidgenössischen zurückkehren sollte. Sämtliche Vereinsdelegationen sowie viel Volk hatten sich auf dem Dorfplatz, unweit des Bahnhofes versammelt. Man war überzeugt, es gäbe etwas zu feiern. Entweder ein „Vorzüglich“ oder ein „Sehr gut“. Doch der Gemeindepräsident, dazu bestimmt eine Lobrede zu halten, machte ein besorgtes Gesicht. Musikpräsident Fritz Gafner hatte ihm vor einer Stunde telefonisch mitgeteilt, es gäbe nichts zu feiern, sie hätten schlechte Noten erhalten. Hans Kohler, Gemeindepräsident, konnte den Empfang nicht mehr rückgängig machen und nun sann er, wie er seine Rede abändern könnte, um die Wogen der Enttäuschung möglichst zu glätten.
Vorerst brachte er den Misserfolg möglichst diskret unter die Leute, und glaubte damit das drohende Unheil etwas zu mildern. Bald begannen die Leute einander zu zuflüstern, es sei ihren Musikanten nicht gut gegangen, irgendetwas sei schiefgelaufen. So hatten die Anwesenden bereits gemischte Gefühle, als die Dorfmusik der Eisenbahn entstieg. Die Enttäuschung konnte man den Mitgliedern auf Distanz ansehen. Besonders Franz Schneider, der „Solist“ machte ein Gesicht als ob ihn ein Pferd geschlagen hätte. Trotz allem stellte sich die Dorfmusik in Konzertformation auf und spielte halbherzig den für den Wettkampf eingeübten Marsch. Die anwesenden Zuhörer versäumten es nicht, trotz allem kräftig zu applaudieren. Nun trat der Gemeindepräsident vor, und würdigte den Fleiss und die Arbeit der Musikanten, lobte wie sie zu jederzeit bereit seien Anlässe der Gemeinde zu umrahmen, seien es fröhliche oder traurige, und wenn es auch diesmal nur zu einem „Gut“ gereicht habe, könne das das Ansehen der Dorfmusik nicht schmälern. „Gut“ heisse immer noch „Gut“ und es brauche nur einen kleinen Fehler und schon rutsche man vom „Vorzüglich ins „Sehr gut“ oder vom „Sehr gut“ ins „Gut“, das sei eben schnell passiert, und schmälere den guten Ruf ihrer Musik in keiner Weise! Jedenfalls sei diese Leistung trotz allem einen kräftigen Applaus wert.
Nun spielte die Musik noch einen weiteren Marsch. Zum Teil nahmen sie es gelassen, trotz ihrer Enttäuschung, doch andern war der Ärger anzusehen und der „Solist“ machte keinen Hehl daraus und gab die Schuld dem Dirigenten. Sie hätten alles exakt so gespielt wie er es ihnen beigebracht habe. Er habe das Stück falsch interpretiert. Der und niemand anders sei schuld an ihrem Versagen! Jetzt verteilten junge Frauen Gläser mit Ehrenwein, gespendet von der Gemeinde. Als Lehrtochter bei der Gemeindeverwaltung hatte man dazu auch Tamara aufgeboten. Die ihrerseits hatte Markus darum gebeten, an einem bereitgestellten Tisch jeweils die Gläser nachzufüllen. Viele, vor allem junge Innermooser wussten unterdessen, dass die Zwei ein Liebespaar waren, nur der Lehrmeister von Markus hatte es bis dahin nicht entdeckt und so ärgerte er sich zusätzlich auch noch darüber, denn er missgönnte seinem „Stift“ diese schöne junge Frau, die er wohl am liebsten selber besessen hätte, denn seine Frau war hässlich und zänkisch.
12
Seine schlechte Laune setzte sich auch am darauffolgenden Arbeitstag fort. Er brüllte herum und niemand konnte es ihm recht machen und die Stifte flüsterten sich gegenseitig zu: „Heute spielt er wieder solo!“ Markus hätte ihn leicht bei seinem Vater verklagen können, aber von diesem Vorrecht wollte er nicht Gebrauch machen. Für Franz Schneider war das Thema Musikfest noch keineswegs vom Tisch. Diesmal müssen Köpfe rollen, hatte er sich geschworen. So ein Dirigent, der nicht einmal imstande sei die Instrumente zustimmen müsse weg! Da übe man ein ganzes Jahr lang, zuletzt noch drei Mal die Woche und dann müsse man sich mit einem „Gut“ begnügen. Der solle nur warten bis zur nächsten Probe. Er werde schon dafür sorgen, dass diesem unfähigen Kerl der Marsch geblasen werde! Vorläufig liess er aber seine Wut an den IVOR-Lehrlingen aus.
Auch Vater Gafner hatte seine Sorgen. Was hätte er darum gegeben, wenn er nicht Präsident der Dorfmusik gewesen wäre! Die nächste Musikübung verhiess nichts Gutes. Der „Solist“ hatte schon angetönt, dass er diese Sache nicht auf sich beruhen lasse. Jetzt werde einmal aufgeräumt, koste es was es wolle! So sah Fritz Gafner der nächsten Probe mit Besorgnis entgegen. Tamara hatte ihm auch erzählt wie Schneider in letzter Zeit in der IVOR herumbrülle, es sei kaum mehr zum Aushalten, habe Markus gesagt.
Man hatte zwar eine Pause von drei Wochen vereinbart, genügend Zeit, um sich auf ein Debakel vorzubereiten, und doch wäre Gafner am liebsten zu Hause geblieben.
Die jungen Bläserinnen und Bläser schauten der Sache eher gelassen entgegen. Aber die älteren machten zum Teil ernste Gesichter, ein paar hatten rote Köpfe und ahnten eine kleine Katastrophe, denn die blutunterlaufenen Augen und der zusammengepresste Mund des „Solisten“ liessen nichts Gutes erahnen.
„Wir eröffnen die heutige Probe mit dem Marsch „Alte Kameraden“ befahl der Dirigent Hans Stettler. Alle gehorchten, nur Franz Schneider liess sein Instrument unten und half nicht mit. Als der Marsch zu Ende war erhob er sich und sagte mit hochrotem Kopf: „Für mich ist das der letzte Marsch den du dirigiert hast, entweder gehst du oder ich, einen Dirigenten der nicht einmal in der Lage ist die Instrumente zu stimmen brauchen wir in Innermoos nicht. Hundert Übungen umsonst. Wer sich das bieten lassen will, meinetwegen, ich nicht. Damit nahm er sein Cornet auf und wollte das Lokal verlassen. „Halt, halt, so nicht, du bist nicht allein, andere möchten sich vielleicht auch noch äussern!“ „Gebt euch keine Mühe“, meldete sich nun der Dirigent. „Wenn das so ist, ich habe verstanden, ich danke euch für die Zeit, die ich mit euch verbringen durfte, alles Gute und viel Glück!“ damit erhob er sich und verliess das Lokal, in dem er fünfzehn Jahre gewirkt hatte.
13
Niemand war glücklich über diesen Abgang ausser vielleicht der Schneider. Er hatte auch ein paar Kollegen die ihm zuzwinkerten und nickten. Die meisten aber waren entsetzt und einer der Posaunisten bemerkte laut, das hätte man auch anders regeln können, man müsse sich ja schämen! Präsident Gafner versuchte die Leute zu beschwichtigen. „Nun ist es passiert, ich glaube das können wir nicht mehr rückgängig machen. Wichtig wäre nun zu diskutieren, wie es mit der Innermooser Dorfmusik weitergehen soll. Wenn es weitergehen soll, müssen wir einen neuen Dirigenten suchen.“
Der Präsident hatte nicht verhindern können, dass ein kleiner Tumult ausbrach. Er hörte eine Weile zu, schlug dann aber mit der Faust auf das verwaiste Dirigentenpult und forderte die Mitglieder auf vernünftig zu werden, so komme man nicht weiter. Er möchte nicht Öl ins Feuer giessen. Was passiert sei, sei passiert. Nun müsse man nach einer Lösung suchen! Albert Flück, der Es Bassist stand nun auf und stellte den Antrag, man sollte noch einmal mit Stettler reden und sich bei ihm entschuldigen, er sei noch nicht so sicher, dass der Fehler bei Dirigenten gelegen sei! Da schoss der „Solist“ mit hochrotem Kopf auf und wetterte er habe sich deutlich genug geäussert. Er habe schon lange gewusst, dass dieser Dirigent unfähig sei, ob sie es nicht bemerkt hätten? Stimmzug ausziehen Stimmzug noch mehr ausziehen wieder zurückschieben und zuletzt sei wieder alles beim Alten gewesen. Er glaube Stettler habe einen Gehörschaden und so einer könne gewiss keine Musik leiten!
„So seid ihr also der Meinung, wir sollten einen neuen Dirigenten suchen? Ich eröffne die Diskussion!“ „Mir wäre der alte noch gut genug gewesen!“ ergriff einer das Wort, „aber nun bleibt uns wohl keine andere Wahl!“ Man einigte sich nun darauf, die Stelle auszuschreiben. In der Zwischenzeit, so befand man, sollte man mit dem Vizedirigenten weiterüben. Dieses Amt hatte ein junger Militärtrompeter inne, der von seiner Ausbildung her einiges von Musik verstand.
Auf ein Inserat in der Musikzeitung meldeten sich drei Bewerber. Eine Kommission prüfte, zog Erkundigungen ein, lud sie zu einer Probe ein und einigte sich schlussendlich auf Remo Battaglia, der ihrer Meinung nach eine gute Ausbildung und auch Erfolge nachweisen konnte.
Dieser trat sein Amt unverzüglich an.
Der neue Dirigent liess sich sofort die von den Experten bewerteten Partituren aushändigen und studierte sie eingehend. Er hatte an den zwei Proben, die er bisher geleitet hatte auch schon einiges bemerkt, dass zu dem schlechten Abschneiden am Musikfest hätte geführt haben können. Besorgt kratzte er sich in den Haaren. „Das wird eine heikle Angelegenheit,“ sagte er sich, „aber wenn ich da nicht durchgreife, kommen wir nie weiter.“
Nach der dritten Probe winkte er den „Solisten“ zu sich, und bat ihn, an einem der nächsten Abende zu ihm zu kommen, er solle sein Instrument mitnehmen.
Der neue Dirigent hatte in Innermoos bereits eine Wohnung gefunden. Der Mann war unverheiratet und konnte sich deshalb mit einem Studio begnügen. Es war in einem Anbau untergebracht, und er störte deshalb niemanden, wenn er auf einem seiner Instrumenten spielte. Er spielte neben Trompete auch noch Saxophon, Akkordeon und Klavier. Man einigte sich auf den nächsten Montag. Schneider fragte sich, weshalb er wohl zu dieser Besprechung sein Instrument mitnehmen müsse, dachte aber, der neue Dirigent hätte wohl ein Stück mit einem Solo für ihn ausgewählt, und möchte wahrscheinlich ausprobieren, ob er es blasen könnte. Dem würde er es schon zeigen!
Es kam ganz anders. „Setz dich“, sagte der neue Dirigent zu ihm, nachdem er den „Solisten“ begrüsst und in sein Musikzimmer geheissen hatte. „Ich möchte nicht den gleichen Fehler machen wie mein Vorgänger. Ich weiss weshalb ihr am Eidgenössischen schlecht abgeschnitten habt. Du bist sicher auch der Meinung, wir sollten diesen Fehler so rasch wie möglich korrigieren oder?“ „Natürlich,“ erwiderte Schneider. „Siehst du, ich habe hier die Partituren mit den Bewertungen. Du siehst hier immer wieder Wellenlinien. Wellenlinien bedeuten Dissonanz, also ein nicht sauber klingender Akkord. Nun habe ich herausgefunden, dass diese Wellenlinien immer an einer bestimmten Stelle sind, nämlich dort wo das erste Cornet den Ton „G“ spielt. Ich habe nun an den Proben aufgepasst und weiss wo der Fehler liegt. Ich habe hier ein Stimmgerät, das mir genau anzeigt wie viel ein Ton zu hoch oder zu tief ist. Blas mir nun einmal das mittlere „C.“
Langsam wurde nun Franz Schneider nervös! Meinte dieser Kerl etwa, er spiele falsch? Das zu glauben wäre eine Frechheit, eine bodenlose Unterstellung. „Halt, du musst das Instrument zuerst anwärmen, sonst stimmt es sowieso nicht!“ Widerwillig blies nun Schneider ein paar Töne und als sie beide das Gefühl hatten das Cornet sei nun angewärmt blies der „Solist“ das mittlere „C“: „Spiel es noch zwei drei Mal, damit wir sicher sind!“ „So, nun stelle ich die Drehscheibe auf den Ton C. Nun muss jeder weitere Ton den du blasest mit dem jeweiligen auf der Skala übereinstimmen. Zeigt der Zeiger daneben ist der Ton entweder zu hoch oder zu tief. Blas nun H! Der Ton stimmt ziemlich genau. Nun blase A! A ist ein kleines bisschen zu hoch. Nun blase G! Viel zu hoch, das habe ich doch gedacht, das heisst, ich habe es schon an den Proben gehört. Ich musste es dir nur noch beweisen!
Schneider wurde totenblass. Aber das „G“ ist doch ein Naturton!“ schrie er fast. Sollte er nun etwa schuld sein am schlechten Abschneiden am Musikfest. „Reg dich nicht auf. Du hast das „G“ so im Ohr und deshalb spielst du es auch so. Das kommt daher, weil dich nie jemand korrigiert hat. Man kann rein mit den Lippen einen Ton anheben oder absenken. Hat dir das nie jemand gesagt?“
