Woran glaubten eigentlich die Germanen? - Matthias Wenger - E-Book

Woran glaubten eigentlich die Germanen? E-Book

Matthias Wenger

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Beschreibung

Die germanische Religionsgeschichte wurde bisher auf eine trivialisierende Weise falsch gedeutet. Der Autor verfolgt in diesem Werk das Ziel, philosophische und spirituelle Hintergründe germanischer Mythen zu durchleuchten und ihre Tiefenschichten freizulegen. Dazu ist es erforderlich, weite Aspekte der bisherigen Rezeption germanischer Mythen zu dekonstruieren, um zu ihrem wahren Kern vorzustoßen. Anhand umfangreichen Quellenmaterials wird nachgewiesen, dass das Postulat einer prähistorischen Dominanz des Odinskultes auf einer massiven Fehlinterpretation beruht! Zugleich geht es um die Frage, welche Mythen und welche mythologischen Gestalten auch in unserer Zeit noch als bedeutungsvoll gelten können. Es geht um eine respektvolle und tiefgehende Wahrnehmung germanischer Mythen für unsere heutige Zeit.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Matthias Wenger

Woran glaubten eigentlich die Germanen ?

Überlegungen zu einer neuen Betrachtungsweise der germanischen Religionsgeschichte

Matthias Wenger: Woran glaubten eigentlich die

Germanen? Überlegungen zu einer neuen

Betrachtungsweise der germanischen

Religionsgeschichte

© 2023 Matthias Wenger

Coverbilder: Umschlag auf der Vorderseite, Illustration: Römische

Bronzefigur eines Germanen, die Ende des 19. Jhdts. in der französischen Nationalbibliothek in Paris entdeckt wurde. Entstanden ist sie vermutlich in der zweiten Hälfte des 1. nachchristlichen Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 2. Jhdts. Die Haartracht („Suebenknoten“) deutet darauf hin, daß es sich um einen Angehörigen des Stammes der Sueben handelt. Die Titelillustration entstand unter Verwendung eines Fotos von Andreas Franzkowiak, Halstenbek - Lizenz: CC-BY-SA-3.0 - Original: https://commons.wikimedia.org/wiki/File: Bronze_figure_of_a_German_Bibliothèque_Nationale.jpg

Umschlag auf der Rückseite: Allvater – Fresko aus dem Neuen Museum in Berlin von 1852 - Künstler: Gustav Heidenreich (1819 - 1855) Goldblattkreuz mit menschlichen Masken, Mailand-Italien ca. 6. - 8. Jhdt.- Wahrscheinlich langobardisch. Exponat im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (Fotos: Matthias Wenger)

ISBN: 978-3-384-01807-6 (Softcover)

ISBN: 978-3-384-01808-3 (Hardcover)

ISBN: 978-3-384-01809-0 (E-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany.

Impressum

Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes des Landes Berlin: Matthias Wenger, Ostender Str.2, 13353 Berlin

Dieses Werk ist der zweite Band aus der Reihe Edition Prometheus

Die Edition Prometheus verfolgt das Ziel, einen Einklang hervorzubringen zwischen spiritueller Intuition und kritischem Denkvermögen

Über den Autor:

Matthias Wenger

1987 Gründung der Zeitschrift "Der Hain" zusammen mit Michael Frantz. Die Zeitschrift erschien dreimal im Jahr bis 2007. Den Schwerpunkt der Zeitschrift bildeten Themen wie Heidentum, Naturreligion und Esoterik.

Studium der Psychologie und Religionswissenschaft in Berlin.

1990 – 1994 Diverse Artikel zu mythologischen, psychologischen und philosophischen Themen in Zeitschriften wie „Abrahadabra“ und Albion.

1994 Das Buch „Göttinnen und Götter in den Mysterien des Heidentums“ erscheint.

Seit 1996 regelmäßige Veröffentlichungen in der jährlich erscheinenden „Rückschau“ des Forschungskreises Externsteine e.V., die Kurzfassungen seiner Vorträge auf dessen Tagungen beinhalten.

Weltanschauliche Transformation auf der Basis einer intensiven Auseinandersetzung mit Anthroposophie, Buddhismus, Chassidismus, Neuplatonismus und Gnosis. Beiträge zu religionsphilosophischen, historischen und gesellschaftlichen Themen erscheinen regelmäßig auf der Internetseite des Autors unter www.derhain.de. Matthias Wenger ist Mitglied der Theosophischen Gesellschaft Adyar.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Über den Autor:

Woran glaubten eigentlich die Germanen?

Odin, Donar, Freya und Co.: Der bunte Götterhimmel der Skandinavier

Tacitus und Cäsar säen Zweifel

Götter, Menschen oder vergöttlichte Menschen? Wie man als Mensch zur Göttlichkeit emporsteigt oder die europäische Karriere des Herrn Odin

Die Edda - Offenbarung der Götter oder Steinbruch archaischer Bilder?

Allvater - „Gottvater“ der Germanen?

Kosmischer Ursprung – Surtr, Ymir und Tuisko: Götter jenseits des Pantheons

Das Göttliche - was die Sprachgeschichte offenbart

Odin überwältigt Ziu, Irmin und Thor - religiöse Revolutionen der germanischen

Arianer - südgermanische Stämme: Christlich aus eigenem Antrieb

Gott und die Götter - die heidnische platonische Theosophie als Lösung

Vielleicht ist alles aber auch ganz anders: Okkulte Überlegungen zur Theogonie

Wird es eine Wiederkehr der Götter geben ? Teil 1

Wird es eine Wiederkehr der Götter geben ? Teil 2

Europäische Vorgeschichte in Völkischer Betrachtung – Anatomie eines Zerrbildes95

Wege und Abwege in der Erforschung der germanischen Kultur 116

Der Odroerir-Mythos - Einblicke in Spuren einer indoeuropäischen Gnosis

Epilog

Quellen

Verzeichnis der Abbildungen

Anmerkungen

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Urheberrechte

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Woran glaubten eigentlich die Germanen?

Diese etwas polemische und nachdrückliche Frage muss doch erlaubt sein, wenn man sich die

Bedeutung der germanischen Stämme sprach- und kulturgeschichtlich vor Augen führt.

Schließlich waren weite Teile des heutigen Deutschlands, Polens, Englands und Skandinaviens von Stämmen „germanischer Zunge“ besiedelt. Dazu kommen Nordfrankreich und die Benelux-Staaten.

Südlich der Alpen siedelten, wandernd und auf der Suche nach einer neuen Heimat Goten, Langobarden und Vandalen, die hier, im Abgesang auf das zerfallende Imperium Romanum Jahrhunderte währende Königreiche errichteten.

Um alle Missverständnisse auszuräumen: Die Kultur des modernen Europa hat viele Wurzeln. Auch die christlich-jüdische Überlieferung und das griechischrömische Erbe zählen dazu.

Und dennoch bilden die germanischen Stämme eine wesentliche Wurzel der europäischen Kultur der Gegenwart und die Frage nach ihrer religiösen Einstellung erscheint mir deshalb legitim.

Allerdings bewegen wir uns dabei auf vermintem Gelände. In ihrem Bedürfnis, das nationale Erbe der Deutschen des 19. Jahrhunderts um die germanische Vorgeschichte zu bereichern, griff eine chauvinistische Historiographie zu unlauteren Mitteln: Statt die germanische Stammeskultur realistisch zu betrachten, versuchte man, ihr den Status einer Hochkultur zu verpassen, in jeder Hinsicht ihr geistiges Primat hervorzuheben. Der germanischen Kultur wurde nicht nur das denkmöglichste Sublime unterschoben, auch ihre Einzigartigkeit gegenüber einer lateinischen "Gegenkultur" wurde immer wieder betont. So beruhte zum Beispiel das Interesse am Arianismus durchaus auf der Idee, eine einzigartige germanische Variation des Christentums zu identifizieren.

Um all diese Übersteigerungen vorgeschichtlichen Interesses als patriotischer Ertüchtigung geht es hier nicht. Es geht vielmehr darum, einen Blick hinter einen Schleier von Missverständnissen und seichten Fehlinterpretationen zu werfen, ein Stück historiographische Aufklärung.

Zugleich ist auch Folgendes zu beachten: Glaube im Sinne eines Fürwahrhaltens theologischer Dogmen war den Menschen germanischer Stämme mit Sicherheit unbekannt.

Wenn wir den Begriff vernünftig fassen, werden wir Glauben vielleicht als innere Gewissheit auffassen, die aus einer unmittelbaren geistigen Schau resultiert.

Hier müssen wir die künstlichen Grenzziehungen zwischen Logos und Mythos überwinden, die Autonomie menschlicher Erkenntnis im Sinne mystischkosmischer Gewahrwerdung des Göttlichen betonen.

Einer solchen Autonomie war man in den Gefilden des Irrationalen nie besonders günstig gesonnen. Die Bereitschaft, den Übergriff einer psychischen Unterwelt auf die menschliche Eigenständigkeit zu akzeptieren, war bisher noch immer die letzte Ratio pseudoesoterischer Märchenerzähler. Nehmen wir etwa Richard Wagner. Tatsächlich sind Wagners Opern für viele die einzige Brille, durch die sie des altgermanischen Mythos ansichtig wurden. Über diese bedauerlichen Verirrungen, durch die ganze Generationen von eigentlich an der germanischen Vorgeschichte Interessierte abgehalten wurden, sich den ernsthaften Quellen zuzuwenden, ist genug gesagt worden. In Friedrich Nietzsches „Der Fall Wagner“ heisst es z.B: „Wagner hat über Nichts so tief wie über die Erlösung nachgedacht: seine Oper ist die Oper der Erlösung. Irgend wer will bei ihm immer erlöst sein: bald ein Männlein, bald ein Fräulein — dies ist s e i n Problem…. Der Lohengrin enthält eine feierliche In-Acht-Erklärung des Forschens und Fragens. Wagner vertritt damit den christlichen Begriff „du sollst und musst g l a u b e n “. Es ist ein Verbrechen am Höchsten, am Heiligsten, wissenschaftlich zu sein…“1

Ein anderer beliebter Märchenerzähler, diesmal aus der Welt der Psyche, war C.G. Jung. In seinem Aufsatz „Wotan – Sein Wiedererwachen im Dritten Reich“ stellt Jung einen indirekten Zusammenhang her zwischen dem „alten Wanderer“, der Wandervogelbewegung, den wandernden Arbeitslosen der Dreissiger Jahre und SA-Horden. Eine solche Brandmarkung neuheidnisch Interessierter, die sich als kulturpsychologische Analyse maskiert, erscheint im Fall C.G. Jungs besonders peinlich. Hat doch Jung selbst nach Kräften dazu beigetragen, das NS-System zu unterstützen und zu festigen.2

Dabei geht es ihm nicht nur um die politische Instrumentalisierung, wahrscheinlich, um von seiner eigenen politischen Rolle abzulenken. Als Herold einer neuen Tiefenpsychologie gehört Jung auch zu den Protagonisten eines Relativismus, der darauf aus ist, die Realität des Metaphysischen zu zertrümmern: „Da nun aber die Götter unzweifelhaft Personifikationen seelischer Gewalten sind, so ist die Behauptung ihres metapsychischen An-Sich-Seins ein ebensolcher Übergriff des Verstandes, wie die Meinung, sie könnten erfunden werden.“3

Ich mache hier deshalb so dezidiert auf ihn aufmerksam, weil sich an diesem Beispiel zeigt, wie leicht man über historisch weit Entferntes leichtfertig zu spekulieren vermag. Das passiert vor allem in Fällen, wo es ein beträchtliches Defizit an ernsthafter und ernstgemeinter Forschung gibt. Auf diese Weise ist Jung in der Lage, zu unsinnigen Aussagen wie der Folgenden zu kommen: „Wotan ist – und das hat man offenbar völlig vergessen – eine gemanische Urgegebenheit, ein wahrster Ausdruck und eine unübertroffene Personifikation des deutschen Volkes … Man kann daher von einem Archetypus »Wotan« sprechen, der als autonomer seelischer Faktor kollektive Wirkungen erzeugt und dadurch ein Bild seiner eigenen Natur entwirft“.4

Es liegt auf der Hand, dass es auf der Basis derartiger Ideen keine sinnvolle historische Analyse geben kann.

Die einfache Überlegung, dass die kultische Verehrung einer Gottheit bestimmten geschichtlichen Bedingungen unterliegt, die vorher nicht gegeben waren und dann vielleicht später auftreten, scheint der Archetypenlehre fremd zu sein.

Weder eine rationale Überlegung zu Ursachen und Wirkungen im geschichtlichen Prozess noch eine Einsicht in sinnvolle Handlungsalternativen der in der Geschichte tätigen einzelmenschlichen Subjekte ergibt sich daraus. Aus diesem Grunde wende ich mich mit aller Entschiedenheit gegen derartige Abgesänge auf den autonomen Menschen.

„Glauben“ ist Einförmigkeit inneren Willens in vollendeter Kontemplativität. Glaube stellt aber keine Preisgabe gottgegebener Denkfähigkeit gegenüber emotionalen Wahngebilden dar!

Aber auch der simplifizierenden politischen Diffamierung des Interesses an germanischer Religiosität ist zu begegnen. Den differenzierenden Auseinandersetzungen über diese Frage hat der Schrifsteller Walter Kappacher ein literarischs Denkmal gesetzt. In seinem autobiographischen Roman Morgen von 1972 beschreibt er folgende Szenerie: Ein Mann, ein „sonderbarer Alter“ oder Wanderprediger, steht in der Fussgängerzone einer deutschen Großstadt. Umringt von Neugierigen fordert er sie immer wieder auf, die Edda und das Nibelungenlied zu lesen, „darin liege unser aller Heil. Alle Dogmen führten uns in die Irre.“ Würden die Menschen in den Norden schauen, käme von dort alle Gesundung. „Kirche, Religionen, Politik, alles Dogmen, die den Menschen knechten.“ Es gelte, den Geist frei von fremden und schädlichen Einflüssen zu machen. Daraufhin wird ihm von einem Studenten entgegengehalten, dass die bewusste Loslösung von allen Dogmen auch schon wieder ein Dogma sei. Das Gespräch geht in einem allgemeinen politschen Geschimpfe unter: „rechte Scheiße“, „linke Scheiße“ lauten die Parolen.

Schliesslich erwidert der Alte auf die Angriffe der ihn umringenden überwiegend jungen Leute: „Ja, Euch drängt es nach Einordnung in ein System, nach einer Lehre, einem intellektuellen Spiel, aber wißt Ihr, was Hermann Hesse sagte? Er sagte, »du sollst dich nicht nach einer vollkommenen Lehre sehnen, sondern nach Vervollkommnung deiner selbst«, und einer der Studenten rief jetzt »lassen sie den Hesse aus dem Spiel!«.

Nachdem ein Polizist sich anschickt, die Menge zu vertreiben, heisst es bei Kappacher: „Der Alte packte seine Bücher ins Köfferchen und ging hinunter Richtung Rathaus, und obwohl vorher alle gegen ihn waren, folgten sie ihm nun, wie eine Jüngerschar.“5

Diese anekdotisch-ironische Schilderung neuheidnischer Agitation zeigt im Grunde recht deutlich, wie problematisch sich die politische Bewertung des Interesses an der Vergangenheit tatsächlich darstellt. Die Skurrilität des Neopaganen ist durchaus geeignet für eine Flucht in das Vergangene, die an Realitätsverweigerung grenzt. Aber auch die Möglichkeit einer Befreiung des Denkens durch dessen Neuorientierung ist eine ihrer denkbaren Optionen. Und genau darum geht es mir in der vorliegenden Arbeit.

Odin, Donar, Freya und Co.: Der bunte Götterhimmel der Skandinavier

Die vereinfachte Aussage der Religionswissenschaft läuft darauf hinaus, dass einzelne germanische

Stämme und bestimmte Regionen ihre Stammesgötter verehrten und daß man im Rahmen eines Austausches zwischen den Stämmen von einem funktionalen Polytheismus sprechen kann. Die „Edda“ berichtet von Odin als Gott der Weisheit und des Krieges, Thor als Gott der Bauern und Freyr als Hüter der Fruchtbarkeit. Frigg als Göttin der Erde, sowie Freya als streitlustigem Pendant einer mediterranen Liebesgöttin: Im „nordischen Götterhimmel“ tummeln sich sehr unterschiedliche Charaktere, die in ihrer Vielfalt an die von Ovid und Homer beschriebenen Götter erinnern.

Neuzeitliche Enthusiasten germanischer Kulturgeschichte haben die Aussagen der Religionsgeschichtler gern aufgenommen: Der bunte Götterhimmel mit seinen Clangeschichten befeuert eine geradezu theatralische Vorstellungswelt, wie sie sich in modernen Familiengeschichten widerspiegelt – von den Buddenbroks bis hin zum Denverclan. Von Richard Wagner angefangen bis zu modernen us-amerikanischen „Asatruar“ und zeitgenössischen Anthroposophen reicht die Spannbreite derer, die den Göttermythen einen primären Status in der religiösen Vorstellungswelt der Germanen zugesprochen haben.

Und doch gibt es vereinzelte Spuren in der Überlieferung vom Glauben der Germanen, bei denen sich ein leiser Zweifel an der Mainstream-Mythographie zu melden scheint.

Schließlich ist die wesentliche Quelle germanischer „Vielgötterei“ noch nicht allzu alt: Die altisländischen Eddatexte sind im 13. Jahrhundert entstanden6, ältere Vorlagen bis ins 10. Jhdt. sind denkbar. Die Eddaüberlieferung ist also nicht nur ein spätes Produkt germanischer Literatur – sie ist mit Island und Norwegen auch begrenzt auf ein enges kulturelles Umfeld, dessen Ausstrahlung auf germanische Kulturen Mittel- geschweige denn Südeuropas fragwürdig ist. Als Instrumente der Dichtkunst im Sinne eines Skaldenlehrbuchs spiegeln die Eddatexte das literarische Interesse ihrer Schöpfer wider: Die Eddageschichen mit ihren vielen farbigen Details sind Belletristik im besten Sinne, mittelalterliche Unterhaltungsliteratur.

Für Jan de Vries ergab sich sogar ein „Eindruck später und deshalb oft spielerischer Bearbeitungen alter Motive“ und von „zuweilen ziemlich schwankhaften Erzählungen“.7

Aber reflektieren sie auch die religiöse Vorstellungswelt der Germanen, ihr Nachsinnen über die „letzten Dinge“?

Dieser Frage wird man sich nur annähern, wenn man über die Eddatexte hinaus nach Quellen Ausschau hält, die uns etwas über die Religiosität der Germanen verraten können.

Tacitus und Cäsar säen Zweifel

Betrachten wir etwa, was uns Tacitus (58 – 120 n. Chr.) in seiner „Germania“ mitteilt:

„Die Götter zwischen vier Wänden einzusperren oder in beliebiger Menschengestalt darzustellen, entspricht im übrigen nicht der germanischen Anschauung von der Erhabenheit himmlischer Wesen. Wälder und Haine sind ihre Tempel und in die Namen ihrer Götter hüllt sich jene geheimnißvolle Macht, welche einzig in der Andacht des frommen Gedankens sich ihnen offenbart.“

(Ceterum nec cohibere parietibus deos neque in ullam humani oris speciem assimilare ex magnitudine caelestium arbitrantur; lucos ac nemora consecrant, deorumque nominibus appellant secretum illud, quod sola reverentia vident.)8

Für jeden, der die zahlreichen skandinavischen Götterfigürchen, die Abbildungen auf den Brakteaten und die Nachrichten von mit Götterstatuen geschmückten Tempeln aus den Sagas kennt, muß diese Nachricht einigermaßen überraschend sein. Zeigt die Kunstgeschichte nicht, daß ganze Generationen germanischer Schmiede und Kunsthandwerker sich zu übertreffen suchten, um die Göttinnen und Götter sinnlich anschaulich zu gestalten? Selbst die aus der Zeit um Christi Geburt und davor stammenden „Baumgötter“ zeigen ein ebenso subtiles als handfestes künstlerisches Talent, religiöse Idole zu produzieren. Davon sind jedenfalls Religionshistoriker überzeugt.

Tacitus Aussagen sind eigentlich recht klar und erlauben ziemlich umfassende Einsichten über die Vorstellung, die die Germanen von einer Gottheit gehabt haben sollen: Götter lassen sich nicht zwischen vier Wänden einsperren. Das hieße, dass diese Art von Gottheit über unsere herkömmlichen Vorstellungen von Raum und Zeit und sich darin bewegende singuläre personale Wesenheiten hinausgeht.

Sie sind nicht in beliebiger Menschengestalt darzustellen. Genaugenommen ist diese Aussage nicht nur ein Affront gegen menschenähnliche Idole in kunsthandwerklicher Form, sondern auch gegen eine literarische Formgestaltung anthropozentrischer Wahrnehmungsstrukturen. Vor allem aber betont dieser Grundsatz in der Darstellung des Tacitus die Apersonalität des Göttlichen insofern, als man ihnen irgendeine zwischenmenschliche emotionale bzw. humanpsychologische Qualität abzusprechen versucht. Und wenn der Grund in der „Erhabenheit“ der Götter besteht, deutet das auf einen besonderen Begriff von Transzendenz, den die Germanen ihren Göttern zuzuschreiben pflegten.

Schlussendlich formuliert Tacitus aber vor allem die deutliche Antithese gegenüber einem germanischen Polytheismus, wenn er darauf hinweist, dass die Namen der Götter lediglich verschiedene Umschreibungen für eine Macht darstellen, die man nur geistig-meditativ erfassen kann. Die Formulierung „in die Namen ihrer Götter hüllt sich jene geheimnißvolle Macht“ verweist doch darauf, dass die Vielfalt der Götter nur die Außenseite einer einheitlichen metaphysischen Qualität darstellt.

Eine Religiosität, die nicht daran denkt, Götter in sakrale Gebäude zu sperren, oder ihre Lokalisierung darauf einzuschränken, deutet natürlich auch auf eine ganz andere Art von Typologie des Religiösen hin. Bernhard Kummer zielt genau darauf ab, wenn er in diesem Zusammenhang den Begriff der „Freilichtreligion“ einführt.9

Natürlich darf man nicht darüber hinwegsehen, dass Tacitus in seinem Werk auch Götter und Göttinnen nennt, die bei den Germanen verehrt worden sein sollen. Die Rede ist z.B. von Isis, Mercurius, Herkules oder die Kastor und Pollux vergleichbaren Zwillingsgötter der Alcen. Abgesehen davon, dass wir hier mit den Rätseln der interpretatio romana konfrontiert sind, kann von einer darin erkennbaren Widerspiegelung der ungemein umfangreichen und vielfältigen Edda-Mythologie keine Rede sein. Das Bild ist ein anderes und es ist seltsam verschoben.

Im 39. Kapitel der Germania erwähnt Tacitus ein zentrales Heiligtum der Germanen, das vom Stamm der Semnonen verwaltet werde:

„…und feiern da mit der öffentlichen Opferung eines Menschen das grauenhafte Vorspiel eines barbarischen Festes“, schreibt Tacitus beklommen. Und noch andere seltsame Riten finden hier statt: „niemand betritt ihn anders als gefesselt; eine Huldigung, welche ein untergeordnetes Wesen der Macht der Gottheit bringt. Fällt einer zu Boden, so darf er nicht aufstehen oder sich aufheben lassen, auf der Erde muß er sich hinauswälzen.“

Ob mit diesen Riten ein missverstandener Initiationsritus beschrieben wird oder vielleicht ein irgendwie geartetes Mysterienspiel zelebriert wird, wissen wir nicht. Aber dieses zentrale Geschehen der germanischen Kultur wird in den Zusammenhang einer bestimmten Gottesidee gestellt:

„Durch dieses ganze Treiben geht die Anschauung, daß hier die Wiege des Volkes, hier der allbeherrschende Gott, alles andere untergeordnet und abhängig sei.“

(Vetustissimos se nobilissimosque Suevorum Semnones memorant. Fides antiquitatis religione firmatur; stato tempore in silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem sanguinis populi legationibus coeunt, caesoque publice homine celebrant barbari ritus horrenda primordia. Est et alia luco reverentia: nemo nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se ferens; si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum; per humum evolvuntur. Eoque omnis superstitio respicit, tanquam inde initia gentis, ibi regnator omnium deus, cetera subiecta atque parentia. Adiicit auctoritatem fortuna Semnonum: centum pagis habitantur, magnoque corpore efficitur, ut se Suevorum caput credant.)10

Was könnte man unter einem „allbeherrschenden Gott“ verstehen? Gewiss ist das keine Huldigung an einen semnonisch-suevischen Monotheismus. Aber es deutet doch schon auf eine Gottheit, die vielleicht vielen anderen Gottheiten übergeordnet ist.

Und noch ein Kontrapunkt zu der Idee von den vielen Göttinnen und Göttern deutet sich an, wenn man den Kult der Göttin Nerthus betrachtet, die Tacitus der Göttin der Erde gleichstellt. Im 40. Kapitel der Germania beschreibt er ihren Kult, bei dem zwei wesentliche Züge ins Auge fallen: Die eigentliche öffentliche Unsichtbarkeit der Göttin, bei der nicht klar ist, ob man an eine kultische Person oder an ein den Blicken des Volkes entzogenes kultisches Bild zu denken hat. Der zweite Punkt ist das Verschwinden von am Kult Beteiligten, bei dem rätselhaft bleibt, ob ein Opfergeschehen zugrunde liegt, ähnlich wie bei dem Menschenopfer im Hain der Semnonen.

Der Kult der Mutter Erde fügt sich in eine archaische Dualität von Erde und Himmel, die klarer und einfacher ist, als der soziale und belletristische Polytheismus der Literaten. In vielen indoeuropäischen Mythen begegnet man der Gegenüberstellung von Himmelsgott und einer Erdgöttin.

Die Lage verschärft sich noch weiter zuungunsten der mittelalterlichen Mythologen, wenn wir eine weitere Quelle zu Rate ziehen, nämlich Cäsars (100 – 44 v. Chr.) Mitteilungen über den Gallischen Krieg, der uns folgende radikale Erkenntnis über germanische Religiosität im Gegensatz zur keltischen präsentiert:

"Die Germanen kennen keinen Priesterstand, dem die Leitung des Gottesdienstes obliegt, und kümmern sich nicht viel um Opfer. Göttliche Verehrung genießen bei ihnen nur die Sonne, das Feuer und der Mond, weil sie diese sehen und ihren segensreichen Einfluß deutlich spüren. Die anderen Gottheiten kennen sie nicht einmal durch Hörensagen." 11

Sichtbarkeit und Segensreichtum sind natürlich bagatellisierende Umschreibungen, die für Sonne und Mond auf Himmelsbeobachtung und das Kalendarische Bezug nehmen. Beim Feuer würde man sofort an das heilige Feuer der Parsen und der vedischen Inder denken. Cäsars Hinweis vermittelt einen Eindruck von germanischer Religiosität, die auf die archaische Synthese des zivilisatorisch Nützlichen und Praktischen in Verbindung mit dem Heiligen Bezug nimmt. Tatsächlich lässt sich der Bogen der Vermutungen hier sehr weit spannen, von den Kulturtechniken des Neolithikums bis hin zu frühneuzeitlichen Volksbräuchen, die jahreszeitliche Bedeutung haben.

Die enge Verknüpfung markanter Zeitpunkte des Sonnenjahres und die daran gebundenen kultischen Feuer, wie sie James George Frazer im „Goldenen Zweig“ dokumentierte, würden Cäsars Mitteilung als sehr summarische aber authentische Beschreibung ausweisen.

Versuchte man, den gemeinsamen Nenner zwischen Tacitus und Cäsar auf den Punkt zu bringen, könnte man sagen: Die Germanen waren Anhänger einer bildlosen, übersinnlichen Gottesidee, die sich praktizierbar in einem Himmel und Erde umgreifenden Lichtkult niederschlug.

Waren die Germanen etwa Monotheisten in einem pantheistischen oder kosmotheistischen Sinne? Zu bedenken ist dabei allerdings, daß die explizite Gegenüberstellung von Polytheismus und Monotheismus auf einer Begriffsmythologie beruht. Der Begriff des "Monotheismus" wird zuerst im 17. Jahrhundert von dem englischen Platonisten Henry More (1614 - 1687) benutzt. Sind wir also mit der Frage nach den vielen germanischen Göttern Opfer einer bloßen sprachlichen Mystifikation, die die abrahamitischen Traditionen neuzeitlich in ihrem Abgrenzungsbemühen gegen als feindselig betrachtete religiöse Kulturen und Ethnien vollzogen haben?

Veranschaulicht man sich die bunte Schicksalshaftigkeit der Geschichten, wie sie von Homer oder Snorri erzählt werden, fällt das Allzumenschliche daran ins Auge: Die Gottheiten der Mythen sind uns aus unserem sozialen und kulturellen Leben heraus total vertraut, sie sind eben durch und durch anthropozentrisch gedacht. Sie verströmen einen Hauch des Trivialen.

Nehmen wir z.B. die Geschichte, in der die Götter zustimmen, die Göttin Freya an einen Riesen zu verkaufen, der ihnen als Gegenleistung ein kolossales Bauwerk verspricht. Und damit gehen dann Mord- und Rachegelüste einher, die in jeder Hinsicht eine augenscheinliche Abwesenheit des Heiligen zu signalisieren scheinen.

Versetzen uns diese Mythen gar in die Gefahr, gewöhnliche menschengestaltige Wesen als Götter zu betrachten, also falsche Götter anzuerkennen? Tragen diese Götter am Ende nur den Namen Götter, sind aber statt dessen lediglich mit einem göttlichen Nimbus versehene Menschen?

Der Forscher Wilhelm Grönbech, der germanische Religiosität z.B. aus den Sagas heraus erkundete, kam darüber z.T. zu recht bodenständigen Überlegungen: So beschreibt er eine Kategorie vielverehrter Wesenheiten, die gewissermaßen Schutzgeister bzw. Götter einzelner Sippen darstellten, wie sie sich z.B. in den Fylgien verkörperten. Grönbech bemerkt dazu: „Gewöhnlich hatten die Götter keine Namen oder richtiger vielleicht: sie brauchten keine Namen; sie waren einfach die Götter des Stammes, unsere Götter, die Frauen (disir) des Stammes, die Disen, die unsere Verwandten begleitet haben.“12

Zu einer weiteren interessanten Deutung personaler Göttermythen kommt Grönbech, wenn er denkbare Beziehungen zwischen Kult/Ritual und Mythos vorschlägt: