Work-Life-Balance - Uta Kirschten - E-Book

Work-Life-Balance E-Book

Uta Kirschten

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Beschreibung

Das Berufsleben mit dem Privatleben zur eigenen Zufriedenheit zu vereinbaren, fällt auch heute noch vielen Menschen sehr schwer. Vielfältige Veränderungen der Arbeitswelt, die Zunahme berufsbedingter psychischer Erkrankungen sowie die steigende Entgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben, aber auch veränderte Rollenbilder zwischen Mann und Frau und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen erschweren die Vereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten erheblich. In diesem Zusammenhang erfährt das Konzept der Work-Life-Balance seit der Jahrtausendwende steigende Aufmerksamkeit. Gegenstand dieses Buches sind zunächst aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen, denen die heutige Arbeitswelt und die Unternehmen gegenüberstehen, sowie die negativen Auswirkungen einer einseitig dominierenden Arbeitswelt. Weiter werden Konzepte zum Thema Work-Life-Balance vorgestellt sowie Instrumente zur Umsetzung einer Work-Life-Balance in Unternehmen diskutiert. Anhand von Praxisbeispielen werden die Chancen der betrieblichen Umsetzung einer Work-Life-Balance für alle Beteiligten diskutiert. Das Buch richtet sich sowohl an Berufspraktiker jeden Alters und Führungskräfte als auch an Studierende und Wissenschaftler.

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Seitenzahl: 630

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Uta Kirschten

Work-Life-Balance

Konzepte und Umsetzung im Studium und Berufsalltag

UVK Verlag · München

Umschlagmotiv: iStockphoto AscentXmedia

 

2., vollständig überarbeitete Auflage 2021

1. Auflage 2013

 

© UVK Verlag 2021– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

ISBN 978-3-7398-3048-3 (Print)

ISBN 978-3-7398-0198-8 (ePub)

Inhalt

1 Work-Life-Balance: Was ist das?1.1 Work-Life-Balance als interdisziplinäres Thema1.2 Auseinandersetzung mit dem Begriff “Work-Life-Balance”1.2.1 Life – Lebenswelt – Privatleben1.2.2 Work – Arbeit1.2.3 Balance – Ausgeglichenheit1.2.4 Definition des Begriffs Work-Life-Balance1.3 Neue Konzepte und Begrifflichkeiten zum Thema “Work-Life-Balance“1.3.1 Work-Life-Blending1.3.2 Work-Life-Integration1.3.3 Umsetzung der Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration1.3.4 Work-Life-Separation1.3.5 Aktualität des Konzepts der Work-Life-Balance2 Aktuelle gesellschaftliche, technologische und wirtschaftliche Herausforderungen2.1 Gesellschaftliche Herausforderungen2.1.1 Demografischer Wandel2.1.2 Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen für ein nachhaltiges Wirtschaften2.1.3 Veränderungen von Familienstrukturen und Geschlechterrollen2.2 Digitale Transformation als gesellschaftliche, technologische und wirtschaftliche Herausforderung2.3 Marktwirtschaftliche Herausforderungen2.3.1 Entwicklung zur Informations- und Wissensgesellschaft2.3.2 Steigende Internationalisierung der Wirtschaft und globale Wertschöpfungsketten2.3.3 Steigende Dynamik und Komplexität der Wirtschaft2.4 Herausforderungen der Arbeitswelt2.4.1 Entwicklung einer Arbeitswelt 4.02.4.2 New Work2.4.3 Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse2.4.4 Auswirkungen atypischer Beschäftigungsverhältnisse auf den psychologischen Vertrag zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer2.4.5 Wandel der arbeitsorientierten Werte2.4.6 Steigende Qualifikation und Berufstätigkeit von Frauen2.4.7 Einstellungen zu und Umgang mit älteren Mitarbeitern2.5 Steigende Bedeutung des Ausgleichs der verschiedenen Lebenswelten3 Risiken der Unvereinbarkeit des Arbeits- mit dem Privatleben3.1 Zunahme psychischer Belastungen und Krankheiten3.1.1 Auswirkungen dauerhafter psychischer Belastungen auf die Fehlzeiten3.1.2 Psychische Belastungen während der Coronavirus-Pandemie3.1.3 Auswirkungen psychischer Erkrankungen und steigender Fehlzeiten auf Unternehmen, Betroffene und die Gesellschaft3.1.4 Stress im Berufsleben3.1.5 Arbeitssucht – Workaholismus3.1.6 Burnout3.2 Mangelnde Bindung der Beschäftigten an ihren Arbeitgeber4 Modelle zur Erklärung der Interaktionen zwischen Berufs- und Privatleben4.1 Nicht-Kausale Modelle4.1.1 Segmentationsmodell4.1.2 Kongruenzmodell4.1.3 Identitäts- bzw. integratives Modell4.2 Kausale Modelle4.2.1 Kompensationsmodell4.2.2 Spillover-Modell4.2.3 Instrumentelle Theorie4.2.4 Akkomodationstheorie4.2.5 Modell der Ressourcenzehrung4.3 Integrative Modelle4.3.1 Modell von Near, Rice und Hunt4.3.2 Konflikt-Theorie („Vorgänger“ zum Modell der multiplen Rollen)4.3.3 Grundzüge der Rollentheorie4.3.4 Modelle der multiplen Rollen4.3.5 Work-Family-Conflict-Concept von Frone, Russel und Cooper (1992)4.4 Dynamische Modelle4.4.1 Stressmodelle4.4.2 Theorien der Rollengrenzen und Rollenübergänge5 Zielgruppen einer Work-Life-Balance5.1 Zielgruppe Frauen5.2 Zielgruppe Familien (inclusive Alleinerziehende)5.3 Zielgruppe ältere Mitarbeiter5.4 Zielgruppe Generation Y5.5 Zielgruppe Generation Z5.6 Zielgruppe Führungskräfte6 Maßnahmen zur Umsetzung einer Work-Life-Balance6.1 Arbeitsorientierte Maßnahmen6.1.1 Gestaltung des Arbeitsplatzes und des Arbeitsortes6.1.2 Erfahrungen mit Homeoffice während der Coronavirus-Pandemie6.1.3 Neue Büroraumkonzepte6.1.4 Gestaltung der Arbeitsinhalte und Arbeitsbedingungen6.1.5 Gruppenorientierte Aufgabengestaltung6.1.6 Maßnahmen zur Gestaltung der Arbeitszeit6.2 Maßnahmen zur Unterstützung von Familien6.2.1 Kontakthalte- und Wiedereinstiegsprogramme während und nach der Elternzeit6.2.2 Betriebliche Unterstützung bei der Kinderbetreuung6.2.3 Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger6.3 Maßnahmen zur Unterstützung von Frauen6.3.1 Entwicklung einer frauen- und familienfreundlichen Unternehmenskultur6.3.2 Berücksichtigung einer besseren Vereinbarkeit von Berufstätigkeit, Familie und Privatleben bei der Personalbedarfsplanung6.3.3 Berücksichtigung einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben bei der Gewinnung von Mitarbeiterinnen6.3.4 Berücksichtigung einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben bei der Personalentwicklung6.3.5 Berücksichtigung einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben beim Personaleinsatz6.4 Maßnahmen zur Unterstützung von älteren Mitarbeitern6.4.1 Hohes berufliches Engagement und Karriereorientierung6.4.2 Nutzung und Bewahrung des langjährigen Experten- und Erfahrungswissens der älteren Mitarbeitenden6.4.3 Psychische und physische Erschöpfung der älteren Mitarbeiter nach jahrzehntelanger Berufstätigkeit6.4.4 Interesse an zeitlich begrenzten beruflichen Engagements auch nach dem Ausscheiden aus dem Beruf6.5 Maßnahmen zur Unterstützung von neu Mitarbeitenden der Generation Y6.6 Maßnahmen zur Unterstützung von Mitarbeitenden der Generation Z6.7 Maßnahmen zur Unterstützung von Führungskräften6.7.1 Typologie der Work-Life-Balance-Orientierung von männlichen Führungskräften6.7.2 Typologie der Work-Life-Balance-Orientierung von weiblichen Führungskräften6.8 Serviceorientierte Maßnahmen6.9 Gesundheitsorientierte Maßnahmen7 Umsetzung von Work-Life-Balance in der Praxis7.1 Projekt „Balance von Familie und Arbeitswelt“7.2 Unternehmensprogramm "Erfolgsfaktor Familie“7.3 Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“7.4 „Unternehmenswettbewerb 2012“7.5 Audit Beruf und Familie der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung7.6 Freiburger Netzwerk Familienbewusste Unternehmen7.7 Netzwerk Familienbewusste Unternehmen Bonn / Rhein-Sieg7.8 Rankings zur Work-Life-Balance von Unternehmen8 Wirkungen von Work-Life-Balance Maßnahmen8.1 Wirkungen auf die Individuen8.2 Wirkungen auf die Unternehmen8.3 Wirkungen auf die Gesellschaft9 LiteraturverzeichnisStichwortverzeichnis

1Work-Life-Balance: Was ist das?

Unser Leben hat sich in den letzten ca. zwanzig Jahren stark verändert. Die rasanten Entwicklungen der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien vereinfachen ein zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten. Durch Laptop, Tablet, Smartphone und weiterer kleiner digitaler Geräte (engl. Wearables) können wir überall und zu jeder Tages- oder Nachtzeit erreichbar sein, digital kommunizieren sowie Daten und Informationen austauschen. Wir sind mobil und überwinden örtliche Entfernungen dank Internet und stark ausgebauter Verkehrsstrukturen oft mühelos und schnell. Wir sind flexibel und passen uns schnell an neue berufliche und private Anforderungen oder Aufgaben an.

Dennoch fällt es vielen Menschen zunehmend schwerer, ihre verschiedenen Lebensbereiche zeitlich und inhaltlich so wahrzunehmen und aufeinander abzustimmen, dass sie zufrieden sind. Stattdessen steigt beispielsweise die Anzahl an Erschöpfungszuständen und psychischen Erkrankungen in der Bevölkerung, die Anzahl der Familien und Kinder sinkt deutlich und viele fühlen sich dauerhaft überlastet.

Geschuldet ist diese Entwicklung dem Wandel der Arbeitswelt mit seinen neuen Herausforderungen und Anforderungen, aber auch der Veränderung von gesellschaftlichen Rollenbildern von Mann und Frau, der steigenden Berufstätigkeit von Frauen, der Zunahme von unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und gesellschaftlichen Risiken sowie der insgesamt steigenden Dynamik und Komplexität unseres Lebens.

Unter dem Begriff Work-Life-Balance hat sich in den letzten ca. dreißig Jahren eine intensive wissenschaftliche und praxisorientierte Diskussion um die Vereinbarkeit zwischen dem Berufs- und dem Privatleben entwickelt mit dem Ziel, durch geeignete Konzepte und verschiedenen Maßnahmen eine höhere individuelle Vereinbarkeit zwischen den Lebensbereichen zu unterstützen und zu fördern.

1.1Work-Life-Balance als interdisziplinäres Thema

Das Thema Work-Life-BalanceWork-Life-Balance erfährt seit den 1990er Jahren eine steigende Aufmerksamkeit in Theorie, Forschung und Praxis unterschiedlicher Disziplinen (vgl. Collatz/Gudat 2011, S. 3). Insbesondere beschäftigen sich die SoziologieSoziologie und die PsychologiePsychologie mit dem Thema und untersuchen u.a. die Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen der Erwerbsarbeit und dem Privatleben. Hierbei interessieren auch die verschiedenen Rollen, die Menschen innerhalb des Erwerbs- und Privatlebens einnehmen sowie mögliche Rollenkonflikte von Personen innerhalb und zwischen den beiden Lebenswelten. (vgl. z.B. Barnett 1998, S. 125; Frone 2003, S. 143; Resch/Bamberg 2005, S. 172). Die Arbeits- und OrganisationspsychologieArbeits- und Organisationspsychologie beschäftigt sich mit den Herausforderungen der Arbeitswelt und ihren Auswirkungen auf die Erwerbstätigen, wobei auch die Vereinbarkeit der Erwerbstätigkeit mit dem Privatleben untersucht wird (vgl. Weinert 2004, S. 37). Die Gender-ForschungGender-Forschung interessiert insbesondere die Chancengleichheit bzw. bestehende Ungleichheiten zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen und den Belastungen, die sich daraus für die Arbeitswelt aber auch für andere Lebensbereiche ergeben (vgl. z.B. Kortendiek/Riegraf;/Sabisch 2019; Becker/Kortendiek 2010). Für die BetriebswirtschaftBetriebswirtschaft und insbesondere das Personalmanagement ist das Thema Work-Life-Balance besonders interessant, da die Unternehmen und Organisationen für eine erfolgreiche Unternehmenstätigkeit gut qualifizierte, leistungsfähige und engagierte Mitarbeiter benötigen, die zukünftig aufgrund des demografischen Wandels weniger werden, gleichzeitig jedoch neue Anforderungen an die Beschäftigungsverhältnisse und den Ausgleich zwischen verschiedenen Lebenswelten stellen. (vgl. Badura 2004; Kaiser/Ringlstetter 2010; Rost 2004; Schobert 2007, S. 19; Vedder 2008).

1.2Auseinandersetzung mit dem Begriff “Work-Life-Balance”Begriff \“Work-Life-Balance\”

Wörtlich übersetzt bedeutet „Work-Life-Balance“ Arbeit – Leben – Gleichgewicht bzw. Ausgeglichenheit (vgl. Michalk/Nieder 2007, S. 21). Gemeint ist damit ein individuell ausgeglichenes Verhältnis zwischen der heutigen Erwerbsarbeit und dem Privatleben. Das Privatleben umfasst alle nichterwerbsorientierten Lebensbereiche, wie z.B. das Familienleben, die Partnerschaft und das Freizeitleben. So definiert auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend „Work-Life-Balance“ als eine neue, intelligente Verzahnung von Arbeits- und Privatleben vor dem Hintergrund einer veränderten und sich dynamisch verändernden Arbeits- und Lebenswelt.“ (BMFSFJ 2005, S. 4). In einem ersten Verständnis scheint der Begriff „Work-Life-Balance“ sehr treffend eine aktuell weit verbreitete Problematik vieler Menschen zu beschreiben, nämlich die häufig fehlende zeitliche und inhaltliche Ausgeglichenheit zwischen den Anforderungen der Erwerbstätigkeit und den Anforderungen und Wünschen an das Privatleben. Bei einer differenzierteren Auseinandersetzung mit dem Begriff „Work-Life-Balance“ wird jedoch die Widersprüchlichkeit dieses Begriffes deutlich, der erklärungsbedürftig ist. So suggeriert die Gegenüberstellung von „Work“ (Erwerbsarbeit) und „Life“ (Privatleben) eine deutliche Abgrenzung beider Lebensbereiche voneinander, die in der heutigen facettenreichen (Arbeits-)Welt häufig gar nicht mehr gegeben ist und der Vielfältigkeit der Wechselwirkungen zwischen Arbeits- und Privatleben sowie auch der Vielfalt des Privatlebens nicht gerecht wird. Wichtig ist daher eine differenziertere Betrachtung der drei Bestandteile des Begriffs „Work-Life-Balance“, um anschließend auf die wesentlichen Kritikpunkte einzugehen und eine Definition des Begriffs „Work-Life-Balance“ für den weiteren Fortgang der Arbeit zu entwickeln.

1.2.1Life – Lebenswelt – Privatleben

Der Begriff „Life“ kann als „LebensweltLebenswelt“ übersetzt werden und umfasst in einem weiten Sinn alles, was im Alltag erlebt, erfahren und erlitten wird und bildet damit die subjektive Realität bzw. den Wirklichkeitsbereich einer Person ab (vgl. Michalk/Nieder 2007, S. 20). In dieser weiten Fassung kann die Lebenswelt unterschieden werden in die Teilsysteme des Arbeitslebens und des PrivatlebensPrivatleben. Das Privatleben lässt sich wiederum unterteilen in die Subsysteme Familienleben, Partnerschaft, Freizeitleben und private (nicht erwerbstätigkeitsorientierte) Arbeitsbereiche (vgl. Abbildung 1). Zum FamilienlebenFamilienleben gehören alle Aktivitäten und Aufgaben zur Versorgung und Betreuung von Familienmitgliedern (Kinder, Eltern, Angehörige) und das Leben in der Familie bzw. die Zeit, die in und mit der Familie verbracht wird. PartnerschaftPartnerschaft umfasst die Zeit und alle Aktivitäten, die privaten partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Individuen dienen. Die FreizeitFreizeit steht zur eigenen Verfügung und kann nach individuellen Bedürfnissen gestaltet werden. Hierzu zählen z.B. alle sportlichen, kulturellen oder sozialen Tätigkeiten und Aktivitäten, die der individuellen Bedürfnisbefriedigung, Regeneration und dem privaten Leben (ohne Haushaltsaufgaben und ohne Erwerbsarbeit) dienen. Private nicht erwerbstätigkeitsorientierte ArbeitsbereichePrivate nicht erwerbstätigkeitsorientierte Arbeitsbereiche umfassen alle Tätigkeiten, die zur Aufrechterhaltung des eigenen Haushalts notwendig sind (wie z.B. Einkaufen, Saubermachen, Reparaturen etc.) sowie weitere soziale, kulturelle oder individuell motivierte Arbeitsbereiche, die eine Person freiwillig übernimmt und als sinnstiftend erlebt (z.B. Übernahme von ehrenamtlichen Tätigkeiten in Vereinen oder sozialen Institutionen, eigene Bildungsaktivitäten, kulturelle Aktivitäten oder Engagement in der Region). Dabei muss die Lebenswelt einer konkreten Person nicht alle Teilsysteme umfassen und auch die Ausprägung und Bedeutung der einzelnen Teilsysteme ist individuell unterschiedlich. So ist für einen 25-Jährigen Single, der keine eigene Familie hat, sein Arbeits-, Privat- und Freizeitleben wahrscheinlich besonders wichtig. Demgegenüber konzentriert sich eine erwerbstätige Mutter neben ihrer Berufstätigkeit vermutlich stärker auf ihr Familien- und Freizeitleben.

In einem engen Sinn und auch in der Interpretation des Begriffs „Life“Begriff \„Life\“ im Konzept der „Work-Life-Balance“ wird die LebensweltLebenswelt als Gegenstück zur Arbeitswelt verstanden (vgl. Michalk/Nieder 2007, S. 20) und beschränkt sich auf alle Tätigkeiten, Erfahrungen und alles Erleben in der erwerbsarbeitsfreien Zeit. Diese Gegenüberstellung von Arbeit und Leben resultiert aus dem Ziel der Work-Life-BalanceWork-Life-BalanceZiel, einen individuell zufrieden stellenden Ausgleich zwischen diesen beiden übergeordneten Lebensbereichen zu erreichen, der zunächst diese Gegenüberstellung notwendig macht. Kritikwürdig daran ist, dass damit (vereinfachend) die Arbeit aus dem Leben ausgeschlossen wird und eine strikte Trennung zwischen der Arbeit und dem (Privat-)Leben angenommen wird (vgl. Frone 2003, S. 144; Resch/Bamberg 2005, S. 171; Ulich/Wülser 2005, S. 126).

Diese vereinfachte Gegenüberstellung wird der komplexen Realität jedoch nicht gerecht. Tatsächlich bilden das Arbeitsleben und das Privatleben Teilsysteme unserer menschlichen Lebenswelt, die sich wiederum in verschiedene Subsysteme unterteilen lassen, mit jeweils vielfältigen Ausprägungen und Interdependenzen, die aufeinander wirken und sich gegenseitig positiv und negativ beeinflussen können (vgl. Abbildung 1).

Diese differenziertere Unterscheidung der Lebenswelt des Menschen in verschiedene Teilsysteme spiegelt die Vielfältigkeit der menschlichen Lebenswelt sowie die unterschiedlichen Interdependenzen, die zwischen den beiden übergeordneten Lebenswelten Arbeitswelt und Privatleben und den verschiedenen Subsystemen bestehen.

Abbildung 1:

Individuelle Lebensweltenindividuelle Lebenswelten des Menschen mit Teilsystemen. Eigene Darstellung.

Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich die individuellen Lebensbereiche in unserer heutigen Welt und Lebensweise häufig nicht mehr klar abgrenzen lassen. Beobachtbar ist eine steigende Entgrenzung zwischen dem Berufs- und PrivatlebenEntgrenzung zwischen dem Berufs- und Privatleben. So ermöglichen die modernen digitalen Informations- und Kommunikationstechnikendigitale Informations- und Kommunikationstechniken in Verbindung mit dem Internet eine ständige Erreichbarkeit und Kommunikation, was immer häufiger dazu führt, dass Arbeitnehmende rund um die Uhr und ortsunabhängig über Laptop, Tablet, Smartphone in Arbeitsbereitschaft stehen und beruflich ansprechbar bleiben, um kurzfristig wichtige berufliche Fragen klären oder Aufgaben bearbeiten zu können. So bleibt das „Arbeits-Smartphone“ oft auch am Abend und am Wochenende eingeschaltet, um für Kollegen und wichtige Fragen erreichbar zu sein oder auch außerhalb der normalen Arbeitszeiten noch berufliche E-Mails abzurufen und zu bearbeiten oder mit Kollegen berufliche Aufgaben zu besprechen. Durch diese ständige Erreichbarkeitständige Erreichbarkeit und berufliche Ansprechbarkeit, die häufig auch noch spät abends und am Wochenende aufrechterhalten wird, greift das Arbeitsleben immer stärker in die anderen Lebensbereiche ein, was einen Ausgleich der verschiedenen Lebensbereiche zusätzlich erschwert. Andererseits werden während der Arbeitszeit zunehmend auch kurzfristig wichtige private Angelegenheiten (z.B. Telefonanrufe, Behördengänge) erledigt. So werden die Grenzen zwischen den einzelnen Lebensbereichen zunehmend durchlässiger und lösen sich teilweise sogar auf. Hierfür hat sich mittlerweile der Begriff der EntgrenzungEntgrenzung zwischen Arbeitsleben und Privatleben etabliert.

Darüber hinaus entwickeln und verändern sich die individuellen Lebenswelten im persönlichen Zeitverlauf. Angefangen von der Sozialisierung eines Kindes in seinem familiären und sozialen Umfeld über die Schul- und Berufsausbildung, den Einstieg in das Berufsleben und Karrierefortschritte, die Entwicklung sozialer Bindungen durch Partnerschaften oder Heirat, die Gründung einer eigenen Familie, den Wiedereinstieg in den Beruf nach möglichen Erziehungszeiten, einer späteren Karriereorientierung in fortgeschrittenem Alter (z.B. ab 50 Jahren) bis hin zur Planung und Umsetzung des altersbedingten Berufsausstieges zum Renteneintrittsalter und das Privatleben im Ruhestand. Dabei sind auch die individuellen sozialen und kulturellen Besonderheiten und Vorlieben des Berufs- und Privatlebens zu berücksichtigen. In den verschiedenen LebensphasenLebensphasen verändern sich meist auch die Bedeutungen der verschiedenen Lebensbereiche. Daher bedarf es beim Konzept der Work-Life-Balance auch einer Berücksichtigung der verschiedenen Lebensphasen der Personen.

1.2.2Work – Arbeit

Grundsätzlich kann „WorkWork“ übersetzt als Arbeit als zweckmäßige und zielgerichtete menschliche Tätigkeit verstanden werden, die der Existenzsicherung und der Befriedigung individueller Bedürfnisse dient. Im Kontext des Begriffs „Work-Life-Balance“ beschränkt sich das Begriffsverständnis von „Work“ nur auf die Erwerbsarbeit, die sich auf körperliche und geistige Tätigkeiten des Menschen gegen Entgelt bezieht (vgl. Rürup 1994, S. 35 f.). Dies begründet sich in der Gegenüberstellung von Arbeit und Privatleben, für die ein individuell zufrieden stellender Ausgleich gefunden werden soll.

Andere notwendige (z.B. Hausarbeit, Kinderbetreuung und -erziehung, Pflege betreuungsbedürftiger Familienangehöriger) oder individuell wünschenswerte Arbeitsbereiche (z.B. Bildungsarbeit, soziale und ehrenamtliche Arbeiten, Arbeiten in der Freizeit) bleiben in diesem engen Begriffsverständnis weitgehend unberücksichtigt (vgl. Eby et al. 2005, S. 126). Dies ist insofern kritikwürdig, als diese nicht erwerbsorientierten Arbeitsbereiche häufig mit verantwortlich sind für einen mangelnden Ausgleich zwischen Arbeit und Privatleben sowie auch für intra- sowie interpersonelle Rollenkonflikte in den verschiedenen Lebensbereichen (vgl. Michalk/Nieder 2007, S. 19). Der Umfang nicht erwerbsorientierter Arbeiten bestimmt sich durch die individuelle Ausprägung der verschiedenen Lebensbereiche einer Person. So müssen erwerbstätige Eltern zwingend auch die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder sowie umfangreichere Arbeiten im Haushalt übernehmen. Personen mit pflegebedürftigen Angehörigen müssen sich um die Betreuung und Pflege dieser Familienmitglieder kümmern oder die Betreuung und Pflege durch andere Personen oder Organisationen organisieren. Neben diesen zwangsläufig mit bestimmten Lebensbereichen verbundenen Aufgaben und Arbeiten können Personen auch freiwillig nicht erwerbsorientierte Arbeiten im Privat- oder Freizeitleben übernehmen, wie z.B. soziale oder ehrenamtliche Aufgaben, die als sinnstiftend erlebt werden. Die Vielfalt der Arbeitsbereiche und Arbeitsbelastungen in den verschiedenen Lebensbereichen wird durch den Begriff „Work“ kaum deutlich und bleibt im Konzept der „Work-Life-Balance“ weitgehend unberücksichtigt. Hier wäre es wichtig, die nichterwerbsorientierten Arbeitsbereiche zumindest als Arbeitsbelastungen in den anderen Lebensbereichen mit aufzunehmen.

Die enge Begriffsfassung von Arbeit als Erwerbsarbeit ist zurückzuführen auf die zentrale Bedeutung, die der Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft zukommt und die sich nicht nur in der Sicherung der eigenen Existenz begründet, sondern darauf aufbauend und auch darüber hinaus für viele Menschen einen zentralen Wertmaßstab darstellt. So können sich die meisten Menschen ein Leben ohne Erwerbsarbeit nicht vorstellen. Allerdings führen die veränderten Ansprüche an die Erwerbstätigkeit sowie die steigende Freizeitorientierung teilweise zu dem Wunsch nach verringerten Wochenarbeitszeiten (vgl. BAuA 2020, S. 38 f.). Zusätzlich wünschen sich viele Menschen eine sinnstiftende Erwerbstätigkeit, mit der sie sich identifizieren können und die ihnen inhaltliche Gestaltungs- und Entwicklungsspielräume bietet (Balzer/Balzer 2019). Insofern sind die Anforderungen an die Erwerbsarbeit bei vielen Erwerbstätigen deutlich gestiegen. Andererseits haben sich die Arbeitsbedingungen für viele Menschen in den letzten ca. zwanzig Jahren drastisch verändert, wodurch es für immer mehr Arbeitnehmer schwieriger wird, ihre Erwerbsarbeit mit dem Privatleben ein Einklang zu bringen, auszugleichen und für beide Lebensbereiche genug Zeit zu haben. Hierzu gehören nicht nur veränderte Tätigkeiten und Inhalte (hin zu geistig anspruchsvolleren und wissensbezogenen Tätigkeiten), die häufig höherer Qualifikationen der Beschäftigten erfordern, sondern auch veränderte Rahmenbedingungen (z.B. Zunahme zeitlich befristeter Arbeitsverträge, steigende Beschäftigungsunsicherheit, höherer Leistungsdruck), neue oder veränderte Arbeitsstrukturen (z.B. Teamarbeit, Projektarbeit), der deutlich gestiegene Einsatz digitaler Arbeitsmittel (insb. digitale Informations- und Kommunikationstechnologien), weniger klar abgegrenzte Arbeitszeiten, ausgedehntere räumliche Arbeitsbezüge (national, zunehmend international und global), zunehmendes mobiles Arbeiten und Arbeit im Homeoffice aufgrund der Coronavirus-Pandemie, eine steigende Dynamik der Zusammenarbeit sowie veränderte bzw. auch erweiterte Rollen und Funktionen der Mitarbeitenden.

1.2.3Balance – Ausgeglichenheit

Die Idee der „Work-Life-Balance“„Work-Life-BalanceIdee“ zielt auf einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Lebensbereichen, wobei der Ausgleich zwischen dem erwerbsorientierten Arbeitsleben und den individuellen Lebensbereichen des Privatlebens im Vordergrund der Betrachtung steht.

BalanceBalance bedeutet Ausgeglichenheit zwischen den beiden Bereichen Arbeit (Work) und Privatleben (Life). Gemeint ist damit eine objektive aber auch subjektive zeitliche, örtliche und inhaltliche Ausgeglichenheit zwischen dem erwerbsorientierten Arbeitsleben und den Teilsystemen des Privatlebens, die eine individuell wünschenswerte ausreichende Berücksichtigung und Vereinbarkeit der verschiedenen Lebensbereiche ermöglicht. Dadurch kann die individuelle Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen gesteigert werden, die eine dauerhafte psychische und physische Gesundheit fördert. „Eine Balance oder Vereinbarkeit beider Lebensbereiche (A.d.V.: des Arbeits- und Privatlebens) ist für das Individuum wichtig, um dauerhaft gesund und mit sich und der Umwelt im Einklang zu sein und einen Sinngehalt in seinem Leben erkennen zu können.“ (Michalk/Nieder 2007, S. 21).

Symbolisiert wird diese Ausgeglichenheit häufig mit einer Waage, auf der die beiden Lebensbereiche ausbalanciert werden (vgl. Michalk/Nieder 2007, S. 21). Dabei ist nicht zwingend von einer gleich verteilten Gewichtung beider Lebensbereiche (50%-50%-Gewichtung) auszugehen, sondern die Balance beider Lebensbereiche ist abhängig von den individuellen zeitlichen, örtlichen und inhaltlichen Prioritäten und wird von jeweils personenspezifischen Rahmenbedingungen des beruflichen und privaten Umfeldes bestimmt.

Bei der Betrachtung einer Balance zwischen Arbeit und Privatleben gehen viele Konzepte von der Annahme aus, dass die Abstimmung der verschiedenen Arbeits- und Lebensbereiche zu Konflikten zwischen beruflichen und außerberuflichen RollenKonflikte zwischen beruflichen und außerberuflichen Rollen führt. Häufig werden bei diesen RollenkonfliktenRollenkonflikte nur zwei Richtungen betrachtet: Entweder beeinträchtigt die Arbeit das Privatleben (work-to-family-conflictwork-to-family-conflict) oder das Privatleben stört das Berufsleben (family-to-work-conflictfamily-to-work-conflict) (vgl. Schobert, 2007, S. 20). Dieses bidirektionale Verständnis von Work-Life-Balance ist jedoch nur eine von sieben Beziehungen, die zwischen den verschiedenen Rollen des Arbeits- und Privatlebens bestehen können. In der Fachliteratur werden insgesamt sieben unterschiedliche Rollenbeziehungen zwischen Berufs- und PrivatlebenRollenbeziehungen zwischen Berufs- und Privatleben diskutiert, wobei einige Rollenbeziehungen wirkliche Rollenkonflikte darstellen, andere Rollenbeziehungen jedoch eine gegenseitige Stärkung bzw. Ergänzung der verschiedenen Rollen aufzeigen (vgl. Schobert 2007, S. 20):

Verschiedene Rollenbeziehungen zwischen Arbeits- und Privatleben

Work -

Family

ConflictWork -Family-Conflict

 

Die unterschiedlichen Rollen des Arbeits- und Privatlebens behindern und beeinträchtigen sich gegenseitig bei der Erreichung der jeweiligen mit den Rollen verbundenen Verpflichtungen. Die Rollenkonflikte können zeitlich, örtlich, verhaltensbezogen oder auch emotional belastend sein.

AccomodationAccomodation

 

Um eine bestimmte Rolle gut erfüllen zu können, wird eine andere Rolle weniger gut erfüllt. Die unterschiedliche Ausübung der jeweiligen Rollen kann sich im jeweiligen Verhalten zeigen oder auch auf der psychischen Ebene angepasst werden.

Work -

Family

EnrichmentWork -Family-Enrichment

 

Die Übernahme und Ausübung einer (z.B. beruflichen) Rolle wirkt sich positiv auf die Erfüllung einer anderen (z.B. privaten) Rolle aus.

Work -

Family

SpilloverWork -Family Spillover

 

Die Werte, Fähigkeiten, Verhaltensweisen und Gefühle, die mit einer Rolle verbunden sind bzw. in einer Rolle gelebt werden, werden auf eine andere Rolle übertragen und angewendet. Dies kann sich positiv (Work-Family Enrichment) oder auch negativ (Work-Family-Conflict) auswirken.

Work -

Family

BalanceWork -Family Balance

 

Engagement und Ausgeglichenheit zwischen und Zufriedenheit mit den verschiedenen beruflichen und privaten Rollen einer Person. Dies stärkt das Selbstwertgefühl und reduziert Belastungen der Rollenträger. Die Kompetenzen der jeweiligen Rollen helfen beim Ausgleich.

CompensationCompensation

 

Bestehende Unzufriedenheiten in und mit einer Rolle werden ausgeglichen durch besonderes Engagement in einer anderen Rolle.

SegmentationSegmentation

 

Verschiedene Rollen werden klar voneinander abgegrenzt, um die Belastungen einzelner Rollen und mögliche negative Auswirkungen auf andere Rollen zu vermeiden sowie die verschiedenen Rollen deutlich voneinander abzugrenzen.

Tabelle 1:

Verschiedene Rollenbeziehungen zwischen Arbeits- und Privatleben. Quelle: vgl. Schobert 2007, S. 20 f.; Greenhaus/Singh 2004, S. 689 ff. Eigene Darstellung.

Mitte des letzten Jahrhunderts ging die Forschung noch davon aus, dass das Arbeits- und das Privatleben zwei getrennte und voneinander unabhängige Lebensbereiche sind, die sich gegenseitig gar nicht beeinflussen (vgl. Parsons/Bales 1955). Heute herrscht Konsens darüber, dass die beiden Lebensbereiche Arbeit und Privatleben in vielfältige Weise aufeinander wirken und sich gegenseitig sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können (vgl. Greenhaus/Singh 2004, S. 687 f.; Clark 2000, S. 349; BMFSFJ 2005a; Czurlok 2007; Collatz/Gudat 2011 S. 3 ff.; Kaiser/Ringlstetter 2010). Negative Beeinflussungen verschiedener Rollen können zu psychischer und physischer Überlastung und negativem Stress führen und in gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder gar im Burnout Syndrom deutlich werden. Demgegenüber kann eine positive gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Rollen in den jeweiligen Lebensbereichen die eigene Motivation, die Leistungsfähigkeit sowie das Selbstwertgefühl steigern und insgesamt eine höhere Lebensqualität bewirken (vgl. Schobert 2007, S. 21).

Die Betrachtung der Balance kann sowohl zeitlich, örtlich als auch inhaltlich erfolgen.

Balance in zeitlicher HinsichtBalancezeitlich: Die Ausgeglichenheit zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben kann hinsichtlich des Zeitumfangs erfolgen, der für die Lebensbereiche erforderlich ist bzw. zur Verfügung steht. Hier können die individuellen Prioritäten sehr unterschiedlich sein. Einem 25-Jährigen Berufseinsteiger ohne eigene Familie ist vermutlich ein zeitintensives Berufsleben wichtiger, um sich beruflich zu bewähren, sich in seinem Berufsfeld zu etablieren und damit die eigenen Aufstiegs- und Karrierechancen zu verbessern, wohingegen das Privatleben nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen muss. Demgegenüber müssen berufstätige Eltern viel stärker auch auf eine zeitliche Ausgeglichenheit und Abstimmung zwischen ihrem Berufsleben, Privat- und Familienleben achten, um die unterschiedlichen zeitlichen Anforderungen der verschiedenen Lebensbereiche aufeinander abstimmen zu können und somit ausreichend Zeit für ihre Familie zu haben. Dabei ist auch heute noch die zeitliche Abstimmung zwischen den Arbeitszeiten der Berufstätigkeit von Eltern und beispielsweise den Öffnungszeiten von Kindertagesstätten, Schule und Hort ein weit verbreiteter zeitlicher Konfliktbereich.

Die zeitliche Balance kann sich aber auch auf verschiedene Zeiträume beziehen: Kurzfristig z.B. auf einen Tag oder eine Woche; längerfristig auf die Gestaltung verschiedener Lebensphasen (z.B. Berufsausbildung, Eintritt in den Beruf, Familiengründung, Karriere, längere Auszeiten vom Beruf, Austritt aus dem Berufsleben), die jeweils unterschiedliche Prioritäten hinsichtlich der Ausgeglichenheit zwischen Arbeits- und Privatleben haben können.

Balance in örtlicher HinsichtBalanceörtlich: Die örtliche Ausgeglichenheit betrifft die Vereinbarkeit der Anforderungen und individuellen Wünsche zwischen dem Arbeitsort und Arbeitsplatz der Erwerbstätigkeit und den privaten Örtlichkeiten. Mögliche örtliche Konflikte entstehen beispielsweise durch die erforderliche Anwesenheit an einem bestimmten beruflichen Arbeitsplatz beim Arbeitgeber und der erforderlichen Betreuung z.B. kranker Kinder oder pflegebedürftiger Angehöriger an einem anderen Ort. Viele Menschen wünschen sich mittlerweile jedoch auch eine höhere Flexibilität bei der Wahl ihres Arbeitsortes und Arbeitsplatzes. Mögliche Gründe hierfür bestehen u.a. in der Vermeidung langer Arbeitswege zum Arbeitsplatz beim Arbeitgeber, in der besseren Vereinbarkeit beruflicher und privater Anforderungen sowie in dem individuellen Wunsch nach örtlicher Ungebundenheit auch während der Berufstätigkeit. So gewinnen Konzepte des mobilen Arbeitens zunehmend an Bedeutung und Verbreitung in der Praxis. Die seit dem Jahr 2020 die Welt beherrschende Coronavirus-Pandemie hat u.a. zu einer deutlichen Ausweitung der Arbeit im Homeoffice geführt, um Ansteckungen mit dem Coronavirus durch persönliche Kontaktbeschränkungen zu reduzieren. Standen vor der Coronavirus-Pandemie viele Arbeitgeber einer Arbeit im Homeoffice kritisch gegenüber, so haben die zahlreichen positiven Erfahrungen mit der Arbeit im Homeoffice im letzten Jahr dazu geführt, dass sich eine Mehrheit der Arbeitgeber auch zukünftig vorstellen kann, ihren Mitarbeitenden eine ausgedehntere Arbeit im Homeoffice anzubieten. Allerdings hat die Arbeit im Homeoffice während der Coronavirus-Pandemie auch gezeigt, dass vor allem diejenigen, die Kinder oder pflegebedürftige Personen im eigenen Haushalt betreuen müssen, teilweise stark mehrfach belastet und oft auch überlastet waren. So bedarf auch die Arbeit im Homeoffice (ebenso wie die mobile Arbeit) einer sorgfältigen Organisation der Festlegung bestimmter Arbeits- und Freizeiten.

Balance in inhaltlicher HinsichtBalanceinhaltlich: Die inhaltliche Ausgeglichenheit bezieht sich auf die inhaltlichen Ansprüche, die jeweils an die beiden Lebensbereiche gestellt werden. Diese müssen jedoch nicht gleichgewichtig sein, sondern können auch ganz unterschiedliche Ausprägungen haben. So reduziert eine Person den inhaltlichen Anspruch ihrer Erwerbstätigkeit lediglich auf den Zweck, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ohne große inhaltliche Ansprüche an die Arbeitsaufgaben zu stellen oder besondere karriereorientierte Erwartungen in ihrer Erwerbsarbeit zu haben. Demgegenüber stellt die gleiche Person sehr hohe inhaltliche Erwartungen an die Gestaltung ihres Privatlebens, beispielsweise hinsichtlich kultureller oder sozialer Aktivitäten. Bei anderen Personen kann eine inhaltliche Ausgeglichenheit genau entgegen gesetzte Schwerpunkte aufweisen oder auch ähnliche Schwerpunkte zwischen Berufsleben und Privatleben haben.

Wesentliche KritikBalanceKritikpunkte am Begriff und der Symbolik der Balance werden im Folgenden zusammengefasst:

Problematisch ist die Gegenüberstellung und damit der gegenseitige Ausschluss der beiden Lebensbereiche (Erwerbs-)Arbeit und Privatleben. Damit wird unterstellt, dass die Erwerbsarbeit eher der zur Existenzsicherung notwendige Lebensbereich ist, dessen Belastungen durch das individuell sinnstiftende Privatleben ausgeglichen werden soll oder muss. Unberücksichtigt bleiben hierbei die individuellen Prioritäten, die ein erfülltes Leben im Sinne einer „Work-Life-Balance“ durchaus in der zeitlich, räumlich und inhaltlich dominierenden Verwirklichung einer beruflichen Karriere sehen können. Aber auch der umgekehrte Fall, dass die Erwerbsarbeit eine inhaltliche Bereicherung und ein Ausgleich für ein ansonsten stark dominierendes Familien- oder Privatleben darstellen kann, bleibt hier unbeachtet.

Der Begriff der Balance suggeriert ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Lebensbereichen, das es für die individuelle Zufriedenheit gar nicht geben muss. So kann auch eine „ausgeprägte Schieflage“ der beiden Lebensbereiche das persönliche Optimum darstellen. Ausgeglichenheit sollte daher so interpretiert werden, dass es um Möglichkeiten geht, die individuell wünschenswerte Verteilung zwischen den verschiedenen Lebensbereichen zu erreichen.

Mehrfache Balance ist notwendig: Bei der hier verfolgten differenzierteren Betrachtung der verschiedenen Lebensbereiche („Work“: erwerbs- und nicht-erwerbsorientierte Arbeitsbereiche) und „Life“ (verschiedene private Lebensbereiche je nach individueller Ausprägung) wird eine mehrfache Balance zwischen den individuell unterschiedlich ausgeprägten Lebensbereichen notwendig. Dies erhöht die Komplexität und Schwierigkeit der Ausgeglichenheit einer Person erheblich und stellt weitreichendere Anforderungen an die Möglichkeiten und Mechanismen zur Erreichung einer individuellen Ausgeglichenheit.

Einen weiteren Kritikpunkt bildet die enge Begriffsfassung von Arbeit, die nur die Erwerbsarbeit berücksichtigt und weitere private und familiäre Arbeitsbereiche außer Acht lässt, die jedoch häufig verantwortlich sind für eine mangelnde Ausgeglichenheit oder auch unzureichende Vereinbarkeit der verschiedenen Lebensbereiche (vgl. Michalk/Nieder 2007, S. 21).

Die wesentlichen Kritikpunkte am Begriff der Work-Life-Balance werden in der folgenden Tabelle noch einmal zusammengefasst.

Wesentliche Kritikpunkt am Begriff der Work-Life-Balance

Mit der Gegenüberstellung von Arbeit und Leben wird die Arbeit aus dem Leben ausgeschlossen (vgl. Frone 2003, S. 144; Resch/Bamberg 2005, S. 171; Ulich/Wülser 2005, S. 126)

Unter „Arbeit“ wird vor allem die Erwerbstätigkeit verstanden, wohingegen andere Formen von Arbeit unberücksichtigt bleiben (vgl. Eby 2005, S. 126)

Der Gegensatz von Erwerbstätigkeit und Privatleben suggeriert, dass die Belastungen des Erwerbslebens durch das Privatleben ausgeglichen werden müssen. Doch auch der umgekehrte Fall ist denkbar.

Die Bedeutung der Balance ist mehrdeutig und damit erklärungsbedürftig (vgl. Guest 2001).

1.2.4Definition des Begriffs Work-Life-Balance

In der Literatur finden sich verschiedene Definitionen des Begriffs Work-Life-BalanceBegriffs Work-Life-BalanceDefinition, die auch die Entwicklung des Konzeptes und verschiedene Herangehensweisen und Schwerpunkte verdeutlichen.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend versteht unter dem Begriff der Work-Life-Balance folgendes:

„Work-Life-Balance bedeutet eine neue, intelligente Verzahnung von Arbeits- und Privatleben vor dem Hintergrund einer veränderten und sich dynamisch verändernden Arbeits- und Lebenswelt. Betriebliche Work-Life-Balance-Maßnahmen zielen darauf ab, erfolgreiche Berufsbiografien unter Rücksichtnahme auf private, soziale, kulturelle und gesundheitliche Erfordernisse zu ermöglichen“ (BMFSFJ 2005a, S. 4)

Schmoldt hebt in seiner Definition das Streben der Menschen nach einem sinnerfüllten Leben hervor:

„Wenn Menschen eine Balance zwischen dem Arbeitsleben und dem Leben außerhalb der Arbeitswelt anstreben, sei es in der Familie, in einer partnerschaftlichen Beziehung oder für politisches, soziales oder kulturelles Engagement, so geht es ihnen um ein sinnvolles Leben, das nicht alleine durch die Arbeit erfüllt wird.“ (Schmoldt 2004, S. 113).

Michalk und Nieder (2007) fassen den Begriff der Work-Life-Balance noch weiter und betrachten ihn ganzheitlich:

„Work-Life-Balance heißt: den Menschen ganzheitlich zu betrachten (als Rollen- und Funktionsträger) im beruflichen und privaten Bereich (der Lebens- und Arbeitswelt) und ihm dadurch die Möglichkeit zu geben, lebensphasenspezifisch und individuell für beide Bereiche die anfallenden Verpflichtungen und Interessen erfüllen zu können, um so dauerhaft gesund, leistungsfähig, motiviert und ausgeglichen zu sein.“ (Michalk/Nieder 2007, S. 22; Freier 2005, S. 21).

Trotz der Kritik am Begriff der Work-Life-Balance wird er aufgrund der Verbreitung in der Literatur auch hier beibehalten, allerdings inhaltlich weiter gefasst. Zugrunde liegt im weiteren folgende Definition von Work-Life-BalanceWork-Life-BalanceDefinition:

Eigene Definition der Work-Life-Balance:

Work-Life-Balance bedeutet, Menschen dabei zu unterstützen, ihre individuellen und lebensphasenspezifischen Interessen und Verpflichtungen aus unterschiedlichen Rollen und Funktionen in verschiedenen Lebensbereichen so erfüllen und ausleben zu können, dass sie dauerhaft leistungsfähig, leistungsbereit sowie physisch und psychisch gesund bleiben und sich wohl fühlen, um so insgesamt ein zufriedenes, sinnerfülltes und ausgeglichenes Leben zu erreichen. Dabei wird die individuelle lebensphasenabhängige Balance von vielfältigen Faktoren beeinflusst.

Abbildung 2:

Definition des Begriffs Work-Life-Balance

Die vielfältigen Einflussfaktoren auf die lebensphasenbezogene Vereinbarkeit der individuellen Lebenswelten visualisiert die Abbildung 3.

Abbildung 3:

Einflussfaktoren einer lebensphasenorientierten Work-Life-Balance

1.3Neue Konzepte und Begrifflichkeiten zum Thema “Work-Life-Balance“

In den letzten Jahren wurden zum Thema Work-Life-Balance neue Konzepte und Begrifflichkeiten entwickelt. Zu denen am häufigsten diskutierten Konzepten gehören das Work-Life-Blending, die Work-Life-Integration und die Work-Life-Separation.

1.3.1Work-Life-Blending

Work-Life-BlendingWork-Life-Blending bezeichnet die Vermischung bzw. Verschmelzung des Arbeitslebens mit dem Privatleben. Hierbei werden die definierten Grenzen zwischen der erwerbsmäßigen Arbeit und dem Privatleben aufgehoben. In Absprache mit dem Arbeitgeber können Mitarbeitende zeitlich und örtlich flexibel arbeiten, auch in eigentlichen Arbeitszeiten private Angelegenheiten erledigen und dafür in eigentlich arbeitsfreien Zeiten (am Morgen oder Abend, am Wochenende, im Urlaub) ihre beruflichen Aufgaben bearbeiten und für berufliche Fragen, Termine und Kollegen erreichbar sein. Das führt u.a. dazu, dass die Arbeitszeit nicht mehr eindeutig von der Freizeit abgegrenzt wird und sich beide Lebensbereiche stark vermischen. (vgl. Illingworth 2004; Kordouni 2017; Scholz 2018; Weibler 2018).

Mögliche Arbeitsorte können das Büro beim Arbeitgeber, das Homeoffice, auf Reisen oder auch andere Orte sein. Die Flexibilisierung des Arbeitsortes und der Arbeitszeit ermöglichen eine bessere Vereinbarkeit der individuellen beruflichen mit den privaten Anforderungen und Aufgaben der Beschäftigten. Vor allem für Familien mit zu betreuenden Kindern oder zu pflegenden Angehörigen ist die örtliche und zeitliche Flexibilität wichtig, um beispielsweise die beruflichen Arbeitsaufgaben mit den Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen, den Schulferien, zu Hause zu betreuenden kranken Kindern oder mit Pflegezeiten von Angehörigen besser vereinbaren zu können. Auch für die innerfamiliäre Organisation der Kinderbetreuung und der Pflegeorganisation von Angehörigen ist eine örtlich und zeitlich flexible Berufstätigkeit wichtig und hilfreich, gerade wenn die Eltern oder ein Elternteil zu unterschiedlichen Tages- oder auch Nachtzeiten arbeiten muss, wie es beispielsweise bei der Schichtarbeit der Fall ist. Aber auch Erwerbstätige ohne Kinder oder eigene Familie schätzen Arbeitsangebote mit einer hohen örtlichen und zeitlichen Arbeitsflexibilität. Ein weiterer Vorteil der örtlichen Flexibilität besteht im Wegfall oder der Verringerung von Wegezeiten zum Arbeitsplatz beim Arbeitgeber. Ein aktuelles Beispiel für die Notwendigkeit einer örtlichen und zeitlichen Flexibilisierung des Arbeits- und Privatlebens ist die Arbeit vieler Erwerbstätigen im Homeoffice während der Coronavirus-Pandemie seit dem Jahr 2020 aufgrund der notwendigen Kontaktbeschränkungen zur Reduzierung der Ansteckungen mit dem Coronavirus. Die zeitweisen Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten führten dazu, dass viele Eltern ihre Kinder zu Hause betreuen und beschulen (Homeschooling), als auch im Homeoffice arbeiten mussten.

Für die Umsetzung eines Work-Life-Blending und der damit verbundenen zeitlichen und örtlichen Flexibilität ist jedoch eine zeitlich umfangreiche Erreichbarkeit der Mitarbeitenden erforderlich, die sich auch auf die eigentlich arbeitsfreien Zeiten erstreckt. Ermöglicht wird dies durch die vielfältigen elektronischen und digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien, die uns mittlerweile ständig begleiten, wie zum Beispiel unser Smartphone, das Tablet oder der Laptop sowie der (meist) allgegenwärtige Internetzugang über das WLAN und Hotspots. Eine ständige bzw. zeitlich sehr umfangreiche Erreichbarkeit der Mitarbeitenden auch in ihrer eigentlich arbeitsfreien Zeit führt zu einer Entgrenzung zwischen dem Arbeits- und Privatleben und erhöht die Gefahr einer ständigen Arbeitsbereitschaft der Mitarbeitenden zu Lasten der eigentlich arbeitsfreien Zeit, die ja zur Erholung und Regeneration der Beschäftigten von ihrer Arbeit dient. Mögliche Folgen können steigende Arbeitszeiten, vermehrte Überstunden sowie auf Dauer eine physische und psychische Überlastung der Mitarbeitenden sein. Auch besteht die Gefahr, dass es eigentlich gar keine arbeitsfreien Zeiten mehr für die Beschäftigten gibt, in denen sie sich ausreichend von ihrer Arbeit erholen und abschalten können, so dass das Privatleben eigentlich völlig vom Arbeitsleben vereinnahmt wird. Sind Mitarbeitende ständig im beruflichen „Stand-by-Modus“, so kann sich dies auch nachteilig auf die persönlichen Beziehungen innerhalb der Familie und zu Freunden und auf Partnerschaften auswirken, da ein Teil der persönlichen Aufmerksamkeit immer auf potenzielle Arbeitsanfragen ausgerichtet ist. Auch fällt ein wirkliches Abschalten von den beruflichen Anforderungen und Aufgaben und das zur Ruhe kommen der Beschäftigten zunehmend schwerer, was sich ebenfalls gesundheitlich negativ auswirken kann. Ebenso fehlt bei diesem Konzept eine eindeutige Abgrenzung der Arbeitsorte, so dass auch die private Wohnung der Beschäftigten dauerhaft zum Arbeitsbüro werden kann. (vgl. Scholz 2018; Werle 2016, S. 70 ff.).

Ob mit dem Ansatz des Work-Life-Blending die gewünschte Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben erreicht werden kann, ohne neue private Probleme oder berufliche Überlastungen zu provozieren, bleibt fraglich und ist letztlich von den persönlichen Gegebenheiten, Bedürfnissen und verfügbaren physischen und psychischen Ressourcen abhängig.

1.3.2Work-Life-Integration

Parallel zu dem Konzept des Work-Life-Blending wurde auch das Konzept der Work-Life-IntegrationWork-Life-Integration entwickelt. Inhaltlich sind beide Konzepte sehr ähnlich.

Bei der Work-Life-Integration werden das Arbeitsleben und das Privatleben miteinander verbunden, so dass es keine eindeutige Trennung mehr zwischen den beiden Lebensbereichen gibt. So wird das Arbeitsleben in das Privatleben integriert, beispielsweise, wenn jemand zu Hause oder unterwegs, morgens oder abends, am Wochenende oder auf Reisen berufliche Aufgaben bearbeitet. Andererseits wird es auch vom Arbeitgeber akzeptiert, dass ein Arbeitnehmender während seiner Arbeitszeit private Aufgaben erledigt oder seine Arbeit für private Anliegen einige Zeit unterbricht. Voraussetzung sind auch hier geeignete berufliche Aufgabenbereiche, die ein örtlich und zeitlich flexibles Arbeiten zulassen.

Das Ziel besteht darin, dass das Arbeitsleben Freiräume für die Belange des Privatlebens bietet, die Beschäftigten dafür jedoch auch bereit sind, berufliche Aufgaben auch in der eigentlich arbeitsfreien Zeit, im Privatleben, zu bearbeiten. So können beispielsweise private Termine während der Arbeitszeit wahrgenommen werden, dafür wird am Abend oder am Wochenende nochmal an einem beruflichen Projekt gearbeitet oder abends noch ein berufliches Telefonat geführt. Beide Lebensbereiche verschmelzen quasi zu einem Ganzen, wodurch zeitliche und räumliche Konflikte mit den Anforderungen der verschiedenen Lebensbereiche vermieden bzw. reduziert werden können. Für viele Berufstätige ist es schon heute normal, auch außerhalb der üblichen Arbeitszeiten noch berufliche Aufgaben wahrzunehmen. Voraussetzung für eine Work-Life-Integration ist die Verfügbarkeit und Nutzung der vielfältigen digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien, wie z.B. dem Smartphone oder dem Laptop, auf dem abends und unterwegs noch berufliche Emails oder Anfragen beantwortet werden und der berufliche Datenaustausch erfolgen kann. Durch eine flexible Verknüpfung des Arbeitslebens mit dem Privatleben können berufliche und private Anforderungen besser zeitlich und örtlich aufeinander abgestimmt und miteinander vereinbart werden. Ziel ist es nicht, deutlich mehr zu arbeiten, sondern die Arbeitszeiten sollen zeitlich und räumlich flexibler gestaltbar sein, um alle beruflichen und privaten Anforderungen und Bedürfnisse gut miteinander vereinbaren zu können. (Rassek 2020; Fichtel 2020; Mauritz 2020; Hearn 2017).

Diese Integration von Arbeitsleben und Privatleben führt ebenfalls zu einer EntgrenzungEntgrenzung der Lebensbereiche, da es keine eindeutige Trennung mehr zwischen dem Arbeits- und Privatleben gibt. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass das Arbeitsleben immer weitere Teile des Privatlebens vereinnahmt und Beschäftigte „rund um die Uhr“ für ihre beruflichen Aufgaben ansprechbar sind und nicht wirklich vom Arbeitsleben abschalten und sich erholen können. Ebenso wie das Konzept des Work-Life-Blending kann auch die Work-Life-Integration zu erheblichen negativen gesundheitlichen (physisch und psychisch) sowie soziale Auswirkungen für die Beschäftigten führen.

1.3.3Umsetzung der Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration

Da die Konzepte des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration inhaltlich sehr ähnlich sind, werden im folgenden wesentliche Voraussetzungen und Anforderungen für die Umsetzung beider Konzepte gemeinsam diskutiert sowie abschließend beide Konzepte gemeinsam bewertet.

1.3.3.1Voraussetzungen für die Umsetzung der Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration

Die Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration sind nur für diejenigen Aufgabenbereiche geeignet, die eine örtlich und zeitlich flexible Aufgabenerfüllung erlauben. Dazu gehören häufig Tätigkeiten im kaufmännischen Bereich, Verwaltungstätigkeiten, Planungsaufgaben, Managementtätigkeiten, IT-Aufgaben, ggf. flexibler Außendienst, Projektmanagement, ggf. F+E-Aufgaben und Tätigkeitsfelder im E-Commerce. Davon ausgeschlossen sind alle Tätigkeiten, die entweder auf festgelegten Arbeitsplätzen und / oder zu festgeschriebenen Arbeitszeiten (incl. Schichtarbeit) geleistet werden müssen. Das betrifft beispielsweise viele Berufsfelder in Gesundheitsberufen (z.B. im Krankenhaus oder in Pflegeeinrichtungen), Tätigkeiten im Einzelhandel und Servicebereich mit Kundenkontakt und festen Öffnungszeiten und Arbeitsorten, aber auch Tätigkeiten, die in direkter Zusammenarbeit mit (teil-)automatisierten Produktionsanlagen wie beispielsweise in der Automobilproduktion erfolgen.

Beide Konzepte setzen ein verändertes Verständnis von ArbeitVerständnis von Arbeit voraus: Wichtig ist hier nicht mehr die Präsenz am Arbeitsplatz und die Anzahl der Arbeitsstunden, sondern die Erfüllung der Arbeitsaufgabe unabhängig von Ort und Zeit. Arbeitgeber und Vorgesetzte sind hierbei gefordert, ihren Beschäftigten mehr Vertrauen bei der Erfüllung ihrer Arbeitsaufgaben entgegen zu bringen, ohne dass die Mitarbeitenden acht Stunden am Arbeitsplatz präsent sind. Andererseits erfordern diese neuen Konzepte sowohl von den Arbeitgebern als auch von den Beschäftigten einen verantwortungsvollen Umgang mit der zeitlichen und örtlichen Flexibilität sowie zusätzliche Kompetenzen zur Bewältigung der Verschmelzung beider Lebensbereiche.

1.3.3.2Anforderungen und Kompetenzen zur Umsetzung von Work-Life-Blending und Work-Life-Integration

Die Umsetzung eines Work-Life-Blending bzw. einer Work-Life-Integration erfordert von den Arbeitgebern die Entwicklung eines Rahmenkonzepts, das die örtliche und zeitliche Flexibilität der Beschäftigten definiert und auch Grenzen für das Privatleben setzt. Aber auch die Beschäftigten müssen zusätzliche Kompetenzen erwerben, um die Konzepte des Work-Life-Blending bzw. der Work-Life-Integration erfolgreich und gesundheitsverträglich umsetzen zu können. Zu den wichtigsten zusätzlichen KompetenzenKompetenzen gehören die folgenden:

Höhere Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten: Die Integration des Arbeitslebens in das Privatleben erfordert eine höhere Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten für die Erfüllung ihrer Arbeitsaufgaben, ohne dass der Arbeitgeber oder Vorgesetzte jeden Arbeitsschritt kontrolliert. Die Beschäftigten müssen selbst verantwortungsvoll mit den neuen größeren zeitlichen und räumlichen Gestaltungsspielräumen ihrer beruflichen Tätigkeit umgehen und selbst dafür Sorge tragen, dass sie ihre Arbeitsaufgaben termingerecht und gut bearbeiten sowie auch den Kontakt zu den Kollegen aufrechterhalten.

Umfangreicheres Selbstmanagement: Mit der höheren Eigenverantwortung verbunden ist auch die Notwendigkeit eines guten Selbstmanagements der Beschäftigten. Sie müssen ihre Arbeitsaufgaben selbst inhaltlich, zeitlich und örtlich strukturieren und individuell abstimmen mit den verschiedenen beruflichen und privaten Anforderungen. Die zeitliche und örtliche Flexibilität, die eine höhere Vereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten ermöglicht, erfordert gleichzeitig ausgeprägte Organisationsfähigkeiten und ein umfassendes Selbstmanagement, um die verschiedenen beruflichen und privaten Aufgaben und Anforderungen zeitlich und örtlich bedarfsgerecht aufeinander abzustimmen.

Digitale Medienkompetenz: Die Verbreitung und Nutzung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien ist häufig die zentrale Voraussetzung für eine umfangreichere zeitliche und örtliche Flexibilisierung der Arbeitswelt und die Verbindung der verschiedenen Lebenswelten. Um die Potenziale der digitalen Medien und Technologien ausschöpfen zu können, bedarf es einer großen Aufgeschlossenheit der Mitarbeitenden gegenüber den neuen digitalen Technologien sowie umfangreiche Kompetenzen zur Nutzung der digitalen Technologien. Während die Kommunikation über das Smartphone und Emails (Laptop) mittlerweile selbstverständlich ist, bedarf es auch der Kompetenzentwicklung im Hinblick auf die Kommunikation über Videokonferenzen, Chaträume, digitale Präsentationen und digitale Veranstaltungen sowie der Nutzung digitaler Cloudtechnologien zum digitalen Informations- und Datenaustausch.

Flexibilität: Die verschiedenen Lebenswelten können nur dann anforderungsgerecht vereinbart werden, wenn alle Beteiligten bereit sind, flexibel auf die jeweiligen beruflichen und privaten Anforderungen und Gegebenheiten zu reagieren und aufeinander abzustimmen. Dazu gehört die Bereitschaft, unvorhergesehene berufliche Aufgaben termingerecht oder auch kurzfristig außerhalb der normalen Arbeitszeiten zu bearbeiten, ebenso wie die Möglichkeit, flexibel auf spontane private Ereignisse (z.B. Kinderkrankheiten, kurzfristige private Termine) reagieren zu dürfen und sich dafür Zeit nehmen zu können. Sowohl die Arbeitgeber als auch die Mitarbeitenden müssen hier eine hohe Flexibilität gewährleisten aber auch selbst lernen, flexibel zu (re-)agieren und diese hohe Flexibilität auch zu akzeptieren.

Grenzen setzen: Die Verschmelzung des Arbeitslebens mit dem Privatleben wird nicht immer konfliktfrei erfolgen können. So können sich berufliche und private Termine zeitlich überschneiden, in Stoßzeiten sehr viele berufliche Anforderungen das Privatleben erschweren oder bestimmte berufliche und private Anforderungen trotz allem schwer vereinbar sein. Hier ist es wichtig, dass die Beteiligten, also Arbeitgeber und Arbeitnehmer, auch die Möglichkeit haben, bestimmte Grenzen zu setzen und diese zeitlichen, örtlichen oder auch aufgabenbezogenen Grenzen auch von allen Seiten akzeptiert werden. Dies ist eine Grundvoraussetzung, um die Integration der verschiedenen Lebenswelten auch tatsächlich umsetzen zu können und sicherzustellen, dass nicht ein Lebensbereich auf Dauer doch vernachlässigt wird. Gerade die Arbeitgeber sind hier in der Pflicht, Grenzen der beruflichen Erreichbarkeit für ihre Beschäftigten festzulegen, um ein angemessenes Maß an Privatleben und Freizeit sicherzustellen.

1.3.3.3Bewertung der Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration

Die Diskussion der Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration umfasst sowohl viele positive Argumente und Vorteile für die Lebenswelten der Beschäftigten, aber auch erhebliche Kritikpunkte, die hier vorgestellt werden.

Vorteile der Konzepte

Die Befürworter der Konzepte des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration werten vor allem die folgenden Aspekte als Vorteile der Konzepte:

Höhere örtliche und zeitliche Flexibilität der Beschäftigten: Beide Konzepte bieten eine hohe örtliche und zeitliche Flexiblität der Erfüllung der Arbeitsaufgaben in Abstimmung mit dem Arbeitgeber. Dies entspricht dem Wunsch und Verhalten vieler Beschäftigter nach flexiblen Arbeitsmodellen. So ermittelte eine Befragung des Forschungsinstitutes Yougov im Jahr 2014 von 744 beruftätigen Akademikern, dass ca. 20% der Befragten einen Tag am Wochenende arbeiten und jeder Achte Befragte täglich auch nach dem Feierabend arbeitet. Dabei arbeitet die Hälfte der Befragten freiwillig außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit. (vgl. Haufe Online Redation 2014). Ähnliche Ergebnisse ermittelte die Befragung zum Thema „Verschmelzung von Arbeits- und Privatleben“ von Randstad im Jahr 2015. So führen knapp 70% der Beschäftigten nach Feierabend manchmal berufliche Telefonate oder versenden berufliche E-Mails, wobei von diesen 70% ebenfalls knapp 70% freiwillig in ihrer eigentlich arbeitsfreien Zeit arbeiten. Allerdings geben knapp 30% der Befragten an, dass diese berufliche Ansprechbarkeit außerhalb der eigentlichen Arbeitszeiten von ihnen erwartet wird. Auch im Urlaub sind immernoch knapp 60% der Befragten beruflich ansprechbar, wobei knapp 66% freiwillig beruflich ansprechbar sind, allerdings von knapp 33% der Befragten dies vom Arbeitgeber erwartet wird. (vgl. Randstad 2015).

Abbildung 4:

Befragungsergebnisse zum Thema „Verschmelzung von Arbeits- und Privatleben. Quelle: Randstad 2015: Umfrage randstadkorrespondet 3. Quartal 2015 Obs/Randstad Deutschland. www.presseportal.de/pm/13588/3154675https://cache.pressmailing.net/content/33dbabd2-4e04-404f-93ee-9816dfb5a0d3/Umfragerandstadkorrespondent_Work-Life-Blending.jpg. Abruf: 25.12.2020.

Das aktuelle Randstad ArbeitsbarometerRandstad Arbeitsbarometer aus dem Jahr 2020 befragte Beschäftigte aus 34 Ländern u.a. nach ihrer Erreichbarkeit nach Feierabend. Hier gaben 60% der Befragten an, dass sie außerhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit Emails und Anrufe beantworten und 44% reagierten sofort auf berufliche Anfragen. Allerdings wird das bei 43% der Befragten auch vom Arbeitgeber erwartet. (vgl. Randstad 2020). Wie die vorgestellten Umfrageergebnisse zeigen, arbeiten schon viele Beschäftigte auch freiwillig in ihrer Freizeit. Dies scheint den Wunsch aber auch die Akzeptanz einer höheren örtlichen und zeitlichen Flexibilität der Beschäftigten bei der Erfüllung ihrer Arbeitsaufgaben zu bestätigen.

Mehr Selbstbestimmung: Viele Beschäftigte schätzen auch die höhere Selbstbestimmung, wann und wo sie ihre Arbeitsaufgaben erfüllen, die durch die Konzepte des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration ermöglicht wird. So müssen Beschäftigte nicht ihre Arbeitszeit im Büro „absitzen“, obwohl es gerade nicht so viel zu tun gibt. Stattdessen können die Arbeitszeiten und ggf. auch die Arbeitsorte an aktuelle berufliche Anforderungen und Arbeitsvolumina angepasst werden. Mit der Selbstbestimmung sind auch größere zeitliche und örtliche Freiräume sowie eigene umfangreichere arbeitsbezogenen Gestaltungsmöglichkeiten der Beschäftigten verbunden. Dies fördert bei vielen Beschäftigten ihre Arbeitsmotivation sowie ihre Arbeitszufriedenheit.

Erleichterte Vereinbarkeit des Arbeitslebens mit dem Privatleben: Die zeitliche und örtliche Flexibilität der Berufstätigkeit ermöglicht eine bessere Vereinbarkeit des Arbeitslebens mit den Anforderungen, Aufgaben und Wünschen des Privatlebens. So können Beschäftigte besser und stressfreier die verschiedenen Anforderungen des Privatlebens (z.B. vorgegebenen Öffnungszeiten von Kindertagesstätten, Ärzten, Behörden) mit den Anforderungen ihrer Berufstätigkeit abstimmen. Dies erleichtert auch die Entscheidung, auch mit einer Familie umfangreich berufstätig zu sein bzw. auch bei einer anspruchsvollen (Voll)zeitätigkeit über die Gründung einer Familie nachzudenken, was vor allem für Frauen auch heute noch ein belastendes Konfliktfeld darstellt. Darüber hinaus können so auch bestehende Fachkräfteengpässe reduziert werden, da bestehende Fachkräftepotenziale durch die örtliche und zeitliche Flexibilität der Berufstätigkeit stärker ausgeschöpft werden können.

Höhere Produktivität der Beschäftigten: Können die Beschäftigten ihre Arbeitszeiten selbstbestimmter auch auf ihre privaten Anforderungen und persönlichen Arbeitsrhythmen abstimmen, so fördert dies auch die Produktivität der Aufgabenbewältigung der Mitarbeitenden. Dadurch können die individuellen besonders leistungsstarken Zeiten für berufliche Aufgaben genutzt werden, ohne sich an vorgegebenen feste Arbeitszeiten halten zu müssen. Andererseits können in Abstimmung mit den privaten Anforderungen und Aufgaben diejenigen Zeiten für berufliche Aufgaben genutzt werden, in denen geringe oder gar keine privaten Anforderungen bestehen.

Insgesamt werden die Konzepte des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration oft als zeitgemäße und zukunftsfähige Arbeitsmodelle bewertet, die den Wünschen aber auch Anforderungen der Beschäftigten nach einer höheren zeitlichen und örtlichen Flexibilität ihrer Berufstätigkeit entsprechen, gleichzeitig die Vereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten erleichtern sowie die Selbstbestimmung der Beschäftigten aber auch die Gestaltungsmöglichkeiten der verschiedenen Lebenswelten erhöhen.

Kritikpunkte

Neben den gerade vorgestellten Vorteilen und positiven Argumenten für den Einsatz von Work-Life-Blending und Work-Life-Integration werden in der Literatur auch viele kritische Argumente diskutiert, die gegen die Umsetzung der Konzepte sprechen (vgl. z.B. Scholz 2018). Zu den wesentlichen Kritikpunkten gehören insbesondere die folgenden:

Entgrenzung der Lebenswelten: Ein zentraler Kritikpunkt besteht darin, dass die Verschmelzung des Arbeitslebens mit dem Privatleben zu einer Entgrenzung der Lebenswelten führt. Der Preis für die zeitliche und örtliche Flexibilität bei der Bewältigung der beruflichen und privaten Anforderungen und Aufgaben sowie der individuellen Zeiteinteilung besteht in einer dauerhaften Arbeitsbereitschaft der Beschäftigten, auch während der eigentlich erwerbsarbeitsfreien Zeiten. Damit wird das Privatleben von dem Berufsleben vereinnahmt mit der Gefahr, im Berufsleben unterzugehen und seine eigenständige Bedeutung zu verlieren. Dies wiederum kann die Unterordnung des Privatlebens unter das Berufsleben fördern, was der Vereinbarkeit beider Lebenswelten widerspricht.

Selbstausbeutung durch steigende Arbeitszeiten und Überstunden: Die Dominanz des Berufslebens sowie die ständige Erreichbarkeit fördern steigenden Arbeitszeiten und Überstunden der Beschäftigten, die für die örtliche und zeitliche Flexibilität in Kauf genommen werden. Werden nach Feierabend oder im Urlaub häufig zwischendurch berufliche Aufgaben bearbeitet, so erschwert dies den Überblick und die Erfassung der tatsächlichen Arbeitszeiten mit der Folge, dass Beschäftigte weit mehr arbeiten, als in ihrem Arbeitsvertrag vereinbart und ggf. auch bezahlt wird. Dies kann zu einer Selbstausbeutung der Beschäftigten führen, die den Arbeitgebern zugutekommt, für die Beschäftigten jedoch dauerhaft von Nachteil ist.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch dauerhafte Überlastung: Mögliche Überstunden und auch die permanente berufliche Ansprechbarkeit, also quasi der permanente „berufliche Stand-by-Modus“, verhindern das Abschalten vom Beruf und die Regeneration der Beschäftigten in ihrer Freizeit. Verbunden mit einem kontinuierlich hohen Arbeitspensum kann dies zu dauerhaftem beruflichen Stress und Überlastung führen. Diese wiederum können – auf Dauer – die physische und psychische Gesundheit der Beschäftigten beeinträchtigen (z.B. Schlafstörungen, ständige Orientierung auf berufliche Aufgaben oder Projekte, zu geringe Regenerationsmöglichkeiten) und bei dauerhafter Überlastung auch zum Arbeitsausfall der Beschäftigten führen.

Das Privatleben leidet: Durch die Dominanz des Berufslebens leidet das Privatleben der Beschäftigten, da ein Teil der Aufmerksamkeit immer der Arbeit gewidmet ist. Auch besteht die Gefahr, dass das Privatleben seine eigenständige Bedeutung verliert und dass private Anliegen dem Berufsleben untergeordnet werden. Dies kann zu privaten Konflikten mit Partnern, Freunden, Kindern oder betreuungsbedürftigen Familienangehörigen führen, wodurch die Vereinbarkeit der verschiedenen Lebenswelten wiederum erschwert wird. Im Extremfall fällt das Privatleben dem Job zum Opfer. (Scholz 2018; Existenzgründer Lexikon: Work-Life-Blending 2020).

Arbeitgeber vereinnahmen die Beschäftigten: Je umfangreicher die Erreichbarkeit der Beschäftigten für ihren Arbeitgeber ist und je entgrenzter die verschiedenen Lebenswelten sind, desto mehr besteht die Gefahr, dass alle Lebensbereiche vom Arbeitsleben dominiert werden und die Beschäftigten von ihren Arbeitgebern völlig vereinnahmt werden. Ein eindrückliches Beispiel ist das Unternehmen Google, das von seinen Mitarbeitenden eine 24h-Erreichbarkeit erwartet. Dafür bietet Google seinen Beschäftigten vielfältige kostenfreie Anreize und Angebote, u.a. ein Smartphone, einen Breitbandinternetanschluss, teils Buslinien, die die Mitarbeiter zum Büro und zurückbringen, kostenfreie Verpflegung (vom Frühstück, Mittagessen bis zum Abendessen!), einen Wäscheservice, 2 T-Shirts pro Woche, Fitnessangebote und noch vieles mehr. Vor allem für junge sehr gut ausgebildete Mitarbeitende ohne eigene Familie sind das attraktive Arbeitsangebote. Allerdings verleiten diese vielen Angebote die Mitarbeitenden dazu, deutlich mehr als neun Stunden täglich zu arbeiten, da ja eine „Rund-um-Versorgung“ besteht. Andererseits fordert Google eine 24h-Erreichbarkeit von seinen Beschäftigten, stellt nur begrenzt ausreichende Arbeitsplätze zur Verfügung und steht dem Homeoffice eher kritisch gegenüber. (vgl. Frank 2007).

Die wesentlichen Vorzüge und Kritikpunkte des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration werden in der folgenden Tabelle noch einmal zusammengefasst.

Work-Life-Blending und Work-Life-Integration

Vorteile

Nachteile

Mehr Selbstbestimmung

größere Autonomie, wann und wo Arbeitsaufgaben bearbeitet werden.

Erleichterte Vereinbarkeit des Arbeitslebens mit dem Privatleben durch örtliche und zeitliche Flexibilität der Bearbeitung der Arbeitsaufgaben

Höhere Produktivität der Beschäftigten

aufgrund der Möglichkeit, Arbeitszeiten und –orte in indidivuell hoch leistungsfähige und ungestörte Zeitabschnitte und Örtlichkeiten zu verlagern.

Entgrenzung der Lebenswelten durch ständige Erreichbarkeit auch in der eigentlichen Freizeit

Selbstausbeutung durch steigende Arbeitszeiten und Überstunden und durch die permanente Arbeitsbereitschaft.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen durch dauerhafte Überlastung aufgrund fehlender Ruhe- und Regenerationszeiten

Das Privatleben leidet durch die ständige latente und dominierende Arbeitsbereitschaft

Arbeitgeber vereinnahmen die Beschäftigten aufgrund der Erwartung einer ständigen „stand-by-Arbeitsbereitschaft“ zu Lasten des Privatlebens.

Tabelle 3:

Vor- und Nachteile der Konzepte Work-Life-Blending und Work-Life-Integration. Eigene Darstellung

1.3.4Work-Life-Separation

Im Gegensatz zu den gerade vorgestellten Konzepten des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration vertritt das Konzept der Work-Life-SeparationWork-Life-Separation eine eindeutige Trennung und Abgrenzung zwischen dem Arbeitsleben und dem Privatleben. Gefordert werden klare Strukturen und eine eindeutige Abgrenzung von Arbeitszeit und Arbeitsort zum Privatleben und Wochenende (vgl. Existenzgründer Lexikon o.J.: Work-Life-Separation). Gerade die junge Generation ZGeneration Z, die zwischen 1995 und 2009 geboren wurden, legt viel Wert auf eine Trennung zwischen ihrer Arbeitswelt und ihrer privaten Lebenswelt. Für einen geregelten Feierabend und ein arbeitsfreies Wochenende ohne permanente Ansprechbarkeit verzichtet sie auch auf die Flexibilität von Arbeitszeit und Arbeitsort (vgl. Scholz 2018). Geprägt wurde die Einstellung der Generation Z auch durch die sichtbaren Auswirkungen des Work-Life-Blending und der Work-Life-Integration, die für viele Beschäftigte zu deutlich längeren Arbeitszeiten, einer permanenten beruflichen Ansprechbarkeit, Einschränkungen des Privatlebens sowie auch zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führten (vgl. Scholz 2018). Wie konsequent sich diese klare Trennung zwischen der Arbeitswelt und dem Privatleben auf Dauer in unserer sehr dynamischen und komplexen Arbeitswelt umsetzen lässt, bleibt abzuwarten. Allerdings begünstigen die aktuelle Arbeitsmarktsituation sowie die zunehmenden Fach- und Führungskraftengpässe die Durchsetzung der Forderung nach einer klaren Work-Life-Separation der begehrten Beschäftigten.

1.3.5Aktualität des Konzepts der Work-Life-Balance

Das Konzept der Work-Life-BalanceWork-Life-BalanceKonzept ist weder veraltet noch unzeitgemäß! Es fordert auch nicht die klare Trennung zwischen dem Arbeits –und Privatleben, sondern bietet ebenfalls vielfältige örtliche und zeitliche Flexibilisierungsmöglichkeiten. So ist es das Ziel der Work-Life-Balance, die verschiedenen Lebensbereiche unter Berücksichtigung der individuellen Lebenssituationen so gut aufeinander abzustimmen, dass die Beschäftigten mit ihrem Beruf und Arbeitsleben zufrieden sind, als auch ein erfülltes und den individuellen Anforderungen und Wünschen entsprechendes Privatleben leben und genießen können. Mit welchen Strategien und Maßnahmen eine Work-Life-Balance auf Seiten der Arbeitgeber sowie der Arbeitnehmenden erreicht werden kann, muss jeweils unternehmens- bzw. organisationsbezogen mit Beteiligung der Mitarbeitenden gestaltet werden. Vielfältige Anregungen und Gestaltungsperspektiven für die Umsetzung einer Work-Life-Balance werden in diesem Buch vorgestellt.

Abbildung 5:

Work-Life-Balance als Verbindungskonzept. Eigene Darstellung

Insofern ist das Konzept der Work-Life-Balance in keinster Weise veraltet. Im Gegenteil: Es bietet ein hohes Maß an Flexibilität, um die betrieblichen und die individuellen Mitarbeiterwünsche zu berücksichtigen, sei es nach flexiblen Arbeitszeiten und Arbeitsorten oder auch nach klaren Grenzen zwischen der Arbeitswelt und der privaten Welt. Dadurch können in dem Konzept der Work-Life-Balance sowohl Aspekte des Work-Life-Blending, als auch Aspekte der Work-Life-Separation je nach individuellen Wünschen, miteinander verbunden werden. Damit bildet die Work-Life-Balance quasi ein Verbindungskonzept zwischen den Ideen des Work-Life-Blending bzw. der Work-Life-Integration und der Work-Life-Separation mit vielen eigene zielgruppenbezogenen Gestaltungsmöglichkeiten.

2Aktuelle gesellschaftliche, technologische und wirtschaftliche Herausforderungen

Die ArbeitsweltArbeitswelt hat sich in den letzten zwanzig Jahren in mehrfacher Hinsicht stark verändert. Zurück zu führen sind diese Veränderungen auf gesellschaftliche, marktwirtschaftliche, technologische und nachhaltige Entwicklungen, die sowohl unsere Gesellschaft als Ganzes aber auch die Arbeitswelt vor neue Herausforderungen und veränderte Anforderung stellt (vgl. Abbildung 6). Zu den wichtigsten gesellschaftlichen Entwicklungen gehören beispielsweise der demografische Wandel, veränderte Familienstrukturen und geschlechtsbezogene Rollenbilder, die Entwicklung zur Wissensgesellschaft aber auch der Wertewandel. Wesentliche technologische Entwicklungen bestehen in der deutlich steigenden Digitalisierung, der vielfältigen Veränderungen der Informations- und Kommunikationstechnologien und der Entwicklung einer Arbeitswelt 4.0. Gravierende marktwirtschaftliche Entwicklungen bestehen in der zunehmenden Internationalisierung und den globalen Wertschöpfungsketten, der steigenden Dynamik und Komplexität unserer Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch in den alternden Belegschaften und steigenden Fach- und Führungskräfteengpässen, mit denen die Unternehmen schon jetzt umgehen müssen. Auch der Wandel der arbeitsbezogenen Werte, die Entwicklungen im Bereich der „New Work Ansätze“, aber auch die sich deutlich verändernde Rolle der Frauen in der Arbeitswelt stellen die Unternehmen vor weitere Veränderungen. Die größte gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderung für dieses Jahrhundert ist jedoch die Entwicklung hin zum nachhaltigen Wirtschaften und zu einer Corporate Social Responisbility. Auch sie spiegelt sich u.a. im Wertewandel der Menschen und den schon heute deutlich spürbaren Veränderungen durch den Klimawandel, die Ressourcenerschöpfung und die Umweltverschmutzung wider.

Abbildung 6:

Aktuelle gesellschaftliche, marktwirtschaftliche, technologische und nachhaltige Entwicklungen in Deutschland. Quelle. Eigene überarbeitete Darstellung.

Die Vielfalt der Veränderungen führen zu vielen neuen Herausforderungen der Arbeitswelt, die sich auch auf die Möglichkeiten des Ausgleichs zwischen dem Arbeits- und Privatleben auswirken. Hierauf ist auch die intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema „Work-Life-Balance“ in den letzten beiden Jahrzehnten zurückzuführen. Im Folgenden werden ausgewählte wichtige Veränderungen aus den verschiedenen Entwicklungsbereichen ausführlicher vorgestellt.

2.1Gesellschaftliche HerausforderungenGesellschaftliche Herausforderungen

2.1.1Demografischer Wandel

Der demografische Wandeldemografische Wandel beschreibt die Veränderungen der Bevölkerungszusammensetzung einer Gesellschaft bzw. eines Landes hinsichtlich ihrer Gesamtzahl und ihrer Bevölkerungsstruktur. Als Veränderungen der BevölkerungsstrukturBevölkerungsstruktur werden die Anteile verschiedener Altersgruppen, die Geschlechterverteilung, die Anteile von Inländern und Ausländern und von Zuzügen und Fortzügen sowie der Anzahl der Geburten- und Sterbefälle erfasst und dokumentiert (vgl. BIB 2004, S. 7). Beeinflusst wird die Entwicklung der Bevölkerung vor allem durch die Geburtenhäufigkeit (Fertilität), die Sterblichkeit (Mortalität) und durch die Wanderungsbewegungen (Zuzüge in und Fortzüge aus einem Land, Migration) (vgl. BIB 2004, S. 7 f.).

In Deutschland wird in langfristigen Modellrechnungen des Bundes und der Länder die Bevölkerungsentwicklung unter bestimmten Annahmen der Entwicklung der Geburten, der Lebenserwartung und der Wanderungen kontinuierlich fortgeschrieben und so verschiedene Szenarien für die Entwicklung der deutschen Bevölkerungsanzahl und -struktur vorausberechnet. Aktuell dokumentiert das Statistische Bundesamt die Entwicklung der deutschen Bevölkerung bis zum Jahr 2060 in der 14. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung14. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, die auf dem Bevölkerungsbestand von 2018 basiert (vgl. Statistisches Bundesamt 2019). Dabei werden insgesamt 30 Varianten mit unterschiedlichen Annahmen zur Geburtenhäufigkeit, der Lebenserwartung und den Wanderungsbewegungen berechnet, um die Bandbreite möglicher Entwicklungen abzuschätzen (vgl. Statistisches Bundesamt 2019, S. 13). Die Varianten 1, 2 und 3 berechnen die Bevölkerungsentwicklung unter den Annahmen einer relativ geringen Veränderung der Geburtenhäufigkeit (von 1,55 Kindern pro Frau auf 1,6 Kinder pro Frau in 2060) und der Lebenserwartung bei Geburt (für Jungen auf 84,4 Jahre, für Mädchen auf 88,1 Jahre) bis zum Jahr 2060. Dabei wird eine sich unterschiedlich stark entwickelnde Nettozuwanderung berücksichtigt (vgl. Statistisches Bundesamt 2019, S. 13).

2.1.1.1Aktueller Stand der deutschen Bevölkerungsstruktur

Zum Jahresende 2019 lebten in Deutschland 83,2 Millionen Menschen, davon waren 42,1 Millionen Frauen und 41,0 Millionen Männer (0,1 Millionen fehlen berechnungsbedingt). (vgl. Destatis 2020 Pressemitteilung: www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/06/PD20_223_12411.html). Durchschnittlich hat jede Frau im Jahr 2019 1,54 Kinder geboren; diese Geburtenziffer lag im Jahr 2018 noch bei 1,57, d.h., dass im Jahr 2019 9.400 Kinder weniger geboren wurden. Das Durchschnittsalter der Frauen bei ihrem ersten Kind lag im Jahr 2019 bei 30,1 Jahren. (vgl. Destatis Geburten 2020). Die Kinderlosenquote, d.h. der Anteil der kinderlosen Frauen an allen Frauen zwischen 45 und 49 Jahren betrug 21% (vgl. Destatis Pressemitteilung 2019).

Der demografische Wandel ist in Deutschland schon deutlich sichtbar. Heute ist jede zweite Person (also 50%!) in Deutschland älter als 45 Jahre und jede fünfte Person (also 20%) ist älter als 66 Jahre (vgl. Destatis Demografischer Wandel 2020). Dabei ist die Zuwanderung insbesondere jüngerer Menschen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, auch die Geburtenzahlen steigen seit dem Jahr 2012 wieder an. (vgl. ebenda).

2.1.1.2Veränderungen der Bevölkerungsstruktur und des Altersaufbaus von 1910 bis 2060

Der Altersaufbau der BevölkerungAltersaufbau der Bevölkerung hat sich von 1910 bis 2018 deutlich verändert, wie die Abbildung 7 zeigt. Im Jahr 1910 hatte die Bevölkerungsstruktur in Deutschland die Form einer Pyramide. Bei diesem früher typischen pyramidenförmigen Altersaufbau sind die jüngsten Geburtenjahrgänge auch die zahlenmäßig stärksten Geburtenjahrgänge. Mit zunehmendem Alter werden die Jahrgänge aufgrund der hohen Sterblichkeit der Menschen kleiner. Dieser Altersaufbau veränderte sich mit der Entwicklung der industriellen Gesellschaft seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert durch das Sinken der Sterblichkeit und dem daraus folgenden Rückgang der Geburtenhäufigkeit. Zusätzliche Veränderungen der Altersstruktur im Jahr 1950 verursachten die beiden Weltkriege, die Spanische Grippe sowie die Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren. (vgl. Statistisches Bundesamt 2019, S. 19). Der Altersaufbau im Jahr 2018 ist geprägt von der zahlenmäßig größten Generation der Babyboomer (geboren zwischen ca. 1955 bis 1965), die aktuell zwischen Ende 40 und Mitte 60 Jahre alt sind und in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen werden. Die nachfolgenden Geburtenjahrgänge sind zahlenmäßig deutlich kleiner, so dass der Sockel des Altersaufbaus bis zum Jahr 2060 immer schmaler werden wird, sich der Alterungsprozess in Deutschland beschleunigt und sich auch die Anteile der verschiedenen Altersgruppen deutlich verändern werden (vgl. Statistisches Bundesamt 2019, S. 19). Durch den Rückgang potenzieller Mütter könnte diese Entwicklung, selbst bei einer steigenden Geburtenrate, wenn überhaupt nur langfristig aufgehalten werden. Insgesamt hat sich der Altersaufbau in den letzten 150 Jahren von einer Pyramidenform zu einer Urnenform entwickelt.

Abbildung 7:

Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland von 1910 bis 2060. Quelle: Statistisches Bundesamt 2019, S. 20.

Abbildung 8:

Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland nach demografischen Ereignissen. Quelle: BIB 2020: www.bib.bund.de/Permalink.html?id=10193678. Abruf: 04.08.2020

Abbildung 8 zeigt den Einfluss wichtiger demografischer Ereignisse der letzten einhundert Jahre auf den Altersaufbau der BevölkerungBevölkerungAltersaufbau in Deutschland mit dem Datenstand des Jahres 2018. Gut erkennbar ist das Geburtentief während der Weltwirtschaftskrise um 1932 sowie das Geburtentief zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Sichtbar sind auch die überproportionalen Rückgänge der Jahrgänge der Männer aufgrund der Kriegstoten durch die beiden Weltkriege. Die Generation der Babyboomer wurde Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre geboren und bildet aktuell die zahlenmäßig stärkste Generation in der deutschen Bevölkerung. Die hohe Geburtenrate ist auf das „goldene Zeitalter von Ehe und Familie“ in den 1960er Jahren in Deutschland zurückzuführen (vgl. BIB 2016, S. 11). Ab 1965 gehen die Geburtenzahlen wieder deutlich zurück, so dass die nächste „Generation X“ (Jahrgänge ca. 1966 – 1975) sehr viel kleiner ausfällt. Ein weiterer deutlicher Geburtenrückgang ist nach der Wiedervereinigung Deutschlands aus der Abbildung 8 abzulesen. Dieser Trend hält bislang an und verstärkt sich teilweise noch in weiteren Geburtenrückgängen. Der Männerüberschuss im jüngeren Lebensalter ergibt sich daraus, dass mehr Jungen als Mädchen geboren werden. Da die Frauen jedoch eine höhere Lebenserwartung als die Männer haben, zeichnet sich insbesondere im hohen Alter ein deutlicher Frauenüberschuss ab. (vgl. BIB, 2016, S. 11.)

2.1.1.3Bevölkerungsentwicklung zwischen 1950 und 2060