Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe - Friedrich Kirchner - E-Book

Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe E-Book

Friedrich Kirchner

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Beschreibung

Kirchners Lexikon bietet Erklärungen der wichtigsten Begriffe aus der Philosophie von "a" wie "Abänderung" bis "z" wie "Zweifel."

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe

Friedrich Kirchner

Inhalt:

Friedrich Kirchner – Biografie und Bibliografie

Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe

A.

B.

C.

D.

E.

F.

G.

H.

I.

J.

K.

L.

M.

N.

O.

P.

Q.

R.

S.

T.

U.

V.

W.

Y.

Z.

Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, Friedrich Kirchner

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

Friedrich Kirchner – Biografie und Bibliografie

Philosoph. Schriftsteller, geb. 1. Mai 1848 in Spandau, gest. 5. März 1900 in Berlin, studierte in Halle und Berlin Theologie, Philosophie und Geschichte, leitete dann zwei Jahre lang das Studentenkonvikt Johanneum in Berlin und fand als Realgymnasialoberlehrer in Berlin Anstellung. Er vertritt einen empirisch-rationalen Realismus. Von seinen philosophischen Schriften seien erwähnt außer Katechismen verschiedener philosophischer Disziplinen: »Leibniz' Psychologie« (Köthen 1875); »G. W. Leibniz, sein Leben und Denken« (das. 1877); »Die Hauptpunkte der Metaphysik« (das. 1880); »Über das Grundprinzip des Weltprozesses mit besonderer Berücksichtigung Frohschammers« (das. 1882); »Diätetik des Geistes« (Berl. 1884, 2. Aufl. 1886); »Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe« (Heidelb. 1886; 4. Aufl. von Michaelis, Leipz. 1903). Außerdem veröffentlichte er unter anderm: »Gedichte« (2. Aufl., Köth. 1877), »Die deutsche Nationalliteratur des 19. Jahrhunderts« (Heidelb. 1893; 2. Aufl., Kassel 1902) und »Gründeutschland. Ein Streifzug durch die jüngste deutsche Dichtung« (Wien 1893, 2. Aufl. 1894); »Neue Gedichte« (Berl. 1895); »Der Weg zum Glück« (Stuttg. 1895, 3. Aufl. 1896).

Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe

A.

In der Logik bezeichnet der Buchstabe a das allgemein bejahende Urteil, z. B. Alle Käfer sind Gliederfüßer. Die allgemeine Form des allgemein bejahenden Urteils ist: Alle S sind P. Das Begriffsverhältnis zwischen Subjekt und Prädikat kann im allgemein bejahenden Urteil ein doppeltes sein: 1. Entweder ist das Subjekt der Art-, das Prädikat der Gattungsbegriff, z. B. Alle Pflanzen sind Organismen, oder 2. das Subjekt und das Prädikat sind Begriffe, die nach Inhalt und Umfang übereinstimmen, z. B. Alle Kurven zweiten Grades sind Kegelschnitte. Ein Gedächtnisvers des Michael Psellos (um 1050) besagt: Asserit a, negat e, sed universaliter ambo; asserit i, negat o, sed particulariter ambo. Die vier Buchstaben sind den Wörtern affirmo und nego entlehnt.

Abänderungist der Wechsel einzelner Eigenschaften (s. d.) eines Dinges, ohne daß das Wesen des Dinges dadurch aufgehoben wird. Aristoteles (384-322) sieht in der Abänderung eine Form der Bewegung. Die Bewegung ist ihm die Verwirklichung des Möglichen. Sie hat vier Arten: die quantitative Bewegung oder die Zu- und Abnahme, die qualitative Bewegung oder die Abänderung (Verwandelung), die räumliche Bewegung oder die Ortsbewegung und das Entstehen und Vergehen. Die Verwandlung entsteht durch das Zusammentreffen eines Wirkenden und Leidenden (Arist. Phys. III, 3 p. 202 a. 22 ff.). Vgl. Zeller, Die Philosophie d. Griechen III, S. 389 ff.

abalienieren(lat. abalienare) heißt entäußern, entfremden; Abalienation heißt Entäußerung, Geistesstörung.

Abart, Unterart, Spielart oder Rasse heißt die aus der Vererbung zufälliger Merkmale entstandene Unterform einer Art. Vgl. Art, Darwinismus.

Abasie-Astasie(gr.) heißt die durch hysterische Schwäche hervorgerufene Unfähigkeit Nervenkranker zu gehn und zu stehn. Der Kranke kann im Liegen mit seinen Beinen jede Bewegung ausführen; aber er kann nicht gehn und stehn. Vgl. Hellpach, die Grenzwissenschaft der Psychologie, Leipzig 1902, S. 184.

Abbüßungsvertrag(lat. pactum expiatorium) heißt der Vertrag, durch den man sich verpflichtet, das einem andern zugefügte Unrecht wieder gut zu machen, und durch den der Staatsbürger das Recht erhält, statt bei Gesetzesverletzung vom Staate ausgeschlossen zu werden, sich einem anderen kleinen Übel (der Strafe) zu unterwerfen. J. G. Fichte (1762-1814) erklärt ihn für die Grundlage des ganzen Strafrechts und leugnet deshalb die Berechtigung der Todesstrafe. Aber er verkennt dabei, daß der Staat überhaupt nicht, wie er im Anschluß an Rousseau (1712-1778) annahm, auf einem Vertrage beruht, sondern allmählich entstanden ist. Vgl. Todesstrafe.

Abduktion(lat. abductio), eigtl. Wegführung, heißt in der Logik der Übergang von einem Satz zum andern.

Aberglaube(auch Afterglaube, Mißglaube, lat. superstitio, gr. deisidaimonia) heißt allgemein jeder falsche Glaube. Er entsteht, indem niedere religiöse Vorstellungen zur Zeit des religiösen Fortschritts festgehalten werden. Im engeren Sinne ist der Aberglaube eine den Gesetzen der Erfahrung und des Denkens zuwiderlaufende Ansicht von dem ursächlichen Zusammenhange der sinnlichen Welt mit der nichtsinnlichen. Es ist z. B. abergläubisch, einen Krieg aus dem Erscheinen eines Kometen, oder den Tod eines Menschen aus dem Zusammensein von dreizehn Personen an einer Tafel abzuleiten. Der Aberglaube beruht hauptsächlich auf dem Fortleben der Vorstellungen der Naturreligionen und des Volksglaubens, die teils der Unwissenheit, teils dem ungeschulten Schlußvermögen, teils der Phantasie entsprungen sind. Er ist theoretisch, wenn er unsere Weltanschauung bestimmt, praktisch, wenn er unsere Handlungsweise regelt (Magie). Manche abergläubische Ansicht ist ziemlich harmlos, manche gefährlich, manche führt sogar zum Fanatismus. Die verschiedenen Formen des Aberglaubens sind belehrend für die Erkenntnis der menschlichen Natur und der menschlichen Kulturgeschichte, daher auch oft für den Dichter anregend und stoffgerecht, wie Goethe wohl wußte. Der aus dem Altertum und Mittelalter ererbte Aberglaube ist durch die Tätigkeit der Reformation und der Aufklärung wesentlich beschränkt, aber keineswegs völlig beseitigt, dagegen im volkstümlichen Lied neu belebt und psychologisch vertieft worden. Der Aberglaube der Gegenwart gipfelt im Spiritismus. Vgl. Wuttke, der deutsche Volksaberglaube, 1869. Pfleiderer, Theorie des Aberglaubens, 1872. Lippert, Christentum, Volksglaube und Volksbrauch, Berlin 1882. C. Meyer, der Aberglaube des Mittelalters, Basel 1884. Strümpell, der Aberglaube, 1890.

Aberratio delicti(lat.), Abirrung des Vergehens, bezeichnet die unbeabsichtigte Folge einer schlechten Handlung; ob sie dem Täter zuzurechnen sei, ist eine ethische und juridische Streitfrage.

Aberwitzist soviel als Unverstand. Stärkere Grade des Aberwitzes heißen Wahnwitz, Wahnsinn (s. d.).

Ab esse ad posse valet, a posse ad esse non valet consequentia (lat.): Vom Sein kann man auf das Können (oder von der Wirklichkeit auf die Möglichkeit), nicht aber umgekehrt schließen. Diese logische Regel, welche eine modale Konsequenz ausdrückt (vgl. Modalität), besagt, daß aus der Gültigkeit des assertorischen (s. d.) Urteils die des problematischen (s. d.), aber nicht aus der Gültigkeit des problematischen die des assertorischen Urteils folgt.

Abfallheißt das plötzliche Aufgeben eines bisherigen Verhältnisses auf politischem, religiösem, philosophischem u. a. Gebiet. War jenes Verhältnis ein uns aufgezwungenes oder ein verwerfliches, so zeugt der Abfall (die Apostasie) oft von Charakter; war es ein gutes oder wird es ohne Grund aufgegeben, so ist der Abfall meist charakterlos. Philosophisch verwendet ist die Idee des Abfalls von Origenes (185-254) und Schelling (1775-1854), welche die ganze sichtbare Welt aus einem Abfall von Gott herzuleiten versucht haben.

abgekürzt(decurtatus) heißt ein logischer Schluß oder Beweis, wenn bei seiner Darstellung ein oder mehrere selbstverständliche Glieder fortgelassen werden. Vgl. Enthymem, Sorites und Kettenschluß.

abgeleitetheißen Begriffe oder Sätze oder Erkenntnisse, wenn sie aus andern gefolgert sind oder gefolgert werden können. So scheidet z. B. Kant in unserer Erkenntnis die reinen Stammbegriffe des Verstandes, wie Substanz, Ursache, Gemeinschaft, die er Kategorien (s. d.) nennt, von den aus diesen abgeleiteten reinen Begriffen, die er Prädikabilien nennt; zu den letzteren gehören z. B. die Begriffe der Kraft, der Handlung, des Leidens, des Entstehens und Vergehens, der Veränderung, der Gegenwart, des Widerstandes etc.

abgemessen(präzis) heißt ein Begriff, wenn er so genau bestimmt ist, daß in denselben, ohne daß ein Merkmal fehlt, kein zufälliges und abgeleitetes und überflüssiges, sondern nur wesentliche, ursprüngliche und unentbehrliche Merkmale aufgenommen sind.

Abgunstist das Mißfallen eines Menschen an dem Wohlsein eines Mitmenschen. Vgl. Neid.

Abneigungist die zur Gewohnheit gewordene Unlust an einem Gegenstande oder einer Person. Die Ehescheidung aus »unüberwindlicher Abneigung« wird von den Gesetzen zugelassen, läßt sich aber vom ethischen Standpunkt aus schwer verteidigen.

ab ovo(lat.), von Anfang einer Sache an, ist eine sprichwörtliche Redensart, die aus dem Lateinischen stammt und von der Mahlzeit hergenommen ist, bei der man mit dem Ei (ovum) begann und mit den Äpfeln endigte (vollständig ab ovo usque ad mala bei Horaz, Sat. I, 3, 6 f.).

Abrichtung(Dressur) heißt die methodische Gewöhnung von lebenden Wesen durch Zwangmittel zu bestimmten Fertigkeiten, z. B. zum Tanzen, Springen, Apportieren usw. Die Abrichtung führt zum Verständnis des fremden Willens, zu Gehorsam und Gewandtheit, aber nicht zur Einsicht und Selbständigkeit. Auch wir Menschen werden zum Stehen, Gehen, Essen, Schreiben, Lesen etc. abgerichtet. Der eigentliche Unterricht aber muß von aller Abrichtung frei sein.

abrupt(lat. abruptus) heißt abgerissen, ohne Zusammenhang; ex abrupto bedeutet plötzlich.

Abscheu(Abomination) ist die heftige Abneigung gegen etwas in Verbindung mit dem Streben, sich davon zu befreien. Abscheu ist also das Gegenteil von Begierde. Vgl. Hass.

Abschreckungstheorievgl. Strafe, Todesstrafe.

Absichtbedeutet die Bestimmung des Willens zu einem Ziele. Die Absicht unterscheidet sich vom Zweck dadurch, daß unter jener meist die subjektive, unter diesem meist die objektive Bestimmung des Willens verstanden wird. Nach dem Grade der Absichtlichkeit einer Tat richtet sich die Zurechnung. Vgl. Zweck.

absolut(lat. absolutus von absolvere), eigentl. losgelöst, bezeichnet die Loslösung von den verschiedensten Beziehungen, so daß sich die Bedeutung des Wortes sehr mannigfaltig gestaltet hat. Die gebräuchlichsten Verwendungen des Wortes sind: 1. losgelöst von jeder Verbindung; der Gegensatz ist relativ (in Verbindung gesetzt); so redet man von absoluten und relativen Zahlen; jene, z. B. 5 oder a sind Zahlen außerhalb jeder Rechnungsoperationen, diese, z. B. +5 oder –a sind ihrer Entstehung nach Glieder einer Additions- oder Subtraktionsaufgabe, Addenden oder Subtrahenden; 2. losgelöst von jeder Bedingung; der Gegensatz ist hypothetisch (bedingt), z. B. absolutes Gut, absolute Notwendigkeit, absolute Wahrheit; 3. losgelöst von jeder Abhängigkeit und Einschränkung; der Gegensatz ist beschränkt, abhängig, konstitutionell determiniert; so spricht man von einer absoluten Freiheit, einer absoluten Herrschaft (Absolutismus) im Gegensatz zu der Willensunfreiheit (dem determinierten Willen), zu konstitutioneller Herrschaft; 4. losgelöst von jeder Empfindung; der Gegensatz ist empirisch, so heißt der von dem Mathematiker vorausgesetzte reine unbewegliche Raum der absolute Raum im Gegensatz zu dem bewegten, mit Materie erfüllten Wahrnehmungsraume; ähnlich ist der Begriff der absoluten Zeit; 5. losgelöst von jeder Raum- oder Zeitbeziehung; der Gegensatz ist in räumlicher oder in zeitlicher Beziehung zu einem anderen; so bezeichnet philosophisch absolut das, was in sich ist und nicht in einem und mit anderen ist; 6. losgelöst von jeder subjektiven Beimischung, in sich geschlossen, an sich; das absolute Ding, das Ding an sich bildet den Gegensatz zu dem auf das Subjekt, auf das menschliche Bewußtsein bezogenen Ding, der Erscheinung; 7. losgelöst von allen Schranken der Zeit, des Raumes und des Irdischen überhaupt. In dieser Bedeutung versteht man unter dem Absoluten das Ewige, das Unendliche, den letzten Grund aller Erscheinungen, die Einheit von Natur und Geist, den Weltgrund, Gott. Das Absolute bildet den Gegensatz zum Endlichen, Vergänglichen, Irdischen, Geschaffenen. Der Begriff des Absoluten begegnet uns schon in der Philosophie der Neuplatoniker und der Scholastiker; aber Nicolaus Cusanus (1401-1464) verwendet zuerst den Ausdruck »absolutum« dafür, und erst durch die Philosophie Fichtes und Schellings erlangte er allgemeine Geltung. Für Fichte (1761-1814) ist das Absolute das Ich, für Schelling (1775-1854) die Einheit von Idealem und Realem. Vgl. Metaphysik.

absonderns. abstrahieren.

absprechenheißt ohne Gründe urteilen oder entscheiden.

ábstine et sústineapechou kai anechou heißt: Enthalte dich (der Genüsse) und ertrage (die Kränkungen). So lautete die ethische Forderung des Stoikers Epiktetos (in der 2. Hälfte des 1. Jahrh. n. Chr.), die wie alle ethischen Vorschriften der Stoiker nicht von Übertreibung und nicht von Einseitigkeit frei war. Nach Gellius noctes att. XVII, 19, 6 lehrte Epiktetos: Wer die Worte anechou und apechou beherzigt und befolgt, der führt ein schuldfreies und zufriedenes Leben. es müßte nach Gellius also eigentlich in richtiger Reihenfolge heißen: sustine et abstine.

Abstinenz(lat. abstinentia), d. i. Enthaltsamkeit von den Genüssen, ist seit je als moralisch-religiöse Selbsterziehung empfohlen worden, meist aber auf Grund der falschen Voraussetzung, daß die Seele sich dadurch von der Sinnlichkeit befreien könne. Die Abstinenz ist förderlich für den Charakter, soweit sie Selbstbeherrschung ist, aber wenig verdienstlich, soweit sie nur äußere Form ist, oder wenn sie ins Extrem getrieben wird. Vgl. Askese.

Abstoßungskraft, Zurückstoßungskraft (vis repulsiva), heißt die bewegende Kraft, durch die eine Materie Ursache sein kann, eine andere von sich zu entfernen. Kant schreibt in seinen metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft der Materie die Anziehungs- und Zurückstoßungskraft zu. Vgl. Materie und Molekül.

abstrahieren(lat. abstrahere), abziehen, absehen, heißt der Denkprozeß, durch den wir die Anschauungen von Einzeldingen unter bestimmten Gesichtspunkten durch Vergleichung untereinander vom Individuellen und Zufälligen befreien und die ihnen gemeinsamen wesentlichen (s. d.) Merkmale zu allgemeinen Begriffen zusammenfassen. So verfährt z.B. jedes Gebiet der Mathematik und der Naturwissenschaft, um zu seinen Begriffen zu gelangen.

abstrakt(lat.), abgezogen, heißt ein Begriff, welcher durch Abstrahieren (s. d.) gebildet ist, also von dem Individuellen und Zufälligen des Einzelobjekts befreit ist und nur die mehreren konkreten Dingen oder Vorstellungen gemeinsamen, wesentlichen (s. d.) Merkmale enthält. So ergibt die Vergleichung von Bäumen, Sträuchern, Blumen, Moosen usw. den abstrakten Begriff einer Pflanze, während wir durch Betrachtung des einzelnen Baumes nach allen seinen Merkmalen den konkreten Begriff einer Pflanze finden. Die Vergleichung verschiedener ausdauernder Holzgewächse mit Stamm und Krone und die Zusammenfassung der ihnen gemeinsamen Merkmale ergibt den abstrakten Begriff Baum. Auf dieselbe Weise bilden wir Abstrakta auf dem Gebiete jeder Wissenschaft, z. B. Staat, Kirche, Tugend, Menschenliebe u. s. f. Mit Ausnahme der Eigennamen bezeichnen alle Worte der Sprache abstrakte Begriffe, können aber von dem Sprechenden im occasionellen Gebrauch überall konkret gebraucht werden. (Vgl. Sprache.) Weil ein abstrakter Begriff nicht bloß von einem Gegenstand gilt, sondern als Merkmal in verschiedenen Dingen vorkommt, nennt man ihn auch einen allgemeineren oder höheren; vgl. die Stufenreihe der Begriffe: Sokrates, Athener, Grieche, Mensch. Verliert man bei der Bildung abstrakter Begriffe den konkreten Ausgangspunkt und die leitenden Gesichtspunkte aus dem Auge, so wird der Begriff leer. Daher kann durch das beziehungslose Abstrahieren kein rechtes Wissen erlangt werden. Der erste Philosoph, der die Kunst des Abstrahierens praktisch übte und zwar auf ethischem, nicht auf mathematischem oder naturwissenschaftlichem Gebiete, war Sokrates (469-399). Aristoteles (384-322) stellte die Abstraktion (aphairesis) der Determination (prosthesis) (s. d.) entgegen (Met. XII, 2p. 1077b, 9f.), verstand aber unter dem Abstrakten die von der Materie losgelöste Form, z. B. die mathematische Größe. Die spätere Logik bildete namentlich in der Neuzeit das Verfahren des Abstrahierens methodisch aus. Vgl. Überweg, Logik § 51. – Im Sprachgebrauche der Grammatik versteht man unter einem Abstractum in Anlehnung an Aristoteles etwas, das nur selbständig gedacht wird, während zur Bezeichnung für einen Gegenstand, der von Natur selbständig ist, Concretum genommen wird. Vgl. Überweg, Logik § 47. Eucken, Geistige Strömungen. Leipzig 1904, S. 52.

Abstraktionist die Ausschließung des Individuellen und das Beibehalten des Wesentlichen und des Allgemeinen bei der Bildung eines Begriffes. Man unterscheidet quantitative und qualitative Abstraktion. Die quantitative Abstraktion bezieht sich auf die Form des Gegenstands, d. h. auf die Verbindung seiner Teile zu einem Ganzen; durch sie entstehen alle Raum- und alle Zeitbegriffe. Die qualitative Abstraktion dagegen führt zur Bildung geeigneter Gattungsbegriffe.

abstrus(vom lat. abstrudere, wegstoßen) heißt eigentlich weggestoßen, dann versteckt, verborgen, dunkel, unverständlich.

Abstumpfungheißt der Zustand des Gemütslebens, in dem Einwirkungen, die an sich geeignet sind, starke Gefühle auszulösen, nur schwache oder gar keine Gefühle hervorzurufen vermögen. Die Abstumpfung beruht auf dem Gesetze, daß jedes Gefühl sich in seinem Fortgang um so schneller verringert, je stärker es ursprünglich gewesen ist. Schon Epikuros (341-372) hob gegen Aristipps (um 435-355) Hedonismus hervor, daß die höchste Lust jedesmal die kürzeste sei. Ähnlich ist es mit der Unlust. Strenge Strafmittel führen daher gewöhnlich schnelle Abstumpfung herbei.

absurd(lat. absurdus) heißt mißklingend, ungereimt, widersinnig; ad absurdum führen heißt jemandem durch einen Beweisgang einen versteckten logischen Widerspruch aufdecken, jemanden widerlegen. Ein solcher Beweisgang, der vom Gegenteil des Wahren ausgeht, heißt seit Alexander Aphrodisiensis um 200 v. Chr. hê eis to adynaton agousa apodeixis(deductio ad absurdum). – Absurde Zahlen heißen bei Michael Stifel (1486-1567) die negativen Zahlen. Vgl. Paradoxie, Apagoge.

Abulie(gr. aboulia), Willenlosigkeit, ist eine Art von Geisteskrankheit, welche oft mit Melancholie (s. d.) verbunden ist. Der Kranke kann zu keinem Entschluß und zu keinem Handeln kommen, obgleich er die Notwendigkeit dazu deutlich einsieht. Leichtere Grade von Willenlosigkeit sind Ratlosigkeit, Charakterschwäche und Weichlichkeit.

ab universali ad particulare valet, a particulari ad universale non valet consequentia (lat.) heißt: Der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere ist gültig, der Schluß vom Besonderen auf das Allgemeine ist ungültig. Dieser Satz ist richtig; denn was von der Gattung gilt, muß auch von der Art gelten, nicht aber, was von der Art gilt, auch von der Gattung. Diese nicht zu bezweifelnde logische Regel erleidet jedoch im wirklichen Denken beim Prozeß der Induktion ihre psychologische Einschränkung. Manches Gesetz ist gefunden und manche Hypothese aufgestellt worden, indem faktisch vom Besonderen auf das Allgemeine geschlossen ist.

abususnon tollit usum (lat.) heißt: Der Mißbrauch hebt den richtigen Gebrauch nicht auf; abusive heißt mißbräuchlich.

Acceptilation(lat. acceptilatio) heißt das Eintragen des Empfanges einer Schuldsumme. Der Begriff hat seinen Platz in der Lehre des Duns Scotus (1265-1308), daß Gott die an sich nicht genügende Satisfaktion Christi aus freiem Erbarmen für ausreichend zur Tilgung der Sünde der Menschheit ansieht.

Accidenz(lat. accidens) heißt das nicht Wesentliche (das nicht Essentielle), das Wechselnde, das Zufällige. – Man versteht unter Accidenzen 1. die Eigenschaften im Gegensatz zur Substanz (so Aristoteles, Kant, Fichte u. a.); Aristoteles (Analyt. post. I 21p. 83 a, 24 ff.) unterscheidet von der Kategorie der Substanz alle übrigen Kategorien und faßt sie unter dem Namen ta symbebêkota (Accidentia) zusammen. Kants erste Analogie der Erfahrung besagt demgemäß: »Bei allen Veränderungen in der Welt bleibt die Substanz, und nur die Accidenzen wechseln« (Kr. d. r. Vernunft, S. 184). Man versteht unter Accidenzen 2. die nicht wesentlichen, nicht notwendigen Eigenschaften einer Substanz im Gegensatz zu den wesentlichen (essentiellen), einer Substanz dauernd anhaftenden Merkmalen (so auch bei Aristoteles, Herbart u. a.). Aristot. Met. 4. 30 p. 1025 a 14 Symbebêkos legetai, ho hyparchei men tini kai alêthes eipein ou mentoi out' ex anankês out' epi to poly, Accidenz heißt, was einem Gegenstande zukommt und was man von ihm aussagen kann, aber was ihm nicht notwendig und nicht meistenteils zukommt.

accidenzielloder accidental bedeutet zufällig.

Accommodation(lat. accomodatio) heißt Anbequemung, Anpassung. Der Begriff wird auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft gebraucht. Er ist z. B. physiologisch, wenn er die Anpassung des menschlichen Auges durch Wölbung der Kristallinse an Gegenstände in verschiedenen Entfernungen, theologisch, wenn er die Anbequemung der göttlichen Offenbarung an die menschliche Schwäche, pädagogisch, wenn er die Anpassung des Lehrers an die Fassungsgabe und den Standpunkt seiner Schüler bezeichnet. In der Descendenzlehre ist die Accomodation die Anpassung eines Lebewesens an die äußeren Lebensbedingungen.

Acedie(gr. akêdeia) heißt Trägheit, Lässigkeit. Der Ausdruck ist wenig gebräuchlich.

acervulus cerebri(lat.), Hirnsand, heißt der Inhalt der Zirbeldrüse, welcher phosphorsauren und kohlensauren Kalk enthält (vgl. Zirbeldrüse).

Achamoth(hebr.) heißt bei dem Gnostiker Valentinus (c. 150 n. Chr.) die durch die Begierde zerrüttete Weisheit, welche ein Äon ist und sich aus sinnlicher Liebe, aus dem Pleroma, dem gestalteten Chaos, abirrend, in den göttlichen Abgrund stürzt und dadurch Mutter des Demiurgen (Weltbildners) wird. Vgl. K. Haase, Kirchengeschichte § 78.

Achilleusheißt ein Trugschluß des Eleaten Zenon(geb. zw. 490 und 485 v. Chr.), durch den er beweisen wollte, daß alle Bewegung nur Schein sei. Die Schildkröte, das langsamste der Tiere, meinte er, könne nie von Achill, dem schnellsten Menschen, eingeholt werden, wenn sie auch nur den geringsten Vorsprung hätte; denn der Abstand zwischen ihnen lasse sich bis ins Unendliche zerlegen, und Achill müsse immer erst dahin kommen, wo die Schildkröte eben gewesen sei. Aber wird einmal Bewegung von verschiedener Geschwindigkeit gedacht, so ist damit schon eingestanden, daß dieselben Räume in verschiedener Zeit durchlaufen werden. Auch überschreitet die Summe einer konvergierenden geometrischen Reihe, wie sie durch die Bewegungen der Schildkröte dargestellt wird, nie einen bestimmten endlichen Wert.

Achtungist die Anerkennung einer Person um irgend eines Wertes willen. Sie ist oft nicht frei von Unlust; denn die Auffindung von Vorzügen an anderen Wesen bereitet uns zwar an sich Lust, weil wir Gutes vor uns haben, aber auch zugleich Unlust, weil unsere Selbstliebe darunter leidet. Die Achtung bildet einen Gegensatz zur Neigung und Liebe. Kant verlangt, daß wir das Gute aus keinem andern Motiv tun sollen, als aus Achtung vor dem Sittengesetz. (Kritik d. prakt. Vernunft I, III, S. 126 ff.). J. H. v. Kirchmann (1802-1884) teilte alle Gefühle in die Lust- und die gewöhnlich sittlich genannten Achtungsgefühle.

Act(lat. actus) heißt Handlung, Tätigkeit, z. B. Willensact.

Action(lat. actio) heißt die Tätigkeit im Gegensatz zum Leiden (Passion), oder die Wirkung im Gegensatz zur Reaktion (Gegenwirkung).

Activität(franz. activité) heißt die Fähigkeit zu wirken oder das tätige Verhalten, wogegen Passivität die Unfähigkeit zu wirken oder das untätige Verhalten, die bloße Aufnahmefähigkeit bedeutet. Vollkommene Activität ist den Dingen ebensowenig eigen als vollständige Passivität, da alle Dinge in Wechselwirkung stehen und Aktion und Reaktion sich entspricht. Die Ansicht des Aristoteles (384-322 v. Chr.) und der Scholastiker war aber, daß Gott purus actus, reine Tätigkeit, sei.

Actualität(lat.) heißt die Wirklichkeit, insofern nur das wirklich existiert, was sich betätigt; Gegensatz dazu ist die Potenzialität, d. h. die Möglichkeit. Auch versteht man unter Actualität die augenblickliche Bedeutsamkeit. Unter Actualitätslehre versteht man diejenige philosophische Lehre, die das Wirkliche nicht im Substanziellen, sondern nur im Tätigsein, im Wirken sucht. Der Hauptanhänger dieser Weltanschauung, die schon von Herakleitos 500 v. Chr. vertreten worden ist, ist gegenwärtig auf psychologischem Gebiete Wundt (geb. 1832).

adaequat(lat. adaequatus) heißt gleichkommend, übereinstimmend, angemessen; eine Vorstellung ist z. B. adaequat, wenn sie einem Gegenstand genau entspricht, ein Begriff, wenn er das Wesen desselben ausdrückt, eine Definition, wenn sie den Begriff nach seinen wesentlichen Merkmalen bestimmt, eine Erkenntnis, wenn sie einer Sache fehlerlos entspricht. Der Ausdruck adaequat begegnet uns oft in der philosophischen Sprache Spinozas und Leibniz'. Vgl. angemessen.

Adam Kadmon(hebr.) heißt bei den Kabbalisten der Urmensch, der himmlische Adam, das Vorbild der Menschheit und der irdischen Welt, der eingeborene Sohn Gottes und der Inbegriff der Ideen, nach gnostischer Lehre ist es der fast göttliche Äon, nach welchem Adam erst geschaffen wurde. Siehe Kabbâla.

Adamitenhießen Sektierer, welche öfter, so im 2. und 3. Jahrh. n. Chr. in Nord-Afrika, 1421 in Böhmen aufgetreten sind und den Stand paradiesischer Unschuld durch völlige Nacktheit darstellen wollten, gewöhnlich aber in grobe Unsittlichkeit verfielen.

Adaption(von lat. adaptare, richtiger Adaptation) heißt die Anpassung oder Anbequemung, z. B. der Netzhaut an die vorhandene Lichtstärke, der Aufmerksamkeit an überraschende Gegenstände. Vgl. Accomodation.

ad hominem(ergänze demonstratio, lat.) nennt man einen Beweis, der gemeinfaßlich und einleuchtend, der Fassungskraft des Hörers angepaßt ist, aber nicht allgemein gilt.

ad impossibilianemo obligatur (lat.) heißt: Zum Unmöglichen ist niemand verpflichtet. Der Satz trifft zu; denn das Sollen hat das Können zur Voraussetzung. Er kann aber natürlich nur da Anwendung finden, wo die Unmöglichkeit dargetan worden ist.

ad infinitum(lat.) heißt ins Unendliche; ad indefinitum dagegen heißt ins Unbestimmte (vgl. unendlich).

ad libitum(lat.) heißt nach Belieben.

ad oculosdemonstrieren (lat.) heißt etwas so deutlich darlegen, daß man es wie mit den leiblichen Augen sieht.

Adrastea(gr. 'Adrasteia) heißt die Unentrinnbare; so bezeichneten die Alten das Schicksal, z. B. Platon Phaedr. p. 248 C. Vgl. Schicksal.

ad turpianemo obligatur (lat.) heißt: Zu Schlechtem kann niemand verpflichtet werden.

Advaita(sanskr.), Nichtdualismus, Monismus (s. d.), heißt eine philosophische Richtung des Brahmaismus, die seit dem 6. Jahrh. n. Chr. auftritt. Sie behauptet, die menschliche Seele sei identisch mit dem Brahman, der nicht persönlich, sondern als Weltseele und ewiger Urgrund alles Seins zu denken sei.

Ähnlichkeitheißt im allgemeinen die Übereinstimmung der Dinge in mehreren, Gleichheit die in allen Merkmalen. – In der Geometrie bezeichnet Ähnlichkeit die Übereinstimmung in der Gestalt, Gleichheit die Übereinstimmung in der Größe, Kongruenz die vollkommene Übereinstimmung. Das moderne mathematische Zeichen (~) für ähnlich hat Leibniz (1646-1716) aus einem liegenden s (= similis) gebildet. Vgl. Leibniz, Characteristica geometrica ed. Gerhardt, 3. Folge, Bd. V, S. 153: Similitudinem ita notabimus ~. – Die Beziehung des Ähnlichen spielt im Geistesleben des Menschen eine wichtige Rolle. Es ist z. B. Sache des Witzes und Scharfsinns, Ähnlichkeiten zwischen den verschiedensten Dingen instinktiv herauszufinden. Auf leicht faßbaren Ähnlichkeiten beruht auch der bildliche Ausdruck des Dichters. Vergleicht man scharf denkend die Dinge, um aus ihrer Ähnlichkeit etwas zu folgern, so zieht man einen analogischen Schluß (s. Analogie). Mit solchen Schlüssen arbeitet besonders die Induktion (s. d.) innerhalb der Naturwissenschaft. – Die Tatsache, daß ähnliche Vorstellungen einander hervorrufen, erklärt uns einen Teil des Seelenlebens und begründet das Hauptgesetz der Ideenassoziation (s. d.). – Daß Ähnliches nur durch Ähnliches erkannt werde, ward von Pythagoras, Empedokles und Demokritos behauptet. – Platon (427-347) und andere forderten als höchstes Moralprinzip die Ähnlichkeit mit Gott.

Äon(gr. aiôn) heißt Ewigkeit, beständige Dauer. Bei dem Gnostiker Valentinus (150 n. Chr.) werden aus den Äonen ewige Geister und göttliche Wesenheiten, Mittelwesen zwischen dem göttlichen Urgrunde und dem Menschen.

Äquilibrismus(nlt. von lat. aequilibrium Gleichgewicht) ist die Lehre, daß der Mensch nur dann frei handelt, wenn ein völliges Gleichgewicht aller Bestimmungsgründe des Willens stattfindet. Diese Lehre ist unhaltbar; denn abgesehen davon, daß ein solches Gleichgewicht kaum vorkommt, und wenn es vorkäme, schwer bestimmbar wäre, würde die Konsequenz des Gleichgewichts nur sein können, daß der Mensch gar nicht handelt, sondern untätig bleibt, wie der Esel des Buridan (s. d.) zwischen den Heubündeln. Dagegen erklärt Platon und Herbart nur den für frei, dessen tatkräftiger Wille mit dem Sittengesetz im Gleichgewicht steht. Vgl. Determinismus, Freiheit.

Äquipollenz(nlt. aequipollentia aus dem lat. aequipollens), Gleichgeltung, spricht die Logik im engeren Sinne seit Apuleius (2. Jahrh. n. Chr.) den Sätzen zu, die dasselbe, aber unter verschiedener Form aussagen, so daß einer unmittelbar aus dem andern gefolgert werden kann. So sind z. B. die Sätze: »Platon war des Aristoteles Lehrer« und »Aristoteles war Platons Schüler« äquipollent. Solche Sätze schließen einander stets ein, und aus der Wahrheit oder Falschheit des einen folgt die Wahrheit und Falschheit des anderen. Im weiteren Sinne heißen aber auch diejenigen Sätze äquipollent, welche nicht unmittelbar, sondern erst durch Zwischensätze auseinander folgen. So ist z. B. der Satz: » In diesem Dreieck ist das Quadrat über der einen Seite gleich der Summe der Quadrate über den beiden anderen« äquipollent mit dem Satze: »Dies Dreieck ist rechtwinklig«.

Äquivalenz(nlt. aus dem lat. gebildet), Gleichwertigkeit, Wert-Ersatz, heißt die Einsetzung eines Wertes für einen anderen. Vgl. Kraft.

Ärgerist die vorübergehende Gemütsverstimmung, in der sich ein leichterer Zorn mit einem leichteren Kummer verbindet. So ärgert man sich z. B. über schlechte Federn, einen versäumten Zug u. dgl., über erfahrene Zurücksetzung, über Vorurteile, Moden usw., über aufdringliche Menschen, unbotsame Dienstpersonen usw.

Ärgernisgeben heißt durch Worte, Mienen, Gebärden oder Handlungen das sittliche oder religiöse Gefühl anderer beleidigen oder ihre Sittlichkeit in Gefahr bringen. Dies ist ein Unrecht. Anderseits können wir nichts dafür, wenn andere an uns Ärgernis nehmen, während wir sittlich handeln, weil sie selbst beschränkt, kurzsichtig, vorurteilsvoll sind.

Aërobat(gr. aerobatês), heißt Luftwandler, Seiltänzer, dann spöttisch Ideolog, Phantast. So nennt Wieland Platon den großen Aërobaten.

Eigene Wege in der Ästhetik gehen Jean Paul (»Vorschule der Ästhetik« 1804), A. Schopenhauer (»Die Welt als Wille und Vorstellung«, 3. Buch, 3. Aufl. 1859), J. H. v. Kirchmann (»Ästh. auf realist. Grundlage« 1868) und E. v. Hartmann (»Philosophie des Schönen« 1888).

Der Ästhetik hat, wie ihre Geschichte zeigt, bisher die richtige Methode gefehlt. Sie ist zu sehr den Bahnen der Metaphysik gefolgt. Die richtige Methode der Ästhetik kann nur die empiristische sein. Von der Beobachtung des Naturschönen und der auf die Kunstgeschichte gegründeten Kritik hat alle ästhetische Forschung auszugehn. Denn jedes Naturprodukt trägt seine eigene Schönheit in sich, und jedes Kunstwerk ist national, historisch und individuell bestimmt. Daneben freilich hat die Ästhetik das Wesen der Natur und des Menschen nach ihrer Allgemeinheit und Gesetzmäßigkeit zu untersuchen. An die biologischen und psychologischen Voraussetzungen haben sich Untersuchungen über das Wesen des künstlerischen Schaffens zu schließen, um endlich die Künste im einzelnen betrachten zu können. Die Ästhetik muß also nicht von der Metaphysik, sondern von der Erfahrung ausgehen; nicht der Begriff des Schönen, sondern das Wesen der einzelnen Schönheit ist ihre Basis. Ein absolutes Schöne gibt es höchstens als Ideal; in der Wirklichkeit existiert stets nur das Schöne eines bestimmten Gegenstandes. Die Gliederung der Ästhetik erfolgt, indem mit den Untersuchungen über die subjektiven und objektiven Bedingungen der Gefühle des Schönen und der ihm verwandten Gefühle begonnen, dann das Schöne der Natur und zuletzt das ganze Gebiet der Künste durchmessen wird. Vgl. C. Köstlin, Ästhetik 1863-1869, C. Lemcke, Populäre Ästhetik, 4. Aufl. 1873, und R. Prölss, Katechismus der Ästhetik 1878. J. Cohn, psychologische oder kritische Begründung der Ästhetik. Arch. f. system. Philos. 1904. H. Cohen, Kants Begründung der Ästhetik 1889.

ästhetischheißt im weiteren Sinne jeder Begriff, der in den Kreis der Ästhetik fällt, also auch außer dem Begriff des Schönen der Begriff des Anmutigen, des Reizenden, des Hübschen, des Niedlichen, des Komischen, des Häßlichen, des Furchtbaren, des Tragischen, des Erhabenen usw.; im engeren Sinne dagegen ist ästhetisch nur der Begriff des Schönen, Geschmackvollen. Kant (1724-1804) nennt in der Kritik der reinen Vernunft eine Vorstellung ästhetisch, wenn ihr die Form der Sinnlichkeit anhängt und diese daher auf das Objekt, d. h. als Phänomen (s. d.), übertragen wird; in der Kritik der Urteilskraft heißt ihm dagegen dasjenige ästhetisch, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann.

Äternität(lat. aeternitas) heißt Ewigkeit.

Äther(gr.), bei Hesiodos der Sohn des Erebos (Dunkel) und der Nyx (Nacht), heißt zunächst bei den Griechen ein mythisches Wesen, eins der Grundwesen, aus denen die Welt entstanden sein soll; die orphischen Hymnen feiern ihn als Weltseele. Später erscheint er in der Philosophie bei den Hylozoisten (s. d.) als das Wärmeprinzip neben den vier Elementen, Wasser, Feuer, Luft und Erde, und noch später, namentlich auch bei Aristoteles (384-322), als die höchste fünfte Substanz (daher: Quintessenz!), der alles Sein und Denken entstammt. – Die moderne Physik nimmt an, daß ein überaus feiner und elastischer Stoff durch den Weltraum und in den Zwischenräumen der kleinsten Teile des Körpers verbreitet sei, aus dessen Schwingungen sie die Erscheinungen des Lichts, der Elektrizität und dergl. erklärt. Daher sind manche neuere Philosophen, z. B. Ph. Spiller auf die Idee gekommen, den Äther wieder als Gott zu setzen. – Naturwissenschaftlich wird der Äther noch sehr verschieden gedeutet, und wir sind in der Hauptsache noch in Unkenntnis über seine Beschaffenheit. Nach Fresnel (1788-1804) ist der Äther ein sehr elastisches Mittel von unkonstanter Dichtigkeit, während andere ihm konstante Dicke und veränderliche Elastizität beilegen. Nach Lord Kelvin (geb. 1824) ist er ein festes elastisches Mittel, dessen Starrheit 1/10000000 des Stahls und dessen Dichte 1-17 des Wassers beträgt. Stockes (geb. 1819) gibt ihm die Konsistenz einer dünnen Gallerte, da er sich den Lichtschwingungen gegenüber als fester Körper verhält, bei dem allein transversale Schwingungen vorkommen. Im allgemeinen versteht man also heute unter Äther nichts als ein Ding, das Wärme, Elektrizität und Licht verbindet, ohne zu wissen, welcher Art diese Verbindung ist. Vgl. Spiller, Gott im Lichte der Naturwissenschaften, Leipzig 1883.

Ätherleibnennt J. H. Fichte (1796-1879) mit anderen Spiritualisten den von der Seele unmittelbar gewirkten Leib; er versteht darunter nicht den äußerlichen, sichtbaren, tierischen, sondern einen inneren, unsichtbaren Geistleib. (Vgl. Fichtes »Anthropologie« S. 273 f.) Danach besteht also der Mensch aus Geist, Ätherleib und Außenleib. Ähnlich lehrte schon der Neuplatoniker Porphyrios (233-304).

Ätiologie(griech. aitiologia von aitia Ursache und logos Wort, Lehre), die Lehre von den Ursachen und ihren Wirkungen, gilt gewöhnlich als der zweite Teil der spekulativen Metaphysik, während der erste, die Ontologie, vom Wesen der Dinge und der dritte, die Teleologie, von dem Zwecke derselben handelt.

Äußeresund Inneres sind Korrelate, d. h. Verhältnisbestimmungen, die sich aufeinander beziehen. Das Äußere für uns ist zunächst unser Leib, dann alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen können, die Außenwelt. Das Innere dagegen ist das unmittelbar im Bewußtsein Erlebte.

Kant(1724-1804) definiert den Affekt als das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen Zustande, welche im Subjekt die Überlegung (die Vernunftvorstellung, ob man sich ihm überlassen oder weigern solle) nicht aufkommen läßt, (Anthrop. § 70) oder als Überraschung durch Empfindung, wodurch die Fassung des Gemüts (animus sui compos) aufgehoben wird. (Anthrop. § 71). Man kann die Affekte mit ihm einteilen in sthenische (wackere), welche unser Lebensgefühl fördern, und asthenische (schmelzende), die es hemmen (Anthrop. § 73), oder mit Nahlowsky in aktive und passive oder mit Drobisch in Affekte der Überfüllung und Entleerung. Zu jenen gehören z. B. Zorn, Freude, Begeisterung; zu diesen Scham, Furcht, Verzweiflung. Jene sind dem Rausch, diese der Ohnmacht vergleichbar. Möglich ist auch eine Einteilung der Affekte in allgemeine und besondere. Jene bestehen in einem gesteigerten Gefühl der Lust und Unlust, ohne daß sie eine besondere Eigenart zeigen. Diese dagegen sind 1) Affekte der Erwartung: so Ungeduld, Hoffnung, Verzweiflung, Furcht, Schreck, Überraschung. Sie gründen sich 2) auf ästhetisches Wohlgefallen resp. Mißfallen: so Bewunderung, Schwärmerei, Entzücken und ihr Gegenteil. Sie sind 3) intellektuelle Affekte: so Verlegenheit, Verblüffung, Staunen, Begeisterung. Es gibt 4) moralisch-religiöse Affekte: so Entrüstung, Rührung, Scham, Reue, Verzückung. 5) Aus dem Selbstgefühl entspringen: Mut, Übermut, Zorn, Kleinmut, Niedergeschlagenheit, 6) aus der Antipathie: Neid, Schadenfreude, Groll und Ingrimm. Wundt (geb. 1832) definiert den Affekt als eine zeitliche Folge von Gefühlen, die sich zu einem zusammenhängenden Verlaufe verbindet und sich gegenüber den vorausgegangenen und nachfolgenden Vorgängen als ein eigenartiges Ganzes absondert, das im allgemeinen zugleich intensivere Wirkungen auf das Subjekt ausübt, als ein einzelnes Gefühl; er scheidet die Affekte nach der Qualität in Affekte der Lust und Unlust, nach der Intensität in schwache und starke, nach der Verlaufsform in plötzliche, allmählich ansteigende und intermittierende. (Wundt, Grundriß d. Psychologie 1905, § 13.)

Die Befreiung von Affekten kann einerseits dadurch geschehen, daß man die Anlässe dazu wirklich oder in der Vorstellung des Menschen beseitigt, oder anderseits dadurch, daß der Mensch sich selbst zwingt und überwindet. Ist z. B. jemand in Zorn, so pflegt der Affekt sich zu lösen, wenn man ihm den Gegenstand, der ihn dazu reizt, aus den Augen oder aus dem Sinn schafft und indem man ihn mit anderen Vorstellungen lebhaft beschäftigt. Die Befreiung von den Affekten durch Selbstüberwindung ist die ethische Grundforderung Spinozas.

Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefaßt worden, bald sind sie weiter auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den Leidenschaften (s. d.) vermischt worden. Vielfach greift die Erörterung über die Affekte in die Ethik ein. Die Kyrenaiker (im 4. Jhrh. v. Chr.) unterschieden zwei Affekte (pathê), nämlich ponos und hêdonê, Unlust und Lust, und sahen in jener eine reißende, in dieser eine sanfte Bewegung (Kyrênaikoi – dyo pathê hyphistanto, ponon kai hêdonên; tên men leian kinêsin, tên hêdonên; ton de ponon tracheian kinêsin Diog. Laert II, 8 § 86.) Die Lust ist nach Aristippos' (um 435-355) Lehre das Ziel des Lebens.

Aristoteles(384-322) definiert die Affekte als seelische Vorgänge, die mit Lust oder Unlust verbunden sind (legô de pathê – hois hepetai hêdonê ê lypê. Eth. Nicom. II 4 p. 1105b 21-23). Er zählt folgende Affekte auf: epithymia (Begierde), orgê (Zorn), phobos (Furcht), thrasos (Mut), phthonos (Neid), chara (Freude), philia (Freundschaft), misos (Haß), pothos (Sehnsucht), zêlos (Eifer), eleos (Mitleid). Er ist sich aber auch bewußt, daß diese Seelenvorgänge mit körperlichen verbunden sind (eoike de kai ta tês psychês pathê panta einai meta sômatos) und führt als Beispiele solcher seelisch-körperlichen Vorgänge thymos (Erregung), praotês (Sanftmut), phobos (Furcht), eleos (Mitleid), thrasos (Mut), to philein (Liebe), to misein (Haß) an (De anim. Ip. 403 a 16-18).

Die Stoiker sahen von Zenon (350-258) ab in den Affekten vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegungen oder das Maß überschreitende Triebe. ('Esti de auto to pathos, kata Zênôna, hê alogos kai para physin psychês kinêsis ê hormê pleonazousa Diog. Laert. VII, 63 § 110). Sie entspringen aus Fehlern des Urteils, aus falschen Meinungen über gegenwärtige oder zukünftige Güter und Übel. Aus der falschen Meinung über gegenwärtige Güter entspringt die Lust (hêdonê), über zukünftige die Begierde (epithymia); aus der falschen Meinung über gegenwärtige Übel entspringt die Bekümmernis (lypê),über zukünftige die Furcht (phobos) tou pathous – prôta – einai – tessara, epithymian, phobon, lypên, hêdonên. epithymian men oun kai phobon proêgeisthai, tên men pros to phainomenon agathon, tên de pros to phainomenon kakon. epigignesthai de toutois hêdonên kai lypên, hêdonên men hotan tynchanômen hôn epithymoumen ê ekphygômen, ha ephoboumetha, lypên de hotan apotynchanômen hôn epithymoumen ê peripesômen, hois ephoboumetha. (Stobaios Eclog. II, 166-168). Die Tugend wird nur erlangt durch Überwindung der Affekte.

Von den neueren Philosophen versteht Descartes (1596-1650) unter den Affekten (passiones) Vorstellungen oder Empfindungen oder Erregtheiten der Seele, die man nur auf sie selbst bezieht und die durch gewisse Bewegungen der Lebensgeister bewirkt, unterhalten und verstärkt werden (Pass. anim. I, 27). Er unterscheidet sechs Grundaffekte: Bewunderung, Liebe, Haß, Verlangen, Freude, Traurigkeit. – Spinoza (1632-1677) nimmt als Grundaffekte nur die drei: Verlangen, Freude, Traurigkeit an und gründet auf die Lehre von den Affekten seine Ethik. Er versteht unter den Affekten Zustände des Körpers, durch welche die Fähigkeit desselben zu handeln vermehrt oder vermindert, gefördert oder eingeschränkt wird, und zugleich die Ideen dieser Zustände (corporis affectiones quibus ipsius corporis agendi potentia augetur vel minuitur, iuvatur vel coërcetur, et simul harum affectionum ideas Eth. III, 3). Der den Affekten unterworfene Mensch ist unfrei. Der über die Affekte siegende Mensch ist frei. Diese Befreiung erfolgt durch die wahre Erkenntnis der Affekte, die in die intellektuelle Gottesliebe ausmündet (Eth. III – V). Kants und Wundts Einteilung der Affekte ist bereits berührt. Vgl. Lotze, Medizinische Psychologie, S. 441f., Waitz, Psychologie § 44, Feuchtersleben, Diätetik der Seele VI – VIII, Wundt, Grundz. d. phys.Psych. II, 404 ff. Bain, the emotions and the will 1859, Ribot, psychologie des sentiments 1896.Essai sur les passions Paris 1907.

Affektation(lat. affectatio) oder Affektiertheit ist die Ziererei in Reden und Handlungen, welche den Schein von Gefühlen zu erwecken sucht, die man gar nicht besitzt. Vgl. Anmut.

Affektion(lat. affectio) heißt Zuneigung; Affektionspreis (pretium affectionis) ist der Wert, den wir einer Sache oder Leistung mit Rücksicht auf das Gefühl des Besitzers oder Leistenden beilegen. Der Gegensatz dazu ist entweder der Marktpreis oder der objektive Wert (vera rei aestimatio). Diese drei Werte stehen natürlich oft im Widerspruch. So kann z. B. eine objektiv und im Marktpreise ganz wertlose Tasse, die wir von einem Verwandten ererbt haben, für uns einen großen Affektionswert haben, oder es können alte Bücher und Kunstwerke einen viel höheren Marktpreis als objektiven Wert haben. Im weiteren Sinne können alle Dinge einen Affektionspreis besitzen, insofern sie jeder verschieden hochschätzt. Kant (1724-1804) definiert Affektionspreis als »Äquivalent für ein Ding, das einem gewissen Geschmacke gemäß ist«. – Affektion heißt auch Zustandsänderung. So reden wir z. B. von einer Gemütsaffektion, Sinnesaffektion.

Affektlosigkeitbedeutet soviel als Gemütsruhe, Freiheit von Affekten (s. d.). Vgl. Apathie.

Affenliebeist die blinde Zärtlichkeit der Eltern gegen ihre Kinder, welche deren Fehler übersieht, ableugnet und ihnen schadet.

Affinität(lat. affinitas) heißt Verwandtschaft. Logische Affinität ist das Verhältnis der Begriffe oder Urteile, welche nicht wesentliche Merkmale gemein haben, z. B. rote Rose und rote Mütze. Der Gegensatz zu solchen affinen Begriffen sind die kognaten. Denn Kognation findet zwischen den durch wesentliche Merkmale verbundenen statt, z. B. Rose, Tulpe, welche beide als Organismen gedacht werden müssen. – Psychologische Affinität heißt die Ähnlichkeit von Vorstellungen, insofern auf derselben die Assoziation beruht.

affirmativ(lat. affirmativus), bejahend, heißt ein Urteil, welches einem Subjekt irgend ein Prädikat beilegt (S ist P). Negativ dagegen heißt ein Urteil, das einem Subjekt ein Prädikat abspricht (S ist nicht P). Diese wesentliche Eigenschaft eines Urteils heißt seine Qualität. Affirmation ist also eine Art der Urteilsqualität. Die Bejahung (Affirmation) kann entweder auf den ganzen Umfang des Subjekts gehen (alle S sind P) oder nur auf einen Teil (einige S sind P). Diese Eigenschaft heißt die Quantität eines Urteils. Vgl. Urteilsformen. Verneinung.

affizieren(lat. afficio) heißt eine Zustandsänderung herbeiführen, Eindruck machen, zunächst auf die Sinne, dann auf die Seele des Menschen überhaupt.

Agathobiotik(aus d. Griech. geb.) heißt Diätetik (s. d.).

Agathologie(gr.) heißt die Lehre vom Guten oder von den Gütern; sie ist ein Teil der Ethik, welche gewöhnlich in die Lehre von den Pflichten, Tugenden und Gütern eingeteilt wird. Vgl. A. Döring, Philos. Güterlehre, Berlin 1888.

Agens(lat., Plural: Agentien) heißt jedes Ding, sofern es sich betätigt, also eine Wirkung ausübt.

Ageusie(aus d. Griech.) heißt Stumpfheit des Geschmacksorgans, Ageustie (gr. ageustia) heißt Nüchternheit.

Aggregat(franz.) heißt ein durch die bloße Ansammlung seiner Teile entstandenes Ganzes, z. B. ein Haufen Getreide. Eine Erkenntnis, deren Teile nicht organisch miteinander verbunden sind, bildet dementsprechend ein bloßes Aggregat von Notizen. Die Physik unterscheidet nach der Größe der Kohäsion der Teile eines Körpers drei verschiedene Aggregatzustände (Formarten) der Körper: den festen, tropfbar-flüssigen und luftförmigen. Vgl. Ostwald, Vorles. üb. Naturphil. Leipz. 1905 S. 200.

Agnosie(gr. hagnôsia) heißt Unwissenheit. Bei Sokrates erscheint die Agnosie, ausgedrückt durch den Satz: »Ich bin mir bewußt, daß ich in keinerlei Weise wissend bin«, als Ausgangspunkt des Forschens. (Plat. Ap. 21 B egô – oute mega, oute smikron xynoida emautô sophos ôn.) Bei den Neuplatonikern und Skeptikern ist die Agnosie das Endergebnis ihrer theoretischen Philosophie.

Agnostiker(engl. agnostic) heißt seit Huxley (1825-1895) derjenige, welcher über die letzten Gründe alles Seins nichts zu wissen wünscht oder nichts behauptet, also alle transscendentalen Fragen ablehnt. Huxley, H. Spencer und Ch. Darwin z. B. bezeichneten sich so. Vgl. Grosse, H. Spencers Lehre von dem Unerkennbaren 1890. Auch Du Bois-Reymonds Standpunkt metaphysischen Fragen gegenüber, der durch die Worte »Ignoramus, Ignorabimus« ausgedrückt ist, ist der des Agnostizismus(»Über die Grenzen der Naturerkenntnis« 1872. Die sieben Welträtsel 1882). R. Flint, Agnosticism. 1903. Vgl. Eucken, Geistige Strömungen der Gegenwart 1904, S. 378. Raoul Richter, Der Skeptizismus in der Philosophie, Leipzig 1904.

Agrikultursystem(Physiokratismus) ist diejenige volkswirtschaftliche Theorie, welche in der Ausbeutung des Bodens die einzige Quelle des Nationalwohlstandes sieht. Diese Lehre vertrat schon J. Locke (1632-1704); doch erst Frz. Quesnay (1694-1774) hat 1758 in seinem »Tableau économique« die Theorie ausführlich entwickelt. Ihre Anhänger bezeichneten sich auch als Ökonomisten oder Physiokraten; auch Turgot (1727-1781) gehört zu ihnen.

Ahnungist die dunkle, auf (objektiv oder subjektiv) unbewußte Gründe gestützte Vorempfindung von etwas Zukünftigem. Sie entspringt entweder einem unwillkürlichen Analogieschluß (s. d.) oder einer Gemütsstimmung. Aus solchen Ahnungen läßt sich mithin wohl auf die subjektive Verfassung des betreffenden Menschen ein Schluß machen, dagegen durchaus nicht auf die Zukunft selbst und den Eintritt des Geahnten. Aber weil der Mensch unter den vielen Möglichkeiten bisweilen auch die wirklich später eintretende sich vorstellte, so ist der Glaube an die Wahrheit und Bedeutung von Ahnungen uralt und volkstümlich. Jacobi und Fries haben dem begrifflichen Wissen die Ahnung entgegengesetzt als die nur aus Gefühlen stammende Überzeugung von der Realität übersinnlicher Ideale.

Ahrimanund Ahuramazda sind die Gottheiten des Bösen und des Guten in der persischen Religionslehre des Zoroaster.

Akademie(gr. Akadêmeia) heißt zunächst der Hain des Heros Akademos, 6 Stadien von Athen am Kephissos, dann die Schule des Platon (427-347), der dort seine Anhänger um sich versammelte. Die ältere, die erste Akademie (Platon, Speusippos, Xenokrates, Heraklides der Pontiker, Philippos von Opunt, Polemon, Krates, Krantor) war dogmatisch (s. d.), die mittlere, die zweite (Arkesilaos) und die dritte (Karneades) dagegen skeptisch, während die neuere Akademie, die vierte, die des Philon von Larissa, wieder dogmatisch wurde, und endlich die fünfte, die des Antiochos von Askalon, die platonische Philosophie mit der aristotelischen und stoischen verband. In der Renaissancezeit gründete Cosmus von Medici auf Anregung des Georgios Gemistos Plethon aus Konstantinopel (geb. um 1355, gest. 1452 in Florenz), eine platonische Akademie, deren erster Vorsteher Marsilius Ficinus (1433-1499) war. In der Neuzeit sind Akademien zur Förderung der Wissenschaft in vielen Staaten begründet worden.

Akatalepsie(gr. akatalêpsia), Unbegreiflichkeit oder Aphasie (gr. aphasia) oder Epoche (gr. epochê) ist die Bezeichnung für die Annahme der skeptischen Richtung unter den Akademikern, es lasse sich das Wesen der Dinge nicht begreifen und aussprechen, und wir müßten mit unserm Urteil zurückhalten. Diog. Laert. IX, 11, § 107. Vgl. Aphasie, Epoche, Aoristie.

Akataphasie(aus dem Griech. gebildet) heißt das durch Hirnkrankheit veranlaßte Unvermögen, Sätze grammatisch zu formen.

Akosmismus(aus dem Gr. gebildet), Weltlosigkeit, Leugnung der Welt, kann man sowohl den Pantheismus nennen, wenn er das All ganz in Gott aufgehen läßt (Eleaten, Spinoza), während er im umgekehrten Falle zum Atheismus wird, als auch den absoluten Idealismus, der die Realität der Außenwelt leugnet (Fichte), als auch endlich den Spiritualismus, der alles körperliche als Produkt des Geistes ansieht (Berkeley).

Akribie(gr. akribeia) heißt Genauigkeit, Sorgfalt in der Forschung und Untersuchung.

Akrisie(gr. akrisia) heißt Mangel an Urteil oder Prüfung.

akroamatisch(gr. akroamatikos), eigtl. das Hörbare, das zum Anhören Eingerichtete heißt 1) die geheime (esoterische), nur den Eingeweihten mündlich mitzuteilende Lehre oder 2) die wissenschaftliche Lehre im Gegensatz zur populären, oder 3) diejenige Lehrform, bei welcher der Schüler nur hört, nicht, wie bei der erotematischen oder sokratischen, auch gefragt wird. Der Ausdruck stammt von den philosophischen Schriften des Aristoteles her.

albernnennt man im Neuhochdeutschen alles einfältige, kindische, unweise Denken, Reden und Handeln. Albernheit ist ein Zeichen entweder von Unreife oder von Narrheit. Ursprünglich bezeichnet das Wort dagegen das offene, natürliche, gütige, freundliche Wesen (ahd. alawâri, mhd. alwaere). Die Romantiker haben das Wort vergeblich wieder zu Ehren zu bringen versucht, nachdem es in der Neuzeit seine üble Bedeutung angenommen hat.

Alethophile