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23 Erzähler*innen, 23 Geschichten und ein Menschenleben.
Er ist gebildet, elegant und zurückhaltend. Er ist der Sohn einer verarmten Großgrundbesitzerfamilie. Und er ist aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Portugals. Letzteres wird ihn in die Fänge der Polizei und schließlich in die entsetzlichen Gefängnisse des Salazarregimes bringen. Dass die Partei nicht zu ihm stehen wird - vermutlich wegen seiner Homosexualität -, ist nur eines von vielen weiteren Hindernissen auf seinem Lebensweg.
Der Roman »Das Wörterbuch der Sprache der Blumen« setzt Júlio Melo Fogaça, einer bedeutenden, aber in Vergessenheit geratenen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ein Denkmal. In dreiundzwanzig Kapiteln erzählen dreiundzwanzig Menschen, die ihm begegnet sind, die ihn gekannt, ihn geliebt haben, von ihrem Leben und von der Rolle, die er darin gespielt hat. Es ist die Erinnerung an ein Menschenleben und eine Geschichte von Sehnsucht und Hoffnung, Armut und Einsamkeit, Schönheit und Natur, die Weltliterat António Lobo Antunes in seiner einzigartig kunstvollen Sprache heraufbeschwört.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Er ist gebildet, elegant und zurückhaltend. Er ist der Sohn einer verarmten Großgrundbesitzerfamilie. Und er ist aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Portugals. Letzteres wird ihn in die Fänge der Polizei und schließlich in die entsetzlichen Gefängnisse des Salazarregimes bringen. Dass die Partei nicht zu ihm stehen wird – vermutlich wegen seiner Homosexualität –, ist nur eines von vielen weiteren Hindernissen auf seinem Lebensweg.
Der Roman »Das Wörterbuch der Sprache der Blumen« setzt Júlio Melo Fogaça, einer bedeutenden, aber in Vergessenheit geratenen Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ein Denkmal. In dreiundzwanzig Kapiteln erzählen dreiundzwanzig Menschen, die ihm begegnet sind, die ihn gekannt, ihn geliebt haben, von ihrem Leben und von der Rolle, die er darin gespielt hat. Es ist die Erinnerung an ein Menschenleben und eine Geschichte von Sehnsucht und Hoffnung, Armut und Einsamkeit, Schönheit und Natur, die Weltliterat António Lobo Antunes in seiner einzigartig kunstvollen Sprache heraufbeschwört.
António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkriegs 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile mehr als dreißig Titel umfasst und in vierzig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den »Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes«, den »Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft« und den Camões-Preis.
Maralde Meyer-Minnemann, geboren 1943 in Hamburg, erhielt 1992 und 2021 den »Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzungen«, 1997 den Preis »Portugal-Frankfurt«, 1998 den »Helmut-M.-Braem-Preis« und wurde 2005, 2011 und 2013 für den »Preis der Leipziger Buchmesse« nominiert.
António Lobo Antunes
Roman
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemenn
Luchterhand
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Diccionario da Linguagem das Flores« bei Dom Quixote, Alfragide, Portugal.
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Copyright © der Originalausgabe 2020 António Lobo Antunes
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026 Luchterhand Literaturverlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Umschlaggestaltung: buxdesign | Ruth Botzenhardt
Unter Verwendung eines Motivs von plainpicture/Catherine Minala
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-30154-5V001
www.luchterhand-literaturverlag.de
facebook.com/luchterhandverlag
Nachdem ich meinen Militärdienst abgeleistet hatte, besorgte mir ein rotblonder, mit dem linken Auge auswärts schielender Kollege, der, immer mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt, fast nie mit uns zusammen war, eine Anstellung in der Autowerkstatt seines Vaters oben in Pedralvas, im Norden Lissabons auf einem Armeleutehügel mit alten Häusern und Baracken und engen Gässchen, weshalb ich in der Gegend ein Zimmer mit Anrecht auf zwei Bäder in der Woche, dienstags und sonnabends, gemietet habe, dessen kleines Fenster zu einem von Gerüstbrettern umschlossenen Gärtchen mit einem rostigen Zitronenbaum hinausging, an dem ich nie eine Zitrone, nur enttäuschte Wespen gesehen habe und der über eine Mauer geneigt war, auf die er den Ellenbogen stützte, die Vermieterin, immer mit Schürze und Pantoffeln, welche, ihrer Größe nach zu urteilen, einmal dem Ehemann gehört haben dürften, der sich vor Jahren in Luft aufgelöst hatte im Durcheinander der Stadt, die nicht aufhörte, Menschen zu verschlingen, was auch wegen der vielen Straßenecken nicht verwunderlich war, ich verstehe nur nicht, warum sie nicht uns alle verschlingt, rief mich manchmal zu einem Süppchen zu sich, das in der winzigen Küche gegessen wurde, wobei wir einander nicht ansahen, sie auf dem einzigen noch vorhandenen Schemel sitzend, ich an die Spüle gelehnt, unter einer labilen flackernden Lampe
(schnippte man sie mit dem Finger an, erholte sie sich mit einem scharfen Seitenblick auf uns und begann dann wieder zu zittern, was für ein schweres Leben die Gegenstände doch haben und keine einzige barmherzige Seele, die ihnen hilft)
während ein Hund in der Dunkelheit einer Gasse, wo Holzkohlengrills in den letzten Zügen lagen, bellte und dort irgendwo mit einem langen Seufzer verstummte, war die Suppe gegessen, wusch die Vermieterin die Teller kurz und bündig mit einem Schwamm ab und schloss hinter sich die Tür zum kleinen Wohnzimmer, weil ich hin und wieder den Husten hörte, der Teile von ihr bis in die Kehle hinaufpresste, weshalb die Pantoffeln dort unten ganz allein waren, und sie verspürte die ängstliche Freude, mich in der Nähe zu wissen, während die Akazien ringsum eine nach der anderen verstummten, weiter entfernt als die Züge im Dunkeln, ich stellte mir vor, es gäbe in Pedralvas nur uns beide, aneinandergefesselt durch einen Faden Stille, der die Einsamkeit immerhin ein wenig verringerte, fast hätte ich wetten mögen, dass sie dann und wann kam, um mich heimlich im Schlaf zu beobachten, mir einen Fußknöchel mit dem Betttuch zudeckte, ein ungeschicktes Streicheln mit zu vielen, über meine Haut stolpernden Fingern unterdrückte, nachdem sie gegangen war, ließ sie in mir ein größeres Gefühl der Verlassenheit als vorher zurück, erinnerte mich an meine Mutter in Caldas da Rainha, die, ihr Kinn auf meinen Vater gerichtet, über mich geneigt
– Glaubst du der Junge lebt noch?
und ich reglos, spähe durch einen kleinen Spalt zwischen den Augenlidern zu ihr, erschrocken
– Lebe ich wirklich noch?
versuche, ein Knie anzuwinkeln, das sich möglicherweise nicht anwinkelt, ich stelle mir vor, dass es sich anwinkelt, möglicherweise fühlen die Toten bei der Totenwache das Gleiche und bewegen sich aber dennoch nicht, glauben, dass sie mit den Leuten reden, die Armen, ihnen Fragen stellen, sie hören
– Wer sagt denn dass wir sie nicht gleich im Café treffen werden?
wie üblich mit zerstreutem Blick auf die Schwäne schauen, wie üblich an etwas anderes denken
– Wie bitte?
Pedralvas so melancholisch im Winter, wenn es regnete, es wirkte so, als würden die Häuser in schmutzigen Tropfen vom Himmel fallen und sich auf dem Fußweg ausbreiten, an einem Tisch in dem kleinen Café, in der Nähe des Tresens, ein Mann, den ich nicht kannte, größer als ich, distinguierter, was auch sonst, er sah mich an, während er ein Zuckertütchen über der Tasse aufriss, und dann der Löffel, der spitze Schnabel der Lippen, der lange Hals und die auf der Brust ausgebreitete Hand, um die Krawatte zu schützen, was macht der denn hier, wie zum Teufel ist er in diesem Stadtteil gelandet, einmal im Monat, am Wochenende, nehme ich den Bus nach Caldas da Rainha, weil mein Vater krank ist, im Schlafanzug im Wohnzimmer kämpft er mit den Arzneien, die meine Mutter ihm bringt, die gelben, die Kapseln, das im Wasser aufzulösende Pulver, alles von einer Backe in die andere geschoben, den Blick starr auf die Wand vor ihm
– Ich kann das nicht runterschlucken
während meine Mutter ihm noch ein kleines Glas gibt
– Versuch es jetzt mal
und er
– Was für ein Schicksal
tritt dabei mit einem Fuß auf den anderen, meine Mutter mit einer kleinen Schale
– Die Ärzte sagen du sollst Brühe essen
dann, zu mir gebeugt, ein schräger Blick voller Geflüster
– Es ist nichts am Magen sagen sie das ist was neben der Leber
wundert sich über das Leben
– Was wir so alles in uns haben
mein Vater wendet sich, gegen den Wind segelnd, uns zu, fällt ihr ins Wort
– Die glaubt alles neben der Leber da sind nur die Gedärme und Gase gäbe es anständige Ärzte würden sie mir einen Schlauch in den Bauchnabel stecken und das raussaugen
während die Schwäne, voller Gewürze aus Indien zurückgekehrte Karavellen, auf dem Weiher schwimmen, man ist offensichtlich mehr oder weniger im Handumdrehen aus dem Orient hier, später klettern sie die Rampe hoch und gehen schwankend, ganz Paprikapulver und Pfeffer, in ihre Hütte, die Augen meines Vaters jetzt so anders, trüb, blass, uns meidend, er, der aus Rohrstückchen, Kopfkissenresten und Holz Flaschenschiffe machte, mit denen er in ferne Länder aufbrach, und meine Mutter und ich, wir warteten auf dem Sofa auf ihn, nervös und in Sorge wegen der Stürme
– Zum Glück ist er schon an Guinea vorbei ist er schon an der Ilha de Moçambique vorbei
mein Vater an Deck, unendlich weit weg, mit federgeschmücktem Hut kommandierte er die Seeleute, er, der außerstande war, das Kommando über das zu übernehmen, was da neben der Leber war, enttäuscht
– Nicht mal die Eingeweide gehorchen mir
in Pantoffeln, der Arme, und mit einer lauwarmen Wärmflasche, die versuchte, sein Innenleben zu trösten, unsicher, blass, daran gehindert, Schiffe zu bauen, weil das Taschenmesser versagte, meine Mutter betrübt
– Erinnerst du dich noch an seine Weltumrundungen während wir hier saßen und auf ihn warteten?
und dort, auf der Kommode aufgereiht, in Sirupflaschen die Naus, von Korken daran gehindert, aus den Flaschenhälsen zu gleiten, ich immer mit dem Wunsch, Sie würden verkünden
– Demnächst komme ich zurück
und wir warteten auf der Fußmatte am Eingang, Ihretwegen so in Sorge, wünschten uns, vom Erdgeschoss würde sich, die Wellen der Treppen hinauf, ein Segelschiff nähern, mein Vater auf der Kommandobrücke
– Ihr könnt schon mal das Abendessen aufwärmen
und dann würde er gleich am Tisch sitzen und die Serviette im Kragen feststecken
– Ihr hättet Madagaskar sehen sollen hättet Borneo sehen sollen
nach Seejungfrauen und Hanf aus Ceylon müffelnd
– Ich habe übrigens diesen Maharadscha mit einem dicken Ring an jedem Finger am Sonntag zum Mittagessen eingeladen mach ihm einen schön cremigen Reis das mag er
dabei saß er in unserem einzigen Armsessel, ruhte sich einen Augenblick mit geschlossenen Augen aus
– Ihr habt keine Ahnung was Segeln einem alles abverlangt
während meine Mutter in der Küche eine Vorspeise vom Allerfeinsten zubereitete, denn über das Essen an Bord reden wir lieber nicht
– Ehrenwort wir haben sogar Schuhsohlen gegessen
umringt von achtarmigen Göttern und Drachen, die ihn Feuer speiend von fern bedrohten, der Doktor zu meiner Mutter, deren Wimpern zitterten
– Probleme mit der Bauchspeicheldrüse lassen nicht viel Behandlungsspielraum
aber die Ehefrau eines Admirals lernt, sich zusammenzunehmen, nicht wahr, und deshalb hielt sie die Tränen während der Sprechstunde im Augeninneren im Gleichgewicht, denn keine einzige lief an ihrer Wange herunter, dann und wann kam es mir so vor, als würde ich ein Glitzern sehen, das am Rand des Augenlids hervorlugte
– Gibt es kein stärkeres Medikament?
kein Kummer, nur ein Schatten davon, während mein Vater sich dem Arzt gegenüber rechtfertigte
– Tut mir leid aber ich dachte gerade an Schiffbrüche
mein Vater, der im Büro eines Lagerhauses zwischen Kisten und Warenballen arbeitete, hat den lieben langen Tag Zahlen zusammengezählt, ohne dass ihn die Schreie der Schwäne im Oktober im Weiher von Caldas da Rainha störten, sonntags ging er mit mir unter den Bäumen spazieren, sein Kopf hoch über meinem, ich konnte ihn kaum sehen
– Musst du immer herumhüpfen?
und ich versichere Ihnen, dass ich seit Ewigkeiten nicht mehr herumhüpfe, doch, dann und wann, tut mir leid, kommt es vor, dass ich ungewollt hüpfe, meine Mutter mit einer Art peinlich berührtem Echo zu mir
– Das war übrigens das Erste was mir an ihm auffiel
wie er sich, wenn er redete, rundherum bewegte, wirkte es auf mich immer so, als kämen die Worte nicht aus seinem Rachen, sondern direkt aus der Luft, mein Vater, wenn er heimkam
– Hallo allerseits
schob den Tod in eine Ecke
– Alles läuft gut
dabei wusste er, dass nichts gut lief, ihm tat meine Mutter leid, er tat sich selber leid, vom Essen an Bord reden wir lieber erst gar nicht
– Ich träume so oft von euch
und wir inmitten der Schiffe aus Goa nebeneinander auf den Regalen, mit Seeleuten in den Masten, die die Segel vorbereiteten
– Leider muss ich bald schon wieder los man erwartet mich im Königlichen Palast aber ich verspreche ich komme wieder
während meine Mutter einen Rest Kummer auf dem Gesicht wegwischte, und mein Vater, wie konnte es anders sein, schalt mir ihr
– Sieht fast so aus als wäre ich nie zurückgekommen oder?
aber er kam immer um sieben, halb acht, legte die Aktentasche aus dem Büro neben der Tür ab
– Da sind wir wieder
rückte die Zierdeckchen gerade, zupfte den Vorhang zurecht, setze sich in seine Sofaecke und betrachtete uns beide
– Meine Matrosen
tastete mit besorgten Zeigefingern irgendetwas am Bauch ab
– Eine Verstimmung geht gleich vorüber
der Arzt im Krankenhaus mit ihm hinter dem Paravent
– Jetzt tief einatmen
und das Gefühl, die Flut würde steigen und Caldas da Rainha unversehens zu einem schmerzenden Ozean werden, mein Vater mit so etwas wie einer Klage, und der Doktor
– Noch ein bisschen Geduld gleich sind wir fertig
trat, zu uns gewandt, die Augenbrauen hebend, hinter dem Paravent hervor, leise
– Nun ja
ein
– Nun ja
das mich immer verfolgt wie die Julifliegen, die einen nie in Ruhe lassen, mein Vater, während er hinten den Gürtel zuschnallte
– Da ist der Admiral wieder
heftete sich ein unsicheres Lächeln auf den Mund, das, festhalten, nicht runterfallen, dort blieb, die Ellenbogen spitzer, die Knie dünner, die Vermieterin in Pedralvas durch die Wand
– Können Sie nicht einschlafen?
und es ist doch offensichtlich, dass ich es kann, Dona Teresinha, machen Sie sich keine Sorgen, derweil bellte ein unsichtbarer Hund endlos, würde ich ans Fenster treten, wäre da kein Tier, ich wäre allein da und spähte hinaus, meine Mutter Witwe, von Schiffen umringt, wenn auch Goa so fern ist, demnächst werde ich sie an einem Feiertag einladen, mit mir am Weiher spazieren zu gehen, wie mein Vater es machte, bei den Enten, den Schwänen und den Schatten der Bäume, die ich vom Ufer aus sehe, verabschieden Sie sich von mir, Senhora, in ein oder zwei Wochen komme ich wieder mit dem Bus, hoffe, meinen Vater auf dem Marktplatz zu sehen, Männer, die ihm, wie ich fand, ähnlich sahen, auch brünett, auch mager, mich aber nicht einmal wahrnahmen oder nicht wussten, wer ich war, eine Verwandte meiner Mutter
– Junge
erläuterte mich einer Freundin mit orthopädischen Stiefeln, die wie das Pendel der Uhr im Wohnzimmer hin- und herschwangen, das immer zu allem
– Nein
sagte, während ich zuhörte, befand ich mich wieder in Pedralvas, das im Winter so melancholisch war, wenn es regnete, fielen Häuser, nicht das Wasser in schmutzigen Tropfen vom Himmel, stapelten sich übereinander und wuchsen ganz allmählich aus dem Boden, ein Typ im Café, älter als ich, ähnlich wie mein Vater vor der Krankheit, wenn er aus Indien zurückgekehrt war, aber gepflegter, versteht sich, allein an einem vom Eingang entfernten Tisch, er schaute hin und wieder zur Straße, als könnte jemand, den er nicht treffen wollte, plötzlich hereinkommen und ihn mitnehmen, lud mich mit einem Blick, der so etwas wie ein Lächeln zu enthalten schien, und mit einer Bewegung der Nase zu der kleinen Brache weiter unten ein, das heißt wild wachsendes Unkraut, Ziegelsteine, Gerüstbretter, Müll, hin und wieder Kinder, fast immer Straßenköter und Ciganos, eine barfüßige Frau, ein Betrunkener, der Rest einer Nähmaschine, mein Vater im Krankenhaus sah nicht uns an, meine Mutter
– Roberto
tonlos, nur ihre Lippen bewegten sich, im Sonntagskleid und die Lackhandtasche auf dem Schoß, deren Verschluss sich mit einem leisen, welken Klicken ineinander- und auseinanderhakte, ich überrascht angesichts des schütteren Haars, Sie fangen schon an, nicht mehr zu funktionieren, Vater, so ist das Leben, es geht allen so, nehmen Sie es hin, dass er atmete, sah man, weil der Hals sich etwas weitete und gleich wieder aufgab, ich werde das Geheimnis des Alters nie begreifen, das schwabbelige Kinn, die kraftlosen Wangen, die Zangen des Blicks des Typs bekamen meinen zu fassen und zogen ihn zu sich hin, ich habe eine Freundin, die heißt Idalete, ich habe eine Freundin, die heißt Idalete, ich habe eine Freundin, die heißt Idalete, ich bin kein, ein paar meiner Kollegen beim Militär verdienten sich in der dienstfreien Zeit so etwas Geld, denn am Kasernentor wartete immer der eine oder andere warme Bruder, das eine oder andere Auto mit der Krake einer Silhouette darin, sogar Jugendliche, die rauchten, um die Nervosität zu überspielen, ich bin kein Schwuler, ich hörte ihre zögerlichen Schritte, aber hätte ich mich umgedreht, wären sie weggerannt, hätte ich sie am Kragen gepackt, hätten sie versucht zu fliehen
– Tun Sie mir nicht weh lassen Sie mich los
während ich beim Besitzer des Cafés zahlte, dachte ich
– Was ist mit mir los?
und die Krankenschwester wechselte die Flasche aus, die aufgehört hatte, in das Innere meines Vaters zu tropfen, im Zimmer noch drei weitere Menschen, einer nicht im Bett, sondern auf einem Stuhl am Fenster mit Blick auf nichts und zwei Männer, wahrscheinlich seine Söhne, die nicht lockerließen
– Sie müssen den Obstgarten verkaufen
ihm Papiere, Rechnungen, ausgebreitete Hände zeigten, der auf dem Stuhl zu niemandem
– Ausgerechnet den Obstgarten erinnert ihr euch etwa nicht an diese wunderbaren Feigen?
die Naht des vom Krankenhaus gestellten Schlafanzugs am Ärmel aufgeplatzt, ausgeblichen und der Abdruck eines Stempels am Jackenaufschlag ebenfalls ausgeblichen, während der Mann im Café, an den Tresen gewandt
– Was schulde ich?
fragte, ohne Eile, mit Zeigefinger und Daumen Münzen von der Handfläche pickte, mehr oder weniger so alt wie der von mit Fähnchen gespickten Landkarten umringte Major, der am Telefon
– Das ist tatsächlich ein Problem
während er mir befahl, näher zu treten, indem er mit dem freien Arm eine kreisende, spiralförmige Bewegung machte
– Komm her Junge
die von einem Lächeln rot unterstrichen war, das kein Lächeln war, sondern sein Kinn wurde, während es auf mich wartete, immer größer, dabei vertrieb sich das Foto des Präsidenten die Zeit damit, die Platanen auf dem Exerzierhof zu zählen, irgendetwas in mir wuchs, ganz nah an dem, das wuchs, hauchte die Stimme des Majors, die der meiner Vermieterin in Pedralvas ähnelte
– Engelsgesicht
und ich nach und nach aus Reflex strammstehend, mein Vater im Krankenhaus zu mir
– Ich sehe dich verschwommen
und die Schwäne in Caldas kreisten in glatten Arabesken, ich hörte den Mann hinter mir den Hang mit einem Pfeifen hinuntergehen, das meine Beine durcheinanderbrachte, und eine magere Hündin mit ungleichen Ohren schnupperte einen Augenblick lang an mir und ließ dann, von meinem Geruch abgestoßen, von mir ab, ich wusste nicht, dass ich so unangenehm roch, der Arzt steckte das Stethoskop, dessen Schläuche im Zirkus als Schlangenmenschen gearbeitet haben mussten, in den Kittel
– Wir werden sehen wir werden sehen nichts im Leben ist sicher
Karavellen kamen und gingen an der Küste bei Nagar Haveli, mein Vater atmete schwer, dabei polterten lose Teile im Inneren seiner Lunge, er sah uns dabei nicht direkt an, sondern schaute mit diesem aufmerksamen Gesichtsausdruck in sich hinein, den er hatte, wenn er auf dem Esstisch den Mast einer Nau reparierte, ich zu meiner Mutter
– Es wird nicht lange dauern dann segelt er damit weg
währenddessen richtete sich am Schreibtisch der Major auf
– Geh mir aus den Augen du Hornochse
wütend auf sich selber, wütend auf mich, voller Scham wegen uns beiden, verbarg er sich in den Händen, die Schultern gingen unter langem Schweigen auf und ab
– Ich verdiene es nicht zu leben
und er rollte sich vor Pein in sich selber ein, das Foto der Ehefrau mit der Tochter auf dem Schoß verachtete ihn, sein Kopf sank langsam, fast flüssig, bis auf den Schreibtisch, während seine Stimme meinen Rücken peitschte
– Lass dich hier nie wieder blicken
mit einer Art Schluchzer, der ihn zu zerreißen drohte, den Schuss in der Woche darauf kriegte ich nicht mit, aber die rennenden Sanitäter kriegte ich mit, die Bahre, die, von einem Tuch bedeckt, in den Krankenwagen gebracht wurde, den Oberstleutnant, der mit der Reitpeitsche gegen das Bein schlug
– Schnell
den Krankenwagen, der durch das Kasernentor hinausfuhr, und dann, es war fast dunkel, die Fahne auf halbmast auf dem leeren Exerzierhof, einen Fähnrich, der mit einem anderen flüsterte, Leute mit Eimern, die das Büro reinigten, die Ehefrau fuhr mit dem Oberstleutnant in einem nicht einsehbaren Wagen davon, die Bäume am Parkplatz dichter als vorher, die Hunde der Truppe schnüffelten aufgeregt auf dem Exerzierhof herum, hier unten, am Fuß von Pedralvas eine Brache, darauf ein oder zwei Akazien und die Ruine eines verlassenen Lagerhauses, in dem nachts Paare, die sich am Ausgang trennen, dann geht ein jeder, die Kleider ausschüttelnd, in seine Richtung, der Erste nach Benfica und der Zweite in Richtung Pontinha, plötzlich fremd, ohne sich umzudrehen, dazu noch ein Traktor, dürres Stroh, Lumpen, irgendetwas, das in irgendetwas eingewickelt ist, gegen etwas gelehnt, das von einem Gerüst übrig geblieben ist, Geruch nach Moder und abgestandener Luft, der unwahrscheinliche Schatten meiner Mutter
– Ich bin es
obwohl sie in Caldas da Rainha war, zum Spiegel über dem Waschbecken gebeugt, eingehend eine Schramme betrachtete, ich wandte mich, den Mann mit einem Hüsteln aufmerksam machend, nach rechts, geriet, als ich auf eine leere Konservendose trat, ins Schwanken, kam an einem auf einem Stein sitzenden Mulato vorbei, der wer weiß was aus einer Schachtel aß, während der verstorbene Major, auf dem Schreibtisch zusammengesunken mir, ohne mich anzusehen, befahl
– Verschwinde
nicht laut, ganz leise, fast geflüstert, mit reglosem Mund
– Verschwinde
dabei starrte mich der Mann schweigend an, blickte um sich, starrte mich wieder an, suchte erneut nach weiteren Menschen
– Hast du noch jemanden mitgebracht?
überprüfte Schatten, erschrak, als plötzlich wer weiß wo ein Radio brüllte, und das Geräusch eines Autos, bevor es herunterfährt, der Mann
– Lass uns rausgehen Junge
noch immer misstrauisch mir gegenüber, mich abschätzend, mich musternd, er schaute die Hauseingänge einen nach dem anderen genau an, wobei er so tat, als würde er sie nicht anschauen, will heißen ein schneller Blick, ohne den Kopf zu bewegen, hin und wieder streifte seine Hand meine beinahe, hin und wieder bedeckte sein Körper mich, obwohl er mich nicht berührte, ganz und gar, wie mir schien, strich so schnell und leicht über mich wie der Schatten eines Schwans, die Stimme meiner Mutter weckte mich
– Kleiner
sie legte mir ihre Hand, die nach Kaffee und nach ihrer beider Bettdecke roch, die immer wärmer war als meine, sacht auf die Stirn, ich erinnere mich daran, wie sie meinen Kopf auf dem Kissen streichelte, an die Stimme, in der noch Schlaf lag, was die Wörter verlängerte, einige davon bereits lebendig, andere noch wirr und ganz allmählich einen Sinn erhaltend, wie lange wir doch brauchen, um aufzuwachen, Gesten, womöglich meine, Körper, die ihre Leichtigkeit wiedergewinnen, mein Vater entfernt sich, seine Stimme dicht an der Zimmerdecke
– Tut mir leid ich bin schon spät dran
und der Fußboden, nicht die Schritte, entfernt sich von mir, die Tür fällt ins Schloss, lässt mich allein im Zimmer, allein in der Welt zurück, noch nicht ganz Mensch, während ich allmählich vergessene Gesten wiedererlange, standen wir dann in der Küche, waren wir wieder wir selber, Sie waren wieder Sie, und ich fand meine Angst vor der Dunkelheit
– Mutter
– Was ist?
und meine Stimme
– Nichts
darin der Wunsch zu bitten
– Nehmen Sie mich jetzt auf den Schoß
mich so sehr in Ihnen zu fühlen, ohne den geringsten Wunsch, Ihren Körper zu verlieren, nicht den Morgenkörper, der eine Kaffeekanne aufwärmt, denjenigen, in dem ich wohnte, ruhig, ohne Lärm und Stimmen, den Ort, den ich dort ganz unten bewohnt habe und den, Gott sei Dank, niemand je erreichen wird, wie habe ich zugelassen, dass dies zu Ende ging, wie
(ich weiß nicht wie)
sind wir zwei geworden, wer kam aus wem, wer begann zu wachsen, wer entfernte sich vom anderen, wer kommt wieder zurück in uns, die Vermieterin zu mir
– Stehen Sie heute nicht auf?
und nicht Sie höre ich, tut mir leid, es ist eine jüngere und zugleich ältere Stimme
– Willst du denn gar nicht wachsen Kleiner?
sie sitzt im Morgenmantel auf der Bank in der Küche, von mir entfernt, verwuschelt mein Haar, und noch ist alles riesig, die Karavellen, das Wachstischtuch mit dem mit Pflaster reparierten Riss, mein faltenloses Gesicht, aus dem der Arzt einen Vorderzahn herausgerissen hat, und ich blickte untröstlich weinend auf die Abwesenheit des Zahns, ich den Kopf auf den Knien, Mutter, umschlang Ihre Taille mit dem Wenigen an Arm, das ich hatte, ich mit Ihnen im Warteraum des Krankenhauses, wir warteten darauf, dass der Arzt uns rief, um mit uns über meinen Vater zu sprechen, erst stand er schweigend vor uns, dann senkte er den Kopf, der überzählige Gesichtszüge zu haben schien
– Nun ja
verschiedenerlei Augenbrauen, verschiedenerlei ernste Augen, verschiedenerlei Nasen, Züge, die sich vermehrten, während er redete und der Monsunwind in Goa ihm die Frisur durcheinanderbrachte, so viele riesige Schiffe am Eingang des Zimmers, der Mann bei einer Mauerecke zu mir
– Komm her
hinter ihr die Masten der Baumstämme, deren Wipfel sich rundeten wie vom Wind geblähte Segel, der Mann, fast an mich gelehnt
– Mein Junge
oder was mir so vorkam wie
– Mein Junge
was, das hätte ich schwören mögen
– Mein Junge
war, während der Arzt zu meinem Vater
– Wir haben da ein Problem
ich reglos, die Augen geschlossen, als eine Faust mich heranzog, als die aus Indien oder vom Weiher in Caldas da Rainha stammenden, beim Landen mit den Flügeln schlagenden Schwäne und die Kehle des Majors in seinem Büro in der Kaserne immer größer wurden.
Ich mag Züge nicht, weil ich es nicht mag, wenn sich die ganze Welt in den Fenstern schüttelt, Häuser, Bäume, Bahnübergänge, und Männer mit Fähnchen und Signalhorn uns nach Lissabon schicken, damit die Stadt uns verschlingt, denn das ist das Einzige, was sie kann, uns verschlingen, man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Leute die Straßenecken wegschlucken und sie in lächelnde Fotos auf Zierdeckchen verwandeln, solche, die, als sie lebten
– Du bist eine einzige Enttäuschung
niemals lächelten, die Partei hat mir zwei Zimmer nördlich der Stadt besorgt, in einem dieser Stadtteile, die es schwer haben, sich über der Armut im Gleichgewicht zu halten, wo immer einer der Fahrstühle kaputt ist und Turban tragende Pakistaner mit riesigen Pantoffeln die Fliesen malträtieren, einen Augenblick lang bärtige Wimpern auf mir ruhen lassen, meine eigene Wohnung hängt fast über dem Fluss, weshalb man nicht genau weiß, ob es sich um ein Gebäude oder ein Schiff handelt, das an einem Poller festgemacht hat, um Wellen zu kauen und dann am Ufer Röhrichtknöchelchen zurückzulassen, ein Politkommissar mit voneinander unabhängigen Pupillen in den Augenhöhlen, dessen Verhältnis zur Luft kompliziert war, schlucke ich, schlucke ich nicht, der zögerte, überlegte, aufgab, wieder überlegte und sich schlaff wie ein leerer Autoreifen mühsam eher mit Gummiseufzern als Diphthongen ausdrückte, erklärte mir, mitten in den Sätzen mit den Armen rudernd, denn es gibt schreckliche Konsonanten, die die Zunge nicht auflöst, die diskretesten Zugänge und Fluchtwege, sowie die Lage der sichersten Zufluchtsstätten, mit anderen Worten Ruinen einer alten Kapelle, die sich infolge von Glaubenskrisen, denen wir alle unterworfen sind, erst in eine Rumpelkammer und dann in einen Unterschlupf für Katzen verwandelt hat, dessen Uringestank die Polizei lahmlegen würde, da ich wohlerzogen bin und Hierarchien wichtig sind, habe ich den Politkommissar begleitet, hielt seinen unsicheren Ellenbogen fest gepackt und befürchtete, er würde in meiner Hand zurückbleiben, und was sollte ich dann damit machen, bis zur Bahnstation in der Stadtmitte, klebte ihm den falschen Schnurrbart an, rechts etwas höher als links, was nicht weiter schlimm ist, schließlich gibt es Thrombosen, derweil begannen die Störche in Lissabon anzukommen, umkreisten unten an der Straße die Platanen und flogen übereinander in langsamer Stille vorbei, der Zug des Politkommissars tauchte im Hintergrund auf, in der Nähe von dem, was von einer Fabrik übrig geblieben war, während ich dachte
– Wie lange werde ich meine Eltern wohl nicht mehr sehen?
und auf dem Bahnhof war niemand, denn es war früher Nachmittag, nur ein streunender Hund, die Schnauze dicht an den Unebenheiten des Bodens, erschnupperte unsichtbare Kaninchen, denn wenn eines in diesem Land nicht fehlt, dann sind es Hunde, dieser, horchend, eine Pfote reglos in der Luft, tastete nach fernen Erinnerungen an Tiere, vielleicht Mäuse, vielleicht Dachse, verdammt, das Land ist eine Arche Noah, sollen die Viecher doch zum Teufel gehen, ich half dem Politkommissar, dessen kraftlose Beine sich vertaten, beim Einsteigen in den Waggon, stützte seine Hose, bis er sich mehr oder weniger im Gleichgewicht befand, so faltig vor Anstrengung, so wacklig, so leicht, er tat mir leid
– Hoppala hoppala
und ich dachte
– Die Partei lässt die Leute altern mein Gott was sollen wir mit diesem Altenheim bloß anfangen?
sah, wie er sich, der mich längst vergessen hatte, an einer Sitzbank abstützte, so tat, als würde er die anderen Leute nicht ansehen, obwohl er argwöhnisch, zögerlich nach welchen von der PIDE Ausschau hielt, wahrscheinlich bin ich tatsächlich gaga, ist wohl so, an was ich mich alles nicht erinnern kann, wie hießen beispielsweise die Brüder meiner Mutter, Onkel Eleutério, Onkel Germano, Onkel Wieauchimmer, alle die gleiche Augenfarbe, alle die dicke Nase und das gleiche, bei Sätzen zögerliche Stimmchen, wie sagt man das noch, ich glaube, mir fehlen Worte, meine Frau Celeste, meine Tochter Noémia oder Natividade oder Amélia, die Eisenbahn trug den Politkommissar davon, ich, der ich Eisenbahnen nicht mag, weil ich nicht mag, wie die ganze Welt, die immer weiter von mir entfernt ist, sich in den Fenstern schüttelt, sobald ich in Lissabon ankomme, frisst mich die Stadt auf, und das war’s dann, was kann ich für den Unglücklichen denn auch tun, außer ihn zu vergessen, weiß ich, ob er Verwandte hatte, weiß ich, wer er ist, manchmal fühle ich mich so allein, dass ich alles erfinde, die Wohnung, die man mir hier gegeben hat, zwei kleine Zimmer nach hinten raus zu einer Brache mit Müll, Unkraut, Straßenkötern, an einem Hang sitzenden alten Frauen, wo sie, immer ein Töpfchen Essen neben sich, unter einer Reihe Akazien auf Kunden warten, meine Genossin, die demnächst von wer weiß woher kommt und von der ich keine Ahnung habe, wer sie ist, wirft später einen kurzen Blick auf das einzige Bett
– Keine falschen Vorstellungen das hier ist nur Arbeit
tippt mich aber ein paar Stunden später, das Licht ist bereits gelöscht, mit einem Finger am Rücken an
– Falls du noch nicht schläfst komm her
zwar war ich gerade im Begriff einzuschlafen, aber was soll’s, ich komme, müde und schläfrig, mein Mund an ihrer Schulter
– Sei mir nicht böse falls es schlecht läuft
aber es läuft weder schlecht noch gut, man erfüllt seine Pflicht und denkt an gar nichts, und das war’s, woran sollte man auch schon denken, einstweilen keine Anweisungen, keine Arbeit, sie richtet die Betttücher, sie kocht, das Telefon taub, das Geld für die Lebensmittel fast alle, meine Eltern stellen sich vor, dass ich in der Provinz arbeite, die Störche machen mich am Ende des Tages mit ihrem Schnabelgeklapper auf einem Schornstein ganz taub, ein zusammengefalteter Zettel im Briefkasten, darauf mit Bleistift Dienstag um fünfzehn Uhr, die Asche davon habe ich ins Spülbecken gekippt, der Husten der Pakistaner im Stockwerk darunter brachte das Bild am Eingang zum Erzittern, bei dem es sich um einen Jesus mit freigelegtem, von Dornen gefoltertem Herzen handelte, manchmal breitete sich, kurz bevor ich einschlief, die Hand meiner Mutter auf meiner Stirn aus
– Wenigstens hast du kein Fieber
und dann gleich darauf dieses alte Geräusch von Zeitungsseiten, wenn mein Großvater sie umblätterte, ständig massierte er sein malades Bein
– Diese Kniescheibe diese Kniescheibe
und ein Lappen mit heißem Wasser darauf, mein Glaube an die Partei verdorrte, die Tochter von einem der Pakistaner, die nach lila Parfüm roch und mich im Fahrstuhl immer anlächelte, hat letzte Woche mein Kinn gestreichelt, bevor sie wegrannte, mit riesigen Ohrringen, die Glöckchen klingeln ließen, einmal ganz abgesehen von dem roten Tropfen zwischen den Augenbrauen und der schwarzen Schminke auf den Augenlidern, ich dachte
– Ich gehe zurück nach Hause
dachte
– Ich kann nicht zurück nach Hause gehen bevor die Genossin kommt
also legte ich in dem Versteck für dringende Kommunikationen einen Zettel ab, aber die Mistkerle haben nach einer Woche noch nicht geantwortet, ich bin für diese Hornochsen keinen Pfifferling wert, also wurde ich richtig wütend, packte meine Sachen in die Campingtasche mit dem Reißverschluss, der in der Mitte hängen blieb, ich, der ich weder Geld noch Seife hatte, wartete auf der Treppe des Gebäudes auf die Pakistanerin mit den Ohrringen, die in einer Kaschemme mit orientalischem Essen arbeitete, um mich von ihr zu verabschieden, bevor ich mich auf und davon machte, dachte dabei an die Kohle auf den Augenlidern und die Glöckchen, die meine Drüsen aufheiterten, hin und wieder ging das Licht auf dem Treppenabsatz an, und ich sah mich, will heißen, ich sah meine Beine, die Schuhe, die rechte Hand, die auf dem Schenkel herumklimperte, kurz darauf ging das Licht aus, und ich sah mich nicht mehr, hörte nur noch die Akkorde der Finger, von mir war da nur noch ein kleiner Junge im Dunkeln, der am liebsten
– Mutter
gerufen hätte, und
– Mutter
und
– Mutter
bis sie verschlafen aus ihrem Zimmer
– Was ist denn nun schon wieder los?
und los ist, dass eine Stimme in irgendeiner Kehle, ich glaube, wenn ich mir auch nicht sicher bin, dass es meine ist
– Verlass mich nicht
während der Politkommissar mich verachtet
– Du eignest dich nicht für die Partei
und ich eigne mich tatsächlich nicht, Kommunisten sind stark, sie lassen sich nicht entmutigen, leisten stets Widerstand, indem sie den Kampf fortsetzen, falls es notwendig werden sollte, opfern sie selbstverständlich ihr Leben, mein Vater ungläubig
– Du bist Kommunist?
denn für ihn waren das Kreaturen, die bereit waren, wen auch immer mit einem Schuss ins Ohr oder einer Spritze in die Brust zu töten, derweil flogen die Störche immer weiter um das Gebäude mit den Pakistanern herum, wo ich in der Speisekammer eine leere Schublade nach der anderen öffnete, und die gelbe Teedose, ohne darin auch nur ein vergessenes, verblichenes Blättchen auf dem Grund zu finden, die Genossin, die vor Ewigkeiten hätte ankommen sollen, mit einem anderen Kämpfer an einem anderen Bahnhof, sie kauft ihm Seife, wärmt ihm das Essen auf, stimmt zu
– Kann sein
stimmt zu
– Ist gut
während hier, in diesem zögerlichen April, in diesem unentschlossenen Frühjahr nur Störche und ich darauf warten, dass jemand an der Tür klingelt, aber da klingelt niemand, demnächst werde ich dort hinten einen Schlüssel hören, den das Geräusch des Fahrstuhls lautlos macht, werde Hoffnung in der Luft spüren, in der irgendetwas vibriert, das Gefühl, dass eine Stimme
– Ist da niemand?
mich ruft, oder nicht einmal eine Stimme, nur das Vorbeistreifen eines Kleides, ein bedächtiges Atmen, ein vorsichtiger Schritt, ein fragender Hals auf der Diele, der mit einem leisen, schüchternen Echo meinen Namen flüstert, wir sollten immer so nach Hause kommen, mit einem Murmeln, das eher in uns als außerhalb von uns anschwillt, zugleich vertraut und verwirrend, an der Partei hat mich die Tatsache angezogen, dass ich nicht allein war, schließlich kommt jemand herein, geht nacheinander durch alle Zimmer, neigt den Oberkörper in sie hinein, sucht mich
– Ich hätte schon lange kommen sollen nicht wahr?
wobei ich mich an meinen älteren Bruder erinnerte
(Teotónio)
als seine Frau mit einem anderen weggegangen war, wurde ich, sobald ich wahrgenommen wurde, noch nie so intensiv angeschaut, er, ohne meinen Arm loszulassen, kurz davor, mich zu fragen
– Bist du da?
trat ins Wohnzimmer, verließ das Wohnzimmer, warf den Gummiball des Hundes in die Ecken, der sich nicht dafür interessierte, ich brachte ihn zurück, und mein Bruder bellte hinter ihm her, ließ ihn neben mir fallen und blickte mich in der Hoffnung an, ich würde ihn noch einmal werfen, als die politische Polizei ihn festnahm, hat er den Ball mit ins Gefängnis genommen und in die Tasche gesteckt
– Danke
nach einiger Zeit ließen sie ihn frei, nach einiger Zeit ging er an einem Sonntag mit den Freunden oder so an den Strand, warf den Ball in die Wellen, und obwohl er die ganze Nacht gewartet hat, hat niemand ihn zurückgebracht, das Meer in der Dunkelheit ein Raum, der zugleich nicht vorhanden und real ist, will heißen eine Leere mit kleinen Schuppen aus Licht hier und dort, Reflexe, Gemurmel, irgendetwas sehr Tiefes, das einem das Gefühl gab, es würde pulsieren, anschwellen, mein Vater hat eine ganze Woche lang den Garten mit der Hacke bearbeitet, nie hat jemand so gegraben, meine Mutter kam in den Gemüsegarten, um ihn zu rufen, besser gesagt, sie schwieg und ging wieder hinein, um die Küche aufzuräumen, ich habe in meinem Leben nie etwas besser Aufgeräumtes gesehen, Messer, Gabeln, Löffel, Krüge, alles, mein anderer Bruder
– Senhora
und sie steckte eine Haarklammer wieder ins Haar
– Hallo
mit dem Lächeln einer Zwanzigjährigen, nicht einem ihrem Alter entsprechenden Lächeln, einem mädchenhaften Gesichtsausdruck
– Hallo
eine Ader auf der Stirn, die ich vorher nicht kannte, pulsierte unaufhörlich, der Politkommissar zu mir
– Glaubst du das Leben ist nur das?
aber wahrscheinlich ist es nur das, was weiß ich, sag der es mir, der es kennt, ich war zwei oder drei Jahre lang in dem Stadtteil im Norden der Stadt, hasste fortwährend die Eisenbahnen, die einen verschlingen, sie schicken uns nach Lissabon, das uns einen nach dem anderen auffrisst, ich sehe genau, wie sie auf den Straßen, den Plätzen, aus den Häusern verschwinden, die nachts noch verbrauchter sind, die Armen, ohne Pakistaner, ohne Licht, fast ohne Gas, fast ohne Wasser, der eine oder andere Cigano mit verstohlenem Blick, der eine oder andere Schwarze, der auf den Worten hin- und herschwankte, die er mit einer Art Lachen aneinanderklebte, der Politkommissar zu mir mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der etwas im Inneren meiner Augen suchte
– Das Leben ist tatsächlich nur das
und protestieren lohnt sich nicht, mein Freund, es ist nur das, gewöhnen Sie sich an den Gedanken, dass es nur das ist, drucken Sie weiter Flugblätter gegen die Regierung und stecken Sie sie nachts in die Briefkästen, versuchen Sie, damit jemanden zu überzeugen, der Sie nicht auf der Straße protestieren sieht, lassen Sie dann und wann eine Karnevalsbombe im Mülleimer irgendeines Unternehmers zurück, besinnen Sie sich auf die leuchtende Zukunft, die Freiheit, von der niemand weiß, was sie ist, die es nie gegeben hat, die es nicht gibt, meine Genossin
– Wird das immer so sein ständig versteckt leben?
während wir die Teller vom Abendessen wegräumen und in einem leeren Wohnzimmer nirgendwohin schauen, nur zwei Stühle, ein Tischchen, wie lange hast du nichts von deiner Familie gehört, du kennst nicht einmal den richtigen Namen der Frau, die für dich kocht, beinahe die Gewissheit, nein, die Gewissheit, dass ein anderer Mann bei ihr ist und nach mir fragt, wo ich war, was ich gestern gesagt habe, ein misstrauisches Verhör
– Hat er schlecht über die Partei geredet?
hat er nicht genug vom Leben, das er führt, was macht er zu Hause, wenn er nichts macht, schaut er dich nicht an, als gäbe es dich nicht, flüstert er nicht
– Ich habe es satt
schlägt er dir nicht vor zu fliehen
– Wir können nach Spanien gehen
oder
– Ich habe einen Cousin in Paris
findest du ihn nicht, wenn du zufällig nachts aufwachst, auf der Matratze sitzend vor, wie er schweigend in die Dunkelheit starrt, der Politkommissar
– Fühlst du dich nicht gefangen hast du nicht Lust dies alles aufzugeben ein normales Leben zu führen ins Kino zum Billardspielen zu gehen wie lange schon hast du den Fluss nicht mehr gesehen?
Passagierschiffe, Frachtschiffe, ein Fahrrad fahrendes Paar, das sich anlächelt, erzählt er dir nichts von seiner Kindheit, reicht er dir nicht auf der Straße den Arm, erwähnt er nicht seine Frau, denn er ist verheiratet, ist verheiratet, ist verheiratet, du wusstest doch, dass er verheiratet ist, du kannst dir überhaupt nichts erhoffen, jemanden, der dir Gesellschaft leistet, wenn dies zu Ende ist, einen Mann an deiner Seite und Pläne, Projekte, Wünsche, es ist die Liebe zur Partei, die ihn bei dir hält, verstehst du, wenn wir Portugal befreit haben, geht er die Treppe hinunter, und das war’s dann, du kennst nicht einmal seinen Namen, weißt nicht, wo er geboren wurde, wo er gewohnt hat, was sein Vater machte, was er als Kind mochte, ich will keine Romanzen zwischen euch, keine Rührseligkeiten, Dummheiten, schreib dir’s hinter die Ohren, das hier ist Arbeit und nichts weiter, es geht um die Niederlage des Kapitals, es geht um die Befreiung, wie pathetisch, eines Volkes, das ist kein rosarotes Ammenmärchen, auch keine Geschichte für einfältige Jugendliche, es geht um das Vaterland, Mädchen, die Würde des Menschen, um den einzigen Sinn deines Lebens, um deine Daseinsberechtigung, und bald schon September und der Abschied der Störche, die Palmen verlassen, nur Stroh und Schlamm, die an den Stämmen herabrinnen, ein letztes Kreisen hoch über den Gebäuden, er steht reglos am Fenster, und du schaust vom Schemel aus, der manchmal als Stuhl dient, zu ihm, er und der andere Genosse in Coimbra, wegen eines Spitzels, der schließlich eine ganze Zelle zerstört hat, dick, klein, immer voller Ideen, Pläne, Vorschläge, sie haben ihn geschnappt, Störche, Störche, in der Nähe des Bahnhofs zwischen zwei halbwegs in einer Reihe von Büschen versteckten Bussen, und als er noch
– Was soll das denn?
droschen sie mit dem Gewehrkolben auf seine Niere ein bis zum Parkplatz eines nicht mehr beleuchteten Supermarktes, nur Schatten, Gänge und Widerschein auf Glas, dazu das Echo ihrer Schritte, während sie den Dicken schubsten, der sie im Stolpern fragte
– Was soll das denn?
aus dem Gleichgewicht geraten, sich selber auf die Füße tretend
– Sie irren sich
in der Hoffnung, einem Wachmann zu begegnen, einem Polizisten, einen Ausgang zur Straße zu finden, den sie vergessen hatten zu schließen, aber kein Wachmann, kein Polizist, nur Verpackungen, Flaschen, Leiter, Bündel in einer Ecke, noch nicht geöffnete Säcke, der Dicke zu ihnen
– Soll das ein Scherz sein?
dabei schien sein Kragen zu zerreißen, und der Hemdzipfel um die Taille schwoll an und ab, und da links ein Gang mit den Umrissen eines Mannes, den Umrissen einer Frau und den Umrissen eines Rollstuhls auf drei identischen Türen, ein Boden aus anderen Fliesen, undeutliches Glitzern von Porzellan, ein geschlossenes kleines Fenster hoch oben und jenseits des kleinen Fensters Baumwipfel, die ein Anschein von Wind neigte, der Dicke, im Versuch, die Arme zu heben
– Nein
und mein Genosse drückte ihm den Gewehrkolben aufs Ohr, auf die Stirn, auf das Kinn, ließ ihn auf der Schutthalde einer Brache, in der Hoffnung auf schlaflose Hunde, Mäuse zurück, Regen oder aber eine Biegung des Flusses weiter oben, eine Müllkippe, der alte Schlachthof, den niemand mehr benutzt oder die Bettler, die der Winter vergessen hat, ein vor Jahren verlassener Lieferwagen und darauf ein vom Wind umgeworfener Baum, meine Genossin zum Politkommissar
– Sind Sie sicher dass man mich nicht auch eines Tages wie ein Stück Lumpen irgendwo liegen lässt?
und natürlich wird dich niemand wie ein Stück Lumpen einfach irgendwo liegen lassen, wir sind doch keine Faschisten, verstehst du, wir geben niemanden auf, manchmal im Sommer sind wir nach dem Abendessen im Stadtteil spazieren gegangen, und es gefiel mir, sie an meiner Seite zu spüren, wenn es mich auch ärgerte, so klein zu sein, und ich deshalb die höhere Seite des Bürgersteigs wählte im Glauben, Männer sind doch zu blöd, dass sie es nicht mitbekam, das tat sie aber, Mist, und ich bemerkte, dass sie es bemerkte, sie versuchte immer, den Rücken etwas vorzuneigen, wenn wir ausgingen, trug sie flache Schuhe, was mich glauben ließ, dass sie mich ein ganz klein wenig mochte oder sich wenigstens als Freundin wegen meines Unbehagens Gedanken machte, ich war es gewohnt, dass Frauen mich wenig beachteten, meine Nase ein so merkwürdiges Teil, ein Auge trüber als das andere, das Haar auf dem Hinterkopf immer schütterer, der Politkommissar
– Jetzt gibt es in der Apotheke solche billigen Ampullen man trennt die Spitze mit einer kleinen Säge ab kippt das auf den Kopf und massiert sich das einzige Problem ist der Geruch
allerdings würde das Problem der Größe, was auch ein Paar Einlegesohlen nicht lösen würde, weiterbestehen, seit meiner Kindheit mein Vater
– Zu kurz geraten
holte die Verachtung aus den Tiefen der Zeitung, die ihn vor uns verbarg, er nur Füße und Nachrichten, mehr Bronchitis als Person, das Einzige, was er mir vererbt hat, ist die Liebe zu den Störchen, die im Osten des Stadtteils auf den Oktober warten, wenn die Dächer sich in Wind verwandeln, um ihnen den Abflug zu erleichtern, manchmal blieb ein kleiner Vogel zurück, der außerstande war, über den Häusern zu kreisen, schien mich am Rand einer Straße mit so etwas wie einer Bitte um Hilfe anzusehen, während ein anderes, bereits ausgewachsenes Tier unruhig über ihm schwebte, genau wie meine Mutter, als ich mir diesen Arm gebrochen habe und sie meinen Vater schüttelte
– Worauf wartest du noch?
und gleichzeitig eilig die Sonntagsjacke anzog, der Arzt roch für mich immer nach Apotheke und Tränen
– Herr Doktor Herr Doktor
in einem kleinen Raum mit Schränken voller verchromter Gerätschaften, in dem eine Dame mit Haube mich mit der Energie auf einen Hocker setzte, mit der man ein Stück Korken in einem Flaschenhals versenkt
– Beweg dich jetzt nicht Junge
ich schwieg, fragte mich
– Weine ich oder nicht
drückte unschlüssig den Ellenbogen gegen die Brust, während die Dame mit der Haube meiner Mutter verkündete
– Keine Angst daran stirbt er nicht
die mit einem Geräusch von Suppe auf dem Feuer schniefte, das heißt, ihr Kopf ein Topf, in dem Schluchzer blubberten und Bläschen platzten, die Stimme meines unsichtbaren Vaters riet mir
– Halte durch
mir war so, als riete er es sich selber, und nicht mir, während seine Schuhe neue Sohlen jammern ließen, jeder Schritt ein Lederschrei oder der einer klemmenden Tür, als sie aufgerissen wird, und dann unvermittelt eine respektvolle Stille, weil eine hustende Stimme brummelnd wissen wollte
– Was haben wir denn hier?
inmitten von Tabakgestank, der vorher nicht da war, der die Welt mit Rauch eintrübte und den sie
– Herr Doktor
nannten, mit vorsichtigem Respekt, indem sie glatte Worte ohne Kanten wählten, meine Mutter, von mehreren leisen
– Ogottogott
dekoriert, zögerlich zwischen Verzweiflung und Hoffnung schwankend, gerade noch heute Nacht, nach so vielen Jahren, habe ich von Ihnen geträumt, Senhora, will heißen, die graue Jacke und die Ohrringe, die sie immer trugen
(der linke ohne Steinchen)
in einer wirren Erinnerung verloren, die nicht aufhört, die Vergangenheit einzunebeln, Stimmen und Menschen verschlingt, wo ist Cousin Abílio abgeblieben, wer war meine Patentante, ich erinnere mich an eine Stimme
– Schlingel
sie stopfte alle Welt mit Bonbons voll, die Gegenstände und Gesten und den Krankenpfleger klebrig machten, dessen Worte und Finger überall haften blieben, vor ein paar Wochen, ehrlich, war mir so, als hätte ich auf dem Weg zu einer Versammlung den Arzt wiedergesehen, ohne Autorität und Zigarette, die Kleidung verschlissen, das ist das Schicksal im Alter, wie er allein auf einer Bank im Park saß, die Handflächen zitternd auf den Knien, den Vögeln und Hunden gegenüber gleichgültig, an einem Fuß ein Schuh, am anderen ein Pantoffel, wie sein Mund sich mit der Bitte um Hilfe verbreiterte, ich mag Eisenbahnen nicht, mit einer an niemanden gerichteten Bitte um Hilfe, aber möglicherweise irre ich mich, weil die Kindheit ständig dann zurückkommt, wenn sie es nicht soll, meistens mit falschen Erinnerungen, der Politkommissar beispielsweise hat allerdings schon zumindest dahingehend Zweifel in mir geweckt, dass es durchaus verschiedene Kindheiten geben könnte, hin und wieder blicke ich aus der Ferne auf das Gebäude, in dem meine Eltern gewohnt haben, die Vorhänge sind noch dieselben, aber niemand hängt Wäsche vor dem Fenster auf, und die Rollläden sind fast immer heruntergelassen, dann und wann schüttelt ein Arm, den ich aus dieser Entfernung nicht erkenne
(wessen?)
ein Tuch aus, wenn ich mich dann nähere, verschwindet er im Schatten, also haben sie mich wahrscheinlich vergessen, existiere ich nicht mehr, bin ich nicht, und wenn ich schon nicht mehr existiere, habe ich nie existiert, bin ich nie gewesen, der Tabakladen ist noch dort, aber ich nähere mich ihm nicht, weil ich befürchte, dass ich Senhor Viegas, immer mit Mütze, nicht darin vorfinde, würde er wohl noch auf demselben Stuhl sitzen
– Kleiner
zu mir sagen, aber ich glaube, dass er aufgrund seines Alters nicht mehr sprechen kann, er würde auch nicht am Ehering drehen und tadelnd, ohne irgendeinen Zorn in der Stimme
– Ihr
sagen, noch einen oder allenfalls anderthalb Monate, und dann kommen die Störche zurück, gucken sich aus der Höhe Dächer aus, die Pakistaner, und das reicht, und wir beide dort oben, einer der Fahrstühle zwischen dem fünften und sechsten Stock hängen geblieben, weshalb ich mir wegen des Hustens die Mühe machte, das anzuschauen, natürlich bereits mit durchgebrannter Lampe und ein bisschen unsicher, ich habe das der Partei mitgeteilt, die Antwort war
– Wir werden mal sehen was wir tun können
was mir bei wissenschaftlichen Materialisten merkwürdig vorkam, aber nun ja, okay, Lenins gibt es nicht im Dutzend, mit der Ankunft der Störche ist die Luft sauberer, heller, alles in ihr hallt mit fröhlicher Deutlichkeit wider, wenn ich mit einem Bericht abends zu Hause blieb, war da ein Spatz auf dem Balkon, der mich unter kleinen elektrischen Hüpfern seiner Füße, die Federn aus Draht waren, ansah, mal von vorn, mal von der Seite, sein schlingernder Flug ähnelte dem eines Stückchens Papier, das in dem Maße zerknitterte, in dem es sich entfernte, dies mehr oder weniger zu dem Zeitpunkt, als sie mir auftrugen, den Genossen vom Zentralkomitee zu überwachen, der viel älter war als ich, vierzig oder so, er wirkte, als käme er aus einer reichen Familie, wirkte wie ein Adliger, hin und wieder entdeckten sie ihn bei Spaziergängen in Pedralvas, will heißen einem Stadtteil in der Nähe von Benfica mit ein paar kleinen Fabriken, ein paar nichtssagenden Läden, wie jene, die man in Provinzstädtchen findet, Armeleutehäuser, Werkstätten, Gärtchen, ein paar Eukalyptusbäume, davor Damen vom Gewerbe, die ihr Geld damit verdienten, dass sie mit der Hand, mit der sie anschließend an die Quälerei durch die Absätze die Ferse wiederherstellten, Lastwagenfahrern zuwinkten, und mittendrin das Sichverstolpern der Eisenbahnen, die aus Lissabon kommend die Welt durchschüttelten, wie doch alles im Leben durchgerüttelt wird, Herrschaften, der Genosse saß in einem Café und wartete auf den Jungen mit Schraubenschlüsseln in den Taschen, der in einer kleinen Autowerkstatt dort oben arbeitete, kurz bevor die Felder und die Straße nach Sintra beginnen, der Eindruck, dass in den Gassen Karavellen, solche, die man mit langen Pinzetten in Flaschen hineinbaut, auf dem Weg nach Indien unterwegs waren, Karavellen, streunende Hunde, im Müll herumstöbernde Kinder, meine Mutter zu meinem Vater, als er dachte, ich schliefe schon
– Komm her
und die Matratze ein Seufzer, zwei Seufzer, meine Mutter
– Du tust mir weh
und Echos von Brettern, darin mein Vater, der die Welt nicht mehr verstand
– Ich finde dich nicht
meine Mutter, indem sie empört wegrückte
– Seit Monaten findest du überhaupt nichts mehr
meine Mutter, als mein Vater bei der Arbeit war, zu ihrer Schwester
– Ehrenwort er hat schon seit Ewigkeiten aufgehört mich zu finden
die ihr mit dem Kinn zu verstehen gab, dass ich da war
– Siehst du wie mein Leben jetzt aussieht?
daraufhin ein langes Schweigen voller mit Gesten gespicktem Geraune, meine Tante, die in einem Supermarkt arbeitete
– Und ist die Kuh aus dem Tabakladen schon von der Bildfläche verschwunden?
und Stille und Seufzer und Schniefen und Klagen, meine Mutter, indem sie die Stimme ihres Mannes nachahmte
– Ich finde dich wirklich nicht
und die Kehle mit einem hasserfüllten Grummeln tiefer einstellte
– Und jetzt?
während ich auf dem Boden saß und sie anschaute, versuchte, die Dinge zu retten
– Und wenn ich nun weine?
in der Hoffnung, meine Mutter würde sich für mich interessieren
– Was ist mit dir?
und meinen Vater vergessen, doch meine Tante schlug mir auf die Handfläche
– Halt den Mund
also interessierte sie sich nicht, erklärte der Schwester
– Ich finde dich nicht ist doch lachhaft
und ich höre sie besser, jetzt in Pedralvas, als damals als Kind, während sie in der Küche das Geschirr vom Vortag wegräumten, meine Tante jünger, noch ohne geschwollene Fußfesseln, ohne Ehering am Finger, zu der sich mein Vater wie ein Rohr im Wind neigte
– Wenn du wolltest würdest du mich glücklich machen Mädchen
meine Tante leise
– Und wenn ich es nicht tue?
schob dabei seinen Arm zur Seite, der mir, als ich mich daran erinnerte, wie meiner vorkam, nicht seiner
– Weg da
ich dabei nicht im Haus meiner Kindheit, sondern im kleinen Café in Pedralvas, beobachtete den älteren Genossen, während die Störche unaufhörlich ankamen, aus Ägypten oder so, in großen weißen Wolken hoch über uns, überflogen sie das Gebirge, überflogen sie die Eisenbahnen, in deren Fenstern sich die ganze Welt schüttelte, Häuser, Bäume, Bahnübergänge, Männer mit Fähnchen und Signalhorn schickten uns nach Lissabon, damit die Stadt uns verschlingt, denn das ist das Einzige, was sie kann, uns verschlingen, man kann sich nicht vorstellen, wie viele Leute die Straßenecken wegschlucken, alle, die ich jetzt nicht mehr sehe, von Rädern und Dampf verschlungen, wir Rußstückchen, wir ferne, fliehende Schatten, wir Fähnchen im Wind auf verlassenen Bahnhöfen, wir Waggons, die uns zermalmen, während sie in einem Tal verschwinden und zwischen grauen, Spatzen kauenden Olivenbäumen wieder auftauchen, ich zu meinem Vater
– Sie finden Sie nicht?
während er sich in den Sessel zum Zeitunglesen setzte
– Wie bitte?
die Brille zurechtrückte, wobei seine Augen wegen der Gläser viel größer waren, größer als Lissabon, größer als die Welt
– Was finde ich nicht?
zu mir gebeugt, weil die Zeit das Gehör schwächer werden lässt, mein Vater, indem er sich, obwohl er dablieb, entfernte
– Was finde ich nicht?
sagte es genau in dem Augenblick, in dem der erste Storch seine Palme fand oder sein Dach oder seinen Schornstein, während andere Störche, Dutzende, Hunderte, Tausende sich auf den Masten der Karavellen niederließen, die nach Pedralvas hinaufsegelten, sich uns näherten, und ich liege derweil im Bett dieses im Norden Lissabons gelegenen Gebäudes mit den zwischen dem fünften und sechsten Stock kaputtgegangenen Fahrstühlen, meine Genossin
– Bist du nicht müde?
stützt leicht die Hand auf meine Schulter
– Bist du nicht müde?
den Mund nah an meinem Ohr
– Bist du nicht müde?
den Mund ganz nah an meinem Ohr
– Müde?
während ich, um besser zu sehen, mit geschlossenen Augen einschlafe.
Viele Jahre lang wusste ich nicht, was mein Bruder machte, er erklärte meinen Eltern, dass das Unternehmen in Lissabon die reinste Plackerei war, ihn zwang, die meiste Zeit abwesend zu sein, manchmal tagelang, daher begegnete ich ihm dann und wann am Wochenende, wenn er auf dem Landgut herumspazierte, oder sie sagten mir, dass er oben im Zimmer schlief, meine Mutter zu mir
– Schlag nicht so mit den Türen wenn er sich ausruht
verbarg Tränen und Fragen in den Taschen der Augenlider, während sie mich bat
– Sei so gut und tue so als würdest du ihm glauben damit auch ich es tue
bedeckte die Besorgnis mit dem schiefen Schleier des mühsamen Lächelns
– Früher hat er nicht gelogen
drinnen bin ich alt, ohne dass ich es selber bemerke, meine Mutter findet sich alt, so lange ich denken kann, will heißen im Alter von dreißig oder weniger Jahren, als ich klein war, stimmte ich ihr zu, aber jetzt sehe ich, dass sie jünger war als ich jetzt und deshalb sehr jung, Kinder sind so grausam, oder vielleicht haben sie recht
(draußen regnet es)
ich weiß nicht, aber die Zeit ist irgendwie merkwürdig, jedes Warten eine Ewigkeit, während ein paar Jahre das Flackern einer Lampe sind, nicht einmal eine Sekunde, und gleich sehen die in den Spiegeln mir nicht ähnlich, der Gesichtsausdruck überrascht, das Haar glanzlos, ich werde sterben, und das war’s, mein Vater, der schon nicht mehr sprach, der Arme, sah mich an, nur sein kleiner Finger zitterte, der kleine Finger war der ganze Vater
– Du
winkte niemandem im Fenster, ich wartete immer im Flur auf den Arzt, aber anstatt etwas zu sagen, berührte er mich leicht, während er immer weiter ging, in einem Jackett von der Stange, was ihm an Länge fehlte, war in den Schultern zu viel, wie kann ein Mensch mit so einem Jackett jemanden heilen, und ich blicke ihn stumm in diesem plötzlich anderen Haus an, in dem nur der Geruch nach Bohnerwachs fortbesteht, sogar der der Kleidung in den Schubladen hat sich verändert und ist mir nicht mehr ähnlich, wirkt wie fadenscheiniger Stoff und der Rest Abwesenheiten, die nicht mehr atmen, zwischen antiken Möbeln, Abdrücken von Väschen, die es auf den Oberflächen nicht mehr gibt, meine Mutter
– Dein Bruder
schluckte sich selber hinunter, füllte den Raum, der uns trennte, mit Zögern und Spucke, ich lebe übrigens nicht in einem Haus, befinde mich auf dem Grund eines Schrankes in einer Pappschachtel voller Spitzen aus verblichenen Begebenheiten und alten Türknäufen, einige noch mit einer halb gelockerten Schraube, der Klang meiner Schritte begleitet mich nicht, bleibt hinter mir zurück mit seinen Kinderschuhen, seiner Angst vor der Dunkelheit und dem Husten meines Vaters im Arbeitszimmer, der meine Mutter beruhigte
– Mach dir keine Sorgen das passiert immer im Winter
aber das war nicht immer so, es war anders, es gab weder diese Schwäche noch den zögernden, zitternden Mund, mir war so, als würde er die Zähne mit der Zunge zählen
– Man verliert allmählich alles nicht wahr?
langsam sagte er
– Man verliert alles
klopfte mit dem Zeigefinger auf den Aschenbecher und wiederholte mit einem Echo seiner selbst
– Verliert alles
das Foto meiner Großmutter auf dem Sekretär, ein Stillleben, das eine begabte Tante aquarelliert hatte, oder, besser gesagt, Äpfel, Gurken, Weintrauben, wie traurig alte Häuser sind, wenn die Sonne nicht scheint, wer hat wohl, nachdem das Bild vollendet war, die Äpfel gegessen, die wie Menschen altern, nur schneller, so viele Runzeln nach einer Woche, es fehlt nur ein fernes Kichern, Tante Apfel, guten Tag, meine Mutter schloss immer lautlos die Tür, wenn sie das Arbeitszimmer verließ
– Er arbeitet so viel
aber er arbeitete gar nicht so viel, er las vielmehr Zeitung oder unterhielt sich mit dem Pächter
Senhor Gonçalves
auf der Treppe zum Landgut, wo Kleeblümchen in den Spalten der Stufen zusammen mit kleinen Schnecken
– Du kannst sicher sein dass sich das nicht ändert was im Leben ändert sich schon?
streckte den Hals vor, wie immer, wenn er nervös wurde, mein Bruder zu mir
– Guck mal der sieht aus wie ein Hahn der Samen aufpickt
dabei mit den nutzlosen Flügeln wedelte, die unfähig waren zu fliegen, er wirkte so, als würde er vom Boden abheben, wenn er die Angestellten mit Mütze im Weinberg hocken sah, deren Arme aus den Hemdärmeln auftauchten und wieder verschwanden, nach dem Besuch eines Cousins meines Vaters, der den Eindruck machte, als interessiere er sich für die Bauern, und der sich unter der Pergola des Dorfladens mit ihnen unterhielt, meinte eine andere Verwandte in Bezug auf meinen Bruder missbilligend
– Der mag die auch
während meine Mutter mit einem Seufzer den Fächer öffnete
– Wie der Vater so der Sohn Hunde und Arme im Gefolge die Schwester ist da anders
und ich bin es tatsächlich, Mutter, ich mag immer noch keine Vertraulichkeiten und habe deshalb noch nicht geheiratet, seit mein Vater gestorben ist und mein Bruder verhaftet wurde, kümmere ich mich um das alles hier, verringere die Schulden, ersetze die Maschinen, stachle die Pächter an, treffe mich mit den Typen von den Banken, um Darlehensraten zu reduzieren, weise meine Mutter zurecht, die wegen des Sohnes ständig in den Ecken herumheult, vertreibe die Männer, die hin und wieder versuchen, sich auf mir niederzulassen wie die Störche auf den Kirchtürmen, dort oben das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagernd, ein Auge auf mein Geld geworfen haben, der Meinung sind, dass ich mich, nur weil ich dick bin, in einen Frosch verwandelt habe, der, mit verdrehten Augen an einem Bein hängend, immer schlaffer werdend zappelt
– Die hat sogar ein Musikzimmer
erklärten sie ihren Kumpels im Café
– Die hat sogar ein Musikzimmer
und tatsächlich habe ich eins, aber ich mache die Musik, vor einiger Zeit haben wir ein halbes Dutzend Störche auf dem Landgut empfangen, die Cousine meiner Mutter, die mir Klavierstunden gab, verzweifelte leise
– Sie hat Finger wie Würste
die Cousine meiner Mutter
– Willst du eine zum Abendbrot essen?
ich mag diese Vögel nicht, aber wir hatten im Durchschnitt ein halbes Dutzend Störche auf dem Landgut, die sich, so kam es mir vor, wenn sie nicht fliegen, ständig mit dem Schnäbeln Nachrichten zuklappern, Tadel, Zank, sie fraßen Wasserschlangen im Bach, fraßen Kaulquappen, immer so viel Schlamm an den dünnen Beinchen, dabei dachte ich an einen Kollegen meines Bruders, den ich nicht wiedergesehen habe, der, das Kinn in der Hand, auf einer Erhebung im Boden saß und im Gesicht rechts eine Narbe hatte, zu der mein Bruder mir nie eine Erklärung gegeben hat, er zuckte mit den Schultern oder sagte
– Ich weiß nicht
ohne mir das Kinn zuzuwenden, ich habe weder je seine Stimme gehört noch erfahren, wie er heißt, mein Bruder erklärte
– Ein Studienkollege
