Wörterbuch des Protests - Jens Kassner - E-Book

Wörterbuch des Protests E-Book

Jens Kassner

0,0

Beschreibung

Das Buch ist eine alphabetische Auflistung von Aktionsformen des Protests und Widerstandes mit kurzen Erklärungen und Beispielen. Im Mittelpunkt stehen kreative Formen wie Cornern, Carwalking oder Reclaim the Street. Auch langfristig ausgerichtete Formen alternativer Ökonomie werden berücksichtigt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit.“ Stéphane Hessel

Inhalt

Persönliche Vorbemerkungen

Abschnitt 1 Aktionsformen von Protest und Widerstand

Abschnitt 2 Gesellschaftliche Haltungen und Bewegungen und ihr Verhältnis zu Protest- und Widerstandsformen

Der Autor

Ausgewählte Literatur

Persönliche Vorbemerkungen

Es ist etwa zehn Jahre her, dass ich aus konkretem Anlass anfing zu recherchieren, welche Aktionsformen von Protest und Widerstand es gibt, welche davon für welchen Zweck brauchbar erscheinen, welche eher nicht, und was ganz auszuschließen ist. Über die Jahre wuchs die Materialsammlung, ich brachte sie in Tabellenform. Daraus erwuchs ein Konzept für ein Buch. Verlage zeigten Interesse, sprangen dann aber wegen der gegenwärtigen angespannten wirtschaftlichen Situation wieder ab. Also entschloss ich mich zum Eigenverlag.

Seit vor vielen Jahrtausenden mal ein früher Mensch einen Zaun baute und sagte, das da drin gehört mir, gibt es Widerstand. Vielleicht kann man auch Rangkämpfe in tierischen Gemeinschaften um die Hackordnung subsumieren, doch ist der Protest und Widerstand, den ich meine, ein Produkt der menschlichen Klassengesellschaft. Er kann sich ganz subtil im privaten Umfeld zeigen, oder mit einem gesamtgesellschaftlichen oder gar globalen Anspruch.

Die Formen und Mittel waren über lange Zeit die ziemlich gleichen, fast immer verbunden mit Gewalt. Seit dem 19. Jahrhundert, mit dem Übergang in die kapitalistische Industrie- und Konsumgesellschaft haben sie sich diversifiziert. In den letzten Jahrzehnten sind die Ausdrucksformen geradezu explodiert. Das hängt auch mit den gewachsenen Herausforderungen zusammen. Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama prognostizierte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in den frühen 1990er Jahren ein „Ende der Geschichte“ – was für eine Fehleinschätzung. Der Kalte Krieg lebt auf, Spannungen zwischen Wirtschaftsmächten eskalieren, Menschenrechte werden weltweit missachtet, die Emanzipation von Frauen und Minderheiten ist trotz mancher Fortschritte keinesfalls zufriedenstellend. Noch schlimmer: Der siegreiche Kapitalismus erweist sich nicht nur als unfähig, die ökologische Katastrophe abzuwenden, er treibt sie wegen seines immanenten Wachstumsdogmas voran.

Zu Beginn der 2010er Jahre gab es in vielen Ländern einen Aufschwung von Protesten: Occupy in den USA, Arabischer Frühling, Massendemonstrationen in Russland, Israel, Lateinamerika, der Türkei. Der Impuls schien zu verpuffen oder sogar tragisch in blutige Restauration umzuschlagen wie in Syrien, aber auch mit dem Aufstieg der Rechten in Europa und einem Präsidenten Trump in den USA.

Nun gibt es erneut eine Welle von Bewegungen sehr unterschiedlicher Art. Hoffnungsvoll dabei ist, dass eine junge Generation, deren Vorgänger sich in den vergangenen Jahrzehnten entweder hedonistisch oder sehr angepasst und karriereorientiert verhielten, sich der Probleme bewusst wird. Ein Symbol für dieses Aufstehen ist Fridays for Future. Eine schwedische Teenagerin hat es geschafft, eine weltweite Aktionsfront zu schaffen, zu der heute Menschen jeden Alters und aller Professionen gehören und deren Anliegen weit über den Klimaschutz hinaus geht.

Über zehn Jahre habe ich Material zu Aktionsformen von Protest und Widerstand gesammelt, ohne zu werten. Beim Schreiben des Manuskripts habe ich nachgedacht, wie man dennoch Wertungen einbringen kann. Ich möchte eine gewisse Vollständigkeit anstreben.

Es soll zwar ein kleines Nachschlagewerk mit Anregungen sein, aber keinesfalls will ich zu Selbstverbrennung, Attentaten oder Bürgerkriegen aufrufen. Die Idee, einzelne Einträge mit Symbolen von 1 bis 5 für Legalität vs. Illegalität und Problemlosigkeit vs. Lebensgefahr zu versehen, habe ich schließlich verworfen. Was in demokratischen Gesellschaften Alltag ist, kann in autokratischen Regimen mit Verhaftung, Folter und Tod geahndet werden. Doch selbst bei solch banalen Sachen wie dem Containern gibt es Unterschiede: in Deutschland strafbar, in Frankreich aber werden Supermärkte bestraft, die Lebensmittel vernichten.

Apropos Neutralität: Beim Recherchieren und Schreiben habe ich festgestellt, dass ich keine Aktionsformen finde, die von Rechten erfunden wurden. Okay, vielleicht der Putsch. Aber selbst dazu gibt es mit der portugiesischen Nelkenrevolution 1974 eine Ausnahme. Aber alle wirklich innovativen Formen des Protests und Widerstands kommen von links, werden von Rechten nur angeeignet und adaptiert.

Eine Wertung ist sicherlich dennoch herauslesbar, schon im Umfang der Beiträge. Mir kommt es darauf an, neue, bunte und kreative Formen zu betonen, altbekannte nur in knapper Form zu erwähnen.

Dann steht aber noch die Gretchenfrage: Wie hältst du´s mit der Gewalt? Klare Antwort: Das kommt nicht in Frage. Bei aller berechtigten Kritik an Defiziten ist in demokratisch und rechtsstaatlich organisierten Gesellschaften Gewalt kein Mittel der politischen Arbeit mit Ausnahme unvermeidlicher Selbstverteidigung. Politische Gewalt ist die Ultima Ratio in Diktaturen, wenn nichts anderes mehr möglich ist. Aber hierzulande Autos anzuzünden, Scheiben einzuwerfen, Geschäfte zu plündern oder gar Personen anzugreifen hilft erstens nur den politischen Gegnern, die solche Vorfälle propagandistisch genüsslich ausschlachten, und zweitens der Exekutive, um Verschärfungen in ihren Maßnahmen begründen zu können.

Das muss unterschieden werden von der Frage, was legal ist. In bestimmten Fällen bin ich durchaus für die bewusste Ignoranz gegenüber Gesetzen, das Beispiel Containern hatte ich schon angeführt. Auf einer viel höheren Ebene hat beispielsweise Rosa Parks mit einer aktiven Verweigerung gegenüber Vorschriften erreicht, dass diese geändert wurden.

Die Sammlung der Protestformen hat garantiert Lücken, zu manchen Darstellungen wird es Widerspruch geben. Ich freue mich auf Resonanz, Kritik und Vorschläge.

Jens Kassner

April 2021

Abschnitt 1 Aktionsformen von Protest und Widerstand

Ablehnung einer Ehrung

2008 erregte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranitzky Aufsehen, als er während der Zeremonie zur Verleihung des Deutschen Fernsehpreises die Annahme des ihm zugedachten Ehrenpreises ablehnte, um gegen die Qualität der Fernsehprogramme zu protestieren.

Bedeutsamer war aber die Rückgabe des MBE-Ordens (Member of the British Empire) durch John Lennon 1970 als Protest gegen den Vietnamkrieg, den Großbritannien an der Seite der USA unterstützte. Zuvor hatten bei der Verleihung dieses Ordens an die Beatles durch die Queen etliche bisher damit Geehrte die Auszeichnung zurückgegeben, da sie den Wert der Auszeichnung durch die Vergabe an populäre Musiker herabgewürdigt sahen.

Die Verleihung des deutschen Musikpreises Echo boykottierten schon 2013 mehrere Bands aus Protest gegen die Preisvergabe an die für ihre nationalistischen Texte bekannte südtiroler Band Frei.Wild. Im Jahr 2018 kam es zum Eklat, weil Kollegah und Farid Bang den Preis erhalten sollten. Die Ablehnung durch mehrere andere Nominierte führte letztlich zur endgültigen Einstellung dieses Preises.

Abseilen

Im November 2020 seilten sich Umweltschutz-Aktivisten von mehreren Autobahnbrücken ab, um gegen den umstrittenen Ausbau der BAB 49 in Hessen zu protestieren, dem ein altes Waldgebiet zum Opfer fällt. Durch diese Aktionen wurde eine zeitweilige Sperrung der Verkehrswege erzwungen. Bei früheren Abseilprotesten hat es aber auch schon Unfälle gegeben.

Adbusting

Es handelt sich um eine spezifische Form von >Street Art, die Werbung (engl.: advertisement, kurz: Ad) im öffentlichen Raum zerstört, häufiger aber verfremdet und ironisiert. Großplakate und andere Werbeinstrumente werden beispielsweise im Sinne von Collagen ergänzt, so dass sich ein anderer Sinn ergibt. Hauptanliegen ist die Kritik an Konsumverhalten und Kaufzwang.

Aktionskunst

Diese spezielle Ausprägungsform der >Kunst eignet sich wegen ihres dynamischen Charakters besonders für die Artikulation gesellschaftlicher Anliegen. Verbreitetste Formen sind >Performance, Action Painting und Happening. Die Grenzen zu anderen Kunstsparten wie dem Straßentheater sind fließend. Manche Künstler gehen aber viel weiter und organisieren Aktionen von unmittelbarer gesellschaftlicher Relevanz.

Ein Musterbeispiel dafür ist die US-amerikanische Gruppe Yes-Men, deren Kern Jacques Servin und Igor Vamos bilden. Wiederholt haben sie sich als Vertreter internationaler Organisationen oder großer Konzerne ausgegeben und sind in deren Namen bei Konferenzen mit absurden Vorträgen aufgetreten. Zu den bekanntesten Aktionen gehört die Herausgabe einer auf den 4. Juli 2009 datierten und originalgetreu aussehenden Ausgabe der New York Times im November 2008, in welcher das Ende des Irak-Krieges verkündet wird, Condoleezza Rice sich für ihre falschen Aussagen zur Begründung dieses Krieges entschuldigt etc. Die Zeitung wurde in 1,2 Millionen gedruckten Exemplaren verteilt und im Internet zum Download bereitgestellt.

Eine weniger berühmte, aber ebenfalls erfolgreich im Sinne der Provokation arbeitende Gruppe ist seit 2005 „Voina“ („Krieg“) aus St. Petersburg. Unter anderem schaffte sie es, auf die Fahrbahn der schon hochfahrenden Klappbrücke über die Newa in der Nacht zum 1. Juni 2010 unter dem Titel „Schwanz, ein KGB-Häftling“ einen riesigen Phallus zu malen. Bei einer anderen Aktion gingen weibliche Mitglieder der Gruppe auf russische Milizionärinnen zu, um sie öffentlich heftig zu knutschen.

Zu „Voina“ gehört auch die Frauen-Punk-Band Pussy Riot, deren Köpfe 2012 zu zwei Jahren Lagerhaft wegen eines provokanten Punk-Gebets in der Moskauer Erlöser-Kathedrale verurteilt wurden.

Auch in Deutschland haben sich in den letzten Jahren Gruppen für politische Aktionskunst etabliert. Zu den bekanntesten gehören das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) sowie Peng! und Frankfurter Hauptschule.

Eine der aufsehenerregenden Aktionen des ZPS war die heimliche Errichtung eine Mini-Holocaust-Mahnmals unmittelbar vor dem Wohnhaus des rechtsradikalen AfD-Politikers Björn Höcke 2017. Viele Aktionen richten sich gegen Rechte, aber auch gegen die bigotte Flüchtlingspolitik von Bundesregierung und EU.

Peng! Übernimmt zum Teil Methoden der Yes-Men, so informierten sie 2015 auf einer Pressekonferenz als angebliche Vattenfall-Vertreter, Verantwortung in den Braunkohlerevieren der Lausitz zu übernehmen. Mit dem Projekt „Intelexit“ forderten sie Mitarbeiter verschiedener Geheimdienste auf, aus dieser Tätigkeit auszusteigen.

Die Frankfurter Hauptschule wurde mit einer „Heroin-Performance“ gegen die Gentrifizierung des Bahnhofsviertes in Frankfurt a.M. bekannt. Andere Aktionen persiflieren den Kunstbetrieb oder Goethes Frauenbild, sein Weimarer Gartenhaus wurde mit Massen von Klopapierrollen beworfen.

Alternative Ehrungen

Am bekanntesten ist der Alternative Nobelpreis, den eine Organisation vergibt, um Kritik an den oft fragwürdigen Entscheidungen des offiziellen Komitees bei der Vergabe des Friedensnobelpreis auszudrücken. Auch auf regionaler und lokaler Ebene können alternative Preise offizielle Ehrungen konterkarieren. Da die Verleiher zumeist keine finanziellen Mittel haben, ist die Ehrung überwiegend von symbolischem Charakter.

Alternative Ökonomie

Wirtschaftsformen, die der dominanten kapitalistischen Warenproduktion kritisch oder direkt ablehnend gegenüberstehen, gibt es viele. Das Widerstandspotential ist aber sehr unterschiedlich ausgeprägt, häufig möchten die Akteure auch nicht aktiv Widerstand leisten.

Ein klassisches, seit mehr als 150 Jahren existentes Beispiel sind autonome und selbstverwaltete Genossenschaften. Umsonstläden, Volxküchen, Tauschbörsen (>Bartering) oder Gemeinschaftsgärten sind jüngere Formen zum partiellen Unterlaufen der kapitalistischen Produktionsweise wie auch die kostenlose Freigabe von Informationen, Anleitungen, Dateien oder materiellen Objekten wie etwa mit dem Betriebssystem Linux oder der Wissensplattform Wikipedia. Projekte mit dem Attribut „Open“ sind zumeist dieser alternativen Ökonomie zuzurechnen.

Alternative Währung

Nicht nur Zentralbanken dürfen Währungen ausgeben, jeder kann es. Am bekanntesten ist die weltweit gehandelte Kryptowährung Bitcoin, aber es gab und gibt auch diverse lokale Währungen. In Deutschland ist der Chiemgauer in Südost-Bayern am bekanntesten, 2003 geschaffen. Daneben wurden rund 50 solcher Regiowährungen gezählt, manche sind nur kurzlebig.

Zumeist wird 1:1 gegen die offizielle Währung getauscht. Die Wirksamkeit hängt davon ab, wie viele Geschäfte und Dienstleister das Zahlungsmittel akzeptieren. Häufig haben die Geldscheine eine begrenzte zeitliche Gültigkeit, um die Rotation zu fördern, einem Ansammeln entgegenzuwirken. Solche Regiowährungen können als Elemente einer >alternativen Ökonomie angesehen werden, auch wenn sie dem kapitalistischen Sysdtem der Warenwirtschaft angehören.

Aneignung

Im Unterschied zur >Besetzung ist die Aneignung auf dauerhafte Nutzung oder Nutzungsverhinderung gerichtet, also im Endeffekt auf eine Änderung der formellen Eigentumsrechte.

Annonce

Bezahlte Anzeigen in Zeitungen oder Zeitschriften können Appelle an die Mitmenschen zu bestimmten Handlungen oder Haltungen sein. Ironische Annoncen aber sollen zur Irritation und zum Nachdenken anregen. Häufig handelt es sich um fiktive Todesanzeigen für eine bestimmte Sache wie z.B. die Demokratie oder von der Schließung bedrohte Einrichtungen. Auch fiktive Stellenanzeigen mit drastischen, die Ausbeutung in den dargestellten Unternehmen aufzeigenden Beschreibungen der Arbeitsbedingungen existieren.

Anschlag

>Attentat, >Terrorismus

Anzeige

Die Anzeige von Personen wegen der vermuteten Verletzung von Gesetzen ist durch die Möglichkeit der Nutzung von Online-Formularen sehr vereinfacht worden, nicht aber die Chance der tatsächlichen Strafverfolgung durch die Staatsanwaltschaft. Werden aber Strafanzeigen gegen bekannte Vertreter des politischen Lebens publik, kann schon dies Wirkung zeigen, selbst wenn kein Prozess folgt.

Attentat

Ursprünglich ist damit die Ermordung von Führern und Repräsentanten von Staaten oder Institutionen gemeint. Der Tyrannenmord ist seit der Antike ein Mittel der gesellschaftlichen Einflussnahme von der Story um die Enthauptung des Holofernes durch Judith bis zu Cäsars Tod.

Legendäre Attentate der Neuzeit sind die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers 1914 in Sarajevo, die als Auslöser für den Ersten Weltkrieg genommen wurde, die Anschläge auf Hitler von Georg Elser 1939 und Claus Schenk Graf von Stauffenberg 1944 und die Ermordung John F. Kennedys 1961 in Dallas. Die Attentate auf den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin 1995 und den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme 1996 sind weitere berühmte Beispiel der jüngeren Geschichte.