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Heinz Wulfestieg war Jazztrompeter und der Halbbruder von Hildegard Knef. Er starb 1978 mit nur 43 Jahren unter dubiosen Umständen in Berlin. In seinem Roman Wulfstieg verarbeitet der Autor die Geschichte des Musikers als literarische Improvisation, frei interpretiert im Sinne einer fiktionalen Gestaltung. Die Handlung des Romans basiert zwar auf dem Leben von Heinz Wulfestieg, ist aber, was die geschilderten Orte, Ereignisse und Personen angeht, über weite Strecken frei erfunden. Es handelt sich ausdrücklich nicht um die Biografie eines Musikers, sondern um ein Prosawerk, in dem sich Realität und fiktionales Erzählen mischen. Wesentlich für den Roman sind die Bezüge zur Familie Hildegard Knef, zum Jazz, zur Geschichte des Jazz, zu Jazz-Musikern. Psychologische Studie, Zeitkolorit der 1970er Jahre und musikalischer Hintergrund bilden die Eckpfeiler des Romans. Der Text gliedert sich in die Kapitel Vorspiel, Erste Kadenz, Zweite Kadenz, Dritte Kadenz, Vierte Kadenz, Fünfte Kadenz, Sechste Kadenz und Coda.
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Heinz Wulfestieg war Jazztrompeter und der Halbbruder von Hildegard Knef. Er starb 1978 mit nur 43 Jahren unter dubiosen Umständen in Berlin. In seinem Roman Wulfestieg verarbeitet der Autor die Geschichte des Musikers als „literarische Improvisation“, künstlerisch frei interpretiert im Sinne einer fiktionalen Gestaltung. Die Handlung des Romans basiert zwar auf dem Leben von Heinz Wulfestieg, ist aber, was die geschilderten Orte, Ereignisse und Personen angeht, über weite Strecken frei erfunden.
Solange es Musik gibt, gibt es Hoffnung.
Michael Kanofsky, Werbetexter und Autor in Berlin, zuvor viele Jahre in Wien. Studium Neuere deutsche Literatur und Politische Wissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Veröffentlichungen von Romanen, Prosatexten, Essays und Hörkunstprojekten.
www.michaelkanofsky.de
Vorspiel
Erste Kadenz
Zweite Kadenz
Dritte Kadenz
Vierte Kadenz
Fünfte Kadenz
Sechste Kadenz
Coda
Kulleraugen & Koksnäschen, Schmollmündchen & Wimpernklimpern, Mäuschen & Häschen, Flittchen & Görls, Rein & Raus, Immer & Wieder. Veronique. Simone. Clara. Stevie. Katherina (die mit der Zahnlücke). Yvonne. Michaela. Anettettette. Die niederen Triebe höherer Töchter: Wulfestieg in seinem Element. Es sind so viele, und es werden immer mehr. Das hört ja gar nicht mehr auf, gut so, weiter so. Wulfestieg ist ein wenig durch den Wind: versucht, sich ein Bild zu machen, die Dinge wieder gerade zu rücken, Strukturen zu schaffen, Orientierung zu gewinnen, und verlorenes Land zurück. Was zur Hölle war gestern passiert? what happened the night before? da waren doch diese Jeans, nicht wahr? so knalligeng, das nüscht mehr dazwischen geht, was für ein niedlicher flachbrüstiger Kurzblondschopf, freche Göre, du.
Der Abend war also erfolgreich gewesen (wie erwartet). Natürlich: Hildchen (gerade wieder einmal aus dem Krankenhaus entlassen, geheilt, aber nicht gesund, nein, das nicht) hatte ihn gewarnt, den Zeigefinger gehoben (erhoben). Weiber! Wodka! Whisky! Wahnsinn! Wulfestieg! Willst du das wirklich, mein Lieber? willst du das wirklich?? hatte sie gesagt, geklagt, gejammert über den Heinz mit seiner Blechtrompete, ihren halben Bruder, dessen Kinn in der Tat (und man muss es so sagen) ausgesprochen markant ist, dessen Gesicht Kanten hat und Ecken, da wo´s passt, kein Wunder, dass sie alle (wirklich alle) auf diesen langen Lulatsch standen (Einsdreiundneunzig, die hat nicht jeder). Er (Wulfestieg) musste lächeln. Ein wenig eitel war er schon, das konnte er ruhig zugeben, warum auch nicht? Und der graue Anzug stand ihm wirklich gut, wenn er mit seinen beinahe zwei Metern dort oben auf der Bühne stand, dazu ein weißes Hemd, schmale, dunkle Krawatte, schwarzgelackte feste Schuhe, gewienert auf Hochglanz, so stand er da, so gefiel er sich, so gefiel er den anderen, den Mädels, die johlten, als gäb´s kein Morgen mehr, wenn er seine Soli blies, wie dann alles bebte und vibrierte! das war cool! das war Jazz! das war Berlin! gab´s was Besseres?
Aber Hildchen hatte nicht lockergelassen, hatte ihre qualmende Stuyvesantfluppe auf ihn gerichtet, irgendwie drohend. Diese Groupies werden dich nie in Ruhe lassen, hatte sie gesagt, das alles wird dich irgendwann noch mal umbringen, dabei hab ick doch schon jenuch Sorgen mit mir selba! So nicht, Heinz, so nicht! Heinz, bitte!
Aber Wulfestieg hatte (wie immer) mit nur einem Ohr hingehört, eher noch mit einem halben (wenn man ehrlich ist, und Hilde ist ja auch nur seine halbe Schwester). Dabei hat er grundsätzlich ein gutes Ohr, muss er ja, immerhin ist er Musiker. Insgeheim wusste er natürlich, dass Hilde recht hatte. Hatte sie das nicht immer? Aber was sollte er machen? Michaela und Püppi, Andrea und Sybille, es sind einfach zu viele, und sie sind immer da, wo er sie haben will: ganz, ganz nah bei sich, an seiner Brust, in seinen Armen, im Bett, am sonnigen Wannseestrande, in einer rotstichigen Bar, auf irgendeinem flauschigen Flokati, in einer flackernden Disko. Bitches Brew.
Später dann ab zum Auftritt in dem Jazzklub am Mehringdamm, wo sich der Roth Händle-Nebel ungefiltert bis zum Himmel türmte und dort oben klebte seit Jahr und Tag und ohne, dass es jemanden störte. Dabei weiß jeder, dass Husten nicht gut ist fürs Spielen, aber immerhin: die Atmosphäre stimmte. Die anderen waren schon hinter der Bühne als er (verspätet wie meistens) ankam, das war gegen zwanzig nach acht Uhr, und draußen war der Asphalt nass von einem duftenden Mairegen. Er hatte die Luft tief in sich eingesogen. Die Augen geschlossen, dachte er zurück an die Zeit, als die Stadt noch in Trümmern lag, und er ein Knirps war, der von den Amis Chewing Gum bekam, schön war die Zeit. Als er die Augen wieder geöffnet hatte, stand die Wirklichkeit ganz und gar real und ein wenig unschön vor ihm, was ihn irgendwie erschreckte. Die anderen waren also schon da, als er hinter die Bühne schlurfte: Klaus, Andrew, Sergej, Michael und Bernd standen herum wie bestellt und nicht abgeholt, tolle Truppe, zackbumm, da gab´s nichts. Hinter der Bühne war´s finster. Überall Kabel und Stühle und ein zusammengerollter ehemaliger Stammgast, der in seiner Ecke kauerte und Sinnreiches über den Dialektischen Materialismus in seinen Rauschebart murmelte. Bernd das Klavier, hatte einen beachtlichen Pickel auf der Oberlippe, was ihm ein leicht philosophisches Aussehen gab. Klaus, Bass, hatte eine neue Flamme, die ihn ordentlich auf Trapp hielt und zu jeder FU-Demo schleifte. Der Kampf geht weiter! Andrew: Schlagzeuger, Amerikaner, im Hauptberuf Deutschlehrer bei der US Army. Sergej, vor hundert Jahren aus der Ukraine nach Charlottenburg gekommen, spielt Saxophon, Michael eine Halbakustische von Fender. Wulfestieg hatte das Mundstück aus seiner Sakkotasche gekramt und es vor sein kritisches Auge gehalten. Scheint viel los zu sein heute, die Hütte ist voll, oder? Dann hatte er das schön kühle und schön blonde Nullviererschultheiss entgegengenommen, das man ihm freundlicherweise reichte. Draußen, auf der Bühne, mühte sich inzwischen noch eine Combo aus Braunschweig ab.
Doch zurück zu dieser Flachbrüstigen in der ersten Reihe. Meterweise Bein in einer Jeans, die so eng war, dass, wie gesagt, nüscht dazwischen passte, aber auch wirklich gar nüscht (selbstverständlich hatte er´s später probiert mit seiner linken besoffenen Hand, rund geschnittene Fingernägel, man weiß immerhin, was sich gehört). Also: die Simone, vierunddreißig, geschiedene Von Sowieso, fahles Blond, fast so kurz geschnitten wie die Cuts der GIs, die drüben an der Theke mümmelten in ihren Ausgehuniformen, taffe Jungs von der 94th Field Artillery, soldier, why are you in Berlin? to show the Berliners, your allies and the communists the best soldiers in our army!
Die Blonde, von der er inzwischen wusste, dass sie Simone heißt, Simonchen hockte da in der ersten Reihe, ganz vorne, VIP-mäßig fast, lässig, ein blendendes Platinblond im dumpfen Schemen der schummrigen, weil bewusst wattschwachen Clubfunzeln (Peter, der Wirt des Schuppens, wusste, wie man für Stimmung sorgt) und drohte mit den roten Spitzen ihrer knalligen Highheels zu ihm nach oben auf die Bühne, wo´s ihm immer schwerer fiel, sich auf seine Einsätze zu konzentrieren. War er eigentlich so gut wie Miles und Bix und Ornette und Kenny? Nein, das war er nicht, das würde er auch nie werden, aber wenn er jenuch intus hatte, dann vielleicht ja doch. Wer weiß. Der Tag geht, Johnny Walker kommt. Er war ins Schwitzen geraten, weil das Spielen ihm heute so verfluchtverdammtschwer fiel. Sometimes I Feel Like A Motherless Child. In der Pause hatte sie ihm eine Pulle Bier in die Hand gedrückt und mit ihm angestoßen und dazu hübsch gelächelt mit ihren blitzenden Kajaläuglein, Body and Soul.
Später dann, im lichten Glanz einer nach Heu duftenden Mainacht, fuhren sie im Taxi zu ihr. Das Glitzern der Stadt zog an ihnen vorüber. Der Marlboro Man winkte ihm aus seinem Sattel zu, der Geschmack von Freiheit und Abenteuer, er lag ihm auf der Zunge, schon sah er sich in der Carnegie Hall im Charlie Parker-Quintett, doch es ging bloß nach Tiergarten.
Sie hatten geschwiegen, nebeneinander im Fond des Mercedeswagens, der von einem Soziologiestudenten im zwanzigsten Semester gesteuert wurde. Simones Hand auf seinem linken Oberschenkel. Im Radio RIAS, mit Musik zur Nacht und den Kurzmeldungen vom Sport, Klaus Toppmöller hatte den FCK wieder mal in Führung gebracht, was den Fahrer zu einem Brummen veranlasste. Durch das halb geöffnete Fenster kam ein Geruch, dessen DNA Hoffnung auf vielversprechende Ereignisse und verheißungsvolle Abenteuer machte (doch Wulfestieg wusste, dass sich solche Erwartungen niemals erfüllen würden).
Als sie aus dem Taxi stiegen, schwankte Wulfestieg ein wenig. Kein Grund zur Sorge, auch wenn seine Augen ganz schön glasig waren, seine Gesichtsfarbe zugleich käsig schwammig und dunkelgerötet.
Während er, kaum dass sie oben angekommen waren in der hübschen Dreizimmerwohnung mit Blick auf die rotaugigen Schornsteine eines Kraftwerkes, wacker an Simones wirklich bemerkenswert festem und ansehnlichem Ärschchen herumknusperte, hörte er durch das geöffnete Fenster den Kohlefrachter auf der Spree, tucktucktucktucktucktuck, so ging das die ganze Zeit, diese hämmernde Musik wollte gar nicht mehr aus seinem Schädel, dieses tucktucktucktucktucktuck, um ehrlich zu sein hatte er ziemliche Kopfschmerzen von irgendeinem Zwei-Uhr-Morgen-Fusel in einer Bar in der Mommsen Ecke Schlüter, vermutlich Mampe halb und halb, wo er das Zeug doch nicht ausstehen konnte, das weiß doch inzwischen jeder. Tucktucktucktucktucktuck: Wulfestieg stellte sich die Männer auf dem Kohlefrachter vor, unterwegs zu irgendeinem geheimnisvollen Hafen hinter dem Eisernen Vorhang. An Deck zwei Fahrräder, auf einer Wäscheleine die ölfleckigen Hosen und Hemden der Männer, die jetzt in ihren Kojen schliefen, während der Steuermann alles im Griff hatte. Wie gern wäre er jetzt dort und würde weit, weit, weit, weit wegfahren, doch für den Moment streichelte er noch immer über Simones Hinterteil, fahrig, unkonzentriert, sogar ziemlich lustlos, wenn man es genau betrachtete, ja: lustlos und unmotiviert. Das würde nix werden, dachte er, und er hatte recht damit. Alles in Ordnung, Schatz? Simone hatte sich zu ihm umgedreht. Warum müsst ihr Kerle eigentlich immer so viel saufen? In ihren Augen war ein bedrohlicher Glanz. Simone fummelte eine Camel aus der Packung, die auf dem Nachttisch lag, neben einer kugeligen Lampe im Italodesign. Sie zog die Beine hoch, legte die Arme über ihre Knie und betrachtete ihre verlockend erdbeerrotlackierten Fußnägel. Irgendwann bekomme ich einen Vertrag mit Blue Note, sagte Wulfestieg und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Er lag jetzt auf dem Rücken, die Zigarette im Mundwinkel balancierend, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, ja, er war eine Figur in einem dieser schwarzweißen französischen Filme, wo toupierte Frauen Ringelpullis tragen und harte Männer tot in Fahrstühlen liegen. Simone nahm ihm die Zigarette aus dem Mund und setzte sich auf ihn. Doch er war zu schlapp, zu betrunken für das alles, hatte plötzlich keine Lust mehr auf gar nichts, weder auf Simone noch auf die Welt und überhaupt.
Als er erwachte, war es heller Tag. Simone war verschwunden. Die Stille um ihn herum war so laut, dass er beinahe aufgeschrien hätte. Da war sie wieder: die Gnadenlosigkeit der Wirklichkeit, die hässliche Fratze der Realität, das echte, das wahre, das wirkliche, das einzige Leben, es gab nur dieses, und kein anderes, hat es nie, wird es nie. Wulfestieg griff nach der Zigarettenpackung. Er musste diesen Tag hinter sich bringen, unbedingt, so schnell wie möglich. Er sah seine Schwester Hilde vor sich, wie sie den Kopf schüttelte, verzweifelt über seine Eskapaden. Warum suchst du dir nicht eine Frau, die du liebst? die dich liebt? die bei dir bleibt?
Wulfestieg kroch aus dem Bett. Wie er es hasste, in fremden Wohnungen allein zu sein. Er ging in das Badezimmer, wollte unter die Dusche springen, dem Kater die Krallen zeigen unter der eiskalten unbekannten Brause, doch kaum sah er sich mit der Parade von Lipgloss, Abschminktüchern, Eau de Parfum, Schwämmen, Haarbürsten, Cremes, Sprays, Body Lotions, Schmuckkästchen und profanen Mitbringseln von Cluburlauben auf Bali, Fächern, Masken, duftenden Seifen in Gestalt feister Miniaturbuddhas konfrontiert, nahm er Reißaus. In den Spiegel zu blicken: das hatte er nicht gewagt.
Wulfestieg warf sich in seinen knittrigen Anzug, rollte die Krawatte zu einer Schnecke, steckte sie in die linke Sakkotasche, fuhr sich über das stoppelige Kinn, griff nach dem Trompetenkasten, den er im Flur abgestellt hatte. Er streichelte über die schwarze Hülle: voller Zärtlichkeit. In der Küche suchte er nach einer Notiz von Simone, aber er konnte nichts entdecken. Als er unten auf der Straße (er befand sich vermutlich irgendwo im Hansaviertel) die Müllmänner sah beim Hochwuchten der schweren Tonnen, bekam er ein schlechtes Gewissen, weil er so lang geschlafen hatte, ein ganz und gar grausames Schuldgefühl, bei dem sein Nacken steif und hart wurde wie ein Brett. Jetzt fiel ihm ein, dass er gestern vergessen hatte, seine Medikamente zu nehmen. Scheiß drauf. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es war schwül, und es gab für ihn kaum etwas Schlimmeres als einen starken Kater bei großer Hitze, außer vielleicht einem noch stärkeren Kater bei noch größerer Hitze oder einem wirklich gigantischen Kater bei wirklich gigantischer Hitze, wie er das einmal bei einem ihrer Konzerte in Wien erlebt hatte. Vor dem Stephansdom hatten die Fiakerpferde durchgedreht. Würstelstände gingen in Flammen auf. Menschen stürzten sich verzweifelt in den Donaukanal am Schwedenplatz. Tauben fielen gegrillt vom Himmel. Sogar die verwöhnten Madln aus der Wiener Bussibussigesellschaft ließen sich dazu herab, das Arbeiterstrandbad aufzusuchen, wo sie von dubiosen ungarischen Lebemännern mit viel Tagesfreizeit nach Strich und Faden verwöhnt wurden. Die Kaffeehäuser waren geschlossen. Die Klimageräte ausverkauft. Das Riesenrad stand still. Sie hatten einen Auftritt im Birdland, zu dem kaum jemand kam, weil es einfach zu heiß war für Bebop & Co, und sie obendrein keiner kannte. Er wollte ein Autogramm von Zawinul, aber der Meister war nicht da, hockte bei dem Wetter lieber in seinem Heurigenstammlokal in den sanften Hügeln von Stammersdorf. Das Ganze war ein einziges Fiasko. Wulfestieg sehnte sich ans Meer. Weißt du noch? diese Piz Buin-Sommerferien? die Sonnenschirmchen hockten wie buntgestreifte Pilze im Sand, am Himmel flatternde Drachen, Eisverkäufer und Luftmatratzen, Rücken und Nasen von zarten Mütterhänden eingecremt, Sandburgen, Muscheln und ein feiner weißer Sand rieselnd zwischen den Pobacken, das Plärren der Kofferradios, und diese herrlich leichte Brise von Nordnordwest, die er in diesem Moment so sehr vermisste.
Wulfestieg hob seinen Trompetenkasten in die Höhe: ein schüchternes Signal der Selbstvergewisserung und Selbstbestätigung. Schließlich betrat er eine Telefonzelle. Noch hatte er die Hoffnung, den für fünfzehn Uhr angesetzten Termin in dem Tonstudio verschieben zu können. Doch in der Zelle gab es nicht einmal einen Hörer. Dafür roch es nach Urin.
Zwei Wochen später sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Wulfestieg seit sechs Uhr morgens auf den Beinen: übt im Viktoriapark mit seiner Trompete. Trägt helle Hosen und schwarzes T-Shirt, Turnschuhe. Hat seit Tagen kaum etwas getrunken. Zweidreivier Wodka vielleicht, ein paar Bier, also praktisch so gut wie nix.
Am Junihimmel freundliche Schäfchen, die Temperatur angenehm, das Lüftchen lau, die Welt offen, die Zukunft vielversprechend. Das Goethe-Institut hat sich gemeldet, eine Frau Doktor Sprenger-Dahlmann. Man will ihn als künstlerischen Ambassador für eine Woche ins Ausland schicken. Nach Tunesien. Wulfestieg und sein Sextett im Rahmenprogramm. Das wird anspruchsvoll. Deutsches Kulturschaffen. So eine Art Wiederauflage von Noon in Tunesia, unter anderen Vorzeichen, mit anderen, eher unbekannten Musikern, Sie verstehen schon, hatte die Sprenger-Dahlmann am Telefon gesagt. Ambassador? Welche Ehre. Darauf müsste man direkt einen trinken. Wulfestieg als Botschafter Deutschlands im fernen Afrika. Hilde hat sich gleich gefreut. Die Operation gut überstanden, ist sie jetzt wieder an Deck. Voller Pläne und Ideen. Rastlos. Sie raucht, probt fürs Theater, gibt Interviews, kümmert sich um die arme Christina, deren Onkel er ist. Der Geschenkte Gaul verkauft sich immer noch wie geschnitten Brot. Die Scheidung läuft.
Wulfestieg spielt mit den Ventilen, macht sich locker. Ein paar Krähen beobachten ihn. Flattern davon, als er in die Trompete stößt, steigen auf in einen Himmel, der so weit ist, dass es einem das Herz zerreißt. Wulfestieg fühlt sich frei an diesem Morgen. Er möchte fliegen, spielt, was ihm gerade in den Sinn kommt, improvisiert drauflos. Der eine oder andere Neugierige hat sich eingefunden, eine ältere Dame, die von ihrem Dackel Gassi geführt wird, ein Eichhörnchen und ein giftgrün gekleideter Fitnessjünger mit Stirnband, der nun auf der Stelle trabt, um Wulfestieg interessiert beim Spielen zuzusehen. Wulfestieg hält die Augen geschlossen, genießt das freie Spiel der Kräfte seiner Finger und seiner Lunge und seiner Gedanken. Wenn er die Augen öffnet, sieht er besagten Himmel und das Glitzern der Morgensonne in den Wipfeln, und gelegentlich einen Flieger im Anflug auf Tempelhof. Es riecht nach Moosen und nach Sommer. Die Amseln tragen heute rote Schleifchen.
Noon in Tunesia, darf das denn wahr sein? Wulfestieg sieht sich in Hammamet, einen roten bommeligen Fez auf dem Kopp, in einem Suq in einer verschwiegenen Gasse in einem Teehaus in einem stillen Hinterhofgärtchen in einer lauen Nacht in einem Jahr voller neuer Hoffnungen, Zikaden und Jasmin, die Frauen sind schön, ihre Haut hat die Farbe von Olivenöl, ihre Nasen sind spitz, Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, und eine davon ist seine Geschichte, Wulfestieg erzählt sie mit seiner Trompete, deren Klang von den Mauern der alten Stadt widerhallt. Noon in Tunesia: Salhé und Maghreb Cantata, Is Tikhbar und Ghitta, Alaji und Djerbi, M‘rabaa und Buanuara, Fazani und Nemeit. Er hatte sich die LP aus der Jazz Meets The World-Serie mit den Stücken von George Gruntz, Jean-Luc Ponty, Sahib Shihab und The Bedouins damals gleich gekauft, kurz nach ihrem Erscheinen vor acht oder zehn Jahren. Eberhard Weber am Bass, Daniel Humair, Drums. Nach dem Anruf des Goethe-Instituts hatte er die Platte hervorgekramt und aufgelegt. Es war lange her, seit er sie das letzte Mal gehört hatte. Noon in Tunesia ist der erste Part auf der ersten Seite der ersten von zwei LPs in einem Cover, das einen geöffneten Globus vor einem blauen Hintergrund zeigt, die untere Hälfte der Erdkugel zu einem Phantasie-Blumentopf verfremdet, aus dem eine Pflanze herauswächst. Auf den LPs sind Produktionen aus allen möglichen Ländern zu hören: Japan, Indien, Brasilien und so weiter. In drei Monaten sollte es losgehen, Ende September, dann ist es auch nicht mehr ganz so heiß da unten, hatte Frau Doktor Sprenger-Dahlmann noch gesagt und Wulfestieg und seine Truppe schließlich zu einem Vorgespräch nach Köln eingeladen, Reisekosten, Hotel, alles vom Goethe-Institut bezahlt.
Später. Wulfestieg auf der Straßenterrasse eines verschnörkelten Cafés am Mehringdamm. Den Trompetenkasten hat er vor sich auf dem Tisch, fest im Blick, jederzeit griff- und einsatzbereit: Ein Soldat trennt sich nie von seiner Waffe. Ein silbriger Gentleman mit Sonnenbrille spricht ihn an, Wulfestieg winkt ab (freundlich, aber bestimmt), nippt an seinem Espresso, blättert in der BZ. Soso: Von BMW gibt´s jetzt ein neues Cabriolet. Juwelenraub am Tauentzien: Täter entkommt in der Unterhose. Der neue Beate Uhse-Katalog ist endlich da (und schon fast wieder vergriffen). In Pullach wird ein Ex-Vopo in die Mangel genommen (das Kanzleramt gibt sich bedeckt). Der Zoo sucht nach einem Namen fürs Giraffenbaby. Südtiroler Murmeltiersalbe gegen Fußpilz, DM 3,49 die Tube. Deutscher Er (63) sucht deutsche Sie für sinnliche Freizeitgestaltung mit Sauna und FKK (Alter und Aussehen egal). Immer mehr falsche Fuffziger im Umlauf. Schockemöhle bloß Dritter.
Wulfestieg denkt nach. Er führt ein Zwiegespräch mit einem Schweinehund, der irgendwo tief in ihm drinnen haust. Er fragt sich. Er fragt sich, ob er sich einen Cognac gönnen sollte, könnte, dürfte, müsste, möchte. Ein Konjäckchen? oder gleich zwo? Darauf einen Dujardin. Oder einen Dubonnet? Aber hier gibt´s auch Besseres. Wodka. Gin (Wulfestieg kennt die Karte ausm Effeff). Einen Mokka Flipp vielleicht? Eden Rocks? Red Velvet? Einen Martini Cocktail? Blue Curacao? Am allerallerliebsten die Karte rauf und runner. Doch es ist noch früh, zu früh, viel zu früh, und Wulfestieg weiß das. Schweinehund: vielleicht ein Bier? Ein Baliner geht doch imma, wa? gegen ein Bierchen wird doch wohl niemand was einzuwenden haben! Wulfestieg: runzelt die Stirn, fährt sich durchs Haar, streichelt den Trompetenkasten wie ein Kind sein Spielzeug. Schweinehund: komm schon, hab dich nicht so, einer geht immer! Wulfestieg: kämpft mit sich.
Ein Bolle-Lieferwagen versperrt ihm jetzt die Sicht aufs Geschehen am Mehringdamm. Dort tut sich einiges an diesem lauen Westberliner Vormittag. Hupen und Abgase. Geschäftige Aktentaschen hetzen zum U-Bahn-Abgang. Vorm Blumenladen kippt ein Eimer Wasser in die Gosse. Tätowierte Muskelmänner balancieren Kartons in die Buchhandlung nebenan. Das geht ruckzuck. Auf der Litfaßsäule am Eck der Kopf eines Schauspielers in der bedrohlichen Larve Heinrichs des Vierten. Schon oft hatte er Plakate gesehen, die seine berühmte (Halb)Schwester zeigten, die ein Konzert ankündigten oder einen Film oder eine Lesung oder eine Show im Zweiten Deutschen Fernsehen oder Werbung für die Seife der Marke Lux. Hilde war ihm dann immer als ein ganz und gar fremder Mensch vorgekommen. Eine Frau, die er nicht kannte und die er nie zuvor gesehen hatte. Eine Unbekannte. Musik ist Trumpf. Jeder stirbt für sich allein. The Verdict. Ich brauch Tapetenwechsel. Film ohne Titel. Das sollte seine Schwester sein? die Frau dort auf dem Plakat?
Wulfestieg gibt dem Kellner ein Zeichen. Er schwankt zwischen Zahlen bitte! und Ein Pils bitte!, entscheidet sich dann doch für das Letztere, bleibt also hocken in dem Lokal am Mehringdamm, wo nun der Kellner ein hübsches kühles blondes süffiges und mehr oder weniger erstklassig gezapftes Nullviererpils auf den Tisch pflanzt, während Wulfestieg (der natürlich gleich einen ausgesprochen selbstbewussten Schluck nimmt und ohne Umstände ein weiteres Bier ordert) wieder an das Tunesienprojekt denkt und sich zum Beispiel fragt, ob in solchen Ländern eigentlich Alkoholverbot herrscht, was weniger schön wäre, wobei Wulfestieg davon ausgeht, dass die fähigen Leute vom Goethe-Institut schon für eine standesgemäße Unterbringung in einem internationalen Nobelhotel sorgen werden. Wolln wirs mal hoffen, denkt Wulfestieg und genehmigt sich wieder einen tüchtigen Schluck. Mann, wie gut das jetzt tut! In dieser Hotelbar in Tunis oder Hammamet werden sie wohl einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Noon in Tunesia. An der Decke drehen sich goldene Ventilatoren. Nachtfalter flattern zwischen Palmwedeln herum. Eiswürfel klirren (gibt es ein schöneres Geräusch?). In plüschigen Sesseln hocken Businessmen und französische Geheimdienstler. Am Piano ein Geschniegelter ganz in Weiß. Der Barmann war schon mal in Deutschland: hat ne Tante in Bingen am Rhein. Sekretärinnen von der britischen Botschaft sind auch da. Hübsch, wie sie mit ihren übereinander geschlagenen Beinen wippen.
Inzwischen ist es elf Uhr dreißig. Wulfestieg bestellt sich einen Strammen Max. Heut könnt er Bäume ausreißen. Vorerst verscheucht er jedoch nur eine Wespe, die an seinen Schinken will. Auf dem Trottoir flanieren schicke Handtaschen vorüber. Ein Doppeldecker der Linie 45 klemmt hinter einem Jeep der Military Police, der wiederum hinter einem LKW von Kaiser´s, der in zweiter Reihe steht, weil´s anders nun mal nicht geht, wat soll ick machen, ruft der Kaiser´s-Fahrer und tippt sich an die Stirn (was sich ja nun auch nicht gehört). Zwei Rollstühle liefern sich obendrein ein Wettrennen, sehr gewagt, Wetten werden noch angenommen. Wulfestieg auf seinem Posten am Tisch in der zweiten Reihe nimmt das alles mit jener Gelassenheit wahr, die ihre Ursache bekanntlich in einer der angenehmeren Wirkungen des Alkohols hat. Wulfestieg hat jetzt ein Gefühl als wären er und die Welt in Watte gepackt. Bring mir doch mal nen Bommi, sagt er zum Kellner, der gleich davonspringt, um die Bestellung des Stammgastes auszuführen. Musiker sollte man nicht warten lassen. Geben Sie dem Mann am Klavier noch ein Bier, diese bekannte Devise gilt selbstredend auch für den Mann mit der Trompete. Der Bommerlunder so kalt wie der Blick des Mannes, der ihm mal eine verpasst hatte wegen irgendeiner Kleinigkeit. Die unschöne Sache endete mit jeweils einem Veilchen und einer halben Nacht auf der Wache am Bahnhof Zoo. Der halbgare Typ war nach einem Auftritt in einem Schuppen in der Uhland handgreiflich geworden. Hatte sich nicht abschrecken lassen von seinen Einsdreiundneunzig und seinem Status als tragendes Mitglied einer Jazzband. Hatte darauf bestanden, die Angelegenheit gleich jetzt und hier und an Ort und Stelle zu regeln. Hatte die Fäuste geballt und Dreck in den Mund genommen. Hatte den Zeigefinger auf ihn gerichtet: disch mach isch fertig, du Wichser! Lange her das Ganze, vergeben und vergessen. Frauen, Schnaps und lange Nächte, dunkle Gassen, harte Fäuste und Hinterhöfe voller Mülltonen und Taubendreck, das Veilchen war nach drei Tagen so gut wie verschwunden dank Hildes barmherziger Bemühungen mit Wattebausch und Dr. Hofmanns Kräutercreme. Was machst du nur immer, Heinz? Du weißt doch, dass ich auch ohne dich schon genug zu tun hab, Christina auf Krücken, der Mann mit ner andern im Bett, ich jeden zweiten Tag zum Durchleuchten, zum Abtasten, zur Stuhlabgabe, und dann noch die Presse, die mich in der Luft zerreißt als wär´s noch Neunzehnhundertzweiundfünfzig! Sie hatte ihm die Leviten gelesen, und das zu Recht, er hatte es verdient. Hilde hatte ihm sogar mit ihrer bayerischen Geistheilerin gedroht, dieser grottigen Frau Heilmaier, wenn er sich nicht bessern würde, die Höchststrafe, kosmische Strahlen und so, dass du an sowas glaubst, hatte er zu Hilde gesagt, aber die hatte sich nicht beirren lassen. Ihr Kind, Christina, seine Nichte, war damals mit dabei gewesen in dem mattgrün verfliesten Badezimmer. Während Hilde ihm wieder was aufs Auge gab, hatte Tinta ihren Onkel angegrinst, ihre Späßchen gemacht mit seinem inzwischen ins Violette changierenden Veilchen, steht dir wirklich gut, Heinz, das muss man dir lassen, damit siehsde aus wie Bubi Scholz. Er hatte seine Nichte an sich gedrückt und ihr einen dicken Schmatz auf die Stirn gegeben. Später hatte er ihr dann noch ein paar Takte vorgespielt, was natürlich wieder Ärger mit den Nachbarn nach sich gezogen hatte, immerhin wars zwei Uhr und somit Mittagsruhe. Siehe Hausordnung, Paragraf drei. Der Kellner bringt Wulfestieg ein neues Bier und einen neuen eiskalten Bommerlunder: Der Tag ist jetzt ganz zartrosa wie das Innere von nem schön englisch und gerade richtig gebratenen Filet, sanft wie Watte und weich wie Butter ist der Tag, ein Spatz hat sich auf seinen Kopf gesetzt, die Schafe am Himmel liefern sich ein Rennen vor lackblauen Himmeln, heut soll´s noch rote Rosen regnen. Wulfestieg streckt die Muskeln, entspannt sich, er fühlt in sich eine plötzliche Größe, so als wär er mit einem Mal Chet Baker oder Bird Parker in einer Person, er wirft einen messerscharfen Blick zu der Mieze am Nebentisch, Plateausohlen vom Leiser am Kudamm und Batikshirt vom letzten Trip nach Madras, Sommersprossen, spitzes Näschen, zum Nachtisch genau das richtige, denkt Wulfestieg, die Empfehlung des Tages, was die wohl mit sich machen lässt? Wulfestieg dreht seinen Trompetenkasten in Richtung der Schönen, ein kleiner, phallisch geprägter Angriff, soll der Kleenen wohl signalisieren, dass sie es hier mit einem der ganz coolen Jazzer zu tun hat, darf ich dir mein Instrument zeigen, Babyschätzchen? Doch da hockt sich auch schon einer zu ihr hin: Freund und Verehrer im gleichen Alter und selben Semester, ein Langhaariger mit Taxischein und Bafög, nun also: das war nüscht. Doch der Tag ist ja noch jung, und endlich rafft Wulfestieg sich auf, zahlt die Rechnung und legt ordentlich was drauf für Andy, den Kellner, der ihm einen schönen Tach noch wünscht. Wulfestieg greift zu seinem Trompetenkasten, geht ab von der Bühne, na dann: bis zum nächsten Mal.
Wulfestieg steigt in Wilmersdorf ausm Bus. Wohngegend mit Park und Springbrunnen und Weißbrotresten für die Tauben. Die Gehwege ansonsten aber pikobello. Der Trompetenkasten schwingt an seiner Rechten, auf den Lippen hat Wulfestieg ein fröhliches Liedchen, wenn man ihn so sieht, sollte man nicht meinen, dass er schon fünf Bierchen und drei Bommerlunder intus hat. Der verträgt ja ganz schön was, das muss man ihm lassen, dem Wulfestieg. Also alles in Butter.
Sybille öffnet auf zweimaliges Läuten. Bergmann steht krakelig (blauer Kuli) am Klingelbrett. Er dann rauf ins zweite Altbau-OG. Immer zwei Stufen auf einmal. In der Rechten ein hübsches Sträußchen. Das Treppenhaus ist frisch gebohnert. Hier herrscht Ruhe und Ordnung, junger Mann! Fast wäre er über einen Kinderwagen gefallen. Oder war´s ein Kinderfahrrad? Egal: ging ja gerade noch mal gut.
Sybille, mit achtundzwanzig immerhin dreizehn Jahre jünger als der zuweilen doch recht unerwachsene Wulfestieg, gehört zu den Frauen, die sich leider nichts sagen lassen. Am allerwenigsten von einem Mann. Sybille weiß, was sie will, hat einen eigenen Kopf, Ziele fürs Leben, eine politische Meinung, ein eigenes Einkommen, einen Foxterrier namens Fipps undsoweiterundsofort. Sybille: ein brünetter Frechdachs, den er vor ein paar Monaten beim Schlendern durchs KaDeWe kennengelernt hatte. Sybille hatte mit dem Kopf geschüttelt, als sie ihn sah, wie er gerade, ein wenig ungeschickt und hilflos, zur Anprobe in ein Sakko geschlüpft war, Herrenkonfektion dritte Etage, wo sie sich mehr oder weniger einfach so und ohne Grund, ziel- und planlos hatte treiben lassen während ihrer Mittagspause (eigentlich wollte sie nach einer neuen Armbanduhr sehen).
Wulfestieg war da also an der Seite des Maßband schwingenden Verkäufers vor einem dieser fahr- und kippbaren Probierspiegel gestanden, in ziemlicher Entfernung wegen seiner Basketballerdimensionen, die den Kleiderkauf ja ohnehin schwierig machten, und Sybille hatte sich einfach danebengestellt, als würde sie dazugehören, hatte wie selbstverständlich eine kritische Miene aufgesetzt und beiden, Wulfestieg wie dem Verkäufer, klipp und klar zu verstehen gegeben, dass diese Wahl doch wohl nicht ihr Ernst sein kann, steht ihm nicht, passt ihm nicht, sitzt nicht, Farbe unmöglich, zu teuer für die Qualität (wie gesagt: Sybille gehört zu den Frauen, die wissen, was sie wollen und die sich in den Dingen des Lebens bestens auskennen).
Als ausgesprochen gewiefte Füchse wissen es die schnittigen Verkäufer in der Herrenoberbekleidung bekanntermaßen sehr zu schätzen, wenn eine Frau auf den Plan tritt. Da wird dann gerne schon mal tiefer in die Tasche gegriffen. Auch in diesem Fall war der Verkäufer ein erfahrener Stratege, der in einer Sekunde schnallte, wer hier das Sagen hatte. Offenbar ging der KaDeWe-Mann davon aus, es mit einem Paar, verheiratet oder nicht, man ist ja nicht so, zu tun zu haben. Der Verkäufer rollte deshalb sein Maßband zusammen und bestätigte der Kundin ihre Kennerschaft und ihren ausgezeichneten Geschmack in Sachen Herrentextil. Wollen Sie sich einfach mal umschauen? Bitteschön, unsere Übergrößen, gleich da drüben.
Jetzt hatte Sybille Gelegenheit, sich den Mann, dem sie da textil- und modemäßig ins Leben griff, etwas genauer anzusehen. Sie hatte noch nie etwas mit einem derart großgewachsenen Kerl. Ein Riese. Ein freundlicher Riese. Gentle Giant. Könnte interessant werden. Hat ein nettes Gesicht. Augen. Lächeln. Nase. Kinn. Hände. Schultern. Brustpartie. Das passt alles ganz gut und schön zusammen. Der wird mich ganz hübsch rannehmen.
Zwanzig Minuten später waren Sybille und Wulfestieg gemeinsam die Rolltreppen hinabgefahren, im mittäglichen Gewühle und Geschiebe des Konsumtempels, in Wulfestiegs linker Hand eine (über)große Tüte mit dem neuen Sakko, grau und Fischgrät und schließlich von Sybille als einziges Modell akzeptiert. Ein glattrasiertes Lächeln vom Verkäufer quittierte den für beide Seiten erfolgreichen Abschluss. Einen schönen Tag noch, und beehren Sie uns bald wieder! Man ging ein Eis essen. Allerdings musste es schnell gehen: Sybille wurde wieder in ihrem Büro erwartet, RA-Kanzlei Schönberger Wollin Ott in der Motzstraße, Wirtschaftsstrafsachen, Steuerrecht, solche Sachen eben, komplexe Dinge, von denen nicht nur Wulfestieg keinen blassen Dunst hat.
Für den folgenden Samstag hatte Wulfestieg Sybille dann zu einem seiner Konzerte in einen Club nach Dahlem eingeladen. Du kommst doch, oder?
Sie kam, und sein Spiel hatte sie nachhaltig beeindruckt, auch wenn Sybille von Bebop und Cool und Neo-Bop und modalem Jazz und dem ganzen Kram da noch keine Ahnung hatte, sondern bloß zuhörte, was ja schon ne ganze Menge ist, wenn man´s richtig bedenkt.
Sie hatten wirklich phänomenal gespielt an jenem Abend,
Bernd am Klavier!
Klaus am Bass!
Andrew an den Drums!
Sergej am Tenorsax!
Michael an der Gitarre!
und
Heinz Wulfestieg an der Trompete!
die er mit aller Kraft in den acht Meter hohen verqualmten Stuckhimmel der Kneipe streckte, was für ein goldener Glanz da war auf dem Trompetenblech, Glitzer und Glitter im gleißenden Strahl der Scheinwerfer, er hatte die Augen geschlossen, die Modulationen waren perfekt, er war jetzt Don Cherry, Kenny Wheeler und Wynton Marsalis in Personalunion gewissermaßen, er spürte wieder diese gewaltige Kraft in sich, die es braucht, um ein großer Künstler zu sein, seine Finger waren über die Ventile geflitzt, so locker und geschmeidig, wie schon lange nicht mehr, der Laden hatte gebebt, bei Andrews Solo-Einlagen waren die Kartoffeln in der nahen Domäne Dahlem im Dreieck gesprungen und im Botanischen Garten hatten die Eichhörnchen und die Feldmäuse zu ihren heißen Rhythmen zu tanzen begonnen, was für ein Abend, das war ihre beste Session seit langem, zwei Stunden und einundzwanzig Minuten, zwei Zugaben, und die Leute hatten noch immer nicht genug. Mann, hatte Sybille später zu ihm gesagt, ihr habt´s aber wirklich drauf!
Jetzt sitzt Wulfestieg in Sybilles Küche zwischen Kräutertöpfen und sündteuren Bratpfannen made in France. Sybille hat einen Klecks Schlagsahne auf der Nase, es gibt Erdbeerkuchen. Wulfestieg hätte zwar lieber ein Bier, will aber keinen Ärger. Sybille wusste inzwischen, dass er der Halbbruder von Hildegard Knef war. Was nicht selbstverständlich ist. Wulfestieg hatte ihr diesen für sein Leben nicht gerade unwesentlichen Tatbestand bei ihrer zweiten oder dritten Verabredung erzählt. Wulfestieg lag es fern, sich im Rampenlicht seiner berühmten Schwester wichtig zu machen. Blendende Sonne. Dunkle Schatten. Aber es war manchmal eben nicht zu vermeiden, dieses Thema anzusprechen. Es lag ihm verständlicherweise stets auf der Zunge, er wollte es loswerden, zur Sprache bringen, aber beileibe nicht jede und nicht jeder kamen in den Genuss, von Wulfestieg in das Geheimnis seiner komplexen Familienverhältnisse eingeweiht zu werden. Wulfestieg hatte nachgedacht: Das mit Sybille ließ sich ganz vielversprechend an, und vielleicht wurde ja mehr draus, auch wenn Langfristigkeit in Bezug auf Frauen nicht gerade zu seinen Stärken gehörte. Man wird sehen.
Die Knef? Die Nackte aus dem Film? Die mit dem Geschenkten Gaul? Und weil´s genau die war, die Knef eben, hatte er an jenem langen Abend bei Rotwein und französischem Käse vom Butter Lindner und vielen Zigaretten und hockend auf einem Flokati in Sybilles Wohnzimmer erzählt, wie das war und wie das ist mit ihm und seiner Halbschwester, die ja eine Tochter hat, wie du weißt, Christina Antonia, kurz Tinta, der Vater bekanntlich dieser britische Schönling, von dem Hilde inzwischen geschieden ist, hatte Wulfestieg erklärt, Gottseidank, ich konnte den Typen nie leiden. Auf dem Plattenteller hatten sich die Sultans of Swing gedreht, Fipps hatte ihnen Gesellschaft geleistet, sich von Sybille den Nacken kraulen lassen, große Ohren gemacht und, wie sein Frauchen, erfahren, dass der Vater von Heinz der zweite Mann von Hildegards Mutter Frieda gewesen war und Wilhelm hieß. Vor Sybilles Augen entsteht eine Welt in unscharfem, verschossenem Schwarzweiß. Da ist ein wuchtiger Mann mit groben Pranken und schwarzen Fingernägeln in einer Werkstatt, wo´s nach Terpentin, Leder und Erdal riecht, eigentlich ein schöner Geruch, geht in die Nase, steigt in den Kopf, vernebelt einem die Birne, und wenn man Kaffee trinkt, dann schmeckt der nach Schuhwichse. Wenn Heinz nach der Schule seinen Paps besucht, muss er hartnäckige Knoten aus Schnürsenkeln puhlen, Schnürsenkel nach Farben, Längen und Stärken sortieren, gerundet oder flach, muss Schnürsenkel aufrollen, muss Schnürsenkel in Ösen einführen, aber richtig, pass doch auf, Junge! Das mit den Schnürsenkeln ist wohl eine ganz eigene Wissenschaft. An den Wänden ringsum eselsohrige Werbeplakate mit dem Frosch von Erdal, ein gerahmtes Bild mit einer oberbayrischen Landschaft, bekanntlich ein beliebter Sehnsuchtsort der Großstädter, der Meisterbrief von 1921, und, gut sichtbar für die Kunden, Flugblätter mit Tipps zur richtigen Pflege von Schuhwerk aller Art. Aus dem Grätz-Empfänger, der in einem Eckregal steht, Goodbye Johnny und Ich wollt ich wär ein Huhn und Davon geht die Welt nicht unter. Wenn der Goebbels zu brüllen anfängt, wird das Radio abgedreht: Schnauze! Das Werkzeug des Vaters ist fein säuberlich geordnet. Alles liegt griffbereit, Leisten, Ahlen, Zangen, Messer, Bohrer. Schuhe gibt´s ja so viele verschiedene wie Menschen auf der Welt leben, sagt Wilhelm Wulfestieg zu seinem Sohn bei ner Butterstulle am Nachmittag. Jeder Schuh hat eine Geschichte zu erzählen, sagt der Vater. Nimm zum Beispiel diese hier. Sind aus Mailand. Sohle links muss neu. Hübsch, nicht wahr? Gehören einer Dame hier aus Friedenau, die is was Besseres, aber zeigt´s nicht, das gefällt mir. Damit stöckelt sie in die Oper und übern Kudamm und ins Restaurant, wo die Männer gleich mal Stielaugen bekommen wegen der eleganten Treter, aber dafür bist du noch zu jung, mein Junge, das kommt alles noch, wart mal ab. Heinz nimmt einen Schluck von der Buttermilch. Schuhe haben eine Menge zu erzählen, und Heinz hört gern die Schuh- und Menschengeschichten vom Vater. Der hat das Paar feiner Damenschuhe inzwischen beiseitegestellt und in das Regal mit den Herrenschuhen gegriffen, die noch auf ihre Reparatur warten. Er nimmt ein Paar Budapester zur Hand, die an den Hacken schon ganz abgenudelt sind. Gehören an die Füße von Dr. Koerber, sagt der Vater, der ist Arzt, Professor, der versteht was von Qualität, weshalb er ja auch zu uns kommt und nicht zu irgendeinem Schuster irgendwo. Was meinst du, wo die Schuhe schon überall waren? Die halten ewig und sind in der halben Welt herumgekommen, sagt der Vater, die haben das Deck eines Überseedampfers berührt und sind auf den Straßen von Buenos Aires spazieren gegangen, sagt der Vater, oder auf dem Markusplatz, der ist in Venedig und voller Tauben und Menschen. Professor Koerber trägt die Schuhe, wenn er einem Patienten eine schlechte Nachricht mitzuteilen hat, und genauso, wenn er mit seiner Frau ins Theater geht. Wilhelm Wulfestieg schaltet den Radioapparat wieder ein, wo grad Reklame läuft. Der Vater dreht am Senderknopf, setzt sich wieder und hat jetzt ganz klobige mächtige und direkt unheimliche Halbstiefel aus festem schwarzem Leder in der Hand. Der Mann, dem die Schuhe gehören (der rechte Absatz fehlt), muss ganz schön stark sein, denkt Heinz. Das sind Schupostiefel, erklärt der Vater, da steckt die Staatsgewalt im Schaft, schau mal, wie gut die gemacht sind, die Nähte doppelt und dreifach, die Spitzen verstärkt, wenn du damit einem Dieb in den Hintern trittst, na danke! Vater und Sohn müssen lachen. Im Radio singt Heinz Rühmann von stolzen Frauen. Nu geh mal nach Hause, hast ja sicher was für die Schule zu tun. Klapps auf den Hinterkopf und ab.
Mein Vater ist 1952 hier in Berlin gestorben, hatte Wulfestieg gesagt, da war ich siebzehn und Hilde siebenundzwanzig, verheiratet mit dem Hirsch und schon berühmt mit Titelbild im Stern und dem ganzen Rummel, ein Mädchen im Rampenlicht, Achtung bitte, Kamera ab, Klickklickklick!klickklickklickklick! Hilde und ihre Mutter haben oft im Laden mitgeholfen, und einen Lehrling gab´s auch, der hieß Bodo und war ein schlimmer Finger, der Frösche aufgeblasen hat und solche Sachen, am Bolzplatz stand der im Tor, und nach den Spielen haben die sich immer gekloppt mit irgendwelchen Jungs, die Hitler gut fanden. Keine Ahnung, ich war noch zu jung für den ganzen Scheiß.
Und dann? Später? Wulfestieg hatte Sybille den schlafenden Terrier abgenommen. Später, so um Dreiundvierzig, wurden meine Mutter und ich evakuiert, nach Uelzen, Hilde ist bei ihrem Stiefvater geblieben, sie hatte ja ihre Schauspielschule in Babelsberg, mit Stipendium, konnte nicht weg, was ja auch gut für sie war, denn von da an ging´s weiter mit der Karriere, während ich mich in Uelzen gelangweilt hab und zur Schule musste und kaum Freunde hatte, immerhin gab´s ab und zu mal ein paar Bomber am Himmel zu sehen, da sind wir dann immer raus gerannt, die Pfote an die Stirn geknallt wegen der Sonne. Meine Mutter, unsere Mutter, hat sich mächtig Sorgen gemacht wegen Berlin. Bitte begeben Sie sich in die Luftschutzeinrichtungen! Bitte begeben Sie sich in die Luftschutzeinrichtungen! Leisten Sie dem Aufsichtspersonal unbedingt Folge! In Uelzen hatten wir´s ruhiger, später waren dann die Engländer dort, ich hab meine Schwester und meine Mutter erst nach dem Krieg wiedergesehen, Sechsundvierzig war das, da hat sie mit der DEFA gedreht, Die Mörder sind unter uns. Diesen Film hatte Sybille natürlich gekannt aus dem Fernsehen. Wie hübsch die Hilde da war, und ihr Bruder jetzt bei mir, seltsam. Dann hatte Fipps zu knurren begonnen, sie mussten mit ihm noch Gassi gehen, obwohl´s schon verdammt spät war, nach Mitternacht, und er sein Geschäft sonst viel früher macht. Aber es war angenehm an der frischen Luft, und Wulfestieg hatte sich gefreut, Sybilles linke Hand in seiner rechten zu spüren. Love makes the world go round.
Wulfestieg hilft Sybille jetzt beim Abwasch. Die Reste von der Erdbeertorte wandern in den Kühlschrank. Dann geht er in das Badezimmer, nimmt seine Tabletten. Medikamente fürs Herz, muss sein, geht nicht anders. Im Spiegel betrachtet er sein Gesicht. Müde Augen, ein paar neue Falten, was soll´s? Das Thema Tunesien ist heikel. Sie haben darüber gesprochen, und Sybille sieht sich schon in einem neuen Bikini am Strand. Aber er will sie nicht mitnehmen. Will allein sein. Will niemanden außer der Band dabeihaben. Er ist ein Abenteurer, und Sybille sollte das wissen. Er möchte proben, auftreten und nach den Vorstellungen mit den Jungs an die Bar des Hotels, wo die französischen Geheimdienstleute und die Sekretärinnen von der britischen Botschaft auf rotem Plüsch herumlümmeln. Noon in Tunesia: Das kann ich nur allein machen, das ist mein Ding, das musst du verstehen, sagt er zu Sybille, die einen Flunsch zieht. Komm, gehen wir ein Bier trinken, den Hund können wir ja mitnehmen. Er berührt Sybille am rechten Arm, der gleich zurückschreckt, als wär seine Hand was Schlimmes.
Sie ist dann doch noch mitgekommen: in die Kneipe oben in der Konstanzer Straße, wo noch offen war und er ihr gleich versprochen hat, hoch und heilig gewissermaßen, sie demnächst einmal mitzunehmen zu Hildegard und ihrem neuen Mann, Paul von Schell. Die werden dich mögen, da bin ich sicher. Wulfestieg ist froh, Tunesien fürs erste hinter sich lassen zu können. Sybille macht sogar Scherze, von wegen eines Autogramms, um das sie die Knef auf keinen Fall bitten wird, ich bin doch nicht albern, sagt sie, mach ich auf gar keinen Fall, sagt sie. Wulfestieg lächelt: Machst du doch, wetten? Sogar Fipps ist davon überzeugt. Der Foxterrier nickt mit dem zottigen Köpfchen, schlabbert dann weiter aus dem Napf unterm Tisch. Auch Wulfestieg nimmt einen Schluck, starrt durch muffigen Bierdunst kalten Rauch alten Schweiß hinüber zur Kneipentür mit dem kupferfarbenen Bullauge, durch das ein einsames Nachtschwarz hereinsickert. Wulfestiegs Blick geht weiter zu den neben der Tür pausenlos ratternden gelb und rot blitzenden Drehscheiben des Spielautomaten, Äpfel Birnen Orangen Geldsäcke, es blinkt und scheppert und klingelt, kleine Münze, Restbestand der Sozialhilfe, wandert in die gierigen Schlitze, die beiden in fadenscheinigen militärgrünen Cordhosen steckenden Spieler nehmen das Ganze äußert gelassen: Fünfzehn blaue Kugelschreiberstriche hat jeder schon auf seinem Schultheissdeckel, in diesem Lokal kann man bekanntlich anschreiben, Bulette und Salzgurke heute nur Einsfuffzich, aus unsichtbaren Lautsprecherboxen Rex Gildo mit Fiesta Mexicana, zum Glück nicht allzu laut, immerhin ist es schon spät.
Wulfestieg kann die bunt rotierenden Dinger gar nicht mehr aus den Augen lassen, alles dreht sich, alles bewegt sich, bunt, blinkend, blitzend, in Wulfestiegs Kopf verwandeln sich die Automatenscheiben in Schallplatten: von Jazztone, von Atlantic, von His Master´s Voice, von Prestige, von Metronome, von Blue Note, von Columbia, auf Wulfestiegs Plattenteller dreht sich, was Rang und Namen hat, Sidney Bechet, Dizzy Gillespie, Stan Kenton, Charlie Parker, Ella Fitzgerald, vor allem Miles Davies, weißt du noch? Around The Midnight? live in Stockholm? da warst du noch jung, verdammt jung, auf deiner billigen Yamaha-Trompete ein blutiger Anfänger, weißt du noch? mit deinem Kumpel Andreas, was mag wohl inzwischen aus dem geworden sein? bist du am Rasthof Grunewald in den Ford eines Rentnerehepaars gestiegen, dann ab durch die Zone nach HH, immer schön sachte wegen der Radarkontrollen, wir wolln doch diesen Ulbricht nicht auch noch finanzieren, nich wahr? In Hamburg-Billstedt musstet ihr dann raus aus dem schunkelnden 12M, tschüss Jungs! macht´s gut! viel Spaß und kommt nich unner die Räder! Dann irgendwie weiter mit der Bahn nach Travemünde und dort endlich auf die Fähre nach Trelleborg, an Bord gleich mal ein paar sündteure Carlsberg mit Blick auf einen nieselgrauen Horizont. Seegang und Möwen und eine Menge Besoffene am Schwedenbuffet, und du dauernd mit deiner Voigtländer zugange, wie du alles festgehalten hast für eine noch nicht geborene Nachwelt: die Stewards in ihren schnieken Uniformen, die Heringsröllchen auf dem gestoßenen Eis, die tobende Gischt hinter dem Heck des dahinbrausenden Skandinavienliners, die Wolken, den Himmel, den Wind.
Im Bordshop dann eine Karte mit dem strahlendweißen Antlitz der MS Nils Holgerson gekauft und an Hilde adressiert, Deutschland, Percha, Starnberger See.
In Stockholm hatten sie sich, im Schnellgang, die Vasa angesehen und das Schloss natürlich, aber deshalb waren Wulfestieg und sein Kumpel Andreas nicht so weit gereist, ihr Interesse galt dem Miles Davis Quintett im Johanneshovs Issstadion, mit Tony Williams, Herbie Hancock, Wayne Shorter, Ron Carter. Wulfestieg und Andreas hatten sich in Schale geworfen, Salz und Pfeffer-Sakko, weißes Hemd, schwarze Schuhe, und ein Taxi gegönnt. Bei den vielen blonden langhaarigen Schwedenhappen, die sich im Foyer tummelten, hatten sie gleich Stielaugen bekommen. Die Halle voll bis unter die Decke. Man sah in der Hauptsache Pfeife rauchende Intellektuelle mit Stirnrunzeln und dunklen Hornbrillen. Die Preise für Bier & Co. exorbitant, was zu erwarten war. Immerhin hatten sie gute Sicht auf die Bühne, sie saßen seitlich im zweiten oder dritten Rang. Auf der Bühne stand lediglich das Schlagzeug und wartete auf Tony Williams, der schließlich als erster herauskam, gefolgt von den anderen, es gab ordentlich Applaus, der sich in einem heftigen Donner verwandelte, als Miles Davis ins Licht der Scheinwerfer trat. Keine Frage: Wulfestieg wusste, dass dort unten auf der Bühne nun Gott höchstpersönlich stand.
Dann wurde das Halbdunkel von einem einzigen langgezogenen und alles durchdringenden Trompetenstoß in Stücke gerissen: Miles Davis, wie immer mit dem Rücken zum Publikum, hatte mit einem kurzen kräftigen Solo klargemacht, wer nicht nur hier und heute den Ton angab. Heinz? Alles in Ordnung? Wulfestieg spürt den sanften Druck einer linken Hand, die
