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Würmfreiheit erinnert eine bayerische Region zwischen Starnberg und Dachau, zwischen Landsberg am Lech und Töging am Inn. Die Rergion wird in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts regionales Rückgrat Münchens der Hauptstadt der nationalsozialistischen Terrorbewegung, In Töging am Inn geht 1924 Europas größtes Wasserkraftwerk in Betrieb Dies bedeutet in der Würmregion Elektrizität ohne Kohlebasis. Sie ist energetische Grundlage der Aluminiumherstellung für die Aufrüstung der Luftwaffe im Norden und Westen der Würmregion. Karl Haushofer entwickelt hier die geopolitische Grundlage für die nationalsozialistische Eroberungspolitik. Unterstützung erfährt dieses Konzept durch den Historiker Richard Suchenwirth, Rektor der PH Pasing. Minderheitenhetze und Verfolgung der Juden, Militarisierung der Gesellschaft, sowie der Nationalsozialismus und sein Terrornetzwerk bedrängen die Menschen. Seit der Befreiung 1945 herrschen sieben Jahrzehnte Frieden. Kann die globale Nutzung erneuerbarer Energien heute, entscheidende Beiträge zum friedlichen Zusammenleben der Menschen leisten? Eine Antwort wird schwierig. Ein faszinierendes Sachbuch, das zum Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart beiträgt.
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Seitenzahl: 254
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Einführung. Das Brandmal.
Kapitel 1. Region und Erinnerung.
Kapitel 2. Regionale Infrastrukturen. Herrschaft durch Technik?
Kapitel 3. Militarisierung der Gesellschaft. Missbrauch des Gedenkens der Gefallenen?
Kapitel 4. Regionalgeschichte und Personen.
Kapitel 5. Konfliktlinien. Panikmuster und Rettungsangebote.
Kapitel 6. Minderheitenhetze: Herrschaftsstrategie oder Vernichtungswahn?
Kapitel 7. Widerstand, Tod und Befreiung.
Kapitel 8. Fazit. Müssen wir etwas wiederholen?
Vorwort
Das Brandmal.
Kapitel 1 Region und Erinnerung.
Kapitel 1.1 Warum die Würmregion?
Kapitel 1.1.1 Früher Aufbruch in das regenerative Zeitalter?
Kapitel 1.2 Exkurs Interpretationsgeschichte
;
Kapitel 1.2.1 Exkurs: wie waren Nationalsozialismus und Holocaust möglich?
Kapitel 1.2.2 Versuch einer Klassifizierung von Interpretationen
Kapitel 1.3 Exkurs. Von der Weltbetrachtung nach Bayern und in die Würmregion.
Kapitel 1.4 Archive und Presse. Horte der Erinnerung?
Kapitel 1.5 Pressevielfalt. Erinnerung in der Würmregion.
Kapitel 1.5.1 Land- und Seebote. Starnberger Zeitung
Kapitel 1.5.2 Amperbote. Wochenblatt aus Dachau.
Kapitel 1.5.3 Würmtalbote
Kapitel 1.5.4 Pasinger Zeitung
Kapitel 1.5.5 Aubinger – Neuaubinger Zeitung
Kapitel 1.5.6 Allacher Zeitung
Kapitel 1.5.7 Allacher Anzeiger
Kapitel 1.5.8 Münchner Landbote – Pasinger Zeitung
Kapitel 1.5.9 Pasinger Morgenblatt
Kapitel 1.5.10 Dachauer Zeitung
Kapitel 1.5.11 Würmgauzeitung. Gautinger Zeitung
Kapitel 1.5.12 Dachauer Volksblatt
Kapitel 1.5.13 Neue Pasinger Zeitung
Kapitel 1.5.14 Süddeutsche Müllerzeitung
Kapitel 1.5.15 Die Propyläen
Kapitel 1.6 Stadt vor der Stadt. Das alte Pasing
Kapitel 2. Geschichte regionaler Infrastrukturen. Herrschaft durch Technik?
Kapitel 2.0 Technik und Regionalentwicklung.
Kapitel 2.1 Wasserkraft, Mühlengeschichte und Modernisierungsverlierer
Kapitel 2.1.1 Die Kraus-Mühle in Dachau
Kapitel 2.1.2 Die Allacher Mühle
Kapitel 2.1.3 Die Inselmühle Untermenzing
Kapitel 2.1.4 Die Mühle in Obermenzing.
Kapitel 2.1.5 Die Pasinger Mühlen
Kapitel 2.1.6 Die Mühle Gräfelfing
Kapitel 2.1.7 Die Mühlen in Planegg
Kapitel 2.1.8 Krailling: Die Linnermühle
Kapitel 2.1.9 Die Gautinger Mühlen
Kapitel 2.1.10 Mühltal
Kapitel 2.2 Strom durch Wasserkraft
Kapitel 2.3 Erneuerbare Energie und Tiefengeothermie.
Kapitel 2.4 Die Trinkwasserleitung
Kapitel 2.5 Die Ferngasleitung in der Würmregion und die „Zwangseingemeindung“ der Stadt Pasing.
Kapitel 2.5.1 Ein frühes ökologisches Regionalkonzept in der Würmregion. München als Hafenstadt?
Kapitel 2.6 Die Autobahn; Begleitumstände; Baustile und betrogene VW-Sparer
Kapitel 2.7 Die Kleinstadt. Das Versagen eines Romantikmodells
Kapitel 2.7.1. Wohnen in der Würmregion
Kapitel 3 Militarisierung der Gesellschaft. Missbrauch des Gedenkens der Gefallenen?
Kap. 3.1 Jugend, Kriegsmale und Gefallene.
Kapitel 3.2 Jugend und Militarisierung
Kapitel 3.3 Kriegsmale im Würmtal
3.3.1 Allach Untermenzing
3.3.2 Obermenzing
3.3.3 Gauting
3.3.4 Gräfelfing
3.3.5 Hadern – Fürstenried
3.3.6 Leutstetten
3.3.7 Planegg
3.3.8 Pasing
Kapitel 4 Personen und Regionalgeschichte
Kapitel 4.1 Georg Oberpriller (1865 – 1934), Kunstmüller und Dampfbäcker. Bürgermeister.
Kapitel 4.2 Oberbürgermeister Dr. Alois Stephan Wunder (1878 – 1974).
Kapitel 4.3 Prof. Dr. Richard Suchenwirth (1896 - 1965)
Kapitel 4.4 Heinrich Müller. (1900 – nicht bekannt)
Kapitel 4.5 Staatssekretär Hans Dauser (1877 -1969)
Kapitel 4.6 Der Architekt. Georg Buchner (1890 - 1971
Kapitel 4.7 Geopolitik und Technik. Prof. Dr. Karl Haushofer (1868 – 1946)
;
Kapitel 4.8 Prof. Dr. Hugo Junkers (1869 – 1935)
Kapitel 4.9 Die Unterlegenen. Auf dem Weg in die Zukunft.
Kapitel 5.0 Konfliktlinien. Panikmuster und Erlösungsangebote.
Kapitel 5.0.1 Panik- und Rettungsmuster
Kapitel 5.0.2 Tradition, Panikmuster und Parteien.
Kapitel 5.1 Spektrum der politischen Parteien
Kapitel 5.1.1 BVP. Bayerische Volkspartei.
Kapitel 5.1.2 Die SPD,
Kapitel 5.1.3 Die USPD,
Kapitel 5.1 4 Die KPD
Kapitel 5.1.5 DDP Deutsche Demokratische Partei
Kapitel 5.1.6 NSDAP
Kapitel 6. Minderheitenhetze; Herrschaftsstrategie oder Vernichtungswahn?
Kapitel 6.1 Juden.
Kapitel 6.1.2 Antisemitismus
Kapitel 6.2 Protestanten.
Kapitel 6.3 Muslime.
Kapitel 7. Widerstand, Tod und Befreiung
Kapitel 7.1 Reformation und Gegenreformation. Von der Pasinger Familie der Reitmoor bis zum Sieg der Demokratie.
Kapitel 7.2 Von den erschossenen Russen zum Mord an der Weißen Rose.
Kapitel 7.3 In den KZ.
Kapitel 7.4 Die Namenlosen von Hebertshausen
Kapitel 7.5 Todesmarsch und Befreiung 1945
Kapitel 8 Fazit. Müssen wir etwas wiederholen?
Kapitel 8.0. Region und Erinnerung.
Kapitel 8.1 Jenseits geographischer Horizonte?
8.2 Ausblicke. Ein Ende von Ressourcenkriegen und Minderheitenhetze?
Abkürzungsverzeichnis
Bildnachweis
Stichwortverzeichnis
Benutzte Archive und Bibliotheken
Endnoten
In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ist die WÜRMREGION unersetzliches Vehikel für den „Erfolg“ Münchens1 als ursprüngliche Hauptstadt der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Dies spiegeln in dieser Region:
Minderheitenhetze, Antisemitismus sowie diesen entsprechende, frühere Panik- und Erlösungsmuster; Verfolgung und Vernichtung der Juden.
die großtechnische Energieversorgung durch Wasserkraft, begleitet von Rhein/Ruhr-Investoren im Medienbereich Münchens;
die natürliche Tarnung von Standorten der Rüstungsindustrie durch Nebelbildung in den Flusstälern von Lech, Würm und Inn;
die geopolitische Ideologiebildung des Nationalsozialismus;
das Terrornetzwerk des KZ Dachau und seiner zahlreichen Außenlager;
wichtige Persönlichkeiten des nationalsozialistischen Terrorwerkes;
der Missbrauch des Gedenkens an die Gefallenen, der Lehrerausbildung und der Jugendpolitik für die Militarisierung der Gesellschaft;
sowie die regionale Presse des Würmtals zwischen Starnberg und Dachau,
und der regionale Hauptort, die Stadt Pasing.
Lässt sich Widerstand erkennen? Wie konnte der Nationalsozialismus geschehen? Ein kurzer Überblick zu erklärenden Interpretationen, soll die weitere Antwortarbeit vor Ort anregen.
Es fehlt seinerzeit der politische Wille, regenerativ erzeugte Energie unter Verzicht auf Minderheitenhetze und eine militärisch geprägte imperiale Ressourcenpolitik in eine friedliche Politik einzubringen, wie sich erst nach 1945 entwickeln lässt
Wird die weltweite Nutzung erneuerbarer Energien heute ausreichen, auf neue Ressourcenkriege zu verzichten? Die Antwort steht aus.
Drohend stehen Massenvernichtung und Klimawandel auf der Tagesordnung. Im Jahr 2100 könnten 90 % der Erde unbewohnbar und ebenso viele Menschen ausgelöscht2 sein.
Sollte beim Leser trotzdem die optimistische Herangehensweise hervorstechen, so ist das beabsichtigt.
„WÜRMREGION“ ist ein von mir gewählter Begriff, der in der Region um München wie ein Brandmal3 an eine sowohl politisch, geografisch als auch vielfältig anderweitig geprägte Gegend erinnert. Mit dem „Rückgrat Würmtal“ erstreckt sie sich von Süden nach Norden zwischen Starnberg und Dachau, sowie von Landsberg im Westen bis Töging im Osten. Diese „virtuelle“ Region umschließt geografisch den– hier außer Betracht bleibenden - Münchner Kern4.
Im Westen mahnt Landsberg an Anfang und Ende des Hitler-Reiches. Im Osten erinnert Töging am Inn seit 1924 an den Beginn der großtechnischen Nutzung der Wasserkraft in Bayern. Sie ist Voraussetzung für den nationalsozialistischen Missbrauch des erzeugten Stroms In der Aluminium-Produktion vor Ort sowie in der Rüstungsindustrie im Norden und Westen der Region.
Bis zur Eingemeindung nach München 1938 ist Pasing die „Hauptstadt“ dieser Region. Dreizehn Regionalzeitungen bezeugen im engeren Würmtal auch Ereignisse, die den NS begünstigen und befördern. Unterschiedliche Interpretationsmuster erläutern die Entwicklung.
Im Süden entwickelt Karl Haushofer die Geopolitik der Nationalsozialisten.
Erinnerungspunkte:
Mit dem Weltkriegsende 1917/1918, verzichtet das Haus Wittelsbach auf die bayerische Königswürde. Demokraten übernehmen die Macht und gründen den „Freistaat Bayern“. Der unabhängige Sozialdemokrat Kurt Eisner wird erster Ministerpräsident.
Nach dem Hitler-Putsch in München 1923 tritt der verurteilte Rechtsterrorist Hitler seine Haft in Landsberg an.
Der Pasinger Gemeindebevollmächtigte Dr. Alois Wunder garantiert noch kurz vor Kriegsende 1917 seitens der Stadtwerke Pasing die Ferngasversorgung der Krupp-Geschützwerke In München-Freimann. Von Pasing aus betreibt Heinrich Osel politisch die Umstellung der bayerischen Energieversorgung von Kohle- auf Wasserkraftbasis. 1924 eröffnet das seinerzeit größte Wasserkraftwerk Europas in Töging am Inn im Osten der Region seine Produktion. Diese ist in der Region dann später gekoppelt mit der Aluminiumherstellung und der Luftwaffenrüstung. Die mitlaufende Stickstoffherstellung ersetzt - zwecks Sprengstoffherstellung - die alten Schwarzpulvermühlen auch an der Würm.
Entlang der Würm radikalisieren sich, bedrängt vom Weltmarkt, die mittelständischen Müller. Der Obermenzinger Mühlenbesitzer wird der erste nationalsozialistische Bürgermeister in Deutschland. Dachau, im Norden der Region, ist vor 1933 die Stadt mit der höchsten Arbeitslosigkeit im Deutschen Reich. Die Nationalsozialisten hetzen im Verein mit der Regional- und Münchner Hauptstadtpresse gegen Minderheiten, insbesondere gegen Juden und den angeblich „jüdischen Bolschewismus“. Nach der Machtübernahe und mit parlamentarischer Hilfe der Bayerischen Volkspartei wird die Diktatur eingerichtet. 1933 folgt das erste Konzentrationslager in Dachau. Alle demokratischen Parteien sind jetzt verboten. Dr. Wunder bleibt als Oberbürgermeister der Stadt Pasing im Amt und ruft1933 zum „Judenboykott“ auf.
Michael Kardinal von Faulhaber, nobilitiert 1913, früh Antijudaist5, später dann Erzbischof von München und Freising, weiht die Kirchenneubauten in Pasing, 1918, und - am 9. November - 1924 in Obermenzing den „Dom von Obermenzing“.
Dr. Alois Wunder fördert in Pasing als Oberbürgermeister schon in Friedenszeiten die Vorbereitung deutscher Luftrüstung. Im Norden und Westen der Region entstehen Luftrüstungsbetriebe und zugehörige Infrastrukturen. In Allach produziert Krauss-Maffei Panzer und das Feuerleitfahrzeug für die mobile V2-Raketenwaffe der Nationalsozialisten.
Dr. Wunder ist seit 1937 Mitglied der NSDAP. Schon 1935 verkündet er, der Lehrer solle „Fackelträger der hohen deutschen Ideale von Rasse, Blut und Boden“ sein. Folgerichtig begrüßt er mit Blut- und Boden- Zitaten den Gründer der NSDAP in Österreich, Dr. Suchenwirth, als neuen Rektor der Hochschule „Erziehungswerk Adolf Hitler“ zur Lehrerausbildung in Pasing. Ein Grußwort schicken Hitler, sowie General a.D. Prof. Dr. Karl Haushofer, Antisemit und Geopolitiker. Haushofer konzipiert und beeinflusst auf dem Hartschimmelhof, zwischen Herrsching und Starnberg. mit Hilfe von Hitlers späterem Stellvertreter Rudolf Hess die Großraumpolitik des Nationalsozialismus. Sie führt 1939 zum Überfall auf Polen und damit zum Zweiten Weltkrieg.
Heinrich Müller, zunächst in Obermenzing, Lützowstraße, ist anfangs parteiloser Polizeibeamter als Kanzleigehilfe im Polizeipräsidium München. Er heiratet die Tochter des regionalen Pasinger Pressezaren Dischner. Müller wird später oberster SS-Schreibtischtäter, Vorgesetzter von Adolf Eichmann in Berlin und Mittäter bei der europaweiten Ermordung von 6 Millionen Juden. Müller taucht 1945 ab und entkommt so dem Kriegsverbrechertribunal der Alliierten in Nürnberg, dem sich die Kriegsverbrecher Hitler, Himmler und Göring durch Selbstmord entziehen. Die in den „Dachauer Prozessen“ verurteilten Nationalsozialisten finden in Landsberg ihr Ende6.
Erst die Befreiung durch die Alliierten des Zweiten Weltkrieges beseitigt das „Brandmal“. Sie gewährt auch der Würmregion sowie Europa Frieden, Demokratie und Wohlstand. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts legen in Starnberg Friedens- und Kommunikationsforscher wichtige Grundlagen unserer Politik heute7.
Deutschland beschließt 2012 den Ausstieg aus der Atomkraft. Viele Staaten übernehmen das, von dem Träger des alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer (MdB, SPD), konzipierte Erneuerbare Energien Gesetz (EEG). Es ist auch ein Beitrag zum globalen Verzicht auf neue Energiekriege. Die Stadtwerke München errichten in der Würmregion geothermische Werke. Die Landeshauptstadt plant, ihre Energieversorgung zu hundert Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen.
In diesem Buch versuche ich, Gesichtspunkte zu diesen Thesen darzulegen.
Abb. Würmregion ohne Straßennetz, ohne Maßstab. Verlauf der WÜRM: blaue Markierung zwischen Starnberg und Dachau Schwarze Linien: Schienennetz heute
Meine Abhandlung versucht einen Überblick, eine Spurensuche nach den Konfliktlinien, nach möglichen Grundelementen, nach Widersprüchen die den Zeitraum in den hinter uns liegenden Jahrhunderten in der Würmregion vielleicht geprägt haben.
„Würmfreiheit“ ist mein Begriff, der die Freiheitsbestrebungen von Menschen in der Würmregion einfängt. Sie treten ein für Unabhängigkeit, Demokratie und Gerechtigkeit. Sie sind konfrontiert mit der Unterdrückung durch die Grundherren, mit dem Zusammengehen von Thron und Altar im Ersten Weltkrieg Krieg (1914 -1918), mit dem Terror der Nationalsozialisten seit 1933 und im Zweiten Weltkrieg (1939 -1945) sowie der Befreiung 1945.
Es geht heute nicht mehr in erster Linie darum, festzustellen, wer ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Person in den Hitlerstaat verstrickt? Nein, es geht darum, immer auch nach Gründen zu forschen, die belegen könnten, warum das politisch-gesellschaftliche Klima sich so entwickeln kann, dass 1933 scheinbar aus dem NICHTS heraus Hitler, also ein rechtskräftig verurteilter Terrorist8, und seine Bande die Macht erobern und mit kriminellen Methoden auch noch festigen können. Warum folgen ihnen Millionen?
Bei der Suche nach Antworten gerät die machtorientierte Methode der Minderheitenhetze gegen Juden, der Zuweisung von Schuld für Missstände an Minderheiten, in den Brennpunkt der Erkenntnissuche. Die Anwendung dieser Methode der Machterschleichung und Erhaltung durch die Nationalsozialisten operiert mit eliminatorischem Eifer und entsprechender Zielstellung unter Zurückgreifen auf eine bereits länger vorhandene Stigmatisierung
Auf der Linken sollen es die Kapitalisten sein die es gelte zu eliminieren, wenn auch ohne deren erklärte physische Vernichtung. Auch hier eine als schuldig gebrandmarkte Minderheit. Dies obwohl Erzvater Karl Marx eine Schuldzuweisung an Minderheiten oder Einzelpersonen für den Verlauf der Geschichte, „als einen naturgeschichtlichen Prozess“, scharf verurteilt9.
Heute drohen Flüchtlinge und Ausländer in den Brennpunkt der Methoden zur Machterschleichung mittels Minderheitenhetze zu geraten, ohne dass die vorausgegangenen Eliminierungsstrategien ihre Potentiale eingebüßt hätten. Dem gilt es auch durch aufklärende Geschichtsschreibung gegen zu steuern.
Während einerseits die Welt des Würmtals um die Jahrhundertwende 1900 noch in Ordnung zu sein scheint, eine romantische Darstellung des Tals bevorzugt wird, leuchten andererseits bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert Signale einer Neuen Zeit auf. So etwa als der Pasinger Müller Blasius Steiner 1852 beim königlichen Bezirksamt die Erlaubnis zum Betrieb einer „amerikanischen Kunstmühle“ beantragt. Die an Amerika orientierte industrielle Moderne kündigt sich an und wird seitdem begleitet von kulturpessimistischer andererseits aber auch euphorischer Kommentierung. So stellt der profilierte Würmtal - Historiker Franz Schaehle 1921, also 70 Jahre später in Pasing „amerikanischen Superlativismus“ fest.
Noch Jahrzehnte weiter, reduzieren andere Autoren Pasing, Gräfelfing, Obermenzing, Allach oder Gauting auf die romantische Postkartenidylle im Alpenvorland, obwohl etwa Pasing längst Industriestadt ist.
Gegen Ende des 20. sowie zu Beginn des 21. Jahrhunderts liegen mehrere Bildbände vor und veranschaulichen den Wandel der Zeiten, ohne einen Versuch, deren Hintergründe aufzuhellen.
Region als Geflecht von Orten lebt einerseits von deren Verbindungen und ihren Nutzern, andererseits siedeln sich überregional vernetzte Infrastrukturen, Betriebe, sowie Persönlichkeiten und meinungsgeprägte Einrichtungen oder Parteien an.
Zunächst spiegelt der Flussverlauf10 der Würm die Region. Ihm folgend entsteht das kleinteilige Netz der Getreide-, Pulver- und Sägemühlen, später der Stromturbinen. Die aufkommende Eisenbahnplanung11 folgt dieser regionalen Entwicklung, um sie dann zu prägen. In Pasing entsteht ein Knotenpunkt der regionalen und überregionalen Schienenstränge und der frühen, das Mühlenzeitalter hinter sich lassenden Industrialisierung des Würmtals. Die in Pasing unterbrochene Nord – Süd Entwicklungsrichtung wendet sich hier nach Osten und erreicht München. Aus Münchner Sicht wird das südliche Würmtal zur Gartenstadt12 der Landeshauptstadt13. Die Entwicklungspolitik der Stadt Pasing sorgt seit 1901 mit einer Ferngasleitung von Starnberg bis Dachau und Freimann für Industriegas, Beleuchtung und Heizung. Dies ermöglicht auch den Wegfall von Kohletransport und Kohleverbrennung in vielen Wohngebäuden.
Karl Haushofer entwickelt in und nach dem I. Weltkrieg auf dem Hartschimmelhof oberhalb Starnberg sowie als Professor der Münchner Universität seine theoretisch den Kontinent übergreifende Geopolitik. Die Kriegswirtschaft während des ersten und zweiten Weltkrieges greift über den Talbereich der Würm hinaus in die Region. Es entstehen das Großtanklager der Wifo zwischen Krailling und Germering im Kreuzlinger Forst sowie nach und nach die Rüstungsregionen Aubing / Neuaubing / Allach mit KZ - Außenlagern und Zwangsarbeiterkomplexen. Geopolitik und Technik ergänzen einander als Manifestation nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. In Dachau errichten die Nationalsozialisten ihr erstes Konzentrationslager.
In und um Landsberg am Lech entstehen 11 Zwangsarbeiterlager als Außenlager des KZ-Dachau. Die Insassen werden unter mörderischen Bedingungen zum Bau von Luftwaffeneinrichtungen gezwungen.
In Töging am Inn schuften Zwangsarbeiter und KZ – Deportierte in der Aluminiumproduktion, deren Strom das vorgeschaltete Wasserkraftwerk liefert; beide Voraussetzung der Standortwahl regionaler Luftrüstungsbetriebe.
Erst die militärische Befreiung schafft 1945 den Ansatzpunkt für demokratischen Neubeginn und sieben Jahrzehnte Frieden in Mitteleuropa.
In Starnberg arbeitet von 1970 bis 1984 das >Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt< mit den Direktoren Carl Friedrich von Weizsäcker und Jürgen Habermas.
Neuaubing Reparaturwerk Orientexpress Foto 2015
1913, am Vorabend des Ersten Weltkrieges eröffnet die Compagnie internationale des wagons lits14 in Neuaubing ein Reparaturwerk für die Schlaf- und Salonwagen des Orientexpress. Eigentümer und Großinvestor Nagelmacker aus Belgien – Hotelinvestor und Touristikmanager in Paris – sieht im Bahnverkehr eine den Kontinent übergreifende Investitionsperspektive.
Der Handel mit Eisenbahnschwellen boomt auch in Pasing15; die Bagdad Bahn wird verwirklicht16. Die Finanzierung der Großprojekte entgleitet ihren zunächst jüdischen Kreditgebern und geht in wesentlichen Teilen an die Deutsche Bank unter Georg Siemens, ihrem ersten Direktor17. Orientexpress und Bagdad-Bahn werden im Ersten Weltkrieg strategisch für die Kriegführung der sogenannten Mittelmächte18 im Nahen Osten missbraucht. Nichtturkvölker der Alewiten und Armenier werden durch die Türkei verbannt und dezimiert19..
In Bayern erklärt 1914 König Ludwig III. für das Haus Wittelsbach die Annexion Belgiens zum Kriegsziel20. König Leopold von Belgien – beraten von Bismarcks Bankier Bleichröder21 - verfügt über ein riesiges, Kolonialreich22; so im Kongo über eine Fläche von der achtzigfachen Größe des kleinen europäischen Königreiches. 1918 ist der Erste Weltkrieg mit deutsch - türkischer Niederlage und ohne deutsche Kolonien in Afrika beendet.
Nach Abdankung von Königen und Kaisern in Europa sowie Einführung der Demokratie in einem „Freistaat Bayern“ treten Heinrich Osel aus Pasing für die Bayerische Volkspartei BVP23 und Kurt Eisner für die USPD24 – Letzterer in seinem Regierungs-programm als erster Bayerischer Ministerpräsident - für die Nutzung der Wasserkraft zu Gunsten der Bayerischen Industrie ein.
Nach Ruhr- und Rheinlandbesetzung durch Frankreich und Belgien verlegen Chemie- und Stromproduzenten einen Teil ihrer – damit „kohlefreien“ - Energieproduktion an den Alpenrand. 1924 wird das Bayernwerk, in Töging am Inn, als größtes Wasserkraftwerk Europas eingeweiht25. Die stromintensive Aluminium-produktion für die Luftfahrtindustrie sowie die Stickstoffherstellung sind damit gekoppelt26. Bauxit als nötiger Rohstoff der Aluminiumgewinnung wird importiert.
Stahlkonzerne von Rhein und Ruhr erwerben seit 1920 die Mehrheit bei der 1848 gegründeten liberalen Zeitung „Münchner Neueste Nachrichten“27, Münchens größter Tageszeitung. Eine mehrheitlich rechtskonservative Informationspolitik ist die Folge.
Am Starnberger See eröffnet Dornier 1925 in Tutzing einen Wasserflughafen für seine Wasserflieger28. Man ist euphorisch und träumt von der Lufterschließung Südosteuropas durch Wasserflugzeuge. Gleichzeitig warnt der Land- und Seebote „dass der Faschismus eine große Gefahr für den Frieden in Europa bedeuten würde.“29 Das Verbot militärischer Luftrüstung für Deutschland wird auf Reichsebene mit Hilfe der Roten Armee umgangen30. Der Griff zu den Sternen scheint bevor zu stehen, wie das Bild aus dem Jahr 1925 in der Starnberger Zeitung belegt31. Ein wenig realitätsnäher ist seinerzeit eine andere Abbildung zum gleichen Thema; diesmal schon mit dem Hinweis auf den geplanten Abschussort Greifswald32.
17 Jahre später produziert Krauss Maffei in der Würmregion das Feuerleitfahrzeug33 für die mobilen V2 Raketen der Hitlerwehrmacht34.
Griff zu den Sternen 1925
1945 ist auch dieser Krieg zu Ende, Europa befreit. Seither herrschen 7 Jahrzehnte Frieden in Mitteleuropa. Die regenerative Energiewende ist in Deutschland eingeleitet.
In den folgenden Kapiteln versuche ich, mich dem Thema >Region und Erinnerung< am Beispiel der Würmregion weiter zu nähern.
Aus alter Zeit der Würmregion.
Reginpert, tritt 763 unter dem Herzog Tassilo III (741 – 794) auf die historische Bühne als Stifter umfangreichen Grundbesitzes und als Gründer des Klosters Scharnitz, Stützpunkt auf der Transitroute nach Italien und Rom. Überliefert ist für diese Zeit im Jahr 763 die erste schriftliche Erwähnung von Gräfelfing und Pasing, sowie 104 Jahre später im Jahr 817 von Menzing, im Würmtal. Damit ist angesprochen die Route der Merowinger über die Alpen nach Süden, kurz vor und nach der Entmachtung (788) des Herzogs Tassilo III. im seinerzeitigen Bayern durch Karl den Großen. Dieser, einer Sage zufolge im Würmtal geboren, führt einen 33jährigen Krieg gegen den Stamm der heidnischen Sachsen, den er, zeitgemäß, um 4000 Häupter köpfen lässt, die sich weigern, Christen zu werden. Dann zieht Karl über die Alpen zum Krieg gegen die Langobarden. Im Jahr 800 folgt seine Krönung in Rom zum römischen Kaiser durch Papst Leo III, dem der große Karl seinen Schutz angedeihen lässt.
Wer seinerzeit nicht spurt wandert geblendet und geschoren in ein vom jeweiligen Schauplatz der Macht entferntes Kloster. Andererseits wird dem in Salzburg ein Dom gebaut, der es wagt, als der Freiheit verpflichtete Person die Welt als Kugel zu interpretieren.35 Herrschaft, Grundbesitz und Unterdrückung, Kultur, Forschung und Freiheit liegen im Widerstreit.
Fest steht, der Name Reginpert steht auf einem Pergament auf dem auch die Namen „Pasing“ und „Gräfelfing“ im Würmtal zum ersten Mal schriftlich bezeugt sind. Es handelt sich aber weder in diesem, noch im Falle der benachbarten Ortschaft Menzing, um eine „Gründungsurkunde“.
Außer Betracht bleibt in der Regel der Jahrhunderte alte Antijudaismus; so etwa derjenige des Kirchenvaters Augustinus (354 – 430), wenngleich wirkungsmächtig bis in die Neuzeit.
Im Weiteren gehe ich zunächst der Frage nach, welche Interpretationsmuster lassen sich in Forschung und Politik 1200 Jahre später zur Geschichte des Nationalsozialismus erkennen, der Geschichte des bisher größten Menschheitsverbrechens?
Bei Versuchen, diese Fragen zu beantworten, gibt es verschiedene “Interpretationsmodelle“. Darüber hinaus geht die Geschichte nach 1945 siebzig Jahre weiter bis zum heute erreichten Stand der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen. Ihre Anwendung würde im globalen Konfliktfall nahezu alles Menschenleben unwiederbringlich abräumen. Unsere Apokalypse - Blindheit36 bedroht uns nach wie vor.
Möglichen Folgen gilt es vorzubeugen.
Daher versuche ich hier, mich zunächst einem kurzen Überblick verschiedener Interpretationsvarianten zu der Eingangsfrage zu nähern „Wie war der NS möglich?“. Dies in zeitlicher Reihenfolge und zwecks Orientierung in gebotener Kürze, sowie als Anregung zu Kritik und zu weiterem Studium.
Marxistische Interpretationsmodelle gehen ursprünglich auf Karl Marx‘ und Friedrich Engels These von 1848 zurück, alle Geschichte sei die Geschichte von Klassenkämpfen37. Als deren Folge sei der Nationalsozialismus, so nachfolgende Interpreten, ein Produkt von Überproduktionskrisen, das in die terroristische Klassenherrschaft des bürgerlichen Imperialismus führe. Die, von heute aus gesehen, gleichsam religiöse Endzeiterwartung einer „Weltrevolution“ bewirkt den Voluntarismus ihrer Betreiber und scheitert an der Wirklichkeit38.
Der Wiener Arzt und Naturwissenschaftler Sigmund Freud analysiert 1921 den Zusammenhang zwischen Ich-Analyse und Massenpsychologie39. Freud zufolge haben „die Massen nie den Wahrheitsdurst gekannt. Sie fordern Illusionen, auf die sie nicht verzichten können“40. Er formuliert1938 – bereits im Londoner Exil - „Das Gemeinschaftsgefühl der Massen braucht zu seiner Ergänzung die Feindschaft gegen eine außenstehende Minderheit.“41
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno entwickeln seit 1944 eine “Dialektik der Aufklärung“42 als Theoriebeiträge zu einem kritischen, jedoch hilflosen, historischen Kulturpessimismus43.
Theodor W. Adorno und andere (1950) sehen, im amerikanischen Exil vor Ort erhobene, autoritäre Persönlichkeitsstrukturen als Quellen von Feindschaft gegenüber Minderheiten sowie für das Entstehen faschistischer Gesellschaften44. Diese Feindseligkeit führen sie auf soziale Frustration und Ungerechtigkeit zurück.
Hannah Arendt (1951)45 legt eine weit in die Geschichte zurückgreifende Interpretation des Antisemitismus vor als europäische Dimension totalitärer Herrschaft. Sie ergänzt diese Sicht um ihre Imperialismustheorie. „Ideologie und Terror <als> neue Staatsform“ - so kennzeichnet Arendt Nationalsozialismus und Bolschewismus, diese, eigenen Bedenken zum Trotz, unter ihr Interpretationsmodell des Totalitarismus subsummierend. Arendt sieht die „Verlassenheit“ von Menschen, die sie „so leicht in die totalitären Bewegungen jagt“. 46
Auch Raul Hilberg47 sieht 1961 eine lange Entwicklungsepoche des christlichen Abendlandes, die in den - später von Goldhagen (1996)48 präzisierten -„eliminatorischem“ Antisemitismus der Nationalsozialisten münde. Nur unter dieser Einbeziehung der abendländischen Vorgeschichte49 des NS, lässt sich m.E. die Massenmobilisierung der Nationalsozialisten in nur fünf Jahren bei den Wahlen vor 1933 glaubwürdig deuten. Hilberg (1994)50 muss sich jedoch, nach bitterem eigenem Bekenntnis, zeitlebens als Überbringer „unerbetener Erinnerung“ fühlen. Aktuell ergänzt wird Hilbergs wissenschaftlich-analytische Leistung durch Hubert Wolf (2008)51 und Antonia Leugers (2013)52.
Horkheimer (1961) problematisiert die Methode, Vorurteile als Auslöser für mörderischen Antisemitismus in Anspruch zu nehmen als „Euphemismus“. „Der Gebrauch des harmlosen Wortes verdankt sich der Scheu, das Furchtbare zu benennen.“
Eine Wiederaufnahme der Forschungen und Überlegungen Sigmund Freuds erfolgt in Deutschland erst 1967 durch Margarete und Alexander Mitscherlich mit ihrer Studie „Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens“53. Auch sie sehen Vorurteile, als “stabil gewordene Wahrnehmungstäuschungen“, die den „unfreundlichen Deutschen“ und unsere Intoleranz konditionieren würden.
Jacob Katz (1980; b.A: deutsche Fassung 1989) beschreibt und interpretiert eine Geschichte des Antisemitismus von 1700 – 1933 als die der Entwicklung vom Vorurteil bis zur Vernichtung von Juden.
Einen unvermittelten Umbruch der Geschichte in Bayern ohne ideologischen und/oder religiösen Vorlauf sieht die Forschungsgruppe um Martin Broszat am Institut für Zeitgeschichte in München. Sie beleuchtet in sechs Bänden (1977 – 1983) “Bayern in der NS-Zeit“54. Zu den Quellen des NS machen die zahlreichen Autoren, entsprechend dem Titel der Gesamtausgabe der VI Bände, kaum Aussagen.
Deist, Messerschmidt u.a. (1979), ursprünglich eine Forschergruppe im militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr, legen eine umfangreiche Untersuchung vor über „Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges“55. Sie lassen Antisemitismus als wesentlich für die Entwicklung des NS außer Acht. Die Autoren konzentrieren sich überwiegend auf Militärtradition und „Kriegstheologie“ im deutschen Nationalstaat seit 1871, sowie auf das Versagen der christlichen Kirchen gegenüber dem Nationalsozialismus. Eine einheitliche „Weltkriegstheologie“ kennzeichne darüber hinaus die Kriegspredigten aller Weltreligionen.
Dan Diner (Hrsg. 1988)56 versucht, für die Zeit 1933 – 45 einen „Zivilisationsbruch“ zu markieren ohne eine diesen Bruch vorbereitende Entwicklung zu benennen. Lediglich Micha Brumlik gelingt es im selben Band, die „Apokalypse-Blindheit“57 des Zeitalters zukunftsbezogen zu thematisieren58.
Jürgen Falter (1991) versucht das Stimmverhalten der NSDAP-Wähler und die Massenbasis der Nationalsozialisten zu ergründen59. Falter misst seiner statistischen Methode einen hohen Schwierigkeitsgrad bei, nachdem Personen als Basis der nötigen Befragungen zwecks Absicherung seiner Statistiken kaum noch vorhanden seien. Einen Zusammenhang von hoher Arbeitslosigkeit und Wählerverhalten der 4,5 - 6,5 Mio. Arbeitslosen in der Weimarer Republik zu Gunsten des NS kann Falter nicht bestätigen. Was als Erklärungsmuster bleibe, sei Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg.
Auch Sybille Steinbacher (1993)60 stellt am Beispiel der Stadt Dachau den Zusammenhang von Massenarbeitslosigkeit und sprunghaftem Anstieg der Wählerstimmen von Arbeitslosen für die Nationalsozialisten in Frage61.
Historische Apologetiken für den Verlauf der Geschichte aus konservativer Sicht versuchen, den Nationalsozialismus Hitlers als Präventivmaßnahme gegen die “Weltrevolution“ Stalins62 darzustellen. Ängste vor einer wirtschaftlichen Entwicklung mit hohen Arbeitslosenzahlen während der Weimarer Republik sehen andere als den NS geradezu befördernd an. Positiv ausgedrückt lautet die Interpretation bis heute: „Wer Finanzkrisen verhindert, verringert auch die Wahrscheinlichkeit eines politischen Desasters“.63
Saul Friedländer (198764) konfrontiert Martin Broszat 198865 mit dem Vorwurf der „Historisierung“ des Nationalsozialismus. Er ist nach wie vor fassungslos gegenüber dem zeitgenössischen, europaweiten Schweigen angesichts der Ermordung der europäischen Juden66. Saul Friedländer (2007) tritt ein für eine „Integrierte Geschichte des Holocaust“67. Er sieht Hitlers „Wahnvorstellung“ über die Rolle der Juden in der Geschichte als von „bedeutenden Teilen der Bevölkerung begeistert unterstützt und umgesetzt“.68
Norbert Frei (Hrsg. 2007)69 greift die Debatte um die „Historisierung des NS“ erneut auf. Er sieht 201370 zur Erklärung der Eingangsfrage eine „alle Grenzen sprengende Bereitschaft zur Selbstnazifizierung der Deutschen“. Diese allerdings münde, wie bereits Falter (1994) ermittelt, bei 90 Prozent der Neumitglieder71 erst nach 1933 in die NSDAP-Mitgliedschaft.
David Eagleman (2015) markiert Dehumanisierung und Minderheitenhetze, die Vorurteile bewirken sowie Personen in Gruppen zu Tätern werden lassen. Die Gegenstrategie könne nur in Erziehung und Aufklärung liegen, die all die Vorurteile ausräumen würden die auf Dehumanisierung ganzer Gruppen hinausliefen.
Die Umbruchthese bezeichnet das Auftreten der Shoa als brutale Unterbrechung einer Kulturepoche, ohne eine vorausgehende Entwicklungsgeschichte. Ihr verbunden ist die Einmaligkeitsvermutung. Diese ergänzend findet sich die Historisierung des Holocaust. Beide verleiten zur Apologetik in Sicherheit und leichtfertigem Umgang mit der Gegenwart, denn einmalige Phänomene scheinen nicht wieder zu kehren.
Die Pessimismus-These einer kritischen „Dialektik der Aufklärung“ gibt einer Zukunft des Überlebens kaum Chancen. Der resultierende „Positivismustreit“ in der Soziologie endet vorläufig mit der These Ulrich Becks über die Moderne als „Risikogesellschaft“ in der wir leben, ohne ihren Katastrophen entkommen zu können, ja, in deren Erwartung wir uns einrichten würden, ohne sie zu akzeptieren.
Der Fatalismusthese zufolge verhalten sich viele, überwiegend im Babyalter einer Religion zugeführter Menschen entsprechend dem Motto Michael von Faulhabers: „Vox Temporis Vox Dei“72: die Stimme der Zeit ist die Stimme Gottes. Dieser tröstend gemeinte Fatalismus scheint, letzten Endes, alles zu erdulden oder zu rechtfertigen.
Die These von der Weltgeschichte als rassengeprägter Kampf, glorifiziert Ernst Jünger als „Stahlgewitter“73. Diese These missbraucht die Forschung Darwins zur Rechtfertigung von Krieg, Rassismus und Sozialdarwinismus. Fritz Stern (1961) sieht hier als Kritiker die „Konservative Revolution“ in Gestalt des „Kulturpessimismus“ am Werk74.
Diesem Kulturpessimismus verwandt, interpretiert Emil Nolte den Hitler-Faschismus als Antwort auf den Stalin-Bolschewismus in Gestalt eines „Europäischen Bürgerkrieges“. Der Holocaust an den Juden wirkt bei Nolte - wie bei Hitler - als Präventivschlag gegen den Bolschewismus.
Die Deutung deutscher Nationalgeschichte als Militärgeschichte seit der Reichsgründung 1871 im Rahmen des Wettbewerbs europäischer Imperialismen mit Weltkriegsfolgen wird gestützt von General Prof. Dr. Karl Haushofer, dem Protagonisten deutscher Geopolitik unter Hitler.
Die These vom Weltgeschehen als Klassenkampf um den Mehrwert der aus jeder Produktion folge, bleibt deutungsmächtig. Diese mit dem Kommunistischen Manifest seit 1848 angesagte Interpretationsmethode läuft auf zwei Hauptlinien. Eine Linie mündet in revolutionären Attentismus; man wartet auf die dem Kapitalismus immanente Weltrevolution in Gestalt der Globalisierung und richtet sich zwangsläufig reformorientiert in dieser ein. Andererseits gerät diese Interpretationsmethode zum revolutionären Voluntarismus, der die angeblich gesetzmäßig verlaufende Geschichte vom Zaun bricht.
Hannah Arendt sieht „Totalitarismus“ in der Geschichte, dem die „Verlassenheit“ der Menschen eben diese in die Arme treibe. Augustinus ist ihr zitierter Fluchtpunkt.
Jürgen Habermas schlägt die Implementierung „kommunikativer Vernunft“ vor im Rahmen „radikaler Demokratie“75. Er benennt „kooperative Wahrheitssuche“ als Voraussetzung von Zukunft im Angesicht von Massenvernichtungsmitteln.
Fazit.
Es gibt zu unserer Eingangsfrage keine überzeugenden monokausalen Interpretationsmodelle. Mehrere, miteinander vernetzbare Interpretationsgruppen schälen sich heraus:
Zum einen die verschiedenen Imperialismus-Theorien, Kapitalakkumulations- und Klassenkampf– Deutungen, sowie Militärgeschichte und europäische Bürgerkriegsinterpretation einschließlich Rassenkampf und Rassendarwinismus.
Zum anderen Umbruch- und Kulturbruch- Interpretationen. Diese sehen, möglicherweise von Apokalypse-Blindheit geplagt, in Rassenwahn und Holocaust historisch einmalige Erscheinungen.
Letzterem scheint die These zu entsprechen, Antisemitismus sei ein eher behebbares „Vorurteil“. Dieses Vorurteil überlebt jedoch seit mehr als 2000 Jahren76. Es wird immer wieder zum Urteil ohne dass z.B. die großen christlichen Kirchen dieses Vorurteil wirklich nachhaltig aufgearbeitet hätten77. Eine präzise Durcharbeitung der Begriffswelt des kirchlichen „Antijudaismus“ und des rassistischen „Antisemitismus“ der Nationalsozialisten erarbeitet Saul Friedländer78.
Eine Interpretationsgeschichte des Holocaust, ohne die Geschichte der Entwicklung des Zusammenhangs von Antijudaismus und Antisemitismus, ist heute nicht mehr überzeugend.
Immer folgt bisher, so der amerikanische Neurowissenschaftler David Eagleman, auf die Dehumanisierung einer Minderheit durch Propaganda ihre Dämonisierung und schließlich der Genozid79. Diesem vorzubeugen, spiele Erziehung eine Schlüsselrolle80.
Der spätestens seit dem Münchner Hitlerputsch 1923 terrorgeprägte Hitlerismus81 ringt nach seinem Machtantritt 1933 die unmittelbaren „Störer“ seiner Ambitionen auf verbrecherische Weise nieder. Er handelt in betrügerischer Absicht unter der Fahne eines sogenannten „Nationalsozialismus“. Das Ziel der Nationalsozialisten ist dabei schon seit 1925 die „Militarisierung der gesamten Gesellschaft“82
