Wut - Robert Burdy - E-Book

Wut E-Book

Robert Burdy

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sie wollen verstehen, warum Wut Ihr Leben und Ihre Beziehungen so stark beeinflusst? Bestsellerautor Robert Burdy erklärt, wie Sie die Kraft der Wut nutzen können zu mehr Ruhe, Stabilität und Resilienz im Alltag. Dieses Buch ist der Einstieg in ein gelasseneres Leben.   Kein anderes Gefühl belastet so häufig Beziehungen, Karrieren und Lebensträume wie Wut. Gleichzeitig erfüllt sie eine wichtige Warnfunktion, wenn z.B. Grenzen überschritten werden. Robert Burdy macht verständlich, warum Wut so oft eskaliert und sie uns im falschen Moment die Kontrolle entzieht. Gleichzeitig zeigt er, wie unbewältigte Wut Beziehungen belastet und zu einem emotional herausfordernden Umfeld führt.  Mit zahlreichen alltagsnahen Beispielen erklärt Burdy, wie unser Gehirn reflexhaft Wutreaktionen auslöst und warum ausgerechnet zornige Menschen häufig als durchsetzungsstark gelten, obwohl dahinter oft Überforderung und gelernte Muster stehen. Das Buch macht klar, dass nicht die Emotion selbst das Problem ist, sondern unser Umgang damit: Wut wird erst dann zum Thema, wenn sie unkontrolliert nach außen schlägt, unser Verhalten prägt und dadurch Beziehungen oder berufliche Situationen spürbar belastet.   Dieses Buch hilft dabei - eigene emotionale Auslöser zu erkennen und zu entschärfen - den inneren Kreislauf aus Reiz und impulsiver Reaktion zu durchbrechen - Konflikte klarer, respektvoller und souveräner zu führen - Beziehungen zu stärken statt zu belasten  Burdys Ansatz ist praxisnah, verständlich und direkt anwendbar – kein abstraktes Fachbuch, sondern ein Werkzeugkasten für einen souveräneren Umgang mit Emotionen. Wer sich selbst, seine Partnerschaft, seine Familie oder sein berufliches Umfeld besser verstehen und weiterentwickeln möchte, findet hier einen klaren, fundierten und alltagstauglichen Leitfaden. Ein Buch für alle, die nicht länger von Wut gesteuert werden wollen, sondern Handlungsspielraum zurückerobern möchten. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buchvorderseite

Für Ben und Momo, Deirdre und Archie

Titelseite

Robert Burdy

Wut

Was sie uns sagen will – und wie wir mit ihr umgehen

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2026

Hermann-Herder-Straße 4, 79104 Freiburg

 

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

 

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an

[email protected]

 

Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster

 

ISBN Print 978-3-451-60202-3

ISBN E-Book (EPUB) 978-3-451-84127-9

Inhalt

Einleitung
Teil 1Das Phänomen Wut
Kapitel 1Dynamit im Kopf – Wo die Wut herkommt
Kapitel 2Die Farben der Wut
Kapitel 3Gelernte Wut – Wut als Lösung
Kapitel 4Die Illusion der Durchsetzungskraft – Wut als Kontrollgefühl
Kapitel 5Der Teufel im Schnellkochtopf – Die unterdrückte Wut
Teil 2Die gelebte Wut
Kapitel 1Unsere Wut-Narrative – Der ultimative Egotrip
Kapitel 2On a highway to hell – Von der Liebe zum Hass
Kapitel 3So viele Dirty Harrys – Unsere industrialisierte Wut
Kapitel 4Wut als Bindemittel – Das wohlige, wütende Wir-Gefühl
Kapitel 5Wütende Algorithmen
Teil 3Die ent-lernte Wut
Kapitel 1Wut ist keine Handlungsempfehlung
Kapitel 2Von »meine Wut« zu »eine Wut« – Raus aus dem Egotrip!
Kapitel 3Das Bild im neuen Rahmen – Umdeuten
Kapitel 4Ein Gefühl will gefühlt werden
Kapitel 5Die natürlichste Sache der Welt – Die Wut wegatmen
Kapitel 6Raus aus der Anonymität der Wut – Hinschauen und Kontakt aufnehmen
Kapitel 7Glücklich sein ist die beste Medizin
Ein kurzes Kapitel 8Ein Abschied und ein Willkommen
Anmerkungen
Über den Autor
Über das Buch

Einleitung

Wir werden alle wütend! Wenn Sie sich gerade ausgeglichen und entspannt auf Ihrem Sofa und in Ihrer Zufriedenheit räkeln, werden viele von Ihnen sagen: Ich nicht. Ich bin ein ausgeglichener, glücklicher Mensch … Verdammt nochmal! Und man darf Ihnen das glauben. Zumindest in diesem Moment. Aber ich habe ja auch nicht gesagt, wir seien alle wütend. Oder wir würden alle immer wütend. Es geht darum, dass wir alle immer mal wieder wütend werden, die einen häufiger, die anderen seltener. Das ist etwas anderes. Und es ist eine Tatsache, die wir akzeptieren sollten. Was uns offenbar wahnsinnig schwerfällt. Aber es geht nicht anders: Von diesem Punkt muss unsere gemeinsame Reise zu einem friedlicheren Umgang mit dieser wichtigen Emotion ausgehen. Wir werden alle immer mal wieder wütend, so wie wir traurig werden, ängstlich oder angeekelt. Wollten wir darauf hoffen, dass wir nicht mehr wütend werden, dürfte uns das im Ergebnis sehr wütend machen, denn das wird nicht geschehen. Wichtig ist, wie wir mit der Wut umgehen. Und dafür müssen wir sie verstehen.

Dieses Buch versucht, Sie auf der Suche nach dem Verstehen zu begleiten und vielleicht hier oder da etwas voranzubringen. So gehört es sich für ein Buch, dafür sind Bücher da. Aber dieses Verstehen ist nur der erste Schritt auf einer langen Reise. Wir müssen verstehen, was da mit uns geschieht, wenn wir Wut empfinden. Wir müssen begreifen, was uns da im Griff hat, wenn wir dieser Wut mit Raserei, mit verbaler Gewalt und dem gezielten Werfen von Geschirrteilen Ausdruck verleihen. Wir brauchen eine konkrete Vorstellung davon, wie wir uns aus dem Griff der Wut befreien können und eben nicht zu ihrer Verkörperung werden. Und dann müssen wir in jedem Fall und bei jeder Gelegenheit, die uns wütend macht, den festen Willen haben, nicht wütend auf die Wut zu reagieren. Das ist unglaublich anstrengend.

Aber es lohnt sich! Beinahe jeder von uns ist in irgendeiner Form direkt von rasend wütenden Menschen betroffen. Die einen sind es selbst. Die anderen haben so ein wunderliches Exemplar zum Lebenspartner, sind mit einem rasenden Wüterich aufgewachsen oder müssen immer wieder die Wutausbrüche von Vorgesetzten, Nachbarn, Freunden oder Verwandten wegatmen.

Ich kann es ehrlicher nicht machen: Das Thema Wut ist auch mein ganz persönliches, ebenso wie für Millionen anderer Menschen. Die Wut hat mich wie eine körperliche Beeinträchtigung durch fast sechs Lebensjahrzehnte begleitet. Sie hat mir Freiheit geraubt, Freude genommen und Freunde in die Flucht geschlagen. Dabei hat sie sich aufgeführt, als sei sie selbst mein Freund und mein Beschützer vor einer Welt, die immer wieder meine Grenzen überschreitet und deshalb in die Schranken gewiesen werden muss. Die Wut ist ein Schutzmechanismus. Dazu später mehr. Insofern ist das Missverständnis, sie sei ein Freund, erklärbar. Aber sie ist ebenso wenig ein Freund wie der tätowierte Türsteher, der vorgibt, für Sicherheit zu sorgen, und dem man die Zahl der Vorstrafen an seiner brutalen Kinnlade ablesen kann. Die Wut spielt sich in unseren Köpfen als Ordnungshüter auf und ist doch selbst kaum mehr als ein chronischer Unruhestifter.

Unsere Wut ist wie einer jener niederträchtigen und selbstsüchtigen Berater, wie man sie aus Filmen oder dem Theater kennt. Sie sind scheinbar immer zur Stelle, um dem Helden ihre vermeintlich guten Ratschläge einzuflüstern. Wie Gríma Schlangenzunge aus dem Herrn der Ringe intrigieren sie im Alltag, heucheln gegen echte Freunde und meucheln jeden, der dem Helden mit Liebe, Mitgefühl und Fürsorge zu nahe kommt. Ihre Währung ist die Macht, die Kontrolle über andere. Die Wut motiviert die Helden unserer Lebensgeschichten zum Handeln und gewinnt dadurch immer mehr Macht. Wut macht einsam, und das will sie auch. Es ist immer und immer wieder die Geschichte von »ich gegen …« – gegen ihn, gegen sie, gegen die da oder jene dort. Je mehr sie die Helden gegen das Miteinander mit anderen isoliert, umso mehr stärkt sie ihren eigenen Einfluss. Wut macht einsam, Einsamkeit macht wütend … und so weiter. Die Heldensagen unserer aller Lebensgeschichten sind voll von solchen falschen Freunden. Und die Wut ist der schlimmste von ihnen.

Wut ist eine Emotion, deren Spektrum sich in Reaktionen von der Empörung über eine Ungerechtigkeit oder ein Fehlverhalten bis zur blinden Rage äußern kann. Und das macht auch schon deutlich, dass Wut nicht an sich »schlecht« ist. Was sich allerdings immer wieder als schlecht erweist, sind viele der Reaktionen, mit denen wir unsere Wut zum Ausdruck bringen. Deshalb spricht man auch oft von einer destruktiven Emotion. In diesem Zusammenhang der Hinweis, dass ich hier ganz bewusst nicht klar trenne zwischen Gefühlen und Emotionen. Die Unterscheidung ist extrem kompliziert, und sie scheint mir für unsere Reise aus den wütenden Reaktionen nicht hilfreich. Klügere und Wissendere als ich mögen mir diese kleine Unschärfe nachsehen.

Wenn die Wut nicht schlecht ist und eigentlich auch ein ganz normales menschliches Gefühl, woher kommt dann das Destruktive? Ich habe gelernt, wütend zu sein. Nicht im Sinne von »mal Wut empfinden«, sondern als jemand, der seine Wut auslebt. Noch in einer Zeit geboren und aufgewachsen, in der Männer durchsetzungsstark zu sein hatten und diese Durchsetzungskraft mit ausgelebter Wut verwechselt wurde, habe ich gelernt, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Haben Sie das mal ernsthaft probiert, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen? Dann werden Sie festgestellt haben, dass da gar nichts passiert. Es rummst, und wenn Sie Pech haben, verstauchen Sie sich einen Handknöchel. Der Tisch rührt sich nicht und gibt in der Regel nur so nach, dass er selbst nicht zerbricht, was in dem Fall den fürchterlichen Schluss zulässt, dass er der Klügere ist. Die Erdrotation verändert sich nicht, und auch sonst geschieht nichts. Schmerzen sind der Preis ausgelebter Wut, ob im Handknöchel oder in der Seele, bei mir oder bei anderen. Eigentlich wissen wir das, und so leugnen wir unsere Wut gerne. Sie ist so unerträglich unvernünftig! Das Problem ist allerdings, dass Vernunft nicht der Maßstab für Emotionen ist.

Wenn wir zufrieden, im Moment vielleicht sogar glücklich sind, sind wir nicht wütend. Also halten wir uns nicht für wütende Menschen. Das ist normal. Aber es ist eben vor allem eine ganz normale Sinnestäuschung: Ich empfinde keine Wut, also bin ich kein wütender Mensch! Und wenn ich wütend werde und wütend reagiere, dann hat das ja einen Grund. Die Wut rechtfertigt sich selbst. Und dann ist es ja so, dass ich nicht wütend bin, sondern ich werde wütend gemacht … verdammt nochmal! Schon unser Sprachgebrauch in Formulierungen wie »das macht mich wütend« zeigt deutlich, wie sehr wir unsere Verantwortung für unser wütendes Handeln von uns weisen. Wir halten uns für Opfer der Wut. Das ist falsch, es ist umgekehrt. Die Wut macht uns zu Tätern.

Ich kenne nur wenige, die zugeben, ein Problem mit ihrer Wut zu haben. Das sind diejenigen, die sich auf die beschwerliche und anstrengende und oft auch erzürnende (!) Reise heraus aus der Wutfalle hin zu friedlicheren Reaktionen gemacht haben. Und das ist eine verdammt lange Reise, wirklich eine Heldenreise. Für alle anderen gilt, dass sie mit ihrer Wut mit einem Feind leben, den sie für einen Freund halten. Es gibt kaum eine gefährlichere Täuschung.

Mein letztes Buch Wir müssen reden – aber richtig (Herder 2024) über emotional intelligente Kommunikation habe ich mit dem Eingeständnis begonnen, dass ich das mit dem richtigen Reden auch nicht immer kann. Genauer gesagt: Ich mache es nicht immer richtig. Es bleibt mir nichts anderes übrig – es sei denn, ich verlasse wütend diesen geliebten Arbeitsplatz als Buchautor –, als auch jetzt einzugestehen: Ich werde wütend, und ich reagiere auch heute noch nicht immer richtig darauf. Lassen Sie mich noch weiter gehen, in der Hoffnung, Sie nicht abzuschrecken. Meine wütenden Reaktionen haben vieles in meinem Leben zerstört. Sie haben Beziehungen unmöglich gemacht, Liebe in Verzweiflung verwandelt. Und vor allem meine persönliche und professionelle Entwicklung um Jahre und Jahrzehnte verzögert. Je älter wir werden, desto mehr wissen wir, wie wertvoll diese Zeit ist.

Da wir gerade so wunderbar offen miteinander sind: Wer der Meinung ist, dass sein Hauptproblem die Wut der anderen ist, der ist hier falsch. Er oder sie wird dieses Buch lesen, seine diebische Freude über all diese wütenden Volltrottel haben und bei nächster Gelegenheit mit erbostem Zorn auf sie reagieren. So gerne ich Bücher verkaufe, wir sollten uns an diesem Punkt trennen. Sonst macht Sie auch noch dieses Buch wütend! Das Problem ist nicht die Wut der anderen. Das Problem ist noch nicht einmal meine Wut oder Ihre oder deine. Es sind unsere Reaktionen darauf! Dieses Buch konzentriert sich auf unsere Wut und wie wir damit umgehen. Die Wut der anderen ist für uns vor allem relevant, insofern sie uns selbst oft wütend macht. Wir reagieren wütend auf Wut. Und das ist die Gefahr, deren Vermeidung in unserer Macht liegt. Nicht die Wut der anderen. Unsere Wut und unsere Reaktionen darauf …, das ist das Problem, das wir lösen können.

Unsere Reaktionen auf unsere eigene Wut zu verändern und sie so in den Griff zu bekommen, dass wir uns nicht im Teufelskreis des Zorns in blinde Rage verlieren, ist ein Lernprozess. Wir haben es gelernt, wie »wütend sein« geht. Und wir können umlernen. Die wunderbare und relativ junge wissenschaftliche Entdeckung der Neuroplastizität zeigt uns die Grundlage dieser Möglichkeit: Unser Gehirn bleibt zeitlebens lernfähig. Es verändert sich mit jeder vertieften Lernerfahrung. Wir können auch unsere Reaktionen auf die eigene Wut neu lernen.

Auf manch einen mag die Feststellung, dass wir unsere Reaktionen auf die Wut gelernt haben, verwirrend und auch verstörend wirken. Wer etwas gelernt hat, der trägt nämlich die Verantwortung für das, was er oder sie mit dem Gelernten anrichtet. Und das zerrt unsere wütenden Reaktionen sozusagen ans Tageslicht unseres selbstverantwortlichen Handelns. Wie schön war dagegen die weitverbreitete Illusion, dass wir »halt wütend sind«. Dass unsere Rage ein Charakterzug ist, den uns eine schelmische Genetik in die Wiege diktiert hat und vor dem es kein Entkommen gibt. Unser Muster wütender Reaktionen als Schicksalsschlag: Das war eine bequeme Annahme. Sie entband uns in gewisser Weise aus der Verantwortung für unser wütendes Handeln. Für alle, die sich nach wie vor in dieser moralischen Sicherheit einer genetischen Absolution wiegen: Diese Ausrede gilt nicht mehr! Sie ist falsch. Sie entspricht nicht den Tatsachen. Es ist Zeit, Verantwortung zu übernehmen.

Die ganze Menschheitsgeschichte ist auch eine Geschichte außer Kontrolle geratener wütender Reaktionen. Ohne Wut gäbe es wohl keine Kriege, zumindest deutlich weniger. Mehr noch: Die Geschichte der Kriege ist eine Geschichte wütender Männer, denn es sind vor allem die Männer, die als kleine Jungs lernen, dass sie sich mit ihrer Wut »durchsetzen« müssen. Ohne die Wut wäre die Gewalt keine gesellschaftliche Pandemie, und wir würden uns auch nicht beim geringsten Anlass entzweien – sei es auf der persönlichen Beziehungsebene oder als Gesellschaft. Aber es gibt die Wut nun einmal, und wir lassen uns von ihr gängeln. Statt uns im Angesicht von Unzulänglichkeiten menschlich zu zeigen, führen wir uns oft einfach auf wie arrivierte, wütende Affen: vernunftbegabt, aber eben nicht vernünftig, sondern blind und unvernünftig vor Zorn.

Die Geschichte wird darüber erst später urteilen. Aber es kann sehr gut sein, dass das ständig wütende Gesicht eines Donald Trump zum Sinnbild einer ganzen Epoche werden wird. Einer Epoche der kollektivierten, kanalisierten, politisierten und radikalisierten Wut. Individuelle Wut, die gezielt geschürt wurde, die in politische Kanäle geleitet und dann gegen Sündenböcke gerichtet wurde. Die Bewegung, die der wütende Mann verkörpert, muss hier nicht beurteilt werden. Interessant ist aber, dass sie zu ihrer Zeit offenbar funktioniert (hat). Woher kommt all die Wut? Wir haben Wutbürger, Wutrentner, Wutschüler, wütende Klimaschützer, wütende Eltern auf Schulversammlungen … Es ist tatsächlich schwierig, eine gesellschaftliche Gruppe zu identifizieren, die nicht auf die eine oder andere Art auf die eine oder andere Gruppe wütend ist. Und so sind diejenigen, die sich nicht von wütenden Bewegungen haben mobilisieren lassen, wütend auf jene Bewegungen. Und bei all der Wut, die da reihum geht, kommt mir eine Lehre des genialen Songwriters Kris Kristofferson in den Sinn, der mich schon als Teenager fasziniert hat. Diese lautet sinngemäß: Wenn du jemanden ruinieren oder fertigmachen willst, musst du dafür sorgen, dass die anderen dein Opfer hassen. Dann kommst du damit durch. So werden die Narrative für Kriege geschrieben. Das jüngste Beispiel ist die Nazilegende, die Wladimir Putin gegen die Ukrainer bemühte, bevor und nachdem er sie in ihrem eigenen Land überfallen hat.

Die gesellschaftspolitische Frage, wie wir wieder zusammenfinden, statt uns auseinanderzudividieren, bekommt hier einen wichtigen Hinweis auf eine mögliche Antwort. Gruppen sind nicht wütend, Menschen sind wütend. Jeder Einzelne wird wütend, und jeder von uns muss entscheiden, wie sie oder er damit umgeht. Das ist der Punkt, an dem dieses Buch ansetzt: Meine Verantwortung für meine Wut.

Das Verrückte ist, dass die Wut in gewisser Weise sogar verherrlicht wird. Die meisten von uns sind in einer Welt aufgewachsen, in der unser Leben oder zumindest die materielle und physische Sicherheit unseres Lebens größtenteils von unserer Durchsetzungsfähigkeit abzuhängen scheint. Der alltägliche Wettbewerb um Wohlstand, soziale Positionierungen und Deutungshoheit ist auch ein Wettbewerb der Wütenden, die jedes Mal um sich schlagen – verbal, mit der Faust oder gar der Panzerfaust –, wenn die Durchsetzung ihrer Interessen gefährdet scheint. Und so verwechseln wir Wut mit Durchsetzungsfähigkeit. Dirty Harry lässt grüßen!

Wir können da raus, aus der Wutfalle. Wie gesagt, dies ist eine Heldenreise. Ihre ganz persönliche Heldenreise und, ja, meine auch. Die Wut ist wie eine Drogensucht. Wir wissen, dass sie uns schadet, aber ihre Anziehungskraft ist häufig unwiderstehlich, und dann werden wir unausstehlich. Eigentlich ist es sogar noch schlimmer: Bei der Wut lässt sich die Nummer mit der Überdosis nämlich unzählige Male wiederholen. Der einzige Vorteil ist, dass sie uns nicht zwangsläufig umbringt. Aber Wut kann töten. Sie tötet Hoffnungen, Beziehungen und – gar nicht so selten – auch Menschen. Folgendes Zitat wird manchmal dem Dalai Lama zugeschrieben, manchmal anderen Weisen: Wer wütend wird, verhält sich wie jemand, der Gift trinkt und hofft, dass sein Gegner daran stirbt. Wütende wissen, dass in Wirklichkeit sie selbst durch diese Sucht tausend Tode sterben. Aber sie finden nicht aus ihr heraus. Sie zu verlassen und sich ihren Klauen zu entwinden, kann ein lebenslanger Prozess sein. Er ist oft schmerzhaft, man wird rückfällig, und dann verstärkt die Scham die Wut, und der Held muss zurück auf Los. Oft vor Wut über sich selbst schnaubend. Wichtig ist, dass wir alle, die wir falsch auf unsere Wut reagieren, uns nicht entmutigen lassen. Jeder Moment, in dem wir uns der Wut nicht einfach hingeben, ist der Mühe wert.

Bitte sehen Sie es mir nach, dass dieses Buch keine Therapie ersetzen kann. Wer bereits in eine tiefe, selbstzerstörerische Spirale der Wut geraten ist, wer einsam ist, weil niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben will, nach x-fachen gescheiterten Arbeitsverhältnissen arbeitslos ist oder depressiv, der muss sich professionelle Hilfe holen. Dieses Buch ist nur für die ganz normalen Wutwahnsinnigen. Menschen, die einfach spüren, dass sie das deutlich besser machen könnten mit ihrer Wut. Die verstehen wollen, was da eigentlich mit ihnen passiert, wenn ihnen die Hutschnur platzt. Warum das geschieht. Und wie sie aus den Automatismen wütender Reaktionen herausfinden können.

Dieses Buch soll Mut machen. Mut ist wie Wut, nur dass das W auf dem Kopf steht. Auch der Mut ist selbstverstärkend. Wenn wir ihn einmal gefasst haben, wächst er uns über Herz und Kopf und schafft neue Handlungsmuster, die uns noch mehr Mut geben. Wie bei so vielem, können wir uns für diese Aufwärtsspirale entscheiden – oder für die Abwärtsspirale der Wut, jene W-Spirale, in der uns die Wut in tausend menschliche Abgründe reißen kann. Oder eben die M-Spirale, in der uns der Mut befreien kann, uns Selbstvertrauen schenkt, persönlichen und gesellschaftlichen Frieden und gesunde Beziehungen.

An dieser Stelle gebührt all jenen Dank, die mir Mut gemacht haben. Und denen, die immer wieder helfen, zu verstehen, was da in unserem Gehirn geschieht. Dazu gehören vor allem jene, die über die Jahre große Geduld gezeigt haben, wenn die Wut mit mir durchgegangen ist. Sie sind es immer wieder, die einen sicheren Raum schaffen, in dem man lernen kann, mit seiner Wut umzugehen. Ein zögerliches, aber durchaus ernst gemeintes Danke geht auch an jene, die keine Geduld hatten. Wenn an unserer Wut Beziehungen scheitern, weil unsere wütenden Reaktionen einfach zu viel sind, zu schwer zu ertragen, dann wird uns vor Augen geführt, wie teuer der vermeintliche Luxus ist, den man sich leistet, wenn man seine Wut einfach auslebt. Zögerlicher, aber ehrlicher Dank gilt auch all den Wütenden, die einem immer wieder vor Augen führen, dass nichts hässlicher macht und nichts uns dümmer aussehen lässt als rasende Wut. Und dann wären da noch die vielen klugen Menschen, die sich mit den Funktionsweisen unseres Gehirns beschäftigen und deren wissenschaftliche und publizistische Arbeit uns allen Zugang zu den Informationen bietet, die wir benötigen, um uns selbst und unsere Wut zu verstehen. Allen voran Gerald Hüther, der ein wunderbarer Gefährte auf der Reise geworden ist. Und Anna Egger, German Neundorfer und Simon Biallowons vom Verlag Herder. Stellen Sie sich ein Navigationssystem vor, das Ihnen wirklich zuhört und versteht, wo Sie hinwollen, und Ihnen dann nur kleine, freundliche Stupser gibt, um Sie auf Kurs zu halten. So war unsere Zusammenarbeit. Jede Heldenreise braucht ihre Weggefährten, so wie Sam Gamdschie und Peregrin Tuk, der Zauberer Gandalf und Gimli der Zwerg den Hobbit Frodo zum Schicksalsberg begleiteten.

Ich bin kein Hobbit, kein Therapeut und kein Hirnforscher. Das Hintergrundwissen stammt von anderen. Aber als Autor und Coach beschäftige ich mich seit Jahrzehnten mit Kommunikation und der Frage: Wie können wir so miteinander reden, dass wir uns verstehen? Wie gelingt es, mit emotional intelligenter Kommunikation Beziehungen besser zu gestalten und damit unser eigenes Glück und das der anderen jeden Tag etwas mehr auszubauen? Wie reden wir mit uns selbst und über uns selbst? Die Narrative in unserem Kopf sind das, was unser Ich definiert, und wir schreiben sie selbst. Unser Ich, unsere Persönlichkeit ist nichts, was wir von Geburt an haben und das sich nicht verändern lässt. Ja, natürlich gibt es genetische Prägungen. Aber wie wir auf unsere Umwelt und unsere Gefühle reagieren, haben wir gelernt. Und das lässt sich ändern. Wir sind nicht dazu verurteilt, wütende Menschen zu sein.

An diesem Punkt liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Heldenreise aus dem Land der wütenden Raserei: Wir sind zeit unseres Lebens bis ins hohe Alter lernfähig. Unsere Gehirne lassen sich buchstäblich umbauen. Ihre Struktur verändert sich mit nachhaltigen Lernerfahrungen. Diese Erkenntnis der Neuroplastizität ist ziemlich neu, wenn man es mit den Jahrmillionen der Menschheitsgeschichte und den Jahrtausenden der Wissenschaftsgeschichte vergleicht. Erst im vergangenen Vierteljahrhundert hat die Hirnforschung nachgewiesen, dass wir nicht unveränderbar so oder so sind, sondern dass wir ständig lernen und sich dadurch unser Gehirn verändert. Das war eine mutige Einsicht der Hirnforscher, mit der sich einige auch immer noch schwertun, denn es hat ihre eigene Wissenschaft auf den Kopf gestellt. Sie hätten diese neuen Erkenntnisse auch einfach wütend von sich weisen können. Manche haben das versucht. Tatsache ist: Die Einsicht in die Neuroplastizität verändert alles. Und sie ist eine Einsicht, die uns allen Mut machen kann. Wir können uns nicht nur ändern. Wir ändern uns auf jeden Fall. Wir können es bewusst tun oder es dem Zufall unserer Lebenserfahrungen überlassen. Wenn wir uns unseren wütenden Reaktionen weiter hingeben, dann verändern wir uns auch, nur in die falsche Richtung, hin zu wütenden Menschen und wütenden Gesellschaften. Es gibt Hinweise darauf, dass wir uns in diese Richtung bewegen.

Aber wir stehen als Menschen unserer Zeit auch an einem wunderbaren Punkt der Menschheitsgeschichte: Wir wissen nun, dass unsere Gehirne zeitlebens lernfähig sind, dass wir uns verändern können. All die alten Sprüche, dass man nicht aus seiner Haut kann, dass man alten Hunden keine neuen Tricks beibringt und so weiter …, sie sind alle veraltet. Es stimmt einfach nicht, das wissen wir heute. Selbst die noch vor wenigen Jahren durch die Genforschung vorherrschende Meinung, dass wir den Menschen komplett verstehen und mit genetischen Manipulationen im Zweifelsfall auch reparieren können, hat sich in vielerlei Hinsicht relativiert. Wenn wir uns ändern wollen, müssen wir das selber tun. Gleichzeitig standen noch nie so vielen Menschen so viele Informationsquellen zur Verfügung, um die Entscheidungen über ihre persönliche Entwicklung klug und wissend und bewusst zu treffen.

Millionen Menschen nutzen dieses neue, leicht zugängliche Wissen. Sie haben sich in ganz vielen Lebensbereichen auf die Suche gemacht nach anderen Arten zu leben. Die Einsichten in die Klimaveränderungen haben Menschen dazu bewegt, neu und anders über Nachhaltigkeit nachzudenken. Das Vakuum, das die Kirchen in vielen Teilen der Welt hinterlassen haben, hat nicht wenige dazu bewegt, sich auf eine neue Sinnsuche zu begeben. Einsichten in die Begrenzungen unserer Konsum- und Wachstumsgesellschaften lassen Millionen nach anderen Wertesystemen suchen. Es besteht sogar die Hoffnung, dass wir irgendwann anfangen, unseren Kindern das Leben zu lehren und nicht nur, wie sie zu prosperierenden Wirtschaftsfaktoren werden. Das alles macht Mut, egal zu welchen Schlüssen jeder Einzelne von uns in diesen Fragen kommt.

Es macht vor allem Mut, die Frage nach unserem persönlichen Glück neu zu stellen. Oder sie überhaupt einmal zu stellen! Diese Frage ist natürlich riesengroß. Ich hätte gesagt, sie wäre zu groß für ein einzelnes Buch, hätte Matthieu Ricard nicht sein Buch Glück geschrieben. Da steht eigentlich alles drin. Wenn es um unser Glück geht, dann bin ich überzeugt, dass kein Faktor weltweit ein größerer Glücksverhinderer ist als die Wut der Menschen. Sie macht uns blind und dumm und gewalttätig. Wut frisst Glück – und zwar in Obelix-Mengen.

Zum Glück gibt es Wege aus dieser Falle, schweres Terrain, aber durchaus gangbare Pfade von der Wut zum Mut. Hier sind ein paar. Viel Spaß auf dieser Heldenreise zu ihrem friedlichen Ich!

Robert Burdy, Markkleeberg im Frühjahr 2026

Teil 1Das Phänomen Wut

Kapitel 1Dynamit im Kopf – Wo die Wut herkommt

Wut ist ein Gefühl und nicht nur negativ. Irren ist menschlich. Und wütend werden ist auch menschlich. Aber ebenso, wie wir dem Irrsinn nicht einfach freie Bahn lassen sollten, dürfen wir dies auch für die Wut nicht tun.

Wut ist eine Emotion. Zumindest sind sich die meisten Wissenschaftler aus der Psychologie und den Neurowissenschaften darüber einig. Einige sagen auch, Wut sei lediglich der Ausdruck anderer Emotionen wie Angst, Scham oder Abscheu. Solange sie dabei nicht allzu wütend werden, dürfen die Wissenschaftler diesen akademischen Streit gerne weiter austragen. Für uns Wut-Normalverbraucher spielt er keine große Rolle. In diesem Buch schließen wir uns der Mehrheitsmeinung an und gehen davon aus, dass Wut eine der grundlegenden Emotionen ist, die alle Menschen erleben. Wer mehr darüber erfahren will, dem sei der Atlas der Emotionen empfohlen, den der Psychologiepionier Professor Paul Ekman im Auftrag und in Kollaboration mit dem vom Dalai Lama gegründeten Mind and Life Institute entwickelt hat. Ekman hat dort die grundlegenden Emotionen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen buchstäblich aufgefächert. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, einfach »Ekman Atlas of Emotions« googeln.1

Es ist nicht nur aus diesem Atlas der Emotionen ersichtlich: Wie alle Emotionen und wie auch der Mond hat die Wut eine helle und eine dunkle Seite. Wie sagte es der geniale Mark Twain so trefflich: Jeder Mensch ist ein Mond und hat eine dunkle Seite, die er nicht zeigt. Dieser tragische und überaus humorvolle Mann, der tausend Klugheiten schrieb und in seinem eigenen Leben riesige Dummheiten anrichtete, der die amerikanische Literatur aus der Taufe schrieb und mit einer der langweiligsten Autobiografien, die je geschrieben wurden, seine Leser einschläferte, er war ein echter Mond mit einer strahlenden, hellen Seite und einer dunklen. Sein Satz stimmt in so vielerlei Hinsicht. Aber auf eines trifft er nicht zu: auf unsere Wut. Sie ist für viele Menschen deren dunkle Seite. Und das Problem dieser Seite ist nicht, dass es sie gibt, sondern dass sie sehr wohl sichtbar wird, dass wütende Menschen sie sichtbar machen. Die meisten können gar nicht anders. Und dann kann die helle Seite des menschlichen Mondes lächeln, wie sie will.

Wer immer wieder die Wut aus der Dunkelheit aufblitzen lässt, der ist ein wütender Mensch. Da kann er ansonsten umwerfend nett sein, es wird ihm nichts nützen. Hitler war angeblich auch nett zu seinem Schäferhund, aber nett war er eben nicht. Das wäre die Untertreibung des Jahrhunderts! Der Maßstab für wütende Menschen ist nicht, ob sie immer wütend sind. Es gibt wütende Menschen, die nach außen eine Kulisse geradezu stoischer Gelassenheit zeigen. Bis sie explodieren; und dann wird es fürchterlich, in ihrer Umgebung zu sein. Wütende Menschen reagieren wütend, und zwar immer wieder. Das macht die Emotion an sich aber noch nicht schlecht. Wut ist erstmal einfach ein Warnsignal.

Wir werden wütend, wenn jemand oder etwas eine persönliche Grenze bei uns überschritten hat.

Unser ganzer Körper warnt uns mit Wut vor Grenzüberschreitungen, also wenn wir enttäuscht oder frustriert sind, wenn wir uns schämen oder Angst haben. Meistens werden wir wütend, wenn sich jemand uns oder anderen gegenüber unfair, gemein oder sonst irgendwie inakzeptabel verhält. Und falls das nun so aussieht, als sei die Wut eine Sache, die sich an klaren, nachvollziehbaren Parametern messen lassen kann, dann ist das eine Täuschung. Denn was wir als unfair, gemein oder inakzeptabel empfinden, ist bei uns Menschen sehr verschieden. Unsere individuellen Lebens- und Lernerfahrungen prägen unsere Wuttrigger. Wir haben zumindest zu einem großen Teil gelernt, wann wir worüber wütend werden. Und das ist bei jedem Menschen anders. Das macht die Wut so schwer in den Griff zu bekommen: Wir müssen sehr tief in uns hineinhorchen, um festzustellen, wo unsere Wut eigentlich herkommt. Damit unterscheidet sich die große, böse Wut kaum von anderen Emotionen. Auch warum wir uns verlieben, können wir selbst kaum nachvollziehen, wir ahnen noch nicht einmal, was eigentlich diese Druckbetankung mit Glückshormonen ausgelöst hat. Wir wissen ganz oft nicht oder sind uns zumindest nicht bewusst, warum manche Menschen bei uns Angst auslösen und sämtliche Alarmglocken klingeln lassen oder wieso uns andere abstoßen und uns abgrundtief unsympathisch sind. Die Wut ist da im Reigen der Emotionen keine Ausnahme. Und doch nimmt sie durch ihre Auswirkungen auf unser Handeln eine besondere Rolle ein.

Da wäre die Geschichte von einer jungen Frau, der schlichtweg der Kragen platzt, wenn ihr jemand an den Hals fasst. Der Grund liegt tief in ihrer Kindheit vergraben. Wann immer ihre Mutter nämlich der Meinung war, die Kleine habe irgendwelche Regeln gebrochen, wurde sie wie ein Karnickel am Halse gepackt und in ihr Zimmer abgeführt. Sie sollte lernen, dies oder jenes nicht mehr zu tun. Wohnzimmerwände mit Nutella dekorieren, aus den Teilen der neuen Stereoanlage versuchen einen Toaster zu basteln, Katze in der Mikrowelle … Die experimentellen Neuzugänge im Umgang mit Alltagsgegenständen halt, wie Kinder sie in ihrem Entdeckergeist entwickeln. Eltern mögen so etwas nicht. Die Katze übrigens auch nicht. Und die Kleine hat gelernt. Was sie lernte, hat aber wenig mit den kleinen Fehlern von Kleinkindern zu tun, sondern mit der Tatsache, dass ihre Freiheit abrupt endet, wenn jemand sie am Hals packt. Nicht schlimm, könnte man auf den ersten Blick denken, wir rennen ja nicht alle durch die Gegend und packen Wildfremde am Hals.

Insofern war die Sache auch lange kein Riesenproblem. Bis ein gutmeinender Liebhaber zwanzig Jahre später im Eifer des erotischen Gefechts sie einmal dort anfasste, wo man die Dame halt nicht anfasst, nämlich am Hals. Was folgte, war ein Wutausbruch, der für den armen Liebhaber ebenso überraschend wie unverständlich war. Man kann sich die daraus entstandene Auseinandersetzung vorstellen. Wie sie ihm unterstellte, er habe brutal in ihr Selbstbestimmungsrecht eingegriffen und sei übergriffig. Natürlich sei er das »immer«, weil wir alles »immer« sind, wenn die Wut anfängt zu zetern. So verlief die sich blitzschnell zur Rage hochschaukelnde Diskussion völlig irrational. Klar, denn die Ratio, also unsere Vernunft, ist entgegen landläufiger Meinung eben nicht die Fernbedienung für unsere Gefühle. Sie scheint vielmehr allzu oft völlig hilflos, wenn die Gefühlskanone feuert. Erschwert wurde die Situation dadurch, dass der jungen Frau gar nicht bewusst war, was da gerade ihre Wut ausgelöst hatte. Sie hatte einfach das Gefühl, dass da jemand ganz massiv eine Grenze überschritten hatte.

Weniger obskur und wahrscheinlich längst kein Einzelfall ist der junge Mann, der als Kind von seinen Eltern viel allein gelassen wurde und dem das deutliche Gefühl vermittelt wurde, dass er nicht gewollt war. Als Erwachsener wünschte er sich nichts mehr als eine liebevolle Beziehung, in der er gesehen wurde und gewollt war. Nach einer Miniserie von eher bedeutungslosen Beziehungen, die zwar »ganz nett« waren und auch funktionierten, traf er seine große Liebe, ließ alles stehen und liegen und stürzte sich in diese Beziehung. Er fuhr hunderte Kilometer, um bei seiner Partnerin zu sein, richtete sich auf deren Bedürfnisse ein und tat in jeder Hinsicht alles, um sie glücklich zu sehen.

Das wäre eine sehr schöne Geschichte, wenn dies bereits das Ende wäre, ein echtes Happy End. Die Geschichte bekommt aber wie so viele ein »Angry End«. Das Verhalten des jungen Mannes entsprach nämlich überhaupt nicht der emotionalen Überlebensstrategie, die er sich als Kind und Heranwachsender zwangsläufig angeeignet und als junger Erwachsener verfestigt hatte: Er hatte sich, um sich von der emotionalen Kälte seiner Eltern als ursprüngliche Bezugspersonen unabhängig zu machen, emotional und auch in seinem Handeln zu einer extrem eigenständigen und autarken Persönlichkeit entwickelt. Das sicherte ihm, gepaart mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz, großen beruflichen Erfolg. So hatte er gelernt, dass diese Strategie funktionierte. Dass seine Vorgesetzten – ja, auch erfolgreiche Menschen haben Chefs – ihn gelegentlich ermahnten, ein bisschen mehr Empathie bei der Führung seiner Mitarbeiter zu zeigen, war nur ein leises Echo aus jenem Abgrund, der sich in seinem Gefühlsleben auftat.

Damit befand er sich in einer selbstzerstörerischen Zwickmühle: Seine Überlebensstrategie war durch die Beziehung zu der neu gefundenen großen Liebe massiv bedroht. Er wollte sich bedingungslos hingeben, hatte jedoch gelernt, dass er genau das nicht tun durfte. Dieser junge Mann, der alles tat, um die Bedürfnisse und Wünsche seiner Partnerin zu erfüllen, agierte nicht mehr wie der auf seine Unabhängigkeit fokussierte Mann, der bisher so erfolgreich gewesen war. Er legte die Schutzhülle ab, die ihn aus seiner Sicht vor einer Wiederholung des Kindheitstraumas Allein-gelassen-Werden schützte. Allerdings: Beim kleinsten Hinweis auf Unebenheiten in seiner neuen Beziehung war er sofort in seine Kindheit zurückversetzt: Er fühlte sich allein gelassen und ohne Überlebensstrategie. Das reichte als Auslöser für dramatische Streitigkeiten, denen seine neue Partnerin, die womöglich selber mit eigenen Wutauslösern aus der Kindheit zu kämpfen hatte, nicht gewachsen war. Die trivialsten Meinungsverschiedenheiten, ja selbst Stimmungsunterschiede zwischen den Partnern, wie sie im Alltag normal sind, eskalierten regelmäßig. Am Ende scheiterte die Beziehung krachend und hinterließ zwei wütende Menschen, die nun wieder alleine wütend sein mussten.

Es ist eine tragische Geschichte, wie sie sich so oder so ähnlich tausendfach abspielt: Eine eigentlich vernünftige Lebenslektion hat irrationale Folgen. Das ist die Falle des Schutzmechanismus Wut. Die Beispiele zeigen:

Wut hat etwas Tragisches an sich.

Ein eigentlich wichtiger Schutzmechanismus führt immer wieder zur Beschädigung wertvoller persönlicher Beziehungen. Woran liegt das? Die Antwort ist in der Distanz zwischen Erlebtem und Geschehenem zu finden, zwischen Wahrnehmung und Realität. Und in der Frage, wie wir darauf reagieren. Die Wut warnt uns vor wahrgenommenen Grenzüberschreitungen. Das hat oft sehr wenig mit objektiv stattfindenden Provokationen zu tun. Das Gehirn reagiert auf den Hinweis einer gelernten Grenzüberschreitung genauso wie auf den tatsächlichen Akt selbst. Da wird in der Wahrnehmung die Berührung am Hals zur Freiheitsberaubung und die eigene Hingabe zum Verlust von Freiheit und Selbstbestimmung. So wurde es in unseren beiden Beispielfällen gelernt. Das ist der Pawlow’sche Reflex, wie er Hunden das Wasser im Maul zusammenlaufen lässt, weil sie die Fütterung mit einem bestimmten Geräusch verbinden. Wir haben in unseren Gehirnen eine Verbindung geschaffen, und wir haben sogar eine Lösung für dieses Problem abgespeichert: Wir werden wütend. Zu dieser Lösung greifen wir, wann immer Erlebtes uns an die ursprüngliche Lektion erinnert. Dass verschiedenste Voreingenommenheiten uns dabei komplett hinter die emotionale Fichte führen können, merken wir noch nicht einmal. Wir gleichen neue Situationen mit alten Erlebnissen ab, entdecken Übereinstimmungen, suchen dann nur noch nach weiteren Parallelen, während unser Gehirn die abgespeicherte Lösung aktiviert und umsetzt. Das geschieht sehr häufig für ganz andere Situationen, die nur ähnlich aussehen, und dann kann die Lösung zum Problem werden.

Deshalb wird es auch so schwierig, den Ausbruch unserer Wut zu verhindern, wenn wir uns die Auslöser nicht bewusst machen. Der Auslöser führt dann geradewegs in ein selbstgerechtes Gefühl von »Meine Grenzen sind verletzt worden«. Das ist immer so. Wir fühlen uns immer im Recht, wenn wir wütend werden. Immerhin wird ihr Auslöser ja als Bedrohung, als Grenzüberschreitung wahrgenommen. So rechtfertigt der Auslöser dem Wütenden immer die Wut:

Die Wut rechtfertigt sich für uns immer selbst. Hier beginnt der Teufelskreis.

Und wenn dann jemand – ganz oft ist es ein geliebter Mensch, der uns an den Hals oder auf alte emotionale Wunden fasst – gegen die Irrationalität der wütenden Reaktion argumentiert, wenn er vielleicht sogar selbst wütend wird, weil auch bei ihm eine Grenze überschritten wurde und er sich ungerecht behandelt fühlt, dann geht es beinahe unaufhaltsam ab in den Teufelskreis der Wut.

Wir haben es also mit einem Lernprozess zu tun: Eine oft in der Kindheit gemachte Erfahrung hat uns gelehrt, dass bestimmte Erlebnisse und Aktionen unserer Mitmenschen unsere Grenzen überschreiten. Sie tun uns auf irgendeine Art weh oder bedrohen uns. Also speichert unser Gehirn Muster für solche Situationen oder Aktionen ab, damit wir sie erkennen.

Muster der Grenzüberschreitung wird als Auslöser abgespeichert

Erlernte »Grenzüberschreitung«

Erfahrung

Dieses Muster kann Erfahrungen umfassen, die nichts mit der ursprünglichen tatsächlichen Grenzüberschreitung zu tun haben. Das wütende Zerren der Mutter am Kinderhals unterscheidet sich wesentlich von der zärtlichen Berührung eines Liebhabers. Das Muster erfasst aber beides gleich. Und das bildet das Fundament für immer wieder neue Wutepisoden.

Diese Episoden entstehen, indem ein Auslöser wahrgenommen und mit dem abgespeicherten, also erlernten Muster einer Grenzüberschreitung abgeglichen wird. Wird das Muster wiedererkannt, entsteht die Wut. Sie warnt uns vor der Grenzüberschreitung. Und darauf reagieren wir, wenn wir nicht gut aufpassen, mit dem Ausdruck von Wut – von der Empörung bis hin zur blinden Rage.

Muster der Grenzüberschreitung wird als Auslöser abgespeichert

Erlernte »Grenzüberschreitung«

Erfahrung

Wut

Wütende Reaktion

Wenn wir ein solches Muster in einer Auslösersituation wahrnehmen, werden wir wütend. Das ist die Schutzreaktion. Sie hilft uns zum Beispiel, uns gegen eine Grenzüberschreitung zu wehren. Wichtig ist, sich immer wieder klarzumachen, dass bis zu diesem Punkt alles nur in uns selbst stattfindet: Der Auslöser ist in uns, der Abgleich mit der neuen Erfahrung auch. Und dann die Wut. Alles findet nur in uns selbst statt. Genau dort ist es auch hervorragend aufgehoben. Es ist erst die wütende Reaktion, die die Wut herauslässt, die sie zur objektiv gelebten Realität macht und die uns in Konflikt mit anderen bringt.

In der Reaktion erst wird die Wut problematisch. Hier findet sie objektiv statt.

Die einzelnen Schritte von der Erfahrung, die zu einem Lernprozess bis zur wütenden Reaktion führen, bauen aufeinander auf. Wenn wir dieses Gebilde abbauen wollen, ohne Schaden zu nehmen, müssen wir es Stück für Stück abtragen. Wir müssen die wütende Reaktion verhindern. Wir müssen verhindern, dass wir aktuelle Situationen mit abgespeicherten Bedrohungslagen verwechseln. Wir müssen abgespeicherte Bedrohungslagen überprüfen und feststellen, ob sie für uns überhaupt noch eine Rolle spielen und ob die Lösung »wütend werden« überhaupt noch angemessen ist. Meistens ist sie das nicht.

Dabei ist es sinnvoll, sich rückwärts an der Kausalkette entlangzuarbeiten, so wie man ein Feuer löscht, bevor man sich über die Brandursache Gedanken macht, um zukünftige Brände zu verhindern. Es ist sinnvoll, das Feuer einer sich anbahnenden wütenden Reaktion zu löschen, denn das ist es, was buchstäblich brandgefährlich ist. Unsere wütende Reaktion ist das lichterlohe Feuer, das in so vielen Fällen in so vielen Leben verbrannte Erde hinterlässt.

Wir haben die Macht, den Teufelskreis der Wut zu durchbrechen.