X wie Dictionnaire - Marie-Jeanne Urech - E-Book

X wie Dictionnaire E-Book

Marie-Jeanne Urech

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Beschreibung

Die Sonne wird immer größer, die Stadt immer stiller. Das Wasser steigt, See und Meer verschmelzen zum Seemeer. Jeden Tag zwängen sich mehr Menschen in die Raumfähre, die sie nach Belgador bringen soll, einem Garten Eden, von dem niemand eine Vorstellung hat. Nur Simon und eine Handvoll sympathisch skurriler Gestalten denken nicht im Traum ans Fortgehen, obwohl schon der Fisch zum Sauerkraut fehlt, weil sich inzwischen auch der Fischer davongemacht hat. Simon ist der Laternenanzünder der Stadt, die Stück um Stück vom Urwald überwuchert oder von der Wüste verschluckt wird. Doch eines Tages findet er im Seemeer, angespült in einem Boot, ein stummes Kind. Der Kleine wächst Simon schnell ans Herz, er lehrt ihn den Umgang mit den Menschen und die Sprache. X wie Dictionnaire ist eine Parabel über die Liebe und das Loslassen, über die Funken der Hoffnung in einer Welt, die dem Untergang geweiht scheint.

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Seitenzahl: 105

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Die Stadt gerät aus den Fugen, die Sonne wird immer heißer, das Wasser steigt. Jeden Tag zwängen sich mehr Menschen in die Raumfähre, die sie nach Belgador bringen soll, einem fernen Planeten, von dem niemand etwas weiß und jeder sich viel erhofft. Nur Simon und eine Handvoll sympathisch skurriler Gestalten harren noch aus, obwohl schon der Kabeljau zum Sauerkraut fehlt, weil sich inzwischen auch der Fischer davongestohlen hat. Simon ist der Laternenanzünder der Stadt, die nach und nach vom Urwald überwuchert oder vom Seemeer verschluckt wird. Doch eines Tages findet er, von einer wütenden Welle angespült, ein stummes Kind. Der Kleine wächst Simon schnell ans Herz, er lehrt ihn den Umgang mit den Menschen, das Lesen und die Freuden und Pflichten seines Handwerks.

X wie Dictionnaire ist eine Parabel über die Liebe und das Loslassen, erzählt von Geheimnissen, die geheim bleiben wollen, und vom Funkeln der Hoffnung in einer Welt, die dem Untergang geweiht ist.

Als wär’s ein Leichtes, gelingt es der Übersetzerin Lis Künzli, die poetische Verspieltheit von Marie-Jeanne Urechs Sprache mit all ihren Reimen und Lautmalereien ins Deutsche zu übertragen und – wie die Autorin –, wo ein Wort fehlt, gelegentlich eines zu erfinden.

Marie-Jeanne Urech

X wie Dictionnaire

Roman

Aus dem Französischen von Lis Künzli

Verlag und Übersetzerin bedanken sich bei folgenden Institutionen:

Die Übersetzung wurde gefördert von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung.

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2025 unterstützt.

Die Originalausgabe ist 2022 unter dem Titel K comme Almanach bei Hélice Hélas Éditeur in Vevey erschienen. Vermittlung: Swiss Books Agency, www.swissbooksagency.ch

© 2022 Hélice Hélas Éditeur (Suisse)

© 2024 Rotpunktverlag, Zürich (für die deutschsprachige Ausgabe)

www.rotpunktverlag.ch

Umschlagbild: Shane Monaghan / Alamy Stock Foto

Lektorat: Anina Barandun

Korrektorat: Sarah Schroepf

eISBN 978-3-03973-045-2

1. Auflage 2024

Meinen nächsten Nachbarn

Inhalt

X wie Dictionnaire

Über den Autor

Über den Übersetzer

Die Raumfähre mit Ziel Belgador sollte sich in Kürze der Erde entreißen. Vor dem Abfertigungsgebäude drängte sich eine Menschenmenge ohne Gepäck. Nur Souvenirs in Form von Schnipseln oder Konfetti waren erlaubt. Wollte man alles hinter sich lassen, musste man schwerelos sein. Auf dem Trottoir gegenüber ging Simon, der Lampist, der Erste, der die Nacht erhellte. Er hatte es eilig. Das Sauerkraut an drei Fischen von Küchenchef Beckenbaum war das beste der Stadt. Mit echtem Schellfisch, Lachs und Kabeljau, keine seichte Brühe. Es flutschte gut durch den Magen, bevor man sich aufmachte, Dutzende von Laternen zu entzünden. Das Restaurant schachtelte sich über vier Etagen hoch. Pro Stockwerk ein Tisch und ein Fenster. Als Stammgast setzte Simon sich stets ins vierte und überließ die unteren Geschosse den Versehrten der kleinen und der großen Kriege. Es gab nur ein Menü im Restaurant. Die Wartezeit war auch konstant. So lange so ein Fisch zum Garen braucht. Beim Ertönen der Klingel stellte sich Simon an die Durchreiche. Er hob die Glocke, und der Teller wäre ihm beinahe aus der Hand gefallen. Das Sauerkraut war da, auch die Tomate zur Garnitur, nur vom Fisch keine Spur. Plötzlich stand Beckenbaum im Raum. Er absolvierte seine in langen Dienstjahren automatisierte Runde durch die Kundschaft, freundlich seine Kochmütze lüftend. Bevor er wieder durch die Wand entschwand, brachte Simon den Mechanismus zum Stehen. Die Mütze schwebte in der Luft, das Lächeln war verpufft.

»Wo ist der Fisch?«

»Im Wasser, wo denn sonst?«

»Im Topf, meinst du?«

»Im See, im Meer oder im Seemeer, das ist nur eine Frage des Salzes.«

»Das schmeckt nicht mehr wie früher.«

»Freut mich, dass du es bemerkst. Ich wurde heute nicht beliefert.«

»Das schmeckt überhaupt nicht mehr.«

»Bis morgen, Simon.«

Ein Feuerzeug hätte gereicht, um eine Laterne anzufachen, doch die Bevölkerung war gewachsen, und die Laternen waren in die Höhe geschossen. Simon musste eine Stange einsetzen. Seine Muskeln spannen. Genau peilen. Ja nicht zittern. An windstarken Tagen schwankte er wie ein Zirkusakrobat, um die Stange im Gleichgewicht zu halten. Mit entsetzlichem Getöse entriss sich die Fähre nach Belgador der Erde und fegte mit ihrem Feuer der Verheißung die hereingebrochene Nacht hinweg. Simon bog in eine der Avenuen, die er zu erleuchten hatte, und tränkte seine Stange in Brennstoff. Straße für Straße belebte sich die Stadt mit flackernden Lichtern, die da einen Klecks Farbe auf einem stumpfen Verputz, dort ein halb vermummtes Gesicht zum Vorschein brachten. Die Flamme gab ein leichtes Summen von sich, das, schaute man nicht näher hin, an Elektrizität erinnerte. Während er so voranschritt, zählte Simon die Fenster ohne Leben, die immer zahlreicher wurden. Eine Fähre folgte auf die nächste, und sie leerten die Stadt, pumpten ihr die Eingeweide aus, um die grünen Wiesen von Belgador damit zu düngen. Vielleicht war er der Einzige, der das ganze Ausmaß dieser Abreisen erfasste. Hier und da lief ihm, vom plötzlichen Licht aufgescheucht, eine Gestalt über den Weg. Mit seiner Leuchtspur zog Simon der Nacht einen Strich durch die Rechnung. Simon, der nächtliche Wächter. Der Schutzherr der Pflastersteine. Er kam am Bahnhof vorbei, der zur Endstation geworden war, und holte sich ein Getränk am Automaten. Die Luft war mild, obwohl der Herbst schon fortgeschritten war. Sobald sich ins Morgengrau die ersten Ritzen schlichen, pustete er kräftig, um seine Stange auszulöschen. Durch die Rauchschwaden schimmerte eine fette Sonne.

Im Treppenhaus überholte Simon den Lieferanten, nass vor Schweiß. Über der Schulter ein Motorrad. Ein chromblitzendes, funkelneues Stahlross. Novembre, auf der Fußmatte in Stellung, erwartete missgelaunt die Lieferung.

»Wo soll ich nur hin damit, Simon? Sag mir das!«

»Was für eine Glückssträhne. Es ist fast kaum zu glauben!«

»Es gibt kein Benzin mehr. Da können sie mir ruhig ein Motorrad schenken. Ein Glück, dass es kein Auto ist!«

»Im Wohnzimmer ein Motorrad, auf der Toilette eine Gefriertruhe, im Schrank eine Jukebox. Irgendwann wirst du umziehen oder mit dem Spielen aufhören müssen!«

»Ich werde aufhören, wenn ich das Schloss gewonnen habe, in dem ich den ganzen Plunder unterbringen kann.«

Tief in seinem Bett versunken, dachte Simon an Flore. Drei Monate, dass sie fortgegangen war. Sie hatte ihn angefleht, mit ihr nach Belgador zu kommen. Er hatte auf seine Stange verwiesen. Man zählte auf ihn: »Wenn die Nacht sich niederlässt, erlischt alles, was man ist.« – »Und alles, was man liebt, erlischt mit«, hatte sie geantwortet. Als er eines Feiermorgens von der Arbeit nach Hause kam, war sie weg. Simon dachte an Flore, irgendwo dort oben über dem Betthimmel, in Nachbarschaft eines anderen Sterns, der besser, länger scheinen würde. Hatte sie in ihrem Handgepäck ein kleines Stück von ihm dabei?

Unter ihm, auf Höhe der Grundmauern, trug Madeleine das Gebäude auf Händen. In der Mitte des Wohnzimmers, umgeben von ihrer Sammlung Korkenzieher, hielt sie mit ausgestreckten Armen und krummgebogenen Beinen tapfer dem Druck der Decke stand. Madeleine war nicht gerade von athletischer Statur, aber leicht von Begriff und wusste, dass man mit Herz und Verstand Stahlbeton, Ziegelstein und Innenwände aufrechterhalten kann. Jeden Tag kam die Nachbarschaft vorbei, setzte sich zu ihren Füßen aufs Lederkanapee und tauschte das Neueste aus. Madeleine, urgesteinsartiger Monolith, monumental verehrt. Simon säumte nie lange bei diesem täglichen Zusammensein. Stets drängte ihn der Einbruch der Nacht zum Aufbruch.

Mit einem Einkaufsnetz in der Hand betrat er die Straße, die er seit jeher kannte, in der er geboren, gehegt, geliebt und dann verlassen worden war. Die Straße, Dekor eines Lebens, das ihm behagte, selbst wenn ihn das Gespenst der Pflicht gelegentlich etwas plagte. Er ging vorbei an den Gärten, die wegen der Familien, die eine nach der anderen aufbrachen, brach lagen. Die Vegetation begann auf die Fliesen überzugreifen. Bald würde nicht mehr auszumachen sein, ob dort Spalierstangen oder Kreuze standen. Auf dem Weg, von maroden Läden gesäumt, unter Mangel und Demineralisation leidend, bemerkte er den Wagen von Georgette, seiner Nachbarin. Sie saß keuchend daneben:

»Ich habe meinen Stock verloren.«

»Wo denn?«

»Wenn ich das wüsste, würde ich nicht hier herumhocken! Ohne meinen Stock kann ich nicht durch die Gegend streifen. Und wenn ich nicht trainiere, bin ich geliefert. Dann kann ich die Fähre nicht besteigen.«

»Warum willst du denn unbedingt dorthin?«

»Hier würde ich umkommen.«

Er hakte sie unter und brachte sie nach Hause, seltsame Beute in seinem Einkaufsnetz.

Am Nachmittag klopfte es an seine Tür. Obwohl er wusste, dass es fast kaum wahrscheinlich war, dachte er an Flore. Sie hätte nicht geklopft. Sie hatte einen Schlüssel. Und außerdem schloss er nie mit dem Schlüssel ab. Und es war auch nie eine Fähre aus Belgador zurückgekehrt. Es war die Eierfrau. Leicht verlegen der gelegten Eier wegen. Die Kunden ließen sie drauf sitzen. Sie hatte einen ganzen Korb voll zu verschenken. Als Gegenleistung versprach Simon, ihre Straße als erste zu erleuchten, und auch den Hühnerstall, falls ihr das gelegen kam. Sie schien ihm etwas wackelig zu sein, die Füße nicht mehr so gut im Boden verankert. Sie war wohl auch bald weg. Weihnachten ein Huhn im Topf wär top.

Endlich ließ Beckenbaum, der Küchenchef, sich blicken. Die Mütze torkelte, das Kinn tropfte, der Mechanismus stoppte. Simon hielt ihm das Sauerkraut unter die Nase.

»Das schmeckt nicht mehr wie früher, habe ich gesagt.«

»Der Fischer ist fort, habe ich gesagt.«

»Nach Belgador? Ich frage mich wirklich, was ein Fischer auf grünen Wiesen verloren hat.«

»Vielleicht wächst der Fisch dort wie Gras. Kommt jedenfalls nicht infrage, dass ich auf Räucherfisch umsattle. Echter Schellfisch, Lachs und Kabeljau! Es wird mir nichts anderes übrigbleiben, ich muss den Laden dichtmachen.«

»Wenn du willst, kann ich dein Schild weiterhin beleuchten.«

Am Anfang hatte Simon, der Lampist, einen Traum. Diesen Traum, der uns alle nachts heimzusuchen scheint: der Traum von Veränderung. Ein anderes Bett, die Straße wechseln, die Freunde, das Profil, die Tapeten, die Figur und die Kontur der doch so vollendeten Welt. So machte er sich das Feuer zunutze, um die urbanen Mäander zu erhellen, vergaß dabei, dass das Licht die Träume erbarmungslos löscht. Inzwischen wollte er die Welt nicht mehr verändern, sondern sie erhalten, sie vor dem Vergessen bewahren. Dank eines stets erleuchteten Fensters, einer in der Dunkelheit ausgestreckten Hand.

Nicht selten verscheuchte Simon abends Gestalten aus einem Hauseingang. Sie brachen in die verlassenen Heime ein und heimsten kräftig ein. Nur Erinnerungsschnipsel und -konfetti durften mit auf die Reise. Am Rest konnte man sich frei bedienen. Die Einbrecher hatten es vor allem auf die Elektronik abgesehen. Weil die Gold, Platin und Silber in sich hatte. Man brauchte nur die Gehäuse einzuschmelzen und konnte Pailletten ernten. Über den Körper verstreut, zu einem Federgewicht zerstäubt, konnten sie die Reise antreten. Aber war Gold auf Belgador überhaupt zu etwas nütze?

Über Simon lebte, als wäre er an die Decke genäht, Herr Samson. Versehrt durch den Ersten oder Zweiten Krieg, sein Zahlengedächtnis ließ ein wenig nach, ging er nicht mehr aus dem Haus. Als enthusiastischer Jazzliebhaber hörte er den ganzen Tag Musik und lernte im Fernunterricht altes Griechisch. Wenn er sich schlafen legte, flogen seine Füße durch den Raum. Wie die Tausendfüßler besaß er eine Unmenge davon. Kriege, die versehren, nehmen und vermehren. Die Füße fielen Simon krachend auf den Kopf, der aus dem Schlaf aufschreckte. Unter ihnen spannte Madeleine ihre Arme, um die Schläge abzufedern. Madeleine, die stützende Säule des Hauses, trug die Decke und die neuesten Nachrichten weiter, so auch die vom Weggang der Nachbarn aus dem Vierten, die ein schwarzes Loch in der Fassade hinterließen.

Mit seiner Stange über der Schulter machte sich Simon auf den Weg zum See, auch Meer oder ganz simpel Seemeer genannt. Mal war Ebbe, mal war Flut, mal nahm das Wasser Salz auf, oft war gar nichts los. Plattheit und Beschaulichkeit. Von der anderen Seite sah man nichts. Einzig die immer rötere und feistere Scheibe der Sonne wagte sich an den Horizont vor. Simon stellte sich an das schaumbeschmierte Ufer, fuhr seine Stange aus und wartete. Genau so tat es doch der Fischer. Er hatte es einmal am frühen Morgen gesehen. Auch ohne Angelrute ruhte Simon nicht, Fischen war eine Frage der Geduld, er musste nur lange genug bei der Stange bleiben. Sein Gesicht spiegelte sich im Wasser, Runzelregen und Krähenfüße, Nachtarbeit höhlt aus. Der Wind trug den Geruch des weiten Meeres heran, Ammoniak und Schmiefel, wie die beiden unverzichtbaren Zutaten eines Salats. In Büscheln bogen sich die Binsen und erinnerten an Getreide auf einem Gemälde, früher an der Wand. Der Fisch biss schließlich an. Simon verlor keine Zeit mehr. Bald würde sich die Fähre nach Belgador in die Lüfte erheben, als Vorbotin der Nacht und der Zweifel, die sie mit sich brachte.

»Ich habe dir was mitgebracht.«

»Her damit!«

»Ist der Topf auf dem Feuer?«

»Her damit, habe ich gesagt. Ist das alles?«

»Das reicht dicke.«

»Nicht für meinen Ruf!«

»Willst du immer noch dichtmachen?«