You make my dreams - Gabriella Santos de Lima - E-Book
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Gabriella Santos de Lima

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Beschreibung

Die 19-jährige Audrey will unbedingt Schauspielerin werden. Für ein Studium an der renommierten Juilliard School of Performing Arts war sie sogar bereit, ihr geliebtes Zuhause in Florida zu verlassen. Dabei hasst sie New York – schon deshalb, weil ihre Mutter hier lebt, die für ihre Karriere die Familie verlassen hat. Doch dann lernt Audrey den rätselhaften Bennett29 in dem anonymen Mailprogramm NewInYork kennen. Obwohl er anfangs fast abweisend ist, wird ihr Nachrichtenaustausch schnell intensiver. Und viel zu persönlich. Schon bald ist Audrey sich sicher, dass sie nicht die Einzige ist, die etwas verheimlicht …

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Über dieses Buch

Ganz allein zieht die 19-jährige Audrey von Florida nach New York, um an der renomierten Juilliard School of Performing Arts ihr Schauspielstudium zu starten. Als Erstsemesterin muss sie sich dort für einen Kurs bei dem Mailaustausch NewInYork anmelden. Schon bald schreibt sie deshalb sehr intensiv und persönlich mit dem rätselhaften Bennett29. Trotz der aufkeimenden Gefühle versprechen die beiden sich, anonym zu bleiben. Und auch bei den Schauspielübungen sprühen die Funken, denn gleich zwei ihrer Kommilitonen schaffen es, ihr unter die Haut zu gehen: Jude, der unnahbare Einzelgänger.

Und Levi, der britische Bad Boy …

 

In »You make my Dreams« verbindet Gabriella Santos de Lima Poesie, Realität, Offenheit, Schmerz, Liebe und all die Dinge, die das Leben und Erwachsenwerden ausmachen, und formt daraus eine Geschichte, die ich auf ewig in meinem Herzen tragen werde.

Marie Weis, @mariesliteratur

 

Gabriella Santos de Lima erschafft durch ihre einmaligen malerischen Worte Charaktere, die beim Lesen lebendig werden. Ihre Geschichten fühlen sich an wie nach Hause kommen.

@bookspumpkin

 

 

 

Für Marina Keegan

Liebe*r Leser*in,

 

wenn du traumatisierende Erfahrungen gemacht hast, können einige Passagen in diesem Buch triggernd wirken.

Sollte es dir damit nicht gut gehen, sprich mit einer Person deines Vertrauens. Auch hier kannst du Hilfe finden:

www.nummergegenkummer.de

 

Schau gern in der Triggerwarnung nach, dort findest du eine Auflistung der potenziell triggernden Themen in diesem Buch. (Um keinem*r Leser*in etwas zu spoilern, steht der Hinweis hinten im Buch.)

Playlist

To Be So Lonely (Harry Styles)

Freaks (Surf Curse)

Moving to New York (The Wombats)

Silver Soul (Beach House)

Je te laisserai des mots (Patrick Watson)

New Skin (TORRES)

High & Dry (Radiohead)

Bitter – Acoustic (Palace)

Affection (BETWEENFRIENDS)

Clementine (Halsey)

Me (The 1975)

Alice (Grandbrothers)

Luna – Remastered (The Smashing Pumpkins)

Private Presley (Peach Pit)

Skeleton (Bloc Party)

Let Me Love You Like A Woman (Lana del Rey)

Deep End (Holly Humberstone)

Death By A Thousand Cuts – Live from Paris (Taylor Swift)

GHOST TOWN (Benson Boone)

You Broke Me First (Tate McRae)

Same As You (Eliza Shaddad)

How (Daughter)

Fine Line (Harry Styles)

Live Well (Palace)

i was all over her (salvia palth)

Dark Red (Steve Lacy)

Yellow – Madrid Live Version (Coldplay)

Tulips (Bloc Party)

Golden (Harry Styles)

 

 

 

Was ich Dir sagen will: Schreib mir eine SMS.

Weil es eine Vorgeschichte gibt. Weil es einen Ernstfall gibt.

Weil es eine Schlafenszeit gibt.

Weil, wenn die Welt zu Ende geht, mein Telefon vielleicht nicht aufgeladen ist und

Wenn du nicht bald antwortest,

Weiß ich nicht, ob du der Schatten neben meinem

sein willst.

 

Marina Keegan,

aus dem Gedicht Nuklearer Frühling

Prolog#Eternalsummer

And I’m just an arrogant son of a b

Jetzt

Wenn ich eine Bühne betrat, verblasste die Welt.

Bennett29, das Paper für Theatergeschichte, die Mail von Elles Lektorin mit dem Ausrufezeichen davor – das alles fiel aus meinen Gedanken, bis es nicht mehr zu mir gehörte. In diesen Momenten lebte ich meine Rolle einfach mit allem, was ich hatte. Und es war ganz klischeehaft das allerbeste Gefühl auf dieser Erde. Mein einziges Problem an der Sache?

Dass ich gerade verflucht noch mal auf keiner Bühne stand.

Stattdessen umklammerte ich mein Handy mit spitz hervorstechenden Knöcheln und marschierte die 9th Avenue entlang. Ich wirbelte Laubblätter auf, während mir der Geruch von Fruchtzucker, Fett und Farbstoffen in die Nase kroch. Automatisch linste ich auf die Eingangstüren der Cold Stone Creamery. Mein Magen zog sich zusammen, doch ich konnte den Blick nicht von meinem Spiegelbild im Schaufenster abwenden. Die Sinclair-Docs, der knallrote Jutebeutel und meine Locken stachen sofort hervor. Dann mein Gesicht, das viel zu blass für meine eigentliche Hautfarbe wirkte. Außerdem bebten meine Lippen, meine Augen tränten, ohne dass ich es wollte. Am liebsten hätte ich den Kopf geschüttelt.

Ich kann nicht mitten in New York weinen. Ich bin nicht derart offensichtlich und durchschaubar. Nein, nein, nein.

Jepp, das war ich, wie ich in einer Millionenstadt Selbstkonversation führte. Aber bei der Millionenstadt handelte es sich um New York, und hier konnte man als Darth Vader einen Handstand vor roten Ampeln stemmen, ohne dass die Geschäftsleute den Blick von den Firmenhandys nahmen. Das hier war die Stadt, die nie schlief, in der Träume wahr wurden, wo …

»Autsch«, murmelte ich und fasste mir instinktiv an die Schulter, weil ein Typ mit limettengrüner Beanie mich fast über den Haufen rannte, ohne es zu bemerken.

»Genau, Mann, am Montag startet die zweite Investorenrunde unten im Valley. Unter zwei Millionen Firmenbewertung …«

Kein Schulterblick, keine entschuldigende Miene. Lässig telefonierte er weiter, während er aus meinem Sichtfeld verschwand. Ich presste die Lippen aufeinander, weil es ein bisschen zu Willkommen-in-Manhattan-filmmäßig für mich war, aber so lief das hier. Die Gebäude waren wirklich so hoch, der Times Square tatsächlich immer überfüllt. New York war kein klassischer Aufreißer, der einen auf romantisch machte und später mit der Hey-du-sorry-Nachricht ankam.

New York hielt leider alles, was es versprach.

Tief durchatmend setzte ich meinen Weg fort. Ich hätte behaupten können, der Hauptgrund wäre The show must go on, aber ich hatte einfach ein Ziel. Und Wut, die mir durch die Adern pumpte, vielleicht sogar in Kombi mit ein bisschen Adrenalin.

Das war gut.

Sehr, sehr, sehr gut.

Ich marschierte durch Hell’s Kitchen, vorbei an Empanada Mama, Totto Ramen und Pick A Bagel. Meine Augen brannten weiter, doch es war mir egal. ALLES war mir egal, solange ich ihm diese bescheuerte Mail nicht unter die Nase gehalten hatte. Als ich in seine Straße einbog, drang dröhnender Lärm an meine Ohren. Es war immer laut hier mit den wartenden Uberfahrer*innen und aggressiven Imbissverkäufer*innen. Man musste schnell sein, damit sie einen nicht ansprachen oder angrölten, das wusste ich schon. Also kämpfte ich mich so hastig durchs Gewusel, dass ich sicherlich schwitzte, es war mir aber ebenfalls egal. Kurz bevor ich klingelte, zögerte ich, dabei musste ich das hier machen. Für mich und meinen Seelenfrieden, den er mir so nonchalant zerbombt hatte.

Als ich die Klingel betätigte, zitterten meine Finger, doch das konnte ich jetzt nicht genauer analysieren. Sekunden vergingen. Ich versuchte, meinen Herzschlag zu beruhigen, da ertönte der Summer zerreißend schrill. Im Treppenhaus hielt ich die Luft an, denn es roch viel zu vertraut, das hatte es schon von Anfang an. Wenn ich genauer darüber nachdachte, beschmutzte er alles andauernd mit seiner anziehenden Aura. Anziehende Aura, kein Scherz, das sagten alle über ihn. Vielleicht machte es da auch nichts, dass ich schließlich doch atmen musste, um … na ja, zu überleben halt. Im zweiten Stock überlegte ich, was ich sagen sollte, falls sein Bruder die Tür öffnete.

Hey, Aiden, lange nicht gesehen, macht es dir was aus, wenn ich deinen einzigen sososo geliebten Bruder umbringe?

Doch meine Bedenken waren unnötig, denn er selbst stand im Türrahmen.

Rot geränderte Augen.

Es war das Erste, was mir auffiel, als er mir entgegenblinzelte. Er trug Jeans, ein weißes Shirt, keine Socken. Seine nackten Füße gaben ihm etwas Verletzliches, sein wiederholter Trick siebzehn, doch darauf fiel ich nicht erneut rein. Bestimmt marschierte ich auf ihn zu und achtete sogar darauf, keinen Sicherheitsabstand zu halten, sodass meine Docs beinahe seine blassen Zehen berührten.

Ich war furchtlos.

Furchtlos, furchtlos, furchtlos.

Aber das letzte Wort strich ich, weil ich es konnte, das Gehenlassen und Rausschmeißen. Ich konnte verflucht noch mal alles. Und das hier, das konnte ich auch. Einen Moment lang starrten wir uns an. Er, als könnte er nicht glauben, dass dieser Augenblick echt war. Ich, als könnte ich ihn mit meinem Blick niederstechen. Dann, ganz langsam, zog ich mein Handy hervor und hielt es ihm vors Gesicht. Ich machte eine ganze Show daraus, mit Spannungsbogen und einer Prise unerwarteter Verzögerung, ich hätte eine gute Note bei Farrell in Dramaturgie bekommen. Das Mail-Icon musste ich nicht mal anklicken, denn die App war noch geöffnet. Auf dem Display war sein Name direkt unter meinem zu lesen, so wie es sich für den Hauptdarsteller und die Hauptdarstellerin auf einer Rollenliste gehörte.

»Du machst das nicht. Ich …« Meine Stimme schaffte fünf Worte, bevor sie brach. Doch es war mir egal, weil mir immer noch ALLES egal war. »Ich werde die nächsten Monate garantiert nicht damit verbringen, ein ekelhaft verliebtes Paar mit dir zu spielen. Sag Feldman, dass du es nicht machen kannst. Keine Ahnung, lass dir was einfallen, aber du kannst nicht fucking Magnus spielen.«

Er holte tief Luft. Wäre mir kalt gewesen, hätten sich die Härchen an meinen Armen aufgestellt. Aber mir war heiß, weil. Es. Unendlich. Heftig. In. Mir. Brodelte.

»Audrey«, sagte er. Nur ein Wort, mein Name, mehr nicht, als wäre das eine Antwort.

Aber es reichte.

Dabei stotterte er nicht mal. Kein Verhaspeln, kein Beben. Wieso auch? Seine Stärke war leider seine Stimme. Sie war nämlich die Art von Stimme, die Theatersäle für sich einnahm, von Anfang an, ab der ersten Zeile, selbst wenn er den bescheuertsten Satz auf Erden sagen müsste. Das schafften manche Schauspieler*innen selbst nach jahrelangem Proben nicht.

So wie du, Summers.

Schluckend schaute ich ihm ins Gesicht, wo seine Augen glasig schimmerten. Seit diesem Winter wusste ich, wie er aussah, wenn er weinte. Roh und nackt, zerbrechlich und verletzlich. In diesem Moment war er der mit Abstand schönste Mensch gewesen, der jemals existiert hatte. Schade nur, dass keine Sekunde davon echt gewesen war.

Er war Schauspieler.

Verflucht nichts an ihm war real.

Er war einfach nur gut.

Wirklich, wirklich gut.

»Du steigst da aus. Das bist du mir schuldig. N-nach allem.«

Meine Stimme klang fürchterlich. Viiiiiiel zu dünn!, hätte Erin kritisiert. Aber auch das spielte keine Rolle, denn ich drehte mich um und ging, obwohl ich ihm eigentlich ein »FICKDICH!« entgegenschreien wollte.

Ich hatte mich verliebt, und er hatte sich verliebt, und dann hatte er mich zerstört. So könnte man es sagen. Aber man könnte auch sagen, da waren ein großartiger Schauspieler und eine unsichere Helena gewesen, ein Shakespeare-Stück und ein Kuss in einer schäbigen Bar, zu viele Mails und zu wenige Smileys, Tonnen gelöschter Zeilen und nie verschickte Entwürfe, Neonfarben und ein Roman, der alles verändert hatte, und noch so viel mehr.

Doch jetzt gerade, da ging ich und verließ ihn, weil ich das ja so gut konnte. Ich tat es ganz leise und ruhig, als wollte ich ihm zeigen, wie erwachsen, reif und gefasst ich doch war.

Als wäre das alles nie passiert, das, was an einem grau-langweiligen Dezemberabend so absurd begonnen hatte.

Das mit uns.

1#Eternalsummer

And it feels so real from the outside looking in

Gefühlt zwei Leben davor

Sie starrten mich an.

Fünf Augenpaare.

Ohne ein einziges Mal zu blinzeln.

Die Profs wirkten wie Roboter, die alle zehn Sekunden mechanisch auf ihr Blatt kritzelten. Sie verzichteten auf wohlwollendes Lächeln, während mein Herz raste, meine Beine zitterten, meine Kehle trocken wurde und ich ganz einfach im Erdboden versinken wollte. In meinem Bauch brodelte radioaktive Panik, die Angst zu versagen, es herrschte meine ganz eigene Art von Weltuntergangsstimmung. Außerdem war mir übel. Kotzübel. Ich wollte weinen, wegrennen, einfach nicht mehr hier sein.

Nicht so. Nicht jetzt.

»Also schließen wir unsere Lider.« Elizabeth Feldman legte den Stift beiseite. »Das ist Ihre nächste Zeile.«

Neben ihr klappte Professor Baker seine Mappe zu, weil er mich schon während meines Shakespeare-Monologs aufgegeben hatte. Doch Feldman sah mich noch immer an, als wollte sie mir ein »Bringen Sie es einfach zu Ende« zuflüstern. Völlig egal, dass sie mich niemals zum Recall einladen würden.

Und vergessen Sie nicht, was auch immer heute passiert, Sie dürfen das tun, was Sie lieben: Sie dürfen spielen. Also spielen Sie, verflucht noch mal!

Der Schluss ihrer morgendlichen Begrüßungsrede hallte in mir wider, während sie mich weiterhin beobachteten. Jede meiner kleinsten Regungen, wie meine Stirn sich in Falten legte und der Kloß in meinem Hals anschwoll. Wenn man für diese Art Studiengang vorsprach, schlüpfte man in keine Rolle. Man musste sein wahres Ich entblößen, sich verletzlich zeigen und dabei am besten lässig, cool und nicht ganz so verzweifelt wirken. Aber mein wahres Ich war wenig bühnenwürdig, sondern eher trashiges Sitcom-Niveau. Trotzdem, ich konnte das.

Ich kann das, ich kann das, ich kann das.

Mein Mantra war heuchlerisch, weil ich es offensichtlich nicht konnte. Ich stand vor dem Dozentenstab der angesehensten Kunsthochschule der Welt. Und hatte meinen Text vergessen. Ein Anfängerinnenfehler, der mir noch nie passiert war. Doch ich hatte keine Zeit, mich damit aufzuhalten.

Ich konzentrierte mich auf das Monolog-Ende, auf Allegra, die wütend, traurig und verzweifelt zu ihrer Mutter sprach, kurz nachdem sie ihrem Vater »ICHHOFFE, DUSTIRBST, DUSELBSTSÜCHTIGERBASTARD!« entgegengeschrien hatte.

»A-also schließen wir unsere Lider und schlafen, bis wir von verschiedenen, doch denselben Albträumen aufschrecken«, sagte ich und senkte den Kopf, um das Ende des Monologs zu unterstreichen.

»Vielen Dank.«

Knapp lächelnd nickte Feldman mich aus dem Saal. Mit meinen quietschenden Docs wandte ich mich in Richtung Tür, während auch die anderen Jurymitglieder ihre Notizbücher zuschlugen. Das dumpfe Geräusch klang in meinen Ohren nach einem erleichterten, und ich wusste, was sie da hingeschmiert hatten.

Summers, Audrey: Falsche Atmung, zu wenig »Spiel«, ausdruckslos und eindimensional.

Sobald ich den Saal verlassen hatte, begann ich zu beschleunigen. Schnell, nur weg. Ich rannte, damit meine Gedanken es nicht taten. Auf dem Weg zur Toilette stolperte ich fast über meine eigenen Füße und hielt den Blick nach unten gerichtet. Schuhe, Schrammen, seegrünes Linoleum. Ich musste einfach … ja, keinen Plan, was ich musste. Ich wusste bloß, dass ich plötzlich gegen etwas Hartes stieß.

»Pass doch auf, Mann.«

Meine Schulter pochte, ich presste die Zähne vor Schmerz zusammen. Anschließend hob ich den Blick.

Sein Mund.

Es war das Erste, was mir an dem Typen auffiel. Seine Lippen waren voll, wobei sein Mund insgesamt einen Tick zu groß für sein Gesicht wirkte. Und zu der genervtesten Linie überhaupt zusammengepresst war. Kopfschüttelnd beugte er sich zu dem Handy hinunter, das ihm bei dem Zusammenstoß aus der Hand gefallen war.

»Boah, nein.« Sein britischer Akzent vibrierte. »Ich glaub’s nicht.«

Wenn Blicke töten könnten, konnte seine unverschämt tiefe Stimme das definitiv auch. Ich sah in seine hasserfüllten Augen, ehe ich das Display inspizierte.

Scheiße.

Da war ein Riss. Fürchterlich schief, groß, unübersehbar.

»I-ich bezahle dir das.«

»Du bezahlst mir das?«

Aufgebrachte Fältchen gruben sich in seine Stirn, während er schnaubte. Dabei fühlte ich mich wie die dümmste Heuchlerin auf Erden, weil ich natürlich hoffte, dass er mein Angebot ausschlug. Irgendwie hatte ich tatsächlich Glück. Denn als sein Spider-Display aufleuchtete, blieb er wie hypnotisiert an der Uhrzeit hängen, machte Anstalten zu gehen und … verharrte trotzdem kurz. Mit seinem Blick blieb er an mir hängen, die Lider bedrohlich geschlitzt. Ich hielt ihm stand, indem ich ihn ebenfalls musterte. Sein Haar war laubblätterrot, an den Seiten kurz geschoren und in der Mitte verwuschelt. Er war hochgewachsen, trug ein rundes Brillengestell und seinen Pullover hipstermodern durchlöchert. Er hatte was von einem mürrischen Helden, perfekt für undurchschaubare Indie-Streifen mit polarisierenden Kritiken.

Dann zuckte seine Halsschlagader.

»Halt die Augen doch nächstes Mal einfach offen. Wie wär’s, Arabella, hm?«

Das war der Moment, in dem ich beschloss, ihn ein bisschen zu hassen. Wie wär’s, Arabella, hm? Wie konnte man einen Satz so vornehm und angepisst zugleich aussprechen? Als wäre ich absichtlich gegen ihn gerannt. Als wäre ihm das noch nie passiert. Als hätte ich es ihm erlaubt, mein Arctic-Monkeys-Shirt anzusprechen.

Arschloch.

Wenigstens ging er endlich weiter, obwohl hechten besser gepasst hätte. Schließlich kämpfte er sich manisch durchs Gewusel, vielleicht sprach er auch vor und war spät dran. Ich hingegen stolperte in Richtung Toiletten, riss die Tür auf und hielt bei meinem Anblick im Spiegel inne.

Meine Augen waren glasig.

Hastig öffnete ich eine Kabine, ließ mich auf den Klodeckel sinken und umarmte mich selbst. Läge mein Jutebeutel nicht im Spind, hätte ich nach meinem Handy gegriffen. Ich hätte Moms drängende WhatsApps ignoriert und stattdessen den Chat mit Elle geöffnet. Ich hätte überlegt, ihr eine Sprachnachricht zu schicken, und sie wahrscheinlich sogar aufgenommen. Ich hätte gesagt: »Hi, Elle, sorry für den folgenden Rant, aber ich habe mein ganzes Leben einfach verkackt. Seitdem wir nicht mehr reden, ist zu viel passiert, und ich lebe zur Untermiete bei einer Influencerin, die ihren Follower*innen weismacht, sie würde ein perfektes Leben in Manhattan führen. Dass wir unseren Abschluss gemacht haben, ist über ein Jahr her, aber ich bekomme nur Rollen in Laientheatern, die niemanden interessieren, und jetzt habe ich das Vorsprechen an der Juilliard komplett verhauen. So sehr, dass sie mich nicht mal dazu aufgefordert haben, einen Song zu singen, was ja schon alles sagt. Mal ganz davon abgesehen, dass ich das Monologende einfach vergessen habe. Und wenn wir schon reden, ganz ehrlich? Ich vermisse dich so sehr, du hast keine Ahnung. Wenn ich deine Texte lese, weine ich die Nacht so laut durch, dass Heather mir am nächsten Morgen immer ihre PR-Augencreme anbietet.«

Aber ich hatte mein iPhone nicht zur Hand, und wenn doch, hätte ich die Nachricht sowieso in den Papierkorb befördert. Während ich der vergilbten Decke entgegenblinzelte, umarmte ich mich eine Spur fester. Ich war neunzehn Jahre alt, mein Bauch knurrte, meine beste Freundin war unerreichbar, und ich wusste ganz genau, was Einsamkeit war. Großartig, oder?

Ich wollte Mut sammeln, mein Toilettenversteck verlassen und Milad in einer Nachricht beichten, dass ich es vermasselt hatte. Vielleicht konnte ich mir danach ja einreden, dass es doch nur um die Erfahrung gehe, was natürlich wahr und gelogen zugleich war. Doch genau dann hörte ich jemanden kreischen.

»ICHHOFFE, DUSTIRBST, DUSELBSTSÜCHTIGERBASTARD! ICHHOFFE …« Ein tiefes Durchatmen. »Scheiße!«

Als ein heftiges Schluchzen ertönte, trat ich instinktiv aus der Kabine.

»Das war voll gut«, sagte ich.

Ein fremdes Mädchen starrte mich aus riesigen Pupillen an. Ihre Wangen wirkten gerötet, das Haar trug sie in einem strengen Knoten, dazu Shirt und Boots, kombiniert mit einer Anzughose. Clevere Kleidungswahl, artsy und seriös zugleich, um zu zeigen, wie sehr sie in die Künstlersekte passte, doch auch, wie wichtig ihr dieser Tag war.

»Voll gut? Wen willst du verarschen? Das war schlecht. Nein, grottig. Zu laut, aufgesetzt und alles. Nimm’s mir nicht übel, aber ich bin gegen Lügen allergisch.«

Ich wollte erwidern, dass sie übertrieb, denn so übel war es auch nicht gewesen, aber es hätte nichts gebracht. Sie war kurz vorm Durchdrehen.

»Es ist gar nicht so schlimm da drin.«

Vorausgesetzt, man kriegt es hin, sich an seinen Text zu erinnern.

»Du warst schon dran?«

»Yes.«

»Und?«

Ich zuckte die Achseln.

»Oh«, flüsterte sie, weil mein Gesicht wahrscheinlich alles sagte, weil ich eine miserable Schauspielerin auf der Bühne und eine miserable Schauspielerin im echten Leben war.

»Ich hab auch Allegra vorbereitet.« Ich versuchte mich an einem Lächeln, weil Small Talk bei Aufregung half. Tipp Nummer neun vom Podcast How To Get Into Drama School.

»Welchen Monolog?«

»Alle wichtigen.«

»Äh, wir müssen nur zwei in Versform und zwei Contemporary-Stücke mitbringen. Das wusstest du, oder?«

Ja, aber ich bin leider paranoid, schlecht im Entscheiden und ziemlich besessen von dieser Schule.

»Ich bin gern übervorbereitet«, murmelte ich und deutete halb lächelnd auf die Tür, doch …

»Nein, warte!«

Ich hob die Brauen.

»Okay, das klingt jetzt echt komisch, aber würde es dir etwas ausmachen, meinen Part mit mir durchzugehen? Also, wenn du den Vater sprichst? Wenn jemand mit mir liest, beruhigt mich das immer. Hier …« Sie kramte in ihrer Handtasche. »Ich hab sogar den ganzen Text ausgedruckt.«

Sie hielt mir ein zerknittertes Stück Papier entgegen. Ich musterte die Worte in Times New Roman, dann ihre panische Miene.

»Direkt hier?«

Sie nickte ernst. »Waschräume beruhigen mich.«

Ohne Umschweife begann sie aus dem Stand mit ihrer ersten Zeile. Es war eine lange Stelle, und ich wusste, wie Coach Milad in der 6th Avenue geurteilt hätte. Es war tatsächlich etwas zu laut, vielleicht einen Tick zu überspielt, von der Art her viel aufbrausender, als ich sie interpretiert hatte, aber das sagte nichts über die Qualität aus.

»ICHHOFFE, DUSTIRBSTVERFICKTNOCHMALGANZBALD!«

Ich schüttelte den Kopf.

Ich war ein Vater, so gut wie tot, müde und ein Arschloch.

»Ich wette, das hättest du gerne, nicht wahr? Verbrenn einfach in der Hölle, Allegra.«

»DUKANNSTINDERHÖLLEVONWÜRMERNAUFGEFRESSENWERDEN!«

Ich schwieg.

Ich war ein Vater, so gut wie tot, müde, ein Arschloch und enttäuscht.

»O-oh Gott. Es tut mir leid, Daddy. Ich will nicht, dass du stirbst. E-es tut mir so leid.«

Ich zögerte.

Ich war ein Vater, so gut wie tot, müde, ein Arschloch, enttäuscht. Und ekelhaft.

»Ich will deine Entschuldigung nicht annehmen.«

Die Fremde hätte sich wiederholen müssen, trat aber einen Schritt zurück. Mit einer steilen Falte zwischen ihren Brauen scannte sie mich ab, von Kopf bis Fuß und wieder zurück. In meinem Hals schwoll ein Kloß an, weil ich diese Art von Musterungen hasste.

»Mann, wo zum Teufel hast du denn bitte diesen krassen Vibrato in deiner Stimme her? Und diese Gefühle für den Vater? Hast du den etwa auch gleich mitvorbereitet, oder was?«

»Das Vibrato kommt vom Coaching, für das ich neunzig Dollar die Stunde bezahlt hab«, erklärte ich eine Spur zu gleichgültig. Natürlich hätte ich ausführen können, dass der Rest, diese Gefühle, deine emotionale Ebene, wie Milad verbessert hätte, manchmal schlicht da waren, wenn ich Glück hatte. So war das nämlich mit mir. Ich war Audrey Summers, ziemlich unterdurchschnittlich in allem, am meisten darin, ich zu sein. An guten Tagen jedoch war ich irgendwie passabel darin, jemand anders zu sein. Ich wusste, dass es sehr klischeehaft klang, doch eigentlich war es bloß bitter. Schließlich reduzierte ich mein gesamtes Dasein auf das Einzige, worin ich gut war. Und das war natürlich toxisch, ein ungesundes Verhalten, manchmal poppte in meinem Browser Werbung für Achtsamkeitskurse auf, weil ich nachts Was tun, wenn man ständig denkt, dass man nie gut genug ist? googelte.

Ich wollte der Fremden gerade erklären, dass sie großartig gespielt hatte, vor allem die wütenden Stellen. Aber dazu kam ich nie, weil ein entschlossenes Räuspern die Stille durchschnitt.

Ruckartig wandten wir uns nach links. Chucks, Rollkragenpullover, der spektakulärste Messy Bun aller Zeiten. Elizabeth Feldman starrte uns mit gehobenen Brauen entgegen. Sie war die erste und jüngste Leiterin des Schauspielbereichs, vierunddreißig Jahre alt und angeblich so möchtegernintellektuell lol, wie Zoey948 in ihrem dreiseitigen Audition-Erfahrungsbericht auf Reddit erläutert hatte.

»Sie wissen, dass es einen Proberaum im ersten Stock für die Bewerber*innen gibt? Oder hat man Ihnen das bei der Anmeldung verschwiegen?«

»Nein, M’am«, erwiderte die Fremde sofort. »Natürlich nicht.«

»Nein? Na dann.« Feldman schritt leicht verwirrt in unsere Richtung, um sich die Hände zu waschen.

»Viel Glück«, flüsterte ich der Fremden zu, bevor ich aus dem Raum huschte.

Und als die Tür dann hinter mir zufiel, aufgeregte Besucher*innen und gestresste Student*innen an mir vorbeirauschten, ich die Augen für einen kurzen Moment schloss, fühlte es sich fast so an, als würde ich das alles in mich hineinsaugen. Angstschweiß, Zweifel, Träume, das waschechte Studentenleben an der Juilliard.

Aber wirklich nur fast.

Denn sie pumpte seit dem vierundzwanzigsten September in mir, dunkel und schwer, die unbestreitbare Leere.

2#Eternalsummer

And now you’re dreaming

4774 Schritte.

Ich blinzelte der Health-App entgegen, bevor ich mein Handy in den Jutebeutel stopfte. Ringsum strömten Passant*innen und Tourist*innen an mir vorbei, mit Einkaufstüten von Forever 21 und dem nächsten Punkt auf ihrer Tour. Ich hingegen griff mit schwitzigen Fingern nach der Klinke und zog die Tür zum Starbucks am Broadway auf. Unter in my mind reihte ich mich in die Schlange, wobei mein Blick zu dem Kühlfach huschte. Bunte Bowls, riesige Salate, überladene Sandwiches.

»Die Nächste bitte! Hallo, Sweetie, wie geht’s dir, was ist deine Bestellung?«

Die Barista winkte mich an die Kasse, noch während sie sprach. Erneut schweifte mein Blick zum Kühlfach. Mein Bauch rumorte, aber wenn ich jetzt das Pitabrot mit Avocado und pflanzlichem Mozzarella bestellte, müsste ich es mir vor diesen ganzen Fremden reinschieben, was leider immer noch eins meiner Probleme war. Außerdem war mir weiterhin übel, weil ich vor zwei Stunden das Vorsprechen meines Lebens versaut hatte.

»Einen grünen Tee, bitte«, murmelte ich. »Venti, zum Hiertrinken.«

Drei Minuten später balancierte ich meine Tasse an einen freien Tisch. Fremde Sprachen drangen an meine Ohren, draußen begann es zu regnen, und Schirme huschten an der Scheibe vorbei. Schwarz, schwarzblau, schwarz. Tief durchatmend starrte ich meinem Handydisplay entgegen.

Vorhin hatte Feldman verkündet, die Ab- oder Zusagen für den Recall würden uns gegen drei erreichen. Ich tippte aufs Display. 14:44 Uhr. Wie ich mein Mailpostfach öffnen sollte? Keinen blassen Schimmer. Dabei war es lächerlich. Ich meine, wieso war ich so nervös? Als ob sie mich zur Nachmittagsrunde einladen würden. Aber vielleicht …

Aber vielleicht hat dein Toilettenvorsprechen Elizabeth Feldman überzeugt? Das glaubst du doch selbst nicht.

Natürlich tat ich das nicht. Doch, na ja, da war sie halt, die leidenschaftliche Zuversicht, die fast so schlimm war wie die Leere. Ich war so ein hoffnungsloser Fall. Laut Dad viel zu gutmütig, obwohl er eigentlich fürchterlich naiv meinte, und vielleicht war das auch der Grund für seine täglichen Nachrichten, die sich kaum in ihrem Inhalt unterschieden.

Alles klar in Manhattan? 🗽

Hab gerade bei NY Daily News gelesen, dass in Brooklyn wieder ein siebzehnjähriges Mädchen vergewaltigt wurde😢

Meld dich mal, damit ich weiß, dass es dir gut geht❤

Ich wollte gerade nach meinem Tee greifen, als diese Frau eintrat. Die, die augenblicklich von allen bemerkt wurde. Sie trug einen übergroßen Kaschmirpullover mit weiten Ärmeln, milchkaffeebraun und teuer, eine Hose im selben Ton und helle Heels. Ihr Haar war nachtschwarz. Kaum Schmuck, den Pony hatte sie millimetergenau zerzaust. Alles an ihr schrie nach Upper Eastside, nach den drei großen Bs: Barneys, Bergdorf’s und Bendel’s. Sie wirkte elegant, klassisch, aber nicht altmodisch, sondern interpretierte ihre Schönheit modern mit funkelnden Statement-Ohrringen und der Strobe Cream von MAC unter ihrem Make-up.

»Ich verstehe echt nicht, wieso du so auf dieses Starbucks stehst.« Keine Sekunde später drückte sie mir einen Kuss auf die Wange und nickte zu meiner Tasse. »Hast du nur das bestellt?«

»Ich –«

»Espere, ich hole uns was.«

Mom stellte sich so schnell hinter einem Typ mit Fjällräven-Rucksack an, dass ich nicht mal protestieren konnte. Als sie wiederkam, hatte sie natürlich das Sandwich dabei, das ich mir selbst geholt hätte. Mit einer seltsamen Genauigkeit klappte sie die Pitas auf, transferierte ihre Oliven auf mein Brot und reichte es mir.

»Danke.« Ich nahm es an, aber damit war es noch nicht getan. Sie würde mich so lange erwartungsvoll anstarren, bis ich davon aß, weil sie wusste, dass meine nervösen Tage auch meine scheißschwierigsten waren. Schluckend blickte ich mich um.

Wieso musste ich es auch immer noch so hassen, vor anderen zu essen?

Tief durchatmend umklammerte ich das Sandwich und widerstand dem Drang zu analysieren, aus wie vielen Teilen Gemüse es wohl bestand. Und als ich dann abbiss, war für einen Moment wirklich alles gut. Denn die Pita war noch warm, der Fake-Käse leicht geschmolzen, der Brotteig knusprig und fluffig zugleich. Der Geschmack der salzigen Oliven in Kombination mit der Zitronensäure und der Avocado explodierte auf meiner Zunge. Ich konnte nicht anders, als die Augen zu schließen, weil es der beste Moment des Tages war. So war das mit dem ersten Bissen jedes Mal.

»Also.« Mom faltete die Hände ineinander. »Wieso hast du mir so lange nicht zurückgeschrieben? Ich musste dich dreimal fragen, ob unser Mittagessen noch steht.«

»Sorry. Hab’s irgendwie verpeilt.«

Eigentlich wäre ich mit dieser Antwort niemals durchgekommen, doch heute war eine Ausnahmesituation. Skeptisch schlürfte sie von ihrem Latte. »Bien. Darüber reden wir später. Los, sag schon, wie war es?«

Ich wollte antworten, doch meine Lippen bebten, und ganz eigentlich wollte ich meine leeren Weizenkohlenhydrate, so gut es eben ging, hier genießen. Doch Mom und ich besaßen bereits jahrelange Erfahrung in diesem Ich-werde-erst-lockerlassen-wenn-du-mir-alles-erklärt-hast-mi-hija-Spiel, das ich immer verlor.

Heute kapitulierte ich von Anfang an.

»Es war so scheiße.« Ich seufzte tief, bevor ich ihr von den miserablen Monologen, dem Texthänger, den Gesichtern der Profs, allem Drum und Dran erzählte. Leise und sachlich berichtete ich, als ginge es mich null Komma null an.

»Das heißt noch gar nichts. Realmente nada.«

Mom begann mit ihrem Pep-Talk, sprach von meinen negativen Denkzügen und meinen nervösen Angewohnheiten, dass sie wusste, wie gut ich sei, und jeder das sehen könne. Noch dazu flößte sie mir natürlich ein, dass ich alles erreichen könne, was ich wollte, ich aber meinen Pessimismus viel zu gernhatte und ihn endlich loslassen musste.

»Por favor, Audrey!«

Irgendwann switchte sie komplett auf Spanisch um und beäugte das Tattoo an meinem Handgelenk, wenn sie dachte, ich würde es nicht bemerken. Ich hingegen ließ sie reden, nickte und setzte passende Gesichter auf, obwohl ich mich eigentlich auf mein Sandwich konzentrierte. Manchmal huschte mein Blick zu der Scheibe, ehe ich mich daran erinnerte, dass man uns vielleicht als Verwandte hätte identifizieren können, wenn sie ihre Locken nicht permanent hätte glätten lassen. Doch so wirkten wir nur ein wenig seltsam nebeneinander, was vor allem an mir lag. Meine Brauen waren zu massiv für meine runden Augen, mein Haar war etwas zwischen Blond und Braun, was nicht mit meiner dunkleren Hautfarbe harmonierte. Wahrscheinlich war ich die exakte Fifty-Fifty-Mischung einer Kubanerin und eines weißen Amerikaners. Mich musste man immer zweimal anschauen. Wenn Mom und meine Schwester Ruby schön waren, war ich interessant. Heiß im angeblich besten Fall, wie eine künstlich-blondierte Latina, wobei ich kotzen wollte, wenn Typen mir das auf Partys anzüglich ins Ohr schrien. Ich sah nicht aus wie eine Person, die Audrey Summers hieß. Ich sah aus wie Audrey Mónica Jiménez, Moms Nachname, ganz egal, wie amerikanisch mein Spanisch klang.

»Also, machen wir sie auf?«

»Was meinst du?« Ich leckte mir einen Klecks Pesto vom Finger und schielte auf die Kuchen hinter der Scheibe. Es gab noch drei Stücke meines geliebten Karottenkuchens mit cremigem Frischkäse und crunchy Pistazienstücken. Natürlich konnte ich nur an Essen denken. Überraschung.

»Na, la E-Mail.«

Mom nickte auf mein Handy, und ich schüttelte den Kopf. Ich wollte meine Absage nicht sehen, zumindest noch nicht. Ein paar Minuten weiter in meiner Hoffnungsblase leben, das war nicht zu viel verlangt, oder? Tja, leider war es genau das. Moms Blick schweifte nämlich unauffällig zur Uhr. Sie konnte nicht so lange Pause machen, sie war doch Chefredakteurin der Mujer! und eine Workaholic. Sie musste ein Vorbild sein, am frühesten kommen, am spätesten gehen, ihr Privatleben opfern und auf Preisverleihungen der Forbes den Menschen danken, die sie bloß todmüde an Thanksgiving zu Gesicht bekamen. Wahrscheinlich war sie schon viel zu lange geblieben.

»Liebling.« Sie griff nach meiner Hand, ihre Nägel streiften mein buntes Krokodil, und ich zuckte zusammen. »Es wird alles gut. Repite comigo. Es. Wird. Alles. Gut. Ich verspreche es.«

Ich wollte den Kopf schütteln, erwidern, dass sie das gar nicht wissen konnte, dass sie bloß dachte, ich würde mal wieder übertreiben. Summers, Audrey: die Dramaqueen. Doch sie hielt meine Finger fester, ich roch ihr zweihundert Dollar teures Parfum Soleil Blanc und wusste, es gab kein Entkommen. Zitternd schnappte ich mir mein Handy, entsperrte, klickte und öffnete. Dabei wusste ich, dass es Mom unter den Nägeln brannte, mir das iPhone zu entreißen. Sie war ein Zwilling, Aszendent Löwin. Das Flummi-Sternzeichen in Kombination mit ein bisschen egozentrischem Feuer, alles bereits von Elle und mir in meinem vorherigen Leben analysiert.

»Y?«

»Das ist ein Fehler«, flüsterte ich.

»Hallo?«

Mom schnipste vor meinem Gesicht. Statt zu antworten, reichte ich ihr das Handy, das war einfacher. Und während sie las, den Mund zu einem überraschten »Oh« verzog, mich über den Tisch hinweg umarmte und ein »Siehst du!« quietschte, dachte ich, nein. Nein, ich sah das nicht.

Denn was ich erblickte, war bloß meine Spiegelung in der Glasscheibe des Cafés. Ich sah wirklich nicht wie Audrey Summers aus. Ich sah nicht aus wie eine Person, die in St. Cloud, Florida, behütet in dem Architektenhaus ihres Dads aufgewachsen und nach ihrem Abschluss in das schäbige Apartment einer Influencerin gezogen war. Ich sah nicht aus wie eine Person, die Moms Loft nicht betreten konnte, ohne auf die Fußmatte kotzen zu wollen. Ich sah nicht aus wie eine Person mit einem bescheuerten Tier-Tattoo, das wie ein kindliches Wassermalprojekt aus der Primary School wirkte. Ich sah nicht aus wie eine Person, die sich früher noch einen Wecker für jede Mahlzeit stellen musste. Ich sah nicht aus wie eine Person, die seit drei Monaten mitternachts durch Brooklyn streifte, Arctic Monkeys aufdrehte und ihren Schrittzähler sekündlich kontrollierte. Meine Augen waren aufgerissen, mein Mund stand offen. Ich sah bloß wie eine Person aus, die garantiert nicht in zwei Stunden beim Recall der Juilliard School antanzen sollte.

DASISTEINFEHLER!

*

Aber es war anscheinend kein Fehler.

Wie auch immer das möglich sein konnte.

Die Wanduhr zeigte Punkt siebzehn Uhr zwei an, und ich hockte mit pochendem Herzschlag in dem Saal, in dem vorhin über zweihundert Personen gewartet hatten. Jetzt waren wir zwölf. Nach der mündlichen Prüfung in der Highschool hatte ich jegliche Mathekenntnisse aus meinem Gehirn verbannt, aber die Wahrscheinlichkeit fürs Weiterkommen erschien mir gering. Viel, viel zu gering. Hastig ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen, auf der Suche nach dem Mädchen aus der Toilette, einem bekannten Gesicht, irgendetwas zum Festhalten, Fehlanzeige. Dafür erkannte ich tatsächlich British Boy links im Raum.

Großartig.

Er knetete sich die Finger, hart, den Blick gezielt nach vorn gerichtet. Ich bildete mir ein, das Knacken bis hierher zu hören. Außerdem registrierte ich dieses Mädchen, das den Raum genauso nervös wie ich abscannte. Wir lächelten uns zittrig zu, wie zwei Verbündete in einer Panik-Allianz. Eine Bewerberin schien mit aufrechtem Rücken zu meditieren, ein anderer spielte Candy Crush. Und dann gab es noch diesen Typen rechts. Der, der mit geschlossenen Augen auf dem Boden saß. In seinen Ohren hingen Airpods, während er mit den Schuhsohlen rhythmisch auf den Boden klopfte. Seine Glieder wirkten lang und drahtig, dunkle Jeans und Air Force. Ich kippte den Kopf, während mein Blick weiter nach oben wanderte. Selbst von hier aus konnte ich seine ausgeprägten Gesichtszüge erkennen. Kantig, klar, strukturiert, irgendwie plakativ, als müsste man ihn ansehen. Mit diesen hohen Wangenknochen und dem grüblerischen Musikhören hätte Pinterest ihn ohne Frage vergöttert. Aber das, was am allermeisten hervorstach, war sein Haar. Jep, sein Haar. Es war dunkelbraun, lockig, unglaublich dicht und komischerweise anziehend. Vielleicht hätte ich mich gefragt, wie zum Teufel Haare anziehend sein konnten, aber ich war zu nervös, mir war übel, das Pitabrot drehte sich in meinem Magen und –

Und dann passierte es. Endlich wurde die Tür aufgerissen. Feldman stolzierte wie eine Offizierin in den Raum, da schlug Airpods die Augen auf.

Sein Blick, mein Blick, sie verfingen sich.

Ich schluckte, weil er mich beim Starren erwischt hatte und sein Kiefer augenblicklich mahlte.

Scheiße, er war wütend.

Sein Gesicht war definitiv Griechische-Statue-würdig, auch eher interessant als normschön, aber etwas an ihm war so … launisch. Und intensiv. Intensiv auf eine unverschämt verstörende Art, um genau zu sein.

Ich konnte nichts für den eiskalten Schauder, der mir über den Rücken kroch. Wie gut, dass Feldman noch im selben Moment sprach, um uns willkommen zu heißen. Mühelos richtete sie sich vorn auf und erläuterte das Abendprogramm, dass wir uns gemeinsam aufwärmen, Partnerübungen bestreiten und unsere Monologe erneut aufführen würden, alles vor den Augen des gesamten Kollegiums. Dabei wartete ich nur darauf, dass man mich erkannte und rausschmiss. Doch es passierte nicht.

»Summers, Audrey?«, las Feldman sogar von der Liste ab.

»H-hier.«

Ich spürte, wie das Sandwich sich in meinem Magen aufblähte, und bereute alles. Mom und ich hätten die Spinat-Quinoa-Bowl essen sollen. Mein Körper benötigte energiereiches Blattgemüse und Ballaststoffe, die paar leeren Kohlenhydrate und getrockneten Tomaten zählten da garantiert nicht.

Doch ich hatte keine Zeit, mich genauer damit zu beschäftigen, weil Feldman das Warm-up initiierte. Wir lockerten unsere Stimmen und waren ein Chor, der »A, E, I, O, U« sang, wir klopften uns auf den Brustkorb und dehnten uns die Glieder. Anschließend machten wir diese fürchterliche Übung, bei der wir im Kreis die Gesichter senken sollten. Sobald Feldman schnipste, hoben wir das Kinn und mussten jemanden anschauen. Ich übersprang Parker, Levi aka British Boy sowie Hill, Jude aka Airpods ohne ein schlechtes Gewissen. Zum Schluss hielt man es, wieso auch immer, für eine gute Idee, dass wir drei Minuten lang meditierten.

Es war eine schreckliche Erfahrung.

Schrecklich, weil ich mich natürlich nicht entspannte. Mein Puls sprintete bloß dahin, während ich mich fragte, ob die anderen bereits Theatererfahrung besaßen und vielleicht mit bekannten Regisseur*innen zusammengearbeitet hatten. Welche Produktionen nannten sie in ihrem Lebenslauf? Wie viele Erfolgsgeschichten konnten sie bereits erzählen? Ich wollte das nicht, dieses Mich-ständig-Kleinreden und Vergleichen, die Minderwertigkeitskomplexe und diese Panik. Aber meine Google-Suchanfragen hatten mir nie verraten, wie das aufhörte.

»Ihre drei Minuten sind vorbei, kommen Sie zurück.«

Kommen Sie zurück. Lustig, ich hatte diesen Raum der verfluchten Juilliard School gar nicht verlassen.

»Wir machen weiter mit einigen Improvisationsübungen. Dazu werde ich Sie in Pärchen aufteilen, und keine Sorge, wir werden im Verlauf des Abends immer wieder wechseln. Einige von Ihnen werden auch die gleiche Aufgabe mit anderen Partner*innen bestreiten.« Sie linste auf ihr Klemmbrett. »Den Anfang werden Miss Chang und Mister Hill machen. Danach folgen Miss Summers und …«

Bitte nicht Parker, Levi, bitte nicht –

»… Mister Parker. Um sich vorzubereiten, haben Sie jeweils sieben Minuten. Die anderen warten vor den angegebenen Räumen, bis ich Sie hereinbitte.«

Sie fuhr fort, doch ich hörte nicht weiter hin, denn das war der Moment, in dem Parker, Levis Blick auf meinen prallte.

Oh Gott.

Alles, was sich in seinem Gesicht anspannen konnte, spannte sich an. Besonders die Muskeln an der Stelle zwischen seinen markanten Brauen. Vermassele mir das ja nicht!, schrie es aus seinen Poren. In meiner Kehle schwoll ein Kloß an. Schließlich klatschte Feldman in die Hände und führte uns in die Vorbereitungsräume. Parker, Levi zog die Tür hinter sich zu, wobei er den Raum automatisch einnahm, so eine verflucht krasse Präsenz hatte er. Es roch sogar plötzlich nach ihm, nach Ananas-Smoothie, Deo und Pfefferminzkaugummi. Während er sich über den rötlichen Bartschatten fuhr, hielten wir Sicherheitsabstand. Und das war fatal. Wir würden gleich Spielpartner*innen sein. Wir brauchten eine Verbindung, ein bisschen Chemie oder gemeinsame Energie, ich würde alles in der Richtung nehmen.

»Also dann.« Wieder brachte er seine Fingerknöchel zum Knacken. »Wir sind ein Geschwisterpaar und vermitteln die Geschichte über unsere Körper.«

Ich nickte, weil es stimmte. Das war unser Szenen-Briefing.

»Am besten …«, begann er, hob jedoch den Blick. Und brach ab. »Okay, das wird garantiert nicht funktionieren, wenn du mich so ansiehst.«

Ich runzelte die Stirn, er holte tief Luft. Seine Nasenflügel bebten, mein Puls hämmerte. Ich spürte Ratlosigkeit, Wut und Angespanntheit zwischen uns. Vielleicht war das etwas, womit wir arbeiten konnten. Aber noch bevor ich das vorschlagen konnte, ergriff er das Wort erneut.

»Es tut mir leid, okay? Das vorhin, als wir gegeneinandergelaufen sind. Ich war richtig angepisst, weil ich … ja, whatever, ich war einfach megaaufgeregt wegen dem Vorsprechen. Letztes Jahr bin ich hier in den Recall gekommen, hab es dann aber da so richtig verhauen. Wenn ich das noch mal in den Sand setze, kann ich mich erst wieder für den Master bewerben, und das ist keine Option. Ich muss das hier schaffen.«

Den letzten Satz sagte er so leise, als wäre er nur für ihn selbst, sein kleines, heimliches Mantra. Ich sah ihn stumm an, weil das Licht ihn plötzlich anders beschien, was bestimmt nur in meinem Kopf geschah. Doch irgendetwas an ihm veränderte sich. Vielleicht war es die Art, wie er sich hielt, fast peinlich berührt zu Boden starrte und sich in die zerzauste Frisur fasste. Alles an Parker, Levi wirkte mit einem Mal unendlich verletzlich.

Und Verletzlichkeit war meine absolute Spezialität.

»Mein Lampenfieber zerstört alles«, sagte ich. »Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht mal damit gerechnet weiterzukommen, und nein, das ist kein Fishing for Compliments, sondern die Wahrheit. Keine Ahnung, wie hoch überhaupt die Wahrscheinlichkeit war, in die zweite Runde zu kommen, weil –«

»Vier Komma zwei Prozent.«

Ich blinzelte, doch er hob bloß die Schultern.

»Ich kann gut mit Zahlen. Also …«

»Also sollten wir das hinkriegen, wenn wir schon Vier-Komma-zwei-Prozent-Menschen sind?«, murmelte ich.

»Wäre halt sehr dumm, wenn nicht, korrekt.«

Ein Satz, knapp und kalt. Wieder wirkte alles an ihm bedrohlich und distanziert. Mauer über Mauer über Mauer. Trotzdem straffte ich die Schultern, wobei mein Puls donnerte, mir übel war und ich mich eigentlich in Luft auflösen wollte, doch …

Vier Komma zwei Prozent.

Das war nicht eine in einer Million, aber hier war ich trotzdem. Ich begutachtete den Raum, minimalistisch skandinavisch eingerichtet, voller Hightechgeräte und glänzenden Oberflächen. Wenn ich aus dem Fenster blickte, konnte ich den verregneten Lincoln Square ausmachen.

Genau genommen war ich nicht nur hier.

Ich war genau dort, wo ich immer hatte sein wollen.

Ganz egal, wie sehr ich kotzen und verschwinden und mich auflösen wollte. Ganz egal, wie sehr ich es vorhin vergeigt hatte.

Tief durchatmend strich ich mir eine Strähne hinter das Ohr. Wie Parker, Levis Blick dabei an meinem Tattoo hängen blieb, bemerkte ich ganz genau.

»Was sind deine Grenzen?«, fragte ich, so wie ich es vor jeder Impro fragte. Ich rechnete mit einem »Hä, was?«, doch er zuckte nur mit den Mundwinkeln. Na ja, zumindest tat er es beinahe. Kurz glaubte ich, er hätte Grübchen, aber sicher war ich mir nicht.

»Lass mich raten«, sagte er mit fast tanzenden Brauen, und das war jetzt definitiv ein Problem. Denn er deutete seine Mimik nur an, das musste sich in den nächsten Minuten definitiv ändern. »Du hast dir die Masterclass von Natalie Portman reingezogen?«

Ich trat einen Schritt zurück. »Du etwa auch?«

»Klar, ich liebe diese Frau. Sie ist so eine krasse Künstlerin.«

Parker, Levi musste diesmal doch grinsen. Er hatte tatsächlich ein Grübchen statt zwei, was seltsamerweise schön aussah, auf diese verletzliche Weise. Draußen donnerten die Regentropfen gegen die Fensterscheiben, während wir unsere Grenzen beredeten, ob Berührungen und Körperkontakt okay waren. Überraschenderweise sagten wir beide, wir hätten keine, was wohl so viel bedeutete wie Go hard or go home. Außerdem bemerkte ich, dass nicht nur sein Mund, sondern auch seine Nase einen Hauch zu groß war. Welche Farbe seine Augen hatten, war jedoch schwieriger zu bestimmen. Vielleicht waren sie blau, vielleicht aber auch grau. Doch gerade, als ich mich dazu zwang, mich nicht so stark auf sein Gesicht zu konzentrieren, klopfte Baker an.

»Ihre Zeit ist vorbei«, sagte er, wobei wir unübertrieben nichts vorbereitet hatten.

Und während wir also Kursräume passierten, in denen sonst Seminare zu Maskenspiel, Stanislav und Rollenarbeit gegeben wurden, realisierte ich: Wenn ich das heute tatsächlich schaffen sollte, hatte ich das dem Toilettenzusammenbruch einer Fremden zu verdanken.

Mit wackeligen Beinen blieben wir schließlich vor der Bühne stehen. Panisch linste ich in den ersten Rang, wo Feldman ihre Brille zurechtrückte. Ich suchte alles in ihrer Miene ab, doch nichts ließ darauf schließen, dass sie meine Retterin sein könnte. Genau dann sprach sie.

»Beginnen Sie«, kommandierte sie.

Parker, Levi nickte zur Bühne, machte einen Schritt nach vorn, doch hielt inne, um mich anzusehen.

Dezemberabendgrau, dachte ich unvermittelt. Grau. Seine Augen waren definitiv grau.

»Gehen wir«, flüsterte er rau.

3#Bennett29

505

Ihre Augen waren riesig.

So Komet-der-die-Erde-in-einer-Millisekunde-zerbombt-riesig. Oder auch wie Ich-glaube-ich-kotze-gleich-und-versaue-uns-beiden-das-wichtigste-Vorsprechen-unseres-Lebens-riesig. Wie man es halt nehmen wollte. Geil. Richtig, richtig geil, wenn man sich daran erinnerte, dass wir rein gar nichts besprochen hatten.

»Bereit?«, flüsterte ich trotzdem, weil es kein Zurück gab.

Doch Audrey ballte bloß ihre Hände zu Fäusten. Sie wirkte angespannt und bleich, und ich wusste, dass das so garantiert nichts werden würde.

»Hey.« Ich umfasste ihre Schulter, weil sie gemeint hatte, sie hätte keine Grenzen. Trotzdem wich sie so erschrocken zurück, als hätte ich sie angreifen wollen. »Wir bekommen das hin. Ich weiß das.« War natürlich gelogen. Alles, was ich wusste, war, dass wir es schaffen mussten.

Schweigen ihrerseits.

Ich blies die Wangen auf, die Härchen an meinen Armen stellten sich auf. Alles in mir stand unter Strom, weil alles außerhalb von mir den Bach runterging. In meinem Kopf tickte ein imaginärer Countdown, und ich hasste jede Sekunde.

»Wir kriegen das hin«, wiederholte ich, aber sie schüttelte roboterartig den Kopf, ganz mechanisch und gefühllos. Na, das waren natürlich mit Abstand die besten Voraussetzungen für Impro. Kurz schloss ich die Augen und stellte mir meinen Safe Place vor. Ein leerer Raum mit weißen Wänden. Ich sah mich darin sitzen, ein- und ausatmen. Drei tiefe Male. Doktor Ruiz wäre stolz auf mich gewesen. Dann rappelte ich mich auf.

»Audrey.« Ihr Name schmeckte dunkel auf meiner Zunge. »Sieh mich an.«

Keine Reaktion.

Ich wollte schreien: »EY, AUDREY, ICHBINAUCHSCHEIßNERVÖS, ABERWIRMÜSSENDAJETZTWIRKLICHRAUF, ALSOGUCKMICHAN, DAMITWIRANUNSERERVERBINDUNGARBEITENKÖNNEN!«

»Ich schaffe das nicht allein«, sagte ich stattdessen. »Bitte, schau mich an.«

Vielleicht war Bitte echt das Zauberwort, weil sie mich daraufhin tatsächlich anblickte. Ihre Pupillen waren immer noch riesig, ihre Hände weiterhin Fäuste.

Verquirlte Scheiße.

Das. Lief. Alles. Nicht. Nach. Plan! Ich fuhr mir übers Gesicht, was meine Monsterpanik nur unterstrich und Audrey wiederum dazu brachte, die Augen weiter aufzureißen.

»Ich will das hier verdammt noch mal, okay?«, sagte ich. »Ich kann mir das nicht wegen fünf Minuten versemmelter Impro kaputtmachen.«

Sie presste die Lippen aufeinander. »Und ich will das etwa nicht, oder was?«

»No offense, aber ich bin hier nicht derjenige, der gerade wegen Lampenfieber abkratzt.«

»Du kannst mich mal.«

»Perhaps fuck off might be too kind, hm?«

Sie blinzelte. »Hast du gerade ernsthaft Arctic Monkeys zitiert?«

»Boah, keine Ahnung.« Ich warf den Kopf in den Nacken. »Ich greife hier nach Strohhalmen für unsere Verbindung. Die, die wir brauchen, schon vergessen?«

Audrey fasste sich zögerlich an die Schläfen, dann … »Was ist dein Lieblingslied?«

»Von den Arctic Monkeys?«, fragte ich verwirrt.

Sie nickte, doch ich wollte den Kopf schütteln. Was sollte das? Wir hatten keine Zeit für eine Musiktippstunde! Aber sie starrte mich so dermaßen ernst an, dass mir nichts anderes übrig blieb, als ihr zu antworten.

»Keine Ahnung«, murmelte ich. »Do I Wanna Know?«

»Der Klassiker also.«

»Der Klassiker?«, wiederholte ich. »Verrätst du mir, wieso wir über Arctic Monkeys diskutieren, obwohl wir gleich rausgeworfen werden, ohne überhaupt gespielt zu haben? Oder eher nicht so?«

»Wir brauchen eine Verbindung, schon vergessen?« Sie unterdrückte ein Schnauben. »Ich glaube daran, dass ein Musikgeschmack ziemlich viel über eine Person aussagt, und daran, dass wir unsere Energien wirklich auf ein Level bekommen müssen.«

Es war immer noch lächerlich, doch ich hätte in diesem Moment wortwörtlich alles für eine gute Performance getan. Denn klar, es gab andere Schauspielprogramme, Yale, NYU, London. Aber ich wollte das Beste, und Juilliard war halt die Juilliard.

»Und was ist deins?«, fragte ich, weil ich derart verzweifelt war.

»Five-O-Five.«

»Singt Alex Turner darin nicht über seine Freundin, die ihn anlächelt, während sie es sich selbst macht?«

»Goldrichtig. Ich höre den Song immer, wenn ich Tinder-Dates sage, dass sie die Klappe halten sollen, damit ich mir vorstellen kann, ich würde Alex Turner vögeln.«

Mein Mund öffnete sich, doch ich brachte kein Wort hervor.

»War ein Witz, Mann.« Sie rollte mit den Augen. »Das würde ich Alex Turner niemals antun. Er wird schon mit genug creepy Kommentaren im Internet zugespammt. Ich will ihn nicht auch noch sexualisieren und so tun, als wäre es okay, bloß weil er ein Typ ist.«

Ich blinzelte ihr erneut sprachlos entgegen, während sie mich eindringlich ansah. Sie … Fuck, sie versuchte das wirklich mit der Verbindung.

»Du musst dich auch auf mich konzentrieren.« Schlagartig wurde ihre Stimme leiser. »Mach schon.«

Ja, Alter. Mach schon, mach schon, mach schon.

Schluckend betrachtete ich ihr Gesicht im Detail. Ich hatte das vermeiden wollen, aber sie hatte recht, ich musste mich verdammt noch mal auf sie konzentrieren. Doch je länger ich sie ansah, desto stärker veränderte sich etwas? Denn plötzlich durchfuhr mich ein Kribbeln, mir wurde warm, wärmer, heiß, ich bekam eine Gänsehaut, weil da plötzlich etwas war. Keine Ahnung, was genau passierte. Aber mein Bauch zog sich zusammen, während ihr Blick auf meinen traf. Das Seltsamste? Er traf mich überall, obwohl sie mir bloß in die Augen sah. Ich glaubte, sie spürte die Veränderung auch, denn die Angstfältchen auf ihrer Stirn entspannten sich.

»Arabella mag ich auch«, flüsterte ich.

»Sagst du das nur wegen meinem Shirt?«

»Nein, mein Ernst.«

Ihre Brauen hoben sich, weil sie mir nicht glaubte. Aber das spielte keine Rolle, denn genau da passierte es. Ich … Scheiße, ich hatte das Gefühl, ich würde Audrey zum ersten Mal sehen, obwohl ich wusste, dass es Bullshit war. Trotzdem. Unsere erste Begegnung, das Gespräch gerade, alles vergessen. Dabei sah ich nicht mal ihre Locken, ihr Gesicht oder ihr Bandshirt. Nein, ich sah sie so richtig. In sie hinein und ihre künstlerische Energie, wie das halt so war, wenn ich als Schauspieler kurz Glück hatte. Mir wurde noch mal heiß und dann kalt und dann wieder heiß. Ich wollte »Alter« flüstern, fragen, wie sie das machte, doch verkniff es mir.

»Wieso tust du es?« Heiser räusperte sie sich. »Das Schauspielern?«

»Die Frage ist ein bisschen zu persönlich, findest du nicht?«

»Verbindungen sind persönlich.«

Touché.

Ich unterdrückte ein Stöhnen, weil ich diese Frage hasste. Wieso machst du es? Das war ein einziges Klischee. Kitschig. Und wirklich persönlich. Aber Letzteres hatten wir ja dringend nötig.

»Ich mag Anfänge. Ich meine, es ist egal, wie gut und eindringlich ich meinen vorherigen Charakter gespielt habe, wenn die Produktion vorbei ist, fange ich mit einem neuen immer von vorn an. Das ist mein Ding.«

Audrey legte den Kopf schief, wobei eine Locke sich in ihre Stirn verirrte. Sie kniff die Lider zusammen, nicht aggressiv, sondern interessiert. An mir. Als wollte auch sie in mich hineinschauen. Und ich schätzte, das gab uns den letzten Kick. Schließlich stockte mein Atem, was eine ziemlich pathetische Reaktion war, doch es war mir egal. Ich musste übertreiben. Ich musste das wollen und schaffen. Für mich, aber auch für Dad, damit ich ihm die Zusage in unseren Chat schicken konnte und er es nicht fassen würde, dass ich es tatsächlich geschafft hatte. Damit er sich schlecht fühlte und ich mich hoffentlich besser. Und wenn ich dafür Gänsehaut, Herzpochen und eine trockene Kehle in Kauf nehmen musste, um die Spannung mit meiner Spielpartnerin bis in die Zehenspitzen zu spüren, war das eben der beste Deal meines Lebens.

»Audrey?«, flüsterte ich rau. »Glaubst du, du schaffst das?«

Ihre Nasenflügel blähten sich auf, so konzentriert war sie auf mich. Dann nickte sie – und ich spürte sie immer noch. Ihre Energie, ihre Aura, wie die ganzen Kunstmenschen backstage betrunken immer philosophierten. Das war gut. Nein, stopp, das war sehr gut, denn während sie diesen tiefen Atemzug nahm, tat ich es ihr synchron gleich.

Als würde ich unsere Verbindung damit besiegeln.

»Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht immer noch kotzen will«, flüsterte sie mit verzogenem Gesicht.

»Kein Thema, ich halte dir die Haare und lasse Five-O-Five sogar über mein Datenvolumen für dich laufen, sobald wir durch sind.«

Meine Stimme klang so fest, dass sie nickte. Ich hörte, wie sie dabei die stickige Luft einsaugte. Sie hingegen sah auf meine Brust, die sich deutlich hob. Da waren nur sie, ich, die Atemzüge und unsere Energien, die sich, ja, auf eine verflucht verdrehte Weise wirklich verbanden.

»Gehen wir«, sagte sie dann.

Dabei gingen wir gar nicht. Wir blieben in unserer Energieblase, selbst als wir uns auf der Bühne positionierten. Ich spürte die Blicke des Prüfungsausschusses, brennend, verkohlend und vernichtend. Meine Haut juckte überall, während wir uns unter den Scheinwerfern ansahen. Und dann? Tja, dann wurde meine Spielpartnerin zu einer anderen Person. Wirklich. Innerhalb einer Sekunde war sie ein anderer Mensch. Ich konnte nicht mal beschreiben, wie sie das machte. Sie musste für ihre Verwandlung nicht mal die Augen schließen, sie holte einfach tief Luft – und war in ihrer Rolle.

Ich wusste sofort, dass ich sie für immer darum beneiden würde.

»Na los, Smiley-Miles.« Sie breitete die Arme aus. »Komm in die Berghaltung.«

Berghaltung? Initiierte sie da gerade Yoga? Erst diese Musiksache und jetzt Yoga? Ich meine, fucking Yoga während unserer Vorstellung? Als sie den linken Fuß an ihr rechtes Schienbein legte, hatte ich meine Antwort. Aber das hier war ja Impro. Hier sagten wir nur »Ja und …«. Nie »Nein«. Nie »Stopp«.

Na dann.

Audrey und ich spielten. Wir machten irgendwelche Posen, deren Namen ich nicht kannte. Bestimmt hießen sie Hund, Katze oder Kuh. Wie vorgegeben waren wir ein Geschwisterpaar, doch unser Spiel erinnerte mehr an die klassische Spiegelbildübung. Schließlich bewegten wir uns die gesamte Zeit über synchron zueinander, selbst wenn wir miteinander sprachen. Wir waren ein Bruder, der sich mit seiner Schwester über ein Problem unterhalten wollte, und eine Schwester, die ihrem Bruder eine Yogastunde aufdrückte. Audrey machte die Übungen vor, ich übernahm die meisten Sprechanteile. Dabei lappten unsere Energien weiterhin übereinander. Ich spürte sie. Ihre Atmung, meine Atmung, dieses Band, das dadurch zwischen uns entstand. Es fühlte sich so an, als hätten wir sechs Wochen geprobt. Als hätten wir bis zum Gehtnichtmehr an unseren Rollen gefeilt, jedes Luftholen einstudiert und jede emotionale Ebene unserer Zeilen seziert. Wir waren nicht bloß ein Spiel. Wir waren eine atmende Choreografie, elegant und kontrolliert, wie auf ein Metronom getaktet. Ich meine, selbst als sie die Arme ineinander verrenkte, ich es ihr nachtat und alles in mir knackte, sie »Adler« sagte und ich dachte, mein fucking Bizeps zerreißt, war es die natürlichste Bewegung überhaupt.

Wir waren natürlich.

Es war eine der krassesten Erfahrungen in meinem Leben. Und das musste stimmen, weil wir uns vor nicht mal zwölf Stunden über den Weg gelaufen waren und wir uns gerade gemeinsam ins Kunstdelirium spielten. Der sogenannte Flow, auf den wir alle so geierten. Dort, wo die Zeit stillstand und jedes Einatmen ein Meisterwerk war, wo die schlaflosen Nächte, das Lampenfieber und die vierundsiebzig Absagen sich lohnten. Dort, wo alles endlich Sinn ergab.

Als Audrey sich reckte, wusste ich einfach, was danach kommen würde. Ich wusste, dass wir uns rücklings auf den Boden legen würden, die Arme parallel zu unseren Seiten.

»Shavasana.«

Obwohl ich diesen Begriff noch nie gehört hatte, kam er mir aus ihrem Mund vertraut vor. Und ich meine, wie wahnsinnig war denn das bitte? Aber dann drehte sie mir das Gesicht zu, und es wurde noch unglaublicher. Ihre Brauen waren dunkel, ihre Wimpern lächerlich lang, ihre Augen golden, ihr Make-up verschmiert, ihre Ohrstecker glänzten silbern. Sie sah so leuchtend aus. Und schön. Sehr, sehr schön. Als sie jetzt lächelte, lächelte ich auch. Als sie leicht nach links rückte, rückte ich leicht nach rechts. Als sie sich über die Lippen leckte, stellten die Härchen an meinen Armen sich auf.

»Also?«, fragte sie.