Zeit der Sternenfänger - Kristina Telge - E-Book

Zeit der Sternenfänger E-Book

Kristina Telge

5,0

Beschreibung

Marion trifft Daniel. Sie: in Selbstwahrnehmung bestenfalls Durchschnitt. Er: gestandener Rockmusiker mit allem, was dazu gehört. Und damit fangen die Probleme an. Wie umgehen mit jemandem, der so gar nicht ins bisherige Lebenskonzept passt? Und was tun, wenn die großen Dinge, von denen man immer nur geträumt hat, mit einem Mal in Reichweite sind? Und wenn sie nicht nur die eigene Welt verändern können, sondern viel mehr daraus wird? Alles steht plötzlich Kopf, und nach einem knappen Jahr, das von höchstem Glück, größtem Schmerz, Scheitern, Aufstehen und Wachsen geprägt ist, bleibt am Ende nur eine Frage: Was zählt wirklich?

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Seitenzahl: 1022

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

1

Die spätsommerliche Hitze lastet schwer auf der Stadt und obwohl es noch Vormittag ist, hat sich die Atmosphäre aufgeladen, ein Gewitter liegt in der Luft. Sie versucht, ihren Laufrhythmus aufrecht zu erhalten. Wie hat sie es mal gelernt? Knie heben, raumgreifende Schritte, gleichmäßig ein- und ausatmen. Nicht ganz einfach bei dieser Witterung, das Luftholen fällt ihr schwer.

Es beginnt leicht zu regnen gerade als sie die dritte Parkrunde in Angriff genommen hat. Dankbar für dieses – wie sie glaubt – sehr deutliche Zeichen der Natur beschließt sie umzukehren. Joggen ist ohnehin nicht ihr Ding. Sie ist Tennisspielerin und läuft lediglich als Ausgleich und nicht oft genug – dementsprechend schwierig ist es jedes Mal wieder. Überhaupt spürt sie besonders an schwül-warmen Tagen wie heute, dass der Sport in dieser Intensität, in der sie ihn betreibt, nicht mehr so leicht ist wie früher. Vor zehn Jahren hätte sie das anders weggesteckt. Sie ist eben keine zwanzig mehr, sondern mittlerweile fünfunddreißig Jahre alt. Das bedeutet aber auch, dass sie jetzt an Wettkämpfen der Altersklassen teilnehmen kann. Darum ist sie in Berlin, wo gerade ein großes internationales Turnier stattfindet. Während der letzten Monate hat sie sich darauf akribisch vorbereitet und so viel dafür trainiert, wie es die Knochen und ihre Zeit zugelassen haben. Gestern hat sie ihr Halbfinale gewonnen und steht nun im Endspiel, das jedoch – aufgrund eines organisatorischen Fehlers im Zeitplan – erst in drei Tagen stattfinden wird. Über diese Pause ist sie allerdings ganz froh, denn auch die Regeneration dauert mittlerweile länger als früher.

Durch das Laufen hatte sie gehofft, ihre Beine etwas lockern zu können, am Nachmittag steht noch ein leichtes Training auf dem Programm. Heute ist ein Ruhetag für alle, es finden keine Wertungsspiele statt, aber die Plätze sind geöffnet und viele Spieler und Spielerinnen nutzen dies. Sie hat sich dort später mit ihrer besten Freundin Martina verabredet, die ebenfalls am Turnier teilgenommen hat, jedoch im Viertelfinale ausgeschieden ist. Da sie und ihr Freund es aber mit einem kleinen Urlaub verbinden, sind sie noch da. Heute haben sie zusammen für zwei Stunden einen Platz gemietet. Momentan sind allerdings ihre Beine schwer wie Blei, und sie überlegt, dass das mit dem Laufen keine so gute Idee war. Der Regen wird stärker und sie spürt die Tropfen kühlend auf ihrem erhitzten Gesicht. Trotzdem beschleunigt sie ihren Schritt und macht sich auf den Weg zurück zum Hotel.

Dort angekommen hält der Portier ihr die kleine Tür des Seiteneingangs neben der großen Drehtür auf, die kaputt zu sein scheint. Sie stürmt hinein – und wird jäh ausgebremst, denn jemand läuft ihr in den Weg. Sie spürt noch den Zusammenstoß und dass sie fällt, dann wird es für einen Moment schwarz.

Als sie wieder zu sich kommt, sieht sie ein paar verschwommene Gesichter über sich. Seltsamerweise sehen sie alle gleich aus und erst nach ein paarmal Blinzeln laufen die Gesichter ineinander und eins bleibt übrig – immer noch ziemlich undeutlich. Ein Mann kniet neben ihr und sie hört wie aus weiter Ferne eine Stimme sagen: „Hey, welcome back. Phew, I’m glad ...“

Nun kommt auch der Portier herbei. „Ist alles in Ordnung?“

Sie richtet sich auf und sofort schwirren Sternchen vor ihren Augen.

„Slowly, lady“, sagt die Stimme. „Let me help you.“

Mit vereinten Kräften hieven die beiden Männer sie hoch und platzieren sie in den nächsten Sessel.

„W-was ist d-denn passiert?“, hört sie sich sagen. Die Worte scheinen zeitverzögert aus ihrem Mund zu kommen und sie schüttelt leicht den Kopf. Es tut weh. Die Stimme antwortet dieses Mal auf Deutsch: „Du bist hingefallen und mit dem Kopf auf den Boden geschlagen.“

Sie versucht, selbigen in Richtung des Mannes zu drehen, der mit ihr spricht und blinzelt noch ein paar Mal. Die Sicht wird besser. Sie blickt in ein gutaussehendes markantes Gesicht, umrahmt von recht langen Haaren, die ihm in Stufen bis über die Schultern reichen. „Irgendw-was war i-im Weg“, stottert sie matt.

„Das war ich. I’m sorry, es ging zu schnell, ich konnte nicht ausweichen.“ Sie sieht Erleichterung in seinem Blick. „Du warst kurz ohnmächtig und hast mir einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“

Vorsichtig tastet sie mit der Hand an die Stelle der Schläfe, auf die sie gerade geknallt ist. „Aua!“ Ihre Zunge fühlt sich seltsam an. „Ich r-rede irgendwie komisch ...“

Der Portier fragt etwas hilflos ob er einen Arzt rufen soll.

„Auf jeden Fall“, sagt der Mann.

„A-auf keinen Fall“, sagt sie.

„Okay, wir bleiben hier jetzt zehn Minuten sitzen“, beschließt er. „Wenn du dann nicht in Ordnung bist, fahre ich dich ins Krankenhaus. I’m Daniel, by the way.”

„M-Marion”, quetscht sie heraus.

Der Portier kommt mit einem Glas Wasser. Sie trinkt und fühlt, wie die Benommenheit nachlässt.

„Besser?“ fragt Daniel.

Sie nickt. „Du lieber Himmel, ich habe dich überhaupt nicht gesehen.“

„Das habe ich gemerkt“, antwortet er belustigt.

Ein weiterer Mann kommt auf sie zu. „What's up, Dan?”

„Hi Paul. We just had a little accident here“, antwortet er.

„Accident?“ Der Mann grinst und sie wechseln ein paar Worte, dann geht er Richtung Ausgang. „See you later.“

Daniel mustert die junge Frau, die noch immer Versuche macht, wieder ganz zu sich zu kommen. Er schätzt sie auf ungefähr dreißig. Sie ist keine von diesen herkömmlich hübschen Dingern, aber sie hat etwas, das ihn sofort anspricht. Vor allem sind es ihre großen braunen Augen, die ihn jedoch noch immer etwas wirr anschauen. Diese Augen, die olivfarbene Haut und die schwarzen Locken, die ihr – besonders jetzt nach dem Laufen – ein wenig wild ins Gesicht fallen, lassen sie fast südländisch wirken. Unwillkürlich schaut er auf ihre durchtrainierten Beine. Da er selbst versucht, so fit wie möglich zu bleiben, mag er Menschen, besonders Frauen, die auf sich achten. Diese hier scheint das zu tun.

Sie registriert seinen Blick, der sich nicht von ihren Beinen lösen kann, und ist verunsichert. Was will der eigentlich, denkt sie. Ist er wirklich nur besorgt? „Ich glaube, ich bin okay“, sagt sie – selbst nicht ganz überzeugt. „Entschuldige die Umstände und vielen Dank fürs Kümmern.“

Sie will aufstehen aber er hält sie zurück. „Du bleibst hier“, sagt er freundlich, aber bestimmt. „Ich sagte zehn Minuten – und die warten wir ab.“

Eine weitere Weile sitzen sie schweigend da und Marion weiß nicht recht, wie sie sich verhalten soll. Sie fühlt sich etwas unwohl in Gesellschaft dieses Mannes. Das liegt nicht unbedingt an ihm, sondern eher an der Tatsache, dass es ihr generell nicht leichtfällt, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Und diese Situation hat sie nun unvermittelt erwischt. „Ich war joggen“, sagt sie schließlich, um irgendwas zu sagen.

„Ach ja?“, antwortet er lachend und erntet dafür wieder einen kritischen Blick. Macht der sich jetzt auch noch lustig?

Er versteht. „Das war recht offensichtlich. Du bist direkt in mich hineingerannt.“ Er lacht noch immer und es wirkt ansteckend. „Finally“, sagt er, „du lächelst. Möchtest du vielleicht an der Bar noch einen Kaffee mit mir trinken? Du siehst aus, als könntest du eine Stärkung brauchen.“

„Nein danke. Ich will dir wirklich nicht noch mehr Umstände machen“, wehrt sie ab.

„Die Alternative ist, dass ich dich ins Krankenhaus fahre. Du kannst wählen.“

„Na, dann schon lieber Kaffee“, sagt sie etwas unbehaglich und schaut an sich hinunter, „aber nicht so. Ich gehe duschen und ziehe mich um – wenn du so lange Zeit hast.“

Sie hofft sehr, dass er Nein sagt, aber den Gefallen tut er ihr nicht. „Das ist okay, ich habe heute Morgen nichts anderes vor.“

Seufzend erhebt sie sich, läuft unsicheren Schrittes los und wankt bedrohlich. Die Sternchen sind wieder da. Er ist sofort hinter ihr und hält sie fest. „Ich glaube, wir fahren doch ins Krankenhaus“, sagt er mit Nachdruck und sie merkt selbst, dass es wohl nicht die schlechteste Idee ist.

„Aber ich will trotzdem erst duschen. Es geht schon.“ Nun ist sie diejenige, die bestimmt klingt.

„Alright, ich warte hier auf dich“, sagt er und setzt dann noch hinzu: „Wenn du in zwanzig Minuten nicht wieder da bist, komme ich dich holen.“

„Erst kriege ich zehn Minuten, jetzt zwanzig“, wundert sie sich. „Machst du den Leuten immer solche zeitlichen Vorgaben?“

„Nur in medizinischen Notfällen.“

Während sie unter der Dusche steht, denkt sie über diesen Daniel nach. Er sieht nicht schlecht aus, aber langhaarige Männer sind nicht ihr Ding. Außerdem ist er nicht mehr so ganz jung, in seine dunkelblonden Haare mischt sich Grau. Er ist unüberhörbar Amerikaner, spricht aber sehr gut Deutsch. Die Klamotten sind auch eher ungewöhnlich für jemanden in seinem Alter. Seine langen Beine stecken in verwaschenen Jeans, er trägt Turnschuhe, ein buntes T-Shirt, darüber ein schwarzes Jackett und ein paar Lederbändchen an Armen und Hals. Einem Bürojob geht der nicht nach, soviel steht fest. Und irgendetwas an ihm wirkt vertraut. Er erinnert sie an jemanden, aber sie kommt nicht darauf, an wen. Warum sie plötzlich neugierig auf ihn ist, kann sie sich nicht recht erklären. Immerhin war er nett und hilfsbereit. Na, mal sehen …

Er sitzt noch immer an der gleichen Stelle und wartet, als sie in die Lobby zurückkommt.

„Wie geht es dir jetzt?“, fragt er.

„Ich bin in Ordnung“, antwortet sie.

„Das werden wir uns dann mal bestätigen lassen. Ich habe mir die Adresse des nächstgelegenen Krankenhauses geben lassen.“ Er springt auf. „Let’s go“.

Draußen drückt ihm ein Page einen Schlüssel in die Hand und er geht zielstrebig auf einen weißen, sehr teuren Sportwagen zu. Sie folgt ihm zurückhaltend. „Wow“, sagt sie, „ist das etwa deiner?“

„Nein, der ist geliehen. Ich bin ja nur ein paar Tage hier.“

Als sie im Auto sitzen, fragt sie: “Warum bist du eigentlich in Berlin? Geschäftlich?“

„Ja, das kann man so sagen“, erwidert er und lächelt.

„Und in welcher Branche arbeitest du?“

„Entertainment business. Ich versuche, dafür zu sorgen, dass die Leute gut unterhalten werden.“

Sie schaut etwas verständnislos. „Organisierst du Partys oder so was?“

„Etwas in der Art“, antwortet er ernsthaft.

Schon ein paar Minuten später biegen sie in die Einfahrt des Krankenhausparkplatzes und er steuert den Wagen in die nächste freie Parklücke. Mittlerweile hat der Regen wieder aufgehört. „Warte“, sagt er beim Aussteigen, läuft um das Auto und öffnet ihr die Beifahrertür. „Geht es?“

Sie steigt ebenfalls aus und wartet auf eine neue Sternchen-Attacke, die glücklicherweise dieses Mal ausbleibt. „Danke. Es ist okay.“

Beim Betreten der Notaufnahme schlägt ihnen stickige, warme Krankenhausluft entgegen. Ihr wird sofort schlecht, und auch er macht nicht wirklich den Eindruck, als ob er sich hier wohlfühlt. „Oh je“, entfährt es ihr, „hoffentlich müssen wir hier nicht lange warten.“

Er schiebt sie zur Anmeldung und ist plötzlich verschwunden. Sie klärt die Formalitäten und erläutert einer überraschend freundlichen Schwester, was passiert ist. Diese wirft einen langen Blick auf Daniel, der sich in der Wartezone etwas abseits von ein paar anderen Leuten, die schon dort sitzen, in eine Ecke verzogen hat. „Es ist gerade nicht viel los hier, Sie haben Glück und kommen bald dran.“

Marion nickt dankbar und füllt den Fragebogen aus, den ihr die Krankenschwester vorlegt. Dann setzt sie sich neben ihn. „Die Schwester sagt, es dauert nicht lange.“

„Das hoffe ich. Ich habe ein Problem mit Krankenhäusern.“ Er nimmt eine Zeitschrift und blättert zerstreut darin, legt sie jedoch bald wieder weg und schaut verstohlen zu den anderen Leuten. Erleichtert registriert er, dass sich niemand für sie interessiert. Das würde ihm jetzt noch fehlen. Es ist nicht ganz einfach, die Krankenhausphobie im Griff zu behalten, die ihn gerade voll überfallen hat. Um sich abzulenken, versucht er, sich auf Marion zu konzentrieren und betrachtet sie von der Seite. Sie ist blass und etwas an ihr rührt ihn. Er möchte ihr unbedingt etwas Nettes sagen. „Ich mag deinen Namen – Marion.“ Er spricht ihn englisch aus. Sie findet, dass er so eigentlich schön klingt, und fühlt sich direkt etwas besser.

„Du bist Amerikaner, oder?“, fragt sie.

„I'm from San Diego.“

„Woher sprichst du denn so gut Deutsch?“

„Mein Dad kommt aus Hamburg. I was born in the States, aber wir sprechen zuhause sehr viel Deutsch, und wir haben auch ein paar Jahre in Hamburg gelebt – da war ich noch ein Teenager. Meine Eltern haben darauf Wert gelegt, dass meine Schwester und ich zweisprachig aufwachsen. Die Familie meines Vaters stammt aber ursprünglich aus Schweden.“

„Sprichst du auch Schwedisch?“

„Nein.“

Gleich darauf wird sie von der Schwester aufgerufen, die Daniel wiederum mustert. Er weicht ihrem Blick aus. Sie scheint zu verstehen, sagt nichts und nimmt Marion mit in den Behandlungsraum. Dort wartet sie nervös, bis wenig später ein junger Arzt kommt, dem sie auf seine Fragen hin von Zusammenprall und Sturz erzählt. Er schaut ihr in die Pupillen, fragt, ob sie Sehstörungen oder Kopfschmerzen habe, was sie verneint. Sie hat wohl Glück gehabt, wahrscheinlich nicht mal eine Gehirnerschütterung. Trotzdem besteht er, da sie schon mal da ist und im Hinblick auf ihr anstehendes Tennismatch, zur Sicherheit auf ein MRT und führt sie in den Raum mit dem Röhrenapparat. Sie lässt das Rattern und Tackern über sich ergehen und denkt an Daniel, der da draußen auch gerade ziemlich bedrückt gewirkt hat. Da sie es nicht besser weiß, bezieht sie es auf sich und wünscht sich, sie hätte sich nicht darauf eingelassen, von ihm ins Krankenhaus gebracht zu werden. Sie hätte ihm einfach klarmachen sollen, dass es ihr gut geht.

Währenddessen kämpft er heftig mit den Dämonen der Vergangenheit, die ihn im Schwarm überfallen, sich auf ihm niederlassen und in sein Herz fressen. Er hätte nicht gedacht, dass ihn die Erinnerung wieder so hart treffen würde, und eine irrationale Angst macht sich in ihm breit, die er nicht bekämpfen kann. Alles läuft in seinem Kopf nochmal ab. Der Telefonanruf, seine Fahrt ins Krankenhaus und Ärzte, die mit ernsten Gesichtern auf ihn zukommen. Er hört sie sagen, dass sie alles versucht haben, dass es zunächst gut aussah, dass es jedoch zu spät war. Was, wenn es sich jetzt wiederholt? Wenn ihr Sturz nicht so harmlos war, wie es den Anschein hatte? Was, wenn sie gleich kommen, um es ihm zu sagen?

„Alles klar, wir können gehen.“

Er blickt auf und sieht Marion vor sich stehen.

„Hey, entspann' dich!“, sagt sie, denn sie registriert seinen besorgten Gesichtsausdruck. „Ich bin okay.“

Er ist so erleichtert, dass er aufsteht und sie spontan in den Arm nimmt. „That’s great!“

„Huch ...“ Sie ist etwas überrumpelt. „Du freust dich aber ...“

„Ich habe mir Sorgen gemacht.“

Eine Viertelstunde später sitzen sie in einem kleinen Café. Er hat seine Lockerheit zurückgewonnen und möchte mehr über sie wissen. Auf seine Fragen hin erzählt sie. Dass sie in einem Vorort von Mainz wohnt, das er kennt. Dass sie als Pressereferentin bei einem Chemiekonzern arbeitet, aber eigentlich lieber Bücher schreiben würde. Dass sie in Berlin ist, weil sie hier an einem großen Tennisturnier teilnimmt.

Ob sie Familie hat? „Nein“, antwortet sie, „Ich hätte mal fast geheiratet, aber kurz vorher habe ich gemerkt, dass es im Desaster geendet hätte.“ Sie fragt sich, warum sie ihm das erzählt, und er fragt sich, warum er es ziemlich gut findet. Er lenkt das Gespräch zurück auf die Sache mit dem Sport und erfährt, dass sie mit dem Gedanken gespielt hat, eine Profikarriere einzuschlagen. Allerdings hatte sie damals nicht den nötigen finanziellen Background und keinen Sponsor, außerdem wollte sie auch lieber an die Uni. Sie hat Kommunikationswissenschaften und Publizistik studiert.

„Wenn du bei einem solch großen Turnier dabei bist, musst du aber noch immer sehr gut sein, oder?“, fragt er.

„Ich schätze, wenn man den Wettkampfsport immer gewöhnt war“, antwortet sie, „dann will man wohl auch weiterhin gewinnen. Bei mir ist das jedenfalls so. Ich tue im Rahmen meiner Möglichkeiten dafür, was ich kann.“

Er nickt anerkennend. Diese ambitionierte Einstellung gefällt ihm und entspricht seiner eigenen.

„Außerdem starte ich jetzt in der Masters-Klasse, wie das bei euch im Englischen so schmeichelhaft heißt“, setzt sie bescheiden hinzu. „Im Deutschen klingt es härter: Seniorenklasse. Immerhin ist es noch die jüngste Altersgruppe, ich bin fünfunddreißig.“

„Ein senior ist im Englischen nicht wirklich jemand, der alt ist, sondern eher erfahren. Ich kenne den Begriff aber auch im Deutschen. Wenn du allerdings eine Seniorin bist, was bin ich dann? Ich bin achtzehn Jahre älter als du.“

Die Kellnerin kommt an den Tisch und fragt, ob es noch etwas sein darf. Er schaut auf die Uhr und stellt erschrocken fest, dass es höchste Zeit ist zurückzufahren. „Nein danke“, antwortet er und bittet um die Rechnung. „I gotta go“, sagt er zu Marion gewandt, „Ich muss heute Abend arbeiten. Die anderen werden schon auf mich warten.“ Plötzlich hat er es eilig.

„Die anderen?“, fragt sie. „Wie viele seid ihr denn?“

„Wir sind zu fünft.“ Er ist kurz versucht, sie aufzuklären, aber er genießt es zu sehr, dass sie offensichtlich überhaupt keine Ahnung hat. Außerdem hat er auch gar keine Zeit mehr dafür. Dann geht alles sehr schnell – zu schnell, wie sie zu ihrer Überraschung findet. Und sie hat wieder den Eindruck, dass sie jemanden kennt, der ihm stark ähnelt. Allerdings kommt sie nicht mehr dazu, weiter darüber nachzudenken.

Sie springen ins Auto, das stilecht im absoluten Halteverbot direkt vor dem Café steht. Das Knöllchen an der Windschutzscheibe steckt er mit einem leisen „Shit“ in die Hosentasche und zehn Minuten später sind sie im Hotel. Hastig verabschiedet er sich, obwohl er das sehr bedauert. „Ich muss mich beeilen, I’m late.“ Vor Eile wirft er deutsche und englische Brocken durcheinander. „Ich hoffe, we see each other tomorrow.”

Sie muss lachen. „Das wäre schön. Vielen Dank für alles.“

Ehe sie sich‘s versieht, drückt er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und erwischt den mittlerweile ausgewachsenen Bluterguss. Sie zuckt. „Autsch!“

„Sorry“, ruft er im Gehen und winkt. Verunsichert sieht sie ihm hinterher. Hat sie eben wirklich gesagt: „Das wäre schön?“

Sie lässt sich an der Rezeption ihren Schlüssel geben und läuft Richtung Lift. Ein Mann kommt ihr entgegen und nach kurzem Überlegen erkennt sie denjenigen, der vorhin mit Daniel gesprochen hat. „Hi, bist du okay?“, fragt er auf Englisch.

Sie nickt. „Ja, danke.“

„Weißt du, wo Dan ist? Er ist viel zu spät.“

„Das ist meine Schuld, es tut mir leid. Er hat mich ins Krankenhaus gefahren.“ Der Aufzug kommt und sie steigt ein.

„Alles Gute für die Party heute Abend.“

„Party?“, fragt er verdutzt. Aber da ist die Tür bereits zu.

Kaum in ihrem Zimmer angekommen überfällt sie bleierne Müdigkeit. Der Arzt hat ihr ein leichtes Training erlaubt, wenn sie sich danach fühlt, und sie beschließt, sich kurz hinzulegen, schläft aber sofort fest ein. Als sie zwei Stunden später erwacht, fragt sie sich zunächst, wo sie eigentlich ist. Langsam fällt ihr alles wieder ein. Der Sturz, das Krankenhaus, Daniel. Im Nachhinein fällt ihr auf, dass er sie zwar viele Dinge gefragt, jedoch über sich selbst praktisch nichts erzählt hat.

Ihr Telefon klingelt. Es ist Martina, die sich wundert, warum sie nicht zum Training kommt. Marion seufzt und schält sich aus dem Bett. „Ich habe verschlafen“, sagt sie müde.

„Was ist los mit dir, du schläfst doch sonst nicht um diese Zeit“, hört sie die Freundin fragen. „Und überhaupt, wo warst du eigentlich? Ich wollte dich zum Essen abholen.“

„Das erzähle ich dir später“, antwortet Marion. „Ich bin gleich da.“

Hastig zieht sie sich an, schnappt ihre Tasche und läuft nach unten. Sie hat sich vom Hotel ein Fahrrad gemietet, das draußen vor dem Eingang in einem Ständer steht, schließt es auf und schwingt sich in den Sattel. Zur Tennisanlage ist es nicht weit, bei der Auswahl des Hotels haben sie darauf geachtet. Es ist zwar wesentlich teurer als geplant, aber es ist so äußerst bequem. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Die Ampel an der Kreuzung vor ihr schaltet auf Rot, sie bremst und steigt ab. Ihr Blick fällt auf ein Plakat an der Litfaßsäule neben ihr. „SILENT AFFAIR IN CONCERT“ steht da. Darunter ein Bild von der Band, die sie schon aus Teenagertagen kennt. Schade, dass man lange nichts Neues von denen gehört hat, denkt sie und stutzt plötzlich. Der Typ da ganz links sieht ja aus wie Daniels Kollege. Und in der Mitte – ach, du Schreck – in der Mitte steht ... „Dan Larsson! Das gibt's doch jetzt gar nicht!“, sagt sie laut vor sich hin.

„Oh Mann, ich bin vielleicht so blöd!“

Sie sieht nicht, dass die Ampel längst grün ist, sie hört auch nicht, wie ein weiterer Radfahrer hinter ihr ruft, sie soll endlich „hinne machen“. Sie steht nur wie angewurzelt da. Das kann doch nicht sein. Die Männer sehen alle anders aus als früher. Vor allem Daniel, der sich am meisten verändert hat. Allerdings kapiert sie jetzt, wieso sie den Eindruck hatte, dass er ihr bekannt vorkommt. Hinter ihr fängt es an zu hupen, denn sie steht noch mehr Leuten im Weg. „Ist ja schon gut!“, ruft sie nach hinten, hebt ihr Rad auf den Gehweg und starrt weiter auf das Plakat. Das Konzert ist heute, Beginn 20 Uhr. Sie schaut auf ihr Handy. Halb sieben. Nur kurz überlegt sie, dann wendet sie ihr Rad und fährt zurück zum Hotel. Dort angekommen sprintet sie in ihr Zimmer, zieht sich um, lässt sich den Weg erklären – es ist ein Stück entfernt, aber mit dem Rad kein Problem – und ist eine halbe Stunde später wieder auf dem Weg. Von unterwegs ruft sie Martina an, die sich jetzt noch mehr wundert: „Wo bist du denn, um Himmelswillen?“

„Ich muss woanders hin“, keucht sie, während sie in die Pedale tritt.

„Sag mal, ist mit dir alles in Ordnung?“, fragt die Freundin. „Wirst du vielleicht gerade entführt oder so?“

„Nein, ich habe jetzt bloß keine Zeit für Erklärungen. Ich erzähle dir alles morgen.“

„Okay, du Verrückte. Pass auf dich auf.“

Als sie am Veranstaltungsort ankommt, hört sie schon, dass dort die Hölle los ist. Einige Leute halten sich noch außerhalb auf, da man keine Getränke mit hineinnehmen darf, aber am Applaus erkennt sie, dass die Band wohl gerade schon auf die Bühne kommt. Hektisch sucht sie den Ticketschalter, an dem man ihr sagt, dass das Konzert ausverkauft sei. Ratlos schaut sie sich um. Sie muss da unbedingt rein.

„Ich habe eine Karte übrig“, hört sie die Stimme eines Mannes hinter sich sagen, „möchten Sie sie haben?“ Natürlich will sie.

Sie werden sich schnell handelseinig und stürmen gemeinsam mit den letzten Besuchern hinein. Couragiert manövriert sie sich durch die Leute und bleibt am Rande der Masse in der Nähe der Bühne stehen. Keyboarder John Parker, Bassist Tim O'Sullivan, Drummer Corey Saunders und auch Paul Mason, der Gitarrist, den sie im Hotel getroffen hat, sind bereits da und spielen das Intro des ersten Songs. Sie kennt jeden Ton und ihr Herz beginnt vor Aufregung plötzlich heftig zu schlagen. Diese tolle Musik hatte sie in den letzten Jahren völlig vergessen.

Der Applaus wird ohrenbetäubend, als Daniel von hinten auf die Bühne springt und seine Show beginnt. Sie hat einen riesigen Kloß im Hals und starrt ihn an. Er ist gut. Sehr gut. Sie ist fasziniert von der unglaublichen Aura, die ihn umgibt. Er singt mit der ihm schon immer eigenen Leichtigkeit die schwierigsten Passagen der mal sanfteren, mal sehr rockigen Songs, die sie durch ihre Jugend begleitet haben. Dazu wirbelt er nur so über die Bühne.

Gleichzeitig jedoch ist er ihr fremd. Das ist nicht der Mann, mit dem sie heute mehrere Stunden verbracht hat, nicht derjenige, der sich so um sie gesorgt hat und für den außer ihr nichts wichtig zu sein schien. Es ist ein völlig anderer, der da oben steht. Ein perfekter Entertainer, der allen Leuten das Gefühl gibt, dass er heute Abend nur für sie da ist – fast allen ...

Über eine mittig aufgestellte Treppe verlässt er irgendwann die Bühne und geht auf Tuchfühlung mit dem Publikum. Als er die Hand einer jungen Frau ergreift und sehr eindeutig mit ihr flirtet, wird sie von einer seltsamen Panik erfasst und will plötzlich nur noch weg. Sie wendet sich ab und flüchtet zum Ausgang. Was sie dabei nicht bemerkt ist, dass er sie sieht. Zufällig. Es ist noch nicht dunkel und als er wieder auf die Bühne kommt, geht sein Blick an den Rand der Menschenmenge. Das Ganze dauert nur ein paar Sekunden, aber er erkennt sie und sieht, dass mit ihr gerade etwas absolut nicht stimmt. Grundsätzlich ist er es durchaus gewöhnt, dass Frauen auf ihn reagieren, aber in diesem Fall verhält es sich anders, und er ahnt auch wieso. Momentan kann er aber nichts tun, als das auszublenden und seine Show zu Ende zu bringen. Und das macht er natürlich wie immer souverän und routiniert. Er hat schon ganz andere Situationen bewältigt. Dabei hat er es auch verinnerlicht, Menschen den Eindruck zu vermitteln, dass er alles von sich gibt, während er dabei in Wahrheit sein Herz komplett verschließt. Er kann auf der Bühne eine andere Person sein und die Leute mit perfekter Illusion täuschen. Und er wird am nächsten Tag die besten Kritiken bekommen, die die Medien aufzubieten haben.

Während der Fahrt zurück zum Hotel gelingt es ihr, sich ein bisschen zu beruhigen. Dieser heftige Gefühlsausbruch gerade passt eigentlich überhaupt nicht zu ihr. Normalerweise lässt sie sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen – schon gar nicht von einem Mann, den sie noch dazu praktisch nicht kennt. Sie hat sich bereits vor langer Zeit abgewöhnt, Hals über Kopf zu reagieren. Meist versucht sie, erst nachzudenken, bevor sie irgendetwas tut – oft allerdings so lange, dass sie letztlich überhaupt nichts mehr tut. Warum das gerade nicht funktioniert hat, weiß sie nicht. Sie weiß nur, sie hätte erst gar nicht dorthin fahren sollen.

Im Hotel trifft sie ausgerechnet auf Martina, die gerade mit ihrem Freund Oliver hereinkommt. „Da bist du ja. Wo warst du denn?“, fragt die Freundin.

„Ich war bei einem Konzert“, sagt sie knapp.

„Bei was für einem Konzert denn?“ Martina schaut auf die

Uhr. „Und wieso bist du jetzt schon wieder da?“

„Es war noch nicht zu Ende. Ich bin gegangen.“

„Oh, das war dann wohl nicht so doll?“

„Es war phantastisch“, sagt sie leise.

„Was ist denn los mit dir?“, fragt Martina besorgt. „Geht es dir nicht gut?“

„Ich bin müde und werde nach oben gehen. Ich wäre gerne ein bisschen allein.“

„Kein Problem. Aber wenn du irgendwas brauchst, dann meldest du dich, okay? Du siehst fast aus, als ob du krank wirst. Und was hast du denn da für einen riesigen Bluterguss, bist du hingefallen?“

„Ja. Das erzähle ich dir morgen, okay? Dann bin ich sicherlich wieder auf dem Damm. Ich will eigentlich im Moment nur schlafen.“

„Soll ich dich hochbringen?“

„Nein, nicht nötig. Gute Nacht.“

„Schlaf schön.“ Martina schaut ihr hinterher und sagt zu Oliver: „Irgendwas ist nicht okay mit ihr. Sie war schon vorhin so seltsam.“

„Ach, vielleicht ist sie wirklich nur müde“, antwortete er in männlicher Unbekümmertheit. „Und wenn was ist, wirst du mit Sicherheit die erste sein, der sie es erzählen wird.“

Sie seufzt. „Ich hoffe es. Manchmal ist sie da ja komisch. Aber jetzt lass uns was essen gehen.“

***

Daniel ist froh, als die Show vorbei ist. Dieses Mal ist es ihm nicht so leichtgefallen wie sonst. Seit zwei Monaten sind sie schon in Europa, fast jeden Abend treten sie auf. Er ist eigentlich sehr fit und liebt möglichst viel Bewegung und Action auf der Bühne. Heute war es jedoch nicht einfach. Der Sommer hier ist ungewöhnlich heiß, der Abend war extrem schwül und gewittrig und er hatte – ohne dass es das Publikum gemerkt hat – ein paar konditionelle Probleme. Allerdings ist er nicht der einzige, den anderen geht es ähnlich.

Nach einer sehr kurzen Aftershow-Party mit ein paar Fan-Gesprächen, zwei haben ein Meet & Greet gewonnen, wollen alle ins Hotel zurück. Als sie im Bus sitzen, sagt Paul: „Ich glaube, wir werden alt, Leute. Das war hart, oder? Und könnt ihr euch vorstellen, dass wir früher um diese Zeit nach einer Show schon ins Hotel zurückgefahren wären?“ Er stupst Daniel an, der neben ihm sitzt. „Hey, Dan, schläfst du schon?“

Der lacht. „Nein, ganz so schlimm ist es noch nicht. Ich habe nur gerade an die junge Frau gedacht, mit der ich heute Morgen im Hotel den Crash hatte. Sie war vorhin beim Konzert. Ich frage mich, woher sie davon wusste. Als wir uns verabschiedet haben, hatte sie definitiv noch keine Ahnung. Sie dachte, wir sind Eventplaner.“

„Oh, jetzt verstehe ich, warum sie mir viel Spaß bei der Party gewünscht hat. Ich habe sie im Hotel nochmal getroffen.“

„Sie ist weggelaufen.“

„Vor dir?“, grinst Paul.

„Eben beim Konzert. Ich glaube, sie ist gegangen. So genau konnte ich es nicht sehen, es ging so schnell. Aber als ich wieder hinsah, war sie weg.“

„Seit wann machst du dir denn über so was Gedanken? Vielleicht hat ihr einfach unsere Musik nicht gefallen.“

„Irgendwie glaube ich nicht, dass es nur das war.“

„Na, vielleicht findest du es ja noch heraus. Sie wohnt in unserem Hotel, oder?“ Daniel nickt und hat ein sehr eigentümliches Gefühl. Diese Frau berührt etwas in ihm und das beschäftigt ihn. Er lässt eigentlich schon lange nichts und niemanden mehr wirklich an sich heran, denn auch er hat die Erfahrung gemacht, dass es so wesentlich einfacher ist.

Eine Stunde später entlädt sich die Hitze des Tages endlich in einem heftigen Gewitter, das vielen Leuten in dieser Nacht den Schlaf raubt. Auch in einem Hotel mitten in der Stadt liegen zwei Menschen wach, allerdings hat das weniger mit Donner und Blitz zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass sie jeweils an den anderen denken. Und beide wundern sich sehr darüber. Sie sind nicht darauf vorbereitet, dass jemand, den sie kaum kennen, so plötzlich ihre bisher sorgfältig kontrollierte Gefühlswelt durcheinanderbringt. Darin gleichen sie sich, wenn sich auch ihre Leben ansonsten so sehr unterscheiden, dass vor allem sie zu dem Schluss kommt, sie würden sich wohl niemals miteinander vereinbaren lassen. Im selben Moment fragt sie sich, warum sie das überhaupt denkt. Was ist schon passiert? Er hat sich nach ihrem Sturz um sie gekümmert, mehr nicht. Das hätte er für jeden getan – oder? Es ist trotzdem verwirrend. Sie hofft, dass er ihr in den nächsten Tagen nicht mehr über den Weg läuft.

Nachdem sie gegen Morgen in einen unruhigen Schlaf gefallen ist, erwacht sie nur ein paar Stunden später wieder und weiß sofort, dass sie nicht mehr weiterschlafen kann. Ihr Kopf tut weh und sie fühlt sich fast, als hätte sie einen Kater. Daher steht sie auf und nimmt zunächst eine ausgiebige Dusche, wonach es ihr etwas besser geht. Es ist noch früh, jedoch beschließt sie, schon jetzt zum Frühstück zu gehen. Erstens ist sie hungrig, denn sie hat seit gestern Morgen kaum etwas gegessen und zweitens ist jetzt die Chance am größten, noch niemandem zu begegnen, mit dem sie sich irgendwie auseinandersetzen müsste. Martina und ihr Freund sind Langschläfer und werden noch nicht so bald auftauchen. Für Daniel ist es sicherlich auch noch viel zu früh, außerdem glaubt sie ohnehin nicht, dass er sich in den Frühstücksraum eines Hotels setzen würde.

Erleichtert stellt sie beim Betreten des Restaurants fest, dass tatsächlich noch fast alles leer ist. Nur an einem Tisch sitzt ein asiatisch aussehendes Paar und an dem anderen irgendjemand hinter einer Zeitung. Sie bestellt Kaffee und holt sich ein Croissant und Obstsalat. Dass der Mann die Zeitung sinken lässt, sieht sie nicht.

„Good Morning, Marion.“

Sie erschrickt und blickt zögerlich in die Richtung, aus der der an sie gerichtete Gruß gerade kam. “Was machst du denn schon so früh hier?“, fragt sie etwas lahm.

„Ich habe auf dich gewartet und wollte dich nicht verpassen.

Ich habe gehofft, dass du keine Schlafkappe bist.“

„Schlafmütze“, verbessert sie ihn zerstreut. „Nein, bin ich nicht.“

Er steht auf und kommt zu ihr an den Tisch. „Darf ich mich zu dir setzen?“

„Sicher“, antwortet sie ergeben. Ihr Kaffee wird gebracht. Der erste Schluck weckt ein paar Lebensgeister in ihr. „Wie war denn die Party?“, fragt sie ein wenig spitz.

Er sieht sie an. „Du weißt, dass ich keine Partys organisiere.

Ich habe dich gestern Abend gesehen. Wie hast du das denn herausgefunden?“

„Ich bin auf dem Weg zum Training an einem Konzertplakat vorbeigekommen.“

Er nickt und es entsteht ein Moment des Schweigens, der für beide unangenehm ist, daher fragt er: „Warum bist du gegangen?“

Sie überlegt, was sie ihm antworten soll. „Es hat sich nicht richtig angefühlt, da zu sein“, sagt sie schließlich. „Und ich kam mir vor wie ein Vollidiot. Sorry, dass ich dich nicht erkannt habe. Aber du siehst so anders aus.“

„Du musst dich nicht entschuldigen. Ich habe viel lieber mit jemandem zu tun, bei dem ich mich nicht fragen muss, warum er – oder sie – gerade mit mir redet.“

„Ich hatte dich irgendwie blonder in Erinnerung – und mit viel längeren Haaren.“

„Das ist ewig her. Wir haben ausgesehen, wie alle anderen, die in dieser Zeit Rockmusik gemacht haben.“ Er schmunzelt.

„Die Mädchen lagen uns damals allerdings zu Füßen.“

Sie sagt etwas, das sie eigentlich überhaupt nicht sagen will:

„Du gefällst mir heute besser.“

Mit der Art, wie sie das sagt, berührt sie ihn wieder auf diese besondere Weise und er wird ernst. „Was meintest du gerade damit, es habe sich nicht richtig angefühlt?“

Sie denkt kurz darüber nach, wie sie die Empfindung von gestern Abend in Worte fassen soll, ohne dass es sich lächerlich anhört. „Du warst so wahnsinnig weit weg“, sagt sie schließlich. „Ich meine, du warst nicht der, den ich vorher kennengelernt hatte, sondern irgendwie jemand anders. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll.“

Er antwortet nicht, also fährt sie fort: „Ihr wart alle so gut, dass es mich fast umgehauen hat. Ich habe die Leute im Publikum beobachtet. Die waren so begeistert und haben sich gefreut, euch in diesem Moment nahe sein zu dürfen. Und du hast ihnen den Eindruck vermittelt, dass es wirklich so ist. Du hast mit ihnen interagiert, sie berührt, ihnen – vermeintlich? – etwas von dir gegeben und sie damit glücklich gemacht.“

Erstaunt stellt er fest, wie scharfsinnig sie das analysiert. „Aber du warst es nicht“, sagt er und weiß genau, was in ihr vorgegangen ist. „Du hast gestern den Unterschied zwischen mir als privater und als öffentlicher Person gesehen. Es ist mein Job, die Leute zu unterhalten, und ich möchte sie tatsächlich für ein paar Stunden glücklich machen. Sie sollen ihren Alltag vergessen und Spaß haben. Dafür mache ich das alles auf der Bühne, dafür bin ich manchmal – das stimmt – in gewisser Weise jemand anderes. Die Menschen interessiert nicht, wie es mir wirklich geht. Und ich habe kein Interesse daran, es ihnen zu zeigen. Ich bin in diesem Moment nur der, den sie sehen wollen.“

Sie spürt, dass sie den Tränen nahe ist, denn aus welchem Grund auch immer machen seine Worte starken Eindruck auf sie. „Es tut mir leid. Ich habe das wohl nicht verstanden.“

„Ich glaube, du hast das ziemlich gut verstanden. Aber es ist für Außenstehende nicht so einfach, damit umzugehen, und du warst nicht vorbereitet. Das hat mir übrigens in meinem Leben schon öfter Probleme gemacht.“

„Ich möchte dir keine Probleme machen“, sagt sie leise.

„Dann tu mir doch jetzt einfach den Gefallen und iss dein Frühstück.“ Er schiebt die Schale Obstsalat, die bisher unangetastet dasteht, näher zu ihr heran. Sie ist dankbar dafür, dass er diesem Gespräch jetzt die Schwere nimmt. „Hast du denn überhaupt seit gestern Mittag irgendwas gegessen?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Dann los. Wie willst du denn sonst dein Turnier gewinnen?“

Sie nimmt ihren Löffel und beginnt zögerlich zu essen. „Was ist mit dir?“, fragt sie. „Willst du nichts?“

„Ich habe schon gefrühstückt. Und ich muss jetzt auch los. Wir haben zwei Interviews heute Morgen.“

„Wie lange bist du denn noch hier?“

„Für Tour-Verhältnisse noch lange. Drei Tage. Wir legen hier einen Zwischenstopp ein. John hat Verwandte in Berlin, die er besuchen möchte, Corey und Tim sind sogar heute Morgen schon ganz früh noch nach Hause geflogen, denn sie haben Familien mit Kindern, die sie jetzt schon fast drei Monate nicht mehr gesehen haben. Sie leben in London. Paul und ich bleiben hier. Es gibt am Samstag noch eine Show in Potsdam.

Danach geht es weiter nach Ungarn.“ Er steht auf und nimmt seinen Schlüssel. „Ich jogge übrigens normalerweise auch fast jeden Tag. Heute Morgen ist keine Zeit dafür, aber heute Nachmittag werde ich auf jeden Fall laufen gehen. Möchtest du mitkommen?“

„Wie lange läufst du denn?“

„Meistens ungefähr sechs Meilen. Manchmal etwas mehr.“

Sie rechnet kurz um. „Zehn Kilometer. Das schaffe ich nie im Leben“, gibt sie zu.

„Diese Worte gibt es nicht“, lächelt er. “Versuche es und wir schaffen es gemeinsam.“

Sie überlegt. Eigentlich will sie sich keine Blöße geben. „Also gut, ich werde mein Bestes tun“, seufzt sie schließlich und setzt mutig hinzu: „Aber irgendwann kriege ich Revanche und du gehst dafür mit mir auf den Tennisplatz. Dann machen wir es auf meine Art.“

„Deal“, sagt er. „Wir treffen uns um drei in der Lobby.“

In diesem Moment tritt Martina an ihren Tisch und bekommt die letzten Sätze mit. „Hi“, sagt er zu ihr im Gehen und ihr bleibt vor Staunen der Mund offenstehen. Sie setzt sich zu Marion. „Du hast dich jetzt nicht wirklich gerade mit Dan Larsson zum Joggen verabredet, oder?“, fragt sie ungläubig.

„Du hast ihn erkannt?“

„Na klar habe ich den erkannt. Sieht ein bisschen anders aus als früher, aber Olli ist doch ein riesiger Fan. Ob ich will oder nicht, bei uns dudelt am Wochenende ganz oft Silent Affair.

Hast du das noch nie mitbekommen?“

„Ich habe wohl nie darauf geachtet. Warum wart ihr denn gestern nicht beim Konzert?“

„Wir wollen am Samstag in Potsdam hin, das habe ich dir doch gesagt. Aber was läuft denn hier eigentlich? Warst du bei diesem Konzert gestern Abend?“

Sie erzählt der Freundin von den letzten vierundzwanzig Stunden. Dabei beschränkt sie sich allerdings auf die Fakten.

Wie sie sich beim Konzert gefühlt hat, lässt sie weg. Das geht auch Martina nichts an. Zum Glück kommt die nicht mehr auf die Tatsache zurück, dass sie so früh wieder im Hotel war.

„Und warum lädt er dich zum Joggen ein?“

Sie zuckt die Achseln. „Wahrscheinlich ist er einfach nett.“

„Hm“, macht Martina und hat das sichere Gefühl, dass da mehr dahintersteckt, denn auch wenn sie nicht fragt, sie erinnert sich sehr wohl daran, dass ihre Freundin gestern Abend heftig durch den Wind war.

Als sie sich später zum Laufen umzieht, beschleicht Marion ein mulmiges Gefühl. Sie wird auf keinen Fall mithalten können, soviel steht fest. Fünf Kilometer sollten möglich sein, aber zehn? Sie könnte natürlich absagen, und einen Moment spielt mit diesem Gedanken. Als Leistungssportlerin liegt es ihr jedoch auch nicht, einfach aufzugeben. Augen zu und durch, denkt sie sich daher schließlich. Und ein bisschen mehr Zeit mit ihm zu verbringen, ist nicht das Schlechteste, wenn sie auch weiterhin gegen den Gedanken ankämpft, dass er ihr gefallen könnte. Er ist absolut nicht der Typ Mann, den sie normalerweise attraktiv findet. Wobei sie zugeben muss, dass er sich sehr zu seinem Vorteil verändert hat. Natürlich haben zwanzig Jahre Spuren hinterlassen. Aber dadurch hat er, zumindest was das Aussehen betrifft, in ihren Augen gewonnen. Er war früher der absolute Frauenschwarm, aber ihr war er immer zu hübsch gewesen. Sie hielt es da lieber mit John, der eher der Bad Boy der Truppe war – sowohl äußerlich als auch durch das, was so von ihm zu lesen war. Aber gerade das hatte ihn für sie interessant gemacht.

Sie fährt mit dem Aufzug nach unten – jetzt bloß keine Energie mehr mit Treppen verschwenden – und sieht ihn beim Aussteigen schon in der Lobby sitzen. Er grinst. „Du siehst nicht wirklich so aus, als ob du dich auf unseren Lauf freust.“

„Das ist mein Pokerface“, entgegnet sie. „Ich werde dich jetzt gleich gnadenlos abziehen.“

„That’s the right attitude – die richtige Einstellung. Auf geht's!“

Sie laufen ein Stück die Straße hinunter und dann in den Park.

Er passt sich ihrem Tempo an und so schafft sie es, länger mitzuhalten, als sie gedacht hat. Eine Runde umfasst etwa eineinhalb Kilometer, das hat sie sich gestern im Hotel schon sagen lassen. Sie reden wenig und genießen – für Marion überraschend – das gemeinsame Laufen. Durch den alten Baumbestand des Parks bleiben sie fast die ganze Zeit im Schatten, was vor allem ihr zugutekommt. „Das läuft doch sehr gut“, sagt er zwischendrin und spornt sie dadurch zu zwei weiteren Runden an.

Nachdem sie das sechste Mal an dem kleinen See vorbeikommen, der sich am Ende des Parks befindet, werden ihr allerdings die Knie weich und sie fällt hinter ihn zurück.

„Come on, du wirst doch jetzt nicht aufhören wollen so kurz vor dem Ende.“

Aber sie kann nicht mehr. „Doch, genau das will ich – und zwar gerade mehr als alles andere auf der Welt.“

„You can't always go the easy way oder wie sagt ihr hier – das Leben ist kein Pferdehof?“

„Ponyhof“, keucht sie. „Ich hasse dieses Sprichwort. Und Joggen hasse ich auch. Ganz besonders in diesem Moment!“

Er lacht und läuft langsamer. „Okay, ich glaube, ich habe dich jetzt lange genug gequält.“

Sie stoppen am äußeren Ende des Sees an einer Bank. Er reicht ihr seine Flasche. „Du musst etwas zum Trinken mitnehmen.

Das hilft.“ Sie wirft ihm einen Blick zu und lässt sich auf die Bank fallen. „Ich laufe nie so lange, dass ich das bräuchte.“

„Komm hoch, Hinsetzen ist auch schlecht nach einem langen Lauf.“

„Du kannst mich mal“, sagt sie immer noch schwer atmend, „Ich muss mir nach einem gefühlten Marathon jetzt nicht auch noch Klugscheißerei anhören.“

„Sorry?“

„Ach, vergiss es.“

Sie nimmt einen Schluck aus der Flasche und gibt sie ihm zurück. Er setzt sich neben sie. Sie schiebt ihre Sonnenbrille nach oben, um sich den Schweiß aus den Augen zu wischen.

Dabei sieht er den großen Bluterguss an ihrer Schläfe. „Tut es noch sehr weh?“

„Nein“, sagt sie barscher als beabsichtigt, und er findet, dass sie so ein bisschen wütend ganz entzückend aussieht. Während ihre Augen streitlustig blitzen, lächelt er freundlich. Sie fängt seinen Blick auf und muss wider ihren Willen lachen. „Mann!

Du kannst mich nicht so nett anschauen, wenn ich sauer bin.“ Sie knufft ihn in den Arm. Er hält ihre Hand fest. Eine Locke löst sich unter der Sonnenbrille und fällt ihr über das Auge. Er kann einfach nicht anders, berührt die wunde Stelle an ihrer Stirn und streicht ihr die Haarsträhne zurück hinter das Ohr. Als er den Arm um sie legt, protestiert sie – nicht mehr wütend, eher verunsichert. „Oh nein, warte, ich glaube, das ist überhaupt keine gute Idee. Ich eigne mich nur ganz schlecht als Rockstar-Groupie. Diese Zeiten sind lange vorbei – wenn sie überhaupt jemals da waren. Und außerdem stehe ich nicht auf Männer, deren Haare länger sind als meine. Und wir kennen uns praktisch gar nicht, also wieso sollte ich ...“

„Könntest du vielleicht mal kurz die Klappe halten?“,

unterbricht er sie sanft, zieht sie zu sich heran und küsst sie.

Er spürt, wie sich ihre Muskeln anspannen, aber kurz darauf gibt sie ihren Widerstand auf. Sie kommt zu dem Schluss, dass es sinnlos ist, sich zu wehren, und sie will es plötzlich auch gar nicht mehr.

Als sich ihre Lippen voneinander lösen, fragt er vorsichtig:

“Hast du noch irgendwas zu sagen?“

„Nein“, antwortet sie, „aber wenn du möchtest, kannst du mich weiter küssen.“

Er möchte.

Noch lange sitzen sie beieinander auf dieser Bank im Park. Er hält sie im Arm, sie hat ihren Kopf an seine Schulter gelehnt.

Beide versuchen einzuordnen, was da gerade vorgegangen ist.

Das klappt jedoch nur bedingt. Als sie schließlich zurück zum Hotel gehen sind sie noch immer verwirrt und etwas verlegen.

In der Lobby bleiben sie unschlüssig stehen. „Und was machen wir jetzt?“, fragt er und wundert sich einmal mehr über sich selbst. In anderen Fällen hatte er meist nicht lange überlegt und es war stets klar gewesen, was er machen würde. Aber nicht jetzt. Er weiß, dass es hier eine Grenze gibt.

„Wie wäre es mit Duschen und Abendessen?“, schlägt sie vor.

„Das heißt, wenn du nichts Besseres vorhast.“

„Good idea.“ Er bemerkt, dass er großen Hunger hat. „Ich hole dich in einer Dreiviertelstunde ab.“

Sie kommt gerade ins Zimmer, da klingelt ihr Handy. Martina will wissen, wie es war. „Ich bin total erledigt“, sagt Marion erschöpft. „Wir sind fast zehn Kilometer gerannt. Er hat mich völlig fertiggemacht.“

„Und was war sonst noch so?“, fragt die Freundin betont harmlos. Sie überlegt und entscheidet sich für die kurze Antwortvariante. „Nichts. Wir gehen jetzt essen.“

„Er geht mit dir essen? Jede Wette, der will garantiert was von dir.“

„Können wir vielleicht morgen reden? Ich muss mich beeilen, wir wollen gleich los.“

„Na, dann viel Spaß“, sagt Martina. „Tu nichts, was ich nicht auch tun würde.“

Fünfundvierzig Minuten später klopft es pünktlich an ihre Tür.

Sie hat ihr neuestes Sommerkleid angezogen, das sie glücklicherweise doch mitgenommen hat, nachdem sie es zuhause schon wieder in den Schrank zurück gehängt hatte, da sie glaubte, gar keine Gelegenheit zu haben, es tragen zu können. Es betont ihre Taille und der leichte Stoff fällt fließend bis auf Knielänge hinab. Sie öffnet die Tür und er betrachtet sie staunend. „Du siehst sehr schön aus“, sagt er spontan und meint es absolut ehrlich. Auch das war bisher oft anders, denn er weiß, was Frauen hören wollen.

„Du hast mich jetzt oft genug in Sportklamotten gesehen. Ich dachte, es wird höchste Zeit für etwas Schickeres.“

„Gegen die Sportsachen hatte ich auch nichts“, sagt er augenzwinkernd. „But come along now, young lady. Ein wunderbares Abendessen wartet auf uns.“

Draußen vor dem Hotel steht schon der weiße Sportwagen bereit. Zielstrebig fährt er los, den Weg scheint er zu kennen.

Während der Fahrt betrachtet sie die vorbeiziehenden Häuserreihen und merkt plötzlich, wie sie sich entspannt. Und sie bemerkt noch etwas, nämlich dass sie sich auf den vor ihr liegenden Abend freut.

Kurz darauf halten sie vor einem weißen Altbau mit einem kleinen Restaurant. WEINRICH steht in eleganten Buchstaben auf dem Schild neben der Tür. Noch bevor sie hineingehen können, kommt ein Mann etwa in Daniels Alter herausgerannt und umarmt ihn stürmisch. „Dan, du altes Haus! Wie schön, dass du da bist.“

Marion steht schüchtern daneben und schaut zu, wie die beiden sich herzlich begrüßen. Dann nimmt Daniel ihre Hand und stellt sie einander vor. „Marion, das ist Heinrich. Wir kennen uns seit unserer Jugend. Als ich in Hamburg gelebt habe, war er praktisch mein einziger Freund.“

Der Mann lacht gutmütig und gibt ihr die Hand. „Schön, dich kennenzulernen. Ja, Dan war früher nicht gerade das, was man ein Party-Tier nennen würde. Er saß lieber daheim mit seiner Gitarre. Und wenn er da nicht war, hast du ihn garantiert in einem Plattenladen gefunden, wo er Stunden verbringen konnte. Die ganzen Errungenschaften musste ich mir dann immer anhören, verbunden mit Vorträgen darüber, warum dieser oder jener Sänger oder irgendein Saxofon-Solo brillant ist. Er war anstrengend. Das konnte nur ich ertragen, die anderen waren dafür nicht stark genug.“

Daniel lacht. „Das stimmt, I was a funny kid. Außerdem hast du mir viele Platten finanziert. Ich hatte damals kaum Geld ...“

„Ich habe eben in deine Zukunft investiert, und die Sache hat sich voll gelohnt. Aber kommt rein. Ich habe euch meinen schönsten Tisch reserviert.“

Innen ist es geschmackvoll einfach eingerichtet. Boden und Wände sind mit hellem Holz vertäfelt, an der hinteren Wand steht ein riesiges dezent beleuchtetes gläsernes Weinregal.

Trotz der modernen Einrichtung wirkt es durch das warme Licht sehr gemütlich. Das Restaurant ist eine Top-Adresse in Berlin. Alle Tische sind besetzt und einige Leute, das kann Marion deutlich sehen, erkennen Daniel. Jedoch wenden sie sich schnell wieder ihren Unterhaltungen zu. Man scheint das hier gewohnt zu sein.

Heinrich führt sie zu ihrem Tisch, der etwas abseits der anderen liegt. „Hier habt ihr zwei ein bisschen Ruhe. Bevor ich euch aber allein lasse, musst du meine neuesten Entdeckungen probieren, Dan. Schließlich kann ich euch nicht irgendeinen Wein auftischen. Ich hole sie gleich.“ Damit verschwindet er.

„Heinrich ist ein großer Weinkenner“, erklärt Daniel. „Er hat lange ganz in deiner Nähe gewohnt und kennt, wie ich glaube, jeden deutschen Winzer. In der letzten Zeit hat er sich außerdem auf südafrikanische und argentinische Weine spezialisiert.“

Gleich darauf taucht Heinrich mit drei Flaschen wieder auf. Im Schlepptau eine Kellnerin, die ihnen Gläser und Brot auf den Tisch stellt. Während er die erste Flasche öffnet, wendet er sich an Marion: „Trinkst du – ich darf doch du sagen? – trinkst du gerne Wein?“

„Ja, natürlich können wir uns duzen und ja, ich trinke sehr gerne Wein“, antwortet sie und lobpreist innerlich ihre rheinhessische Herkunft, denn bei diesem Thema kann sie mitreden. „Ich liebe frischen Riesling. Aber auch mal einen kräftigen Merlot oder einen fruchtigen Cabernet Sauvignon.

Es kommt etwas auf die Speisen an, allerdings darf man ja heutzutage grundsätzlich jeden Wein zu jedem Essen trinken.

Sehr vernünftig, wie ich finde, denn man sollte trinken, was einem schmeckt und nicht, was irgendwelche vermeintlichen Fachleute vorgeben.“

„So ist es“, bestätigt Heinrich. „Und jetzt probiert mal diese Schätzchen hier, dann bringe ich euch die Speisekarte.“

Auch Daniel entpuppt sich als Experte in Sachen Wein. Er fachsimpelt mit Heinrich, der völlig in seinem Element ist, und gemeinsam legen sie das Menü und die Weine fest. Danach zieht sich der Wirt taktvoll zurück.

Marion staunt. „Du kennst dich anscheinend nicht nur mit Wein aus, sondern bist auch ein echter Gourmet. Jetzt sag nur noch, dass du auch Hausmann-Eigenschaften besitzt. Kannst du kochen, putzen, bügeln?“

„Ein bisschen schon“, antwortet er und untertreibt damit, denn das alles beherrscht er. „Gute und richtige Ernährung ist wichtig, und die Ansicht, dass ein Mann solche Dinge nicht können muss, ist von gestern. Ich teile sie jedenfalls nicht. “ „Du liebe Güte, ganz offensichtlich bist du perfekt“, stellt sie fest. „Wie kommt es, dass du nicht verheiratet bist? Das bist du doch nicht, oder?“

Sie registriert, dass seine Züge sich etwas verhärten und es dauert, bis er antwortet. „Ich war es“, sagt er knapp, „aber es hat nicht geklappt und ist lange vorbei. Und perfekt bin ich absolut nicht.“

Sie spürt sofort, dass es ihm unangenehm ist, und bereut ihre Worte. „Entschuldige, ich, also, ich wollte dich nicht ...“

Er gewinnt seine Beherrschung zurück. „Nein, ich muss mich entschuldigen. Aber dieses Thema ist sehr schwierig für mich.

Lass uns darüber im Moment nicht sprechen, okay?“

„Natürlich“, sagt sie kleinlaut.

Kurze Zeit später kommt Heinrich mit dem ersten Gang. „So, ihr zwei. Lasst es euch schmecken! Ich akzeptiere übrigens nichts außer Lob.“ Er zwinkert Marion verschwörerisch zu.

„Dieser Mann hier ist nicht leicht zufriedenzustellen. Aber ich glaube, ich weiß genau, was er will. Tatsächlich sollte er eigentlich eher mit mir zusammen sein als mit dir.“

Daniel scheucht ihn weg. Dann hebt er sein Glas, sieht ihr in die Augen und sagt: “Ich möchte, dass du diesen Abend genießt. In den letzten Tagen habe ich dir – unbeabsichtigt – einiges abverlangt. Erst der Sturz, dann der Schreck gestern Abend und heute der, wie sagtest du, gefühlte Marathon ...“ Er lächelt und sie meint zu sehen, dass er sogar ein klein wenig errötet. „… und dann noch ... well, you know, … Ich habe nicht mehr so richtig Übung in diesen Dingen, denn ich habe seit vielen Jahren einen engen Kontakt mit den meisten Menschen vermieden. Warum das bei dir anders ist, verstehe ich nicht, aber vielleicht bekomme ich es noch heraus.“

„Es ist nicht immer gut, alles zu hinterfragen“, antwortet sie.

„Ich mache das auch, aber es ist definitiv nicht sinnvoll. Wir haben beide Erfahrungen gemacht, sind verletzt worden. Es wird im Laufe der Zeit schwerer, sich auf etwas oder jemanden einfach so einzulassen. Ich glaube aber, dafür dass wir uns erst so kurz kennen, haben wir das bisher ganz gut hinbekommen.“

Er nickt und dieses neue Gefühl verstärkt sich wieder. „Let’s eat“, sagt er verlegen.

Der Abend vergeht rasend schnell. Diesmal ist sie es, die Fragen stellt, und er erzählt von seinem Weg ins Musikgeschäft. „Am Anfang waren wir nur zu dritt. Ich habe Paul in Frankreich kennengelernt, und der hatte einen Studienkollegen Corey, mit dem er gemeinsam Musik machte.

Wir haben festgestellt, dass wir sehr gut harmonieren und unsere erste Band gegründet. Da Corey nach London wollte, sind wir mitgegangen, nahmen dessen Freund Tim hinzu und hatten dort unsere ersten Auftritte in kleinen Clubs und Kneipen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir eher noch im Punkrock-Genre unterwegs und grundsätzlich gegen alles. Wir fühlten uns dadurch sehr europäisch und haben das unglaublich genossen.“

„Wie seid ihr denn überhaupt zu eurem Namen gekommen?“,

fragt Marion. „Eure Musik ist ja nicht gerade eine silent affair, also eine stille Angelegenheit.“

Er lacht. „Ob du’s glaubst oder nicht, genau aufgrund dieses Satzes.“ Sie sieht ihn verständnislos an und er erzählt weiter.

„Als wir bekannter wurden, war Paul der Meinung, es sei jetzt Zeit für einen Manager. Irgendwie organisierte er uns ein Treffen mit diesem Typen, der als Erstes meinte, wir bräuchten einen anderen Namen. Von unserer Musik hatte er allerdings keine Ahnung und stellte uns die Frage, was wir denn eigentlich machen. Pauls Antwort war: ‘Well, it’s not exactly a silent affair’. Wir sahen uns an und wussten: Den Typen wollen wir nicht, aber das sollte unser neuer Name werden.“

„Wie habt ihr denn vorher geheißen?“

Er grinst schief. „The Puking Lilies“.

Sie muss laut lachen. „Die kotzenden Lilien?“

„Wir fanden das damals ziemlich cool. Unser Publikum wohl auch, denn einige haben uns sehr übelgenommen, dass wir uns umbenannt haben. Die Londoner Punks waren wir danach auf jeden Fall als Fans los. Sie meinten, wir haben uns weichspülen lassen. Stimmt auch irgendwie. Aber wir hatten mit der neuen Richtung eine bessere Möglichkeit gefunden, uns zu entfalten. Wenn du Punkrock machst, dann ist es das, und du bist festgelegt. Jetzt hingegen können wir variieren.

Mal härter, mal weicher, ganz wie wir gerade wollen und wonach uns ist. Das ist viel interessanter.“

Er berichtet ihr von den ersten Erfolgen, vom Fußfassen in Amerika – dort kam John dazu – und vom Start der internationalen Karriere. Und er erzählt auch von einigen großen Tiefschlägen, die ihn fast das Leben gekostet hätten.

„This business is heaven and hell. Du wirst sehr schnell süchtig nach Erfolg und nach Aufmerksamkeit. Nach Jahren frustrierender Plackerei ist es schließlich das Größte, auf einer Bühne zu stehen und zu wissen, dass tausende von Leuten nur deinetwegen da sind. Du willst dieses Gefühl immer wieder haben. Außerdem bekommst du wahnsinnigen Druck. Es kommen mehr und mehr, die an dir verdienen wollen.

Plattenfirma, Agenten, Manager, Medien, Werbepartner. Du unterschreibst einen Vertrag nach dem anderen und verlierst dabei unweigerlich den Überblick. Das realisierst du aber nicht, sondern du glaubst, du hast alles unter Kontrolle. Dabei überschätzt du dich in höchstem Maße selbst. Du puschst dich immer weiter und weiter und du setzt mit allen dir zur Verfügung stehenden Mitteln – legal oder auch nicht – die Grenzen deines Körpers außer Kraft. Je länger das so ist, desto tiefer wird der Fall sein, der unausweichlich kommt.

Irgendwann ist dieser Tag dann da, an dem du endgültig nicht mehr kannst. Dann gehörst du entweder zu denjenigen, die vor die Hunde gehen, oder zu denjenigen, denen dann doch klar wird, dass es so nicht weitergehen kann. In diesem Fall gilt es zu kämpfen und sich aus dem Sumpf wieder herauszuziehen, was viele allerdings auch nicht schaffen.“

„Das ist unmenschlich“, sagt sie leise.

„Irgendwie schon. Man merkt es allerdings erst sehr spät und dann kann man oft noch nicht mal mehr reagieren. Diese Zeit gab es auch für mich.“

„Und wie hast du es da wieder herausgeschafft?“, fragt sie schockiert.

„Ich hatte Freunde, meine Familie und meine Bandkollegen.

Wenn du in einer solchen Situation allein bist, hast du keine Chance. Mein privates Umfeld konnte mir zwar nicht im konkreten Sinne helfen, aber sie haben mir bedingungslos ihre Liebe gegeben – vor allem Charlie, meine Schwester, und meine Eltern. Das war ungeheuer wichtig, denn ich wusste, ich muss für sie stark sein – auch wenn ich oftmals sehr daran gezweifelt habe, dass ich das durchhalten kann. Die Jungs aus der Band hatten mehr oder weniger dasselbe durch wie ich, denn sie standen auf derselben Seite des Spiels. Seit dieser Zeit sind Paul und ich so eng verbunden wie Brüder. Wir wissen fast alles voneinander und wir haben uns damals geschworen, dass wir uns niemals belügen werden. Dadurch wurden wir gezwungen, auch uns selbst gegenüber ehrlich zu bleiben. Ich denke, das hat uns überleben lassen.“

Marion schweigt zunächst nachdenklich. „Warum hast du weitergemacht?“, fragt sie schließlich.

„Lange Zeit habe ich gedacht, ich kann nicht weitermachen.

Es war alles weg – meine Kraft, meine Stimme, mein Glaube an mich selbst. Es war Paul, der uns letztlich auf den richtigen Weg zurückgebracht hat. Er sagte immer: ‚Solange ich nicht tot umfalle, werde ich um diese Band kämpfen.‘ Er schaffte es tatsächlich irgendwie, uns wieder zu mobilisieren und fit zu machen. Dafür investierte er alle Kräfte, die er aufbieten konnte. Das nächste Problem war allerdings, dass keiner mehr bodenständigen Rock hören wollte. Die Musik veränderte sich, wurde zur oberflächlichen Massenware und man war nur noch darauf aus, ein paar Jahre schnelles Geld zu machen. Wir nahmen zwei neue Alben auf. Sie verkauften sich sogar recht gut, aber ich hasse diese Songs bis heute. Wir sind uns nicht treu geblieben.“

„Ihr musstet euch verändern.“

„Wir waren vertraglich gezwungen, unsere Seelen zu verkaufen. Das hätte direkt wieder ins Auge gehen können.“

„Ist es aber nicht.“

„Nein. Wir beschlossen, das so nicht weiterzuführen, sondern uns auf das zu besinnen, was wir liebten – wohl wissend, dass wir nicht mehr das große Publikum haben würden, wie es die ganze Zeit war. Wir wussten aber, wir können das verkraften und wir waren uns einig, dass wir diesen Weg gehen wollten – selbst wenn wir nicht mehr vor zehntausenden Leuten, sondern in wesentlich kleinerem Rahmen spielen würden. Also arrangierten wir unsere alten Lieder neu, schrieben ein paar wirklich gute Songs und gingen nach mehreren Jahren erstmals wieder auf Tour. Da spielten wir teilweise in kleinen Clubs, aber es war überwältigend. Ich habe nie so intensive Gigs erlebt, wie in dieser Zeit. Viele Leute haben uns für verrückt gehalten und konnten nicht verstehen, warum wir das nach all den großen Erfolgen der Vergangenheit so machen wollen. Was sie nicht verstanden haben ist, dass wir ohne Musik nicht leben können. Wenn mich jemand fragt, warum ich es noch immer mache, dann antworte ich meist mit dieser Gegenfrage: Stell dir vor, du bist wirtschaftlich so frei, dass du auf deinen Job nicht mehr angewiesen bist. Was würdest du dann tun? Und fast jeder antwortet: Ich würde nur noch das tun, was mir Spaß macht. Tja, und genauso mache ich es auch – nur dass ich dafür meine Tätigkeit nicht verändern musste, sondern nur die Bedingungen. Wir lassen uns heute nicht mehr fremd bestimmen. Das ist der große Unterschied.“

„Muss ein sehr gutes Gefühl sein“, sagt sie versonnen und denkt an ihre eigenen Wünsche, die sie bisher in ihrem Job nur begrenzt umsetzen kann.

Heinrich kommt an den Tisch. „Was kann ich euch noch bringen, Leute?“

Daniel schaut Marion fragend an: „Möchtest du noch etwas?“

Sie schüttelt den Kopf. „Es war alles wunderbar, vielen Dank.“

„Wir sollten langsam gehen, es ist spät.“ Daniel sieht sich um, sie sind die letzten Gäste.

„Es gibt wohl keine Möglichkeit mehr, dass wir uns nochmal treffen können, solange du hier bist, oder?“, fragt Heinrich bedauernd.

„Ich glaube nicht“, antwortet Daniel beim Aufstehen. „Am Samstag spielen wir in Potsdam, danach fahren wir noch in der Nacht weiter nach Budapest. Aber komm doch zur Show. Dann können wir uns wenigstens noch verabschieden.“

„Das mache ich.“ Heinrich umarmt ihn und sagt dann zu Marion: “Ich hoffe sehr, dass wir uns bald mal wiedersehen.“

Er wirft Daniel einen beschwörenden Blick zu, der diesen deuten kann. Marion nicht, aber sie hat ohnehin andere Gedanken, denn Daniels Worte machen deutlich, dass nicht viel Zeit bleibt. Er sieht es ihr an. „Wir haben noch zwei Tage“, sagt er beim Hinausgehen aufmunternd.