Zeit und Handeln - Olaf Morgenroth - E-Book

Zeit und Handeln E-Book

Olaf Morgenroth

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Beschreibung

Zeitnot, Hektik und Stress, aber auch eine zunehmende individuelle Verantwortung für den Umgang mit Zeit haben ein neues Interesse an der Zeitthematik geweckt. Aus psychologischer Perspektive ist Zeitbewältigung mehr als nur die optimale Nutzung der knappen Ressource Zeit. Nach einer einführenden Betrachtung ausgewählter Zeitprobleme und einer Darstellung zentraler Wissensbestände zum menschlichen Zeitbewusstsein wird in diesem Buch die komplexe Beziehung zwischen Zeit und Handeln analysiert. Der Autor zeigt das Zusammenwirken von Person und Umwelt bei der zeitlichen Organisation von Handlungen auf und stellt die Einflüsse des Zeitmanagements auf das Verfolgen langfristiger Ziele und die psychosoziale Befindlichkeit dar.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2007

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Zeitnot, Hektik und Stress, aber auch eine zunehmende individuelle Verantwortung für den Umgang mit Zeit haben ein neues Interesse an der Zeitthematik geweckt. Aus psychologischer Perspektive ist Zeitbewältigung mehr als nur die optimale Nutzung der knappen Ressource Zeit. Nach einer einführenden Betrachtung ausgewählter Zeitprobleme und einer Darstellung zentraler Wissensbestände zum menschlichen Zeitbewusstsein wird in diesem Buch die komplexe Beziehung zwischen Zeit und Handeln analysiert. Der Autor zeigt das Zusammenwirken von Person und Umwelt bei der zeitlichen Organisation von Handlungen auf und stellt die Einflüsse des Zeitmanagements auf das Verfolgen langfristiger Ziele und die psychosoziale Befindlichkeit dar.

PD Dr. Olaf Morgenroth arbeitet am Institut für Psychologie, Sozial- und Organisationspsychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Olaf Morgenroth

Zeit und Handeln

Psychologie der Zeitbewältigung

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2008 Alle Rechte vorbehalten © 2008 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany

Print: 978-3-17-019843-2

E-Book-Formate

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epub:

978-3-17-028088-5

mobi:

978-3-17-028089-2

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Der Umgang mit der Zeit – Individuelle Aufgabe oder soziales Problem?

1.1 Hektik, Zeitnot und Stress

1.1.1 Zeitstress als Folge der Beschleunigung des sozialen Lebenstempos

1.1.2 Zeitstress als individuelle Zeitpathologie: Das Typ-A-Verhaltensmuster

1.1.3 Zeitstress als Folge subjektiver Bewertungen

1.1.4 Zeitstress als Optimierungsproblem: Zeitmanagement

1.2 Das Problem gedehnter Zeit

1.2.1 Langeweile – Ein Freizeitproblem?

1.2.2 Entschleunigung durch Arbeitslosigkeit

1.2.3 Zeitstillstand in der Depression

1.3 Zusammenfassung

2 Wie kommt die Zeit in unser Leben? Forschungsperspektiven zum menschlichen Zeitbewusstsein

2.1 Die Frage(n) nach der Zeit

2.2 Biologische Grundlagen des menschlichen Zeitbewusstseins

2.3 Die psychologische Zeit

2.3.1 Zeitwahrnehmung

2.3.2 Zeitperspektiven

2.3.3 Zeitbegriffe

2.3.4 Der Umgang mit der Zeit

2.4 Soziokulturelle Einflüsse auf das menschliche Zeitbewusstsein

2.4.1 Einflüsse auf die Zeitwahrnehmung

2.4.2 Einflüsse auf die Zeitperspektive

2.4.3 Einflüsse auf Zeitbegriffe

2.4.4 Einflüsse auf den Umgang mit Zeit

2.5 Die kulturgeschichtliche Dimension des menschlichen Zeitbewusstseins

2.5.1 Die protestantische Ethik und die moderne Zeitrationalität

2.5.2 Der Normallebenslauf als Grundlage individueller Zeitperspektiven

2.5.3 Prognosen zum sozialen Wandel der Zeitkultur

2.6 Zusammenfassung

3 Zeitbewältigung – Eine psychologische Perspektive

3.1 Zeit und Handeln

3.2 Der funktionalistische Ansatz von Fraisse: Anpassung an die Zeit

3.3 Temporale Orientierungen als Teilaspekt der Zeitperspektive

3.4 Eine psychologische Perspektive zur Zeitbewältigung

3.4.1 Zeitbewältigung und das Problem des Alltagshandelns

3.4.2 Eine Erweiterung des Konstruktes der temporalen Orientierung

3.4.3 Abgrenzung zum Zeitmanagementansatz

3.5 Forschungsfragen für die empirischen Studien

3.5.1 Methodische Überlegungen zu den empirischen Studien

3.5.2 Die Messung temporaler Orientierungen

3.5.3 Die Entstehung temporaler Orientierungen

3.5.4 Die Handlungsrelevanz temporaler Orientierungen

3.5.5 Temporale Orientierungen und die personale Identität

3.5.6 Temporale Orientierungen und die psychosoziale Befindlichkeit

3.6 Zusammenfassung

4 Die Gehgeschwindigkeit als Merkmal des Lebenstempos

4.1 Die Methodik der Städtestudie

4.1.1 Die Auswahl der Städte und die Ziehung der Stichproben

4.1.2 Die Messung der Gehgeschwindigkeit

4.1.3 Das Interview

4.2 Allgemeine Ergebnisse zur Gehgeschwindigkeit

4.3 Unterschiede zwischen den Städten

4.4 Einflüsse auf Stadtebene

4.4.1 Die Populationsgröße

4.4.2 Die geographische Breite und das Klima

4.4.3 Die ökonomische Vitalität

4.4.4 Kulturelle Werte: Der Einfluss der protestantischen Ethik

4.4.5 Koronare Herzerkrankungen: Die Typ-A-Stadt

4.4.6 Zusammenhänge zu anderen Maßen des Lebenstempos

4.5 Einflüsse auf individueller Ebene

4.5.1 Die Ursachen des Alterseffektes

4.5.2 Akuter und chronischer Zeitdruck

4.5.3 Orientierung an der Uhrzeit

4.5.4 Zukunftsorientierung

4.5.5 Hoffnungslosigkeit

4.5.6 Typ-A-Verhaltensmuster

4.5.7 Bildung und sozialer Status

4.6 Zusammenfassung

5 Individuelle temporale Orientierungen: Arten, Determinanten und Wirkungen

5.1 Die Methodik der Makrostudie

5.1.1 Die Auswahl der Untersuchungsstandorte

5.1.2 Die Ziehung der Stichproben

5.1.3 Die Messinstrumente

5.2 Die Struktur individueller temporaler Orientierungen

5.3 Der Einfluss des sozialen Tempos in der Umwelt

5.4 Personale Determinanten temporaler Orientierungen

5.4.1 Die Offenheit gegenüber Veränderungen

5.4.2 Die Einstellung gegenüber Leistung und Wettbewerb

5.5 Die Relevanz temporaler Orientierungen für den Handlungsprozess

5.5.1 Zielbindung und Zielannäherung

5.5.2 Handlungsregulation

5.6 Der Einfluss temporaler Orientierungen auf das Freizeitverhalten

5.7 Die Relevanz temporaler Orientierungen für die Identitätsbildung

5.7.1 Die Wahl von Identitätszielen

5.7.2 Die Realisierung von Identitätsabsichten

5.8 Temporale Orientierungen und die psychosoziale Befindlichkeit

5.9 Zusammenfassung

6 Zeitbewältigung und Stress

6.1 Die Methodik der Mikrostudie

6.1.1 Das Untersuchungsdesign

6.1.2 Die Ziehung der Stichprobe

6.1.3 Die Messinstrumente

6.2 Stressbelastung und Stressbewältigung

6.2.1 Aspekte der Stressbelastung

6.2.2 Aspekte der Stressentstehung und Stressbewältigung

6.3 Die Zeitbewältigung

6.3.1 Die temporalen Muster des Tagesbeginns und Tagesendes

6.3.2 Die Zeitallokation

6.4 Zusammenfassung

7 Bewertung der Befunde und Schlussfolgerungen

7.1 Einleitende Bemerkungen

7.2 Bewertung der Befunde

7.2.1 Die Gehgeschwindigkeit als zeitlich organisiertes Verhalten

7.2.2 Das Konstrukt der temporalen Orientierung

7.2.3 Zeitbewältigung und Handeln

7.2.4 Zeitbewältigung und Identitätsbildung

7.2.5 Zeitbewältigung, Stress und psychosoziale Befindlichkeit

7.3 Methodische Anmerkungen zu den durchgeführten Studien

7.4 Schlussfolgerungen für die Praxis

7.4.1 Sensibilisierung für die Handlungsrelevanz der Zeit

7.4.2 Möglichkeiten und Grenzen der Kontrolle über die Zeit

7.4.3 Das Tempoproblem

7.4.4 Flexibilität im Umgang mit Zeit

7.5 Kurzer Ausblick

Literatur

Anhang

Stichwortverzeichnis

Vorwort

„Denn was ist Zeit? Wer könnte das leicht und kurz erklären? Wer könnte das, um es wörtlich darzustellen, auch nur gedanklich erfassen? Und doch: was ist uns in unserer Sprache vertrauter und bekannter als der Begriff der Zeit? Wir verstehen jedenfalls, was darunter gemeint ist, wenn wir von ihr sprechen, und verstehen es auch, wenn wir einen anderen darüber sprechen hören. Was ist also Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, dann weiß ich es; wenn ich es jemand erklären möchte, der mich danach fragt, so weiß ich es nicht.“ Aurelius Augustinus1

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leu- te nehmen es einfach hin und so wundern sie sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben.“ Michael Ende2

Die Frage nach der Zeit hat die Menschen immer wieder neu herausgefordert, wie die beiden Zitate mit einem zeitlichen Abstand von ca. 1 700 Jahren verdeutlichen. Auch gegenwärtig stößt die Zeitthematik auf ein breites Interesse. Dieses aktuelle Interesse zielt jedoch weniger auf wissenschaftliche Erkenntnisse über die Zeit an sich ab, sondern wird vor allem durch den Problemdruck motiviert, der dem alltäglichen Umgang mit der Zeit entspringt. Viele Menschen fühlen sich gehetzt und erleben die Bewältigung zeitlicher Anforderungen als eine Herausforderung, die zunehmend mehr Kräfte beansprucht. Zugleich werden gesellschaftliche Zeitstrukturen immer durchlässiger und überantworten dem Einzelnen größer werdende Handlungsspielräume im Umgang mit seiner Alltags- und Lebenszeit. In dieser ambivalenten Situation zwischen Zeitdruck und Hektik auf der einen Seite und wachsender Zeitsouveränität auf der anderen Seite steigt der Bedarf an Orientierungswissen. So verwundert es nicht, dass Ratgeberliteratur zum Zeitmanagement auf den Bestsellerlisten zu finden ist.

Fragt man nach der Bedeutung der Zeit als Gegenstand psychologischer Forschung, betritt man ein unübersichtliches Gelände. In der Psychologie konnte sich die Forschung zum menschlichen Zeitbewusstsein nie als eigenständiges Forschungsprogramm etablieren, vielleicht gerade wegen der Vielfältigkeit möglicher Anknüpfungspunkte zu psychologischen Fragestellungen. Einzelne Aspekte wurden zwar in verschiedenen Teilgebieten der Psychologie aufgegriffen, so z. B. die Zeitwahrnehmung in der Allgemeinen Psychologie, die Zeitperspektiven in der Entwicklungspsychologie bzw. der Sozialpsychologie oder Störungen des Zeitbewusstseins in der klinischen Psychologie. Dort entwickelte sich die psychologische Forschung zu diesen einzelnen Aspekten jedoch weitestgehend isoliert voneinander. Angesichts der Tatsache, dass alle menschliche Aktivität in einen zeitlichen Kontext eingebettet ist, stellt diese Situation eine schmerzliche Vernachlässigung der Zeitthematik in der Psychologie dar (McGrath, 1988; Riegel, 1979). In neuerer Zeit kam es zwar in der kognitiven Psychologie, der Chronopsychobiologie und auch der kulturvergleichenden Psychologie zu einer Revitalisierung des psychologischen Interesses an der Zeit. An der grundsätzlichen Situation hat sich jedoch erst wenig geändert (Richelle, 1996). Noch schwieriger wird die Lage, wenn man vor dem Hintergrund des aktuellen Interesses nach psychologischen Wissensbeständen zum Umgang mit Zeit sucht. Es gibt zwar durchaus einiges zu entdecken, aber es sind nur einzelne, weit verstreut liegende Puzzleteile. Woran es insbesondere fehlt, ist eine integrative theoretische Perspektive zu der komplexen Beziehung zwischen Zeit und Handeln. Genau hierzu möchte die vorliegende Arbeit einen weiterführenden Beitrag leisten. Das Ziel bestand darin, auf der Basis vorhandener Befunde und theoretischer Überlegungen die Funktionen der Zeit für menschliches Handeln zu bestimmen, zentrale psychologische Aspekte der Bewältigung zeitlicher Anforderungen herauszuarbeiten und empirisch zu untersuchen. Eine zentrale These dabei lautet, dass das menschliche Zeitbewusstsein kein bloßes Abbild einer abstrakten Zeitdimension ist, sondern aus Anpassungsreaktionen an die vielfältigen Veränderungen unserer natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelt resultiert. Diese Reaktionen entwickeln sich im Kontext menschlicher Aktivität und werden wiederum zur Steuerung von Handlungen eingesetzt. Die zentrale Funktion des Zeitbewusstseins besteht daher darin, Handlungen zeitlich so zu organisieren und zu regulieren, dass eine erfolgreiche Anpassung an Veränderungen möglich wird.

Dieses Buch ist eine überarbeitete Fassung meiner Habilitationsschrift. Sie wäre ohne die Unterstützung verschiedener Institutionen und Personen nicht zu realisieren gewesen. Zuerst danke ich der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die dieses Forschungsvorhaben gefördert hat und damit überhaupt erst ermöglichte. Klaus Boehnke unterstützte mich darin, dieses Forschungsprojekt erfolgreich auf den Weg zu bringen. Das Institut für Psychologie an der Technischen Universität Chemnitz bot mir ideale Arbeitsbedingungen. Dafür danke ich stellvertretend der Institutsdirektorin Astrid Schütz. Für die vielfältige Unterstützung durch meine Kolleginnen der Abteilung Wirtschafts-, Organisations- und Sozialpsychologie geht mein Dank an Sabrina Simchen und Iris Six-Materna. Klaus Atzwanger, Götz Lechner und Eva Walther waren wertvolle Gesprächspartner. Die Durchführung der empirischen Studien wäre ohne das hohe Engagement der studentischen Hilfskräfte nicht möglich gewesen. Daher geht ein ganz besonderer Dank für die geleistete Arbeit an Alekos Bibudis, Katja Losleben, Maya Reimer und Franziska Rudolph. Für die organisatorische Unterstützung bei der Datenerhebung in Dresden, Hamburg und Trier danke ich Stefan Schulz-Hardt, Bernhard Orth und Manfred Schmitt. Für die Hilfe bei verwaltungstechnischen Fragen danke ich Annerose Koch und Petra Wolf.

1 Augustinus (ca. 400 n. Chr./1964, S. 306)

2 Ende (1993, S. 57)

1 Der Umgang mit der Zeit – Individuelle Aufgabe oder soziales Problem?

„Zeit ist das, was uns fehlt, wenn sich zuviel ereignet.“ Manfred Eigen3

Alles, was wir tun, ereignet sich in der Zeit. Dieser temporale Kontext ist mehr als nur eine leere Bühne, auf der sich unsere Aktivitäten entfalten. Die Zeit bestimmt den Rhythmus des sozialen Lebens und hilft uns dabei, unser Leben zu führen. Wir haben uns so sehr an die Zeit gewöhnt, dass wir ohne sie nicht mehr auskommen. Wir leben in einem eng geknüpften Netz von unverzichtbaren, aber auch unentrinnbaren Zeitgebern und Zeitstrukturen, an denen wir uns orientieren. Wir entwerfen und realisieren Handlungen, strukturieren unseren Alltag und planen unser Leben. Immer spielen zeitliche Bezüge dabei eine wichtige Rolle. Bereits Lewin (1951) erkannte, dass die Zeitperspektive, d. h. die kognitive Repräsentation von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mehr ist als ein passiver Bewusstseinszustand der Zeitlichkeit. Die Zeitperspektive strukturiert den psychologischen Lebensraum, sie gibt dem Verhalten eine Richtung, kann motivieren oder hemmen. Dasselbe lässt sich auch für andere Aspekte des Zeitbewusstseins annehmen. Weil uns die Zeit so vertraut ist, nehmen wir die zeitlichen Bezüge in unserem Leben oft nicht bewusst wahr. Dass ein Mensch nicht weiß, wie alt er ist, in welchem Jahr er lebt oder was es bedeutet, pünktlich zu sein, würde uns seltsam vorkommen. Umgekehrt denken wir uns nichts dabei, dass unser Alltag durch die Uhr bestimmt wird, dass wir etwas tun, weil die Zeit dafür da ist, oder es lassen, weil sie fehlt. Aufdringlich wird die Zeit zumeist erst dann, wenn sie uns zum Problem wird. Von solchen Zeitproblemen soll in diesem Kapitel die Rede sein. Dabei geht es weniger um Systematik oder Vollständigkeit bei der Auflistung vorhandener Schwierigkeiten im Umgang mit Zeit. Im Vordergrund steht die Absicht, Zeitprobleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Ist der Umgang mit Zeit eine Aufgabe, die individuell zu bewältigen ist? Sind Zeitprobleme daher individuelle Probleme, für die die Psychologie Lösungen erarbeiten und anbieten könnte? Oder sind Zeitprobleme soziale Probleme, denen wir gar nicht entrinnen können, weil sie uns alle betreffen? Wozu etwas gut ist, lässt sich oft besser erkennen, wenn es nicht richtig funktioniert und Probleme bereitet. In diesem Sinn soll die Analyse von Zeitproblemen aufzeigen, wie tief unser Leben in der Zeit verwurzelt ist. Zunächst wird die Problematik von Zeitnot und Stress behandelt. Im Anschluss daran wird das Problem der Zeitdehnung erörtert, angefangen von der eher milden Form der Langeweile bis hin zum Zeitstillstand in der Depression.

1.1 Hektik, Zeitnot und Stress

Würde man eine Umfrage durchführen, in der die Befragten sich spontan dazu äußern sollten, was ihnen zu dem Begriff des Zeitproblems alles einfällt, ließe sich wahrscheinlich feststellen, dass die Mehrheit der Befragten den Begriff mit Hektik, Zeitdruck, Zeitnot oder Stress in Verbindung bringt. Ein Problem mit der Zeit zu haben, heißt heutzutage, keine oder zu wenig Zeit zu haben. Tatsächlich scheint einiges dafür zu sprechen, dass Zeitnot immer häufiger zu Stress im Alltag führt. Aus dem von Eurostat im Jahr 2004 veröffentlichten Gesundheitsbericht für die Länder der Europäischen Union geht hervor, dass ca. jeder dritte Deutsche ab 16 Jahren regelmäßig unter Stress leidet. Europaweit sind es knapp 40 % der Bevölkerung, die sich regelmäßig gestresst fühlen. Zugleich sind 32 % unzufrieden mit der verfügbaren Freizeit (Eurostat, 2004). Besonders durch Stress belastet sind Personen im mittleren Erwachsenenalter, die sich sozusagen in der Rushhour des Lebens befinden. Die Erfüllung beruflicher Aufgaben, die Realisierung von Karriereplänen, die Gründung einer Familie und die Selbstverwirklichung in der Freizeit führen zu einer hohen Ereignisdichte, die das Zeitbudget schnell erschöpft. In einigen Ländern scheint sich das Stressproblem schon auf die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren auszuweiten. In Deutschland und den Niederlanden rangiert diese Altersgruppe bereits an erster Stelle. Im Unterschied dazu leiden Personen ab 55 Jahren deutlich weniger unter Zeitstress. In einer aktuellen Allensbach-Umfrage gaben 21 % der repräsentativ Befragten an, die Zeit ändere sich rasend schnell (Geo Wissen, 2005) und insgesamt 83 % ordneten sich auf der siebenstufigen Antwortskala oberhalb der neutralen Mittelkategorie zu. Im Vergleich zu früheren Umfragen aus den Jahren 1980 (nur Westdeutschland) und 1995 haben sich diese Anteile zwar nicht nennenswert erhöht, dennoch spricht die asymmetrische Verteilung zumindest dafür, dass in der Bevölkerung das Urteil dominiert, in einer hektischen Zeit zu leben.

In der Arbeitswelt haben Zeitnot und Stress längst den Status einer exklusiven Managerkrankheit verloren und sind zu einem alltäglichen Begleitfaktor der Arbeit geworden. In einer Umfrage unter 1 000 Beschäftigten aus dem Jahr 1999 standen Zeit- und Termindruck mit 50 % Zustimmung auf dem ersten Platz einer Liste arbeitsbedingter Stressoren (entnommen aus Buchter & Schäfer, 2003). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine international vergleichende Studie über die Arbeitsbedingungen in den fünfzehn Mitgliedstaaten der Europäischen Union aus dem Jahr 1996. Von den 15 800 befragten Beschäftigten gaben 56 % an, unter knappen Fristen und Termindruck zu arbeiten, und 54 % nahmen ein hohes Arbeitstempo wahr (high speed work). Gegenüber einer früheren Befragung aus dem Jahr 1991 bestand bei beiden Kategorien eine Zunahme von jeweils 6 % (European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions, 1997). Dieser Trend scheint ungebrochen. In einer Betriebsrätebefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) aus dem Jahr 2004 gaben 91 % der 2 177 Betriebsräte und 1 396 Personalräte an, psychische Arbeitsbelastungen, wie Zeitdruck, Arbeitsintensität und Verantwortungsdruck hätten in den letzten fünf Jahren zugenommen (WSI, 2004).

Zeitstress existiert nicht nur während der Arbeit, sondern auch in der Freizeit. Aus einer repräsentativen Erhebung des B.A.T. Freizeit-Forschungsinstituts bei 2 000 Personen ab 14 Jahren geht hervor, dass 42 % der Befragten ihren Freizeitstress darauf zurückführten, dass sie sich zu viel vorgenommen hätten (Opaschowski, 1988). Das Statistische Bundesamt hat im Rahmen einer umfangreichen Zeitbudgetstudie in 7 200 deutschen Haushalten festgestellt, dass 21.5 % der bundesdeutschen Bevölkerung in zwei Lebensbereichen (Beruf, Familie, Freunde, Ehrenamt, für sich selbst) über Zeitnot klagen und weitere 7.5 % sich sogar in drei oder mehr Lebensbereichen mehr Zeit wünschen (Holz, 2000, S. 9ff.).

Warum also klagen so viele Menschen über Hektik, Zeitnot und Stress? Handelt es sich um ein individuelles Problem, das z. B. auf einen falschen Umgang mit Zeit oder auf inadäquate Stressbewältigungsstrategien zurückzuführen ist? Oder ist die Ursache des Problems eher in den allgemeinen Lebensbedingungen zu suchen? Hat sich das Tempo des sozialen Lebens so sehr beschleunigt, dass es viele Menschen überfordert?

1.1.1 Zeitstress als Folge der Beschleunigung des sozialen Lebenstempos

Klagen über zu viel Tempo und Stress sind keine neue Erscheinung. Nach Wendorff (1985) dominierte kein anderer Aspekt die Zeiterfahrung der Menschen im 20. Jahrhundert so sehr, wie der des Tempos. Das Gefühl, in einer Epoche zu leben, in der sich das Tempo des sozialen Lebens kontinuierlich beschleunigt, wurde bereits zu Beginn der Industrialisierung geäußert und ist seitdem ein dominierender Aspekt der Zeiterfahrung geblieben. Insofern kann die Beschleunigung des sozialen Tempos als ein Grundzug der Moderne betrachtet werden (Garhammer, 1999). Rosa (2003) unterscheidet dabei drei Aspekte. Am sichtbarsten ist die Beschleunigung im technologischen Bereich als Zunahme technologischer Innovationen pro Zeiteinheit. Eine treibende Kraft dieser Innovationsverdichtung ist das Wirtschaftssystem. Die Einführung neuer Technologien ist ein wichtiger Faktor, um sich auf dem Markt gegen Konkurrenten behaupten zu können und erfolgreich zu wirtschaften. Die Reduzierung von Arbeitskosten ist ein weiterer Faktor, der die technologische Entwicklung vorantreibt. Ein zweiter Bereich ist die Beschleunigung des alltäglichen Lebenstempos, d. h. die Reduzierung des Zeitverbrauchs für alltägliche Routinehandlungen. Ein Beispiel für die Beschleunigung in diesem Bereich ist der zunehmende Konsum von Fast-food-Produkten. Ursache dieser Beschleunigung ist nach Rosa die wachsende Disparität zwischen der Vielfalt vorhandener Optionen der Lebensgestaltung einerseits und der begrenzten Lebensspanne andererseits. Eine Möglichkeit, diese Diskrepanz zu reduzieren, besteht darin, Zeit einzusparen, indem alltägliche Routinetätigkeiten beschleunigt und verdichtet werden. Ein dritter Bereich der Beschleunigung ist der soziale Wandel. Hier steht die abnehmende Geltungsdauer gesellschaftlicher Normen und Institutionen im Vordergrund, die für stabile Lebensverhältnisse sorgen. Die soziale Differenzierung in der Gesellschaft als ein Aspekt dieses Wandels führt zusätzlich dazu, dass die Notwendigkeit zu zeitlicher Synchronisierung und Koordination den Druck erhöht, sich zeitrational zu verhalten.

Die Reaktionen auf die Beschleunigung des sozialen Tempos waren und sind nicht nur negativ. Tempo und Schnelligkeit wurden immer auch als Versprechen auf Abwechslung, Erlebnisreichtum, vor allem aber auf Fortschritt und materiellen Wohlstand gewertet. Besonders deutlich kommt diese positive Bewertung im italienischen Futurismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck. Im futuristischen Manifest aus dem Jahr 1909 formulierte Marinetti, ein führender Denker dieser Bewegung: „Wir erklären, dass der Glanz der Welt sich um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Schnelligkeit“ (zitiert nach Schmidt-Bergmann, 1991, S. 400). Für Marinetti symbolisiert Tempo die Begierde nach dem Neuen, Unerforschten und ist Ausdruck von Modernität. Langsamkeit hingegen verachtet er als Stillstand, als falsche Idealisierung von Müdigkeit und Ruhe (Borscheid, 2004, S. 304). In diesem Sinn sind Tempo und Geschwindigkeit zu einem positiven Wert geworden, der die Gesellschaft als Ganzes erfasst hat. Auf der anderen Seite gab und gibt es kritische Stimmen, die davon ausgehen, dass die Beschleunigung des sozialen Tempos mit negativen Folgen verbunden ist. Demnach wäre der heutige Zeitstress vor allem eine Folge der Zuspitzung des Beschleunigungsprinzips und seiner Ausweitung auf immer mehr Lebensbereiche (z. B. Gleick, 2000; Reheis, 1998). Wie bereits erwähnt, ist die Erfahrung, der Schnelligkeit des sozialen Tempos nicht gewachsen zu sein, keineswegs neu, sondern wurde bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts thematisiert und ist seitdem virulent geblieben. Wie die nachfolgenden Beispiele zeigen, wurde diese Problematik in verschiedenen Wissenschaften aufgegriffen.

Bereits 1869 führte der amerikanische Arzt George Beard das Störungsbild der Neurasthenie ein, eine nervöse Erschöpfung, die mit dem hohen Tempo der modernen Lebensweise in Verbindung gebracht wurde. Man ging davon aus, dass die Hektik der neuen Zeit, die Geschwindigkeit der neuen Maschinen, die erweiterte räumliche und soziale Mobilität der Menschen und das Tempo in den modernen Großstädten zu einer Überstimulation der Nerven führt, so dass deren Funktionsfähigkeit geschwächt und ein Zustand der Erschöpfung hervorgerufen wird. Die Neurasthenie wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Modekrankheit. Heute ist sie zwar aus dem psychiatrischen Vokabular verschwunden, die mit der Neurasthenie verbundene Vorstellung einer stimulationsbedingten Überforderung taucht jedoch bei der Depression erneut auf. So fragt z. B. Eberle (2004) mit Blick auf die Zunahme depressiver Störungen in der heutigen Zeit: „Woher kommt diese Epidemie der Depression? Mutet uns die Welt mit ihren Ansprüchen an Mobilität, Flexibilität, Individualismus und Eigenverantwortung zu viel zu?“ (S. 2).

Eine weitere frühe Thematisierung negativer Folgen des hohen sozialen Tempos ist das von dem Soziologen Emile Durkheim 1897 entwickelte Konstrukt der Anomie. Durkheim nahm an, dass ein rapider sozialer Wandel die regulatorische Kraft gesellschaftlicher Normen herabsetzt, so dass es auf dieser Ebene zu einem Regulationsdefizit kommt. Wenn alles sich immer schneller verändert, dann verlieren sozial integrierend wirkende Kräfte an Bindungsstärke, so dass es zu einer Entgrenzung des Individuums kommt. Der Einzelne fühlt sich orientierungslos und überfordert, was u. a. dazu führt, dass abweichende Verhaltensweisen häufiger auftreten. In neuerer Zeit wurde das Konzept der Anomie aufgegriffen, um die sozialen Folgen des gesellschaftlichen Wandels infolge des politischen Umbruchs in den mittel- und osteuropäischen Staaten nach 1989 oder der fortschreitenden Globalisierung zu analysieren (Atteslander, 1995; Thome, 2003). Für Atteslander (1995) ist die Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse die Hauptursache für die Entstehung anomischer Zustände. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn die Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlichen Veränderungstempo und den verfügbaren Ressourcen für soziale Lernprozesse zu groß wird:

“It is not social change that creates difficulties in adaptation and the emergence of anomic situations, but the nature of its acceleration. … Anomie, as we describe it in this book, is the consequence of the fact that the necessary time for social learning is missing” (S. 6).

Morgenroth und Boehnke (2004) konnten zeigen, dass Personen, die sich durch das soziale Tempo überfordert fühlen, auf klassischen Messinstrumenten der Anomia, d. h. der subjektiv wahrgenommenen Anomie, tatsächlich höhere Werte aufweisen.

Auch für Alvin Toffler (1971) ist das Tempo eine psychologisch bedeutsame Variable. Toffler spricht von einem „Zukunftsschock“ und versteht darunter „… die erdrückende Belastung und Desorientierung von Menschen, die in zu kurzer Zeit zu viele Veränderungen durchmachen müssen“ (S. 10). Er vergleicht diesen Zukunftsschock mit einem Kulturschock, der sich einstellt, wenn man unvorbereitet mit einer fremden Kultur konfrontiert wird, deren Regeln und Gebräuche man weder kennt noch versteht. Während bei dem langsamen Wandel in der Vergangenheit immer genug Zeit blieb, um sich den Veränderungen anzupassen, kommt es mit fortschreitender Modernisierung zu einer größer werdenden Differenz zwischen dem Tempo von Veränderungen in der Umwelt und den vorhandenen Möglichkeiten zur Neuanpassung. Wird diese Spannung zu groß, ergeben sich negative physiologische und psychische Folgen. Toffler stützt sich u. a. auf die Untersuchungen von Holmes und Rahe zu den Folgen stressreicher Ereignisse. Holmes und Rahe (1967) entwickelten die Social Readjustment Rating Scale, mit der Ereignisse innerhalb eines definierten Zeitintervalls abgefragt werden, die seitens des Individuums eine Neuanpassung erforderlich machen. Jedes Ereignis erhält entsprechend der Schwere der erforderlichen Adaptation einen Wert zwischen 11 und 100 Punkten. Die Gesamtsumme lässt sich nach Toffler als ein Maß für die Intensität der Veränderungen im Leben einer Person interpretieren. Rahe (1968) berichtet, dass in einer prospektiven Studie an 2 500 Marinesoldaten Personen mit hohen Skalenwerten aus dem obersten Drittel der Verteilung zu fast 90 % häufiger erkrankten als Personen mit niedrigen Werten aus dem unteren Drittel der Verteilung. Diese Befunde wurden später dahingehend kritisiert, dass die beobachtete Beziehung Ergebnis einer verzerrten Selbstauskunft sein könnte, sowie dass teilweise nicht eindeutig genug zwischen Stressoren und Stressfolgen unterschieden wurde (Stroebe & Stroebe, 1998). Toffler beschäftigt sich auch mit der Frage, wie man den Zukunftsschock bewältigen könnte. Zunächst beschreibt er häufig anzutreffende Bewältigungsreaktionen auf den Zukunftsschock: erstens das Ignorieren des Problems, zweitens den Versuch, durch Spezialisierung mit dem Tempo auf einem eng umgrenzten Gebiet Schritt zu halten, drittens die Rückwendung zu Altbewährtem und zur Tradition sowie viertens die Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. Diese Strategien könnten zwar vorübergehend vom Tempostress entlasten, seien aber langfristig keine zufrieden stellende Lösung. Toffler betrachtet den Zukunftsschock in erster Linie als eine gesellschaftliche Herausforderung, für die Lösungen auf dieser Ebene gefunden werden müssen. So besteht eine Empfehlung darin, an sozialen Zeitinstitutionen, wie den gesetzlichen Feiertagen, festzuhalten, da sie Tempo und Stress des Alltagslebens wirksam unterbrechen würden. Eine weitere Empfehlung ist die Reform des Bildungssystems mit dem Ziel, dass künftige Generationen neue Kompetenzen für die Anpassung an den Wandel erlernen.

In dem in neuerer Zeit entwickelten zeitökologischen Ansatz wird ebenfalls davon ausgegangen, dass der individuelle Zeitstress nur vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen zu verstehen ist (Adam, Geißler & Held, 1998; Held & Geißler, 1993, 1995; Reheis, 1998). Aus ökologischer Perspektive wird der Mensch als ein System betrachtet, das sich durch eine systemspezifische Eigenzeit auszeichnet. Diese Systemzeit hat ihren Ursprung in der evolutionär bedingten Anpassung des Menschen an die in der Natur vorkommenden Rhythmen. Systemspezifische Eigenzeiten zeichnen sich daher vor allem durch zwei Merkmale aus: Erstens hat jedes System sein eigenes Tempo und zweitens trifft man auf einen charakteristischen Wechsel zwischen Phasen der Aktivität und Phasen der Ruhe, d. h. in ökologischen Systemen existiert eine zyklische Zeitordnung, die sich von der kontinuierlich ablaufenden linearen Zeit moderner Gesellschaften unterscheidet. Eine zentrale Funktion der Systemzeit wird darin gesehen, die Regeneration des Organismus zu gewährleisten. Die Beschleunigung des sozialen Tempos und die Zurückdrängung zyklischer Zeitordnungen zugunsten der kontinuierlichen Zeit einer Nonstop-Gesellschaft, in der alles zu jeder Zeit möglich sein soll (Geißler & Adam, 1998), werden als problematisch beurteilt, weil sie mit den Merkmalen der Systemzeit nur begrenzt kompatibel sind. Kommt es zu einer Entkoppelung zwischen sozialer Zeit und Eigenzeit, wird die Regeneration des Organismus beeinträchtigt, so dass mit negativen Folgen für die körperliche Gesundheit und das psychosoziale Wohlbefinden zu rechnen ist. Als empirischer Beleg für diesen Wirkungszusammenhang werden z. B. die Beeinträchtigungen angeführt, die bei Nacht- und Schichtarbeit auftreten können.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Beschleunigung des sozialen Tempos eine Grunderfahrung der Moderne darstellt. Inwieweit dadurch der individuelle Zeitstress erklärbar wird, bleibt offen. Erstens ist unklar, bei welchem Tempo mit negativen Folgen zu rechnen ist. Gibt es dafür so etwas wie einen kritischen Schwellenwert? Wenn die Annahme von Atteslander (1995) zutreffend ist, dann ist es nicht das Tempo an sich, das Probleme bereitet, sondern die Differenz zwischen dem Tempo und den verfügbaren Bewältigungsressourcen. Diese können jedoch individuell sehr verschieden sein. Ein zweiter kritischer Punkt besteht darin, dass Hektik und Zeitstress sehr viel stärker zugenommen haben, als dies aufgrund der tatsächlich nachweisbaren Beschleunigung des sozialen Tempos zu erwarten wäre (Rosa, 2004). Es besteht also eine Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und den objektiven Fakten. Damit richtet sich der Blick auf psychologische Ansätze, die erklären können, warum eine Person in einer bestimmten Situation über Zeitstress klagt, während eine andere Person sich in derselben Situation nicht beeinträchtigt fühlt.

1.1.2 Zeitstress als individuelle Zeitpathologie: Das Typ-A-Verhaltensmuster

Manche Menschen sind für Zeitstress besonders anfällig. Ihre Bezeichnung als Typ-A-Persönlichkeit ist längst über den klinischen Sprachgebrauch hinaus zu einem kulturellen Allgemeingut geworden. Das Forschungsprogramm zum sogenannten Typ-A-Verhaltensmuster wurde von zwei amerikanischen Kardiologen, Meyer Friedman und Ray Rosenman initiiert (Friedman & Rosenman, 1959, 1975). Den beiden Ärzten fiel auf, dass viele ihrer Patienten, die wegen koronarer Herzerkrankungen, wie Angina pectoris oder Herzinfarkt, in Behandlung waren, charakteristische Verhaltensweisen und Emotionen zeigten. Sie fassten diese unter dem Begriff des Typ-A-Verhaltensmusters zusammen, welches gekennzeichnet ist durch einen exzessiven Antrieb, Aggressivität, Eile und Zeitnot. Menschen des Typs B sind dagegen relativ entspannt und frei von diesen Merkmalen. Für Friedman und Rosenman stand fest, dass der Zeitdruck des Typs A nichts mit einer objektiven Zeitknappheit zu tun hat, die sich z. B. mit der beruflichen Stellung bzw. dem sozialen Status erklären ließe. Vielmehr ist das chronifizierte, drängende Zeitgefühl bei Personen des Typs A ein psychologisches Problem. Der Typ-A-Mensch bemisst in dem Bemühen, Zeit zu sparen, den Zeitraum für die Dinge, die er erledigen muss, ständig zu kurz. Hinzu kommt, dass oft mehrere Dinge zugleich begonnen werden. Friedmann und Rosenman (1975) sprechen von der „selbstgewollten Tyrannei“ (S. 76) eines ewigen Kampfes gegen die Zeit. Der wachsende Zeitdruck begünstigt wiederum ein stereotypes Denken und Handeln. „Er [der Typ A] gibt sich keine Mühe mehr, »besser« oder »anders« zu arbeiten und zu denken, sondern will es nur noch »schneller« machen […]. Er ersetzt schöpferische Energie durch ständige Eile“ (Friedman & Rosenman, 1975, S. 77). Ulmer und Schwartzburd (1996) unterscheiden drei Schweregrade dieser Zeitpathologie. Die mildeste Form, den Zeitdruck (time pressure), definieren sie als Wahrnehmung, dass nicht genügend Zeit zur Verfügung steht, um eine spezifische Aufgabe zu beenden, was zu Gefühlen von Ängstlichkeit und Anspannung führt. Gemeint ist hier ein vorübergehender situationsbedingter Zeitdruck, wie er im Alltag häufig auftritt. Die nächste Stufe, ein drängendes Zeitgefühl (time urgency), ist hingegen ein dauerhafter Zeitdruck, der durch die Überzeugung verstärkt wird, dass die Lösung von Zeitproblemen darin besteht, alles schneller zu tun oder mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Das Gefühl, sich beeilen zu müssen, beschränkt sich nicht mehr auf das instrumentelle Verhalten, welches unmittelbar der Zielerreichung dient, sondern wird zu einem generalisierten Habitus, der Sprechen, Gehen, Essen und Denken erfasst. Situationen des Wartens werden als äußerst unangenehm empfunden. Ist dieses drängende Zeitgefühl besonders intensiv und bleibt es über einen längeren Zeitraum bestehen, kann dies nach Ulmer und Schwartzburd zur Hetzkrankheit (hurry sickness) führen, die sich durch drei Kernsymptome auszeichnet. Erstens ist eine Verarmung der Persönlichkeit festzustellen, die sich darin äußert, dass Interessen, die nichts mit dem Erreichen von Zielen zu tun haben, allmählich absterben. Das Leben wird primär in quantitativen Kategorien beurteilt, qualitative Aspekte gehen zunehmend verloren. Zweitens ist das Denken beschleunigt, die Gedanken rasen, was die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt und zu Schlafstörungen führt. Drittens schließlich verändert sich die Zeitperspektive dahingehend, dass die Gegenwart an Bedeutung verliert, während häufig über vergangene Ereignisse nachgegrübelt wird oder die Zukunft voll von Sorgen ist.

Zur Erklärung der Zeitproblematik des Typs A lassen sich zwei Arten von Ursachen unterscheiden. Zum einen wurde versucht, den permanenten Zeitdruck damit zu erklären, dass für den A-Typ die Zeit subjektiv schneller vergeht als für den B-Typ. Die empirischen Befunde liefern hierzu jedoch kein klares Bild (Warner & Block, 1984). Dafür könnten allerdings methodische Aspekte verantwortlich sein, da die in Studien zur Zeitwahrnehmung verwendeten Methoden sich sehr voneinander unterscheiden und oft zu abweichenden Resultaten führen (Zakay, 1990; siehe dazu auch unter 2.3.1.2). Neben der Hypothese einer subjektiv schneller vergehenden Zeit existieren Erklärungsansätze, die sich auf das Gesamtsyndrom des Typ-A-Verhaltensmusters beziehen (für einen Überblick siehe Rhodewalt & Smith, 1991). Für die Zeitproblematik dürfte vor allem der Erklärungsansatz von Glass (1977) relevant sein, wonach die für den A-Typ charakteristischen Verhaltensweisen Bewältigungsreaktionen zur Wiedergewinnung der Verhaltenskontrolle in herausfordernden Situationen darstellen. Zeitliche Restriktionen, denen wir in unserem Alltag dauernd unterworfen sind, werden vom A-Typ schnell als Bedrohung der eigenen Kontrolle erlebt, was zu dem Verhalten führt, die Dinge beschleunigen zu wollen, um die Kontrolle wiederherzustellen.

Das Hauptinteresse am Typ-A-Verhaltensmuster konzentriert sich vor allem auf seine Bedeutung als Risikofaktor für die koronaren Herzerkrankungen (KHK). In der prospektiven Western Collaborative Group Study (WCGS) wurde nach Kontrolle klassischer Risikofaktoren, wie Alter, Rauchen, Cholesterin, Hypertonie, Diabetes u. a., ein knapp zweifach höheres Risiko für Personen des Typs A gegenüber dem B-Typ ermittelt (Rosenman et al., 1975). Nachfolgende Studien konnten jedoch diesen Befund zum Teil gar nicht oder nur unter Einschränkungen bestätigen, und auch die Ergebnisse der WCGS wurden einer kritischen Revision unterzogen (Myrtek, 2000; Amelang & Schmidt-Rathjens, 2003). Myrtek kommt in einer eigenen Metaanalyse zu dem Schluss, dass das Typ-A-Verhaltensmuster keinen eigenständigen Risikofaktor der KHK darstellt. Ähnliches gilt auch für die Subkomponente Feindseligkeit (hostility), die zum wichtigsten Nachfolgekonzept des Typ-A-Verhaltensmusters wurde. Zwar ergab sich eine signifikante Beziehung zu den KHK, die ermittelte Risikoquote von 1.04 ist jedoch nach Myrtek praktisch bedeutungslos. Auch wenn das Typ-A-Verhaltensmuster sich langfristig nicht als Risikofaktor für die KHK erweisen sollte, bleibt es für die Problematik des Zeitstresses dennoch interessant, da es eine psychologische Erklärung dafür bietet, warum Zeitknappheit subjektiv unterschiedlich stark als Zeitstress erlebt werden kann.

1.1.3 Zeitstress als Folge subjektiver Bewertungen

Nicht jeder, der unter Zeitstress leidet, ist zwangsläufig eine Typ-A-Persönlichkeit. Ein allgemeiner Ansatz, der hilft zu verstehen, warum Zeitknappheit subjektiv unterschiedlich stark als Stress erlebt wird, ist das kognitiv-transaktionale Stressmodell von Lazarus und seinen Mitarbeitern (Lazarus & Launier, 1981; Lazarus & Folkman, 1984; Lazarus, 1991). Lazarus und Folkman (1984) definieren Stress als „… eine Beziehung einer Person zu ihrer Umgebung, die von der Person als schwierig bewertet wird, oder ihre Kräfte übersteigt und ihr Wohlbefinden gefährdet“ (zitiert nach Stroebe & Stroebe, 1998, S. 204). Entscheidend für das Ausmaß des Stressempfindens sind demnach nicht die objektiven Gegebenheiten der Situation oder die tatsächlichen Fähigkeiten der Person, sondern wie die Person das Verhältnis aus Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten subjektiv wahrnimmt und bewertet. Zeitdruck oder Zeitstress ist daher zu unterscheiden von einer mehr oder weniger objektiv gegebenen Zeitknappheit. Die kognitiven Bewertungen (appraisals) sind für die Entstehung von Stress von zentraler Bedeutung. Die sogenannte primäre Bewertung richtet sich auf die Situation und legt fest, ob diese als neutral, positiv oder stressreich eingeschätzt wird. Stressreiche Einschätzungen sind solche, die eine Herausforderung, eine Bedrohung oder eine Schädigung bzw. einen Verlust feststellen. Die sekundären Bewertungen beziehen sich hingegen auf die Fähigkeiten und Ressourcen der Person. Beide Bewertungsarten bestimmen den Grad der subjektiv empfundenen Belastung. An den Bewertungsprozess schließt sich der Bewältigungsprozess an, in welchem die Person versucht, den Stress zu beseitigen, zu reduzieren oder erträglich werden zu lassen. Lazarus und Folkman (1984) unterscheiden dabei zwischen problemorientierten und emotionsorientierten Formen der Bewältigung. Erstere dienen der aktiven Bewältigung des zugrunde liegenden Problems, Letztere hingegen der Regulation negativer Emotionen. Sowohl der Bewertungsprozess als auch der Bewältigungsprozess bieten Anknüpfungspunkte, um interindividuelle Differenzen im Erleben von Zeitdruck zu erklären. Lazarus (1995) gibt dazu selbst Auskunft, indem er das Beispiel aufgreift, dass ein Schnürsenkel in dem Moment reißt, wenn man gerade keine Zeit hat:

„Obwohl – wie auch ich glaube – Menschen in Panik geraten bei Dingen, die im Moment so trivial erscheinen, sind diese Dinge keineswegs trivial, denn sie symbolisieren etwas, was für die Person zentral ist. Der Schnürsenkel mag reißen, aber ein wesentlicher Aspekt des damit verbundenen Stress mag die Implikation sein, dass man sein Leben nicht kontrollieren kann, dass man den dümmsten Kleinigkeiten hilflos gegenüber steht oder – noch schlimmer – dass die eigenen Unzulänglichkeiten das Unglück erst heraufbeschworen haben“ (S. 202).

Die Annahme, dass Zeitdruck als eine Bedrohung der personalen Kontrolle erlebt werden kann, wurde bereits im vorhergehenden Abschnitt angesprochen. Nach Glass (1977) zeichnet sich der A-Typ durch eine hohe Kontrollmotivation aus, d. h. er ist davon überzeugt, dass das Leben grundsätzlich kontrollierbar ist. Temporale Ist-Soll-Diskrepanzen stellen diese Überzeugung infrage und können zu stressreichen Situationsbewertungen führen. Gleichzeitig wird der Zeitdruck zusätzlich dadurch verschärft, dass der A-Typ versucht, das Problem zu lösen, indem er seine Handlungen beschleunigt oder verdichtet. Eine unrealistisch hohe Kontrollüberzeugung dürfte jedoch nicht die einzige Überzeugung sein, die in Bezug auf die Zeit problematisch ist. Gerade die heute so verbreitete und weithin akzeptierte Überzeugung, dass die Zeit eine knappe Ressource ist und daher möglichst nutzenmaximierend verwendet werden sollte, um ein erfülltes Leben zu garantieren, könnte sich als ein Bumerang erweisen, der den Stress im Leben erhöht. Ein solcher Zusammenhang wird von Lüdtke (2000) berichtet. Studierende, deren Umgang mit Zeit durch Planung, Kontrolle und Effizienz charakterisiert war, erlebten häufiger Zeitstress als Personen, die gegenüber der Zeit eine gelassene Haltung hatten.

1.1.4 Zeitstress als Optimierungsproblem: Zeitmanagement

Ein weiterer individuenzentrierter Ansatz zur Erklärung und vor allem zur Lösung von Zeitproblemen ist das Zeitmanagement. Im Zeitmanagementansatz ist eine konsequent ressourcenorientierte Betrachtungsweise der Zeit grundlegend. Daher stellt sich das Problem von Zeitdruck und Stress aus der Perspektive dieses Ansatzes völlig anders dar. Obwohl es sich beim Zeitmanagement um eine teilweise sehr heterogene Ansammlung von Strategien, Tipps und technischen Hilfsmitteln handelt, können doch einige verbindende theoretische Grundpositionen benannt werden, auf die im Zeitmanagementansatz Bezug genommen wird (Eberle, 1994). Zeitmanagement baut auf einem utilitaristischen Zeitkonzept auf. Damit ist gemeint, dass Zeit als ein knappes Gut betrachtet wird, das möglichst nutzenmaximierend eingesetzt werden sollte. Der hohen Anzahl möglicher Handlungen steht immer eine begrenzte Menge verfügbarer Zeit gegenüber. Dies gilt nicht nur für einzelne Handlungen, sondern wird auf die gesamte Lebensspanne übertragen, z. B. indem die statistisch zu erwartende Lebenszeit als persönliches Zeitkapital definiert wird. Aus einer solchen ressourcentheoretischen Betrachtung wird ein rationaler Umgang mit dem persönlichen Zeitkapital als Norm abgeleitet. Dabei bedeutet Rationalität zum einen, dass die Zeitallokation optimiert wird, d. h. das zur Verfügung stehende Zeitbudget soll optimal auf die Aufgaben und Ziele aufgeteilt werden. Zum anderen wird Wert darauf gelegt, dass die Zeit möglichst effizient verwendet wird. Pro Zeiteinheit soll möglichst viel erreicht werden. Entsprechend definiert Seiwert (1995) Zeitmanagement als

„die konsequente und zielorientierte Anwendung bewährter Arbeitstechniken in der alltäglichen Praxis, um sich selbst und die eigenen Lebensbereiche so zu führen und zu organisieren (= ‚zu managen‘), dass die zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll und optimal genutzt wird“ (S. 14).

Damit deutet sich bereits an, dass der Kern des Problems von Zeitdruck und Stress aus Sicht des Zeitmanagementansatzes darin besteht, dass die Person fehlerhaft, also suboptimal handelt, was dadurch zu beheben ist, dass sie durch die Anwendung bestimmter Techniken ihre Zeitrationalität erhöht. Als Ursachen für suboptimales Handeln werden häufig ungünstige Gewohnheiten angeführt, die als Zeitfalle, Zeitverschwender, Zeitdieb oder als Zeitfresser beschrieben werden (z. B. Seiwert, 1995, S. 194ff.). Dazu zählen u. a. keine klare Zielsetzung, fehlende Prioritäten, zu geringe Initiative, nicht nein sagen zu können, mangelhafte Ordnung, nicht delegieren zu können, häufige Störungen durch das Telefon oder eine unzureichend organisierte Kommunikation. Die einzelnen Zeitmanagementtechniken lassen sich unterschiedlichen Phasen zuordnen, die allgemein bei Managementprozessen auftreten (Eberle, 1994; Wehling, Franzen & Schaade, 2000; siehe dazu auch unter 2.3.4.4). So können sie z. B. dazu dienen, die Zielsetzung zu unterstützen oder im Arbeitsalltag die richtigen Prioritäten bei der Erledigung von Aufgaben zu setzen.

Konzentrierte sich das Zeitmanagement bis in die achtziger Jahre vor allem auf den beruflichen Bereich und hier speziell auf die Arbeitskontexte von Führungskräften, so ist es seitdem zunehmend auf andere Lebensbereiche und Lebensabschnitte ausgedehnt worden. So spricht z.B. Seiwert (2000) von einem „ganzheitlichen Zeit- und Lebensmanagement“ (S. 76). Leistung und Erfolg im Beruf haben zwar nicht unbedingt an Bedeutung verloren, wurden aber zunehmend durch andere Aspekte, wie Stressprävention, Lebenszufriedenheit oder Lebensqualität ergänzt. Nach der Logik des Zeitmanagementansatzes ergibt sich die Stress mindernde Wirkung aus dem objektiven Zeitgewinn, der durch die konsequente Anwendung von Zeitmanagementtechniken erwirtschaftet wird. Auf diese Weise soll nicht nur die Zeitknappheit als Ursache von Hektik und Stress vermieden werden, sondern die eingesparte Zeit kann für die Befriedigung anderer Bedürfnisse genutzt werden, was zu einer Erhöhung der Lebenszufriedenheit beitragen soll.

Inwieweit Zeitmanagementtechniken tatsächlich einen empirisch nachweisbaren Beitrag zur Stressprävention leisten, soll an dieser Stelle nicht weiter interessieren, da dieser Punkt unter 2.3.4.4 aufgegriffen wird. Festzuhalten bleibt, dass Zeitstress im Rahmen des Zeitmanagementansatzes durchgängig als individuelles Problem definiert wird. Das gilt sowohl für die Problementstehung als auch für die Problemlösung. Ferner ist anzumerken, dass die erfolgreiche Umsetzung von Zeitmanagementtechniken an eine Reihe von Voraussetzungen gebunden ist. Dazu gehört z. B., dass davon ausgegangen wird, dass die unterschiedlichen Ziele und Aufgaben nicht in Konflikt zueinander stehen bzw. dass Zielkonflikte prinzipiell lösbar sind. Weiterhin erfordert die Umsetzung von Zeitmanagementtechniken ein erhebliches Maß an Umweltkontrolle, aber auch an Selbstkontrolle und Selbstdisziplin.

1.2 Das Problem gedehnter Zeit

Angesichts des weit verbreiteten Gefühls von Hektik, Zeitnot und Stress erscheint es fast anachronistisch, das Erleben gedehnter Zeit als Zeitproblem anzusprechen. Andererseits, wer hat nicht schon einmal erlebt, dass die Zeit zu lang wird und einfach nicht vergehen will? Eine vergleichsweise milde Variante dieses Problems stellt die Langeweile dar. Eine schwere Form ist der Zeitstillstand als Folge längerer Erwerbslosigkeit oder bei depressiven Episoden.

1.2.1 Langeweile – Ein Freizeitproblem?

Das vorübergehende Erleben einer leeren, verlangsamten Zeit ist als Langeweile bekannt. Nach Angaben von Opaschowski (1988) kamen verschiedene Forschungsinstitute übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass sich der Anteil der Bevölkerung, der über Langeweile klagt, von 18 % Mitte der fünfziger Jahre auf ca. 36 % Mitte der achtziger Jahre erhöht hat. Gegenwärtig erfährt das Problem der Langeweile jedoch wenig Aufmerksamkeit.

Die Forschung zur Zeitwahrnehmung hat gezeigt, dass ein gedehntes Zeiterleben durch leichte und monotone Aufgaben, Warten unter hoher Anspannung, hohe Aufmerksamkeit auf die Zeit, aber auch durch Desinteresse begünstigt wird (Hinz, 2000, S. 94). Demnach können die Ursachen für Langeweile sowohl von der Situation herrühren als auch von der Person selbst. Monotone Aufgaben können das Entstehen von Langeweile begünstigen, weil sie ein niedriges Anregungspotential beinhalten, welches das Aktivitätsbedürfnis der Person nicht genügend erfüllt. Freedman und Edwards (1988) fanden heraus, dass bereits eine Erhöhung des geforderten Arbeitstempos bei der Bearbeitung einfacher Anagramm-Aufgaben ausreicht, um das Erleben von Langeweile zu reduzieren. Auf der Seite der Person wird das Gefühl der Langeweile vor allem auf einen Mangel an Interesse und Zielstrebigkeit zurückgeführt (Opaschowski, 1988, S. 150). Der gelangweilte Mensch kann daher zu keiner Aktivität finden. Aus dieser Perspektive erscheint Langeweile nicht einfach nur als gedehnte oder verlangsamte Zeit, sondern als ein Misslingen, verfügbare Zeit durch selbstbestimmtes Tun zu gestalten und sich dadurch anzueignen. Besonders aufdringlich wird das Problem der Langeweile, wenn die Zeit nicht durch externe Aufgaben strukturiert und gefüllt wird: in der Freizeit. Langeweile gilt daher als ein typisches Freizeitproblem (Müller-Wichmann, 1984; Vester, 1988). Opaschowski (1988) argumentiert, dass Zeit, die mit monotoner Arbeit verbracht wird, immer noch als sinnvoll erlebt werden kann, weil es sich um bezahlte Zeit handelt, die der ökonomischen Absicherung des Lebens dient. Eine langweilige Freizeit hingegen wird als belastend wahrgenommen, weil sie als verlorene Lebenszeit bewertet wird. Diese Überlegungen und Befunde sprechen zunächst dafür, Langeweile als ein individuelles Zeitproblem zu betrachten. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass die Freizeit zu den sozialen Zeitinstitutionen gehört, die sich in der Moderne herausgebildet haben. Damit ist ein Grund gegeben, Langeweile nicht ausschließlich als ein individuelles Problem zu behandeln, sondern sie in Abhängigkeit von den strukturellen und funktionalen Rahmenbedingungen dieser sozialen Zeitinstitution und ihren Veränderungen zu betrachten. Aus dieser Makroperspektive ist auf zwei Aspekte hinzuweisen, die zum Entstehen von Langeweile beitragen können.

Erstens ist zu beachten, dass der Freizeitanteil am gesamten Zeitbudget in der Vergangenheit stetig gestiegen ist. Für diese Zunahme ist ein für moderne Gesellschaften charakteristischer Strukturwandel im Verhältnis von Erwerbstätigkeit und Freizeit verantwortlich, wobei es auf der einen Seite zu einer kontinuierlichen Zunahme frei zur Verfügung stehender Zeit kam und auf der anderen Seite derjenige Lebenszeitanteil abgenommen hat, der durch Erwerbstätigkeit oder durch andere Pflichten, wie z. B. Haushaltstätigkeiten, beansprucht wird. Ablesbar ist dieser Strukturwandel u. a. an der Verlängerung des Jahresurlaubs, der Verkürzung der Wochenarbeitszeit, aber auch an der sinkenden Erwerbstätigenquote sowie der durch technische Innovationen z. B. im Haushalt erzielten Zeitgewinne (Garhammer, 1999). Diese Zunahme des Freizeitumfanges stellt die Person vor die Aufgabe, die zusätzliche Zeit durch Tätigkeiten zu strukturieren und auszufüllen, die allein der persönlichen Initiative entspringen. Bereits in den siebziger Jahren formulierten Freizeitforscher in diesem Zusammenhang die Vakuum-Hypothese (für eine kritische Würdigung siehe Müller-Wichmann, 1984), wonach die Freizeitverlängerung viele Menschen überfordert, weil entsprechende Freizeitkompetenzen, die ein selbstbestimmtes Handeln voraussetzt, nicht ausreichend entwickelt sind. Die vermehrte Freizeit wird nicht als Zuwachs an Zeitwohlstand erfahren, sondern hinterlässt ein Vakuum. Freizeitprobleme, wie Langeweile, übermäßiger Fernsehkonsum, Drogenmissbrauch etc. wurden als Folge dieses Vakuums interpretiert.

Ein zweiter gesellschaftlicher Aspekt, der Langeweile begünstigen könnte, ist der Einfluss von Arbeits- und Freizeitwerten. Zum einen ist die Freizeit kein autonomer Lebensbereich, sondern steht in einem engen Verhältnis zur Arbeitswelt. Vester (1988, S. 40) spricht davon, dass die Freizeit durch die Arbeit überschattet wird. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Schwarzarbeit, bei der Freizeit durch irreguläre Arbeit in Arbeitszeit rückverwandelt wird. Es ist daher zu erwarten, dass protestantisches Arbeitsethos und ökonomische Zeitrationalität als charakteristische Werte der Arbeitswelt auf den Freizeitbereich ausstrahlen. Auf der Basis dieser Werte wird Nichtstun als Verschwendung kostbarer Lebenszeit bewertet und kann nur noch negativ, d. h. als Langeweile, aber nicht mehr als Muße erlebt werden. Zum anderen hat die Freizeit mit dem Wandel zu postmodernen Werten als derjenige Ort an Bedeutung gewonnen, an dem sich das Individuum selbst verwirklichen kann. „Die private Freizeit, und nicht die öffentliche Zeit ist die soziale Institution, die diesem Wert [der Selbstverwirklichung] Raum gibt“ (Garhammer, 1999, S. 479). Damit erhöht sich jedoch auch der Erwartungsdruck, der sich an die Freizeitgestaltung richtet. Opaschowski (1988) argumentiert, dass ein solcher Druck, dass die Freizeit „es bringen muss“ (S. 154) das Risiko für Enttäuschungen erhöht, was Inaktivität und Langeweile nach sich ziehen könnte.

Aus heutiger Sicht erscheint die Annahme, dass Langeweile infolge des Wandels zu einer Freizeitgesellschaft epidemisch zunehmen könnte, als überholt. Insbesondere die Zukunftsprognosen zur Freizeitverlängerung haben sich weitestgehend nicht erfüllt. Inzwischen steht die Verlängerung von Arbeitszeiten wieder auf der politischen Agenda. Die von Garhammer ausgewerteten Zeitbudgetstudien zeigen, dass die Freizeit eines voll Erwerbstätigen zwischen 1965 und 1992 nur von 4.0 auf 5.2 Stunden pro Berichtstag gestiegen ist und in den neunziger Jahren stagnierte (Garhammer, 1999, S. 441). Auch die durch neue Technologien erzielten Zeitgewinne haben sich als trügerisch erwiesen. Statt den Zeitwohlstand zu erhöhen, haben sie eher zu einer weiteren Beschleunigung und Zeitverknappung beigetragen. Rosa (2003) führt dies darauf zurück, dass neue Technologien die Anzahl möglicher Handlungsoptionen stark erhöhen, aber nur in begrenztem Umfang helfen, Zeit einzusparen. Eine solche, nicht nur technologisch bedingte Disparität zwischen dem Wachstum an Zeitverbringungsmöglichkeiten auf der einen Seite und dem vorhandenen Zeitbudget auf der anderen Seite scheint für den Freizeitbereich besonders typisch zu sein. Aufgrund dessen ist der Freizeitstress und nicht die Langeweile zum dominanten Freizeitproblem geworden. Allerdings ist zu beachten, dass sich einzelne soziale Gruppen zum Teil erheblich in ihrem Freizeitumfang voneinander unterscheiden. Eine Lebenslage, die für die Betroffenen zwar mit einem Höchstmaß an freier Zeit einhergeht, zugleich aber durch Langeweile und Zeitstillstand charakterisiert ist, ist die Erwerbslosigkeit. Dieser Situation werden wir uns jetzt zuwenden.

1.2.2 Entschleunigung durch Arbeitslosigkeit

„Wer weiß, mit welcher Zähigkeit die Arbeiterschaft seit den Anfängen ihrer Organisation um die Verlängerung der Freizeit kämpft, der könnte meinen, dass in allem Elend der Arbeitslosigkeit die unbegrenzte freie Zeit für den Menschen doch ein Gewinn sei. Aber bei näherem Zusehen erweist sich diese Freizeit als tragisches Geschenk“ (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel, 1933/1975, S. 83).

Mit diesen Worten beginnen Jahoda et al. in ihrer bekannten Studie über die Arbeitslosen von Marienthal aus dem Jahr 1933 ihren Bericht über die Veränderungen im Zeiterleben der Marienthaler. Ein zentraler Befund war die dramatische Verlangsamung des Lebensrhythmus. Nichtstun und Langeweile beherrschten den Tag. Dies zeigte sich z. B. in der Geschwindigkeit, mit der sich Passanten auf der Dorfstraße bewegten. Öfters blieben die Menschen einfach stehen oder bewegten sich nur sehr langsam fort. Die gemessene durchschnittliche Gehgeschwindigkeit betrug nur 3.9 km/h. Der Stillstand zeigte sich auch in den durchgeführten Zeitbudgetstudien an dem völligen Mangel an zeitfüllenden Aktivitäten. Ein 33-jähriger Arbeitsloser schrieb in den Zeitprotokollbogen: „Einstweilen wird es Mittag“ (Jahoda et al. 1975, S. 84). Pünktlichkeit und Zeiteinteilung erschienen zunehmend überflüssig und sinnlos, die zeitliche Strukturierung der Tagesabläufe verarmte und die Orientierung an der Uhrzeit wurde aufgegeben. Auch die zeitlichen Perspektiven schrumpften. Die Zukunft erschien unkontrollierbar und ohne Hoffnung auf Besserung. Lebenspläne wurden nicht mehr entwickelt. Denken und Handeln beschränkten sich auf die unmittelbaren Bedürfnisse des täglichen Lebens, wie Essen oder Schlafen. Diese umfassende Zeitproblematik erwerbslos gewordener Menschen ist seitdem wiederholt bestätigt worden (Mohr, 1997; Schumacher, 1986).

Erwerbstätigkeit dient zwar zuerst der ökonomischen Absicherung des Lebensunterhaltes, darüber hinaus erfüllt die Arbeit jedoch noch andere Funktionen. Jahoda (1983) nennt neben der ökonomischen Absicherung fünf latente Funktionen, die quasi als Nebenprodukt der modernen Organisationsform von Arbeit entstanden sind und die der Arbeit eine Bedeutung verleihen, die weit über den rein ökonomischen Aspekt hinausgeht. Erstens erweitert Arbeit die Bandbreite der sozialen Beziehungen über den Kreis der eigenen Familie hinaus. Zweitens bindet die Arbeit das Individuum an kollektive Ziele, die sinnstiftend wirken. Drittens weist die Arbeit dem Individuum einen sozialen Status zu und trägt dazu bei, die persönliche Identität zu formen. Viertens fordert sie regelmäßige Aktivität und fünftens strukturiert sie die Zeit. Die zeitliche Organisation der Arbeit in Arbeitstage, Arbeitswochen, Arbeitsjahre und die Lebensarbeitszeit ist eine soziale Zeitordnung von zentraler Bedeutung. Zum einen ermöglicht sie die Entwicklung von Alltagsroutinen und zum anderen strukturiert sie den Lebenslauf und schafft dadurch Sicherheit, Stabilität und Planbarkeit des Lebens. Wacker (1976) spricht in diesem Zusammenhang von der Zeit als einem „Gehäuse, in dem sich Vornahmen, Wünsche, Pläne und Handlungen einlagern“ (S. 114) können. Mit der Erwerbslosigkeit entfällt also zugleich eine wesentliche Zeitstruktur, auf die sich das Handeln der Person bis dahin stützen konnte. Nach Wacker wird die Situation zusätzlich dadurch erschwert, dass erwerbslos gewordene Personen weiterhin in einer Umwelt leben, die durch die Arbeitszeitinstitutionen und die moderne Zeitrationalität bestimmt werden. Die freie Zeit, über die Erwerbslose verfügen können, ist daher nur ein hypothetischer Gewinn. Subjektiv wird sie als Zeitverlust erlebt, da es sich um eine abstrakte, leere Zeit handelt, die der eigenen Verfügung entzogen zu sein scheint. Ohne das Gehäuse der mit der Arbeit verbundenen Zeitordnung wird die Zeit zu einem unstrukturierten Kontinuum, an dem die vertrauten Handlungsroutinen und die persönliche Initiative nicht mehr ohne weiteres ansetzen können. Diese abstrakte Zeit kann nicht mehr als sinnvoller Bestandteil der eigenen Biographie interpretiert werden. Dass diese Schwierigkeit durchaus bewusst erlebt werden kann, verdeutlicht folgende Aussage eines arbeitslosen Marienthalers: „Ich hab früher weniger Zeit für mich gehabt, aber mehr für mich getan“ (Jahoda et al., 1975, S. 86).

Bereits früh wurde erkannt, dass die Zeitproblematik Erwerbsloser sich unterschiedlich stark ausbilden kann, was für den moderierenden Einfluss von Drittvariablen spricht. In der Marienthalstudie unterschied das Forscherteam vier verschiedene Haltungstypen, die sich als Reaktion auf die Arbeitslosigkeit herausbildeten: die Ungebrochenen mit einem Anteil von 16 %, die Resignierten (48 %), die Verzweifelten (11 %) und die Apathischen (25 %). Während es den Ungebrochenen gelang, Aktivität und Zukunftspläne aufrechtzuerhalten, nahm die Schwere des erlebten Zeitstillstandes über die übrigen Haltungstypen zu. Ein weiterer Unterschied war zwischen Männern und Frauen festzustellen. Während bei den Männern der Zeitverfall besonders stark war, gelang es den Frauen trotz Verlust der Arbeit, die negativen Auswirkungen zu begrenzen. Jahoda et al. (1975) erklärten dies damit, dass die Frauen den Verlust des Zeitgebers Arbeit dadurch kompensieren konnten, dass sie weiterhin mit der Führung des Haushaltes beschäftigt waren. Diese Haushaltstätigkeiten boten viele zeitliche Orientierungspunkte und verpflichteten zu regelmäßigem Handeln und ermöglichten so ein Festhalten an der Zeit.

1.2.3 Zeitstillstand in der Depression

Bereits seit den Anfängen der modernen Psychiatrie ist bekannt, dass es bei Menschen, die unter einer Depression leiden, zu einer Verlangsamung körperlicher und geistiger Aktivitäten kommt:

„Die Entschlussunfähigkeit kann ins Unglaubliche wachsen; eine Patientin kann ihren Platz am Tisch ändern wollen, den Stuhl aufheben und dann eine halbe Stunde brauchen, ob und wo sie ihn niederstellen soll. Die Bewegungen werden mühsam, langsam, kraftlos. Die Glieder sind schwer ‚wie Blei‘. Bewegungen kosten ebenso viel Anstrengung wie das Denken“ (Bleuler, 1916/1983, S. 474).

Diese Verlangsamung lässt sich deutlich an der Gangcharakteristik depressiv gestimmter Personen erkennen. Lemke, Wendorff, Mieth, Buhl und Linnemann (2000) verglichen die Gehgeschwindigkeit und weitere Gangparameter von 16 Patienten, welche die diagnostischen Kriterien der Major Depression nach dem DSM IV4 erfüllten, mit 16 nach Alter und Geschlecht paarweise zugeordneten Gesunden. Die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit der depressiven Patienten war deutlich niedriger (1.25 m/s gegenüber 1.48 m/s). Die Ganganalyse zeigte, dass die Patienten einen kürzeren Gangzyklus und eine längere Standphase hatten. Bader und Hell (2003) berichten ähnliche Ergebnisse. Sie untersuchten die frei gewählte und die maximale Gehgeschwindigkeit bei 20 Patienten, die an einer mittelschweren bis schweren depressiven Episode litten und verglichen sie mit 20 paarweise zugeordneten gesunden Personen. In der Patientengruppe waren sowohl die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit (1.13 m/s gegenüber 1.6 m/s in der Kontrollgruppe) als auch die maximale Gehgeschwindigkeit (1.6 m/s gegenüber 2.09 m/s) deutlich niedriger. Atzwanger und Schmitt (1997) konnten zeigen, dass die Verlangsamung der Gehgeschwindigkeit nicht nur bei klinisch auffälligen Personen zu beobachten ist. Nachdem sie unauffällig die Gehgeschwindigkeit zufällig ausgewählter Passanten in Wien gemessen hatten, baten sie diese, das Beck Depression Inventory (BDI) auszufüllen. Dabei zeigte sich, dass bereits Passanten mit subklinischen BDI-Werten deutlich langsamer gingen als Passanten mit unauffälligen Werten.

Neben der Verlangsamung körperlicher Bewegungen ist auch der innere Antrieb gehemmt. Es fehlt an geistiger Bewegung. Der Depressive hat Probleme bei der Bewältigung alltäglicher Anforderungen, fühlt sich überfordert und entschlussunfähig, vermeidet die Übernahme von Verantwortung, persönliche Initiative und Interessen erlahmen. Das Denken erscheint mühsam und ist ideenlos. Auch das Zeiterleben ist verändert. Der Depressive erlebt die vor ihm liegende Zeit als endlos gedehnt, die Zukunft erscheint versperrt und ohne jede Hoffnung, die Vergangenheit wird hingegen oft übermächtig. Je mehr sich die Hemmung verstärkt, um so mehr verlangsamt sich das Tempo der inneren Zeit bis zum Stillstand. Gebsattel (1954) spricht von einer allgemeinen Werdenshemmung.

Wie ist die Zeitproblematik im Rahmen einer depressiven Episode zu erklären? Zur Depression existiert eine Reihe von Erklärungsansätzen, wobei zwischen biologischen und psychologischen Modellen unterschieden werden kann. Ein biologischer Ansatz, der an dieser Stelle wegen seiner inhaltlichen Nähe zur Zeitthematik zu erwähnen ist, ist die Annahme einer Störung in der zirkadianen Rhythmik, d. h. der zeitlichen Rhythmik körperlicher Prozesse. Diese Störung kann z. B. darin bestehen, dass die zirkadiane Rhythmik der objektiven Zeit vorauseilt oder dass es zu einer internen Desynchronisation zwischen dem Rhythmus der Körpertemperatur, an den Stoffwechsel und Energiehaushalt gekoppelt sind, und des Schlaf-Wach-Rhythmus kommt (Heimann, 1983; Meier-Koll, 1995). Heimann (1983) lässt zwar offen, inwieweit die Destrukturierung der zirkadianen Organisation biologischer Funktionen für den depressiven Zustand pathogenetisch bedeutsam ist, stellt aber die Hypothese auf, dass zumindest die Störungen der Ich-Zeit auf diese Destrukturierung zurückzuführen sind, da die zirkadiane Organisation seiner Ansicht nach die Basis für das subjektive Zeiterleben bildet.