Bereicherte Ausgabe. Eine kritische Analyse der Zeit und des Raums in der Literatur des 19. Jahrhunderts
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
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Zeitbetrachtung.
Geschieht nicht, was wir wollen, so wird doch geschehen etwas, das besser ist, denn wir warten auf ein zukünftiges Reich, wenn hier alles fehlgegangen ist.Luther. 30. Juni 1530.
In die großen Entscheidungskämpfe hineingestellt, da es sich weniger mehr um die Religion der Zukunft als um die Zukunft der Religion überhaupt handelt und ein Mann wie der Leipziger Historiker Lamprecht als Ertrag der immer größeren Näherung der Nationen und ihrer Kultur nicht die kleinliche Berücksichtigung und Verwertung der öden und bedeutungslosen Streitigkeiten in der Christenheit bezeichnet, sondern die Verallgemeinerung der großen, die Welt aller Zeiten erfüllenden ethisch-religiösen Gedanken, woher sie auch kommen und wie gestaltet sie auch sein mögen, eine nicht der Christenheit allein, ja ihr nicht einmal zunächst und vornehmlich zugehörende Weltmissionierung begrüßt,– in solche Fragen, deren Austrag ja dem Glauben in alle Wege feststeht, mit den Sorgen und Wünschen für Volk und Kirche hineingestellt kann der Einzelne, so sehr er sich bemühen mag, die Vielheit der Erscheinungen zu erfassen und aus einheitlichen Gesichtspunkten zu ordnen, nur schwer hindurchfinden und muß sich genügen lassen, das hervorzuheben, was ihm besondere Beachtung abnötigt und darum zu verdienen scheint. Aber auch diese Behandlung der Dinge nach und an symptomatischen Erscheinungen, die wie Scheinwerfer weitverzweigte und in kaum aufspürbaren Hintergrund sich verlierende Bewegungen erleuchten können, hat
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| ihre großen Bedenken. Denn wer bürgt dafür, daß diese Einzelvorgänge recht aufgefaßt wurden, daß– man denke nur an die differierenden Berichte über die Austrittsbewegung in Berlin und anderwärts, wo der Wunsch nach Zahlen der Vater ihrer Feststellungen ist– mit objektiver Wahrheit berichtet ward? Es ist aber nicht nur den Gegnern des alten Glaubens, wenn dieses mir unsympathische Wort nun doch gebraucht werden will, zur Last zu legen, daß sie wahrnehmen, was sie sehen, und berichten, wie sie es aufgefaßt wissen wollen, sondern auch auf unserer Seite, die doch völlig der Wahrheit, nicht wie sie dem Empfinden sich gibt, sondern gerade dann, wenn sie ihm widerspricht, dienen will und soll, wird gefehlt. Die Presse, die mit heiligem Ernste und lautrem Eifer Gottes Reich in alter Weise mit neuen Mitteln fördern will, muß vor allem sich befleißen, Einzelvorgänge im gegnerischen Lager nicht auf sich gestellt sein zu lassen und in solcher Isoliertheit einzuschätzen, sondern das ihnen einwohnende Wahrheitsmoment noch zu erforschen und dessen zu gedenken, daß nicht unbedingt innerlich logische Folge ist, was in zeitlicher Darauffolge sich entwickelte: non semper propter hoc, quod post hoc[1q]. Welche Gedanken müßten sonst der Reformation, der Evangelisierung, ja der apostolischen Tätigkeit selbst entgegenstehen! Eben weil wir vor Gott mit unserem Urteil bestehen wollen, müssen wir die Symptome ernstlich prüfen, ehe wir aus ihnen allgemeine Werturteile deduzieren.
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Nur ein Beispiel. Mit Recht ist bisher darauf hingewiesen worden, daß der sog. liberale Protestantismus, das dogmenlose Christentum, in der äußeren Mission wenig ausrichte. Bald drei Jahrzehnte hat der „Allgemeine evangelisch-protestantische Missionsverein“ hinter sich und konnte trotz seiner gewiß in weiten Kreisen geteilten Grundanschauungen von Duldung, Ehrung, Hereinnahme verfeinerter heidnischer Ideen es doch nur auf sieben Missionare (von 920 deutschen) und auf 130000Mark Jahreseinnahme gegenüber 81/2Millionen der alten deutschen Missionsgesellschaften bringen. Aber bei der Aufteilung der sog. Missionsnationalspende wurde man inne, daß eine verhältnismäßig große Summe für die liberale Mission gegeben wurde, und wird vorsichtiger in dem Urteil sein müssen, daß diese keinen Boden finde, obwohl sie reichlichen haben könnte. Matth. 7, 15ff. lehrt Christus erst die Regelmäßigkeit von Symptomen
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| erfassen, ehe das Urteil gefällt wird, und erst aus der an einer Reihe von Erfahrungen erwachsenen Anschauung heraus scheiden und entscheiden. Wenn aber die Kennzeichen klar vorhanden sind, so kann und soll man urteilen. Würde, um dafür ein Beispiel zu nennen, vor 15Jahren gegen gewisse Abbiegungen in der deutschen Gemeinschaftsbewegung, die deutlich und kennbar genug zutage traten, gegen die unevangelische Auffassung von Kirche und Heiligung mit ernster Absage aufgetreten worden sein, so wäre die Pfingstbewegung mit ihren oft schauerlichen Verirrungen nicht gekommen.
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So sei es versucht, die, je öfter sie erfüllt werden soll, desto schwerer erscheinende und werdende Arbeit zu unternehmen und eine kirchliche Übersicht über das zu Ende gehende Jahr zu schreiben, aus der etliche Gedanken über die Gestaltung der Zukunft von selbst sich ergeben. Das Jahr 1913 war ein Jubiläumsjahr, und das sollte ihm eine gute Vorbedeutung sein. Denn ein geschichtsloses Volk wird die Beute des zwingenden Augenblicks: es hat nichts gelernt, alles vergessen. So trägt die Stunde wie einen Raub fort, was die Jahrhunderte als Besitz erworben und gelassen haben. Israels Weltstellung bleibt durch sein Gedächtnis und dessen treue Pflege gesichert; weil es in der Geschichte lebt, hat es Geschichte. Als die antiken Völker über geschichtliche Begeisterung als über eine jugendliche Naivität lächelten, da verloren sie ihr Anrecht an die Geschichte. Wer nicht feiern will, kann nicht arbeiten und wer nicht denkt, dankt nicht[2q]. Bei Gedankenlosen aber findet man weder Herz noch Mut. Man braucht nicht in Byzantinismus versunken zu sein– ruere vile in servitium schreibt Tacitus von den Zeiten des Tiberius– um mit Dank an die Kaisertage im Juni sich zu erinnern, da dem Kaiser gehuldigt ward, daß er als ein Hort des Friedens und ein Schutzherr der Friedenswerke dem deutschen Volke sich erzeigte, die christliche Weltanschauung in ihren Grundzügen fest bekannt und ins häusliche und berufliche Leben hereingenommen hat. Es war nicht eigentlich höfisches Gepränge, sondern die Feier trug familienhafte Züge. Dem monarchischen Prinzipe huldigte ein Volk, das trotz vieler Gegensätze und Gegenströmungen unter ihm am besten sich geborgen weiß. Mächtiger, gewaltiger redeten die Feiern von Kelheim und Leipzig. Die deutschen Fürsten, um den Kaiser versammelt, dankten mit ihrem