Zeitbrüche - Anton Sterbling - E-Book

Zeitbrüche E-Book

Sterbling Anton

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Beschreibung

Europa und die Bundesrepublik Deutschland sind gegenwärtig von mehreren, sich überlagernden Krisen herausgefordert, die zumindest teilweise als Ergebnisse vorgängiger politischer Irrtümer und Fehlentscheidungen wie auch des fragwürdigen Einflusses alter und neuer Ideologien erscheinen. Darauf beziehen sich die sozialwissenschaftlichen und ideologiekritischen Analysen dieses Bandes. Im ersten Teil des Buches geht es um europäische Fragen, um eine in bedenklicher Weise „wiedererwachte Geschichte“ sowie um Probleme der Europäischen Union und ihrer Grenzen. Im zweiten Teil werden spezifische Aspekte der Sprache, der ideologisch geleiteten Sprachpolitik und entsprechender Sprachmanipulationen wie auch die gegenwärtige Krise lebensweltlicher, wissenschaftlicher und religiöser Wissenssysteme unter ideologiekritischen und wissenssoziologischen Gesichtspunkten thematisiert. Im dritten Teil werden Probleme der Wahrnehmung des Terrorismus und der inneren Sicherheit wie auch Anpassungserfordernisse von Rechtsnormen vor dem Hintergrund von Massenzuwanderungen und des damit einhergehenden Wertewandels behandelt. Zudem werden wichtige Thesen zu einer konsequent freiheitlich-liberalen Gesellschaftsentwicklung in Deutschland zur Diskussion gestellt.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2023

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ibidem-Verlag, Stuttgart

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Europäische Fragen und die Grenzen der Europäischen Union

Die „wiedererwachte Geschichte“. Ein Problem der Sicherheit, Demokratieentwicklung und politischen Kultur im östlichen und südöstlichen Europa?

Donauraum und Mitteleuropa. Über imaginäre und reale Grenzen in Europa und Lehren für die Europäische Union

Zur Problematik der sozialen Sicherung im europäischen Sozialraum aus institutionentheoretischer Sicht

II. Sprache und Ideologie – ideologiekritische und wissenssoziologische Zugänge

Die Unvernünftigen sterben nicht aus Sprache, Rassismus und Vernunftlosigkeit

Zur Rat- und Antwortlosigkeit der Gesellschaft. Eine wissenssoziologische Annäherung

III. Terrorismus, Sicherheit, liberale Politik

Wahrnehmung des Terrorismus durch die Bürger.Eine Betrachtung längerfristiger Entwicklungen

Das Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit vor dem Hintergrund neuer Bedrohungslagen

Sechs Thesen zu gegenwärtigen Zeitfragen aus freiheitlich-liberaler Sicht

Einführung

Aus der Sicht der historischen Osteuropaforschung kamen der völkerrechtswidrige Überfall der Ukraine durch Russland und der damit einhergehende opferreiche und zerstörerische Angriffskrieg nicht ganz unerwartet. Bereits früh, mit dem Niedergang des Kommunismus im östlichen Europa, konnte man die Ambivalenzen einer „wiedererwachten Geschichte“1 mit teilweise ausgeprägt nationalistischen und geschichtsrevisionistischen Neigungen und territorialen Veränderungsbestrebungen erkennen. Der Zerfall der Sowjetunion, der Auseinanderfall der Tschechoslowakei und die friedliche Trennung der Tschechischen Republik und der Slowakei sowie die Kriege und der Zerfall Jugoslawiens waren deutliche Anzeichen dessen.2

Zugleich waren der nahezu überall in Gang gekommene Demokratisierungsprozess wie auch die spätere Aufnahme einzelner ost-, ostmittel- und südosteuropäischer Staaten in die Europäischen Union mit weitreichenden Hoffnungen eines konsolidierten und letztlich auch erfolgreichen Demokratisierungs- und Modernisierungsverlaufs verbunden. Dass der historische Wandel im östlichen Europa, im Zusammenhang mit globalen Entwicklungen und Krisen auch noch andere, problematische Seiten erkennen ließ, wurde ebenso falsch eingeschätzt wie die Krisenanfälligkeit der Globalisierung, der internationalen Geschehnisse im außereuropäischen Raum oder des Euro,3 der gemeinsame Währung einer Reihe europäischer Staaten. Sodann kam Ende des Jahres 2019 und in der Folgezeit auch noch die Coronapandemie4 mit ihren krisenhaften und krisenerzeugenden Folgeproblemen hinzu. Und Anfang des Jahres 2022 der gewaltenthemmte Überfall der Ukraine durch Russland unter Berufung auf kaum stichhaltige, konstruierte Gründe wie auch „historische“ Rechtfertigungen.

Die Politik, die regierenden und anderen verantwortungstragenden Parteien wie auch führende Politiker in Deutschland wurden von alldem weitgehend überrascht und sind gezwungen worden, gravierende politische Fehleinschätzungen, Irrtümer und Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre einzuräumen und auf mehreren zentralen Feldern der Politik, insbesondere der Außen- und Sicherheitspolitik, aber auch der Wirtschafts-, Außenhandels- und Energiepolitik eine „Zeitenwende“, ein Umdenken und Umsteuern einzuleiten. Ob dies ausreichend konsequent sein wird, bleibt abzuwarten.

Die aktuellen Entwicklungen, die in machen Hinsichten an die Erkenntnisse zum Vorfeld des Ersten Weltkriegs aus dem Band Christopher Clarks „Die Schlafwandler“5 erinnern, sind allerdings nur ein unmittelbarer Anlass und Ausgangspunkt dieses Buches. „Zeitbrüche“ als dessen Titel mit dem Untertitel „Politische Irrtümer, Krisen und der Einfluss alter und neuer Ideologien“ will zudem einer gesellschaftlichen und politischen Lagedeutung und einem Zeitgefühl Ausdruck geben, das nicht nur die Verkettung politischer Irrtümer und Fehlentscheidungen und europäischer und weltweiter krisenhafter Verwerfungen erfasst, sondern ebenso Verschiebungen in den „Tiefenstrukturen“ unserer heutigen Gesellschaft6 und die damit einhergehenden Unberechenbarkeiten, Irritationen und Ratlosigkeiten thematisieren möchte.

Man kann aus psychologischer Sicht – so ähnlich wie bei anderen Zivilisationsbrüchen im 20. Jahrhundert – auch von einer „Realitätskrise“, von einem schwindenden Gefühl der Rationalität und des Realismus sprechen, das sich vor dem Hintergrund dieser neuen politischen Entwicklungen wie auch des massiven Vordringens alter und neuer Ideologien einstellt, durch die die Dynamik des abrupten und disparaten Wandels angetrieben oder zumindest beschleunigt werden. Wenn Peter Handke vor vielen Jahren einem seiner Stücke den prophetischen Titel: „Die Unvernünftigen sterben aus“ gab,7 so müssen wir dem heute desillusioniert entgegnen: „Nein, die Unvernünftigen sterben nicht aus.“ Dabei sind es keineswegs nur die Irrationalitäten der Machtpolitik im östlichen Europa, die sich in der gezielt entfesselten Aggressivität und militärischen Eskalation Russlands zum Ausdruck bringt, und nicht allein die anscheinend nahezu überall zunehmende individuelle Unvernunft, der man allenthalben begegnet, oder die völlig abwegigen und bizarren weltanschaulichen Verirrungen und Entgleisungen kleiner sektenartiger Gruppierungen; nein, es sind mächtige Ideologien und Weltanschauungen und ihre bedenklich um sich greifenden Verbreitungsformen, die Menschen massenhaft unter ihren Einfluss zu bringen oder in ihren Bann zu ziehen scheinen und ihnen nicht nur fragwürdige, sondern auch falsche, irregeleitete und vielfach wohl in den Niedergang des gegebenen Wohlstandes und der Sicherheit führende Richtungen weisen oder vorgeben.

Die Geschichte der Menschheit zeigt zwar eindrucksvoll, dass Menschen zu kollektivem Lernen fähig sind, dass sie ihre Fehler häufig einsehen und diese oder zumindest deren Folgen durchaus reparieren können; sie lässt uns aber ebenso erkennen, dass diese historischen Vorgänge mühsam sind und nicht selten mit gravierenden neuen Irrtümern, Rückschlägen, Entwicklungsbrüchen oder Sackgassen, mit neuen Entwicklungsdilemmata einher gehen,8 also keineswegs zielgeleitet oder gradlinig oder bruchlos erfolgen. Daher gehören zur Rationalität einigermaßen erfolgreicher gesellschaftlicher Entwicklungen notwendig auch geschärfte kritische Sensibilitäten, Fähigkeiten und Vorkehrungen, Irrwege und Fehlentwicklungen zu erkennen sowie Korrekturen einzufordern und in die Wege zu leiten.9

Dies ist nicht nur ein wesentliches Aufgabenfeld der Politik, sondern auch und wahrscheinlich mehr noch der wissenschaftlichen Erkenntnispraxis und des intellektuellen Denkens und Handelns. In diesem Sinne verstehen sich die in diesem Band versammelten Beiträge als kritische Reflexionen und Analysen gesellschaftlicher Entwicklungen und möglicher oder offenkundiger Fehlentwicklungen und vor allem als ideologiekritische Unterfangen in diesem Kontext.

* * *

Im ersten Teil des Buches geht es um europäische Fragen, um eine „wiedererwachte Geschichte“, um Probleme der Europäischen Union und ihrer Grenzen im mehrfachen Sinne.10 Im ersten Beitrag wird das „Wiedererwachen der Geschichte“ nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft im östlichen und südöstlichen Europa vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Instrumentalisierung von historischen Mythen zur Rechtfertigung des Überfalls der Ukraine durch Russland behandelt. Das zweite Kapitel „Donauraum und Mitteleuropa“ sucht die realen und imaginären Grenzen des so bezeichneten Gebildes11 zu erfassen und es als historischen Gegenstand und politische Sinnprojektion zu erläutern und dabei auch für eine kritische Analyse der Entwicklungsprobleme und Perspektiven der Europäischen Union nutzbar zu machen. Ebenso wie es reale Staatsgrenzen als Ergebnis oft langfristiger und schwierig verlaufender Prozesse der Staaten- und Nationenbildung und nicht nur – wie manche „radikal konstruktivistisch“ denkende Wissenschaftlicher meinen – imaginäre gesellschaftliche Einheiten gibt, muss man zugleich im Denken verfestigte imaginäre Grenzen als oft wichtige Orientierungspunkte und Beweggründe des menschlichen Handelns in Rechnung stellen. Grenzen sind demnach ein in jeder Hinsicht „sensibler“ Gegenstand, den man nicht mit leichtfertigen Argumenten eines allgemein unterstellten „Konstruktivismus“ abtun sollte,12 zumal Grenzen zwar auch, aber eben nicht nur imaginäre „Konstruktionen“ der sozialen Wirklichkeit sind.

Der Beitrag „Zur Problematik der sozialen Sicherung im europäischen Sozialraum aus institutionentheoretischer Sicht“ geht auf gegenwärtig sich aufdrängende Funktions- und Bestandsprobleme der Europäischen Union aus institutionenanalytischer Sicht am Beispiel des europäischen Migrations- und Sozialraums näher ein. Wohlfahrtsstaatliche Leistungen und Einrichtungen der sozialen Sicherung werden dabei besonders beachtet und als problematische, institutionell noch recht unzureichend abgestimmte Gegebenheiten der Europäischen Union betrachtet.

Im zweiten Teil werden spezifische Aspekte der Sprache und Ideologie unter ideologiekritischen und wissenssoziologischen Gesichtspunkten thematisiert. „Die Unvernünftigen sterben nicht aus. Sprache, Rassismus und Vernunftlosigkeit“ behandelt Irrtümer und Kurzschlüsse ideologisch geleiteter Sprachpolitik im Zusammenhang mit oft weitgehend übertriebenen und politisch instrumentalisierten Rassismusvorwürfen und zugleich an den Eigengesetzlichkeiten der Sprache und eines vernünftigen Sprachgebrauchs vorbeigehenden „Genderisierungsbestrebungen“. Solcher sprachmanipulativer Unfug zerstört nicht nur den der verständigungsorientierten Kommunikation dienenden Sprachgebrauch, sondern zeigt sich auch als eine vielfach absurde und irrationale Ideologie und mithin als ein Anschlag auf die menschliche Vernunft.

Vor dem Erfahrungshintergrund der Coronapandemie entstanden, sucht das Kapitel „Zur Rat- und Antwortlosigkeit der Gesellschaft. Eine wissenssoziologische Annäherung“ die gegebenen Irritationen, Unsicherheiten und Ratlosigkeiten aus einer wissenssoziologischen Perspektive zu erfassen und sich damit unmittelbar erfahrungsbezogen wie auch im Sinne allgemeinerer Zeit- und Krisenanalysen auseinander zu setzen. Dabei werden gleichsam auch die Grenzen und Anschlussprobleme unserer wichtigsten Wissenssysteme erkennbar gemacht und kritisch diskutiert.

Im dritten Teil des Buches werden Probleme der Wahrnehmung des Terrorismus und der inneren Sicherheit und Thesen zu einer freiheitlich-liberalen Gesellschaftsentwicklung vorgestellt. Auf mehrfach wiederholten Befragungen und entsprechenden Analysen beruht das Kapitel „Wahrnehmung des Terrorismus durch die Bürger. Eine Betrachtung längerfristiger Entwicklungen“. Die Diskussionen um ein neues Polizeigesetz im Freistaat Sachsen und in anderen Bundesländern bilden den Ausgangspunkt und Erörterungszusammenhang des Kapitels „Das Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit vor dem Hintergrund neuer Bedrohungslagen“, der auf neue Gefahren der Sicherheit in Deutschland und ihre Hintergründe eingeht. In den abschließenden „Sechs Thesen zu gegenwärtigen Zeitfragen aus freiheitlich-liberaler Sicht“ finden sich einige Vorschläge und Desiderata einer zukunftsorientierten Politik für Deutschland nach der Bundestagswahl 2021 formuliert, die deutlich andere Akzente als der Koalitionsvertrag der sogenannten „Ampelkoalition“ setzen und vor allem freiheitliche Positionen betonen.

* * *

Diese Kapitel verbindet – bei ansonsten recht unterschiedlichen behandelten Problemen und Themen – das Anliegen sachlich fundierter, kritischer Analysen gesellschaftlicher Erscheinungen und Fehlentwicklungen und insbesondere ihrer ideologiekritischen Betrachtung. Ebenso wie erfahrungswissenschaftliche Analysen gesellschaftlicher Gegebenheiten sind in den Anliegen der Ideologiekritik13 wichtige Aufgaben der Sozialwissenschaften zu sehen, damit Gesellschaften vor fragwürdigen Selbstdeutungen und Selbstwahrnehmungen ihres gegebenen Zustandes und vor gravierenden Fehleinschätzungen und Fehlinterpretationen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten geschützt werden. Bereits Anfang der 1990er Jahre wies ich auf die Gefahren neuer, ideologisch grundierter „Illusionen“ wie auch der ambivalenten Wirkungen des „Wiedererwachens der Geschichte“ hin.14 Dabei legte ich dar, dass die „wiedererwachte Geschichte“ zwar einerseits die Befreiung des historischen Denkens von Beschränkungen und Dogmatisierungen der kommunistischen Ideologie bedeutete, aber andererseits zugleich die Aktualisierung und politische Instrumentalisierung problematischer überkommener Geschichtsbilder und Geschichtsvorstellungen durchaus erwarten ließ. Diese Befürchtungen traten denn auch in verschiedener Weise ein. Sich vor der Wirkungsmacht von kollektiven Illusionen, Mythen und Ideologien zu schützen, sich gegen diese durch eindringliche Analysen und kritische Aufklärung zu wehren, erscheint gegenwärtig erneut dringlich und wichtig, vielleicht überlebenswichtig für eine freiheitliche Gesellschaft.

Literatur

Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 72013

Gabanyi, Anneli Ute/Schroeder, Klaus (Hrsg.): Vom Baltikum zum Schwarzen Meer. Transformation im östlichen Europa, München 2002

Handke, Peter: Die Unvernünftigen sterben aus, Frankfurt a. M. 1973

Hayek, Friedrich August von: Die Irrtümer des Konstruktivismus und die Grundlagen legitimer Kritik gesellschaftlicher Gebilde, Tübingen 1975

Messelken, Karlheinz: Vier Jahrzehnte im Streit mit dem Zeitgeist. Wissenschaftliche Aufsätze und Essays, Schriftenreihe Land-Berichte 19, Düren 2021

Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, München 71992 (2 Bde)

Sinn, Hans-Werner: Der Euro. Von der Friedensidee zum Zankapfel, München 2015

Sterbling, Anton: Überlegungen zum „Wiedererwachen der Geschichte“, in: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung, 42. Jg., Heft 3-4, München 1993 (S. 219-243)

Sterbling, Anton: Gegen die Macht der Illusionen. Zu einem Europa im Wandel, Hamburg 1994

Sterbling, Anton: Europa zwischen Realität und Verblendung, Hamburg 2016

Sterbling, Anton: Nationalstaaten und Europa. Problemfacetten komplizierter Wechselbeziehungen. Geistige Lieferung I, Schriften der Akademie Herrnhut, Dresden 2018

Sterbling, Anton: Am Rande Mitteleuropas. Über das Banat und Rumänien, Buchreihe Land-Berichte 14, Aachen 2018

Sterbling, Anton: Die antwortlose Gesellschaft. Zeitfragen, Düren 2021

Topitsch, Ernst: Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft, Neuwied-Berlin 21966

Topitsch, Ernst: Erkenntnis und Illusion, Tübingen 21988

Zapf, Wolfgang: Systemkrisen oder Entwicklungsdilemmas? Probleme der Modernisierungspolitik, in: Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Probleme der Modernisierungspolitik, Meisenheim am Glan 1977 (S. 3-16)

 

1 Siehe: Sterbling, Anton: Überlegungen zum „Wiedererwachen der Geschichte“, in: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung, 42. Jg., Heft 3-4, München 1993 (S. 219-243); Sterbling, Anton: Gegen die Macht der Illusionen. Zu einem Europa im Wandel, Hamburg 1994.

2 Siehe: Gabanyi, Anneli Ute/Schroeder, Klaus (Hrsg.): Vom Baltikum zum Schwarzen Meer. Transformation im östlichen Europa, München 2002.

3 Siehe dazu: Sinn, Hans-Werner: Der Euro. Von der Friedensidee zum Zankapfel, München 2015.

4 Siehe: Sterbling, Anton: Die antwortlose Gesellschaft. Zeitfragen, Düren 2021.

5 Siehe: Clark, Christopher: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 72013.

6 Siehe dazu auch: Messelken, Karlheinz: Vier Jahrzehnte im Streit mit dem Zeitgeist. Wissenschaftliche Aufsätze und Essays, Schriftenreihe Land-Berichte 19, Düren 2021.

7 Siehe: Handke, Peter: Die Unvernünftigen sterben aus, Frankfurt a. M. 1973.

8 Nach Wolfgang Zapf produziert der fortschreitende Modernisierungsprozess selbst immer wieder neue „Entwicklungsdilemmas“, für die mithin in seinem weiteren Verlauf auch neue institutionelle Innovationen als Lösungen gefunden werden müssen. Siehe: Zapf, Wolfgang: Systemkrisen oder Entwicklungsdilemmas? Probleme der Modernisierungspolitik, in: Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Probleme der Modernisierungspolitik, Meisenheim am Glan 1977 (S. 3-16).

9 Siehe: Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, München71992 (2 Bde).

10 Siehe dazu auch: Sterbling, Anton: Europa zwischen Realität und Verblendung, Hamburg 2016; Sterbling, Anton: Nationalstaaten und Europa. Problemfacetten komplizierter Wechselbeziehungen. Geistige Lieferung I, Schriften der Akademie Herrnhut, Dresden 2018.

11 Siehe auch: Sterbling, Anton: Am Rande Mitteleuropas. Über das Banat und Rumänien, Buchreihe Land-Berichte 14, Aachen 2018.

12 Zur Kritik des „Konstruktivismus“ siehe: Hayek, Friedrich August von: Die Irrtümer des Konstruktivismus und die Grundlagen legitimer Kritik gesellschaftlicher Gebilde, Tübingen 1975.

13 Siehe: Topitsch, Ernst: Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft, Neuwied-Berlin 21966; Topitsch, Ernst: Erkenntnis und Illusion, Tübingen 21988.

14 Siehe: Sterbling, Anton: Überlegungen zum „Wiedererwachen der Geschichte“, in: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung, 42. Jg., Heft 3-4, München 1993 (S. 219-243); Sterbling, Anton: Gegen die Macht der Illusionen. Zu einem Europa im Wandel, Hamburg 1994.

I. Europäische Fragen und die Grenzen der Europäischen Union

 

 

Die „wiedererwachte Geschichte“. Ein Problem der Sicherheit, Demokratieentwicklung und politischen Kultur im östlichen und südöstlichen Europa?

„Eine soziologische Kasuistik müßte, dem empirisch gänzlich vieldeutigen Wertbegriff „Idee der Nation“ gegenüber, alle einzelnen Arten von Gemeinsamkeits- und Solidaritäts-Empfindungen in ihren Entstehungsbedingungen und ihren Konsequenzen für das Gemeinschaftshandeln der Beteiligten entwickeln.“1

Mit dem völkerrechtswidrigen, zerstörerischen und opferreichen Überfall der Ukraine durch Russland erleben wir gleichzeitig ein problematisches „Wiedererwachen der Geschichte“ oder vielmehr eine äußerst fragwürdige Instrumentalisierung des Geschichtsbewusstseins und historischer Mythen zu überaus verwerflichen politischen Zwecken. Die verwirrt, verstaubt und reichlich widersprüchlich wirkende Ideologie, die den Krieg Russlands gegen die Ukraine begleitet und zu rechtfertigen sucht, erscheint von zweifelhaften historischen Mythen und anachronistischen politischen Doktrinen durchsetzt, die etwa die Existenz einer ukrainischen Nation2 leugnen und zugleich von unübersehbaren hegemonialen Weltmachtbestrebungen und einer imperialistischer Denkart in Einflusssphären bestimmt sind,3 wie sie im 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts vorherrschend waren. Und die zugleich, bei unschwer erkennbaren Minderwertigkeitskomplexen, von antiwestlichen Ressentiments und moralischen Überlegenheits- und Selbstüberhöhungsvorstellungen geleitet erscheinen, die nicht nur den „Panslawismus“ des 19. Jahrhunderts, sondern auch die weltanschaulichen Tiefenschichten der Sowjetzeit kennzeichneten. Von außen betrachtet, ist es eine stark in historische Mythen getauchte,4 heroisch überhöhte und nationalistisch grundierte „wiedererwachte Geschichte“, die zugleich vielfach an Kontinuitätslinien der sowjetischen Zeit und ihre ideologischen Grundmuster anknüpft.

Vorhaben

Man kann dem aus dem Banat stammenden Schriftsteller Richard Wagner nur zustimmen, wenn er schreibt: „In jeder Debatte mit einem Osteuropäer fällt von vornherein das Wort Geschichte – nicht als Stichwort, sondern als magisches Wort.“5 Als magisches Wort, weil Geschichte hier selten als Gegenstand einer sachlichen, faktenbezogenen, auf Geschehnisse, historische Ereignisse, Kausalzusammenhänge und Zeitstrukturen achtenden Wissenschaft6 denn als Medium und Narrativ der Vermittlung von Geschichtslegenden und Mythen, als spezifische Form des kulturkonstitutiven und gemeinschaftsbildenden mythischen Denkens auftritt.7 Wagner schrieb auch irgendwo sinngemäß, alle Osteuropäer liefen mit „Landkarten in den Köpfen“ umher, nur würden die Grenzen dieses imaginären Karten keineswegs mit den tatsächlichen heutigen Grenzverläufen oder mit historisch gegebenen Herrschaftsräumen übereinstimmen und auch keineswegs zueinander passen.8 Diese Landkarten sind zumeist die eines russischen Zarenreichs einschließlich Alaskas und bis mindestens zum Bosporus reichend, einer Sowjetunion einschließlich ihrer vormaligen Satellitenstaaten, eines Großbulgariens, Großserbiens, Großrumäniens, eines Ungarns der Stephanskrone, auch eines sich über drei Kontinente erstreckenden, bis vor die Tore Wiens reichenden Osmanischen Reichs usw.

Anfang der 1990er Jahre schrieb ich bereits angesichts der demokratischen Wende im östlichen Europa über die Ambivalenzen eines „Wiedererwachens der Geschichte“ und damit einhergehender nationalistischer Stimmungen und Ideologien als einer erheblichen Gefahr für die damals in Gang gekommenen Demokratisierungsprozesse.9 Meine historisch-modernisierungstheoretischen Leitvorstellungen waren dabei, dass die verspäteten und im Ergebnis unbefriedigenden Prozesse der modernen Staaten- und Nationenbildung, also der Nationalstaatenwerdung, die wir vielfach im östlichen und südöstlichen Europa feststellen können, nicht nur eine schwerwiegende Hypothek der politischen Demokratisierung und der sozialen und wirtschaftlichen Modernisierungsvorgänge bilden, sondern auch problematische bis exzessive Spielarten des historisch grundierten nationalen Bewusstseins und des Nationalismus hervorbrachten, die bereits früher die angestrebten Demokratisierungs- und Modernisierungsprozesse immer wieder massiv behinderten, störten oder durchkreuzten. Waren das Erwachen des nationalen Bewusstseins und der damit verbundene Nationalismus im Falle erfolgreicher moderner Nationalstaatenbildungen als eine „Integrationsideologie“10 zu betrachten, die von der demokratischen politischen Kultur gleichsam als Legitimitätsressource genutzt und zugleich absorbiert wurden, so blieb der oft in Gestalt der „wiedererwachten Geschichte“ manifest gewordene Nationalismus nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft, insbesondere in Gesellschaften mit partiell ungelösten oder umstrittenen Problemen der modernen Staaten- und Nationenbildung, eine akute Gefahr demokratischer Entwicklungen und sonstiger Modernisierungsfortschritte. Ob diese Probleme und Krisen der Demokratie durch die Aufnahme einzelner betroffener Länder in die Europäische Union11 eine zufriedenstellende Lösung oder lediglich eine „Einfrierung“ gefunden haben oder finden werden, ist eine historisch offene Frage und wird die Zukunft zeigen. Dies gilt natürlich auch für die angestrebte Aufnahme der Länder des westlichen Balkans in die EU wie übrigens neuerdings auch der Ukraine, der Republik Moldau und Georgiens. Das Fallbeispiel Zyperns zeigt jedenfalls, dass die Zugehörigkeit zur Europäischen Union noch keineswegs eine Lösung territorialer Konflikte bedeutet.12

Zunächst möchte ich den angedeuteten theoretischen Leitvorstellungen zur „wiedererwachten Geschichte“, zum Nationalismus und zur Rolle entsprechender historischer Mythen folgen und grundsätzliche Optionen nach dem Ende kommunistischer Herrschaft, wie sie damals in der Diskussion standen, aufzeigen. Sodann sollen anhand einiger historischer Fallbeispiele der späten und umstrittenen Nationalstaatenbildungen in Südosteuropa die sich daraus ergebenden, bis in die Gegenwart reichenden Folgeprobleme nationalistischer Aufladungen und Störungen der Demokratisierungs- und Modernisierungsprozesse dargelegt werden. Vor diesem Hintergrund sollten zugleich die gegenwärtigen Probleme einer nationalistisch instrumentalisierten „wiedererwachten Geschichte“ im östlichen Europa besser verstehbar werden, wiewohl das Fallbeispiel Russlands13 als jahrhundertealtes Vielvölkerimperium und Hegemonialstaat in mancher Hinsicht anders als die modernen Nationalstaatenbildungen in Südosteuropa gelagert erscheint.

Demokratische Wende und „Wiedererwachen der Geschichte“

Am 6. Dezember 1989 waren im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgende Sätze zu lesen: „Wir haben lange Zeit geglaubt, daß wir an das Ende der Geschichte gelangt sind. (...) Das tragische Geschick dieser Welt ohne geschichtliches Jenseits lastete wie ein Deckel auf der gesamten fortschrittlichen Menschheit. (...) Wir haben gerade das Ende einer Diktatur miterlebt; (...) Diese Revolution gegen die im Namen der Revolution begangenen Verbrechen wird endlich einmal nicht konterrevolutionär sein.“14 Diese denkwürdigen Sätze stehen unter der Überschrift: „Im Osten erwacht die Geschichte“. Sie stammen von einem der bekanntesten und einflussreichsten französischen Soziologen des 20. Jahrhundert, nämlich von Pierre Bourdieu, der damals neben Raymond Boudon, Michel Crozier oder Alain Touraine als einer der vier Protagonisten der französischen Soziologie galt und dessen Soziologie übrigens gerade im östlichen Europa eine breite Rezeption fand. Was wollen diese Sätze auf dem Punkt bringen? Wovon setzen sie sich ab?

Bourdieu sprach vom Ende einer Diktatur. Er äußerte nicht nur die Zuversicht, dass die Überwindung der kommunistischen Herrschaft zur Freiheit führen würde. Er hofft auch, dass dies auf die „gesamte fortschrittliche Menschheit“ befreiend wirken würde. In seinen Sätzen klingt zumindest an, dass sich Chancen eröffneten, die Idee der „post-histoire“, jene gängig gewordene resignative Denkfigur des intellektuellen Diskurses, zu widerrufen. Für das gerade in den 1980er Jahren modisch um sich greifende postmoderne Denken15 hat nicht nur der Fortschrittsglaube aufgehört und haben Rationalitätskriterien ihre Verbindlichkeit verloren. Im Horizont dieses Denkens ist auch die historische Zeit und Denkweise gewissermaßen an ihr Ende gekommen. Alles erscheint kontingent, im Fluchtpunkt der Gegenwart zerfällt die Geschichte in Bruchstücke. Nicht nur die Auffassung von Aszendenz und Linearität, sondern jede Vorstellung einer historischen Kohärenz ist fragwürdig. Aus der auseinandergebrochenen Geschichte lassen sich lediglich einzelne historische Versatzstücke zu einem nahezu beliebigen Ensemble arrangieren – mehr nicht. Der richtungsgebende Sinn ist abhanden gekommen. Die geistigen Grundlagen des Rationalisierungsprozesses und die unbeirrt mächtigen Überzeugungen, die der Geschichte bis jüngst eine eindeutige Richtung wiesen und die zugleich unendliche Kräfte zu mobilisieren, weitgespannte Hoffnungen zu wecken und immense Leistungen zu vollbringen angetan waren, sind gegeneinander geraten und haben sich erschöpft. Das „Projekt der Moderne“16 erscheint aus der Blickrichtung der Postmoderne ebenso unvollendet wie unverwirklichbar geworden. Es bleibt allein, sein Scheitern und rastloses Ende zu begreifen. Aber: „Gerade als die westlichen Intellektuellen meinten, am Ende der Geschichte angekommen zu sein, brach der Damm, der ihnen ihre Spiel-Welt ermöglicht hatte“,17 schrieb der bereits erwähnte Schriftsteller Richard Wagner.

Ähnliche Akzente ließen sich auch bei Pierre Bourdieu und Ralf Dahrendorf18 heraushören. Im Osten kam ein Wandel in Gang, dessen Antriebskräfte jenen alten menschlichen Anliegen und Hoffnungen überaus ähnlich erscheinen, die ursprünglich den Aufbruch in die abendländische Moderne bestimmt haben. Sie wurden kaum trefflicher als in Kants Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Aufklärung, als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“19 auf den Begriff gebracht. Unter osteuropäischen Intellektuellen kursierten entsprechende Ideen nicht zuletzt im Diskurs um die „civil society“. Dem Aufbruch in die Moderne, als Überwindung von autoritären Herrschaftszwängen, Abhängigkeiten und Unmündigkeit, wie dem Bestreben der Herstellung der „civil society“,20 der „bürgerlichen Gesellschaft“ – so kann man auf der Suche nach einem noch allgemeineren Nenner sagen – ist die Verwirklichung der Idee menschlicher Freiheit zentrales Anliegen.21

Mit dem Insistieren auf unabdingbare Freiheitsforderungen nach jahrzehntelanger repressiver Herrschaft entfaltete sich in Osteuropa nicht nur eine neue Gestaltungsdynamik menschlicher Lebensverhältnisse, die im Demokratisierungsprozess am greifbarsten wurde.22 Auch das intellektuelle Räsonieren – so kann man im Anschluss an Bourdieu und Dahrendorf sagen – fand dabei zu wesentlichen Grundwerten, Maßstäben und Orientierungspunkten zurück.23 So erwachte die Geschichte in einem zweifachen Sinne neu „im Osten“ als tiefgreifender Wandel, als Überwindung einer langanhaltenden Stagnation, aber auch als wertgeleiteter und zielgerichteter Prozess, der in vielen Hinsichten an den Aufbruch in die abendländische Moderne erinnerte. Jener Moderne indes, deren sinntragende Momente uns gerade erst kurz vorher durch das postmoderne Denken als naive Selbsttäuschung entziffert worden sind.

Die Vorstellungen und Emanzipationsbestrebungen, die sich um die ungebrochene Idee menschlicher Freiheit und Würde ordnen und die gleichsam im „Projekt der Moderne“ angelegt sind, wurden in der jüngsten Vergangenheit nicht nur durch das kommunistische System entstellt, verraten und zersetzt. Auch andernorts, so scheint es, hat das intellektuelle Denken diese Grundwerte willkürlich umgedeutet24 oder allzu leichtfertig dem Gedankenspiel der Beliebigkeit ausgesetzt. Damit indes, dass sich die Ideen menschlicher Selbstachtung und Freiheit in den osteuropäischen Revolutionen25 – allen Widrigkeiten zum Trotz – überaus eindrucksvoll Geltung verschafften, haben sie gleichsam ihre unverwechselbare, ihre zentrale Bedeutung für jede menschliche Ordnung wiederlangt und eindrucksvoll unterstrichen. Konnte sich dies dem intellektuellen Räsonieren – bei allem Zynismus, bei aller Selbstbezogenheit und Spielerei, auch bei aller berechtigten Skepsis – erneut aufprägen? Oder leben die Werte der menschlichen Freiheit und Selbstachtung, der Toleranz und Solidarität, die jenem gleichermaßen riskanten wie selbstbefreienden Weg in die Moderne Ausgangspunkte waren, in Osteuropa nur nochmals flüchtig auf, ohne bleibende Überzeugungs- und Gestaltungskraft zu besitzen? Ist das Wissen um die Rückschläge und Abwege, um die Ratlosigkeit der späten Moderne zu eigenmächtig? Kann der gewaltige Ruck, der kurzzeitig durch das müde Gebälk der stagnierenden oder zerbrochenen Geschichte ging, diese tatsächlich zum mündigen Wiedererwachen bringen?

Welche von den Erinnerungen an das Woher vorangetriebenen und von den Fragen nach dem Wohin geleiteten Sinnfragen drängten sich der kritischen Reflexion bei den tiefgreifenden Veränderungsprozessen, die wir in Osteuropa erlebten, eigentlich auf? Waren sie angetan, einen sinnvollen Ausweg aus der geistreichen Beliebigkeit des postmodernen Denkens aufzuzeigen? Verflüchtigte sich mit der Überwindung des Kommunismus, den Eugène Ionesco bereits 1976 als den „größte(n) Mißerfolg und das größte Trauerspiel der Gegenwart“ bezeichnete,26 jener Alptraum, der sich paralysierend auf die Zukunftsvorstellungen der „gesamten fortschrittlichen Menschheit“ gelagert hatte?

Ich versuchte – eher fragend als dezidiert – Bourdieus These vom Erwachen der Geschichte zunächst gegen das postmoderne Denken und dessen zentrale Denkfigur der „post-histoire“ zu wenden. Dabei wurde der Wandel im Osten als jenes Durchbruchsmoment herausgestellt, das die intellektuelle Reflexion des Ganges der Geschichte, mit allen damit verbundenen Vorstellungen und Wertprämissen, erneut relevant erscheinen ließ. Fast vom gleichen Ausgangspunkt aus – vom demokratischen Wandel in Osteuropa und in vielen anderen Teilen der Welt – wurde noch ein anderer, beachtliche Resonanz findender Gedanke in die Diskussion eingebracht, der Bourdieus These in gewisser Weise umkehrt. Ich meine den in Francis Fukuyamas Buch: „Das Ende der Geschichte“ formulierten Grundgedanken, dass mit dem Übergang der Staaten zur liberalen Demokratie gewissermaßen eine teleologische Versöhnung mit einem finalen Ideal zustande käme.27 Mit einem Ideal, das keiner Verbesserung mehr bedarf, weil es allein und alternativlos die Freiheit und Selbstachtung des Menschen ermögliche. Soweit die liberale Demokratie politisch verwirklicht wird – so dieser Grundgedanke –, findet die Menschheit gleichsam aus historischen Irrwegen zurück. Und dies bedeutet, dass sie vielleicht am „Endpunkt der ideologischen Evolution“ oder sogar am „Ende der Geschichte“ angekommen sei.

Der Übergang zur liberalen Demokratie bedeutete für Fukuyama also, bei allen Zweifel die er dabei vor allem im Hinblick auf die Rolle des Staates anklingen ließ, die historische Einlösung eines Zielzustandes und damit möglicherweise das „Ende der Geschichte“, während Bourdieu diesen Wandel in Osteuropa nicht nur als Überwindung eines historischen Erstarrungszustandes, sondern gleichsam als Wiedererwachen der Geschichte mit allen Chancen und Risiken begriff. Von einer gewissermaßen an ihr Ende gelangten Geschichte geht, wie gesehen, auch das postmoderne Denken aus. Allerdings hat es keinen teleologischen Endpunkt wie Fukuyama im Blick, sondern das nahezu ratlose und völlig offene Ende eines Entwicklungsprozesses, dem letztlich Sinn und Richtung fehlen, dem die Rationalitätsmaßstäbe, Bewertungskriterien, verbindlichen Ziele und damit auch der Kompass abhanden gekommen sind.

Mit diesen drei scharf kontrastierten Positionen wollte ich zunächst unterschiedliche intellektuell-philosophische Reflexionsmöglichkeiten über Fortgang oder Ende der Geschichte, wie sie mit dem Niedergang des Kommunismus gegeben waren, aufzeigen: Bei Bourdieu wird das Erwachen der Geschichte als Überwindung eines Erstarrungszustandes und zugleich als mögliche Befreiung des intellektuellen Denkens aus seiner orientierungslosen Selbstbezüglichkeit und Ratlosigkeit verstanden; bei Fukuyama erschien die Herstellung der liberalen Demokratie als geschichtsphilosophisch antizipierter, einzig möglicher Idealzustand des gesellschaftlichen Lebens, dessen Erreichung die Geschichte gewissermaßen an ihr teleologisches Ende heranführt. Schließlich im postmodernen Denken bedeutete die illusionslose Feststellung des Endes der Geschichte nichts als skeptische und allein diese Skepsis spielerisch inszenierende intellektuelle Einsicht in das unfertige und unfertig bleibende Projekt der Moderne.

Diese drei, zumindest auf den ersten Blick unvereinbar erscheinenden geschichtsphilosophischen Auffassungen rufen gleichsam auch die Sätze Max Webers in Erinnerung: „Endlos wälzt sich der Strom des unermeßlichen Geschehens der Ewigkeit entgegen. Immer neu und anders gefärbt bilden sich die Kulturprobleme, welche die Menschen bewegen, flüssig bleibt, damit der Umkreis dessen, was aus jenem stets gleich unendlichen Strome des Individuellen Sinn und Bedeutung für uns erhält, „historisches Individuum“ wird. Es wechseln die Gedankenzusammenhänge, unter denen es betrachtet und wissenschaftlich erfaßt wird. Die Ausgangspunkte der Kulturwissenschaften bleiben damit wandelbar in die grenzenlose Zukunft hinein, solange nicht chinesische Erstarrung des Geisteslebens die Menschheit entwöhnt, neue Fragen an das immer gleich unerschöpfliche Leben zu stellen.“28 Alle drei Positionen repräsentieren eine Sichtweise der Kulturproblematik, in deren Umkreis sich das geschichtliche Phänomen erst konstituiert und seine spezifische Relevanz gewinnt. Im Zentrum dieser Problematik stehen die für den abendländischen Modernisierungsprozess zentralen Fragen nach dem Verhältnis von Geschichte und gesellschaftlichem Fortschritt29 sowie dem Verhältnis von gesellschaftlichem Fortschritt und Freiheit. Müssen gesellschaftlicher Fortschritt als sinngebendes und richtungsbestimmendes Moment der Geschichte und menschliche Freiheit als letzter Wertmaßstab des gesellschaftlichen Fortschritts stets zusammengedacht werden oder nicht?

Ideen- und geschichtsphilosophisch kann man in dieser Frage, wie gesehen, relativ leicht zu dezidierten Standpunkten kommen. Realgeschichtlich erscheinen die Dinge um vieles komplizierter, schwieriger, verworrener. Der Soziologe hat sich aber gerade um diese realgeschichtliche Seite der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu bemühen, ganz der wissenschaftsprogrammatischen Anweisung Emile Durkheims30 entsprechend, die Soziologie habe sich damit zu beschäftigen, wie die Gesellschaft tatsächlich ist, während es der Philosophie stets mehr darum gehe, wie die Gesellschaft sein oder werden solle, wodurch Durkheim zugleich den „erfahrungswissenschaftlichen“ oder „positivistischen“ Auftrag des soziologischen Denkens nachdrücklich unterstrich.

Blickt man auf die realgeschichtlichen Entwicklungen, so fällt mit dem Wiedererwachen der Geschichte in Osteuropa noch etwas anderes zusammen, das man mit dem Untertitel eines Aufsatzes von Jacques Rupnik aus dem Jahr 1990: „Das Ende des Kommunismus und das Wiedererwachen der Nationalismen“ nennen könnte.31In vielen Fällen ist das ursprüngliche Erwachen der Geschichte, im Sinne der Entwicklung eines historischen Eigenbewusstseins sozialer Kollektiva oder moderner Gesellschaften, mit der Entstehung und Entfaltung ihres nationalen Bewusstseins zusammen gegangen. Nicht selten schlug das nationale Bewusstsein indes auch in übersteigerte Formen des Nationalismus oder extremen Nationalismus (also Chauvinismus) um.32 Führte das Wiedererwachen der Geschichte nach dem Ende des Kommunismus möglicherweise erneut zu problematischen Spielarten des Nationalismus zurück? Auf diesen Aspekt möchte ich nun im Weiteren näher eingehen. Dabei wird sich mein Hauptaugenmerk insbesondere auf die ehemals sozialistischen Balkanstaaten richten.

Zunächst möchte ich im historischen Rückblick ausführen, wie eng der Prozess der „nationalen Wiedergeburt“33 ursprünglich mit der häufig romantisch verklärten Entdeckung der eigenen Geschichte und Identität der Völker Südosteuropas zusammenfiel. Sodann soll kurz umrissen werden, in welche konfliktreichen Prozesse der Staaten- und Nationenbildung dies einmündete und welche zum Teil bis heute offenen Probleme sich daraus ergaben. Schließlich soll diskutiert werden, inwiefern diese überkommenen „historischen“ Konflikte, die während der kommunistischen Herrschaft keineswegs gelöst, sondern vielfach eher verschärft worden sind oder bestenfalls „eingefroren“ wurden, und die später erneut auflebten, eine ernste Gefahr für die Demokratisierungsprozesse und die Schaffung freiheitlicher Gesellschaftsverhältnisse in Südosteuropa darstellen. Kürzer gesagt: im Folgenden soll es um die andere, um die eher problematische Seite des Wiedererwachens der Geschichte gehen und dieser Hintergrund soll auch ein Stück zu verstehen helfen, welche Rolle die „wiedererwachte Geschichte“ und nationalistische Ideologie beim Überfall der Ukraine durch Russland spielt.

Die „nationale Wiedergeburt“ und das ursprüngliche Erwachen des geschichtlichen Bewusstseins

Der vor allem im 19. Jahrhundert um sich greifende Prozess der „nationalen Wiedergeburt“ auf dem Balkan, der wesentlich zur Entstehung und Ausformung des nationalkulturellen Eigenbewusstseins der einzelnen Völker Südosteuropas beitrug, zog sich lange hin. Mindestens ebenso langwierig, kompliziert und konfliktreich wie der Prozess der kulturellen Identitätsfindung verliefen die davon eingeleiteten und zugleich maßgeblich vorangetriebenen politischen Vorgänge der Staaten- und Nationenbildung in diesem Raum.34 Sie sind bis heute offenkundig noch keineswegs überall zum Abschluss gekommen. Zu den Ausgangsbedingungen und der ersten wichtigen Phase des nationalen Wiedererwachens, die vornehmlich in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt, stellte Edgar Hösch fest: „Im Regelfall handelte es sich – von den Madjaren und Griechen abgesehen – um kleine Bauernvölker mit geringer sozialer Mobilität und Innovationskraft und einem noch wenig entwickelten urbanen Milieu. Sie waren seit Jahrhunderten schon ihrer politischen Selbstbestimmung beraubt, und die Führungspositionen in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Kirche befanden sich in volksfremden Händen. Nur eine Nationalbewegung des sezessionistischen Typs hatte auf Dauer eine Chance, die weithin analphabetischen bäuerlichen Massen anzusprechen und für eine Abkehr von den bisherigen Herren zu mobilisieren. In den gesellschaftlichen Konsens mußten auch jene Aufsteiger eingebunden werden, die bisher dem eigenen Volk und seinen Kulturtraditionen durch Assimilation an die Herrenschicht verlorengegangen waren. Dabei haben europäische Aufklärungsideen, denen die Neuentdeckung des Eigenwertes der Völker und der einzelnen Nationalkulturen zu verdanken war, stimulierend gewirkt.“35

Der nationalen Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit der meisten Völker Südosteuropa gingen zielstrebige und leidenschaftliche kulturelle und intellektuelle Anstrengungen der Entwicklung eigenständiger Nationalkulturen und der Stärkung des nationalen und kulturellen Eigenbewusstseins voraus. Die Geschichtsschreibung, mit ihren nicht selten starken nationalromantischen Einschlägen spielte dabei eine wesentliche Rolle.36 Welch hervorragende Bedeutung der Geschichtsschreibung und der Förderung eines historisch ausgerichteten Kollektivbewusstseins zukam, soll im Folgenden durch einige prägnante Beispiele illustriert werden.

Bei der „nationalen Wiedergeburt“ in Bulgarien spielte die schon 1762 verfasste und handschriftlich verbreitete, sodann 1844 erstmals gedruckte „Slaweno-bulgarische Geschichte von den bulgarischen Völkern, Zaren und Heiligen“ des Athos-Mönchs Paisij Chilendarski eine wesentliche Rolle. In einem volkssprachlichen Idiom geschrieben, hat sie die „Umrisse eines neuen nationalen Geschichtsbildes und Bildungsprogrammes entworfen“. Von dieser Arbeit gingen bedeutsame Einflüsse auf die gräzisierte bulgarische Oberschicht im Sinne der „Wiederentdeckung des eigenen Volkstums und der eigenen geschichtlichen Größe“ aus.37 Sie förderte gleichermaßen die politische Emanzipation von der osmanischen Herrschaft wie die geistig-kulturelle Entbindung von der griechischen Dominanz.

Das rumänische Nationalbewusstsein erwachte zunächst nicht etwa in den altrumänischen Fürstentümern Moldau und Walachei, sondern in Siebenbürgen. Hier wurde von der sogenannten „Siebenbürgischen Schule“ („Şcoala Ardeleană“), deren Mitglieder zum Teil als Theologiestudenten der Unierten Kirche in Rom weilten, die These einer direkten Kontinuitätslinie zwischen der dako-romanischen Bevölkerung der Römerzeit und den Rumänen aufgestellt. Auch wurde der überwiegend lateinische Charakter der rumänischen Sprache entdeckt und hervorgehoben.38 Beides geschah nicht zuletzt in der Absicht, den politischen Gleichheitsansprüchen der Rumänen in Siebenbürgen, die dort lediglich als zugewanderte „tolerierte“ Bevölkerungsgruppe galten, Nachdruck zu verleihen. Der in Blasendorf (Blaj), dem Bischofssitz und kulturellen Zentrum der Unierten Kirche in Siebenbürgen, sowie in Wien ausgebildete Samuil Micu-Klein legte schon 1778 eine aufsehenerregende Studie zur Geschichte Siebenbürgens mit dem Titel: „Brevis historica notitia originis et progressus nationis Daco-Romanae“ vor, in der nachdrücklich auf die dako-romanischen Ursprünge des rumänischen Volkes hingewiesen wird. Nachdem Micu-Klein auch als Mitverfasser der bekannten Denkschrift „Supplex Libellus Valachorum“ hervorgetreten ist,39 veröffentlichte er Anfang des 19. Jahrhunderts ein vierbändiges Werk zur rumänischen Geschichte, das sich in seinem Inhalt und seiner Tendenz deutlich von den früheren historiographischen Arbeiten der slawophilen Chronisten in den altrumänischen Fürstentümern abhob. Zusammen mit Gheorghe Şincai verfasste Micu-Klein auch eine erste, von der Latinität der rumänischen Sprache ausgehende und diesen Sachverhalt festschreibende Grammatik.40

Ähnlich wie im Falle der „Siebenbürgischen Schule“ („Şcoala Ardeleană“) kommt auch der Geschichtsschreiber Jovan Rajić (1726-1801), der ein vierbändiges Werk zur südslawischen Geschichte verfasste, nicht aus dem serbischen Kernland. Er entstammt vielmehr dem südungarischen Serbentum. Genauso übrigens auch der in der Tradition der Aufklärung stehende Sprachforscher Dositej Obradović (1742-1811), der wie Rajić zunächst dem Athos-Mönchstum angehörte, ehe er nach längeren Wanderungen durch Europa 1807 erster Erziehungsminister des autonomen Fürstentums Serbien wurde.41

Wie bei den anderen südosteuropäischen Völkern sollten auch für die Albaner vor allem zwei historisch-nationalpatriotische Schriften, die an die vergangene Größe, den Leidensweg der Fremdherrschaft und den heldenhaften Befreiungskampf erinnerten und die die zukünftige historische Mission der Albaner beschrieben, eine hervorragende Bedeutung erlangen: Die 1879 zunächst in französischer Sprache veröffentlichte, von Vasa Pashko verfasste Schrift: „Die Wahrheit über Albanien und die Albaner“ sowie Sami Frashëris 1899 erschienenes Werk: „Albanien, was es war, was es ist und was es sein wird“, das zu einer regelrechten Kampfschrift im albanischen Unabhängigkeitsbestreben wurde.42

Die einerseits von Mythen und Legenden durchsetzte, andererseits von politischen Aufklärungs- und Mobilisierungszielen bestimmte Geschichtsschreibung bildete einen zentralen Kristallisationspunkt und ein überaus wichtiges Medium bei der Entstehung und Entwicklung des Nationalbewusstseins der Völker Südosteuropas. Die Historiographie half nicht selten, die Ursprünge und die vermeintlich wahre Identität und Geschichte der einzelnen Völker überhaupt erst zu „entdecken“. Natürlich geschah dies nicht selten im Widerstreit mit den Geschichtsauffassungen, den Geschichtsmythen und den Herkunftslegenden anderer Völker, waren und sind die Schicksale der Völker Südosteuropas durch ihre Siedlungsgeschichte und durch ihre häufig gemeinsame politische Geschichte doch ebenso konfliktreich wie unentwirrbar aneinander gekettet. Daher erstaunt auch kaum, dass die Anstöße zur nationalen Wiedergeburt der einzelnen Völker oft zunächst von auswärts, aus den ausländischen Siedlungs- oder Emigrationszentren kamen.

Begleitet und weitergeführt wurden die Bemühungen auf dem Gebiet der Historiographie, wie schon angedeutet, von sprachreformerischen, sprachnormierenden und sprachpolitischen Maßnahmen. Die heroisch-verklärende Geschichtsschreibung hatte ihr Pendant aber auch in der Kunst und Literatur, die in romantischer Manier zur Entdeckung und Popularisierung der Volkskunst beitrugen und die nicht selten nationalpatriotische Themen und Motive in den Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens stellten. Ein weiteres wichtiges Gebiet der nationalkulturellen Entwicklung, das bald zu einem der politisch umstrittensten Konfliktfelder werden sollte, war das Elementarschul- und Bildungswesen.43 Die Initiatoren, Förderer und Träger all dieser kulturschöpferischen Bemühungen im Zeichen nationaler Ziele waren entweder Kirchenmänner, vor allem, wenn sie einer um ihre Gleichberechtigung kämpfenden Minderheitenkirche angehörten. Oder Angehörige der neuentstehenden Intelligenz bzw. Intellektuelle, die sich häufig durch den Kontakt mit der fortgeschritteneren westlichen Kultur auf ihre eigenen Ursprünge zurückbesannen.44 Eine richtungsweisende Bedeutung kam hierbei den Ideen der deutschen Aufklärung und namentlich den Schriften Johann Gottfried Herders,45 aber auch den Gedanken der Französischen Revolution und der romantischen Bewegung zu.

Das ursprüngliche Erwachen der Geschichte, das mit der „nationalen Wiedergeburt“ zusammenfiel, war bei den Völkern Südosteuropa vor allem mit nationalen Freiheitsideen und Emanzipationsbestrebungen verbunden. Zwar spielten auch soziale Anliegen – wie die 1848er Revolution zeigte – eine gewisse Rolle. Diese waren aber – gerade der Verlauf der 1848er Revolution in Ungarn macht dies überaus deutlich46 – gegenüber den nationalen Interessen und Bestrebungen allemal nachrangig. So war denn auch die „Geschichte“, als immer einflussreicheres und mächtigeres Medium der kollektiven Bewusstseinsbildung und der politischen Mobilisierung,47 in erster Linie Orientierungsrahmen und geistiges Instrument jenes Werte- und Überzeugungssystems, das in Südosteuropa schnell eine dominante Bedeutung erlangen sollte: des Nationalismus. Als solche hatte sie gelegentlich eine geradezu „magische“, eine tief in die Vorstellungs- und Gefühlswelt eingespeiste sozialreligiöse Deutungsqualität.

Doch die Geschichte hielt nicht das, was sie in ihren nationalistischen Färbungen versprach. Wohl kein südosteuropäisches Volk fand bisher zu seiner romantisch verklärten, monumentalhistorisch entworfenen Größe und Selbstherrlichkeit. Die in ihren Grenzen weitgehend umstrittenen unabhängigen Staaten, die schrittweise entstanden sind, waren allenfalls enttäuschende Stückwerke ihrer historischen Vorbilder und Entwürfe. Die im Zeichen nationaler Ideen und Interessen entstandenen, legendenhaft in die Vergangenheit und verheißungsvoll in die Zukunft gerichteten Geschichtsprojektionen wurden aber keineswegs verworfen, nachdem die Realgeschichte einen anderen, komplizierteren Verlauf nahm. Sie wurden vielmehr zur hartnäckigen Revisionsgrundlage der in den meisten Fällen als enttäuschend erlebten realgeschichtlichen Entwicklungen.

Die „Geschichte“ als Revisionsgrundlage der Realgeschichte

Die meisten Völker Südosteuropas haben ihre Eigenstaatlichkeit und politische Unabhängigkeit größtenteils erst Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts erreicht. Dies nicht selten erst nach mehreren Zwischenschritten und Grenzkorrekturen. Die Grenzziehungen, die sich dabei ergaben, und nicht zuletzt die Grenzen, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg zustande kamen und im Wesentlichen länger Bestand hatten, waren dabei stets tief umstritten. Hierzu nur einen groben Überblick.

Das Freiheitsstreben der Magyaren erfuhr nach der 1848er Revolution zunächst einen empfindlichen Rückschlag, ehe es 1867 zum sogenannten „Ausgleich“ kam und Ungarn als gleichberechtigte und staatsrechtlich eigenständige Reichshälfte der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie anerkannt wurde. Dieser Teilerfolg der Magyaren bedeutete indes eine gleichzeitige Enttäuschung für andere aufstrebende Völker und Teilvölker, die nunmehr zu ethnischen Minderheiten in der „nationalstaatlich“ ausgerichteten ungarischen Reichshälfte wurden und dabei zudem einem mehr oder weniger starken Magyarisierungsdruck ausgesetzt waren. Zwar wurden den einzelnen Ethnien verschiedene Rechte eingeräumt. Die gegebene Situation wurde aber selbst von den privilegierten ethnischen Gruppen vielfach als unbefriedigend empfunden.

So wurde mit Kroatien – genauer genommen mit dem kroatischen Landadel – ein „kleiner Ausgleich“ erreicht, der diesem traditionelle Privilegien zugestand. Dem außerhalb der ungarischen Reichshälfte lebenden dalmatinischen Bürgertum schwebte indes eine andere Lösung vor. Insbesondere Angehörige der kroatischen Intelligenz sympathisierten schon früh mit der Idee eines südslawischen Gesamtstaates.48 Selbst die Siebenbürger Sachsen sahen ihre jahrhundertelange politische Eigenständigkeit bedroht und wendeten sich mehr und mehr von Budapest und Wien ab und – insbesondere nach 1871 – Berlin zu.49 Auch in der rumänischen Bevölkerung Siebenbürgens, der serbischen Südungarns oder der slowakischen Nordungarns gab es – vor allem im Umfeld der rumänischen Unierten und Orthodoxen Kirche, der serbischen Orthodoxen Kirche und im gebildeteren protestantischen Teil der slowakischen Bevölkerung wie natürlich auch in der sich allmählich herausbildenden Intelligenz – vielfach sezessionistische und irredentistische Kräfte und Bestrebungen.50

Infolge des Ersten Weltkrieges verlor Ungarn dann bekanntlich große Teile seines ehemaligen Staatsgebietes.51 Ungarn wurde damit zu einem ethnisch relativ homogenen Staat. Ein großer Teil der Magyaren indes geriet in der Folge selbst in den Status einer nationalen Minderheit in dem territorial erheblich vergrößerten Königreich Rumänien, dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen – also dem späteren Jugoslawien – der neuentstandenen Tschechoslowakei und der Sowjetunion.52Diese exterritoriale Minderheitenproblematik besteht gleichsam bis heute fort. Die schwierige Situation der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen, insbesondere in der Zeit der Ceauşescu-Diktatur, war hinlänglich bekannt.53 Durch den Zerfall Jugoslawiens54 und die damit verbundenen kriegerischen Auseinandersetzungen, durch die staatliche Absonderung der Slowakei und durch die Auflösung der Sowjetunion aktualisierten sich indes auch bestimmte Probleme und Fragen, die die Lage der ungarischen Minderheiten in der Vojwodina und in Kroatien, in der Slowakei oder in der transkarpatischen Westukraine betreffen.55 Im Schatten des Überfalls der Ukraine durch Russland Anfang des Jahres 2022 gewinnt auch die Frage der Ungarn im transkarpatischen Raum eine erneute Aktualität.

Die Zwischenetappen des rumänischen Weges in die staatliche Unabhängigkeit lassen sich folgendermaßen festmachen. Das Jahr 1822 brachte das Ende der Phanariotenherrschaft in den altrumänischen Fürstentümern, die als autonome staatliche Gebilde weiterhin im Status der Tributpflichtigkeit gegenüber dem Osmanischen Reich und zugleich russische Protektorate blieben. 1859 erfolgte sodann die Vereinigung der beiden Fürstentümer Moldau und Walachei zu Rumänien. Schließlich kam es im Zusammenhang mit dem russisch-türkischen Krieg zur Unabhängigkeitserklärung von 1877. Die Unabhängigkeit Rumäniens wurde im Vorfriede von San Stefano und dann auch im Friedensvertrag von Berlin 1878 völkerrechtlich bestätigt. Nach der Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit blieben aus rumänischer Sicht vor allem das Schicksal der Rumänen in Siebenbürgen und in Bessarabien, das 1812 an Russland abgetreten wurde, politisch ungelöste Probleme.56 Der rumänische Eintritt in den Ersten Weltkrieg auf Seiten der siegreichen Entente führte denn auch zur Eingliederung Siebenbürgens, Bessarabien, der Nordbukowina, der Süddobrudscha und großer Teile des Banats57 in das Staatsgebiet Rumäniens. Rumänien wurde danach selbst, von einem ethnisch relativ homogenen Staat, zu einem Vielvölkerstaat mit einem Minderheitenanteil von etwa 28 Prozent.