Zeiten der Lügen - Kathrin Noreikat - E-Book

Zeiten der Lügen E-Book

Kathrin Noreikat

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Beschreibung

Sommer 1945. Der Zweite Weltkrieg ist in Europa zu Ende. Die Straßen sind voll von Flüchtlingen und Vertriebenen. Menschen, die auf dem Weg in ihre Heimat sind oder einen Ort finden wollen, an dem sie eine neue Existenz aufbauen können. Es sind Menschen, die vergessen wollen. Darunter ist der ehemalige SS-Sturmbannführer Viktor Vossler, der auf den so genannten "Rattenlinien", von Sympathisanten des NS-Regimes organisierten Fluchtwegen, nach Südamerika gelangen will. Ebenso auf der Flucht ist die aus Schlesien stammende Jüdin Hannah Weizmann. Ihre Wege kreuzen sich auf einer Berghütte in Südtirol. Wider Erwarten verlieben sich die beiden ohne ihre Herkunft zu kennen, ineinander. Gemeinsam beschließen sie, in Argentinien eine neue Zukunft aufzubauen. Doch die Vergangenheit holt sie bald dort ein ...

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Kathrin Noreikat

Zeiten der Lügen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Danksagung

Impressum neobooks

Vorwort

Im Februar 2014 sah ich den Fernsehfilm „Frei“ von Bernd Fischerauer. Dieser inspirierte mich diesen hier vorliegenden Roman zu schreiben. Im Zuge meiner Recherchearbeiten las ich Frederick Forsyths Roman „Die Akte Odessa“. Ebenso las ich zahlreiche Sachbücher zur Thematik des Nationalsozialismus, schaute stundenlang Dokumentationen auf Kultur- und Nachrichtensendern an.

Kapitel 1

Der Krieg in Europa war zu Ende. Kapitulation. Diese Nachricht hörte SS-Sturmbannführer Viktor Vossler in Berlin, wo er sich seit einem Jahr aufhielt. Er war, nachdem er angeschossen wurde, in das Reichssicherheitshauptamt versetzt worden, das aus mehreren Ämtern bestand. Er arbeitete im Amt I, das für Verwaltung und Finanzen zuständig war.

Das meiste Amtspersonal war allerdings bereits aus der Hauptstadt in die sogenannte Kernfestung Alpen abgezogen worden. Nur ein paar wenige Beamte waren noch vor Ort.

Viktor Vossler hatte die Aufgabe, die letzten Reserven zusammenzuziehen, die Kameraden zu motivieren und den Glauben an den Endsieg zu stärken.

An den Endsieg glaubte jedoch niemand mehr, nur gab das keiner zu.

Am 25. April 1945 begegneten sich die amerikanischen und sowjetischen Truppen bei Torgau an der Elbe. Wenig später marschierten die Russen in Berlin ein und Adolf Hitler beging in seinem Bunker unter der Reichskanzlei Selbstmord.

Der Krieg endete mit der Unterzeichnung der ratifizierten Kapitulationsurkunde am 8./9. Mai durch Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Berlin-Karlshorst.

Eine Erlösung von all dem Schrecken und Greuel. Doch das würden der Sturmbannführer und seine Kameraden nie laut aussprechen.

Das Kriegsende bedeutete auch einen Neuanfang. Vossler war es bewusst, dass die Welt Deutschland neu ordnen und zur Rechenschaft ziehen würde. Dies hieß auch, dass man ihn jagen, fassen und vor Gericht stellen würde. Der 38-jährige SS-Sturmbannführer müsste sich für seine Taten verantworten, würde verurteilt und im schlimmsten Fall sogar hingerichtet werden.

Obwohl es verboten war, hatte Viktor Vossler den „Feindsender“ BBC gehört, in dem die Amerikaner in regelmäßigen Abständen verkündet hatten: „Wer immer als Mittäter oder Anstifter an Kriegsverbrechen, Massenmord oder Hinrichtung schuldig ist – mag er Offizier, Soldat oder Mitglied der NSDAP sein – die drei alliierten Mächte werden jeden Schuldigen bis in den letzten Winkel der Erde verfolgen und vor seinen Ankläger bringen, auf dass Gerechtigkeit geschehe.“

Viktor Vossler wusste genau, was er getan hatte – tun musste. Er musste es tun, um im System zu überleben, scherte jemand aus, war er sofort degradiert oder gar eliminiert worden.

Er wollte nicht von den Siegermächten vor Gericht gestellt werden, argumentieren und sich rechtfertigen. Ihm würde sowieso keiner glauben. Für die Welt war er ein SS-Sturmbannführer, ein Kriegsverbrecher, ein Schreibtischtäter, der mitgeholfen hatte, Hunderttausende in den Tod zu schicken.

Hätte er es nicht getan, hätte es ein anderer getan.

Er war nicht stolz auf seine Zugehörigkeit und Tätigkeit bei der SS. Doch als die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, gab es für ihn als Architekt nur wenige Möglichkeiten Karriere, zu machen. Also war er in die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei eingetreten und rasch aufgestiegen. Eines Tages nämlich war er auf einer Parteisitzung Heinrich von Strelitz begegnet, der ihn ab da an förderte. Er war zu einem väterlichen Freund geworden, denn mit seinem eigenen Vater hatte Viktor Vossler seit Jahren keinen Kontakt mehr. Sein Aussehen verschaffte ihm Vorteile in der Partei, denn er war groß, 1,86 m, hatte eine durchtrainierte Statur, blondes kurzes Haar und wasserblaue Augen.

Es war SS-Standartenführer Heinrich von Strelitz, der Viktor Vossler Mitte Mai 1945 in seiner Wohnung anrief, die glücklicherweise unbeschadet geblieben war.

„Der Krieg ist aus und die bolschewistischen Schweine werden unser Land übernehmen“, begann von Strelitz das Telefonat.

„Wir lassen uns das nicht gefallen! Wir werden eines Tages unser geliebtes Vaterland zurückerobern und es von der Schmach befreien ...“

„Worauf willst du hinaus?“, unterbrach Viktor ihn, denn von Strelitz hatte eine Vorliebe für langatmige Propagandareden.

„Viktor, mein Freund. Eins musst du wissen: Unsere Kameraden lassen wir nicht im Stich. Wir müssen jetzt erst einmal unsere eigene Haut retten, untertauchen und im Verborgenen Pläne für die Rückeroberung unseres Vaterlandes schmieden. Es ist schon alles für dich veranlasst, mein Bester. Du wirst eine lange Reise machen müssen, aber am Ende bist du in Sicherheit. Wir werden dich sicher nach Argentinien bringen. Vertraue mir und befolge meine Anweisungen. Gravenwald wird bald bei dir vorbeikommen und dir Unterlagen geben. Du wirst mit dem nächsten Zug nach München fahren, dort wird dich ein Kontaktmann in Empfang nehmen ....“

Viktor lauschte gebannt den Erläuterungen des Standartenführers und staunte mal wieder über die Präzision und Detailliebe dieser SS-Organisation. Sein Weg sollte also nach Südamerika gehen.

Es war schon alles vorbereitet. Der Plan B für den Tag X musste nur noch aus der Schublade gezogen und in die Tat umgesetzt werden. Dieser Tag X war nun eingetroffen.

Heinrich von Strelitz riet ihm als erstes, seine schwarze Uniform zu verbrennen.

Anschließend sollte er die Tätowierung an der linken Achselhöhle unkenntlich machen. Viktor Vossler konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihm die zwei Buchstaben in die Haut eintätowiert worden waren. Es hatte weh getan, doch damals hatte er die Zähne zusammengebissen, um nicht als Schwächling vor seinen Kameraden dazustehen.

Die Buchstaben waren keine zwei S für die Organisation, sondern A und B, seine Blutgruppe.

Die Tätowierung der Blutgruppe sollte ihm und anderen SS-Angehörigen, falls sie verwundet werden sollten, in einem Krankenhaus eine vorrangige Behandlung garantieren.

Nun konnten diese beiden Buchstaben für ihn keine Rettung mehr sein, sondern ihm eher zum Verhängnis werden.

Viktor Vossler fand eine Flasche Schnaps im Schrank. Obgleich er Alkohol verabscheute und diesen Schnaps nur für Gäste aufbewahrte, trank er einen großen Schluck. Angewidert von dem Geschmack nahm er dann ein Messer zur Hand, reinigte die Klinge mit dem Alkohol und desinfizierte auch seinen Oberarm. Mit dem Messer in der rechten und einem Handspiegel in der linken Hand begann er so gut er konnte die Tätowierung zu entfernen. Mit zwei sichelförmigen Schnitten schnitt er sich das verhängnisvolle Hautstück vom Arm. Sofort begann es zu bluten und er band die Wunde rasch mit einem Tuch ab.

Da er alleine war, konnte er hemmungslos fluchen und sogar Tränen traten ihm in die Augen. Es tat verdammt weh. Doch er konnte nicht länger dasitzen und sich selbst leid tun, deshalb wischte er sich mit dem Handrücken die Tränen fort. Ihm blieb nicht viel Zeit für seine Flucht. Mit schmerzverzerrtem Gesicht packte er seine Sachen, warf einige Kleidungsstücke und sein Rasierzeug in eine Reisetasche. Im Schlafzimmer nahm er das gerahmte Hochzeitsfoto vom Nachtisch in die Hand und betrachtete es. Wie hübsch sie gewesen war, er hatte ihr langes blondes Haar gemocht, dachte er wehmütig.

Während eines Heimaturlaubs hatte er Gertrud auf einer Gartenparty bei Freunden kennengelernt. Sie hatten sich den ganzen Abend unterhalten und anschließend ihre Adressen ausgetauscht. Von da an schrieben sie sich wöchentlich Briefe und Postkarten, lernten sich so besser kennen und schmiedeten bald Pläne für die Zeit nach dem Krieg. Als er ein Jahr später wieder auf Heimaturlaub war, hatten sie kurzfristig geheiratet.

Nur vier Monate später war Gertrud tot. Das Mietshaus, in dem sie wohnte, wurde bei einem Bombenangriff getroffen und er war zum Witwer geworden. Gertruds Briefe bewahrte er in einem alten Schuhkarton auf. Kurz überlegte er, ob er die Briefe mitnehmen sollte, doch dann rügte er sich: „Sentimentaler Quatsch!“

Zuletzt nahm er noch seine Dienstwaffe, eine P.38 mit passender Munition aus einer Schublade und steckte sie ein.

Die Briefe, das Hochzeitsfoto, wie auch andere Dokumente und Unterlagen fielen dem Feuer zum Opfer. Von Strelitz Worte: „Verbrenne alles, was deine Identität ausmacht“, waren nämlich sehr eindringlich gewesen.

Später musste Viktor mühsam sein Hemd wechseln, denn die Wunde hatte durch den Verband geblutet und das Hemd rot gefärbt.

Der angekündigte SS-Mann Gravenwald erschien noch am selben Tag. Er überreichte dem Sturmbannführer einen dicken Umschlag.

„Darin ist ihre Fahrkarte in die Freiheit. Das Geld geben sie dem Kontaktmann in München. Der Treffpunkt steht hier drauf“, sagte Gravenwald und gab Vossler ein paar Geldscheine und einen Zettel mit einer Adresse darauf.

„Viel Glück!“, wünschte er und eilte dann wieder davon.

Viktor Vossler warf einen Blick in den Umschlag und pfiff anerkennend. Heinrich von Strelitz hatte an alles gedacht, denn unter anderem befand sich darin ein Zeugnis auf einem bedruckten Briefkopf. Er las die Ausführungen der harmlos klingenden Dienstaufträge, die er scheinbar in den letzten Jahren getätigt haben sollte. Anschließend legte er den Umschlag mit dem Inhalt ebenso in die Reisetasche. Er vergewisserte sich, dass er nichts vergessen und alle Spuren beseitigt hatte. Dann verließ Vossler die Wohnung im Norden Berlins und machte sich auf den langen Weg zum Bahnhof.

Auf den Straßen Berlins herrschte Angst und Chaos. Die Stadt hatte sehr unter den Bombardierungen der Alliierten gelitten. Häuserruinen und Schutthügel wohin man blickte. Einige Straßen waren durch herumliegende Trümmer unpassierbar, andere Straßen waren von den sowjetischen Truppen mit Kontrollstationen versehen. Menschen mit Handkarren, Rucksäcken und Koffern schleppten sich vorwärts, andere räumten Steine zur Seite oder besserten zerbrochene Fensterscheiben notdürftig aus. Leichen und Pferdekadaver lagen herum, der Gestank, der von ihnen ausging, war entsetzlich.

Soldaten marschierten im Gleichschritt vorbei und Panzerfahrzeuge schoben Schutt und Geröll beiseite. Niemand schien auf den anderen zu achten, jeder war mit sich selbst beschäftigt. Diesem Umstand verdankte es Viktor, dass er unbehelligt zum Bahnhof gelangen konnte.

Von Strelitz hatte ihn gewarnt, dass ihm, sollte er von den Russen aufgegriffen werden, das sibirische Arbeitslager drohe. Außerdem würde der amerikanische Geheimdienst bereits nach SS-Angehörigen fahnden. Im schlimmsten Fall gäbe es nur noch eine Möglichkeit. Diese würde sich in dem Umschlag befinden, meinte sein Freund, und sei eine kleine Giftkapsel.

Am Bahnhof herrschte ebenfalls Chaos. Spuren von Plünderungen waren deutlich zu erkennen, denn die Waggons von Güterzügen waren aufgebrochen worden. Auf den Gleisen lag der Inhalt zerstreut.

In der teilweise beschädigten Bahnhofshalle und an den Gleisen standen und saßen wartende Menschen. Es schien so, als ob ganz Berlin weg wollte.

Die Anzeigetafel für die Züge war zerstört und niemand wusste, wann der Zug nach München abfahren würde. So blieb Viktor Vossler nichts anderes übrig, als ebenso zu warten.

In der Menge entdeckte er ein bekanntes Gesicht. Es musste Hellmann sein, der ebenfalls bei der SS gewesen war. Mit einem kurzen Kopfnicken signalisierte Hellmann ihm, dass auch er ihn erkannt hatte. Viktor nickte kaum merklich und wendete dann rasch den Kopf in eine andere Richtung. Niemand sollte mitbekommen, dass sie sich kannten, und schon gar niemand sollte sie als ehemalige SS-Angehörige erkennen.

Nach einigen Stunden des Wartens kam eine Durchsage:

„Achtung, Achtung! Demnächst wird ein Zug kommen. Nach einem Aufenthalt von ca. einer Stunde wird dieser Zug voraussichtlich weiter nach München fahren! Ich wiederhole: nach München!“

Als endlich der Zug im Bahnhof hielt, kämpfte sich Viktor Vossler durch die Menge und ergatterte sogar einen der wenigen Sitzplätze im Zug. Es saßen bereits Passagiere in dem Abteil, aber der Platz am Fenster war noch frei. Seine Reisetasche stellte er zwischen seine Beine, rollte die Jacke zu einem Bündel zusammen und lehnte damit seinen Kopf an die Scheibe. Das lange Warten und die ungewisse Zukunft hatten ihn erschöpft. Kaum hatte er die Augen geschlossen, war er eingeschlafen. Der Zug setzte sich nach einer Weile in Bewegung und verließ die zerstörte Hauptstadt Deutschlands.

Kapitel 2

Viktor Vossler kam in München nach über einer Woche an. Auch München war während des Krieges bombardiert worden. Die imposanten Gebäude des NS-Regimes hatten allerdings, unter Tarnnetzen versteckt, die Bombardierungen unversehrt überstanden. Doch es gab auch zahlreiche Häuserruinen, Schutthügel und unpassierbare Straßen, die es Viktor Vossler schwer machten, seinen Kontaktmann zu treffen. Schließlich fand er den kleinen dicken Mann, in Lederhose und kariertem Hemd am vereinbarten Treffpunkt.

„Franz Breitenhuber“, stellte er sich dieser vor.

Vossler stellte sich ebenfalls vor und überreichte dem Mann das Geld.

Breitenhuber antwortete etwas mürrisch: „Sie komma spad. Von Strelitz hod sie für letzte Woch angekündigt“.

Sein bayrischer Dialekt war für Viktor Vossler kaum verständlich.

Vossler wäre gern schneller nach Bayern gereist, doch dies war ihm nicht möglich gewesen. Die Zugfahrt war die reinste Odyssee gewesen. Natürlich fuhr der Zug nicht von Berlin nach München durch. Die Gleise waren an unzähligen Stellen unterbrochen und Brücken waren zerstört. Der Zug musste immer wieder auf Nebenstrecken ausweichen, bis er schließlich auf offener Strecke bei Landshut stehen blieb. Von dort an musste jeder Passagier selber zusehen, wie er an seinen Zielort kommt. Für das letzte Stück nach München hatte Viktor drei Tage gebraucht. Er war auf Pferdefuhrwagen, oder – auf offenen Ladeflächen von Lastkraftwagen mitgefahren – oder er war zu Fuß marschiert. Auf den Straßen waren zahlreiche Menschen unterwegs, Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurück wollten oder Vertriebene aus den Ostgebieten, die irgendwo eine neue Existenz aufbauen wollten.

Das Gehen war beschwerlich gewesen, denn Vosslers Wunde am Arm hatte sich entzündet und schmerzte. Immer wieder hatte er Alkohol organisieren müssen, um die Wunde zu desinfizieren. Eine Heilung stellte sich allerdings nicht ein. Er musste somit dringend zum Arzt, sonst wäre seine Flucht schneller beendet als ihm lieb war.

Franz Breitenhuber und Viktor Vossler stiegen in einen alten Opel und verließen die Stadt in südlicher Richtung.

„Warn sie scho moi in München gewesen?“, erkundigte sich Breitenhuber und schaltete in den dritten Gang hoch.

Sein Beifahrer war vor ein paar Jahren einmal in München gewesen. Viktor erinnerte sich an die schönen Erlebnisse, wie an die Spaziergänge im Englischen Garten, an die Weißwürste mit süßem Senf, die er mit einer Brezel gegessen hatte, aber auch an die weniger schönen Erlebnisse. Sein Vorgesetzter bei der SS hatte ihn für eine Weile ins Lager nach Dachau geschickt, das nordwestlich der Stadt lag. Das Konzentrationslager Dachau war das erste seiner Art und wurde bereits 1933 errichtet. Es war ein Ausbildungsort für SS-Wachmannschaften und SS-Führungspersonal. Hier hatte er Methoden und Vorgehensweisen gelernt, die er später im Krieg und in Riga angewandt hatte.

Der alte Opel rumpelte über die Straßen. Sie fuhren nicht auf Hauptstraßen, da Breitenhuber befürchtete an Checkpoints der Alliierten gestoppt zu werden. München lag hinter ihnen, und bald waren die Alpen am Horizont zu sehen.

„Da müssen sie rüber“, sagte der Bayer und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf die Bergkette.

Viktor wusste nicht wie, denn mit seinem verletzten linken Arm würde die Alpenüberquerung schwierig werden.

„Ich habe eine Kriegsverletzung, die sich wohl entzündet hat, und ich muss dringend zu einem Arzt“, bat er.

Franz Breitenhuber nickte. Stundenlang fuhren sie durchs Alpenvorland. Die Berge türmten sich immer höher vor ihnen auf. Auf den Spitzen lag sogar noch etwas Schnee. Der Fahrer kämpfte sich den ersten Berghang hinauf und folgte der steilen Straße.

Abends kamen sie in einem Bergdorf an und quartierten sich in einem Gasthaus ein.

Breitenhuber konnte einen Arzt auftreiben und kehrte mit diesem zu Vossler zurück.

„Wundbrand, das sieht gar nicht gut aus“, stellte der Doktor fest.

„Ich muss das infizierte Gewebe herausschneiden. Leider habe ich kein Morphium. Das muss reichen,“ sagte der Arzt und drückte Viktor Vossler eine Flasche Schnaps in die Hand.

„Selbst gebrannt von meinem Bruder. Nehmen sie ein paar kräftige Schlucke.“

Widerwillig trank der Patient. Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit war Viktor gezwungen, Alkohol zu trinken, den er sonst verabscheute.

Das Zeug war hochprozentig und benebelte ihn. Nichtsdestotrotz schmerzte es furchtbar, als der Arzt das infizierte Fleisch herausschnitt.

„Verdammt“, schrie Viktor und nahm freiwillig einen weiteren Schluck aus der Flasche.

In der Nacht schlief er unruhig, wachte immer wieder auf, weil sein Arm schmerzte. Hoffentlich würde sich die Wunde nicht ein weiteres Mal infizieren.

Mit müden Gliedern brachen Franz Breitenhuber und Viktor Vossler am nächsten Tag in aller Frühe auf. Sie hatten noch einen weiten Weg vor sich. Sie fuhren den ganzen Tag, nur durch eine Brotzeit unterbrochen.

Die zweite Nacht mussten sie im Wagen schlafen. Mit steifem Nacken und einem Frühstück aus einem Stück Brot und Käse reisten die beiden Männer weiter durch die Berge.

Endlich erreichten sie ein Kloster. Es war einige Jahrhunderte alt und passte sich gut in die Landschaft ein. Es war ein imposantes Gemäuer. Im Zweiten Weltkrieg war das Kloster ein Lazarett gewesen, doch nun waren die verwundeten Soldaten verlegt worden und der Klosteralltag zurückgekehrt. Es war vereinbart, dass Franz Breitenhuber Viktor Vossler bis hierher begleiten würde. Breitenhuber parkte das Fahrzeug vor dem großen Tor.

„Grüßen sie mir unseren gemeinsamen Freund Heinrich von Strelitz, wenn sie ihn einmal wieder sprechen“, verabschiedete sich der Mann. Vossler stieg aus und während er zum Klostereingang ging, brauste der Opel davon.

Kapitel 3

Vossler zog an einer Kordel, die seitlich des Holztores befestigt war. Ein heller Glockenton erklang darauf hin. Kurze Zeit später öffnete ihm ein hagerer Mönch in einer braunen Kutte das Tor. Viktor Vossler erklärte ihm, er sei aus Deutschland und müsse den Abt in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. Der Mönch nickte und führte ihn zuerst in einen Speiseraum.

„Sicher haben sie nach der langen Reise Hunger!“, vermutete er und stellte Vossler wohlwollend eine Schüssel mit Suppe hin, reichte ihm Brot und Vossler aß hungrig.

Später brachte der Mönch ihn zu einer Schlafstube, die karg eingerichtet war: Ein schmales Bett, ein Schränkchen und zwei Haken an der Wand für Kleidung, über der Tür hing ein einfaches Holzkreuz mit der Christusfigur.