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Es brodelt in Europa. Unruhen kommen auf. Eine feindliche Organisation will die Währungsunion aus den Angeln heben und vernichten. Die Menschen stürmen die Banken, das Chaos regiert. Während ein unbekannter Sender die Menschen aufwiegelt und staatsgefährdende Parolen dudelt, wird ein fünfjähriges Mädchen auf dem Berliner Hauptbahnhof vor den Augen seiner Familie entführt. Die Kriminalpolizei ermittelt, der Staatsschutz schaltet sich ein. Die Mutter des Mädchens ist Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium und wird von den Entführern erpresst. Ein hochbrisanter Fall, ein Politikum, das die Familie an ihre Grenzen bringt.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2026
Wolfgang Rall
Zerfall der Ordnung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Impressum neobooks
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Nachdenklich wechselte Caspari auf die andere Straßenseite. Das Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden seiner Bank in dessen Stammlokal beschäftigte ihn sehr. Unsere Währung ist in großer Gefahr, hatte Schröder ihm mitgeteilt. Die Regierung ist sehr besorgt. Auch unsere Bank wird in heftige Turbulenzen geraten. Eine nicht identifizierbare Organisation plant unser Währungsgefüge aus den Fugen zu heben. Eilig betrat er die Bank, ein modernes Gebäude, das mehrstöckig in den Himmel ragte. Mit einem Gruß zum Empfang steuerte er schnurstracks zu den Aufzügen, stieg in den ersten, der hielt und der ihn sanft in den sechsten Stock beförderte. Im Vorzimmer seines Büros kam ihm heftig mit den Armen wedelnd seine Sekretärin entgegen. Elegant wie immer: Blaues Kostüm, passende Bluse, die von einem Seidenschal drapiert wurde, ein Accessoire, das täglich bei ihr wechselte, wahrscheinlich hatte sie einen ganzen Schrank davon, plapperte sie drauflos: „Gut, dass sie schon da sind, Chef“, stieß sie nervös hervor. „Ich muss dringend mit ihnen reden!“
„Beruhigen sie sich Ella.“ Leicht berührte er ihren Arm. „Kommen sie. Gehen wir in mein Büro. Dort sind wir ungestörter als hier.“ Die Schritte gesetzt, ganz Herr, ging er ihr voraus, hing Mantel und Hut an den Haken, während sie vor seinem Schreibtisch, der wuchtig und dennoch elegant sein Büro dominierte, stehen blieb.
„So setzen sie sich doch“, lief er um ihn herum, legte seinen Aktenkoffer darauf ab.
„Nun! Was gibt es denn so Wichtiges, Ella?“ Er nahm Platz, während sie weiterhin stehen blieb.
„Lesen sie. Bitte.“ Ihre Augen flackerten. „Die Notiz in ihrer roten Mappe.“
„Ach! Das meinen sie. Ja. Den Vorgang kenne ich natürlich. Übrigens streng geheim. Den Angriff auf unsere Währung! Wir haben im Vorstand darüber diskutiert, aber wir haben nicht die Macht, um etwas dagegen zu tun, Ella. Die Politik ist hier gefordert. Die Regierungen müssen handeln, die müssen Strategien entwickeln, Abwehrmaßnahmen einleiten etc. Weiß sonst noch jemand von dieser Geschichte? Ich meine, außerhalb unseres Hauses?“ Seine Frage klang beiläufig, jedoch mit strengem Unterton.
„Wo denken sie hin!“ Ella verärgert. „Ich bin jetzt seit über zehn Jahren ihre Sekretärin. War ich je einmal indiskret? Denken sie so von mir?“
„Schon gut“, jetzt milder sein Ton. „War nicht so gemeint, Ella. Wir sind ein gutes Team. Schon immer gewesen. Aber das Wissen sie doch selbst am besten?“, stahl sich ein Grinsen in sein Gesicht. „Hier. Nehmen sie das bitte mit“, nahm er ein Schriftstück aus seiner Schublade. „Kümmern sie sich bitte darum. Eine eilige Terminsache. Übrigens: Hat Stennlau angerufen?“, schaute er abwartend zu ihr auf.
„Ja. Gestern. Kurz vor Feierabend. Er will sich heute nochmals melden.“
„Prima. Gibt es sonst noch etwas Wichtiges?“
„Nein. Das ist alles“, verschwand sie augenblicklich ins Vorzimmer, das sie als ihr Reich betrachtete.
Caspari hob sich aus seinem Stuhl, schlurfte nachdenklich zum Fenster, an dem er stehen blieb. Er teilte Ellas Ängste, wenngleich sein Charakter eher optimistisch gepolt war, aber diesmal hatte auch er ein ungutes Gefühl. Die Währungsunion war in höchster Gefahr. Wenn die Politik nicht schnell genug handelte, zauderte wie so oft in den letzten Jahren, dann regierte hier bald der Mob, und das Land wird in seinen Grundfesten erschüttert. Gemächlich den Kopf leicht gesenkt, ging er zurück an den Tisch, griff zum Telefon, wählte die Nummer des Wirtschaftsministeriums, in dem seine Frau als Staatssekretärin ihre Pflicht tat. „Gibts neue Erkenntnisse?“, fragte er, als sie sich meldete.
„Leider nichts Gutes.“ Ihre Stimme krächzend durch die Leitung. „Wir wissen von neuen Aktionen. Heute Nacht haben sie tonnenweise Flugblätter in Frankfurt, München und Stuttgart über Straßen und Gehwege verteilt.“
„Mit welchem Inhalt?“ Caspari zogen Schauer über die Haut.
„Sie verbreiten die Nachricht, dass über ganz Europa eine Geldentwertung großen Ausmaßes bevorsteht. In einigen Städten bilden sich schon erste Schlangen vor den Banken. Die Menschen heben ihre Ersparnisse ab, haben Angst, dass sie die Automaten sperren. Du weißt, was das für unser Land bedeutet?“ Natürlich wusste er das. Wenn das Vertrauen der Bevölkerung schwand, war das der Anfang vom Ende.
„Das Kabinett ist sehr besorgt über diese Lage. Zwischen den Hauptstädten laufen die Drähte heiß. Auch in Paris, Madrid und Amsterdam dasselbe Bild, Flugblätter, wohin du schauen kannst.“
„Mein Gott. Das nimmt ja Ausmaße an, die ich nie für möglich gehalten hätte.“
„Ja. Aber es ist so, wie es ist. Jetzt haben wir ein Problem, das es schnell zu lösen heißt.“
Stille in der Leitung. Plötzlich wechselte er das Thema. „Ist Celine im Kindergarten?“, fragte er.
„Ja! Lilli hat sie begleitet und wird sie zum Mittag auch wieder abholen.“ Lilli war ihre Haushälterin, Mitte vierzig und ziemlich resolut. Sie hatte nie geheiratet, lebte allein und betrachtete die Casparis als ihre Familie.
„Carsten und Lisa sind in der Schule. Aber hör zu Thomas! Wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren.“
„Ich weiß, aber ich habe Angst um Celine. Du weißt, wie die Menschen sein können.“
„Daran dürfen wir nicht denken, Thomas. Nicht in unserer Position. Wir müssen eher Zuversicht verbreiten. Das ist unsere Aufgabe. Wir haben große Verantwortung für unser Land, auch du. Und unserer Kleinen geschieht schon nichts, wenn wir nur genug auf sie aufpassen. Sorry! Ich muss Schluss machen, eine Sitzung, die vielleicht neue Erkenntnisse bringt“, unterbrach sie kurzerhand das Gespräch.
Caspari rieb sich gedankenvoll die Augen. Charlotte hatte völlig recht, er durfte jetzt nicht die Nerven verlieren, doch die Gefahr war real, darum mussten sie auf der Hut sein, Celine war farbig und die Menschen unberechenbar.
Am Abend war alles wie immer. Die Familie saß um den großen Tisch im Esszimmer, nahm das Abendessen ein, das Lilli zubereitet hatte. Locker erzählten Lisa und Carsten aus der Schule, Celine vom Kindergarten. Politisiert wurde nicht vor den Kindern. Erst als Caspari mit seiner Frau zu Bett ging, erfuhr er weitere beunruhigende Details von ihr, die im Grunde zu nichts führten, außer seinen Schlaf zu stören, aus dem er Nacht für Nacht aufschreckte, weil große Sorgen ihn quälten.
Wenige Tage darauf bekam er eine Einladung nach Amsterdam, eine Tagung, in der es um Sprachregelungen und Vorgehensweisen in der Krise ging, wie er der beiliegenden Agenda entnehmen konnte. Er hatte keine Lust auf diese Reise, sie kam zur Unzeit, jetzt in dieser unruhigen Zeit, in der so vieles passieren konnte. Mit einem schlechten Gefühl im Bauch reiste er an einem Montag an. Als die Tagung am Abend begann, die Tagungsteilnehmer sich in einem kurzen Statement vorstellten, fiel im sofort eine Frau ins Auge, die sich als Jeanette vorgestellt hatte und die attraktiv und selbstbewusst als einzige Frau zwischen anzugsbekleideten Männern saß. Mehrmals suchte er ihren Blick. Die Frau gefiel ihm. Sie war jung, hatte Ausstrahlung, was ihn faszinierte. Zufällig saß er morgens bei ihr und dem Tagungsleiter am Frühstückstisch. Stennlau hieß der Mann, untersetzt und etwas rundlich und der sofort das Wort führte. Fortan suchte Caspari die Nähe der jungen Frau, unterhielt sich in den Pausen mit ihr, wobei er jedes Mal ein Kribbeln in den Lenden spürte. Wie lange war ihm das nicht mehr passiert? Doch die Frau hatte etwas an sich, unkompliziert und sexy, etwas, das er nicht wirklich fassen konnte, ihn aber wie einen Magneten anzog. Ihre Art sich zu bewegen, anmutig und überaus selbstsicher, machte ihn fast verrückt. Oftmals gesellte sich der Tagungsleiter zu ihnen, riss Witze, war auch sonst lustig und humorvoll, blieb aber dennoch unnahbar.
Mitte der Woche, Stennlau hatte einen Umtrunk an der Hausbar organisiert, schlug die Stimmung Wellen. Es floss reichlich Alkohol. Die Teilnehmer alle beschwipst und ausgelassen. Jeanette tanzte mit einem nach dem anderen, nun ja, als einzige Frau unter Männern. Auch mit Caspari tanzte sie mehrmals, und der sie kurz vor Mitternacht auf ihr Zimmer begleiten durfte. „Komm doch rein“, forderte sie ihn lächelnd auf. „Einen kleinen Absacker genehmigen wir uns noch.“
Kaum im Zimmer fielen sie übereinander her. Nach und nach fielen alle Hüllen, der Teppich übersät mit Stoff. Sie umarmten und sie küssten sich, bis sie nackt auf die Decke flogen.
Für kurze Zeit verblassten Casparis Sorgen. Die Welt von einem Tag zum anderen plötzlich himmelblau, obgleich die Lage immer ernster und prekärer wurde, Europa unter einer Flut von Flugblättern versank, ein ominöser Radiosender täglich seine Parolen sendete und der die Menschen in tiefste Verunsicherung stürzte.
Europa schien machtlos gegenüber diesem Terror zu sein, der nicht mit Bomben, sondern verbal auf einem Flugblatt und über einen Sender geführt wurde. Caspari wusste, dass hinter verschlossenen Türen Pläne aufgesetzt, über Maßnahmen nachgedacht wurde.
Jeden Abend trafen sie sich nun auf ihrem Zimmer, liebten sich, wie verliebte nur Lieben konnten. Caspari war glücklich. Er hatte Jeanette im Sturm erobert, obgleich er genau wusste, dass das nur eine vorübergehende Affäre war.
Am vorletzten Tag schwänzten die beiden das Seminar. Jeanette wollte ihm Amsterdam zeigen, die Sehenswürdigkeiten dieser von Flussläufen durchzogenen Stadt. Sie hatte vor Jahren einmal hier gelebt und war jetzt in Paris zu Hause. Von einer Sehenswürdigkeit zur anderen schleppte sie ihn, trotz Regen und Wind, der heute ordentlich blies. Amsterdam war schön. Keine Frage. Doch die Zeit war viel zu kurz dafür, um alles anschauen zu können. Schließlich setzten sie sich in eines der vielen Restaurants, hauptsächlich indonesisch, die es hier, wie Sand am Meer gab, bestellten eine doppelte Reispfanne, die sie mit gutem Appetit zusammen gabelten.
„Werden wir uns wiedersehen, Thomas?“ Zärtlich schob sie ihre Hand über den Tisch, streichelte seinen Handrücken. „Es war schön mit dir. Ich habe mich wohlgefühlt. Und nicht nur das“, strahlte sie ihn an. Ich habe mich verliebt in dich. Eigentlich darf mir das nicht mehr passieren, denn ich habe mir seit langem einen Kodex auferlegt: Verliebe dich nie in einen Kollegen, denn das lenkt dich nur von der Arbeit ab. Aber bei dir scheint mein Kodex versagt zu haben. Ich weiß nicht warum, aber vielleicht hast du ja eine Antwort darauf.“
„Er grinste und wirkte plötzlich verlegen. Es ist mein Charme, dem du nicht widerstehen konntest. Auch ich habe mich in dich verliebt, Jeanette. Aber das geht nicht. Ich bin verheiratet und muss an meine Familie denken. Heute Nacht können wir nochmal zusammen sein, aber dann trennen sich unsere Wege wieder. Es war schön und etwas Besonderes mit dir zusammen zu sein. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege wieder. Wer weiß. Rein zufällig und wir treffen uns wie alte Freunde bei mir in Berlin und trinken ein Bier zusammen."
„Schade.“ Ihr Lächeln jetzt wie weggehuscht. „Deine Familie ist dir heilig. Ich weiß und spüre das.“
„Danke, dass du so denkst. Ihr Frauen habt einfach das Gespür für zwischenmenschliches. Darum bist du so milde mit mir und klammerst nicht. Von dieser Gefühlswelt sind wir Männer noch Welten entfernt. Meine jüngste kommt aus dem Senegal, ist nicht weiß, sondern dunkelbraun und das bereitet mir Sorgen. Wenn die Lage eskaliert, ich möchte gar nicht daran denken, dann müssen wir handeln und können sie nicht einmal mehr auf die Straße lassen.“
„Das verstehe ich, Thomas. Erneut nahm sie seine Hand, drückte sie fest. „Du darfst dir diese Sorge nicht anmerken lassen. Unsere Aufgabe ist es Hoffnung zu verbreiten, alles andere wäre fatal.“
Als ihn das Taxi vom Flughafen nach Hause brachte, dachte er an ihre Worte und die er schon einmal gehört hatte. Plötzlich erschrak er. Aus dem Fenster sah er Menschen mit Spruchbändern durch die Straßen ziehen, die wüste Parolen brüllten. „Geht das schon länger so?“, beugte er sich vor zum Fahrer.
„Ja! Die demonstrieren schon seit Tagen. In Kreuzberg haben sie ganze Läden demoliert. Es gab viele Verletzte. Ich bin gespannt, wenn sie endlich den Notstand ausrufen.“ Leicht wandte er den Kopf in den Fond. „Glauben sie auch, was dieser Sender dudelt, dass unser Geld bald nur noch das Papier wert sein wird?“
„Nein!“ Blitzschnell und überzeugend genug kam dieses „Nein“. „Daran glaube ich nicht. Unsere Währung ist stabil und wird stabil bleiben. Vertrauen sie darauf,“, lehnte Caspari sich zurück und dachte dabei an Charlotte, bei der er sich kein einziges Mal gemeldet hatte. Hoffentlich war sie nicht sauer deswegen, hatte er ein schlechtes Gewissen. Die Fahrt dauerte nicht lange. Nur wenige Minuten später hielt das Taxi am Straßenrand seines Hauses an, das von Hecken und Sträuchern umsäumt war. Er zahlte, stieg aus und schlenderte durch den Vorgarten zum Eingang, wo Lilli ihm sein Gepäck abnahm.
„Sie sehen müde aus, Herr Caspari“, begrüßte sie ihn freundlich, als auch schon Celine hinter ihrem Rücken hervor stürmte.
„Papa! Papa“, schob sie ihre Hand in die Seine. Wie eine Feder hob er sie hoch, küsste sie herzhaft auf die Wangen, um sie sogleich wieder auf den Boden zu stellen.
„Wo ist Mama?“, fragte er zärtlich.
„Ihre Frau ist im Ministerium“, ergriff Lilly das Wort. „Wir wussten ja nicht, wann sie heimkommen.“ Letzteres klang wie ein Vorwurf.
„Ich weiß“, tat er schuldbewusst. „Ich hätte anrufen sollen. Aber Carsten und Lisa sind doch da?“, lenkte er ab.
„Nein“, zuckte sie die Schultern. „Die beiden sind unterwegs, Lisa in der Musikschule, Carsten bei seinem Freund.“
„Hast du mir etwas mitgebracht, Papa?“ Zaghaft zog Celine an seiner Hand.
„Natürlich liebes“, ging er in die Hocke. „Wir werden es gleich zusammen auspacken.“
Tags darauf ging er früher als gewohnt aus dem Haus. Er brauchte Zeit, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten, bevor um zehn die turnusmäßige Vorstandssitzung begann.
„Schön, dass sie wieder zurück sind, Chef“, begrüßte ihn Ella freundlich, die fleißig über Akten brütete. „Wie war die Tagung?“, unterbrach sie ihre Arbeit, sah gespannt zu ihm auf.
„Anstrengend. Bis in die Abendstunden haben wir getagt und uns bemüht, etwas Vernünftiges zu erarbeiten. Nur einmal konnte ich mir Amsterdam anschauen, bin durch die alten Gassen gelaufen, sozusagen im Schnelldurchlauf, die Zeit war einfach zu kurz dazu, um eine Stadt wie diese anschauen zu können. Amsterdam ist sehenswert. Seine Grachten, überhaupt die unzähligen Kanäle dort und natürlich das Van-Gogh-Museum, das ich mir leider nicht ansehen konnte und noch vieles andere mehr. “
„Schade!“, zuckte Ella, deren Gesicht wie Honig schimmerte und an dem sichtbar zu viel Rouge aufgelegt war, die Schultern. „Konnten sie wenigstens etwas Neues über diese Unruhestifter erfahren?“, wollte sie neugierig wissen.
„Geheimsache, Ella.“
„Verstehe“, winkte sie enttäuscht ab, ging aber sofort zum Tagesgeschäft über. „Die heutige Sitzung fällt aus“, informierte sie ihn geschäftig. Schröder wurde wieder einmal ins Kanzleramt einbestellt. Ihre Korrespondenz, Einladungen, Briefe, Zins und Aktienentwicklungen finden sie wie immer in ihrer roten Mappe.
Zur selben Zeit in Irland.
Bei strömendem Regen fuhren Limousinen zwischen hohen Bäumen und dichtem Grün in einen weitläufigen Landsitz ein. Vier Damen und acht Herren stiegen aus. Die Herren ganz in schwarz, die Damen im roten Businesskostüm. Unter ausladenden Regenschirmen begraben stürmten sie fluchtartig durch die Tür des großen Anwesens, wo mollige Wärme auf sie wartete. Zwei überdimensionale Kamine, gemauert aus rotem Stein, beheizten einen Raum, der äußerst spartanisch eingerichtet war. Nur eine mit Speisen eingedeckte Tafel, sieben Stühle an den jeweiligen Seiten, war alles, was dem Raum Ausdruck gab. Einem eingeübten Ritual gleich, nahezu gleichzeitig, setzte sich die Gesellschaft an die lange Tafel, hantierte mit Besteck, nicht ein einziges Wort, das während der Mahlzeit fiel. Schließlich als alle Schüsseln leer waren, trat ein Butler an die Tafel und räumte ab. Jetzt kam Bewegung in die Gesellschaft. Ein großer dunkelhaariger Mann, stellte sich an die Stirnseite der Tafel und begrüßte die Damen und Herren mit seiner tiefen sonoren Stimme. Beinahe gleichzeitig rollte, wie von Geisterhand bewegt, eine Leinwand in die Tiefe, ein Lichtstrahl blitzte auf und mit ihm eine Landkarte, die Europa in all seinen Grenzen abbildete.
„Hier“, dröhnte er über ihre Köpfe hinweg und zeigte im Licht eines Lasers auf einen Punkt. „Hier haben wir unseren Radiosender platziert. Und hier“, leuchtete der Laser über verschiedene Städte hinweg, „verteilen wir heute Nacht unsere Flugblätter. Darüber wollen wir heute mit euch reden.“
Eine Frau, attraktiv, rotes wallendes Haar, das bis zu ihrer Hüfte fiel, rief ungehalten dazwischen. „Warum groß reden. Jeff; Flugblätter und ein bisschen Radio, bringt doch nichts. Wir brauchen schärfere Waffen, Terror, gezielt eingesetzt, nur das bringt uns weiter.“ Gemurmel flackerte auf. Ein Mann, grau meliert, drahtig, mittelgroß, trat aus dem Hintergrund hervor und reckte die Arme gegen die hohe Decke. „Bitte Freunde!“, mahnte er. „Lasst uns konstruktiv miteinander umgehen. Wir verfolgen alle dasselbe Ziel, wir wollen das verkrustete System der Europäischen Union aufbrechen, den Euro destabilisieren. Nur um das geht es und darum kämpfen wir. Die europäische Idee ist Tod. Schaut euch dieses Gebilde doch an: Stückwerk, falsch montiert und anfällig gegen äußere Einflüsse. Die Regierungen denken nur an ihre Eigeninteressen, Egoismen, die sich längst verselbstständigt haben. Die Flüchtlingskrise ist das beste Beispiel dafür. Die Staaten ducken sich weg. Deshalb müssen wir uns die Macht nehmen. Aber …“ Er stockte, Beifall kam auf. „Bitte lasst mich zu Ende reden. Mit Terror erreichen wir nicht viel, das würde die falschen Treffen. Kinder, Frauen und Alte. Es wird Tode und Verletzte geben, und der Mob macht sich breit und wird die Straße regieren. Was das heißt", wippte er nachdenklich den Kopf, hielt inne, „darüber brauchen wir nicht zu spekulieren. Dann fliegt uns der ganze Laden um die Ohren. Nein! Wir brauchen eine ausgeklügelte, intelligente Strategie, Nadelstiche, die wir setzen, Punkt für Punkt.“ Darum schlage ich eine Pause unserer Aktivitäten vor. Das wird die Regierungen verunsichern. Und wir haben Zeit, uns zu überdenken. In dieser Zeit möchte ich Gespräch mit euch führen. Konstruktiv über Strategien, Verteilung der Aufgaben und Stoßrichtung diskutieren. Überdenkt eure Vorschläge genau, denkt in alle Richtungen, bevor ihr auf Jeff zukommt, der die Termine mit euch. Vereinbart.“
Wiederholt erhob sich Gemurmel. Erneut hob der Mann die Hände: „Einen Monat setzen wir aus. Bis dahin, brauche ich eure Vorschläge. Danach beschließen wir, welche Maßnahmen wir letztendlich ergreifen werden.“ Letzteres klang wie eine Kampfansage und die durch das Recken seiner Fäuste doppelt unterstrichen wurde. Dann trat er ab, trat zur Seite, um Jeff Platz zu machen.
Im Raum wurde es still, zwölf Personen schoben die Köpfe zusammen, während der Boss der Gruppe zur Tür ging.
„War das alles?“, rief die Rothaarige ihm nach. „Ich dachte, wir wollten zusammen reden, diskutieren, abstimmen! Und übrigens: Was sagt unsere Pariser Zentrale dazu? Die haben doch die Fäden in der Hand. Nicht du Tom!“
Der lief rot an. „Was soll das Lauren?“ Sein Blick wurde streng und traf die Rothaarige. „Paris gibt nur die Linie und das Ziel vor“, erklärte er. Aber wie wir dieses Ziel erreichen wollen, welche Maßnahmen wir dafür aufsetzen müssen, wird von mir und meinen Kollegen entschieden. Ich habe das mehrmals gegenüber euch erwähnt. Aber um deine Frage etwas abzurunden, Lauren. Die Zentrale möchte unsere Ziele vorerst ohne Eskalation erreichen. Sie will, dass wir mit Verstand und angemessen vorgehen.“
„Aha!“ Spöttisch lachte die Rothaarige auf. Vorerst sagen die. Gewalt wird also nicht ausgeschlossen.“
„Nein. Aber darüber will ich mit dir nicht diskutieren. Basta. Bring mir deinen Vorschlag, danach werden wir weitersehen“, machte er kehrt und eilte hinaus.
Caspari traute seinen Augen nicht, als er sah, wie der Spuk vorüber war und der Alltag sich wieder in normalen Bahnen bewegte. Doch die Ruhe war trügerisch, zu trügerisch für Menschen wie Caspari. Von seiner Frau wusste er, dass immer noch Alarmbereitschaft herrschte und in den Ministerien eine Sitzung die andere jagte.
In diesen Tagen dachte Caspari darüber nach, sich nach einem sicheren Ort umzusehen, ein Haus in der Schweiz, seine Idee und die ihn nicht mehr loslassen wollte. Im Internet hatte er schon nach Objekten gesucht, dabei war ihm ein Maklerbüro ins Auge gefallen, das in Lugano mehrere Häuser im Programm hatte. Nach Überlegungen, die sich über zwei Wochen hinzogen, nahm er sein Telefon zur Hand und rief dort an.
„Am Ende der Leitung, meldete sich eine sonore Stimme, „Maklerbüro Zümli.“
„Ja! Hier Caspari. Guten Tag, Herr Zümli. Sie haben Häuser im Programm. Ich suche eins. Können sie mir etwas vermitteln?“, überfiel er den Makler ohne Luft zu holen.
„Ja. Natürlich. In bester Lage, wenn sie wollen. Aber nun mal der Reihe nach, Herr Caspari. An was haben sie gedacht? Kauf oder Miete? Hier oder in der näheren Umgebung?“
„Ich dachte an ein Haus direkt in Lugano, sechs Zimmer, schön gelegen, mit einem großen Garten drum herum, in dem meine Kinder ihre Zeit verbringen können. Sie haben doch so etwas ihm Angebot?“
„Selbstverständlich haben wir das. Aber dazu sollten sie herkommen“, sich unsere Objekte bei uns ansehen. „Erst heute habe ich ein Haus mit Blick auf den See hereinbekommen, sehr schön und reizvoll gelegen und das ihren Wünschen entsprechen könnte. Ich höre, sie sind deutscher, ein Katzensprung in unsere schöne Schweiz.“
„Ja“, murmelte Caspari. „Ich wohne in Berlin. Das ist mehr als ein Katzensprung. Mir wäre es angenehm, die Sache eilt, wenn ich morgen vorbeischauen könnte.“
„Kein Problem. Das lässt sich einrichten. Kommen sie her. Rufen sie mich morgen noch mal an, dass ich weiß, wann sie ankommen. Unsere Adresse haben sie. Sie steht auf unserer Homepage, auch eine Wegbeschreibung ist hinterlegt. So können sie uns nicht verfehlen.“
„Die habe ich schon ausgedruckt.“
„Gut. Dann verbleiben wir so. Ich höre von ihnen.“
Charlotte war nicht begeistert von seinem Plan, war strikt dagegen. „Du siehst Gespenster“, hielt sie ihm vor. „Was sollen wir mit einem Haus in der Schweiz. Unsere Arbeit ist hier und nicht auf fremdem Hoheitsgebiet.“ Richtiggehend Streit hatten sie miteinander bekommen und es kostete ihn einige Mühe, bis sie ihm schließlich zugestand, hinzufahren, die Objekte anzusehen; eine Entscheidung konnte man dann später immer noch treffen.
Jetzt saß er im Zug nach Lugano, lehnte sich bequem in die Polster zurück, eine Tageszeitung zwischen den Händen, hinter der er sich verschanzte, als er plötzlich von einem Mann angesprochen wurde, der einen freien Platz suchte.
„Bitte“ Caspari schaute kurz auf, verschanzte sich sofort wieder hinter seiner Tageszeitung. Als kurz darauf eine Dame vom Servicepersonal vorbeikam und frisch gebrühten Kaffee seinem Gegenüber servierte, sprach der ihn unvermittelt an: „Sie sind auf Geschäftsreise?“, fragte er.
„Nicht direkt“, Caspari mürrisch, senkte die Zeitung und ließ sich auf eine Unterhaltung ein, die er sofort mit einer Gegenfrage eröffnete. „Was führt sie in diese wunderschöne Gegend?“, grinste er.
„Ich wohne hier.“
„Mit ihrer Familie?“ Caspari war jetzt gegen all seine Prinzipien neugierig geworden. Umständlich faltete er seine Zeitung zusammen, legte sie sacht beiseite.
„Ja. Meine Frau ist Schweizerin. Wir leben in Zürich. Arbeite tue ich bei BMW in Deutschland. Einmal in der Woche pendle ich hin und her. Sonst arbeite ich von zu Hause aus. Im Home-Office. Meine Firma bietet mir diese Möglichkeit.“
„Interessant.“ Caspari Blick wanderte zum Fenster, an dem die Landschaft wie in einem Film vorüberzog. „Das würde mir auch gefallen. Leider habe ich diese Möglichkeit nicht. Ich bin Vorstand einer Bank, da gilt Anwesenheitspflicht. Jetzt bin ich auf dem Weg nach Lugano, um Häuser anzuschauen Die Unruhen bei uns zwingen mich zu diesem Schritt. Verstehen sie?“, holte er aus und erzählte dem Mann seine Sorgen. Caspari tat gut darüber zu reden, ohne eine Verpflichtung eingehen zu müssen. Als der Mann in Zürich den Zug verließ, war Caspari fast ein wenig traurig darüber, denn die Unterhaltung hatte sein Ansinnen gestärkt und war kurzweilig gewesen.
Lugano zeigte sich von seiner schönsten Seite als er ankam. Spätsommer, der Himmel nahezu wolkenlos. In T-Shirts und luftigen Sommerkleidern flanierten junge Schönheiten an teuren Geschäften vorbei, viel Schmuck und viel kitschiges, hinter glitzerndem Schaufensterglas. Schnell hatte er das Maklerbüro erreicht, das sich etwas abseits in einer Seitenstraße befand.
Der Makler, ein Mann in den besten Jahren, mittelgroß, Halbglatze, schüttelte ihm freundlich die Hand und kam umgehend zur Sache. „Wenn sie wollen und es ihnen nicht zu stressig bei der Hitze ist, Herr Caspari“ meinte er, "können wir die Objekte gleich besichtigen.“
„Das ist mir recht. Sobald ich das Richtige für mich gefunden habe, reise ich sofort zurück.“
„Gut. Dann schauen wir mal, ob das Richtige für sie dabei ist. Ihr Gepäck können sie hierlassen. Die lasse ich von unserer Assistentin ins Hotel bringen. Wissen sie schon, wo sie wohnen?“
„Im Bellinzona.“
„Eine gute Wahl.“ Zümli grinste. „Das liegt oben auf dem Berg. Sie haben eine vorzügliche Küche, regional wie international und der Komfort ist überdurchschnittlich. Gehen wir los. Die Objekte, die ich ihnen zeigen will, sind nicht weit von hier entfernt und können leicht zu Fuß erreicht werden. Außerdem können sie sich gleich ein Bild von unserer herrlichen Bergwelt machen.“
„Einverstanden. Ein Spaziergang wird mir guttun, bei diesem Sommerwetter. In Berlin ist es kühler, dort hat der Herbst schon Einzug gehalten.“
„Wir haben Italienwetter, trotzdem kann es über die Nacht plötzlich kalt werden, sobald die Nordwinde über die Berge kommen.“ Der Makler ging zügig eine langgestreckte Straße hinauf, Häuser und prachtvolle Villen, die sie säumten.
„Schauen sie mal, Herr Caspari“, blieb der Makler unvermittelt stehen. „Schauen sie sich diese Aussicht an. Die Berge, den Blick auf den See.“
„Das ist überwältigend.“ Caspari lächelte. „Eine Aussicht zum Verlieben. Genau der Richtige Ort für mich und meine Familie.“
„Und schauen sie sich dieses Haus an“, wies der Makler auf ein Haus, das von einem weitläufigen Garten mit hohen Kastanienbäumen dominiert wurde. „Das wäre doch etwas für sie. Kommen sie. Schauen sie es an, ging der Makler voraus, schloss auf und bat Caspari einzutreten.
Das Haus war schön, hell und lichtdurchflutet, dazu sehr geräumig, der Ideale Platz für eine Familie mit Kindern. Die Räume waren modern ausgestattet, Mobiliar vom Feinsten, bestimmte die gesamte Einrichtung.
„Bleibt die Möbel hier?“, blieb Caspari im Wohnzimmer stehen, schob breit die Hände aus.
„Wenn sie einziehen, dann ja, ansonsten werden die Möbel eingelagert. Eigentlich wollten die Eigentümer hier selbst wohnen, aber dann ist unerwartet der Mann verstorben.“
„Oh! Das tut mir leid“, sah sich Caspari um und wollte den Kaufpreis wissen.
„Fünfhunderttausend Euro, plus fünf Prozent Maklergebühr.“
„Ein fairer Preis. Nicht zu hoch gegriffen. Ich hätte mehr gedacht bei dieser Lage und Größe. Am liebsten würde ich ihnen gleich zusagen, aber schauen wir in den Garten, bevor ich eine Entscheidung treffe.“ Während sie unter hohen Kastanienbäumen durch den Garten schlenderten, kamen Caspari Charlottes Worte in den Kopf, ihre Bedenken ein Haus zu kaufen. „Entschuldigen sie bitte“, wandte er sich dem Makler zu, aber ich muss das kurz mit meiner Frau bereden, bevor ich mich entschließe.“
Das Handy am Ohr schlenderte Caspari zu einem hohen Kastanienbaum, lehnte sich lässig an ihn an, während der Makler stehenblieb und wartete.
„Ich bin’s, Charlotte“, meldete sich Caspari. „Ich stehe gerade vor einem Haus, das genau richtig für unsere Familie wäre“, säuselte er. Es hat genügend Zimmer und ist komplett eingerichtet. Du hast Blick auf die Berge und den See. Es ist einfach traumhaft“, schwelgte er. Du wärst begeistert, wenn du hier stehen würdest.“
Charlotte lachte auf. „Schön. Aber du weißt schon, was wir besprochen haben. Doch vielleicht sollten wir tatsächlich diesen Schritt tun. Wir haben Informationen, dass es bald wieder losgehen soll. Rede mit dem Makler. Versuche, das Haus zu mieten. Die Sicherheit unserer Kinder hat oberste Priorität.“
„Gut. Ich versuche es. Ich rede mit dem Makler.“
„Wie ist er denn so, dein Makler?“
„Nett. Nicht ein bisschen aufdringlich. Sehr seriös. Aber sag: Wie ernst schätzt ihr die Lage ein?“
„Ernst … Sehr ernst … Unsere Sicherheitsdienste sind besorgt, rotieren wie schon lange nicht mehr, arbeiten mit Hochdruck an dieser Sache. Übrigens: Wie ist das Wetter bei euch?“
„Wie aus dem Bilderbuch? „Es scheint, als ob hier ewig Sommer wäre. Was machen die Kinder? Sind sie zu Hause?“
„Ja. Es geht ihnen gut. Celine vermisst ihren Papa.“
„Schön!“ Er lachte auf. Dann Grüße sie alle von mir, auch Lilli.
„Sie wollen mieten?“ Der Makler blies die Backen auf, konnte nicht glauben, was er hörte. Das ist ungewöhnlich. Das Haus steht zum Verkauf von mieten war nie die Rede. Darüber muss ich mit der Eigentümerin sprechen. Ob sie darauf eingeht, ich glaube es nicht.“
„Dann versuchen sie es.“
Ich habe auch Mietobjekte im Programm, Herr Caspari. Schöne Häuser?“
„Nein! Ich möchte das hier. Sagen sie das der Eigentümerin. Und sagen sie ihr, dass ich mich in ihr Haus auf den ersten Blick verliebt habe.“
Nach schlecht geschlafener Nacht und einem guten Frühstück am Morgen übergab ihm der Portier eine Nachricht des Maklers: Frau Ludwig möchte sie näher kennenlernen und bittet sie um sechs zum Abendessen bei ihnen im Hotel.
Sie hat angebissen, freute Caspari sich, schmunzelte in sich hinein und ging auf sein Zimmer und setzte sich auf den Balkon. Von hier aus hatte er einen herrlichen Blick auf den See, auf dem sich unzählige Boote tummelten. Am Nachmittag marschierte er die lange Straße hinunter, um sich sein Wunschhaus nochmal anzusehen.
Als er am Abend ins Hotelrestaurant hinunterging, erwartete ihn eine rüstige Dame, elegant gekleidet, in Begleitung von Zümli an einem eingedeckten Tisch. Die Frau war an die sechzig, schätzte Caspari ab, aber angenehm und auf den ersten Blick sympathisch. Galant küsste er ihr die Hand, die sie ihm lächelnd entgegen hob und stellte sich vor.
„Setzen sie sich junger Mann“, musterte sie ihn ungeniert von oben bis unten, während sie ihn andauernd anlächelte. „Wie gefällt ihnen Lugano?“, eröffnete sie die Unterhaltung, ließ ihn keinen Moment aus den Augen, die hellwach auf seinem Gesicht ruhten.
„Gut. Sehr gut. Die Berge, der See, aber besonders ihr Haus haben es mir angetan.“
„Ich weiß. Zümli, hat mir eingehend davon berichtet. Aber bevor wir zum Geschäftlichen kommen, genießen wir die vorzügliche Küche hier, winkte sie einen Ober an den Tisch. Ich habe mir erlaubt, ein Menü für uns zusammenzustellen.
Nach dem Essen ging sie sofort ins Geschäftliche über. „Sie möchten nicht kaufen, sondern mieten, hat mir Zümli gesagt.“
„Ja, gnädige Frau. Das möchte ich.“
„Aber Sie wissen schon, dass mein Haus zum Verkauf und nicht zum Mieten steht. Davon war nie die Rede“, räusperte sie sich. „Aber ihre Liebeserklärung hat es mir angetan. Den Mann musst du dir ansehen, dachte ich. Eine Liebeserklärung auf ein Haus, das ist ungewöhnlich und kommt nicht alle Tage vor. Wenn ich Zümli richtig verstanden habe, benötigen sie einen Zweitwohnsitz, um ihre Familie in Sicherheit zu bringen.“
„Ja. So ist es?“
Sollte ich auf ihren Wunsch eingehen, Herr Caspari. Welche Sicherheiten bieten sie mir?“
„Da kann ich sie beruhigen, gnädige Frau. Selbstverständlich werde ich nach Abschluss eines Vertrages in Vorleistung gehen und bezahle die geforderte Miete für ein ganzes Jahr im Voraus.“ Aber lassen sie meine Gründe nochmal erklären“, holte er tief Luft und erzählte von den Vorkommnissen in Berlin, von seinen Ängsten um seine Familie, aber besonders der Kinder.
Interessiert hörte Frau Ludwig ihm zu, begriff seine Situation, ihr Lächeln wie weggewischt. „Dass es so schlimm bei euch aussieht, hätte ich nicht gedacht. Natürlich lese ich Zeitung, schaue in den Medien, wie es in der Welt zugeht, aber die Presse bauscht ja alles auf.“
„In halb Europa“, warf Caspari ein.
„Ich verstehe, aber wie gesagt. Die Medien brauchen Schlagzeilen. Die machen Auflage und verdienen ihr Geld damit. Was meinen sie, Zümli?“, wandte sie sich an den Makler. Können wir Herrn Caspari in dieser Sache entgegenkommen?“
„Das fragen sie mich, Frau Ludwig. Die Entscheidung liegt ganz allein bei ihnen.“
„Ich weiß, Zümli“, lachte sie laut auf. Aber was ist mit ihrer Provision?“, schnippte sie grinsend mit den Fingern.
„Das ist kein Problem. Zehn Prozent der Jahresmiete denke ich.“.
„Und wie hoch ist die Zümli? Schließlich kenne ich sie gut genug, um zu wissen, dass sie schon alles schön durchkalkuliert haben.“
„Ich dachte an zweitausendfünfhundert Euro pro Monat“, prustete der hinaus“, blickte mit fragendem Blick zu Caspar.
„Das wäre für mich in Ordnung“, nickte der zustimmend. „Das wären dreißigtausend Euro Miete pro Jahr.“
Zümli nickte. Korrekt. Dazu kommen noch die Nebenkosten.“
„Gut! Dann machen wir das doch so“, hob die Dame ihr Glas, prostete den Herren zu. „Sie haben das Haus, Herr Caspari. Bringen sie ihre Familie hierher in Sicherheit. Zümli wird die notwendigen Formalitäten in die Wege leiten und selbstverständlich für sie erledigen. Wenden sie sich in allem, was anfällt, vertrauensvoll an ihn.“
Als Casparis Maschine am Tag darauf in Tegel landete, goss es wie aus Kübeln. Während in Lugano noch Sommer war, gab sich das Wetter hier regnerisch, stürmisch und kalt.
„Du siehst gut aus“, fiel ihm Charlotte um den Hals, dass ihm die Luft wegblieb. „Wie ist es gelaufen?", sah sie fragend zu ihm auf. Die Kinder sitzen im Esszimmertisch und warten auf deinen Bericht.
„Ich konnte das Haus mieten“, legte sich ein Lächeln in sein Gesicht, als er den Kindern gegenübersaß. „Es ist wunderschön. Zunächst für ein Jahr. Danach sehen wir weiter, blickte er in die kleine Runde und erstmals fiel ihm auf, dass sein Sohn langsam zum Mann reifte, während Lisa, groß gewachsen, zu einer schlanken Schönheit heranwuchs, aber immer noch ein Kind war.
„Wann willst du umziehen?“, wollte Carsten wissen. Er klang bockig und trotzig. Casparis Lächeln verschwand. „Wir ziehen nicht um, Carsten. Nur im äußersten Notfall werden wir das tun, um euch in Sicherheit zu wissen.“
„Ich habe ihnen dasselbe schon erklärt, Thomas“, mischte sich Charlotte ein, „doch wir müssen ihre Sorgen verstehen. Ihr Leben ist hier, nicht in der Schweiz. Hier sind unsere Kinder aufgewachsen. Hier haben sie Ihre Freunde, es ist verständlich, dass sie sich dagegen sträuben.“
„Natürlich verstehe ich das. Doch die Sicherheit geht vor. Darum lasst uns bald mal hinfahren. Es ist wunderschön dort und nicht so provinziell, wie du Carsten dir das vorstellst. Auch dort pulsiert das Leben.“
„Da bin ich aber gespannt.“ Carsten trotzig. Augenblicklich stand er auf und rannte wütend auf sein Zimmer, ließ krachend die Tür ins Schloss fallen.
„Lass ihn“, hielt Caspari seine Frau zurück, die dem Jungen hinterherlaufen wollte. „Er wird sich schnell beruhigen. Ich rede später mit ihm, ein Männergespräch, nur er und ich.“
„Da musst du dich sputen“, bemerkte Charlotte, lächelte ihn schmunzelnd an.
„Warum?“ Caspari überrascht. „Was ist los?“
Wir sind eingeladen. Zuerst in die Oper, dann zu einem Empfang.“
„Etwa mit den Strobels?“
„Ja. Tut mir leid, Thomas, aber wir müssen da hin.“
„Na wunderbar. Britta ist ja lieb und nett, aber Bernd, ihr Gatte, dieser aufgeblasene Geck, nervt mich mit seinem Gelaber zu Tode.“
„Rede nicht so daher, Thomas. Denk an die Kinder. Thomas ist ihr Patenonkel. Ich weiß, dass er sich manchmal seltsam aufführt, aber er hat dich immer mit Respekt behandelt und dich so wie du bist akzeptiert. Ach du, mein lieber, hast deine Macken.“
Als sie am Abend mit dem Taxi zum Schauspielhaus fuhren, regnete es immer noch in Strömen. Unter den unzähligen Lichtkegeln der Autos, die sich mühsam durch den üblichen Stau quälten, glänzte der Asphalt wie eine Eisbahn.
„Was spielt, denn heute?“, wollte Caspari unterwegs wissen, streifte Charlotte mit einem kurzen Blick.
„Turandot von Puccini.“
„Auch das noch“, rümpfte er missfällig die Nase und meinte. „Hoffentlich schlafe ich diesmal nicht ein, du erinnerst dich, unser letzter Opernbesuch vor drei Monaten.“
„Das war mehr als peinlich“, verdrehte sie die Augen. „Das tust du mir heute nicht an. Hast du gehört! Einen schnarchenden Mann neben mir, blamabel und ungehörig ist das. Turandot ist ein Kunstgenuss.“
„Wenn du meinst. Ich werde mich bemühen. Das verspreche ich dir, mein Schatz.“
