Ziemlich beste Nachbarn - Ina Brunk - E-Book

Ziemlich beste Nachbarn E-Book

Ina Brunk

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Beschreibung

Vom Teilen und Tauschen über gemeinsames Gärtnern bis zum großen Hofflohmarkt oder Straßenfest – die Möglichkeiten des nachbarschaftlichen Miteinanders sind vielfältig. Doch wie lernst du die Menschen in deiner Nachbarschaft kennen und findest Mitstreiter für gemeinsame Unternehmungen? Die Autoren Ina Brunk und Michael Vollmann wissen Rat. In ihrem Buch zeigen sie, wie aus Menschen, die zufällig im selben Viertel wohnen, echte Nachbarn werden – neue Freundschaften nicht ausgeschlossen. Werde aktiv und mach dein Viertel zu einem lebendigen Ort, an dem Einsamkeit keinen Platz mehr hat! - Lass dich von gelungenen Projekten und Initiativen inspirieren - Mit Anleitungen zur Organisation von Straßenfesten, Repair-Cafés und mehr - Mit praktischen Stickern für den Briefkasten

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ina Brunk & Michael Vollmann
ZiemlichbesteNachbarn
Der Ratgeber für einneues Miteinander
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2018 oekom verlag MünchenGesellschaft für ökologische Kommunikation mbH,Waltherstraße 29, 80337 München
Herausgeber: nebenan.de Stiftung gGmbH, nebenan-stiftung.deGestaltungselemente: buero-jorge-schmidt.deLektorat: Annika Christof, oekom verlagKorrektorat: Silvia Stammen
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96238-511-8
Inhalt
Vorwort
1 – Das Gute liegt so nah
Who the f* is Alice?
2 – Das grosse Kennenlernen
Online einfach mal anklingeln
Face to Face
3 – Belebe dein Viertel
Nachbarschaftshilfe
Sharing is caring: tauschen, teilen, leihen
Mein Viertel - mein Marktplatz
Hobbys und Interessen (wieder-)entdecken
Gemeinsame Unternehmungen
Blumen säen Beziehungen ernten
Suchen, finden, schaffen Orte der Begegnung
4 – gemeinsam etwas bewegen
Power to the People
Wie jeder in Bewegung bleibt
Blitzeblank und kunterbunt
Willkommen heissen
Der lebendige Generationenvertrag
Neues Leben einhauchen
Der Preis ist heiss
Zum Schluss
Über die Autoren
Die nebenan.de Stiftung
Serviceteil
Vorwort
Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der sich die Menschen in ihrem lokalen Umfeld zu Hause fühlen.
Wir als die Mitgründer der Nachbarschaftsplattform nebenan.de durften in den letzten Jahren viel über die Nachbarschaft lernen: Anwohner helfen sich über die Plattform im Krankheitsfall, unterstützen ältere Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags und wirken durch gemeinsame Aktivitäten der Vereinsamung entgegen. Sie schließen sich zusammen, um Sachspenden für Obdachlose, ärmere Personen aus dem Viertel und andere Hilfsbedürftige zu sammeln. Nachbarn finden unkompliziert Mitstreiter für gemeinsame Aktionen wie zum Beispiel die Einrichtung einer Spielstraße im Quartier oder die Erhaltung von Grünflächen.
Es ist verrückt, aber unsere Onlineplattform dient einem besseren Offlineleben. Für uns ist die Digitalisierung eine Chance, um Begegnungshürden abzubauen und innovative, digitale Kommunikationswege zu öffnen. Mit Organisationsprofilen werden lokale und kommunale Partner aktiv eingebunden und gemeinsam wird daran gearbeitet, den sozialen Zusammenhalt in Quartieren zu stärken. Das scheint zu klappen. Eine Studie im Auftrag des Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung e. V. kommt zu dem Schluss: »Nachbarschaftsplattformen und digitale Medien reduzieren das Gefühl von Anonymität und befördern Identifikation und Verbundenheit in der Nachbarschaft.« Und weiter: Sie »sind ein Katalysator für neue Bekanntschaften und soziale Vernetzung unterschiedlicher Gruppen in der Nachbarschaft. Damit leisten sie einen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt«. (in voller Länge nachzulesen auf der Website: vernetzte-nachbarn.de)
Unsere Vision ist eine Gesellschaft, in der sich die Menschen in ihrem lokalen Umfeld zu Hause fühlen. Um sie dabei zu unterstützen, sich aktiv in die Gemeinschaft einzubringen und bereits bestehendes lokales Engagement stärker zu fördern, haben wir neben der Plattform die gemeinnützige nebenan.de Stiftung gGmbH gegründet. Als operative und fördernde Stiftung pilotiert, implementiert und skaliert sie nachbarschaftliche Projekte. Und gibt dir darüber hinaus nun auch diesen hoffentlich inspirierenden Wegweiser für gute Nachbarschaft an die Hand.
Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Initiativen und Projekten, von virtuellen Plattformen und realen Begegnungsorten, wo genau an dieser lokalen Gemeinschaft gearbeitet wird. Unser Buch will davon erzählen – und so Mut machen, sich seiner Nachbarschaft zu öffnen und sie aktiv zu gestalten. Und damit die Gesellschaft insgesamt.
Traust du dich, der Frage nachzugehen: Wer wohnt eigentlich nebenan? Oder anders gesagt: Who the f* is Alice?
Wir wünschen dir viel Freude beim Lesen und freuen uns über zahlreiches Feedback.
Deine Ina und dein Michael
1
Das Gute liegt so nah
Hand aufs Herz: Jeder benötigt einmal Hilfe, einen guten Rat oder möchte sich einfach nur austauschen. Jedoch leben heutzutage Familie und Freunde nur noch selten in der direkten Umgebung.
Da kann eine gute und hilfsbereite Nachbarschaft die Lösung sein. Menschen in der direkten Umgebung zu kennen, auf die man sich verlassen kann, erleichtert den Alltag und bringt viel Freude – und vielleicht ja sogar neue Freunde.

Who the f* is Alice?

Vielleicht gebührt Chris Norman am ehesten der Titel »Größter Nachbarschaftssänger aller Zeiten«. Als der Frontsänger der britischen Pop-Band »Smokie« Mitte der Siebzigerjahre in »Living Next Door to Alice« dem Mädchen seiner Träume hinterherschluchzte und ein Jahr darauf Howard Carpendale mit der deutschen Version »Tür an Tür mit Alice« in die Sehnsucht mit einfiel, schauten Millionen von Menschen noch einmal genauer hin, wer da eigentlich rechts und links von ihm oder ihr wohnte. Vielleicht ja sogar die große Liebe? Kaum ein Song der Popgeschichte zelebrierte derart intensiv und dahinschmelzend die romantische Macht der Nachbarschaft.
Die Nachbarschaft ist der Mikrokosmos außerhalb der eigenen vier Wände.
Seitdem wurde und wird sie in etlichen Songs besungen und dient bis heute in Filmen und Büchern als Projektionsfläche für die Beschreibung einer ganzen Gesellschaft. Mal ernst wie im Roman »Das Kapital« von John Lanchester, in dem der britische Schriftsteller die Nachbarn in der fiktiven Pepys Road in London als Bühne für die Finanzkrise 2008 grandios in Szene setzt. Mal leicht wie in »Ein Mann namens Ove« des schwedischen Autors Carl Fredrik Backmann, in dem ein mürrischer alter Kauz unversehens zum Knotenpunkt seiner Nachbarn wird und en passant Themen wie Migration, sexuelle Orientierung und Freundschaft behandelt werden. Den Schrecken vor dem lieben Nachbar hat Regisseur Mark Pellington in seinem Psychothriller »Arlington Road« auf die Spitze getrieben: Der neue Mann von gegenüber entpuppt sich als Terrorist und jagt in einem furiosen Finale das Hauptquartier des FBI in die Luft – und mit dem Gebäude auch gleich seinen armen Nachbarn, der ihm auf die Schliche gekommen war. Und nur am Rande: Es kursieren im Internet sogar Listen mit den 25 schrecklichsten Filmnachbarn. Auf Platz 3: Homer Simpson.
Jeder von uns wohnt in ihr, jeder hat eine Meinung zu ihr und den Menschen um sich herum. Die Nachbarschaft ist der Mikrokosmos außerhalb der eigenen vier Wände, in dem sich Dramen ebenso abspielen wie Komödien, tiefe Trauer und große Freude – eben all das, was passieren kann, wo Menschen leben. Nur bekommen wir es nicht immer mit. Und das ist ja auch nicht immer gewollt. Wer will schon mit dem unheimlichen Mittsechziger von nebenan zu tun haben oder mit der Schreckschraube aus dem Erdgeschoss?! Sicher ist aber auch: Es gibt eine Vielzahl von Menschen um uns herum, die wir interessant, kurios oder einfach richtig nett finden würden – wenn wir sie nur kennenlernten.

Das Prinzip Dorf

Auf den Dörfern kennt man dieses Verbinden teilweise noch mehr als in den Metropolen. Da schmücken die Nachbarn die Türen bei Hochzeiten und runden Geburtstagen, Geburten werden gemeinsam begossen, mit dem Nachbarn am Gartenzaun samstagnachmittags über den kommenden Bundesliga-Spieltag parliert oder Rezepte für den Kirschkuchen herübergereicht. Wer zu viele Äpfel geerntet hat, verteilt sie in seiner Straße. Wer eine Bohrmaschine braucht, fragt nebenan nach. Und nicht nur Gegenstände, Gedanken oder Gefallen werden getauscht, sondern auch Kompetenzen: Wenn bei Christiane der Wasserhahn tropft, fragt sie Klempnermeister Marc zwei Häuser weiter, der dann gleich am selben Abend oder spätestens am Wochenende kommt und den Schaden behebt. Natürlich ohne Geld dafür zu nehmen. Denn immerhin ist Christiane ja Angestellte in einer Steuerkanzlei in der Kreisstadt und macht Marc jedes Jahr die Steuererklärung.
Meyenburg in Niedersachsen
Oder anders gesagt: Vor allem auf dem Dorf funktionieren all die vertrauensbasierten Rituale noch, die den Zusammenhalt der Menschen fördern und fürs Wohlergehen jedes Einzelnen wichtig sind. Für viele Städter ist deswegen auch heute die Kleinstadt ein Sehnsuchtsort – nicht nur wegen der Natur, dem Waldkindergarten für die Kleinen oder weil man endlich mal selber Gemüse anbauen kann. Es sind auch die Menschen und die Gemeinschaft, die einen Reiz ausüben und jene Wärme geben können, die man in Zeiten von aufgelösten Großfamilienstrukturen vermisst. Auch wenn das heute sogar auf dem Dorf keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Allein zu Haus

Laut der GfK-Bevölkerungsstrukturdaten von 2017 beträgt der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland aktuell 38 Prozent.
In den Metropolen funktioniert Nachbarschaft in den meisten Fällen anders. In den großen Wohneinheiten bleibt es oftmals beim dahingenuschelten »Morg’n« im Treppenhaus. Manchmal kommt es zum Gespräch über die Unfähigkeit des Vermieters oder die immer vollen Mülltonnen. Die Themen kreisen ums Äußere, selten um Persönliches, nie um das Innerste. Was viele ja auch gar nicht wollen und gerade deshalb die Anonymität der Großstadt als zentralen Lebensmittelpunkt gewählt haben. Und damit auch die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sind: die laute Musik bei der Einweihungsparty, das Getrampel der kleinen Kinder im Stockwerk oben, das Klaviergeklimper rechts unten. All das nehmen viele in Kauf für ein hohes Maß an Privatsphäre.
Und das zunehmend allein: Laut der GfK-Bevölkerungsstrukturdaten von 2017 beträgt der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland aktuell 38 Prozent. In Großstädten wie Berlin (49 Prozent), München (50 Prozent) und Köln (49 Prozent) lebt in rund der Hälfte aller Haushalte nur eine Person. Die »Volkskrankheit Vereinsamung« kriecht weiter voran – mit weitreichenden Folgen für die psychische Gesundheit der Betroffenen. In der Studie »Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017« der Bertelsmann Stiftung kommen die Experten zum wenig verblüffenden Schluss: »Dort, wo sich kohäsive Gemeinschaften bilden, sind die Menschen gesünder, glücklicher und zufriedener.« Es lohnt sich also, an dem Zusammenhalt der Menschen zu arbeiten. Und das nicht nur für mehr Wohlergehen des Einzelnen, sondern der Gesellschaft insgesamt.
Tag des guten Lebens in Köln-Ehrenfeld

Zusammenhalt in Gefahr

Dabei ist die Einschätzung von gesellschaftlichem Zusammenhalt nicht immer gleich: Laut Bertelsmann-Studie sind mehr als die Hälfte der Deutschen der Meinung, dass bundesweit der soziale Kitt bröckelt, während fast 70 Prozent gleichzeitig den Zusammenhalt auf lokaler Ebene als sehr gut oder gut einschätzen. Die Kennzeichen für eine zusammenhaltende Gesellschaft sind laut Studienleiter »belastbare soziale Beziehungen, eine positive emotionale Verbundenheit ihrer Mitglieder mit dem Gemeinwesen und eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung«.
Wir müssen am Erhalt und an der Wiederherstellung der Heterogenität von Nachbarschaften arbeiten.
Gemäß diverser Studien ist aber genau diese bedroht – insbesondere durch die immer größer werdende Lücke zwischen Arm und Reich sowie durch eine immer höhere kulturelle Diversität. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) zeigt auf erschreckende Weise, wie sich unsere Städte zwischen 2005 und 2014 verändert haben. Zum einen leben arme Menschen zunehmend konzentriert in bestimmten Wohnvierteln, insbesondere in Ostdeutschland: In 36 deutschen Städten gibt es Quartiere, in denen mehr als die Hälfte der Kinder von Leistungen nach SGB II leben. Zum anderen gibt es die Tendenz, dass die Altersgruppen örtlich auseinanderdriften: Immer mehr 15- bis 29-Jährige rotten sich in Wohnvierteln zusammen, während andernorts fast ausschließlich Menschen über 65 Jahre leben.
Heißt im Umkehrschluss: Wir müssen am Erhalt und an der Wiederherstellung der Heterogenität von Nachbarschaften arbeiten, um der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Wenn sich Nachbarn quer durch alle Einkommens- und Altersschichten, unabhängig von Herkunft und Status miteinander vernetzen, entsteht ein Gemeinschaftsgefühl außerhalb der Filterblasen, in denen wir uns sonst bewegen.
Das gilt auch insbesondere für eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft: die interkulturelle Verständigung und Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Nicht nur der Aufstieg der AfD hat gezeigt, wie stark die »Angst vor dem Fremden« vielerorts ist und wie schwierig es ist, diese Ängste und Vorurteile abzubauen. In der Bertelsmann-Studie geben in Deutschland insgesamt 22 Prozent der Befragten an, einen Ausländer oder Migranten ungern als Nachbarn haben zu wollen. Auch eine Umfrage des WDR zum Thema Nachbarschaft (2017) hat gezeigt, dass die meisten Befragten in Nordrhein-Westfalen sich Nachbarn wünschen, die ihnen möglichst ähnlich sind.
Das beste Gegenmittel gegen Angst vor dem Fremden ist der Kontakt.
Das beste Gegenmittel gegen Angst vor dem Fremden ist der Kontakt, denn »Begegnung schafft Vertrauen, weil sie dazu anleitet, die Menschen als Individuen zu sehen und Vorurteile, die jeder mit sich herumträgt, zu hinterfragen«, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Hier auf der lokalen Ebene können wir tatsächlich die großen Fragen unserer Zeit angehen und Probleme lösen. Deswegen ist jede erfolgreiche Begegnung in der Nachbarschaft so wertvoll: Sie stärkt das Vertrauen in die Menschen von nebenan und die Identifikation mit dem Quartier. Jede positive Erfahrung öffnet die Tür für weitere, tiefer gehende soziale Interaktionen – und trägt dadurch zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

Raus aus der Anonymität

Hinzu kommt, dass in Zeiten von Beschleunigung und Globalisierung und dem damit verbundenen Gefühl der Entfremdung auch in den Metropolen die Sehnsucht nach Nähe wächst. Viele wollen heraus aus der Anonymität und hinein in ein aktives und erfüllendes Miteinander. Man mag zwar online mit der ganzen Welt vernetzt sein, aber fühlt sich dennoch – oder gerade deshalb – immer fremder im eigenen Umfeld. Und so wächst der Wunsch, in der direkten Umgebung wieder näher zusammenzurücken – offline oder online. Denn gemeinsam lebt es sich leichter. Egal, ob Familie oder Single, ob Jung oder Alt – mithilfe des direkten Umfelds lassen sich Dinge auf die Beine stellen, die dem Einzelnen und der Gemeinschaft mehr Lebensqualität ermöglichen. Gemeinsam können Nachbarn wieder mehr miteinander reden, sich aktiv einbringen und voneinander profitieren – und so ihr Viertel und letztlich unsere Gesellschaft selbst gestalten.
Im Gespräch mit …
Prof. Dr.Thomas Klie
vom Zentrum für gesellschaftliche Entwicklung
Gegenseitigkeit, Vertrauen, Sorge tragen – in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung werden diese grundlegenden Merkmale zwischenmenschlicher Verbindungen immer wichtiger. Prof. Dr. Klie ist überzeugt: Der Nachbarschaft kommt bei der Gestaltung der Zukunft eine entscheidende Rolle zu.
Welchen Beitrag kann Nachbarschaft leisten, um gesellschaftlichen Zusammenhalt positiv zu gestalten?
In einer globalisierten Welt gewinnen der Ort, an dem wir leben, und der örtliche Zusammenhalt an Bedeutung. Dabei sind Nachbarschaften heute nicht nur lokal, sondern durchaus auch digital: Menschen mit Migrationshintergrund leben nicht nur in ihrer Nachbarschaft vor Ort, sondern auch digital in der ihres Herkunftsort. Die lokale und globale Vernetzung wird wichtiger für die Lebensführung. Nachbarschaften können – gerade in einer sich dynamisch verändernden Welt – Zugehörigkeit und das subjektive Gefühl von Sicherheit vermitteln.
Was ist das Idealbild einer lebendigen Nachbarschaft?
Der Zentralwert von Nachbarschaften ist der der Gegenseitigkeit.  In modernen Stadtgesellschaften gilt es, die Voraussetzungen für und das Vertrauen in die Gegenseitigkeit zu erhalten und zu schaffen. Das Idealbild einer lebendigen Nachbarschaft ist das einer Nachbarschaft, in der die Sorge um das eigene Wohlergehen notwendigerweise verbunden ist mit der Sorge um andere und den Ort insgesamt.
Welche Akteure sind dafür nötig, damit sie gelingt?
Akteure aus allen gesellschaftlichen Bereichen sind gefordert, ihren Beitrag zu einer lebendigen Nachbarschaft und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten: Staat, Markt, Familien und Freunde sowie die Zivilgesellschaft. Die Herausforderung besteht darin, der Exklusion vorzubeugen. Wie gelingt es, die Vielfalt der Stadtgesellschaft zu nutzen und attraktiv zu machen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt der Erfolg ab. 
»Nachbarschaften werden in einer sich dynamisch verändernden Welt eminent wichtig.«
Was können Politik und Wirtschaft für diesen Erfolg tun?
Voraussetzungen für gute Nachbarschaften werden durch intelligente Stadt- und Dorfentwicklungsprogramme geschaffen. Gerade für von besonderen Dynamiken erfasste Quartiere und Stadtviertel sowie Dörfer bedarf es flankierender Investitionen in die soziale Architektur, sei es durch Quartiersmanagement, durch sozialen Wohnungsbau oder durch öffentliche und allgemein nutzbare Räume, die Begegnungen eröffnen. Investorengetriebene Stadtentwicklung ist tödlich für lebendige Nachbarschaften mit dem Anspruch der sozialen Integration. Die Wirtschaft, die Wohnungsbaugesellschaften, die lokalen Unternehmen sind gefragt, ihre Verantwortung gegenüber dem Ort wahrzunehmen.
Kann die Bewegung von unten, also die Nachbarschaftsbewegung, zu einem systemischen Faktor werden?
In der Geschichte gab es immer wieder Nachbarschaftsbewegungen: In Berlin etwa Nachbarschaftshäuser in den Zwanzigerjahren um Siegmund-Schultze, in den USA Strategien der Gemeinwesenarbeit und des Community Organizing, von denen auch der ehemalige US-Präsident Obama geprägt wurde. Investitionen in Nachbarschaften kennzeichnen die Programme der Sozialen Stadt: Dort wo die Bedingungen guten Lebens gefährdet sind, wo der örtliche Zusammenhalt nicht mehr funktioniert und die Heterogenität der örtlichen Bevölkerung das Zusammenleben schwierig macht – dort sollten die Investitionen in Nachbarschaften prägend sein für eine verantwortliche kommunale Stadtentwicklungspolitik.
2
Das große Kennenlernen
Der erste Schritt ist ja bekanntermaßen der schwerste. Warum sollte das beim Kennenlernen der Nachbarn anders sein? Dieses Kapitel liefert dir Tipps und Tricks für eine unkomplizierte erste Begegnung. Und wir verraten dir, warum gerade an dieser Stelle digitale Werkzeuge dabei helfen können, das Eis zu brechen.

Online einfach mal anklingeln

Du kannst es natürlich auf die »harte Tour« probieren: Einfach raus aus der eigenen Wohnung und ran an die Türen der Nachbarn, klingeln, quatschen – und schauen, was passiert. Oder du machst es dir einfacher und bedienst dich bei jemandem, der genau das bereits für dich gemacht hat.
Eigentlich sind es banale Dinge, aber wenn das zehntausendfach passiert, kann es gesellschaftsverändernde Wirkung haben.
Christian Vollmann (der Bruder einer der Autoren dieses Buches) zog Mitte 2013 ins hippe Berliner Scheunenviertel, wo er niemanden kannte. In den USA hatte er ein Jahr zuvor bereits Plattformen kennengelernt, die das Prinzip der digitalen Nachbarschaftsvernetzung ausprobierten. Aber ob das, was in den USA funktionierte, auch die doch etwas scheueren Deutschen wollten? Der Internetprofi machte den Test: Er klingelte bei seinen Nachbarn, stellte sich vor und erzählte von seiner Idee, sich in der Straße besser zu vernetzen. 19 der 20 Nachbarn gaben ihm ihre E-Mail-Adressen und schon kurz darauf setzte er ein kleines Netzwerk für seine Straße auf. Es war der Anfang. Der Anfang von etwas wirklich Großem.
Heute ist nebenan.de die erfolgreichste Nachbarschaftsplattform Kontinentaleuropas. Über eine Million aktive Nutzer haben sich in mehr als 7.000 Nachbarschaften deutschlandweit zusammengefunden (Stand: September 2018). Tendenz: rasant steigend. Nachbarn können sich über die Website oder die App miteinander verbinden. »Eigentlich sind es banale Dinge, aber wenn das zehntausendfach passiert, kann es gesellschaftsverändernde Wirkung haben. Nach dem Motto: Hört auf zu nörgeln und immerzu Angst zu haben, und fangt an, etwas zu tun. Jeden Tag eine gute Tat, wie bei den Pfadfindern«, sagt Christian Vollmann dem ZEIT Magazin.
Bei nebenan.de geht es darum, funktionierende Beziehungen zu Menschen aus der Umgebung aufzubauen.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Anwohner registrieren sich mit Name und Adresse, und nach einem kurzen Verifizierungsvorgang tritt man seiner Onlinenachbarschaft auf nebenan.de bei oder eröffnet eine neue. Im Netz erfährt der Nutzer, was bereits alles in seinem Viertel läuft, wer sich dort tummelt und was passiert: Da suchen Menschen nach Gitarrenunterricht für die Kinder, nach einem Hundesitter für den Urlaub, nach einer Wohnung, nach Sängern zur Gründung eines Chors und und und. Veranstaltungen finden sich hier ebenso wie ein Marktplatz für gebrauchte Kühlschränke, Fahrradtaschen oder Bücher – es wird getauscht, verschenkt, verkauft und gesucht. Es gibt eigene Gruppen für gemeinsame Aktivitäten wie Doppelkopf-Spieleabende, Foodsharing und gemeinsam Fußball gucken. Mittlerweile treffen sich nebenan.de-Gruppen regelmäßig zum Austausch und Vernetzen – und sogar, um Freunde zu werden.
»Bei nebenan.de geht es darum, funktionierende Beziehungen zu Menschen aus der Umgebung aufzubauen«, erklärt Gründer Christian Vollmann. »Ohne Algorithmen und abseits der üblichen Filterblasen senken wir die Hürde für Begegnungen und nachbarschaftliche Hilfe. Die Vernetzung wirkt gegen die zunehmende Anonymisierung, gegen die Vereinsamung im Alter, aber auch gegen die Verschwendung von Ressourcen. Warum müssen in einer Straße mit 300 Haushalten 300 Bohrmaschinen existieren, wenn eine im Leben durchschnittlich nur 13 Minuten benutzt wird?« Recht hat er.
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht ein paar Sätze aus dem Selbstversuch der Berliner Autorin Jana Petersen, die sie im Magazin Wired veröffentlicht hat. Dort schreibt sie: »Die Plattform scheint die Sehnsucht zu befriedigen, nicht anonym nebeneinander her zu leben, ohne aufdringlich zu sein. Einfach so zu helfen, in einer kommerzialisierten Welt. Verbindungen zu stärken.« Und als Fazit: »Genau genommen habe ich jetzt Lust, den Rest meines Lebens in meinem Viertel zu verbringen. Es wird hundertprozentig nicht langweilig. Es ist, als sei die Liebe wieder zurückgekommen in eine lange Beziehung, die beinahe schon gestorben war.«
Tag der Nachbarn in Berlin
Im Gespräch mit …
Thomas Mampel
Vorstand des Verbands für sozial-kulturelle Arbeit und Geschäftsführer des Stadtteilzentrums Berlin-Steglitz
Die Digitalisierung verändert unsere gesamte Gesellschaft und auch die Sozialarbeit erfährt derzeit einen tief greifenden Wandel. Ein Gespräch über Chancen und Risiken.
Herr Mampel, Sie arbeiten vor allem daran, Nachbarschaft mithilfe digitaler Tools zu aktivieren. Welche sind das und wie sieht das konkret aus?
Zum einen nutzen wir die Möglichkeiten der verschiedenen sozialen Netzwerke. In der Hochphase der sogenannten Flüchtlingswelle war zum Beispiel Facebook für uns wichtig, um Initiativen und Aktionen zu organisieren. Bürger wollten sich für geflüchtete Menschen engagieren, sei es durch ehrenamtliche Mitarbeit in Notunterkünften oder durch Sach- und Geldspenden – wir kannten Bedarfe und Nöte der Geflüchteten und hatten eine funktionierende Organisationsinfrastruktur. So konnten wir zwischen »Angebot und Nachfrage« vermitteln. Weitere wichtige Tools waren unser Blog steglitzhilft.de und das Portal des Netzwerks »Berlin hilft« (berlin-hilft.com). Die ungeheure positive Dynamik und der Erfolg wären ohne die Hilfe digitaler Werkzeuge in dieser Form nicht möglich gewesen.
Welche Veränderungen sehen Sie, seitdem Sie diese Werkzeuge nutzen?
Wir beobachten, dass es den Menschen dank dieser Werkzeuge noch besser möglich ist, sich selbst zu organisieren und selbst aktiv zu werden. Es braucht nicht mehr zwingend die Profis, die einen entsprechenden Rahmen zur Verfügung stellen – die Leute schaffen sich den Rahmen selbst durch Facebook-Gruppen und Communities oder durch Nachbarschaften auf nebenan.de.
»Der Handlungsraum sozialer Arbeit erweitert sich um den digitalen Raum.«
Wie verändert das Digitale die Sozialarbeit?