Zuckerrüben und bittere Jahre - Erika Jantzen - E-Book

Zuckerrüben und bittere Jahre E-Book

Erika Jantzen

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Beschreibung

Frau Mia ist der Kollektivierung in der Stalinzeit ausgesetzt. Sie sammelt sechs Zuckerrüben auf, damit ihre Kinder und ihre Nachbarn etwas zu essen haben. Aber dafür wird sie mit sechs Jahren Arbeitslager bestraft. In ihrer Not schreit sie zu Gott, erlebt eine Gottesbegegnung und erfährt seinen Beistand in den Jahren, die sie von ihren Kindern entfernt leben muss. Wie Hiob im alttestamentlichen Buch verlor auch sie alles; wie Hiob vertraute sie Gott, und Gott segnete beide. Diese Geschichte spiegelt einige Jahre von Anna Krökers Leben wieder. Sie hatte ein besonders eindrucksvolles Zeugnis für Gott, der ihre Hilfe in allen, selbst den schlimmsten Tagen, war. Um es den Lesern verständlicher zu machen, entschloss sich die Verfasserin, die Erzählungen von Anna Kröker als eine Geschichte der Frau Mia mit Dialogen und Beschreibungen der dortigen Zustände wiederzugeben.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Zuckerrüben

und bittere Jahre

Erica Jantzen

Erica Jantzen

Zuckerrüben und bittere Jahre

© 2008 by Erica Jantzen

2207- 6 Willow Street

Waterloo Ontario N2J 4S3 Canada

Aus dem Englischen: Five Sugar Beets – Five Bitter Years Pandora Press, 33 Kent Avenue Kitchener, Ontario N2G 3R2 Canada

All Rights Reserved. No part of this book may

be reproduced in any form, or by any means,

without prior permission by the publisher.

© 2013 Lichtzeichen Verlag GmbH, Lage

Cover: Manuela Bähr-Janzen

Bibelzitate: Luther ´84

ISBN: 9783869549651

Bestellnr.: 548965

E-Book Erstellung: LICHTZEICHEN Medien www.lichtzeichen-medien.com

INHALT

KAPITEL 1.   Die Felder, Herbst 1950

KAPITEL 2.   Störung beim Abendessen

KAPITEL 3.   Außergewöhnliche Versammlung

KAPITEL 4.   Transport mit Zuckerrübenlastern

KAPITEL 5.   Zugfahrt nach Norden

KAPITEL 6.   Brückenbau, Winter 1950

KAPITEL 7.   Jekaterinas Licht

KAPITEL 8.   Auf der Krankenstation

KAPITEL 9.   Das Arbeitslager im Wald, 1952

KAPITEL 10. Episoden 1953

KAPITEL 11. Der stöhnende Berg

KAPITEL 12. Kohlebergbau, 1954

KAPITEL 13. Zwischen Leben und Tod

KAPITEL 14. Auf der Suche nach dem Muster

KAPITEL 15. Schmerzende Hände

KAPITEL 16. Arbeit im Haushalt, 1955

KAPITEL 17. Durchbruch für Mia

KAPITEL 18. Abschied

KAPITEL 19. Mit Bekannten reisen

KAPITEL 20. Heimreise

ANHANG - FOTOS VON ANNA KRöKERS LEBEN

KURZELEBENSBESCHREIBUNG

TANTE ANNA KRÖKER ERZÄHLT AUS IHREM LEBEN

EINLEITUNG

Während meiner drei Jahre in Deutschland, 1990-93, lernte ich Tante Anna Kröker, die Schwester meiner Stiefmutter, kennen. Kurz davor war sie mit ihrer Familie als Umsiedler von Kirgisien in Deutschland angekommen.

Es war fesselnd, diese dankerfüllte, freudestrahlende Frau kennenzulernen. Wiederholt betonte sie, daß Gott ihr Halt war und es immer gewesen wäre, selbst in den schlimmsten Tagen ihres Lebens.

Sie war eine spannende Erzählerin, die von haarsträubenden, selbst unglaublichen Ereignissen sprach, wobei sie aber immer wieder beteuerte, daß Gott ihr Helfer war und alles wohl hinausführte. Ich bat sie, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Sie wäre zu alt, behauptete sie. Ich könnte das ja tun, meinte sie. So bekam ich dann ein langes Tonband, viele kleine Zettel und eine Anzahl von Telefonaten.

Ich fing an zu schreiben. Besonders spannend fand ich ihre Schilderung der fünf Jahre, die sie in Arbeitslagern verbringen mußte. Sie hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden, denn sie erlebte eine Gottesbegegnung und hatte die Versicherung von Gott erhalten, daß er ihre Kinder noch mehr liebte als sie. Damit war sie getröstet. Sie war sich sicher, daß ihre Kinder unter Gottes Schutz standen.

Um den Lesern die entsetzlichen Zustände zu Stalins Zeiten besser vor Augen zu führen, entschloß ich mich, die Tage in den verschiedenen Lagern zu beschreiben und wie Tante Anna Kröker und die anderen Zwangsarbeiter damit fertig wurden.

Gerne wollte ich Erklärungen geben und Dialoge gebrauchen, aber wie Tante Anna Kröker es nun gesagt hatte, wußte ich leider nicht. Daher entschloß ich mich, die Geschichte mit der Darstellerin Fau Mia zu schreiben. Das gab mir somit die Möglichkeit, Gespräche und mehr Beschreibungen beizufügen, aber es blieb die Geschichte meiner Tante Anna.

Diese Geschichte von einer Frau, die Stalins Gulag überstand, schrieb ich erst in Englisch. Das Buch mit dem Titel Six Sugar Beets: Five Bitter Years, ISBN 1-894710-38-X wurde 2003 von Pandora Press, Kitchener, Ontario, Kanada gedruckt. Das Mennonitische Familienblatt “Der Bote” Winnipeg, Manitoba, Kanada veröffentlichtete die Geschichte 2005/07 in Fortsetzungen.

Anna Kröker (1902-1999) erfreute sich noch mehrere Jahre in Deutschland - besonders im Kreise ihrer Familie. Ich wurde zu Geburtstagsfeiern eingeladen. Sie erzählte immer von ihrem Leben. Nie waren es Geschichten, um Sensationelles hervorzuholen. Immer wieder betonte sie, wie Gott ihr geholfen hatte.

Wie Hiob erreichte auch sie ein hohes Alter und wie Hiob sah auch sie vier Generationen in ihrer Nachkommenschaft. Allerdings sind die Darstellungen von Mias Kindern nicht Beschreibungen von Anna Krökers Kindern.

Erica Jantzen

Waterloo, Ontario Kanada

2008

KAPITEL 1

Die Felder, Herbst 1950

Mia war die letzte, die an jenem kalten Tage gegen Ende Oktober das Feld verließ. Ihre Kameraden gingen müde voran. Alle freuten sich darauf, wieder in ihr Dorf und in ihre Wohnung zurückzukehren, wo sie Ruhe, Wärme und Speise finden würden, nachdem sie seit dem frühen Morgen auf den Zuckerrübenfeldern gearbeitet hatten. Die Rübenernte war eine anstrengende Arbeit. Dicke Wurzeln mußten aus dem Boden gezogen, Blätter abgeschnitten und dann die Rüben auf Haufen geworfen werden. Später wurden sie auf Lastwagen geladen und zu Zuckerfabriken gebracht.

Plötzlich sah Mia, wie eine Gestalt in ihre Richtung gelaufen kam, dabei leichtfüßig über den unebenen Boden hüpfte und gleichzeitig darauf achtete, daß sie nicht mit den heimwärts strömenden Arbeitern zusammenstieß. Es war ihre Tochter Tina. Mia ging schneller und stolperte beinahe über einen Haufen von Rübenblättern. Danach verlangsamte sie den Schritt und hielt an, um die anderen Arbeiter vorgehen zu lassen, ehe sie mit ihrer Tochter zusammentraf.

Tina kam leichtfüßig wie eben eine Vierzehnjährige über die Felder. Ihr Kopftuch war von ihrem blonden Haar heruntergerutscht und hing über ihren dicken Zöpfen und um ihren Hals. Schon aus weiter Entfernung rief sie: “Keine Arbeit, kein Essen!”

Als sie sich trafen, schaute Mia sie fragend an. Beide gingen in Richtung ihres Hauses weiter.

“Das war es, was sie über Anna Klassen sagten”, erklärte Tina, noch immer atemlos nach dem langen Lauf.

Mia seufzte. “Du hast ihnen erzählt, daß sie krank ist, nicht wahr?” Ehe sie sich am Morgen auf den Weg zu den Rübenfeldern gemacht hatte, hatte sie Tina ausführlich angewiesen, ihre Lebensmittelrationen und auch die für Anna Klassen, ihre Nachbarin, abzuholen.

“Natürlich tat ich das”, sagte Tina und schaute ihre Mutter an.

Mias Müdigkeit war verschwunden. “Wie können sie erwarten, daß Anna zur Arbeit geht, wenn sie krank ist”, rief sie ärgerlich. “Sie ist krank. Ihre Kinder sind krank. Wie können sie ohne Nahrung gesund werden! Wie dumm! Wie unvernünftig!” Sie hätte noch viel mehr dazu sagen können, wie die Natschalniks (Vorgesetzten) mit ihren Arbeiterbrigaden umgingen, aber sie hielt inne. Sie würde Tina diese Tirade ersparen. Ihre Tochter kümmerte sich den ganzen Tag um die beiden älteren Kinder der Familie Klassen, die nicht so krank waren wie die beiden jüngeren, die zusammen mit ihrer Mutter im Bett geblieben waren.

“Ich habe es ihnen erzählt”, sagte Tina. “Sie redeten untereinander. Sie machten sich darüber lustig.” Sie wandte den Kopf zur Seite und Mia konnte ihr Gesicht nicht sehen. “Sie erwähnten etwas davon, daß sie sehen würden, wie lange die Frau eines Kulaken (abschätziger Ausdruck für einen bäuerlichen Landbesitzer, der nach westeuropäischen Maßstäben mäßig begütert war) ohne Nahrung leben kann. Warum haben sie das getan?”, fragte sie.

Mia biß sich auf die Lippen und antwortete nicht. Sie würde mit Andrei Yassinski reden. Er war der Natschalnik ihrer Kommune und daher in der Lage, dafür zu sorgen, daß sie alle fair behandelt wurden. Natürlich mußte Anna Klassen Nahrung erhalten, damit sie gesund wurde. Nach ihrer Genesung würde sie wieder arbeiten können. Und ihre vier Kinder ….

“Das verstehe ich nicht. Warum nennen sie Anna die Frau eines Kulaken? War er ein Kulak … ihr Mann?” Tina sprach wieder und rief Mia in die Gegenwart zurück.

“Kulak bedeutet eigentlich Faust”, erklärte Mia. “Aber es ist eine Bezeichnung, die jetzt für jemanden benutzt wird, der ein Landbesitzer war, für den, der etwas Wohlstand hatte, etwas Besitz ….”

“Ihr Mann kam aus Sibirien, nicht wahr?”, unterbrach Tina sie. Mia hörte die Frage, aber sie konnte nur daran denken, wie müde sie war. Wenn sie sich doch nur hinsetzen und ausruhen und nachdenken könnte! Was konnte sie unternehmen, um Essen zu beschaffen, falls die Klassens ihre Rationen erst in der nächsten Woche bekommen sollten?

“Ja”, antwortete Mia. “Ja, er kehrte aus Sibirien zurück.”

“Hatte er eine Landwirtschaft in Sibirien?”

“Nein, nein! Sein Vater war ein Landbesitzer … hier in diesem Dorf. Sie deportierten ihn … nach Sibirien. Seine Frau folgte ihm mit den Kindern. Aber das war vor langer Zeit. Sie starben alle in Sibirien. Nein, nicht alle … ein Sohn … Annas Mann … er blieb am Leben und kam zurück. Und”, sie senkte die Stimme, obwohl die anderen Arbeiter ihnen weit voraus und nicht mehr in Hörweite waren. “Dieses Land hier war früher die Landwirtschaft der Klassens.” Wenn sie doch nur schon zu Hause wäre, dachte sie wieder, und wenn sie etwas zu essen hätte, dann würde sie sich besser fühlen.

“Warum ist er zurückgekommen? Wollte er den Hof seines Vaters haben?” fragte Tina. “Wußte er nicht, daß alles zu einer Kollektivwirtschaft verändert worden war?”

Mia zwang sich, Tina zu antworten. “Ich denke, er wollte sehen, wo er in der Kindheit gewohnt hatte.”

“So kam er zurück und heiratete Anna. Sie hatte die ganze Zeit hier gearbeitet, nicht wahr?” fuhr Tina fort.

“Ja”, erwiderte Mia. “Er hätte nicht zurückkommen sollen.” Wie gut erinnerte sie sich daran, daß die Natschalniks ihrer Kolchose von Anfang an etwas gegen ihn gehabt und ihm und Anna das Leben schwer gemacht hatten.

“Wie traurig, daß er bei dem Traktorunfall ums Leben kam!” Tina seufzte und fügte hinzu: “Tante Klassen tut mir leid.”

“Geh und sage ihr, daß sie sich keine Sorgen machen soll. Frage sie, ob sie für heute Abend genug zu essen hat. Sage ihr, es wird uns schon etwas für Morgen einfallen”, wies Mia ihre Tochter an, als sie das Dorf erreicht hatten. “Und dann komm zum Abendessen nach Hause.”

“Do svidanija! (Auf Wiedersehen)”, rief Tina und lief auf das Häuschen zu, in dem die Klassens wohnten.

Mia sah ihrer Tochter nach. Wie dünn sie war. Ihre Kleider waren kaum warm genug für das kalte Herbstwetter. Do svidanija - wie leicht ihre Kinder Russisch zu sprechen begannen, die Sprache des neuen Regimes. Sie sprachen auch fließend Kirgisisch, die Sprache der hiesigen Bevölkerung. Die Kinder in der Schule sprachen untereinander Kirgisisch. Im Klassenzimmer wurde jedoch Russisch benutzt und die Lehrer versuchten, es als Hauptsprache einzuführen. Mia konnte es ihren Kindern nicht verübeln, daß sie auf Russisch übergingen. Natürlich hatte Johannes, der Vater der Kinder, als er noch lebte, darauf bestanden, daß sie zu Hause Deutsch sprachen, das Hochdeutsch, das sie auch in der Kirche benutzten - zum Singen, Beten und natürlich für die Predigt. Viele Famlien hatten ihr Plauttdietsch (Plattdeutsch) beibehalten, aber als sie aufwuchs, hatte ihr Vater gewollt, daß sie daheim Hochdeutsch sprachen. “Um eine Sprache gut zu beherrschen, muß man sie daheim sprechen”, pflegte er zu sagen.

Mia riß sich zusammen. Sie hatte andere Sorgen. Ja, sie mußte mit Jassinski reden und würde das am nächsten Tag nach der Arbeit tun. Sie beschloß, unter vier Augen und sehr vorsichtig mit ihm zu sprechen. Frieda, ihre beste Freundin, hatte sie oft gewarnt: “Mia, paß auf, was du sagst! Deine Zunge wird dich bei den Kadern in Schwierigkeiten bringen.” Aber sie mußte reden. Falls sie selbst nichts zu essen hatte, konnte sie gewiß damit rechnen, daß ihr jemand aushelfen würde. Dessen war sich Mia sicher. “Morgen werde ich mit Jassinski reden”, nahm sich sich vor. “Anna Klassen braucht ihre Essensration.”

***

Der nächste Tag war trübe und dunkel und gegen Abend wurde es noch finsterer. Es dämmerte schon früh, aber schließlich war es bereits Ende Oktober. Die Temperaturen waren in den letzten Tagen stetig gefallen. So war es schon kalt, als spät am Abend endlich der Ruf kam, die Arbeit einzustellen. Mia sehnte sich danach, zu Hause zu sein, wo Wärme und Essen auf sie warteten. Aber zuerst hatte sie noch etwas zu erledigen.

An diesem Abend standen leere Lastwagen auf dem Feld. Als das Signal zum Arbeitsende gegeben wurde, liefen die Arbeiter hin, um mitzufahren. Niemand wollte den letzten Lastwagen zum Dorf verpassen.

“Jetzt ist die Gelegenheit da, meine Sache vorzubringen”, dachte Mia, als sie sah, wie Jassinski einem der Lastwagenfahrer das Signal zur Abfahrt gab. Sie rief seinen Namen. Er schaute in ihre Richtung, aber dann wandte er sich ab und winkte einem anderen Lastwagenfahrer, der abfahren wollte und seinen Motor aufheulen ließ. Jassinski ging langsam auf ihn zu und sprach lange Zeit mit ihm. Als der Lastwagen schließlich wegfuhr, näherte Mia sich ihm. “Ich werde mit soviel Takt wie möglich mit ihm reden”, gelobte sich Mia.

Er hörte zu, ohne sie anzuschauen, stampfte in der ganzen Zeit auf den Boden und spuckte aus. Schließlich fiel er ihr mit einem Schwall von Flüchen ins Wort. Mia verlor die Fassung. “Verstehen Sie doch, jeder braucht Nahrung!”, rief sie. “Anna Klassen ebenfalls. Man hat ihr keine Ration gegeben.”

“Ja, ich bin darauf aufmerksam geworden”, sagte er höhnisch.

“Sie können gewiß etwas in der Sache tun”, sagte Mia flehend. “Sie ist krank …”

“Sie hat nicht gearbeitet”, unterbrach Jassinski sie. “Also bekommt sie auch keine Nahrung.”

“Wie unvernünftig! Wie kann sie wieder zu Kräften kommen, wenn sie nichts zu essen hat! Und ihre kleinen Kinder …”

“Kulakensprößlinge! Wir kommen gut ohne sie aus! Ihre Leute lebten in Fülle und so verdienen sie es, bestraft zu werden. Sie sind Deutsche und haben den Krieg angefangen …”

Dies brachte für Mia das Faß zum Überlaufen. Sie schrie: “Anna Klassen ist die Schwiegertochter. Sie kann nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden, daß die Klassens Landbesitzer waren! Und haben wir nicht alle Nutzen von dem, was die Klassens zurückließen? Wir stehen hier auf ihrem Eigentum! Jetzt dient es vielen Menschen! Haben die Klassens nicht das komfortable Haus gebaut, in dem Sie jetzt wohnen?”

“Kulaken! Unwichtig!” schrie er und ließ einen Schwall von Verwünschungen vom Stapel, nicht nur auf Russisch, sondern auch auf Kirgisisch.

Mia zwang sich, nicht in Tränen auszubrechen. Sie mußte ihn zur Vernunft bringen. “Die Enkelkinder des ehemaligen Besitzers und ihre Mutter wohnen jetzt in einem einzigen Raum der Arbeiterwohnungen. Ist das fair?”, wollte sie wissen. “Und wer begann und verlor den Krieg? Bestimmt nicht Anna Klassen!”

Jassinski fluchte weiter, wandte sich ab und ging zu seinem Jeep. “Halt! Sie müssen auf die Vernunft hören”, rief sie ihm nach. Er würdigte sie keiner Antwort, schlug die Tür des Jeeps zu und fuhr davon.

Sie weinte, als sie dem Fahrzeug nachsah, das über das unebene Gelände zur Straße hin holperte. In ihrer Enttäuschung stieß sie mit dem Fuß gegen einen Erdhaufen. Ihr Zeh berührte etwas, das härter war als ein Erdklumpen. Es war eine Rübe. Sie bückte sich und hob sie auf. Jemand mußte Anna helfen. Wie konnte sie ohne Nahrung wieder zu Kräften kommen und wieder an die Arbeit gehen? Nein, sie konnte Anna und ihre Kinder nicht verhungern lassen. Aber was konnte sie tun, ohne ihren eigenen Kindern etwas vom Essen wegzunehmen - von dem bißchen Essen, das sie bekamen?

Sie stapfte auf das Dorf zu. Sie weinte noch immer und die Tränen ließen ihre Augen schmerzen. Sie konnte die Häuser im Dorf nicht klar erkennen. Sie schaute auf die schmutzige Rübe in ihrer Hand. Statt dessen hätte sie auf den Weg achten sollen. Sie stolperte und fiel beinahe in eine Morastpfütze, die sich an der Stelle gebildet hatte, an der einer der Lastwagen im aufgeweichten Boden steckengeblieben war. Mia bemühte sich darum, das Gleichgewicht nicht zu verlieren und ihren Stiefel aus dem Matsch zu ziehen. Dabei erblickte sie eine Rübe im Morast, die zweifellos heruntergefallen war, als der Lastwagen sich festgefahren hatte. Sie benutzte ihren Stiefel und grub nicht nur eine, sondern sogar zwei kleine Rüben aus dem Erdboden aus. Sie hob sie auf. Die Rüben waren naß und schlüpfrig--sie ließen sich schwer halten, weil die Blätter abgeschnitten waren. Da stand sie nun mit drei schmutzigen Rüben in ihren Händen. Sie begann zu lachen, obwohl es mehr wie ein Weinen klang. Sie hob ihre Hände zum Himmel auf und rief: “Segne, Vater, diese Speise …” Ja, sie würde diese Rüben dazu benutzen, ihr Essen etwas zu strecken, da sie jetzt nicht nur für die eigene Familie zu sorgen hatte, sondern auch für die Klassens. Sie preßte die Rüben an sich, hob die Ecke ihrer Jacke an, um einen Sack zu formen, und ließ ihren Fund hineingleiten. Über den Schmutz auf ihrer Jacke machte sie sich keine Sorgen. Der konnte abgewischt werden, wenn sie zu Hause war.

Beim Weitergehen erblickte sie noch eine Rübe auf dem Weg. Mia hob sie auf und grub mit der Spitze ihres Gummistiefels nach mehr Rüben in dem weichen Erdboden. Sie fand noch zwei. Dann ging sie weiter und achtete darauf, das die Rüben nicht herunterfielen.

Vor ihr im Dorf standen die hohen Pappeln wie Wächter. Vor vielen Jahren waren sie auf beiden Seiten der Aryks (Bewässerungskanäle) angepflanzt worden. Diese Kanäle brachten Wasser von den nahen Bergen zur Bewässerung der Gärten bei den Bauernhäusern. Mia konnte ihre Hütte nicht sehen. Die ehemaligen Arbeitergebäude standen hinter dem stattlichen Klassen-Haus und den hohen Scheunen. Rauch stieg aus dem Schornstein des großen Wohnhauses auf. Es diente jetzt der Rayon (der kommunistischen Leitung). Die Führer wählten stets die größten und besten Häuser als Büros und in den restlichen Räumen wohnten sie mit ihren Familien.

Mia erreichte die Vorratsschuppen des Bauernhofes. Sie wollte gerade um die Ecke gehen, als ihr jemand in den Weg trat. Trotz ihrer Müdigkeit fuhr sie zusammen. Es war Boris. Sie hatte nicht damit gerechnent, daß jemand noch zu dieser späten Stunde dort war, und gewiß nicht Boris, der gewöhnlich in Jassinskis Büro saß und rauchte.

“Stiehlst du jetzt Rüben von der Kommune des Volkes?” Boris sprach mit hoher Stakkato-Stimme, als habe er den Satzt geübt. Er schlug mit seiner Reitpeitsche an seine Stiefel. Er trug diese Peitsche überall mit sich. Sie vermittelte ihm ein Gefühl der Macht. Die Leute pflegten zu sagen: “Weil er klein ist, braucht er die Peitsche, um bemerkt zu werden.”

“Du … wie kommt es … so spät?” Er sah sie an.

“Er versucht wie Andrej Jassinski zu reden”, dachte Mia. Es war bekannt, daß Boris sich um Jassinskis Gunst bemühte. Jassinski! Wie ein Schock durchfuhr es sie. Hatte sie nicht gesehen, wie die Bremslichter an seinem Jeep aufgeleuchtet hatten und lange weitergestrahlt waren, als er die Schuppen erreicht hatte, bei denen Boris jetzt auf sie wartete? Zweifellos hatten sie darüber gesprochen, warum sie als letzte vom Feld kam.

“Hast du nicht eben mit Jassinski geredet? Er hat hier angehalten, nicht wahr?”, fragte sie Boris.

Wie gut erinnerte sie sich an die Bremslichter! Ihre Helligkeit hatte sich gegen die stärker werdende Abenddämmerung abgehoben. “Rot, die Farbe der Kommunistischen Partei”, hatte sie bei sich gesagt.

Boris verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere und schlug weiter mit der Reitpeitsche an seine Stiefel.

“Ich komme erst jetzt vom Feld, weil es Jassinski nicht einfiel, mich in seinem Jeep mitzunehmen. Das ist der Grund!” Mia spie diese Worte aus. “Wenn du wüßtest, wie lange es dauert, von den Rübenfeldern zu Fuß ins Dorf zu gehen?”

Boris ignorierte ihre Frage. Mit seinem kurzen Daumen deutete er auf die Erhebung in ihrer Jacke, in der sie die Rüben hatte. “Wie viele haben wir denn hier? Zeig mal her!”, forderte er.

“Schau her, Boris!” Sie lockerte ihren Griff, um die schmutzigen Rüben zu zeigen. “Wie viele sind es? Zähl sie. Ja, sechs Rüben zum Strecken der mageren Ration, die sie uns geben. Eine Menge, die so klein ist …” Sie konnte kaum ihren Zorn zügeln und zitierte die deutsche Redensart “eine Katze kann’s auf dem Schwanz nach Hause tragen.” Boris, der deutscher Abstammung war, würde die Bedeutung kennen.

Er lehnte sich vor und zählte die Rüben mit lang ausgedehnten Silben.

“Hast du gesehen, wo ich sie aufgehoben habe?”, fragte sie ihn.

“Ja, ich weiß. Und andere sind vielleicht auch daran interessiert, es zu wissen!” Boris grinste. Er drehte sich um und schritt zum Dorf. Jetzt schwang er seine Peitsche in der Luft, daß es knallte.

Sie schrie ihm nach: “Hast du gesehen, wo ich sie aufgehoben habe?”

Er würdigte sie keiner Antwort. Der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich schnell.

Mia platzte beinahe vor Zorn. Sie konnte ihn noch nie leiden. Sie waren zusammen aufgewachsen. Es war immer schwer gewesen, mit ihm auszukommen. Er war ein Einzelkind. Seine in vorgerücktem Alter stehenden Eltern hatten ihm in Vorahnung der kommunistischen Revolution einen russischen Namen gegeben. Gott weiß, sie hatten das Beste für ihn gewollt, aber sie erlebten die neue Ordnung nicht mehr, das kommunitische Arbeiterparadies - eine Wohnung und einen Arbeitsplatz. Das Leben seines Vaters endete in einem Arbeitslager, weil er ein Kulak war. Seine Mutter starb an gebrochenem Herzen, als sie aus ihrem prächtigen Haus vertrieben wurde. Boris hatte all das hinter sich gelassen. Er war entschlossen, unter dem neuen Regime vorwärtszukommen. In der Tat, Mia war sicher, daß er alles tun würde, um dieses Ziel zu erreichen.

Mia ging viel langsamer weiter. Beschuldigte Boris sie, die Rüben gestohlen zu haben? Nein, dachte sie, sie hatte absichtlich keine Rübe von den Rübenhaufen genommen, die auf den Abtransport warteten. Hatte er gedacht, daß sie sie in ihre Jacke gesteckt hatte, um sie zu verbergen? Wie könnte man sechs erdverkrustete Rüben sonst tragen? Sie war zorning—auch über sich selbst. Sie hätte darauf bestehen sollen, daß er sie anhörte. Sie hätte sicherstellen sollen, daß er verstand, daß sie die Rüben aus dem Morastloch und vom Weg aufgehoben hatte. Sie war innerlich aufgewühlt. Was für eine Schande, daß Rüben nötig waren, um zwei Familien zu versorgen! Sie konnte die Nahrung nicht ihren eigenen Kindern vorenthalten und ihrer Nachbarin geben, aber sie mußte Anna und ihren Kindern helfen. Ja, sie würde ihre mageren Vorräte mit den Klassens teilen. Sechs gemahlene Rüben würden zusammen mit der kleinen Menge an Mahl und Maisgrütze für einen Tag für sie alle reichen. Für den nächsten Tag würde sie sich auf Gott verlassen.

Nein, sie hatte keine Gewissensbisse darüber, daß sie die Rüben aufgehoben hatte. Sie wären in den Morast getreten oder von den Lastwagenrädern in die Erde gepreßt worden. Gewiß konnte jeder sehen, daß sechs Rüben nicht viel ausmachten. Gewiß würde Boris diesen Vorfall nicht zu seinem eigenen Vorteil ausnutzen! Und doch konnte sie ein unbehagliches Gefühl nicht loswerden.

Wie sehnte sie sich nach vergangenen Tagen, nach dem warmen und gemütlichen Haus ihrer Eltern! Wie weit entfernt erschienen ihr jene frohen Kindheitstage! Es hatte immer genug zu Essen gegeben. Sie hatte den Garten mit seinem weißen Staketenzaun, Blumen aller Art, Obstbäumen und Gemüse besonders geliebt. Da sie die Jüngste war, war es ihre Arbeit gewesen, in den Hühnerstall zu laufen und die Eier einzusammeln. Sie hatte die Eier so gern gesammelt, die noch warm in den Nestern lagen. Auch hatte sie die feuchte Wärme im Winter im Kuh- und im Pferdestall so geliebt. Wie schön war es gewesen, in der riesigen Scheune zu spielen! Wie oft waren sie und ihre vielen Geschwister auf die Balken geklettert und dann in das weiche Stroh unter ihnen gesprungen!

Jetzt war sie hier auf dem Heimweg zu ihrer engen Unterkunft in den Arbeiterwohnungen. Mia dachte mit einem verzerrten Lächeln, wenn ihre Vorfahren, die Mennoniten, bessere Unterkünfte für ihre Knechte und Mägde gebaut hätten, dann könnten sie jetzt vielleicht bessere Lebensbedingungen genießen. Jedenfalls wäre sie damit zufrieden gewesen, in den Wohnungen zu leben, die ihre Eltern für ihre Arbeiter eingerichtet hatten. Ihre gegenwärtige Unterkunft war dagegen kaum zureichend - zwei Zimmer für sich und ihre sechs Kinder. Zur Zeit war noch eine Person dort. Ihre Mutter war zu Besuch gekommen. Wenn Hans, ihr siebzehnjähriger Sohn nach Hause kam, waren sie insgesamt neun Personen. Er bekam beinahe jeden Monat einen Urlaubstag von seiner Arbeiterbrigade.

Nicht wählen zu dürfen, wo sie wohnten und wo sie arbeiteten - das war das Schlimmste von allem, dachte Mia. Sie waren gezwungen, auf den ihnen zugewiesenen Plätzen zu bleiben. Keiner konnte ohne besondere Erlaubnis umziehen und diese Erlaubnis war schwer zu erhalten. Schon der Antrag darauf brachte einen in die Gefahr, das Mißfallen der Kader hervorzurufen. Die Verbesserung der eigenen Verhältnisse war nur dadurch möglich, daß man in die leitenden Kader des kommunistischen Systems gelangte - das zu tun, was Boris tat. Mia war nicht willens, so tief zu sinken.

Sie umklammerte die Ecke der Jackentasche, in der sich die Rüben befanden. Sie war beinahe daheim. Was würde ihre Mutter von den Rüben halten? Mia seufzte. Ihre Mutter war zu ihnen gekommen, nachdem sie die Arbeiterbrigade ihrer Schwester Lisa verlassen hatte. “Das Essen wurde dort ziemlich knapp”, hatte ihre Mutter ihr erzählt. Natürlich freute Mia sich, ihre Mutter eine Weile bei sich zu haben, wenn auch nur für einige Wochen. Gerade am Tag vorher hatte ihre Mutter zu ihr gesagt, als sie von der Arbeit gekommen war: “Laß mich deine Jacke waschen. Wie schmutzig sie ist!”

“Wie herrlich ist es, daß mir meine Mutter die Jacke wäscht! Wie früher!” Mia hatte gelacht. “Heute nicht. Sie wird doch wieder schmutzig”, hatte sie dann gesagt. “Ich muß morgen arbeiten. Du kannst sie am Samstag für mich waschen. Dann ist genug Zeit, daß sie richtig trocknet.” Wenn man Glück hatte, war der Sonntag ein freier Tag. Offiziell waren Sonntage Ruhetage, aber arbeiten mußten sie dennoch oft.

Mia freute sich wirklich sehr, ihre Mutter wieder bei sich zu haben. Sie brauchte jemanden, mit dem sie reden und dem sie vertrauen konnte. Am Abend vorher, als die Kinder schliefen, hatten sie und ihre Mutter lange miteinander erzählt - leise, damit sie die Kinder nicht im Schlaf störten.

“Jetzt, wo meine Mutter bei mir ist, fühle ich mich wieder wie ein Kind”, hatte Mia gesagt, während sie die Arme um ihre Mutter schlang. Beide saßen auf den Brettern, die ihnen als Bett dienten.

“Ich werde dir nicht sagen, was du tun sollst. Mach dir keine Sorgen”, hatte ihre Mutter lachend gesagt.

“Das habe ich nicht damit gemeint. Du bist mir eine große Hilfe. Kinder brauchen zwei Eltern, eine Mutter und einen Vater. Jetzt, da Johannes weg ist, mußt du mir mit meiner Familie helfen. Sie brauchen dich. Du bist ihre Oma. Tina wächst heran. Sie hat viel zu lernen über das Leben, über den Haushalt, über …” Mia seufzte. “Ich muß so viele Stunden arbeiten.”

“Mach dir keine Sorgen! Deine Kinder wachsen gut auf.”

“Da bin ich nun. Vierzig Jahre alt und ich brauche immer noch meine Mutter!”

Ihre Mutter hatte nichts dazu gesagt, aber sie hatte dann gefragt: “Baut diese Kommune nur Zuckerrüben an?”

“Ja. Stell die vor, sie haben die Obstbäume abgeholzt und alles geändert, so daß nur Rüben auf den Feldern angebaut werden. Keiner darf einen Garten haben.”

“In der Brigade deiner Schwester bauen sie Weizen an”, erklärte ihre Mutter. “Nach der Ernte werden sie ihn abtransportieren.”

“Wir wollen hoffen, daß wir nicht verhungern, ehe er hier eintrifft!” Mia hatte gelacht.

Die Selbstversorgung ihrer Ortschaft war dadurch zum Erliegen gekommen, daß nur noch Rüben angebaut werden durften. Jetzt waren sie davon abhängig, daß Nahrungsmittel von anderswo geliefert wurden, um die Leute auf dem Lande am Leben zu erhalten. Bisher reichten die gelieferten Waren allerdings kaum aus. Es hieß, wenn die neue Ordnung erst vollständig eingeführt sein würde, dann würde alles glatt verlaufen. Wenn sie doch nur am Leben bleiben würden, bis jene guten Zeiten kommen würden! Hier war sie nun auf dem Heimweg und trug sechs Rüben, um zwei Familien vor dem Verhungern zu bewahren!

“Menschenleben sind wichtiger als die Erfüllung von Zuckerrübenquoten”, sagte Mia sich. “Und was machen sechs Rüben schon aus, die auf dem Weg liegen und verfaulen oder auf dem Feld vergessen werden?” Sorgte sie sich immer noch über den Zusammenstoß mit Boris? “Ich werde morgen wieder mit Jassinski reden”, nahm sie sich vor. “Er wird dann in besserer Stimmung sein. Die Leute neigen dazu, kurz vor dem Abendessen brummig zu sein, wenn sie hungrig sind”, dachte sie. Ja, es war ein Fehler gewesen, unter vier Augen mit ihm zu reden. Im Beisein von Zeugen könnte er zweifellos dazu gebracht werden, die Leute, für die er verantwortlich war, zu versorgen.

Jassinski führte die Entscheidungen durch, die von der Zentralregierung an ihn weitergeleitet wurden. Er war in ihr Dorf gekommen, um die Landreform zu überwachen und die rechte Kollektivwirtschaft einzuführen. Dies umfaßte das Abholzen der Ostbäume und die Abschaffung aller Gärten, damit alles Land zur Produktion von Zuckerrüben genutzt werden konnte. Boris folgte seinerseits Jassinskis Befehlen und hoffte, eine gute Position innerhalb der Kommunistischen Partei zu erlangen. Isabella, ihre Freundin, war davon überzeugt und pflegte zu sagen, “dieser Boris würde seine eigene Großmutter verkaufen, um die Gunst der kommunistischen Behörden zu gewinnen.”

Mia fragte sich, ob ihre Kinder es wie Boris jemals für notwendig halten würden, nach dem Aufstieg in Stalins großer Zukunft zu trachten. Es schauderte sie bei dem Gedanken. “Lieber Gott, halte sie auf deinen Wegen”, betete sie. Es war ein Trost, zu wissen, daß sie ihren Vater und Großvater als Vorbild hatten. Zweifellos lagen schwere Zeiten vor ihnen, aber Gott hatte ihnen bisher geholfen. Er würde auch weiterhin helfen. Sie würde vertrauensvoll in die Zukunft schauen.

Sie hatte ihre Wohnung erreicht.

*****

KAPITEL 2

Störung beim Abendessen

Mia machte die Türe auf und fand Anna und Mariechen, ihre Töchter, 8 und 6 Jahre alt, mit ihrer neuen Lieblingsarbeit beschäftigt - Kopieren von Bildern, nachdem sie das Blatt mit Petroleum begossen hatten. Dadurch wurde es durchsichtig, und sie konnten das Bild dann mit Bleistift nachmalen. Das mußte schnell gehen, denn Petroleum verdunstet nach einiger Zeit, und das Papier ist dann nicht mehr durchsichtig. Als sie Mia mit ihrer gefüllten Jacke hereinkommen sahen, sprangen sie auf und liefen ihr entgegen.

“Was hast Du denn da? Etwas Gutes für uns zum Essen?” Beide schauten mit großer Hoffnung zu, wie Mia ihre Jacke leer machte. “Ach, bloß dreckige Rüben!” Sie rümpften die Nasen und gingen zurück zu ihrer Kopierarbeit.

Mias Mutter schaute von ihren Vorbereitungen zum Abendessen auf. Auch sie war nicht gerade von den Rüben beeindruckt, machte aber keine Bemerkung. Mia erklärte, daß sie wohl ihr Essen in der nächsten Woche mit den Klassens werden teilen müssen, denn die hätten keine Ration erhalten. Daher würden die Rüben helfen, das wenige Mehl zu strecken.

“Mama, Mama”, rief David. Schon als Mia ins Zimmer trat, hatte er versucht, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. “Peter sagt, daß er morgen seine Lehrerin um ein Pionierhalstuch bitten wird. Das darf er nicht, nicht wahr?” Er schaute sie an und war sich sicher, daß sie ihm zustimmen würde.

“Peter muß selbst entscheiden, was recht ist.” Mia bemühte sich, ruhig zu sprechen. Sie kannte ihren David. Er was jünger als Peter, und hatte den Gerechtigkeitssinn seines Vaters. Er würde nie etwas wählen, was nicht recht war. Wie sein Vater würde er nie Kompromisse eingehen, wenn es sich um Gerechtigkeit handelte. Für ihn war das rote Halstuch ein Zeichen, daß der Betreffende der Kommunistischen Partei angehörte.

“Alle anderen Schüler haben eins”, verteidigte sich Peter.

“Nicht alle. Die nicht, die keine Kommunisten sein wollen”, sagte David.

“Die mit den Halstüchern sehen gut aus.” Peter sprach leise. “Zudem hält es einen warm.”

Es war nicht das erste Mal, daß sich die Brüder über das Pionierhalstuch stritten. Mia konnte Peter verstehen, daß er sich gern etwas Hübsches und etwas Neues wünschte. Schon seit langer Zeit hatten die Kinder wenig erhalten. Seitdem Johannes verhaftet worden war, war wenig da und sie hatte sich bemüht, ihre Kinder mit den abgetragenen Kleidern von Verwandten zu versorgen. Zudem kannte Mia die Situation in Peters Klasse. Seine Lehrerin bemühte sich, das rote Tuch den Schülern so begehrenswert wie möglich zu machen. Peter erzählte ihr einmal, daß seine Lehrerin den Schülern, die den Pionieren beitraten, besondere Vorrechte gab. Sie durften dann mit ihrem roten Halstuch herumgehen, während die anderen ohne Tuch auf ihren Plätzen bleiben mußten. Peter hatte auch erklärt, daß die Lehrerin immer ein neues Tuch auf ihrem Tisch bereithielt, falls jemand den Pionieren beitreten wollte. Einmal hatte sie Peter gefragt, ob er nicht das Tuch anfassen wollte. Als er sich nicht traute, hatte sie ihn ausgelacht. Tränen liefen ihm über die Wangen, während er es Mia erzählte. “Wenn ich bloß ein Tuch hätte, dann wäre alles gut”, meinte er.

Ihrer Mutter wurde es zuviel. “Nun hör mal zu, Peter. Du darfst das rote Tuch nicht tragen. Das ist ja ein Zeichen, daß du dann der Partei angehörst. Die haben ja deinen Vater ins Gefängnis gebracht und getötet. Das ist einfach nicht recht.”

“Oma, das verstehst du nicht.” Peter weinte.

Mia biß die Lippen zusammen und seufzte. Sie wußte, daß Peter es lernen mußte, sich für das Richtige zu entscheiden, auch wenn andere ihm sagten, was er tun sollte. Natürlich hatte ihre Mutter auch recht, den Kindern zu sagen, was sie für richtig hielt. Hatte sie nicht ihre Mutter gebeten, sich ihrer Kinder anzunehmen und sie erziehen zu helfen?

Mia versuchte, alle zu beschwichtigen. “Laßt uns nach dem Essen darüber sprechen.” Sie war entsetzlich müde.

Jakobchen, ihr kleiner Liebling, saß auf dem Fußboden und spielte mit seinen Holzklötzchen. Immer wieder war sie so dankbar, daß ihre ältere Stiefkinder so gut zu dem Kleinen waren. Als Hans, der Älteste, das letzte Mal zu Hause war, sagte er zu Jakob: “Schau mal, was ich in meinem Rucksack für dich habe.” Jakobchen war überglücklich, als er die zwei Dutzend Holzklötzchen aus dem Rucksack fallen sah. “Ich habe sie extra für dich mitgebracht”, sagte Hans. Da saß der Kleine, hielt so viele Stücke wie er nur halten konnte in einer Hand und mit der anderen umklammerte er das Bein von Hans und sang: “Ich hab dich so lieb, Hans, ich hab dich so lieb!”

“Ich hatte kein vernünftiges Werkzeug, bloß eine Säge und ein Beil. Hast Du vielleicht ein scharfes Messer?” fragte er Mia. “Dann könnte ich die scharfen Kanten bearbeiten.” Aber dazu war keine Zeit an dem einzigen Tag, als er zu Hause war. Er half Mia einen Schutz um den Herd, der draußen stand, zu bauen. Mia hatte schon Holz und Blech dazu zusammengetragen.

Der dreijährige Jakob umarmte und küßte jeden. Die Kinder herzten ihn auch, aber untereinander zeigten sie wenig Zuneigung. Mia erklärte sich das so, daß die Kinder zu lange ohne Mutter gewesen waren, ehe sie den verwitweten Johannes geheiratet hatte. Ihm war es nicht möglich gewesen, sich viel mit den Kindern abzugeben, und somit wurden sie von Verwandten und Nachbarn betreut. Die Jungens litten besonders unter dem Verlust ihrer Mutter. Sie ließen sich nicht gerne anfassen und sträubten sich, wenn Mia sie umarmte. Wenn sie den Kindern etwas vorlas, saß Jakobchen immer auf ihrem Schoß und Anna und Mariechen jeder an einer Seite. Peter und David, zwölf und zehn Jahre alt, hörten gerne zu, setzten sich aber nie dicht zu ihr.