Zum Leuchtturm. Roman - Virginia Woolf - E-Book

Zum Leuchtturm. Roman E-Book

Virginia Woolf

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Beschreibung

Eine schottische Hebrideninsel, ein Landhaus an einem Sturmtag. Die Familie Ramsay und ihre Gäste verschieben die für den nächsten Tag geplante Fahrt zum Leuchtturm auf den nächsten Sommer. Doch es werden zehn Jahre vergehen, bis der Ausflug gelingt. In dieser Zeit ist nicht nur die Welt eine andere geworden, auch in der Familie ist nichts mehr wie zuvor, denn zwischen den Besuchen liegen der große Krieg und viele Schicksalsschläge.

Virginia Woolfs einzigartiger, moderner Roman – neu übersetzt von der Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel.

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Seitenzahl: 355

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Virginia Woolf

Zum Leuchtturm

Roman

Aus dem Englischen neu übersetztvon Antje Rávik Strubel

Anaconda

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt undenthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugteNutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzungdurch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitungoder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere inelektronischer Form, ist untersagt und kann straf- undzivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2022 by Anaconda Verlagin der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenAlle Rechte vorbehalten.Covermotiv: Vanessa Gardiner, »Godrevy Point«,Private Collection, © Vanessa Gardiner.All rights reserved 2022 / Bridgeman Images

Covergestaltung:www.katjaholst.de

Satz und Layout: InterMedia – Lemke e. K., Heiligenhaus

ISBN978-3-641-28824-2V002

www.anacondaverlag.de

Inhalt

I – Das Fenster

II – Zeit vergeht

III – Der Leuchtturm

I Das Fenster

1

»Ja, natürlich, wenn es morgen schön ist«, sagte Mrs Ramsay. »Aber du musst mit den Hühnern aufstehen«, fügte sie hinzu.

In ihrem Sohn lösten diese Worte eine außerordentliche Freude aus, als stehe fest, dass dieser Ausflug ganz bestimmt stattfinden werde und das Wunder, auf das er sich gefreut hatte, seit Jahren und Jahren, wie es schien, nach dem Dunkel einer Nacht und einem Tag Segeln in Reichweite sei. Da er, schon im Alter von sechs Jahren, zu jener großen Sippe gehörte, die ein Gefühl nicht vom anderen unterscheiden kann, aber akzeptiert, dass Zukunftsaussichten mit ihren Freuden und Leiden das verdüstern, was tatsächlich da ist, da für solche Menschen schon in frühester Kindheit jede Drehung am Rad der Empfindungen die Macht besitzt, den ­Augenblick kristallisieren und erstarren zu lassen, auf dem ihre Düsternis oder ihr Strahlen beruht, versah James Ramsey, der auf dem Fußboden saß und Bilder aus dem illustrierten Katalog der Army and Navy Stores ausschnitt, das Bild eines Kühlschranks mit himmlischer Glückseligkeit, während seine Mutter sprach. Freude umkränzte es. Die Schubkarre, der Rasenmäher, das Geräusch von Pappeln, Blätter, die heller werden vor dem Regen, krächzende Krähen, klopfende Besen, raschelnde Kleider – all das war in seiner Vorstellung so farbenfroh und deutlich, dass er schon seinen privaten Code, seine Geheimsprache dafür besaß, obwohl er den Eindruck schierer und kompromissloser Ernsthaftigkeit erweckte mit seiner hohen Stirn und seinen wilden blauen Augen, makellos offen und rein, die sich angesichts menschlicher Schwäche ein wenig verfinsterten, sodass seine Mutter, die ihn dabei beobachtete, wie er seine Schere geschickt um den Kühlschrank herumführte, ihn schon ganz in Rot und Hermelin auf der Richterbank vor sich sah oder wie er ein beachtliches und gewichtiges Unternehmen durch eine gesellschaftliche Krise steuerte.

»Aber«, sagte sein Vater und blieb vor dem bodentiefen Salonfenster stehen, »es wird nicht schön.«

Wäre eine Axt greifbar gewesen, ein Schürhaken oder irgendeine andere Waffe, die ein Loch in die Brust seines Vaters hätte schlagen und ihn töten können, hier und jetzt, hätte James sie ergriffen. So extrem waren die Gefühle, die Mr Ramsay durch seine bloße Gegenwart in der Brust seiner Kinder auslösen konnte; wenn er, wie jetzt, schlank wie ein Messer und schmal wie die Klinge desselben, sarkastisch grinsend dastand, nicht nur vor Vergnügen daran, seinen Sohn zu ernüchtern und seine Frau lächerlich zu machen, die in jeder Hinsicht tausendmal besser war als er (fand James), sondern auch aus irgendeinem heimlichen Stolz auf die Korrektheit seines Urteils. Was er gesagt hatte, war richtig. Es war immer richtig. Zu etwas Unwahrem war er nicht fähig; er verfälschte nie eine Tatsache; änderte nie ein unangenehmes Wort zugunsten der Freude oder Annehmlichkeit ­irgendeines sterblichen Wesens, schon gar nicht der eigenen Kinder, die sich, seinen Lenden entsprungen, von klein auf darüber im Klaren sein sollten, dass das Leben schwierig war, die Tatsachen unhintergehbar und die Überfahrt zu jenem sagenhaften Land, wo unsere strahlendsten Hoffnungen ausgelöscht werden, unsere brüchigen Barken im Dunkel versinken (hier drückte Mr Ramsay den Rücken durch und richtete seine kleinen blauen Augen zusammengekniffen auf den Horizont), vor allem Mut, Wahrhaftigkeit und Durchhaltevermögen verlangte.

»Aber es könnte schön werden – ich denke, es wird schön«, sagte Mrs Ramsay und drehte den rotbraunen Strumpf, an dem sie gerade strickte, ungeduldig zu einer kleinen Spirale. Wenn sie ihn heute Abend fertig hätte und sie am Ende doch zum Leuchtturm fahren würden, dann sollte der Leuchtturmwärter ihn bekommen, für seinen kleinen Jungen, der möglicherweise an Hüftgelenkstuberkulose erkrankt war, zusammen mit einem Stapel alter Zeitschriften und etwas Tabak, im Grunde alles, was sie finden konnte an Dingen, die herumlagen und nicht wirklich gebraucht wurden, sondern nur das Zimmer verstopften, um den armen Teufeln, die sich zu Tode langweilen mussten, wie sie da den ganzen Tag he­rumsaßen und nichts zu tun hatten, als die Lampe zu putzen, den Docht zu stutzen und ihr Stückchen Garten zu harken, etwas zu geben, das sie unterhalten würde. Denn wie würde euch das wohl gefallen, für jeweils einen ganzen Monat ununterbrochen auf einem Felsen von der Größe eines Tennisplatzes eingesperrt zu sein und bei stürmischem Wetter möglicherweise noch länger?, fragte sie; ohne Briefe oder Zeitungen und ohne jemanden zu sehen; wenn man verheiratet war, die eigene Frau nicht zu sehen und nicht zu wissen, wie es den Kindern ging – ob sie krank waren, ob sie gestürzt waren und sich Arme und Beine gebrochen hatten; Woche für Woche nur denselben tristen Wellen dabei zuzuschauen, wie sie sich brachen, und dann käme ein schreck­licher Sturm und die Fenster wären mit Gischt überzogen und Vögel klatschten an die Lampe und der ganze Ort geriete ins Schwanken und man wäre nicht in der Lage, die Nase aus der Tür zu stecken aus Angst, ins Meer gefegt zu werden? Wie würde euch das gefallen?, fragte sie, wobei sie sich vor allem an ihre Töchter wandte. Also, fügte sie in völlig verändertem Tonfall hinzu, muss man ihnen alles mitbringen, was ihnen das Leben angenehmer macht.

»Er weht genau nach Westen«, sagte der Atheist Tansley und hielt seine knochigen Finger gespreizt, sodass der Wind hindurchblasen konnte, denn er beteiligte sich an Mr Ramsays Abendspaziergang die Terrasse auf und ab, auf und ab. Das heißt, der Wind blies aus einer der für die Landung am Leuchtturm ungünstigsten Richtungen. Ja, er sagte unangenehme Dinge, gestand sich Mrs Ramsay ein, es war abscheulich von ihm, James das unter die Nase zu reiben und seine Enttäuschung noch zu vergrößern, aber gleichzeitig würde sie es nicht zulassen, dass sie über ihn lachten. »Der Atheist«, nannten sie ihn, »der kleine Atheist«. Rose machte sich über ihn lustig, Prue machte sich über ihn lustig, Andrew, Jasper, Roger machten sich über ihn lustig; sogar der alte Badger, der keinen Zahn mehr im Mund hatte, machte bissige Bemerkungen darüber, dass er (wie Nancy sich ausdrückte) der hundertundzehnte junge Mann war, der sie bis hinauf zu den Hebriden verfolgte, wo es doch so viel schöner war, unter sich zu sein.

»Unsinn«, sagte Mrs Ramsay mit großer Strenge. Abgesehen vom Hang zur Übertreibung, den sie von ihr hatten, und von der Feststellung (die stimmte), dass sie zu viele Menschen gebeten hatte, zu bleiben, und einige im Ort hatte unterbringen müssen, konnte sie Unhöflichkeit ihren Gästen gegenüber nicht ertragen, am wenigstens gegenüber jungen Männern, die arm wie Kirchenmäuse waren, »außerordentlich begabt«, wie ihr Mann sagte, seine großen Bewunderer, und hierherkamen, um Ferien zu machen. In der Tat stand das gesamte andere Geschlecht unter ihrem Schutz, aus Gründen, die sie nicht erklären konnte, wegen ihrer Ritterlichkeit und Tapferkeit, wegen der Tat­sache, dass sie Staatsverträge aushandelten, Indien regierten, das Finanzwesen kontrollierten und schließlich auch wegen einer bestimmten Haltung ihr gegenüber, die jede Frau unweigerlich spürte oder als angenehm empfand, etwas Vertrauensvolles, Kindliches, Ehrfürchtiges, das eine alte Frau von einem jungen Mann entgegennehmen konnte, ohne ihre Würde zu verlieren, und wehe dem Mädchen – um Himmels willen keine ihrer Töchter! –, die den Wert all dessen und von allem, was es implizierte, nicht bis ins Mark empfand.

Streng wandte sie sich an Nancy. Er habe sie nicht verfolgt, sagte sie. Er sei eingeladen worden.

Sie mussten einen Weg finden, damit fertig zu werden. Vielleicht gab es einen einfacheren Weg, einen weniger mühsamen Weg, seufzte sie. Als sie in den Spiegel schaute und ihr graues Haar sah, ihre eingefallenen Wangen, mit fünfzig, dachte sie, dass sie die Dinge vielleicht besser hätte hand­haben können – ihren Mann, Geld, seine Bücher. Was sie selbst betraf, so bereute sie ihre Entscheidung nicht, ging Schwierigkeiten nicht aus dem Weg, versäumte keine ihrer Pflichten, nicht einmal für eine Sekunde. Sie sah jetzt respekteinflößend aus, und nur insgeheim konnten ihre Töchter – Prue, Nancy, Rose –, die von ihren Tellern aufschauten, nachdem sie in so strengem Ton über Charles Tansley geredet hatte, ihre abtrünnigen Ideen hegen, die sie für ihr eigenes Leben ausgebrütet hatten, das anders wäre als ihres; in Paris vielleicht, ein wilderes Leben, ohne sich ständig um diesen oder jenen Mann zu kümmern, denn sie alle stellten Fügsamkeit und Ritterlichkeit, die Bank of England und das Indische Imperium, beringte Finger und Spitze stumm in Frage, obwohl darin für sie alle etwas vom Wesen der Schönheit enthalten war, das die Männlichkeit in ihren mädchenhaften Herzen ansprach und das sie, während sie unter den Augen ihrer Mutter am Tisch saßen, dazu brachte, ihrer seltsamen Strenge und maßlosen Höflichkeit Anerkennung zu zollen, einer Königin würdig, die den schmutzigen Fuß eines Bettlers aus dem Dreck hebt und ihn wäscht, während sie sie ach so streng wegen des erbärmlichen Atheisten rügte, der sie verfolgt hatte – oder, um es präzise zu formulieren, eingeladen worden war, sie zu begleiten – zur Isle of Skye.

»Morgen kann man nicht am Leuchtturm anlegen«, sagte Charles Tansley und schlug die Hände zusammen, während er mit ihrem Mann am Fenster stand. Er hatte wirklich genug gesagt. Sie wünschte, die beiden würden sie und James in Ruhe lassen und ihr Gespräch fortsetzen. Sie sah ihn an. Er sei ein so jämmerliches Exemplar, sagten die Kinder, nur Haut und Knochen. Er könne nicht Kricket spielen, er stochere, er schiebe. Er sei ein sarkastischer Grobian, sagte ­Andrew. Sie wüssten, was er am liebsten tue – für immer und ewig mit Mr Ramsay auf und ab gehen, auf und ab, und zu erzählen, wer diesen und wer jenen Preis gewonnen habe, wer »erstklassig« lateinische Verse aufsagen könne, wer »brillant, aber meiner Meinung nach grundlegend gestört war«, wer zweifellos der »fähigste Typ am Balliol« sei, wer sein geistiges Leuchten vorübergehend in Bristol oder Bedford begraben habe, aber später ganz gewiss gehört werden würde, wenn seine Prolegomena, von der Mr Tansley die ersten Seiten als Fahnen dabei hatte, falls Mr Ramsay sie gern sehen würde, zu irgendeinem Zweig der Mathematik oder Philosophie das Licht der Welt erblickten. Das sei es, worüber sie sich unterhielten.

Sie musste manchmal selbst lachen. Neulich hatte sie etwas von »haushohen Wellen« gesagt. »Ja«, hatte Charles Tansley erwidert, es sei ein wenig stürmisch. »Sind Sie nicht durchnässt bis auf die Knochen?«, hatte sie gesagt. »Feucht, aber nicht nass«, hatte Mr Tansley gesagt und in seinen Ärmel gekniffen, seine Socken befühlt.

Doch dagegen hätten sie gar nichts, sagten die Kinder. Es sei nicht sein Gesicht; es seien nicht seine Manieren. Er sei es – seine Einstellung. Wenn sie sich über etwas Interessantes unterhielten, Leute, Musik, Geschichte, irgendetwas, oder auch nur sagten, was für ein schöner Abend, lasst uns draußen sitzen, dann geschehe das, weshalb sie sich über Charles Tansley beschwerten, denn er war nicht eher zufrieden, als bis er die ganze Sache habe umdrehen und zu einem Spiegel seiner selbst machen können und sie herabgewürdigt und in seiner ätzenden Art, den Dingen die Haut abzuziehen, aufgebracht habe. Und er gehe in Gemäldegalerien, sagten sie, und er frage einen, ob einem seine Krawatte gefalle. Oh Gott, sagte Rose, ganz sicher nicht.

Verstohlen wie die Diebe verschwanden sie vom Esstisch, sobald das Abendessen vorüber war, die acht Söhne und Töchter von Mr und Mrs Ramsay suchten ihre Schlafzimmer, ihre Schlupfwinkel auf in einem Haus, in dem es keine andere Rückzugsmöglichkeit gab, um irgendetwas, um alles zu besprechen; Tansleys Krawatte; die Verabschiedung des Reformgesetzes; Seevögel und Schmetterlinge; Leute; während die Sonne in die Dachkammern schien, die nur durch eine Bretterwand voneinander getrennt waren, sodass jeder Schritt deutlich zu hören war und das Schluchzen des Schweizer Mädchens wegen ihres Vaters, der in einem Graubündner Tal gerade an Krebs starb, und Kricketschläger, Flanellzeug, Strohhüte, Tintenfässer, Farbtöpfe, Käfer und die Schädelknochen kleiner Vögel beleuchtete, während sie aus den langen, gekräuselten Seetangstreifen, die an die Wand gepinnt waren, einen Geruch nach Salz und Tang hervortrieb, der auch in den Handtüchern hing, die voller Sand vom Baden waren.

Streits, Differenzen, Meinungsverschiedenheiten, Vorurteile, die mit den Fasern des Daseins verflochten waren, oh, das sie so früh beginnen mussten, beklagte Mrs Ramsay. Sie waren so kritisch, ihre Kinder. Sie redeten solchen Unsinn. Sie verließ das Esszimmer, wobei sie James an der Hand hielt, da er nicht mit den anderen mitgehen wollte. Es erschien ihr so unsinnig – sich Unterschiede auszudenken, wo die Menschen, weiß der Himmel, doch auch so schon verschieden genug waren. Die wirklichen Unterschiede, dachte sie, als sie am Salonfenster stand, reichen schon aus, reichen völlig aus. Sie dachte in diesem Augenblick an reich und arm, oben und unten; den Großen von Geburt zollte sie, halb widerwillig, einigen Respekt, denn floss nicht das Blut jenes sehr noblen, wenn auch leicht sagenhaften italienischen Adelshauses durch ihre Adern, dessen Töchter, im neunzehnten Jahrhundert über die englischen Salons verstreut, so bezaubernd gelispelt, so wild gezürnt hatten, und von denen sie ihren ganzen Scharfsinn und ihren Habitus und ihr Naturell hatte, nicht von den schwerfälligen Engländern oder den alten Schotten; aber über das andere Problem sann sie tiefer nach, über arm und reich und die Dinge, die sie mit eigenen Augen sah, wöchentlich, täglich, hier oder in London, wenn sie diese Witwe oder jene sich ab­rackernde Ehefrau persönlich besuchte mit einer Tasche am Arm und Notizbuch und Bleistift, mit dem sie Löhne und Ausgaben, Erwerb und Erwerbslosigkeit sorgfältig in Spalten eintrug, die sie eigens für diesen Zweck angelegt hatte, in der Hoffnung, dass sie so ihr Dasein im Privaten hinter sich lassen könnte, wo ihre Wohltätigkeit halb Beschwichtigung der eigenen Empörung, halb Befriedigung der eigenen Neugier war, um eine Forscherin zu werden, die die soziale Frage beleuchtete, etwas, das sie mit ihrem unausgebildeten Geist außerordentlich bewunderte.

Das waren unlösbare Fragen, so schien es ihr, während sie dort stand und James an der Hand hielt. Er war ihr in den Salon gefolgt, dieser junge Mann, den sie auslachten; er stand neben dem Tisch, fuchtelte mit irgendetwas herum, unbeholfen, fühlte sich ausgeschlossen, wie sie ohne Hinzuschauen wusste. Sie waren alle gegangen – die Kinder, Minta Doyle und Paul Rayley, Augustus Carmichael, ihr Mann – sie waren alle gegangen. Also drehte sie sich mit einem Seufzer um und sagte: »Würde es Sie langweilen, mich zu begleiten, Mr Tansley?«

Sie habe im Ort eine langweilige Besorgung zu machen, müsse ein oder zwei Briefe schreiben, sie werde vielleicht zehn Minuten brauchen, sie wolle sich den Hut aufsetzen. Und schon war sie zurück, mit ihrem Korb und ihrem Sonnenschirm, zehn Minuten später, und machte den Eindruck, bereit zu sein, für einen Ausflug gerüstet, den sie allerdings für einen Augenblick unterbrechen musste, als sie am Tennisplatz vorbeikamen, wo sich Mr Carmichael sonnte, die gelben Katzenaugen halboffenen, sodass sich in ihnen wie in den Augen einer Katze die schwankenden Äste oder die vorbeiziehenden Wolken spiegelten, um ihn zu fragen, ob er etwas brauche.

Denn sie gingen auf große Expedition, sagte sie lachend. Sie seien auf dem Weg in die Stadt. »Briefmarken, Schreibpapier, Tabak?«, schlug sie vor und blieb neben ihm stehen. Aber nein, er wollte nichts. Seine Hände falteten sich über seiner umfangreichen Wampe, er blinzelte, als hätte er gern freundlich auf derlei Liebreiz reagiert (sie war verführerisch, aber leicht nervös), konnte aber nicht, versunken wie er war in eine graugrüne Schläfrigkeit, die sie alle mit einer gewaltigen und gütigen Lethargie des Wohlwollens umfing, ohne der Worte zu bedürfen, das ganze Haus, die ganze Welt, all die Menschen darin, denn er hatte beim Mittagessen ein paar Tropfen von etwas ins Glas fallen lassen, das, so glaubten die Kinder, für den leuchtend kanariengelben Streifen in Schnurrbart und Kinnbart verantwortlich war, der ansonsten eine milchweiße Farbe hatte. Er wolle nichts, murmelte er.

Er hätte ein großer Philosoph werden sollen, sagte Mrs Ramsay, als sie die Straße ins Fischerdorf hinuntergingen, habe aber unglücklich geheiratet. Ihren schwarzen Sonnenschirm sehr gerade haltend und mit einem unbeschreib­lichen Ausdruck der Erwartung, als würde ihr an der nächsten Ecke jemand begegnen, erzählte sie die Geschichte: eine Affäre in Oxford mit irgendeinem Mädchen; eine frühe Heirat, Armut, dann Indien, ein bisschen Lyrik übersetzt, »sehr schön, glaube ich«, die Bereitwilligkeit, den Jungen Persisch oder Hindi beizubringen, aber welchen Sinn habe das gehabt? – und dann lag er, wie sie ihn gesehen hatten, auf dem Rasen.

Es schmeichelte ihm; nachdem ihm eine Abfuhr erteilt worden war, besänftigte es ihn, dass Mrs Ramsay ihm das erzählte. Charles Tansley blühte auf. Auch ihre Anspielung auf die Größe des männlichen Intellekts, noch im Verfall, die Unterordnung aller Ehefrauen unter die Arbeit ihrer Männer – nicht, dass sie dem Mädchen die Schuld geben wolle, die Heirat sei recht glücklich gewesen, glaube sie – machte ihn zufriedener mit sich, als er es bisher gewesen war, und gern hätte er, hätten sie etwa ein Taxi genommen, die Fahrt bezahlt. Was ihre kleine Tasche betraf, ob er die nicht tragen dürfe? Nein, nein, sagte sie, die trage sie immer selbst. Was auch stimmte. Ja, er spürte das in ihr. Er spürte vieles, eines ganz besonders, das ihn erregte und verstörte, aus Gründen, die er nicht benennen konnte. Er wollte, dass sie ihn in ­Talar und Barett sah, wie er in einer Prozession einherschritt. Ein Forschungsstipendium, eine Professur – er fühlte sich zu allem in der Lage und sah sich selbst –, aber wo schaute sie denn jetzt hin? Auf einen Mann, der ein Plakat anklebte. Der riesige flatternde Bogen Papier glättete sich, und jeder Pinselstrich enthüllte neue Beine, Reifen, Pferde, glänzendes Rot und Blau, wunderbar glatt, bis die halbe Mauer mit der Ankündigung eines Zirkus bedeckt war; einhundert Reiter, zwanzig abgerichtete Seehunde, Löwen, Tiger … Den Hals gereckt, weil sie kurzsichtig war, las sie laut, wie er … »in die Stadt kommen wird«. Das sei aber eine schrecklich gefährliche Arbeit für einen einarmigen Mann, rief sie aus, ganz oben auf einer Leiter zu stehen – seinen linken Arm hatte ihm eine Mähmaschine vor zwei Jahren abgehackt.

»Da gehen wir alle zusammen hin!«, rief sie im Weiter­gehen, als hätten alle diese Pferde und Reiter sie mit kind­lichem Jubel erfüllt und ihr Mitleid vergessen lassen.

»Da gehen wir hin«, sagte er, ihre Worte wiederholend, wobei er sie aber mit einer solchen Befangenheit hervorstieß, dass sie zusammenzuckte. »Gehen wir in den Zirkus.« Nein, er konnte es nicht richtig sagen. Er konnte es nicht richtig spüren. Aber warum nicht, fragte sie sich. Was stimmte nicht mit ihm? In diesem Augenblick war sie ihm herzlich zugetan. Ob sie als Kinder denn nie in den Zirkus mitgenommen worden seien, fragte sie. Nie, gab er zur Antwort, als frage sie genau das, worauf er gern antworten wollte, als habe er sich all die Tage danach gesehnt zu sagen, dass sie nie im Zirkus gewesen waren. Es war eine große Familie, neun Brüder und Schwestern, und sein Vater ein Mann der Arbeit. »Mein Vater ist Drogist, Mrs Ramsay. Er hat einen Laden.« Er war für sich selbst aufgekommen, seit er dreizehn war. Oft ging er im Winter ohne Mantel nach draußen. An der Universität konnte er »Gastfreundschaft nie erwidern« (so lauteten seine dürren, steifen Worte). Alles musste bei ihm doppelt so lange halten, er rauchte den billigsten Tabak, Shag, wie ihn auch die alten Männer am Kai rauchten. Er arbeitete hart – sieben Stunden am Tag, sein derzeitiges Thema war der Einfluss von irgendwas auf irgendwen –, sie gingen weiter und Mrs Ramsay bekam den Sinn nicht ganz mit, nur die Worte hier und da … Dissertation … Forschungsstipendium … Lehrbeauftragter … Dozentur. Sie konnte dem hässlichen akademischen Jargon nicht folgen, der sich so phrasenhaft von selbst abspulte, sagte sich aber, dass sie nun verstand, warum das mit dem Zirkus ihn von seinem hohen Ross geholt hatte, armes kleines Kerlchen, und warum er augenblicklich mit diesen Dingen über seinen Vater und seine Mutter und die Brüder und Schwestern herausgerückt war, und sie würde dafür sorgen, dass sie sich nicht mehr über ihn lustig machten, sie würde Prue davon erzählen. Es hätte ihm sicherlich gefallen, wenn er hätte sagen können, dass er mit den Ramsays statt in den Zirkus in einen Ibsen gegangen sei, vermutete sie. Er war ein schrecklicher Streber – oh ja, ein unerträg­licher Langweiler. Denn er redete immer noch, obwohl sie nun die Stadt erreicht hatten und auf der Hauptstraße waren, auf der Fuhrwerke auf dem Kopfsteinpflaster vorbeiknirschten, er redete über Anstellungen und Lehraufträge und Arbeiter und da­rüber, dass man der eigenen Schicht helfen müsse, und über Vorlesungen, bis sie zu dem Schluss kam, dass er sein Selbstvertrauen gänzlich wiedergewonnen, sich vom Zirkus erholt hatte und nun drauf und dran war (und wieder war sie ihm herzlich zugetan), ihr zu erzählen – doch da wichen die Häuser zu beiden Seiten zurück, und sie kamen am Kai heraus, und die ganze Bucht breitete sich vor ihnen aus, und Mrs Ramsay konnte nicht anders als ausrufen: »Oh, wie schön!« Denn vor ihr lag der große Teller voll blauen Wassers, der ergraute Leuchtturm mittendrin, fern, asketisch, und rechter Hand, soweit das Auge reichte, verloren und in sanfte flache Falten gelegt die grünen Sanddünen mit ihrem wild wehenden Gras, die immer davonzulaufen schienen in irgendein von Menschen unbewohntes Mondland.

Das sei die Aussicht, sagte sie und blieb stehen und ihre Augen wurden grauer, die ihr Mann liebte.

Sie hielt kurz inne. Doch jetzt, sagte sie, seien Künstler hierhergekommen. Und tatsächlich stand dort einer, nur wenige Schritte entfernt, mit Panama Hut und gelben Stiefeln, ernsthaft, sanft, versunken, obwohl er von zehn kleinen Jungen beobachtet wurde, mit einem Ausdruck tiefer Zufriedenheit im roten runden Gesicht, schauend, und, wenn er geschaut hatte, tunkend, die Spitze seines Pinsels in einem weichen Häufchen Grün oder Rosa tränkend. Seit Mr Paunce­forte hiergewesen sei, vor drei Jahren, seien alle Bilder so, sagte sie, grün und grau, mit zitronenfarbenen Segel­booten und rosa Frauen am Strand.

Die Freunde ihrer Großmutter hingegen, sagte sie und warf im Vorbeigehen einen diskreten Blick hinüber, hätten die größten Mühen auf sich genommen, erst hätten sie selbst ihre Farben gemischt, dann hätten sie sie zerstoßen und dann hätten sie sie mit nassen Tüchern bedeckt, um sie feucht zu halten.

Also nahm Mr Tansley an, sie wolle ihm bedeuten, dass das Bild des Mannes dürftig sei, sagte man so? Dass die Farben nicht solide seien? Sagte man so? Unter dem Einfluss dieser außergewöhnlichen Empfindung, die während des gesamten Spaziergangs stärker geworden war, im Garten begonnen hatte, als er ihre Tasche hatte nehmen wollen, sich in der Stadt gesteigert hatte, als er ihr alles über sich hatte erzählen wollen, sah er sich und alles, was er je erlebt hatte, auf einmal ein wenig verschoben. Es war schrecklich seltsam.

Da stand er also in der guten Stube des engen kleinen Häuschens, in das sie ihn mitgenommen hatte, und wartete, während sie für einen Augenblick hinaufgegangen war, um eine Frau zu besuchen. Er hörte ihren raschen Schritt über sich, hörte ihre Stimme, erst fröhlich, dann gedämpft; betrachtete Läufer, Teebüchsen, gläserne Lampenschirme, wartete ganz ungeduldig, freute sich eifrig auf den Nachhauseweg, entschlossen, ihre Tasche zu tragen, dann hörte er sie herauskommen, eine Tür schließen, sagen, sie sollten die Fenster geöffnet und die Türen geschlossen halten, bei ihr Zuhause nachfragen, wenn sie irgendetwas brauchten (sie schien mit einem Kind zu reden), bis sie, plötzlich, hereinkam, einen Augenblick schweigend dastand (als hätte sie sich dort oben verstellt und gestatte sich kurz, sie selbst zu sein), einen Augenblick ganz reglos vor einem Gemälde Queen Victorias stand, die die blaue Schärpe des Hosenbandordens trug, und schlagartig wurde ihm bewusst, dass es so war: so war es: – sie war das schönste Wesen, das er je gesehen hatte.

Sterne in den Augen und Schleier im Haar, mit Zyklamen und wilden Veilchen – was für einen Unsinn dachte er da? Sie war mindestens fünfzig; sie hatte acht Kinder. So durchstreifte sie Blumenfelder und drückte geknickte Blüten und gestürzte Lämmer an ihre Brust, mit Sternen in den Augen und Wind im Haar – – Er nahm ihre Tasche.

»Auf Wiedersehen, Elsie«, sagte sie, und sie gingen die Straße hinauf, sie mit aufrecht erhobenem Schirm und einem Schritt, als erwartete sie, an der nächsten Ecke jemandem zu begegnen, während Charles Tansley zum ersten Mal im Leben einen ungeheuren Stolz empfand, ein Mann, der in einem Abfluss grub, hörte auf zu graben und schaute sie an, ließ seinen Arm sinken und schaute sie an, Charles Tansley empfand einen ungeheuren Stolz, er spürte den Wind und die Zyklamen und die Veilchen, denn er ging zum ersten Mal in seinem Leben neben einer schönen Frau. Er hielt ihre ­Tasche in der Hand.

2

»Keine Fahrt zum Leuchtturm, James«, sagte er, als er am Fenster stand, unbeholfen, aber bemüht, seine Stimme mit Rücksicht auf Mrs Ramsay soweit zu dämpfen, dass wenigstens der Anschein von Freundlichkeit gewahrt blieb.

Abscheuliches kleines Männchen, dachte Mrs Ramsay, warum sagt er das ständig?

3

»Vielleicht wachst du auf, und die Sonne scheint, und die Vögel singen«, sagte sie mitfühlend und strich das Haar des kleinen Jungen glatt, denn ihr Mann hatte ihm mit seiner beißenden Bemerkung, dass es nicht schön werden würde, die Laune verdorben, das konnte sie sehen. Er wollte leidenschaftlich gern zum Leuchtturm fahren, das sah sie, und als wäre die beißende Bemerkung ihres Mannes, dass es morgen nicht schön sein werde, noch nicht genug gewesen, rieb dieses abscheuliche kleine Männchen es ihm erneut unter die Nase.

»Vielleicht wird es morgen schön«, sagte sie und strich sein Haar glatt.

Sie konnte nichts weiter tun als den Kühlschrank zu bewundern und die Seiten des Stores-Katalogs umzublättern, in der Hoffnung, auf etwas wie eine Harke oder einen Rasenmäher zu stoßen, die mit ihren Zinken und Stielen die größte Geschicklichkeit und Sorgfalt beim Ausschneiden erforderten. All diese jungen Männer parodierten ihren Mann, überlegte sie; er sagte, es würde regnen, sie sagten, es gebe garantiert einen Tornado.

Doch nun, als sie gerade umblätterte, wurde ihre Suche nach dem Bild einer Harke oder eines Rasenmähers unterbrochen. Das schroffe Gemurmel, das in unregelmäßigen Abständen durch das Herausnehmen von Pfeifen aus dem Mund und Hineinstecken von Pfeifen in den Mund unterbrochen wurde und ihr, obwohl sie nicht hören konnte, was gesagt wurde (während sie am offenen Fenster saß), die ganze Zeit die Gewissheit gab, dass die Männer sich vergnügt unterhielten; dieses Geräusch, das jetzt eine halbe Stunde angedauert und besänftigend seinen Platz in der Skala von Geräuschen angenommen hatte, die sonst noch auf sie eindrangen, wie der Aufprall von Bällen auf Schläger, das schrille plötzliche Bellen hin und wieder, das »Und der? Wie ist der?« der Kinder, die Kricket spielten, hatte ausgesetzt, sodass das monotone Anrollen der Wellen am Strand, die meistens einen verhaltenen und beschwichtigenden Trommelwirbel zu ihren Gedanken schlugen und, während sie bei den Kindern saß, tröstlich die Worte eines alten Wiegenliedes zu wiederholen schienen, ein Gemurmel der Natur: »Ich beschütze dich – ich bin dein Halt«, die zu anderen Zeiten jedoch, vor allem, wenn sich ihre Gedanken leicht von der Aufgabe entfernten, mit der sie gerade beschäftigt war, keine so freund­liche Bedeutung hatten, sondern wie ein gespens­tisches Trommelgrollen erbarmungslos den Lebenstakt schlugen, an die Zerstörung der Insel denken ließen und daran, wie die Insel vom Meer verschlungen wurde, und sie, deren Tag mit einem schnellen Handgriff nach dem nächsten Tag verstrichen war, daran gemahnte, dass alles so flüchtig wie ein Regenbogen war – dieses Geräusch, das von den anderen Geräuschen verdunkelt und verborgen gewesen war, dröhnte ihr auf einmal hohl in den Ohren und ließ sie mit einer Regung des Grauens aufschauen.

Sie hatten aufgehört zu reden; das war die Erklärung. Innerhalb einer Sekunde fiel, wie als Entschädigung für ihre unnötige emotionale Verausgabung, die Spannung von ihr ab, die sie ergriffen hatte, und sie stürzte ins andere Extrem, das kühl, amüsiert und leicht boshaft war, und kam zu dem Schluss, das man den armen Charles Tansley abgeschüttelt hatte. Das war für sie von geringer Bedeutung. Wenn ihr Mann Opfer verlangte (und das tat er), brachte sie ihm mit Vergnügen Charles Tansley dar, der ihren kleinen Jungen vor den Kopf gestoßen hatte.

Sie lauschte, den Kopf gereckt, noch einen Augenblick, als warte sie auf ein vertrautes Geräusch, ein normales mechanisches Geräusch und dann, als sie etwas hörte, das, halb gesprochen, halb gesungen, rhythmisch im Garten einsetzte, während ihr Mann die Terrasse auf und ab stampfte, etwas zwischen Gekrächze und Lied, war sie erneut besänftigt, hatte die Gewissheit, dass alles wieder in Ordnung war und, ins Buch auf ihrem Schoß schauend, fand sie das Bild eines Taschenmessers mit sechs Klingen, das James nur würde ausschneiden können, wenn er sehr geschickt wäre.

Plötzlich drang ein lauter Schrei wie von einem halb­wachen Schlafwandler mit größter Intensität an ihr Ohr, etwas wie

Bestürmt von Geschossen und Granaten

der sie besorgt herumfahren ließ, um zu sehen, ob ihn irgendjemand gehört hatte. Nur Lily Briscoe, wie sie erleichtert sah, und das spielte keine Rolle. Aber beim Anblick des Mädchens, die am Rand des Rasens stand und malte, fiel es ihr wieder ein; für Lilys Bild sollte sie den Kopf so ruhig wie möglich in derselben Position halten. Lilys Bild! Mrs Ramsay lächelte. Mit ihren kleinen chinesischen Augen und ihrem zerknitterten Gesicht würde sie nie heiraten; man konnte ihre Malerei nicht besonders ernst nehmen, aber sie war ein unabhängiges kleines Geschöpf, weshalb Mrs Ramsay sie mochte, und so senkte sie, sich an ihr Versprechen erinnernd, den Kopf.

4

Tatsächlich, er rannte beinahe ihre Staffelei um, als er mit wedelnden Händen auf sie zu kam und brüllte: »Ritten wir kühn und gut«, aber glücklicherweise machte er eine scharfe Kurve und ritt davon, um, wie sie vermutete, glorreich zu sterben auf den Höhen von Balaclava. Niemand sonst war so lächerlich und zugleich so erschreckend. Aber solange es dabei blieb, wedeln, brüllen, war sie in Sicherheit; er würde nicht stehen bleiben und ihr Bild anschauen. Und das war es, was Lily Briscoe nicht ertragen hätte. Noch während sie auf die Leinwand schaute, auf die Kontur, auf die Farbe, zu Mrs Ramsay, die mit James im Fenster saß, hatte sie eine Antenne auf die Umgebung gerichtet, falls sich jemand anschleichen würde und ihr Bild der Betrachtung ausgesetzt wäre. Nun aber, da sie, alle Sinne geschärft, angestrengt schaute, bis ihr die Farbe der Wand und der Jackmanii dahinter in den ­Augen brannte, spürte sie, dass jemand aus dem Haus kam, auf sie zukam; erahnte aber irgendwie am Klang der Schritte, dass es William Bankes war, und obwohl ihr Pinsel zitterte, legte sie ihre Leinwand nicht umgedreht auf den Rasen, wie sie es getan hätte, hätte es sich um Mr Tansley, Paul Rayley, Minta Doyle oder praktisch jeden sonst gehandelt, sondern ließ sie stehen. William Bankes trat neben sie.

Sie hatten beide Zimmer im Ort, und so hatten sie beim Hineingehen, beim Hinausgehen, beim späten Abschied auf der Türschwelle kleine Bemerkungen über die Suppe, über die Kinder, über dies und jenes fallengelassen, was sie zu Verbündeten machte; und als er jetzt in seiner kritischen Art neben ihr stand (zudem war er alt genug, um ihr Vater zu sein, ein Botaniker, ein Witwer, der nach Seife roch, sehr gewissenhaft und reinlich), stand sie einfach nur so da. Er stand einfach nur so da. Ihre Schuhe waren exzellent, stellte er fest. Sie erlaubten ihren Zehen, sich auf natürlich Weise auszudehnen. Da er im selben Haus beherbergt war wie sie, hatte er auch bemerkt, wie ordentlich sie war, vor dem Frühstück schon zum Malen draußen, allein, wie er glaubte: arm, vermutlich, und ohne den Teint oder den Charme von Miss Doyle, gewiss, aber von einem gesunden Menschenverstand, der sie in seinen Augen jener jungen Dame überlegen machte. Jetzt zum Beispiel, als Ramsay brüllend, gestikulierend auf sie zu gerannt kam, wusste, da war er sich sicher, Miss Briscoe Bescheid.

Da hatte sich einer geirrt.

Mr Ramsay starrte sie an. Er starrte sie an, ohne dass er sie zu sehen schien. Das löste in beiden ein vages Unbehagen aus. Zusammen hatten sie etwas gesehen, was sie nicht sehen sollten. Sie waren ins Private eingedrungen. Das, dachte Lily, nahm er wahrscheinlich zum Vorwand, sich davonzumachen, sich außer Hörweite zu begeben, was Mr Bankes augenblicklich dazu brachte, etwas zu sagen wie, dass es kühl sei, und einen Spaziergang vorzuschlagen. Sie komme mit, ja. Aber nur mit Mühe löste sie den Blick von ihrem Bild.

Die Jackmanii war leuchtend violett; die Wand grellweiß. Es wäre ihr unehrlich vorgekommen, das leuchtende Violett und das grelle Weiß zu verändern, da sie es so sah, selbst, wenn es in Mode war, seit Mr Pauncefortes Besuch alles blass, elegant, halb transparent zu sehen. Unter der Farbe war die Form. Sie konnte all das so deutlich sehen, so zwingend, wenn sie es betrachtete; sobald sie ihren Pinsel in die Hand nahm, veränderte sich das Ganze. Es war im Flug dieses Augenblicks zwischen dem Bild und ihrer Leinwand, dass die Dämonen sie überfielen, die sie oft an den Rand der Tränen brachten und diesen Übergang von der reinen Vorstellung hin zum Werk so schrecklich machten wie jeden Gang durch einen dunklen Flur für ein Kind. So fühlte sie sich oft – allen Widrigkeiten zum Trotz darum kämpfend, den Mut nicht zu verlieren, zu sagen: »Aber das ist es, was ich sehe, so sehe ich es«, und so ein klägliches Überbleibsel ihrer Vision an die Brust zu drücken, die tausend Mächte ihr um jeden Preis entreißen wollten. Und so war es auch jetzt, als sie zu malen begonnen hatte, dass sich ihr auf diese frostige und windige Art andere Dinge aufdrängten, ihre eigene Unzulänglichkeit, ihre Unbedeutendheit, dass sie ihrem Vater abseits der Brompton Road den Haushalt führte, und sie große Mühe hatte, den Impuls zu unterdrücken, sich an Mrs Ramsays Knie zu werfen (Gottseidank hatte sie dem bisher immer widerstanden) und ihr zu sagen – aber was könnte man zu ihr sagen? »Ich bin in Sie verliebt?« Nein, das stimmte nicht. »Ich bin in all das hier verliebt?« und dabei mit der Hand auf die Hecke, auf das Haus, auf die Kinder zu weisen? Das war absurd, das war unmöglich. Man konnte nicht sagen, was man meinte. Also legte sie ihre Pinsel ordentlich in den Kasten, einen neben den anderen, und sagte zu William Bankes:

»Es wird auf einmal kalt. Die Sonne scheint weniger zu wärmen«, sagte sie und schaute sich um, denn eigentlich war es hell genug, das Gras noch immer von einem weichen tiefen Grün, das Haus gleißte inmitten des Grüns mit den lila Passionsblumen, und die Krähen warfen kalte Schreie aus dem hohen Blau. Doch etwas regte sich, blitzte, drehte eine silberne Schwinge in der Luft. Schließlich war es September, Mitte September, und nach sechs Uhr abends. So schlenderten sie in gewohnter Richtung durch den Garten, am Tennisrasen vorbei, am Pampasgras vorüber auf jene ­Lücke in der dicken ­Hecke zu, die von feuerroten Fackel­lilien bewacht wurde wie von Feuerschalen voll hellglühender Kohle, zwischen denen das blaue Wasser der Bucht blauer aussah denn je.

Sie kamen regelmäßig jeden Abend hierher, von einem Bedürfnis getrieben. Es war, als ob das Wasser hinausströmte und Gedankensegel setzte, die auf dem trockenen Land ins Stocken geraten waren, und ihren Körpern sogar eine Art physischer Erleichterung verschaffte. Zuerst flutete das Pulsieren der Farbe die Bucht mit Blau, und das Herz weitete sich und der Körper schwamm, nur um im nächsten Moment von der prickelnden Schwärze der gekräuselten Wellen abgebremst und abgekühlt zu werden. Dann spritzte hinter dem großen schwarzen Felsen beinahe jeden Abend eine Fontäne weißen Wassers unregelmäßig auf, sodass man darauf wartete und es eine Freude war, wenn es geschah, und dann, während man darauf wartete, war zu beobachten, wie am bleichen halbkreisförmigen Strand Welle um Welle wieder und wieder einen glatten Perlmuttfilm abwarf.

Sie lächelten beide, als sie dort standen. Sie spürten beide denselben Übermut, erregt von der Bewegung der Wellen und dann von einem schnell dahinjagenden Segelboot, das, nachdem es einen Bogen in die Bucht geschnitten hatte, anhielt, bebte, sein Segel herabfallen ließ, und dann, mit dem natürlichen Instinkt für die Vervollkommnung des Bildes, schauten beide nach dieser schnellen Bewegung zu den Dünen in der Ferne, und statt Frohsinn zu verspüren, überkam sie eine gewisse Traurigkeit – teils, weil das Ganze nun vollendet war, teils (dachte Lily), weil ferne Anblicke die Schauende um eine Million Jahre zu überdauern und bereits mit einem Himmel zu verschmelzen schienen, der auf eine gänzlich zum Stillstand gekommene Erde niederblickte.

Während er zu den fernen Sandhügeln schaute, dachte William Bankes an Ramsay: dachte an eine Straße in Westmorland, dachte daran, wie Ramsay allein eine Straße entlanggeschritten war, umgeben von jener Einsamkeit, die sein natürliches Element zu sein schien. Aber das war plötzlich von einer Henne unterbrochen worden, erinnerte sich William Bankes (und das musste mit einem tatsächlichen Ereignis zu tun haben), die ihre Flügel zum Schutz ihrer Kükenbrut spreizte, woraufhin Ramsay, stehen bleibend, seinen Spazierstock auf sie richtete und sagte »Hübsch – hübsch«, ein merkwürdiger Einblick in sein Herz, hatte Bankes gefunden, der seine Schlichtheit offenbarte, sein Mitgefühl für bescheidene Dinge, aber ihm schien, als hätte ihre Freundschaft dort, auf jenem Stück Straße, aufgehört. Danach hatte Ramsay geheiratet. Danach hatte ihre Freundschaft nach und nach ihren Kern verloren. Wessen Schuld das war, konnte er nicht sagen, nur, dass nach einer gewissen Zeit die Wiederholung an die Stelle des Neuen gerückt war. Sie trafen sich der Wiederholung wegen. Doch in diesem stummen Gespräch mit den Sanddünen hielt er daran fest, dass seine Zuneigung zu Ramsay in keiner Weise nachgelassen hatte und seine Freundschaft, wie der Körper eines jungen Mannes, der ein Jahrhundert lang im Moor aufbewahrt gewesen war, die Röte seiner Lippen frisch, dort auf der anderen Seite der Bucht in all ihrer Gegenwärtigkeit und Wirklichkeit zwischen den Sandhügeln lag.

Er war angespannt wegen dieser Freundschaft und vielleicht auch, weil er sich selbst von der Unterstellung freisprechen wollte, ausgetrocknet und geschrumpft zu sein – denn Ramsay umgab eine Fülle von Kindern, während Bankes kinderlos und verwitwet war –, er war angespannt, weil Lily ­Briscoe Ramsay (ein auf seine Weise großer Mann) nicht geringschätzen, sondern verstehen sollte, wie die Dinge zwischen ihnen standen. Vor vielen Jahren begonnen, hatte sich ihre Freundschaft auf einer Straße in Westmorland langsam totgelaufen, wo die Henne ihre Flügel vor den Küken spreizte, woraufhin Ramsay geheiratet hatte, und, mit Wegen, die in verschiedene Richtungen führten, hatte es die Tendenz zur Wiederholung gegeben, sobald sie sich trafen, was ganz sicher niemandes Schuld war.

Ja. So war das. Er war fertig. Er wandte sich vom Ausblick ab. Und als er sich umdrehte, um den anderen Weg zurückzugehen, die Auffahrt hinauf, war Mr Bankes empfänglich für Dinge, die ihm nicht aufgefallen wären, hätten diese Sandhügel ihm nicht den Körper seiner Freundschaft enthüllt, wie sie dort lag mit dem Rot auf den Lippen im Torf aufbewahrt – zum Beispiel Cam, das kleine Mädchen, Ramsays jüngste Tochter. Sie pflückte Butterblumen am Ufer. Sie war wild und widerspenstig. Sie wollte keinesfalls »dem Herrn eine Blume schenken«, wie das Kindermädchen es verlangte. Nein! Nein! Nein! Sie wollte nicht! Sie ballte die Faust. Sie stampfte auf. Und Mr Bankes fühlte sich gealtert und traurig und von ihr irgendwie ins Unrecht gesetzt wegen seiner Freundschaft. Er musste ausgetrocknet und geschrumpft sein.

Die Ramsays waren nicht reich, und es war ein Wunder, wie sie es schafften zurechtzukommen. Acht Kinder! Acht Kinder mit Philosophie zu ernähren! Da war noch eines von ihnen, Jasper diesmal, der vorbeischlenderte, um mal eben einen Vogel zu schießen, wie er lässig sagte, und im Vorbeigehen Lilys Hand wie einen Pumpenschwengel schwang, was Mr Bankes zu der bitteren Bemerkung veranlasste, sie sei beliebt. Mittlerweile musste die Ausbildung in Betracht gezogen werden (richtig, Mrs Ramsay besaß vielleicht selbst ein bisschen was), ganz zu schweigen vom täglichen Verschleiß von Schuhen und Strümpfen, die diese »prächtigen Exem­plare«, alles gut gewachsene, schlaksige, gnadenlose Kinder, benötigten. Wie man wissen sollte, wer wer war oder in welcher Reihenfolge sie kamen, überstieg seinen Horizont. Insgeheim nannte er sie nach den Königen und Königinnen von England; Cam die Böse, James der Gnadenlose, Andrew der Gerechte, Prue die Schöne – denn Prue würde Schönheit besitzen, dachte er, wie sollte sie nicht? – und Andrew Klugheit. Als er die Auffahrt hinaufging und Lily Briscoe ja und nein sagte und seine Bemerkungen ergänzte (denn sie war in sie alle verliebt, verliebt in diese Welt), wog er Ramsays Fall ab, bedauerte ihn, beneidete ihn, als hätte er sich der Glorie von Einzelgängertum und Enthaltsamkeit beraubt, die ihn in der Jugend gekrönt hatte, um sich ein für alle Mal mit flatternden Flügeln und gurrender Häuslichkeit zu belasten. Sie gaben ihm etwas – William Bankes erkannte das an; es wäre angenehm gewesen, wenn Cam ihm eine Blume an den Mantel gesteckt hätte oder auf seine Schulter geklettert wäre wie über die ihres Vaters, um sich ein Bild vom ausbrechenden Vesuv anzuschauen, aber sie hatten auch, das spürten seine alten Freunde, etwas zerstört. Was würde ein Fremder jetzt denken? Was dachte diese Lily Briscoe? War es nicht auffällig, dass er Gewohnheiten annahm? Schrullen, Schwächen vielleicht? Es war erstaunlich, dass so ein intelligenter Mann wie er so tief sinken konnte – doch das war eine allzu harte Formulierung –, so sehr vom Lob anderer abhängig sein konnte.

»Aber ach«, sagte Lily, »denken Sie an sein Werk!«

Wann immer sie »an sein Werk dachte«, sah sie deutlich einen großen Küchentisch vor sich. Das lag an Andrew. Sie hatte ihn gefragt, wovon die Bücher seines Vaters handelten. »Subjekt und Objekt und das Wesen der Wirklichkeit«, hatte Andrew gesagt. Und als sie sagte, Ach Gott, sie habe keine Ahnung, was das bedeute, hatte er zu ihr gesagt: »Dann stellen Sie sich einen Küchentisch vor, wenn Sie nicht da sind.«

Also sah sie immer, wenn sie an Mr Ramsays Werk dachte, einen gescheuerten Küchentisch. Er war diesmal in der Astgabel eines Birnbaums untergebracht, denn sie hatten den Obstgarten erreicht. Und mit schmerzhafter Anstrengung gelang es ihr, sich nicht auf die silbernen Buckel der Borke am Baum oder auf seine fischförmigen Blätter zu konzen­trieren, sondern auf einen Phantomküchentisch, einen dieser gescheuerten Küchentische aus Brettern mit Maserung und Astlöchern, deren Vorzüge durch Jahre muskulöser Rechtschaffenheit bloßgelegt schienen, und der dort feststeckte, alle Viere in der Luft. Natürlich, wenn man seine Tage so mit der Betrachtung eckiger Wesen verbrachte und wunderschöne Abende mit all ihren Flamingowolken und ihrem Blau und Silber auf einen weißen vierbeinigen Tisch aus Dielenbrettern reduzierte (und ein solches Vorgehen kennzeichnete die feinsten Geister) konnte man natürlich nicht mit normalen Maßstäben gemessen werden.