Gefährliches Krippenspiel - Heidi Troi - E-Book

Gefährliches Krippenspiel E-Book

Heidi Troi

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Beschreibung

»Der ganze Boden war voll Blut.« Nicht schon wieder eine Tote auf meinem Hof, dachte Lovis und wappnete sich. »Natalie …?« Brixen zur Weihnachtszeit: Die Straßen sind verstopft, Touristen drängen sich auf dem Weihnachtsmarkt. Trappola, der Geschäftsführer des Brixner Kultur Komitees, wird nach Aufführung des Weihnachtsspektakels von Unbekannten überfallen und brutal niedergeschlagen. Hat die Schauspielerin Natalie, die in Lovis‘ Ferienwohnung logiert, ihre Finger im Spiel? Noch während der Privatermittler Lorenz Lovis ermittelt, wird wieder jemand bedroht – diesmal auf seinem eigenen Hof.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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GEFÄHRLICHES KRIPPENSPIEL

LORENZ LOVIS ERMITTELT

HEIDI TROI

INHALT

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Danksagung

Panettone à la Angelika

Impressum

Copyright © by Heidi Troi, c/o Theaterpädagogisches Zentrum Brixen, Köstlaner Straße 28, 39042 Brixen (BZ) – Italien

Lektorat: Antje Backwinkel

Korrektorat: Stefanie Stoltenberg

Umschlagmotiv: Tourismusgenossenschaft Brixen, AlexFilz_IDM Südtirol_9051

Bildnachweis:

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung der Autorin unzulässig. Das gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Dies ist ein Kurzkrimi. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in fiktivem Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

VORWORT

Die Mord(s)lustigen waren eine Gruppe von Autorinnen und Autoren, die sich der Spannungsliteratur verschrieben haben.

GEFÄHRLICHES KRIPPENSPIEL – LORENZ LOVIS ERMITTELT gehört zu der Serie LAST MINUTE IN DEN TOD. Jede:r von uns Mord(s)lustigen hat eine Geschichte zu diesem Untertitel verfasst. Dabei gab es noch zusätzliche Vorgaben, wie zum Beispiel, dass das Wort MORDSLUSTIG in der Geschichte vorkommen muss oder einer der Protagonisten eine Autorin oder ein Autor unserer Mord(s)lustigen sein muss. Ich habe die Thrillerautorin Natalie Schauer gezogen und sie von Bayern nach Brixen versetzt. Ich hoffe, du bist mir nicht bös, Natalie. Außerdem spielen meine lieben Autorenfreundinnen Drea Summer, Ariana Lambert wieder eine Rolle.

Weil es bei dem Projekt ja auch darum ging, das Thema BLIND DATE MIT DEM TOD auf unsere Weise zu bearbeiten, habe ich beschlossen, eine kleine Erweiterung meiner Brixenkrimis rund um Lorenz Lovis zu schreiben – als Überbrückung der Wartezeit bis zum vierten Band, der im Frühjahr 2023 im Servus Verlag erscheint. Er ist eine Fortsetzung des Kurzkrimis WEIHNACHTSPOST – LORENZ LOVIS ERMITTELT, kann aber eigenständig gelesen werden.

Ich hoffe, ihr habt genauso viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben dieses Kurzkrimis und wünsche euch eine entspannte Weihnachtszeit und viele tolle Leseprojekte, zum Beispiel mit den Büchern meiner mordslustigen Kolleginnen und Kollegen.

Eure Heidi

1

Lorenz Lovis stützte sich auf die Mistgabel und sah kopfschüttelnd hinter der jungen Frau her, die seit drei Tagen auf seinem Hof lebte. Als Feriengast. Noch nie hatte jemand so wenig von einem Feriengast gehabt wie sie. Statt auf dem Hof zu entspannen, den Winter zu genießen und die schneebedeckten Berge zu erkunden, die den Brixner Talkessel umgaben, war sie ständig auf dem Sprung und das wirkte besonders jetzt in der Morgendämmerung, wo über dem Brixner Talbecken eine vorweihnachtliche Ruhe lag, schon beim Zusehen anstrengend. Irgendetwas war seltsam an ihr. Vielleicht sollte er die Damen des mörderischen Kleeblatts auf den Urlaubsgast ansetzen. Die Thrillerautorinnen Drea Summer, Ariane Lambert und Heidi Troi hatten sich zusammen mit Hanne Wiedenhof in der großen Ferienwohnung neben dieser Natalie verschanzt. Nachdem sie gemeinsam mit ihm vor ein paar Tagen den Fall des mysteriösen Kartenschreibers gelöst hatten, arbeiteten sie an neuen Buchprojekten und tauchten nur sporadisch auf, um sich bei Angelika mit neuen Rezepten einzudecken oder ihn mit Fragen zu seiner Tätigkeit als Privatdetektiv zu löchern. Ein geheimisvoller Feriengast käme denen gerade recht.

Bevor sich Lovis weiter Gedanken machen konnte, landete eine Ladung dampfenden Mists vor seinen Füßen.

»Chef, mach weiter, sonst frierst noch mit beiden Beinen im Mist ein.« Vor dem Mund seines Knechtes Paul stand eine dicke weiße Atemwolke. »Außerdem ist’s scheißkalt und ich tät lieber einen Kaffee trinken, als hier der Urlauberin auf den Hintern zu starren. Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, wie Angelika das findet, dass du der so nachschaust.«

»Als ob ich ihr auf den Hintern starren würde.« Lovis riss den Blick von genau jenem Körperteil los und lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Mammutaufgabe, die vor ihm lag. Das Förderband war wieder einmal im Eimer und der Mist musste mit der Schubkarre auf den Misthaufen befördert und dort verteilt werden. Obwohl sie nicht mehr als zwölf Kühe und vier Pferde im Stall stehen hatten, war das eine Arbeit, die endlos schien. Als hätte er nichts anderes zu tun …

»Ich mach mir nur Gedanken …«

»Über ihren Hintern?«

»Nein, über sie. Findest du sie nicht auch seltsam?«

»Seltsam?« Jetzt war es Paul, der der jungen Frau hinterher starrte. »Nein. Wieso?«

»Sie ist so …« Lovis suchte nach dem richtigen Wort. Hektisch, lag ihm auf der Zunge, aber das war es nicht. Die junge Frau wirkte seltsam nervös, als sei sie auf der Flucht. Ihre Bewegungen waren abgehackt, ihr Blick unstet, und selbst, wenn man mit ihr über belanglose Themen sprach, sah sie ständig über die Schulter nach hinten, als erwarte sie eine Gefahr. Zudem hatte Lovis beim Check-in in ihrem Ausweis gesehen, dass er in der Gemeinde Brixen ausgestellt worden war. Warum machte eine Brixnerin Urlaub auf einem Brixner Bauernhof? Das war doch höchst seltsam. »Sie ist so seltsam. Meinst, sie hat was auf dem Kerbholz?«

»Geh, Chef. Schmarrn. Die ist nur durch den Wind vom Beruf und kommt nicht so schnell runter, wie sie möchte. Kann ja nicht jeder so ein entspanntes Leben führen wie du.«

Lovis schnaubte. »Entspanntes Leben … als ob.« Wie um seinen Knecht Lügen zu strafen, stach er in den Mist und warf ihn in einem hohen Bogen in eine Ecke des Misthaufens. Dann sah er seinen Knecht an. »Was ist? Hast du nichts zu tun?«

Paul grinste. »So mag ich meinen Chef.« Er packte die Schubkarre und verschwand damit wieder im Stall.

* * *

Angelika hatte gemeinsam mit den Damen des mörderischen Kleeblatts einen Panettone nach einem alten Familienrezept gebacken, der jetzt im Backrohr stand und bereits zu duften begann. Die Wartezeit vertrieben sich die Damen mit einem Kaffeekränzchen, der Verkostung der letzten Kekse, die Angelika gebacken hatte und damit, ihren »Lieblings-Privatdetektiv«, wie Drea Summer Lovis nannte, mit Fragen zu löchern.

»Da ist sie wieder.« Angelika wies mit dem Kinn Richtung Fenster. Lovis folgte ihrem Blick und sah Natalies braunen Haarschopf vorbeihuschen, bevor er aus seinem Sichtfeld verschwand. »Sie ist etwas … seltsam?«

»O ja!« Hanne beugte sich vor und senkte die Stimme. »Sie kommt immer erst gegen 23 Uhr nach Hause und wenn sie in ihrer Wohnung ist, dreht sie den Schlüssel immer zweimal im Schloss.«

»Und dann lässt sie alle Rolläden herunter«, ergänzte Ariane. »Und dann …«

»… spricht sie laut. Mindestens eine halbe Stunde.« Drea sah die anderen mit sensationslüsterner Miene an. »Um elf Uhr nachts!«

»Und manchmal singt sie auch«, ergänzte Heidi. »Das erste Mal dachte ich, es wären Geister in der Wohnung nebenan. Es klingt ziemlich … schaurig. Wie … Melodien aus irgendwelchen Disneyfilmen, aber gleichzeitig so … hohl. Sie ist echt seltsam.«

Aha. Also war er nicht der Einzige, dem diese »Urlauberin« nicht geheuer war. Lovis nickte. »Paul denkt, dass ich Gespenster sehe, aber … Mir ist sie irgendwie unheimlich. Nicht, dass sie was Erschreckendes getan hätte oder so, aber …«

Lovis verstummte, dafür meinte Angelika: »… es ist, als würde irgendwas Schreckliches passieren.«

»Oh, das ist genial!« Drea sprang von ihrem Stuhl auf und rannte beinahe Richtung Tür. »Ich habe eine mordslustige Idee. Die muss ich sofort aufschreiben, sonst ist sie weg. Bin gleich wieder da!«

Lovis starrte ihr fasziniert hinterher. »Passiert sowas öfter?«

Heidi winkte ab. »Ständig. Aber zurück zu unserer Nachbarin: Werden Sie die Dame jetzt beschatten, Herr Privatdetektiv?«

»Nein.« Lovis stand auf. »Das werde ich nicht. Sie hat sich nichts zuschulden kommen lassen und nur, weil ich sie merkwürdig finde, muss sie ja nicht wirklich etwas angestellt haben.«

»Auch wenn die Möglichkeit naheliegt«, warf Hanne ein.

»Nein, Hanne. Diesmal nicht. Das ist einfach eine ganz einsame Frau, die bei uns auf dem Hof Urlaub macht. Wahrscheinlich führt sie ein stressiges Leben und braucht ein Weilchen, um herunterzukommen. Mehr steckt da sicher nicht dahinter.« Lovis trank seinen Kaffee leer und erhob sich. »Und ich muss jetzt mal weitermachen. Paul kriegt einen Anfall, wenn er allein die Bäume schlägern muss.«

Sein Knecht hatte ihm eine Viertelstunde gegeben, bevor sie Richtung Alm starten wollten, wo sie in einer kleinen Schonung Weihnachtsbäume gezogen hatten. Jetzt, Mitte November, war das Geschäft in vollem Gang und die Gärtnerei, die sie mit den Bäumen belieferten, verlangte beinahe täglich Nachschub. Er schlüpfte in seine warmen Winterstiefel, fischte seine wärmste Winterjacke vom Haken und vergewisserte sich, dass Fäustlinge, Schal und Wollmütze in den Ärmeln steckten, dann trat er hinaus auf den Söller. Sofort biss die kalte Luft in seine Lungen. Es war wirklich arschkalt, viel zu kalt für diese Jahreszeit und es war noch kein Schnee in Sicht weit und breit.

Lovis ließ den Blick über den Brixner Talkessel gleiten. Eine dicke Dunstglocke hing darüber und tauchte alles in ein verwaschenes Grau. Noch vor zwei Wochen waren die Wälder des Radlseebergs sattgrün gewesen waren, unterbrochen von leuchtend orangen Lichtflecken wo Lärchen zwischen den Fichten wuchsen. Nun waren die Bäume schneebedeckt und wirkten unter dem morgendlichen Himmel grau und trist.

»Chef, kommst du heute noch?« Wie gerufen war Paul auf der Suche nach ihm hochgekommen. Seine Wangen leuchteten rot in der Kälte.

»Schon unterwegs.«

»Schon …«, raunte sein Knecht amüsiert. »Wenn man dir nicht ständig nachrennen würde, käm man zu gar nix, Chef. Und jetzt komm. Der Rafer will zwanzig Bäume und die schlagen sich nicht von allein. Nur gut, dass es noch nicht geschneit hat. Da kommen wir ohne Ketten bis ganz hinauf.«

»Wenn’s mal nicht heute anfängt zu schneien.«

»Wär mir auch recht. Jetzt komm.«

Lovis folgte seinem Knecht hinunter in den Vorhof, wo Pauls ganzer Stolz und die letzte Anschaffung von Lovis’ Onkel Sebastian leise vor sich hin tuckerte. Der Traktor Johnny. »Dann los.« Er schwang sich hinter Paul auf den Führersitz und hielt sich fest.

* * *

»Den nehmen wir auch noch mit. Und den auch. Und dann lassen wir’s gut sein für heute. Was meinst du, Chef?«

Lovis nickte nur stumm. Ihm war, als wären alle seine Gelenke festgefroren, einschließlich des Kiefergelenks. Mehr als ein paar unartikulierte Laute brachte er nicht mehr heraus.

Paul lachte. »Gleich sind wir soweit, Chef. Und dann genehmigen wir uns einen Glühwein beim Dorfwirt. Da taust dann schon wieder auf.«

Das bezweifelte Lovis. Aber er fügte sich in sein Schicksal, legte Hand mit an und bald waren die bestellten Bäume auf der Ladefläche des Traktors verstaut, dazu noch weitere fünf, die Paul »im Vorbeigehen« mit aufgeladen lassen. Man wisse ja nie, wer noch in einen Baum brauchte. Dann stieg er ungelenk in die Fahrerkabine und kauerte sich zusammen. Ins Warme, dachte er. Nur ins Warme.

Der Traktor tuckerte langsam talwärts, vorbei am Oberstoaner Hof, der wie ausgestorben dalag. Lovis wandte unbehaglich den Blick ab, denn er wusste, dass bis auf seinen ehemaligen Klassenkollegen Michi alle Bewohner des Hofes entweder tot oder im Gefängnis waren, was auch ein bisschen sein eigener Verdienst war. Wie es Michi wohl ging? Lovis mochte gar nicht daran denken, was für ein tristes Weihnachtsfest in diesem Jahr vor seinem ehemaligen Mitschüler lag und nahm sich vor, ihn zu sich auf den Messner Hof einzuladen. Ein Tapetenwechsel würde Michi gut tun.

Sie passierten den Unterstoaner Hof und ein ganzes Stück darunter erkannte Lovis an einer Kakophonie von Klingeltönen, dass sie aus der empfangsfreien Zone in eine Gegend gekommen waren, in der es Internet und Handyempfang gab.

Paul warf Lovis einen neugierigen Blick zu. »Liebesbeteuerungen von Angelika? Oder bist du wirklich so ein gefragter Mann?«

Lovis zuckte mit den Achseln und fischte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Widerwillig schlüpfte er mit der rechten Hand aus dem Fäustling und strich über das Display. Achtzehn Nachrichten waren bei ihm eingetroffen, alle bis auf eine waren von Schorsch, dem Wirt der Dorfkneipe. Die eine war von Angelika und sie öffnete Lovis als erste.

Du sollst dich sofort beim Schorsch melden.

Spöttisch verzog Lovis das Gesicht. »Würde mich nicht wundern, wenn du auch eine Nachricht bekommen hättest«, sagte er zu seinem Knecht und in diesem Augenblick ertönte ein lautes Muhen.

Paul zog sein Telefon aus der Brusttasche seines blauen Overalls und schwenkte es fröhlich grinsend. »In diesem Moment eingetroffen. Was gibt’s denn so Dringendes?«

»Das werden wir gleich sehen.« Lovis öffnete den Chatverlauf mit Schorsch und grinste. Immer dringlicher klangen die Nachrichten, die sein Jugendfreund ihm geschickt hatte, beginnend bei: Lovis, hab einen Auftrag für dich. Ruf mich an.

Bis: Schwing die Haxen zu mir, und zwar gestern! Komm endlich in die Gänge, Alter!

»Das ist Liebe.« Paul kicherte. »Und? Rufst ihn an?«

»Glaubst du, dass ich ein Wort versteh, von dem, was er mir zu sagen hat, bei dem Lärm hier?« Lovis musste rufen, damit Paul ihn verstand.

»Hast auch wieder recht.«

»Ich hab immer recht.« Lovis steckte das Handy wieder zurück in seine Hosentasche. »Lässt mich halt beim Schorsch raus. Dann kann er mir sagen, was es da so Dringendes gibt.«

»Alles klar, Chef.«

* * *

Eine halbe Stunde später hielt der Traktor laut tuckernd vor der Dorfkneipe. Lovis schwang sich vom Behelfssitz und hob grüßend die Hand, dann betrat er die Kneipe. Wie immer schlug ihm im Schankraum dicker Qualm entgegen, der von den drei Alten stammte, die mit ihren Pfeifen am Stammtisch saßen und wohl auf einen vierten Mann zum Watten warteten. Bis vor ein paar Monaten war Onkel Sebastian bei ihnen gesessen, ebenso der alte Schmiedhofer, aber nun waren sie nur noch zu dritt und wirkten irgendwie verlassen.

»Mander …« Lovis tippte sich an seinen nicht vorhandenen Hut.

»Kimmsch zum Watten?« Hoffnungsvoll sah ihm der alte Tschierer entgegen.

»Ich fürchte, eher nicht.« Lovis schaute Richtung Tresen, hinter dem normalerweise Schorsch sein Zepter schwang. »Ist der Schorsch um die Wege?«

Der Tschierer wischte mit der Hand durch die Luft. »Der ist heut mehr beim Telefon als beim Arbeiten. Wenn wir nicht selber wüssten, wo der Leps steht, wären wir schon längst verdurstet. Er versucht die ganze Zeit, jemanden zu erreichen, der nicht erreicht werden will.«

»Ja. Mich.« Lovis umrundete den Tresen und öffnete die Tür, auf der »Privat« stand. »Schorsch?« Seine Stimme hallte im Treppenhaus, das zur Wohnung seines Freundes führte.

Oben öffnete sich eine Tür. »Lovis? Ja, kann’s sein, dass du von den Toten auferstanden bist?«

»Ich war Bäume holen. Auf der Alm. Und da gibt’s …«

»… keinen Empfang. Du bist wieder einmal im passendsten Moment nicht erreichbar. Ich hab dich gesucht.«

»Das war nicht zu übersehen.«

Schorsch boxte ihn auf den Oberarm. »Ich weiß schon, wozu du ein Telefon hast. Du bist wie dieser Carabiniere …«

Lovis verdrehte die Augen himmelwärts.

»Willst du ihn nicht hören?«

»Was, wenn ich Nein sage?«

»Dann erzähl ich ihn eben nicht.«

»Das möcht ich mal sehen.«

Schorsch verschränkte die Arme vor der Brust und zwinkerte Lovis zu. »Dann schau mal.«

Lovis stieß frustriert die Luft aus. »Jetzt spuck schon aus. Sonst kannst du eh nicht schlafen.«

»Jetzt will ich nicht mehr.«

»Schorsch, ich hasse dich! Ehrlich. Soll ich wieder gehen?«

»Du bleibst schön da. Ich habe nicht den ganzen Vormittag hinter dir hertelefoniert, damit du jetzt verschwindest. Hör zu: Der von Stadler braucht deine Hilfe.«

»Der von Stadler? Wieso das denn?« Von Stadler war Lovis' Nachbar oder, wenn man so wollte, sein Lieblingsfeind. Sie teilten sich einen Weinberg und von Stadler hatte es schon lange auf Lovis’ Hälfte abgesehen. Deshalb versuchte er mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln, sie sich einzuverleiben. Bisher ohne Erfolg. Trotzdem stand Lovis mittlerweile allem, was von Stadler unternahm, sehr misstrauisch gegenüber.

»Das hörst du dir am besten selbst an. Er sitzt drüben im Stadtlerteil.« Schorsch wies mit einer Kopfbewegung nach rechts, wo sich hinter einer Glastür der feine Teil seiner Kneipe befand. Der, wo die Städter nach einem Spaziergang Kaffee und Kuchen konsumierten und der ganz anders ausgestattet war, als der Teil, in dem die Dorfgemeinschaft zusammenkam. Feine Polstermöbel, Glasvitrinen mit diversen Kuchenstücken, Spitzendeckchen, Dekorationen aus dem größten Möbelhaus der Stadt, die Schorschs Frau Maria je nach Jahreszeit dort aufstellte, und vor allem roch es nicht nach abgestandenem Zigarettenrauch …

Lovis folgte Schorschs Blick und erkannte tatsächlich hinter der Glastür von Stadlers Rücken. Unverkennbar in seiner Lodenjoppe im Kaiser-Franz-Josef-Stil.

»Was will er?«

»Ich hab ihn nicht gefragt.« Aber in Schorschs Gesicht blitzte etwas auf.

»Aber du hast eine Ahnung«, vermutete Lovis.

»Hab ich.«

»Und wirst du mit dieser Ahnung herausrücken?«

»Wirst du den Fall annehmen?«

Lovis schnaubte. »Ich muss mir das ehrlich überlegen, Schorsch. Ich mag den Kerl nicht.«

»Ich auch nicht.«

»Trotzdem suchst du ihm einen Privatdetektiv, wenn er ein Problem hat.«

»Falsch. Ich suche dir einen Auftrag, wenn du keinen hast.«

»Du hast mir immer noch nicht gesagt, worum es geht.«

Schorsch hob die Schultern. »Wie gesagt, wissen tu ich es auch nicht. Ist nur so eine Ahnung. Man munkelt, dass Trappola zusammengeschlagen worden ist.«

»Trappola?« Lovis verzog unwillig das Gesicht. Trappola war der Geschäftsführer des Brixner Kulturkomitees, dessen Präsident natürlich von Stadler war. Das Komittee hatte sich gebildet, weil den Kaufleuten und Tourismustreibenden die Initiativen des Brixner Stadtmarketing zu wenig Wirkung zeigten, die Stadt zu selten ins internationale Rampenlicht stellten. Man hatte kurzerhand einen Experten beauftragt – Trappola – der den Auftrag hatte, publikumswirksame Projekte aus anderen europäischen Städten einzukaufen und für Brixen zu adaptieren. Trappola war allerdings zu wenig Brixner, um zu verstehen, dass die kleine Stadt durch ihr mittelalterliches Flair, den romantischen Stadtkern und ihr reichhaltiges kulturelles Angebot bestach, das durch die verschiedensten traditionell gewachsenen Vereine dargeboten wurde: klassische und Kirchenmusikkonzerte auf höchstem Niveau, ein reichhaltiges Theaterangebot, Kunstausstellungen von einheimischen Künstlern – kurz Kulturangebote, die dem Geist der Stadt entsprachen. Doch unter Trappolas Leitung beglückte das Brixner Kulturkomiteedie Stadt nun pausenlos mit Großevents, mal eine Mountainbike-Challenge, dann wieder eine Genussstraße, Jazz kombiniert mit Kulinarik, Modeschauen renommierter Designer, … Ständig war die Stadt voll, die Events wurden mit jedem Jahr austauschbarer und der ursprüngliche Charme verlor gegen den Vergnügungsparkcharakter. Das war vielen Brixnern ein Dorn im Auge.

Gerade jetzt bereitete Trappola sich vermutlich auf das weihnachtliche Krippenspiel vor. Dabei wurden die Zuschauer in einem Innenhof der Altstadt zu fürstlichen Preisen mit kitschigen Disneymelodien beschallt, während zwei Darsteller in Dirndl und Lederhose sich als Maria und Josef die Seele aus dem Leib spielten, ohne dass sich irgendwer der Ironie des Ganzen bewusst wurde. Das halbstündige Spektakel wurde alljährlich zur Erbauung der Tagestouristen aufgeführt – dreimal am Tag und jeden Tag der Woche bis der Weihnachtsmarkt am Dreikönigstag geschlossen wurde.

Lovis selbst fühlte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte, als er an den Ausverkauf seiner Heimat dachte, der von diesem Trappola im Auftrag des Brixner Kulturkomitees betrieben und beschleunigt wurde. Wollte er dem wirklich helfen?

Er saß in der Zwickmühle. Wenn er den Fall übernahm und löste, unterstützte er damit seinen Feind und diesen Gockel. Andererseits … Er seufzte. »Wie viel zahlt von Stadler?«

»Du wirst mit einem Preis in die Verhandlung gehen und dich nicht davon abbringen lassen. Von Stadler wird herumjammern, dass er das Geld nicht hat, aber das muss dir egal sein.«

---ENDE DER LESEPROBE---