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Von der Reformbewegung des Philosophen und Esoterikers Rudolf Steiner (1861-1925) ist in der breiten Öffentlichkeit vor allem die Waldorfpädagogik bekannt. Die von Rudolf Steiner geschaffene spezifische Kunstform "Eurythmie" ist dagegen häufig nur Waldorfschülern und deren Familien geläufig. Sibylle Rudolph erschließt nun erstmals, vor dem Hintergrund der Reformbewegungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die Kunstmittel und die Geschichte der Eurythmie und stellt sie im Zusammenhang dar. Darüber hinaus illustrieren die verwendeten Berichte von Augenzeuginnen und Augenzeugen anschaulich, welches Verhältnis die Anhänger Rudolf Steiners zu ihm persönlich und zu der von ihm entwickelten Anthroposophie hatten und ermöglichen damit eine Rekonstruktion der Lebensumstände und des besonderen Sozialverhaltens am Ersten Goetheanum, dem ersten eigenen Theaterbau für den expressiven Eurythmie-Tanz. Die spezifische Farb- und Formensprache Rudolf Steiners ist heute vor allem in den Eurythmiesälen der weltweit 1003 Waldorfschulen zu finden. Die Recherchen zur Gestaltung und Ausstattung lassen erkennen, dass in den historischen Unterrichtsräumen eine sakrale Stimmung erlebbar war. Durch Berichte von Künstlern und pädagogisch Aktiven der Gegenwart ergänzt Sibylle Rudolph ihre Erkenntnisse und eröffnet den Ausblick auf das Thema wie Architektur und Einrichtung das Unterrichten unterstützen können. Damit liefert das Buch wertvolle Anregungen auch für die aktuelle Bildungsdebatte.
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Seitenzahl: 371
Veröffentlichungsjahr: 2013
Sibylle Rudolph
Zur Geschichte der Eurythmie. Rudolf Steiner und die Architektur der frühen Unterrichtsräume
KONTEXT Kunst – Vermittlung – Kulturelle Bildung, Bd. 8
Herausgegeben von Jutta Ströter-Bender
© Tectum Verlag Marburg, 2011
Zugl.: Univ. Diss. Paderborn, 2011
ISSN 1868-6060
ISBN 978-3-8288-5619-6
Bildnachweis Cover: Sibylle Rudolph
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-2753-0 im Tectum Verlag erschienen.)
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Diese Arbeit widme ich meinem
Vater Dr. Karl Rudolph †
Inhalt
Danksagung
Vorwort
Einleitung
Thema
Methodisches Vorgehen
These
Quellenlage
Primärliteratur
AugenzeugInnenberichte
Sekundärliteratur
Kritische Veröffentlichungen
Archivmaterial, Fotografien
Dokumentationen der Eurythmie-Entwicklung
Stand der Forschung
1. Was ist Eurythmie?
1.1 Allgemeines
1.1.1 Das Wort Eurythmie, seine Schreibweise und Bedeutung
1.1.2 Vorbereitungen zum Eurythmisieren, Lern- und Arbeitsmittel
1.1.3 Üben von Eurythmie
1.1.4 Intentionen und Wirkungen von Eurythmie
1.1.5 Eurythmie in der Öffentlichkeit
1.1.6 Internationale Bekanntheit der Eurythmie-Bühnen
1.1.7 Frauen und Männer in der Eurythmie
1.1.8 Berufsfelder der Eurythmie
1.1.9 Eurythmie-Ausbildung
1.2 Probleme der Rezeption und ihre Kritikpunkte
1.3 Zusammenfassung und Fazit
2. Hintergründe und Entstehung der Eurythmie
2.1 Zur Lebensreformbewegung
2.2 Die Tanzszene zur Zeit der Jahrhundertwende und die Eurythmie
2.3 Rudolf Steiners Kunstimpuls
2.3.1 In München von 1907 bis 1913
2.3.2 Die Eurythmie im Bau des Ersten Goetheanums
2.4 Wie Rudolf Steiner zur Eurythmie kam
2.5 Rudolf Steiner und Anthroposophie
2.6 Beginn der Eurythmie
2.7 Anthroposophie und Eurythmie
2.8 Die Rolle von Rudolf Steiner und von Marie Steiner-von Sivers in der Entwicklung der Eurythmie
2.8.1 Das persönliche Umfeld
2.8.2 Marie Steiner-von Sivers und die Eurythmie
2.9 Zusammenfassung und Fazit
3. Kunstmittel der Eurythmie
3.1 Das Material der eurythmischen Kunstmittel
3.2 Gegenständliche Kunstmittel
3.2.1 Entwicklungsgeschichte der Bekleidung
3.2.2 Eurythmiekleider, Strümpfe/Schuhe, Kopfbekleidung, Schleier
3.2.3 Masken und Schminke
3.2.4 Mit einem Gegenstand bewegte Konsonanten
3.2.5 Podest und ansteigender Bühnenboden
3.2.6 Stäbe, Zimbeln, Bühnenvorhang
3.3 Gegenstandslose Kunstmittel
3.3.1 Choreographie
3.3.2 Licht-Eurythmie
3.3.3 Eurythmie-Figuren
3.4 Zusammenfassung und Fazit
4. Entstehung der Eurythmie unter besonderer Berücksichtigung der Räumlichkeiten
4.1 Hintergründe zum Eurythmieraum
4.2 Farbe und Licht
4.2.1 In Privaträumen
4.2.2 In Kunst- und Musikzimmern
4.2.3 An esoterischen Versammlungsorten in München, Berlin, Stuttgart und Dornach
4.3 Räumlichkeiten im Spiegel der Biographie von Lory Maier-Smits
4.4 Räumlichkeiten im Spiegel der Biographie von Tatiana Kisseleff
4.4.1 Dorfwirtschaft Jura
4.4.2 Die Schreinerei
4.4.3 Haus Hansi
4.5 Weitere Übungsräume in Dornach
4.6 Zusammenfassung und Fazit
5. Entstehung des ersten Übungsraumes: der Weiße Saal
5.1 Rudolf Steiner als Architekt
5.2 Wie es zur Entstehung des Johannesbaues kam, der ab 1917 Goetheanum genannt wurde
5.2.1 Malsch und München
5.2.2 Dornach
5.3 Zur Baugeschichte des Ersten Goetheanums
5.4 Zur Architektur des Ersten Goetheanums
5.5 Der südliche Querbau mit dem Weißen Saal
5.5.1 Der Name und die Farbe Weiß
5.5.2 Zur Lage und Ausstattung des Weißen Saales
5.5.3 Fotografien vom Weißen Saal
5.6 Einrichtungsgegenstände im Weißen Saal
5.6.1 Fest eingebaute Elemente
5.6.2 Bewegliche Elemente
5.7 Über die Eurythmiearbeit im Weißen Saal
5.8 Zusammenfassung und Fazit
6. Zwei weitere von Rudolf Steiner konzipierte Eurythmie-Übungsräume
6.1 Der Eurythmeum-Bau in Stuttgart
6.1.1 Zur Entstehungsgeschichte des Eurythmeums in Stuttgart bis zur ersten Schließung 1930
6.1.2 Zur Baugeschichte des Eurythmeums in Stuttgart
6.1.3 Die Jahre von 1935 bis 1944
6.2 Die Rudolf Steiner-Halde I in Dornach, der Eurythmeum-Anbau an Haus Brodbeck
6.2.1 Der Name
6.2.2 Der Anbau
6.2.3 Zur Entstehungsgeschichte von Haus Brodbeck
6.2.4 Zur Baugeschichte der Rudolf Steiner-Halde I
6.2.5 Der Eurythmiesaal der Rudolf Steiner-Halde I
6.3 Zusammenfassung und Fazit Eurythmeum, Stuttgart
6.4 Zusammenfassung und Fazit Rudolf Steiner-Halde I, Dornach
7. Vergleich
7.1 Vergleich der Gebäude in Text und Übersicht
7.2 Vergleich der Säle in Text und Übersicht
Abbildungsverzeichnis
Personenverzeichnis
Bibliographie
Danksagung
Diese Publikation hätte nicht ohne den Einsatz und die Hilfe zahlreicher Personen verwirklicht werden können.
Mein besonderer Dank gilt meiner Doktormutter Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender, Paderborn, die mich von den Anfängen im Jahr 2006 bis zur Fertigstellung der Arbeit 2010, darin unterstützte, ein bisher in der Kulturwissenschaft kaum bearbeitetes Thema aufzugreifen und mir auch in schwierigen Phasen mit Rat und Tat beistand. Weiter gilt mein Dank Frau PD Dr. Andrea Richter, Augsburg, ihrem überaus freundlichen Interesse und ihrer Bereitschaft, trotz der nicht unerheblichen Entfernung, sich als Gutachterin in einem Promotionsverfahren der Universität Paderborn zur Verfügung zu stellen.
Ich danke Heike Wenzler-Ballstaedt für ihre kontinuierliche Bereitschaft zum Diskurs, die sie in eine engagierte Korrekturarbeit in den verschiedensten Stadien des Manuskriptes münden ließ und Johannes Dienemann, der mir in sämtlichen Computerbelangen unermüdlich zur Seite stand. Heiko Dienemann verdanke ich die Fotografien von dem Gebäude und Saal der Rudolf Steiner-Halde I, die er für diese Arbeit in den Jahren 2010 und 2011 aufgenommen hat.
Bei der Zuordnung von historischem Bildmaterial wurde ich vom Bildarchiv am Goetheanum tatkräftig unterstützt. Ich danke den MitarbeiterInnen der Rudolf Steiner-Bibliothek Frankfurt, die mir die Nutzung der Zeitschriftenbestände und historischen Materialien ermöglichten und Rudolf Gädecke und dem Archiv der Christengemeinschaft in Berlin, die mir auf freundlichste Weise Zugang zu bislang unveröffentlichten Schriften gewährten.
Mein Dank geht an alle, die mit mir über die Arbeit gesprochen und sich den Mühen des Korrekturlesens ausgesetzt haben und die bereit waren sich dem Thema zuzuwenden. Dabei denke ich auch an die zahlreichen Zeit- und Augenzeugen, die ich nur aus ihren Schriften kenne, ohne deren Berichte es mir aber unmöglich gewesen wäre, meine Dissertation zu verfassen.
Meinen Eltern gebührt Dank für mehr als ich hier schreiben kann.
Hofheim am Taunus, im März 2011
Vorwort
Aktuelle Kunstausstellungen und Veröffentlichungen verdeutlichen seit den frühen 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein wachsendes Interesse an den Schriften, Kunstlehren und Philosophien von Rudolf Steiner (1861–1925), dem Begründer der Anthroposophie. Die vorliegende Untersuchung von Sibylle Rudolph steht dabei mit ihren konzentrierten Fragestellungen zur Eurythmie im Rahmen eines sich formierenden internationalen kunst- und kulturwissenschaftlichen Forschungsverbundes zur Anthroposophie und zu den Lehren Steiners, dessen erste Ergebnisse seine Nachwirkungen auf die Kunstentwicklungen des 20. und frühen 21. Jahrhundert in einem neuen Licht erscheinen lassen.
Von der frühen Geschichte der anthroposophischen Bewegungskunst Eurythmie, die von Rudolf Steiner direkt angeregt und konturiert wurde, ist nur wenig bekannt. Ihre wissenschaftskritische Erforschung, verbunden mit Untersuchungen der ersten Raumkonzepte zur Eurythmie, steht im Mittelpunkt des Interesses der vorliegenden Arbeit. Dabei erfolgt eine Fokussierung auf die – heute legendären – Unterrichtszimmer der Jahre 1912–1925, in denen Rudolf Steiner und seine Schülerinnen eurythmisch tätig waren. Diese Räume in der Schweiz (u. a. im Ersten Goetheanum, Dornach) und in Deutschland waren wichtige Bestandteile der Gründungsstätten der Anthroposophie und haben die nachfolgenden Raumkonzeptionen für den Eurythmieunterricht und die damit verbundene Bühnenkunst weltweit geprägt. Die weltanschauliche Struktur der Anthroposophie und ihr religiöser Charakter flossen in die ästhetischen Ausdrucksmittel der neuen Bewegungskunst mit ein. Diese dienten auch dazu, anthroposophisches Gedankengut zu visualisieren und Vorträge von Rudolf Steiner eindrucksvoll und würdig zu umrahmen.
Die Untersuchung der Unterrichtsräume führt in dieser Arbeit zu einer grundlegenden Reflexion der Eurythmie als Tanzform. Auch die nachhaltigen Wirkungen der mit ihr verbundenen, weitgehend festgelegten Innenarchitektur auf bis heute praktizierte Unterrichtstraditionen ist ein Anliegen der Verfasserin. Sibylle Rudolph diskutiert, ob Eurythmiesäle sakrale Räume darstellen und welche grundlegende Bedeutung der Raum in der Vermittlung und im Lernen dieser Bewegungskunst bis in die Gegenwart erhalten hat.
Mit dem Diskurs der Raumgestaltung verbindet sich die Philosophie der materiellen Qualitäten für das Gelingen von eurythmischen Präsentationsformen sowie einer erfolgreichen Realisation von Bühnenaufführungen. Die farbliche Symbolik, die detailreiche Reflexion der Gestaltung und Wirkung von Kleidung im Sinn der Vorgaben von Rudolf Steiner, die Struktur des Bühnenraumes und die damit verbundenen Lauflinien und Choreographien verdeutlichen in der kenntnisreichen Beschreibung von Sibylle Rudolph das komplexe Konzept der Eurythmie.
Somit finden an der Geschichte der Eurythmie Interessierte auch Darstellungen der frühen Lehrmethoden und ihre bis heute nachwirkenden methodischen Grundlinien und Rituale. Diese Dimension des konkreten Unterrichtens einer Bewegungskunst durch Vorbild und Nachahmung im Kontext des anthroposophischen Menschenbildes erscheint vor dem Hintergrund aktueller Methodendiskussionen auch in der Kunst- und Kulturvermittlung als bemerkenswert und diskussionswürdig.
Insgesamt stellt diese detailreiche Grundlagenforschung einen hervorragenden und initiatorischen Beitrag für die Öffnung weiterführender Forschungsfelder zur Eurythmie und auch zur Anthroposophie im Allgemeinen dar. Sie basiert auf einer mehr als fundierten Kenntnis der komplexen Schriften Steiners. Durch eine sorgfältige Sicherung von biografischen Daten der ersten Eurythmistinnen, relevanten Quellenmaterialien und durch eine vorsichtige Bestandsaufnahme der erfassten Dokumente wird ein bisher unerschlossenes Gebiet vorgestellt, beschrieben und weitergeführt, auch für eine bisher nicht stattgefundene Genderforschung im Kontext der Anthroposophie. Durchgehend werden auch die kritische Rezeption und die kontroversen Diskussionen berücksichtigt, die mit der Eurythmie verbunden sind. Auch die Frage, warum die Eurythmie bis heute keine Bedeutung in der allgemeinen Kunstszene einnimmt, wird ausführlich beleuchtet.
Durch ihre Vorgehensweise öffnet Sibylle Rudolph unterschiedliche Lesarten der Eurythmie, so in rein wissenschaftlich-historischer Perspektive, auf kunstphilosophischer Ebene, in biographischen Forschungen sowie auch in vielfältigen ästhetischen Reflexionen und indirekten Hinweisen zur Theorie und Praxis in der anthroposophischen Kunst- und Kulturvermittlung.
Der grundlegende Wert dieser Untersuchung liegt in der Erschließung einer bisher wenig bekannten, aber wirkungsgeschichtlich mehr als bedeutsamen Dimension. Zukünftige ForscherInnen-Generationen im Bereich der Anthroposophie werden an der Rezeption, Diskussion und Weiterführung dieses Werkes nicht vorbeikommen.
Jutta Ströter-Bender
Einleitung
Bislang wurden kaum Fragestellungen aus dem Themenkreis der Eurythmie Rudolf Steiners erforscht. Sowohl Eurythmie-KünstlerInnen als auch AkademikerInnen haben dieses Thema kaum bearbeitet. Die vorliegende wissenschaftliche Aufarbeitung erweitert den Diskurs über Bedeutungen von Schul- und Lehrgebäuden. Zum ersten Mal wird das Thema Eurythmie herausgearbeitet. Dazu werden die von Rudolf Steiner konzipierten Räumlichkeiten betrachtet. Diese Räumlichkeiten waren zur damaligen Zeit Unterrichtszimmer, in denen Eurythmie sowohl gelernt als auch gelehrt wurde. Darüber hinaus kommen Aspekte von Rudolf Steiners Anregungen zur Entwicklung von Kunst und Ästhetik zur Darstellung. Unter diesem Blickwinkel stellt diese Arbeit auch einen Beitrag zur Entwicklung modernen Designs dar, zu dem das sogenannte Rudolf Steiner-Design gehört, dessen Entwicklung im Jahr 1907 begonnen hat.
Von den Tanzgattungen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, existiert im größeren Umfang nur noch die Bewegungsform Eurythmie, die Rudolf Steiner im Jahr 1912 als eigenständige und freie Kunst begründet hat. Die „Eurythmie will nicht sichtbare Anthroposophie sein“.1 Da sie aber den Anhängern der Anthroposophie auch als Schulungsmittel dient, tritt sie nicht nur als künstlerische Ausdrucksform in Erscheinung. Bis heute wird Eurythmie auch im Zusammenhang mit dem Studium der Vorträge von Rudolf Steiner praktiziert. Und so bieten die örtlichen Niederlassungen der Anthroposophischen Gesellschaft Eurythmie-Unterricht in ihren Veranstaltungskalendern an und laden zu Bühnen-Aufführungen ein. In diesem Zusammenhang ist die Eurythmie als erneuerte und in die Zukunft weisende Kunstform akzeptiert. Im Allgemeinen wird ihre Entstehung jedoch der Jahrhundertwende als einer Zeitepoche zugeordnet, in der auch andere Bewegungsarten als Kunstäußerungen galten.
Es waren ausschließlich Frauen, die zu Beginn der Eurythmie-Entwicklung die neue Bewegungskunst aufgegriffen haben. Die ersten männlichen Schüler besuchten 1922 in Stuttgart die Ausbildung und traten später in Dornach mit dem Ensemble auf. Daher verwende ich in meiner Ausarbeitung vorwiegend die Bezeichnung Eurythmistin und schließe darin die gegebenenfalls männlichen Eurythmisten mit ein.
Thema
Sowohl die persönliche Schulung der einzelnen Eurythmistinnen als auch das Unterrichten größerer Gruppen finden in möglichst eigenen, speziell dafür ausgestalteten Räumen statt. Die Übungsräume der Eurythmie, die ich in den letzten fünfundzwanzig Jahren in Europa kennengelernt habe, gleichen einander auffallend. Liegt der Grund dafür in der Entwicklungsgeschichte der Eurythmie? Zur Beantwortung dieser Frage habe ich die Dokumentationen der Eurythmie-Entwicklung zusammengestellt.
Häufig müssen Berufsanfängerlrmen sich ihre Arbeitsräume ganz oder teilweise neu einrichten. Auch wenn ein Schul-Neubau geplant wird, der mit einem speziellen Eurythmiesaal versehen werden soll, oder eine Vielzweckhalle, die sich auch zum Unterrichten von Eurythmie eignet, führt dies zu intensiven Gesprächen, aus denen sich zahlreiche Fragen ergeben. So zum Beispiel: Welche Wirkungen haben Raummaße und innenarchitektonische Elemente auf das eurythmische Bewegen und auf das Lehren und Lernen von Eurythmie? Diese Fragestellungen bewegen genauso die unterrichtenden EurythmistInnen wie ArchitektInnen.
Die Beantwortung dieser Fragen wird über historische Daten vorgenommen. Erfasst werden dabei die Unterrichtszimmer der Jahre 1912 bis 1925, in denen Rudolf Steiner und seine Schülerinnen eurythmisch tätig waren. Bei den erwähnten Räumen handelt es sich um Räume in Deutschland und der Schweiz, an deren Konzeption Rudolf Steiner persönlich beteiligt war: den Weißen Saal in Dornach, das Eurythmeum in Stuttgart und den Anbau an Haus Brodbeck, ebenfalls in Dornach. Den Stuttgarter-Bau habe ich dem Kapitel 4.2.3 ‚An esoterischen Versammlungsorten in München, Berlin, Stuttgart und Dornach‘ (S. 118) zugeordnet, da in diesem Gebäude Eurythmie-Darstellungen auf der Bühne im Vortragsraum stattfanden.2
Was vermitteln nun innenarchitektonische Formen den eurythmisch Übenden?
Auf meine Frage nach Einzelheiten im Weißen Saal wurde ich im Kollegenkreis immer wieder aufgefordert, mich lieber mit etwas Lohnendem aus dem Bereich des Ersten Goetheanums zu beschäftigen. Doch ich war von Anfang an angezogen von den wenigen Fotografien, die Ausschnitte des Weißen Saals wiedergeben. Im Verlauf meiner Studien blieb ich aufmerksam für die Details und suchte auch im vermeintlich Unwesentlichen nach Ansatzpunkten und Anregungen zur Beantwortung meiner Fragestellungen. Ich kam zu der Einschätzung, dass es sich bei dem Weißen Saal um einen sakralen Raum gehandelt haben könnte. Um dies abklären zu können, erfasste ich die ästhetische Gestaltung der drei Eurythmieräume von Rudolf Steiner. Auf welche Einrichtungsmerkmale achtete dieser bei seiner innenarchitektonischen Ausgestaltung? Er wies darauf hin, dass die Umgebung für den Menschen von Bedeutung sei3 und hat die Eurythmie deshalb nicht in der freien Natur, sondern in Räumen unterrichtet.4
Wie aber statteten die ersten beiden Eurythmistinnen Lory Maier-Smits und Tatiana Kisseleff nun ihre Arbeitszimmer aus?
War der schräg ansteigende Bühnenboden im Ersten Goetheanum nur eine Vorrichtung für die Präsentation von Kunst-Eurythmie oder verstärkt die ansteigende Ebene auch für die Eurythmistin das Erlebnis der Eurythmie? Um darauf eingehen zu können, habe ich die Kunstmittel der Eurythmie herangezogen, denn sie intensivieren den eurythmischen Ausdruck. Der Blick der Ausarbeitung erfasst vor allem die Laut-Eurythmie, da Rudolf Steiner im Jahr 1911 bei der ersten Besprechung zu Clara Smits sagte, dass es sich bei der neuen Bewegungskunst zunächst um das gesprochene Wort handeln würde.5 Der Beginn der Ton-Eurythmie war erst am 23. August 1915. Mehrere Jahre lang wurde sie danach von Rudolf Steiner nicht weiterentwickelt.6
Die Frage, ob Rudolf Steiner die Übungsräume für Eurythmie in besonderen Gebäuden oder Gebäudeteilen untergebracht hat und wie sie sich in der Wertigkeit von anderen Nutzräumen unterscheiden, wird im Vergleich der drei Säle deutlich. Hier klärt sich auch, ob und welche Raumformen, Materialien und Farben von ihm verwendet worden sind.
Im Eurythmie-Saal der Rudolf Steiner-Halde I wurden oberhalb der Türen und Fenster plastische Formen angebracht. Auch an anderen Orten finden sich bei Rudolf Steiner „funktionale Gestaltungselemente […], die auf den Betrachter spirituell förderliche Wirkungen ausüben sollten.“7 Diese Feststellung lässt alle Details bedeutungsvoll für die Untersuchung werden.
Die vom Weißen Saal erhalten gebliebenen Fotografien zeigen, dass es ein einheitlich ausgestaltetes Interieur mit Stühlen, Notenständern und runden Türausschnitten gab. Auch dreidimensional geformte Heizkörpervorsätze waren darunter. Mit dazu gehörten rhythmisch sich wiederholende Ausschnittformen an der Balustrade, die Anordnung und das Aussehen der Lüftungsschlitze und speziell geformte Beleuchtungskörper. Dass Rudolf Steiner die Innenarchitektur des Weißen Saals detailliert korrigiert hat, hebt die Bedeutsamkeit der Einzelheiten hervor.8
Der Vergleich der drei Säle geht auch der Frage nach, ob Rudolf Steiner in allen Eurythmieräumen solchen Details Beachtung geschenkt hat, die auf den ersten Blick als geringfügig erscheinen.
Die Darstellung und Beschreibung der Räume erfolgt bis auf die Rudolf Steiner-Halde I chronologisch. Es ist dies der einzige Raum, der noch existiert und als Eurythmieraum genutzt werden kann. Daher steht seine Beschreibung am Ende der Ausführungen.
Die Eurythmie-Proben, die zur Vorbereitung von künstlerischen Aufführungen stattgefunden haben, werden nur dann erwähnt, wenn sie als Sonderfall dazu beitragen, das Thema Eurythmisieren in Räumen zu verdeutlichen, denn sie beziehen die technischen Ausstattungen der Bühnen mit ein.
Methodisches Vorgehen
Als Untersuchungsmethode wählte ich die qualitative Erhebung und Analyse. Die Hinweise aus den Augenzeugenberichten sollten mir dabei als Materialsammlung dienen. Über diese Erlebnisberichte wollte ich die zu erfassenden Unterrichtsräume rekonstruieren. Doch zeigte sich, dass die ersten Eurythmistinnen in ihren Aufzeichnungen vor allem Äußerungen von Rudolf Steiner wiedergegeben haben, der sie zu den eurythmischen Bewegungen ausschließlich mündlich angeleitet hat. Sie übernahmen seine Anweisungen in ihren eigenen Unterricht und zitieren Rudolf Steiners Aussagen in den für die Dissertation von mir aufgearbeiteten Erinnerungen. Dagegen berichten sie fast nichts von ihrem persönlichen Erleben der Eurythmie und auch fast nichts von ihren Erfahrungen mit den innenarchitektonisch differenziert ausgearbeiteten Unterrichtsräumen. Auch die aufwendigen innenarchitektonischen Ausgestaltungen werden von ihnen kaum erwähnt. Sie waren Rudolf Steiner persönlich verbunden und gaben in ihren Berichten nur die Inhalte seiner Eurythmie-Darstellungen wieder.
Die Primärliteratur, d. h. Stenographien von Rudolf Steiners Aussagen, steht in meiner Dissertation vergleichsweise im Hintergrund, da ich die Erfahrungen der ersten Eurythmistinnen im Blickfeld hatte, um die konkret erlebten Auswirkungen der gestalteten Eurythmieräume zu erfassen. Die Materialsammlung ergab zugleich eine historische Aufarbeitung der Geschichte der Eurythmie-Entwicklung unter dem Gesichtspunkt der Übungsräume als Teilgebiet der ästhetischen Tradition der Eurythmie.
Auch Mitteilungen aus der Perspektive der TeilnehmerInnen an den Veranstaltungen von Rudolf Steiner wurden von mir erfasst, doch haben auch von den vielen Mitgliedern der späteren Anthroposophischen Gesellschaft, die am Bau des Ersten Goetheanums beteiligt waren, nur die wenigsten etwas über den Weißen Saal festgehalten, und auch zu den anderen Eurythmiesälen liegen fast keine Äußerungen vor.
Gerade aufgrund des geringen vorliegenden Materials war auch die Erinnerungsliteratur als besonders authentische Informationsquelle für meine Zusammenstellung unverzichtbar. Zu den Quellen zählen auch Baupläne, Modelle und historische Fotografien. Diese haben in ihrer Qualität unter den Umwelteinflüssen und der Alterung gelitten, dennoch tragen sie erheblich zur qualitativen Analyse bei. Das Untersuchungsmaterial habe ich so zusammengestellt, dass vor allem die von Rudolf Steiner konzipierten Eurythmieräume, von denen ja nur noch ein Unterrichtszimmer existiert, soweit als möglich rekonstruierbar wurden.
Der Vergleich der drei Säle führte zu einer qualitativen Analyse.
These
Da der Eurythmieunterricht ausschließlich in Räumen vollzogen wurde, fragte ich mich, ob sich die Entwicklung der Eurythmie als Tanzform auch in der Ausgestaltung der Räume widerspiegelt und die Innenarchitektur den Unterrichtsneuerungen entsprechend angepasst wurde.
Das Ausüben der eurythmischen Bewegungen ist an Voraussetzungen gebunden. So ist es nachvollziehbar, dass die speziellen Unterrichtszimmer dementsprechend eingerichtet und gestaltet werden. Das gilt auch für das Aufführen von Kunst-Eurythmie. Stellt also die ästhetisch-architektonische Gestaltung der Räume eine Voraussetzung zum Erwerb von eurythmischen Bewegungsfähigkeiten dar? Die gewählten Materialien, die Farbgestaltung, die Ausleuchtung der Räume durch Tageslicht und Beleuchtungskörper, die Lage und das Design der Fenster und Türausschnitte, der aus Bildern und Blumen bestehende Raumschmuck, das Verdecken technischer Einrichtungsgegenstände durch spezielle Verkleidungen, dies alles zusammen bewirkt wesentlich die Raumatmosphäre. Hermann Ranzenberger9 bestätigt Rudolf Steiners Bauten eine neue, organische Bauweise. „Als ein Beispiel für Innenarchitektur sei der Saal im Eurythmeum angeführt.“10
Die vorliegende Arbeit stellt die ästhetischen Verhältnisse der ersten Räumlichkeiten zusammen, in denen Rudolf Steiner Eurythmie erteilte oder an deren Konzeption er beteiligt war. Es entstand die Frage, ob bei der Eurythmie das Üben in einer besonderen Atmosphäre Voraussetzung ist und falls ja, welche ästhetisch-architektonischen Gestaltungsmerkmale dieses Üben unterstützen können. Legen Eurythmie unterrichtende ihre persönlichen Utensilien ab, wenn sie einen Eurythmie-Übungssaal betreten? Und distanzieren sie sich auch von ihrer augenblicklichen persönlichen Stimmung? Sind Eurythmiesäle sakrale Räume? Welche Bedeutung hat der Raum in der Vermittlung und im Lernen von Eurythmie?
Zu den architektonischen Gestaltungsmerkmalen zählen die Form des Raumes, die Raumgröße, die Höhe, die Anzahl und die Anordnung von Fenstern und Türen. In der qualitativen Erhebung werden sowohl die von Rudolf Steiner dazu getroffenen Aussagen als auch Erinnerungsberichte von Zeitgenossen und die Erfahrungen der nachfolgenden Generationen zusammengestellt und zur Beantwortung der Fragestellungen herangezogen.
Die Fragestellungen dieser Arbeit entstanden auch aus meinem Wissen und meinen unmittelbaren Erfahrungen als traditionell ausgebildete Eurythmistin, Kunstpädagogin und Erziehungswissenschaftlerin. In der Eurythmie-Ausbildung habe ich viele der nachstehend aufgeführten Regelungen und Handhabungen der Eurythmie selber erfahren und hatte mir im Beruf Übungsräume einzurichten.
Ich erlebe, dass der Raum sich auf mich auswirkt, mich im pädagogischen Handeln anregen und auch lähmen kann. Und ich erlebe, dass ästhetisch ausgerichtete Unterrichtsräume sich unmittelbar auf das Wohlbefinden der zu Unterrichtenden auswirken und in Folge zum Lernen anregen. Auch als Künstlerin bin ich Lernende und fühle mich in meinem künstlerischen Schaffen vom umgebenden Raum beeinflussbar.
In dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden und zusammengetragen werden, welche ästhetischen und architektonische Mittel im Zusammenhang mit der Eurythmie bis zum Jahr 1925 genutzt wurden.
1 Jaschke, Angelika: Heüeurythmistin/Heüeurythmist. Ein Berufsbild aus anthroposophischer Sicht, herausgegeben vom Berufsverband Heileurythmie e. V., Filderstadt, 1998, S. 12 (im Folgenden zitiert als: Jaschke, Berufsbild).
2 Im Kellergeschoss befand sich ein weiterer Saal, der Ähnlichkeiten mit dem Innenraum des etwas später erbauten Ersten Goetheanums hatte.
3 Rudolf Steiner am 5. Mai 1909: „Wer den Zusammenhang der geistigen Tatsachen erkennen und zu beurteilen vermag, der weiß ganz gut, daß Sitten, Gewohnheiten, Seelenneigungen […] davon abhängen, wie die Dinge beschaffen sind[,] an denen wir vom Morgen bis zum Abend vorbeigehen [...]. Aber diejenigen Gesellschaften, die gemeinsame Ideale pflegen, sollten auch daraufhalten, daß in dem, was sie umgibt, ein Ausdruck ist davon, was in ihren Herzen, in ihrem Urteil lebt. […] Das, was geistig lebt, kann sich nämlich durchaus in den Formen, in den Farben unserer Umgebung ausprägen und uns wieder entgegentreten in dem, was wir um uns herum wahrnehmen. […] Man kann in dieser Beziehung sagen, daß unser höchstes Ideal gerade mit dem zusammenhängt, was wir auf Schritt und Tritt im Leben um uns herum haben.“ Steiner, Rudolf: Bilder okkulter Siegel und Säulen, Dornach, 2., neu durchgesehene und erweiterte Auflage 1977, GA284, S. 125-126 (im Folgenden zitiert als: Steiner, Bilder).
4 „In der Natur dagegen stiert der Mensch hinaus, der Blick geht eigentlich ins Unendliche, und man kommt nie zu Ende.“ Steiner, Rudolf: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band II, Dornach, 5., unveränderte Auflage 1977, GA 236, Vortrag vom 27. April 1924, S. 93.
5 Vgl. Maier-Smits, Lory: Erste Lebenskeime unserer Eurythmie, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Nr. 15, Ostern 1951, S. 19 (im Folgenden zitiert als: Maier-Smits, Erste Lebenskeime).
6 Vgl. Zweiter Kurs – Das apollinische Element, Unterweisungen für die seelische Gestaltung der bewegten Sprachformen, Dornach, 18. August - 11. September 1915 (im Folgenden zitiert als: Zweiter Kurs), in: Steiner, Rudolf: Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie (herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung durch Edwin und Eva Froböse), Dornach, 2. Auflage 1982, GA 277a, S. 68 (im Folgenden zitiert als: Steiner, Entstehung und Entwickelung). Lange blieben „die toneurythmischen Bewegungen für die Stammtöne unseres Tonsystems das einzige, was damals auf diesem Gebiete schon gegeben war […].“ (Siehe dazu die Ausführungen von Hendrika Hollenbach: Die ersten Anfänge der Toneurythmie, in: Steiner, Entstehung und Entwickelung, S. 119.) In Dornach wurden sie von ihr und von Tatiana Kisseleff aufgegriffen. (Vgl. Zuccoli, Elena: Ton- und Lauteurythmie, Dornach 1997, S. 21: im Folgenden zitiert als: Zuccoli, Ton- und Lauteurythmie.) In Leipzig arbeitete Erna van Deventer-Wolfram mit ihren Schülern daran: Erna van Deventer-Wolfram hat am 8. März 1915 u. a. den ersten Satz der Mondscheinsonate von Beethoven mit ihrer Eurythmiegruppe vor Rudolf Steiner dargestellt. In der Choreographie verwendete sie die Formen, die Steiner Lory Maier-Smits in Anlehnung an sakrale Serpentinen-Tänze am 23. und 24. September 1912 vermittelt hatte. Dazu kamen eurythmische Bewegungen für Rhythmen, d. h. Längen und Kürzen und der Einsatz von erregenden und beruhigenden Konsonanten, so wie sie Lory Maier-Smits Erna van Deventer-Wolfram gezeigt hatte. (Vgl. Deventer, Erna van: Erinnerungen, in: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Hrsg.: Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach, Nr. 75/76, Ostern 1982, S. 4CM1: im Folgenden zitiert als: Deventer, Erinnerungen.) Erst 1919 setzte Rudolf Steiner die Entwicklung fort, und ab 1922 enthielten Eurythmie-Aufführungen auch Tonstücke mit seinen Ton-Eurythmie-Formen. (Vgl. Zuccoli, Ton- und Lauteurythmie, S. 26.)
7 Fäth, Reinhold Johann: Rudolf Steiner Design, Dornach 2005, S. 95 (im Folgenden zitiert als: Fäth, Design).
8 Vgl. Krause-Zimmer, Hella: Hermann Ranzenberger, Dornach 1995 (im Folgenden zitiert als: Krause-Zimmer, Ranzenberger).
9 Zu Hermann Ranzenberger siehe Personenverzeichnis.
10 Ranzenberger, Hermann: Eurythmeum-Saal, in: Mensch und Baukunst. Eine Korrespondenz, Schriftleitung und Verlag: Erich Zimmer, Dornach, 17. Jg., Heft 1, Januar 1968, S. 6 (im Folgenden zitiert als: Ranzenberger, Eurythmeum-Saal).
Quellenlage
Rudolf Steiner hielt in Laut-Eurythmie neben seinem Einzelunterricht für Schülerinnen in den Jahren 1915 und 1924 auch zwei Gruppen-Kurse ab. Eine Heileurythmie-Veranstaltung im April 1921 legte er „für Mediziner und solche Eurythmisten, die länger als zwei Jahre im Studium waren“11 aus. In der Ton-Eurythmie fand ein Kurs im Februar 1924 statt. Die Kurse und Seminare wurden zunehmend professionell mitgeschrieben und seine Vorträge auf Grundlage der Stenographien schriftlich fixiert. Rudolf Steiner äußerte sich häufig zur Eurythmie, so dass sich in seinem Vortragswerk viele Hinweise finden. Die von ihm gehaltenen Ansprachen vor Eurythmie-Aufführungen wurden in einem eigenen Band zusammengestellt.12
Primärliteratur
Als reine Primärliteratur stehen von Rudolf Steiner nur wenige von ihm selbst geschriebene Bücher und einzelne Autoreferate13 zur Verfügung. Die meisten Veröffentlichungen unter seinem Namen sind autorisierte Mitschriften von Ansprachen und Vorträgen. Auch die Antworten auf Fragen, die Rudolf Steiner nach seinen Vorträgen gestellt wurden, wurden festgehalten.14 In den ersten Vortragsjahren ist jedoch noch nicht gezielt mitstenographiert worden. Zum Teil wurden die Veröffentlichungen mit Ablichtungen der Tafelzeichnungen und Faksimiles von Rudolf Steiner versehen. Das gesamte Werk umfasst etwa 360 Bände mit Vorträgen und Schriften. Den größten Teil machen die etwa 6000 Vorträge und Ansprachen aus, von denen rund 4500 mitstenographiert wurden. Rudolf Steiner hinterließ etwa 600 Notizbücher, 7000 Notizblätter und Tausende von Briefen.15 Zu ihrer Herausgabe ist die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung um präzise Bearbeitung der Vorlagen bemüht.16
Über die frühen Mitschriften berichten Ludwig Kleeberg17 und Andrej Belyj18. Die Zeitgenossin Klawdija Bugajewa erinnert sich: „Die stenographischen Niederschriften, in welchen die Vorträge uns erreichten, waren nicht immer glatt, aber diese Unebenheit gab vielleicht die lebendige Intonation der Stimme besser wieder. Noch bevor ich den Doktor kennenlernte, kannte ich ihn.“19
Auch die faksimilierten Bauentwürfe gehören zur Primärliteratur. Sie finden sich in Veröffentlichungen der Sekundärliteratur. Rudolf Steiners Primärskizzen sind häufig dadurch entstanden, dass jemand mit einer Frage, Idee, einem Wunsch oder Vorschlag auf ihn zukam. Er antwortete, griff zum Stift und entwarf. Von diesen Skizzen liegen nur noch wenige vor. Die erhaltenen Pläne sind dagegen hauptsächlich Nachfolgepläne, die auf Grundlage der ersten Skizzen entstanden oder nach mündlichen Äußerungen angefertigt worden sind. Auf einigen zeichnete Rudolf Steiner Korrekturen ein.20 Es ist davon auszugehen, dass die meisten dieser Eingriffe, die sogenannten Doktor-Korrekturen, befolgt und umgesetzt worden sind.21 Aufzeichnungen wie die von Hermann Ranzenberger zeigen, dass Rudolf Steiners Wort für seine Mitarbeiter eine unbezweifelbare Gültigkeit hatte. Diese AugenzeugInnenberichte sind in der Bibliographie unter der Bezeichnung Weitere historische Quellentexte zusammengefasst.
Die Architekturpläne und Skizzen des Ersten Goetheanums sind, bis auf wenige Ausnahmen, in den Büchern der Primär- und Sekundärliteratur nicht wie andere topographische Karten nach Norden ausgerichtet, sondern nach Osten. Dadurch wirkt die Anlage wie ein Kirchenbau, da sich die beiden runden Räume und die Querbauten zu einem stehenden Kreuz zusammenfügen.
Augenzeuglnnenberichte
Die Erinnerungsliteratur als maßgebliche Quelle stellt ein großes Problem in der wissenschaftlichen Annäherung dar, denn sie ermöglicht einen nur eingeschränkt gültigen Beitrag. „Augenzeugenberichte werden naturgemäß mitbestimmt durch Erwartungshaltung und subjektive Einstellung der jeweiligen Beobachter. Sie sind bestenfalls imstande, Außenansichten zu liefern.“22
Ein weiteres Problem ist der Sprachstil in den Veröffentlichungen. Tritt der persönliche Bezug zu Rudolf Steiner stark hervor, werden dem Leser der Erinnerungen mehr Empfindungen des Autors oder der Autorin vermittelt als sachdienliche Hinweise. Von den Augenzeugen beschrieb vor allem Ludwig Kleeberg die Jahre 1904 bis 1910 und stützte sich dabei auf Tagebuchaufzeichnungen. Der größere Teil der Veröffentlichungen wurde aus der Erinnerung, im Nachhinein, verfasst. Für die Aufarbeitungen des Materials der Eurythmistinnen, die teilweise fünfzig Jahre später vorgenommen wurden, standen fast keine tagesaktuell erstellten Notizen zur Verfügung, und von dem wenigen Dokumentationsmaterial ging später ein weiterer Teil verloren.23
Inhaltlich haben die Zeitzeugen vor allem Handlungen und Anweisungen von Rudolf Steiner beschrieben. Von ihren eigenen Erfahrungen im Umgang mit der Eurythmie und ihren Erlebnissen an den von Rudolf Steiner gestalteten Unterrichtsräumen geben die ersten Eurythmistinnen leider fast nichts bekannt. Auch von den anderen Saalbenutzern schrieben nur drei Personen etwas über die Innenausstattung des Weißen Saals. Diese Aufzeichnungen sind bis dato unveröffentlicht. Die äußeren Gegebenheiten des Eurythmeums in Stuttgart und des Saals in der Rudolf Steiner-Halde I waren über Baupläne rekonstruierbar, jedoch gibt es dazu keine weiteren Beschreibungen.
Die ersten beiden Eurythmistinnen, Lory Maier-Smits und Tatiana Kisseleff, haben ihre Unterrichtsstunden bei Rudolf Steiner aufgearbeitet, wenn auch zum Teil erst viele Jahre später. Von der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung durch Edwin und Eva Froböse herausgegeben entstand das Buch Rudolf Steiner: Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie, in dem ein großer Teil dieses historischen Materials zusammengestellt ist.
Auch von anderen Eurythmistinnen liegen derartige Aufzeichnungen vor, die Regieangaben aus der Bühneneurythmie beschreiben und eurythmische Anweisungen von Rudolf Steiner wiedergeben. Auch Persönliches wird berichtet, auch von Gesprächen mit Rudolf Steiner. Für das Nacherzählen der Begebenheiten wurde häufig die direkte Rede eingesetzt. Daraus entstanden Formulierungen, die heute umgangssprachlich mit: „Der Doktor hat gesagt“ betitelt werden. (Siehe 2.8.1 ‚Das persönliche Umfeld‘, S. 87)
Diese nachträglich verfassten und zum Teil mehrmals nachgearbeiteten Erinnerungen stellen zwar kein abgesichertes Erhebungsmaterial dar, vermitteln aber trotzdem eine Vorstellung von den damaligen Lebensumständen. Insofern geben sie Aufschluss über den Kontext, aus dem heraus Eurythmie entstand und sich weiter entwickelt hat.
Der Wert dieser Berichte für die Dissertation liegt in der Darstellung und Beschreibung von sonst unbekannten Details. Trotzdem sind die Erinnerungsberichte nur eingeschränkt gültig, da bei jeder Wiedergabe einer Gegebenheit aus dem Verständnis der Gegenwart das vermeintlich Unwichtige ausgesondert wird. Das heißt, dass jede ErzählerIn durch die zwischenzeitlich eingetretenen Lebenserfahrungen im Moment des Erzählens das ehemalige Ereignis verändert. Dabei entstehen Fehler.24 Davon sind manche offensichtlich. Die Erinnerungsliteratur enthält aber auch Fehler, die nach hundert Jahren Entwicklungsgeschichte der Eurythmie nicht mehr unmittelbar erkennbar sind. Hinzu kommen Schreibfehler, die ich abzuklären hatte um sicherzustellen, dass es sich nicht um künstlerischen Eigenwillen handelt.25
Einige der Erinnerungsbücher sind nachgelassene Veröffentlichungen. Dazu gehören Niederschriften aus den Jahren 1927 bis 1929 von Ralph Kux.26
In Büchern und Zeitschriften sind Aufarbeitungen und Ergänzungen aus den Nachlässen erschienen, die häufig Eurythmie-Kolleginnen verfasst haben. Die durch Hedwig Greiner-Vogel posthum zusammengefassten Schriftstücke und Erinnerungsskizzen von Alice Fels machen deutlich, wie Rudolf Steiner mit den werdenden Eurythmistinnen gearbeitet, was und wie er korrigiert hat.27 Magdalene Siegloch veröffentlichte den Lebenslauf von Lory Maier-Smits.28 Und Brigitte Schreckenbach veröffentlichte Autobiographisches von Tatiana Kisseleff.29
Jedoch haben einige der ersten Eurythmistinnen ihre Erinnerungen an Rudolf Steiner auch direkt festgehalten und über die Eurythmie geschrieben. So veröffentlichte Annemarie Dubach-Donath30 1928 das erste deutschsprachige Buch zum Thema.31 Im Jahr 1938 wurde Tatiana Kisseleff von Marie Steiner gezielt um ihre Niederschrift gebeten.32 Angeregt durch Eva Froböse schrieben in der 1960ern Lory Maier-Smits und andere ihre Erinnerungen auf.33
Die Namen der meisten Eurythmistinnen erscheinen im nachfolgenden Text durchgehend als Doppelname, auch wenn viele von ihnen beim Einstieg ins Berufsleben noch unverheiratet waren. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich die Eurythmie unter Rudolf Steiner entwickelte, blieb den Frauen in der Schweiz bei ihrer Heirat der Mädchenname amtlich erhalten, auch wenn sie von da an unter ihrem neuen Namen arbeiteten und angesprochen wurden. Das Zentrum der anthroposophischen Bewegung, aus der die Eurythmie hervorgegangen ist, befand und befindet sich in der Schweiz. Das führt in den Veröffentlichungen anthroposophischer Verlage zu Doppelnamen, auch wenn die Ehe nicht in der Schweiz geschlossen wurde. Um der Genauigkeit willen setze ich in meiner Dissertation beide Namen ein, auch wenn der Mädchenname abgelegt wurde. Ich schreibe hierbei zuerst den angeheirateten Namen und verbinde ihn mit einem Bindestrich mit dem Mädchennamen. Damit die Zuordnung der Eurythmistin eindeutig ist, verwende ich den Doppelnamen durchgehend und unabhängig von dem Zeitpunkt der Eheschließung. Im Personenverzeichnis entsteht damit die doppelte Nennung des Mädchennamens, z. B.: Marie Steiner-von Sivers (geb. von Sivers). Ungleichheiten ließen sich nicht ausschließen, da zitierte Veröffentlichungen die Autorinnen unterschiedlich bezeichnen.
Die in Russland als weibliche Form des Nachnamens gebräuchliche Endung „a“ erscheint nicht in den Erinnerungen der gebürtigen Russinnen Tatiana Kisseleff, Marie Savitch34 und Margerita Woloschin. Davon ausgenommen ist Klawdija Nikolajewna Bugajewa35. In meiner Dissertation verwende ich dieselbe Schreibweise, unter der sie ihre Erinnerungen und Autobiographien publiziert haben. Diese Form entspricht dem Namen, unter dem sie im deutschsprachigen Raum angesprochen und in der Sekundärliteratur genannt werden.
Auch die Übersetzung von kyrillischen Schriftzeichen in lateinische Buchstaben führt zu unterschiedlichen Ausführungen. So schreibt Brigitte Schreckenbach 2005 in der von ihr herausgegebenen Autobiographie die Eurythmistin Kisseleff „Tatjana“. In dem 1949 von Tatiana Kisseleff herausgegebenen Buch, unterzeichnet die Autorin ihre Einleitung mit „Tatiana“.36 In der Dissertation verwende ich daher durchgehend die dort verwendete Schreibweise.
Die Räume, in denen die Eurythmie-Entwicklung ihren Anfang nahm, werden von Lory Maier-Smits, Annemarie Dubach-Donath und Tatiana Kisseleff nur beiläufig erwähnt. Auch von den anderen Kursteilnehmerinnen liegen keine Bemerkungen darüber vor, wie die Zimmer in den Anfangsjahren für das eurythmische Bewegen eingerichtet waren. Interviews mit Augenzeugen der damaligen Zeit waren mir nicht mehr möglich. Die vorletzte der Eurythmistinnen, die noch von Rudolf Steiner persönlich gefördert wurde, Maria Jenny-Schuster37, starb am 9. April 2008 im Alter von 101 Jahren. Aus den letzten zehn Lebensjahren sind vier mit ihr aufgezeichnete Gespräche veröffentlicht worden. Darin äußert sie neben ihren Erinnerungen auch ihre Gedanken zu dem gegenwärtigen künstlerischen Erscheinungsbild der Eurythmie.38
Die vermutlich letzte Zeitzeugin Rudolf Steiners, Edith Brenda Biermann-Binnie,39 wurde am 29. Mai 2008 100 Jahre alt.
Dass der Weiße Saal so detailliert rekonstruiert werden konnte, ist den Aufzeichnungen von Hermann Ranzenberger zu verdanken, die Hella Krause-Zimmer herausgegeben hat.
Sekundärliteratur
Ein Teil des Materials für die Dissertation, Veröffentlichungen zur Eurythmie und Architektur Rudolf Steiners, waren mir über die Bibliothek der Anthroposophischen Gesellschaft in Frankfurt am Main zugänglich sowie unter www.rudolf-steiner-bibliothek.de recherchierbar, dem Onlinekatalog der Rudolf Steiner-Bibliothek in Stuttgart, in dem auch alte und aktuelle Ausgaben anthroposophischer Zeitschriften erfasst sind.
Als Mitarbeiter der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung haben Edwin und Eva Froböse Pionierarbeit geleistet und im Jahr 1965 das erste Grundlagenwerk über die Entwicklungsstufen der Eurythmie herausgegeben.40 Eva Froböse gab später noch eine Sammlung von Aussagen Rudolf Steiners über die eurythmische Kunst heraus.41
Zur neueren Sekundärliteratur gehören die Veröffentlichungen von Ursula-Ingrid Gillert42, Katharina Gleser43 und ein Fachbuch zur Ton-Eurythmie, herausgegeben von Stefan Hasler44. Des Weiteren die Fachzeitschrift ‚Rundbrief der Sektion für redende und musizierende Künste‘, herausgegeben von der Sektion für Redende und Musizierende Künste der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach.45 Dazu zählt auch die lexikographische Sammlung von Lebensläufen der ersten AnthroposophInnen.46 In Bezug auf die Chronik Rudolf Steiners beziehe ich mich in der Regel auf den Historiker Christoph Lindenberg.47
Florian Roders Artikel in anthroposophischen Zeitschriften und der von ihm mitherausgegebene Sammelband ‚Anthroposophie wird Kunst‘ bearbeiten Themen im Zusammenhang mit dem Münchner Kongress 1907.48
Thomas Parr hat über die Bühnenkunst Eurythmie geschrieben. Seine Dissertation war 1993 die erste und bislang die einzige veröffentlichte wissenschaftliche Aufarbeitung der Kunst-Eurythmie.49
Unveröffentlicht blieb die 2005 in Saragossa abgeschlossene Architektur-Dissertation von Maria Consuelo Vallespir Machado, von der keine deutsche Übersetzung vorliegt, die aber sinngemäß wie folgt übersetzt werden kann: Hin zu einer Vergeistigung der Materie durch die Architektur, Studium und Anwendung der eurythmischen Methode Rudolf Steiners als Instrument der architektonischen Betrachtung und Gestaltung – im Vergleich mit den Mitteln der Moderne.50 Im Original: Hacia una espiritualización de la materia a través de la arquitectura, estudio y aplicación del método eurítmico de Rudolf Steiner como herramienta para la observación y creación arquitectónica, en conversación con las de la modernidad.51
Sonja Ohlenschläger erfasste in ihrer Dissertation unter anderem die Entstehung des Ersten Goetheanums.52 Und auch Wolfgang Pehnt schrieb über die Bauten von Rudolf Steiner.53
Die Promotionsarbeit von Reinhold Fäth behandelt anthroposophisch gestaltetes Mobiliar. Er weist darauf hin, dass sich Rudolf Steiners Kunst noch heute einer normalen kunsthistorischen Beurteilung entzieht und als ästhetische Kuriosität gesehen wird. Obwohl Rudolf Steiner kein Kunststudium absolviert hat und kein Designer im heutigen Sinn war, betitelt Reinold Fäth sein Buch „Rudolf Steiner Design“ 54 und legt diesen Begriff dar. Seine Ausarbeitung zeigt, dass Rudolf Steiner zur selben Zeit in Wohn- und Zweckräumen das Mobiliar farbig anstreichen ließ, während die Möbelstücke in den Eurythmie-Übungsräumen natürlich belassen wurden.
Kritische Veröffentlichungen
Vor allem das Unterrichtsfach Eurythmie der Waldorfschulen wurde und wird aus unterschiedlichen Motiven und auf unterschiedliche Art und Weise in Frage gestellt und kritisiert.
Diese Schulen sind in Deutschland öffentlich anerkannte Privatschulen an deren Kosten sich der Staat beteiligt, und so bemängelt Michael Grandt, dass mit dieser Förderung die Verbreitung anthroposophischer Inhalte vorangetrieben werde. Aber die Waldorfpädagogik sei keine Methode, sondern ihre Einrichtungen wären Weltanschauungsschulen des Okkultisten Rudolf Steiner und eben dieses werde von der Bevölkerung nicht hinterfragt, da die Abschlüsse der Waldorfschulen staatliche Anerkennung hätten.55
Heiner Barz hingegen hebt hervor, dass vermeintlich Neues in der Kindergartenpädagogik von Waldorfeinrichtungen bereits in der Erziehungskonzeption von Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782–1852) zu finden sei.56
Einen anderen Weg der Kritik beschreitet Heiner Ullrich, der den von der Lehre Rudolf Steiners angesprochenen Menschentyp charakterisiert und dabei das Alltagsleben derjenigen beschreibt, die sich unter die Führung der anthroposophischen Geisteswissenschaft begeben.57
Sybille-Christin Jacob und Detlef Drewes, die beide Waldorfeinrichtungen mitbegründet haben, haben ihre Erfahrungen tagebuchartig aufgearbeitet. Ihre Veröffentlichung sei von den offiziellen Vertretern der Waldorfpädagogik mit dem Kommentar beiseite gewischt worden: „Sie wüssten nicht wovon sie redeten […] seien nur verblendet und hätten nichts begriffen.“58
Auch die ehemalige Waldorfschülerin Charlotte Rudolph hat Erfahrungen aufgearbeitet, wobei sie dafür die Form einer wissenschaftlichen Dissertation wählte.59
Eine weitere wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgte durch Helmut Zander, Privatdozent an der Humboldt-Universität Berlin. In seiner Habilitationsschrift erfasste er die Geschichte der Anthroposophie. Die beiden Bände stellen das aktuellste und umfassendste Nachschlagewerk zu allen mit Rudolf Steiner verbundenen Gebieten dar. In Band II hat Zander seine Recherchen über Eurythmie veröffentlicht. Auch er verweist auf die bislang fehlende wissenschaftliche Aufarbeitung.60
Archivmaterial, Fotografien
Mitarbeiter des Archivs der Christengemeinschaft in Berlin stellten mir unveröffentlichtes Material zur Verfügung und gaben drei Erlebnisberichte vom Weißen Saal zur Veröffentlichung frei. Auch die Kooperation mit der Bibliothek, dem Bildarchiv und der Kunstsammlung am Goetheanum, mit der Nachlassverwaltung in Dornach sowie Gespräche mit vielen Einzelpersonen führten zur Vertiefung des Themas.
Obwohl die Fotografie bereits im 19. Jahrhundert erfunden und angewendet wurde und trotz der Tatsache, dass kurz nach der Jahrhundertwende die ersten farbigen Fotografien gemacht worden sind gibt es nur Schwarz-Weiß-Fotos. Bedingt durch die wirtschaftlichen Verhältnisse, den Krieg und die Zerstörung des Ersten Goetheanums sind die Abbildungen heute in einem schlechten Zustand und ermöglichen nur eine beschränkte Wiedergabe. Fotografisch aufgenommen wurden inszenierte Stellungsfotos sowohl von Personen als auch vom Mobiliar in den Räumen. Einige Aufnahmen entstanden auch in der Natur. Alle Ablichtungen vermitteln für mich eine typische, bis heute gepflogene Ästhetik.
Ein Film wurde nicht gedreht, obwohl dies technisch möglich gewesen wäre.
11 Deventer-Wolfram, Erna van: Die Entstehung der Heileurythmie, in: Schriftenreihe der Arbeitsgruppe Heileurythmie: Aus der Entwicklung der Heileurythmie. Erinnerungen, Hrsg.: Arbeitsgruppe Heileurythmie der Arbeitsgemeinschaft Anthroposophischer Ärzte, Stuttgart, Heft 2, 1972, S. 7 (im Folgenden zitiert als: Deventer, Entstehung).
12 Vgl. Steiner, Rudolf: Eurythmie. Die Offenbarung der sprechenden Seele. Ansprachen zu Eurythmie-Aufführungen aus den Jahren 1918 bis 1924, Dornach 1980, GA277 (im Folgenden zitiert als: Steiner, Die Offenbarung).
13 Als Autoreferat werden die von Rudolf Steiner selbst verschriftlichten Vorträge bezeichnet. In vielen Fällen handelt es sich dabei um überarbeitete Stenogrammausschriften. Vgl. Mail: Johannes Nilo, Bibliothekar am Goetheanum, am 21. Juli 2010.
14 „Ich schrieb damals mit, die Vorträge selbst wie auch die Fragenbeantwortung.“ (Kleeberg, Ludwig: Wege und Worte. Erinnerungen an Rudolf Steiner aus Tagebüchern und aus Briefen, Stuttgart, 2., ergänzte und erweiterte Auflage 1961, S. 119; im Folgenden zitiert als: Kleeberg, Wege)
15 Vgl. Grandt, Michael: Schwarzbuch Waldorf, Gütersloh 2008, S. 13 (im Folgenden zitiert als: Grandt, Waldorf). Die von der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung 1961/1962 veröffentlichte bibliographische Übersicht verzeichnet unter der Bezeichnung Schriften 27 Werke. (Vgl. Übersicht, in: Steiner, Entstehung und Entwickelung, S. 211.)
16 Vgl. Kugler, Walter: Rudolf Steiner – hautnah, in: Anthroposophie. Vierteljahrsschrift zur anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Hrsg.: Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland e. V, Frankfurt, 62. Jg., Nr. 246, Weihnachten 2008, S. 374.
17 „Wie schon gesagt wurde damals nicht immer ein offizielles Stenogramm aufgenommen. Ich selbst stenographierte nicht, sondern schrieb einfach nach, wie ich es im Kolleg zu tun gewohnt war […].“ (Kleeberg, Wege, S. 119). Zu Ludwig Kleeberg siehe Personenverzeichnis.
18 Vgl. Belyj, Andrei: Verwandern des Lebens. Erinnerungen an Rudolf Steiner, Basel, 3. Auflage 1990, S. 263 (im Folgenden zitiert als: Belyj, Erinnerungen). Zu Andrej Belyj siehe Personenver zeichnis.
19 Bugajewa, Klawdija Nikolajewna: Wie eine russische Seele Rudolf Steiner erlebte, Basel 1987, S. 13 (im Folgenden zitiert als: Bugajewa, Erlebnisse).
20 Vgl. Fäth, Design, S. 100.
21 Die mit Rudolf Steiner näher vertrauten Schüler sprechen in ihren Erinnerungsberichten häufig vom Doktor. Gemeint ist dabei Doktor Steiner. Seine Anweisungen wurden mündlich weiterge geben, oft mit dem einleitenden Satz: Der Doktor hat gesagt. In Bezug auf die innenarchitektoni schen Veränderungen der ausgearbeiteten Eurythmieräume steht der Begriff Doktor-Angaben im Zusammenhang mit Hermann Ranzenberger. Viele dieser Doktor-Angaben wurden veröffentlicht in: Krause-Zimmer, Ranzenberger.
22 Vögele, Wolfgang G. (Hrsg.): Der andere Rudolf Steiner, Dornach 2005, S. 12 (im Folgenden zitiert als: Vögele, Augenzeugenberichte).
23 Vgl. Kisseleff, Tatjana: Ein Leben für die Eurythmie, Autobiographisches ergänzt von Brigitte Schreckenbach, Borchen 2005, S. 119 (im Folgenden zitiert als: Kisseleff, Autobiographisches). Die Herausgeberin erfasste den ursprünglich kyrillisch geschriebenen Vornamen mit einem J. Mehr zu unterschiedlichen Schreibweisen siehe ‚AugenzeugInnenberichte‘, S. 27.
24 Selbst für die erste öffentliche Eurythmie-Aufführung in Zürich werden zwei Daten angegeben. Alice Fels schreibt den 9. Februar. (Vgl. Fels, Alice: Vom Werden der Eurythmie, Dornach 1986, S. 28: im Folgenden zitiert als: Fels, Vom Werden.) Durch ein faksimiliertes Plakat wird als Datum der Aufführung der 24. Februar 1919 belegt. (Steiner, Entstehung und Entwickelung, S. 114) Da auch die Neue Zürcher Zeitung zur Aufführung am 24. Februar 1919 einlädt, nenne ich im Weiteren dieses Datum. (Vgl. Neue Zürcher Zeitung, 24. Februar 1919, zweites Mittagblatt, Nr. 280: im Folgenden zitiert als: Neue Zürcher Zeitung, 24. Februar 1919.)
25 Die Eurythmistinnen Elisabeth Baumann-Dollfus und Annemarie Dubach-Donath stehen auf dem Programm der Eurythmie-Aufführung am 24. Februar 1919 als: „Elisabeth Dollfuss […,] Anna Marie Donath […] u. a.“ (Steiner, Entstehung und Entwickelung, S. 114).
26 Vgl. Kux, Ralph: Erinnerungen an Rudolf Steiner, herausgegeben von Willi Kux, Privatdruck, ohne Ort, ohne Jahr, ohne Paginierung (im Folgenden zitiert als: Kux, R.: Erinnerungen, o. A.). Zu Ralph Kux siehe Personenverzeichnis.
27 Vgl. Fels, Vom Werden.
28 Vgl. Siegloch, Magdalene: Lory Maier-Smits. Die erste Eurythmistin und die Anfänge der Eurythmie, Dornach 1993 (im Folgenden zitiert als: Siegloch, Lory).
29 Vgl. Kisseleff, Autobiographisches.
30 Zu Annemarie Dubach-Donath siehe Personenverzeichnis.
31 Vgl. Dubach-Donath, Annemarie: Die Kunst der Eurythmie/Erirrnerungen, Dornach, 1. Auflage in dieser Zusammenstellung 1983 (im Folgenden zitiert als: Dubach, Erinnerungen).
32 Vgl. Kisseleff, Tatiana: Eurythmie. Erinnerungen aus den Jahren 1912–1927, Karlsruhe 1949 (im Folgenden zitiert als: Kisseleff, Erinnerungen). Das Buch von Tatiana Kisseleff wurde unter dem Titel „Eurythmie-Arbeit mit Rudolf Steiner“ im Jahr 1982 neu aufgelegt und erweitert (im Folgen den zitiert als: Kisseleff, Eurythmie-Arbeit mit).
33 Die Erinnerungen wurden veröffentlicht in: Steiner, Entstehung und Entwickelung.
34 Zu Marie Savitch siehe Personenverzeichnis.
35 Vgl. Bugajewa, Erlebnisse.
36 Vgl. Kisseleff, Erinnerungen, S. 15.
37 Zu Maria Jenny-Schuster siehe Personenverzeichnis.
38 Die vier Gespräche finden sich in drei Veröffentlichungen: 1. Jenny-Schuster, Maria: Interview mit Mirjam Hege am 24. 04. 1998, in: Rundbrief der Sektion für redende und musizierende Künste, Hrsg: Sektion für Redende und Musizierende Künste, Dornach, Michaeli 2007, S. 109-113 (im Folgenden zitiert als: Jenny, Interview): 2. Zusammenfassung eines Gesprächs 2003, ohne Tagesangabe, ohne Autorenangabe, mit dem Titel: Wir hatten keine „Ausbildung“ , in: Auftakt, Hrsg.: Berufsverband der Eurythmisten in Deutschland e. V., Freiburg, Juni-September 2005, S. 6-8 (im Folgenden zitiert als: Jenny, Wir hatten keine): 3. Jenny[-Schuster], 26. Februar 2007 und am 17. März 2007 mit Stefan Hasler und Päivi Lappalainen, in: Rundbrief der Sektion für redende und musizierende Künste, Hrsg: Sektion für Redende und Musizierende Künste, Dornach, Michaeli 2008, S. 102-111 (im Folgenden zitiert als: Jenny, Gespräche). Der Rundbrief erhielt Michaeli 1998 ein neues Titelblatt. Der Herausgeber, die Sektion für Redende und Musizierende Künste, wird seitdem auf dem Titelblatt in Kleinbuchstaben geschrieben. Hintergründe zur veränderten Orthographie ließen sich nicht ermitteln.
39 Zu Edith Biermann-Binnie siehe Personenverzeichnis.
40 Vgl. Steiner, Entstehung und Entwickelung.
41 Vgl. Rudolf Steiner über eurythmische Kunst, herausgegeben von Eva Froböse, Köln 1983 (im Folgenden zitiert als: Steiner, Über eurythmische Kunst).
42 Vgl. Gillert, Ursula-Ingrid: Die Eurythmie und ihre Hüllen, in: Stil. Goetheanistisches Bilden und Bauen, Hrsg. und Verl.: Wilhelm Oberhuber, Kirchzarten, IX. Jg., Heft 1, Ostern 1987/88 (im Folgenden zitiert als: Gillert, Eurythmie).
43 Vgl. Gleser, Katharina: Die Eurythmiemeditation, Dornach 2007 (im Folgenden zitiert als: Gleser, Eurythmiemeditation).
44 Vgl. Hasler, Stefan: Die Toneurythmieformen von Rudolf Steiner, Dornach 2009 (im Folgenden zitiert als: Hasler, Toneurythmieformen).
45 Siehe Anmerkung 38.
46 Vgl. Plato, Bodo von (Hrsg.): Anthroposophie im 20. Jahrhundert, Dornach 2003.
47 Vgl. Lindenberg, Christoph: Rudolf Steiner. Eine Chronik, Stuttgart 1988 (im Folgenden zitiert als: Lindenberg, Chronik).
48 Vgl. Lierl, Karl/Roder, Florian (Hrsg.): Anthroposophie wird Kunst, München 2008.
49 Vgl. Parr, Eurythmie.
50 Diese Übersetzung verdanke ich Dr. Silke Kirch.
51 Vgl. http://www.tesisenxarxa.net/TDX-0226110-132003 (am 14.06.2010)
52 Vgl. Ohlenschläger, Sonja: Rudolf Steiner. Das architektonische Werk, Petersberg 1999 (im Fol genden zitiert als: Ohlenschläger, Steiner).
53 Vgl. Pehnt, Wolfgang/Dix, Thomas: Rudolf Steiner. Goetheanum Dornach, o. A., 1991 (im Folgenden zitiert als: Pehnt, Goetheanum).
54 Fäth, Design, Buchtitel.
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