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Rosa Mayreder, eine österreichische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, widmet sich in ihrem Werk 'Zur Kritik der Weiblichkeit' der Analyse von Geschlechterrollen und -stereotypen im frühen 20. Jahrhundert. Das Buch zeichnet sich durch einen feministischen Ansatz aus und bietet eine scharfe Kritik an der Unterdrückung von Frauen in der Gesellschaft. Mayreder präsentiert ihre Argumente in einem klaren und prägnanten Stil, der sowohl intellektuell anspruchsvoll als auch zugänglich ist. Durch die Einbeziehung von Literatur, Philosophie und Soziologie schafft sie eine vielschichtige Argumentation, die die Leser zum Nachdenken anregt. 'Zur Kritik der Weiblichkeit' ist somit ein wichtiger Beitrag zur feministischen Literaturgeschichte und bietet einen einzigartigen Einblick in die damalige Diskussion über Frauenrechte und Gleichberechtigung. Das Buch ist für Leserinnen und Leser, die sich für feministische Theorie und Genderstudien interessieren, sehr empfehlenswert und liefert wertvolle Einsichten in die historische Entwicklung der Geschlechterdebatten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Zwischen der hartnäckigen Behauptung einer ewigen, naturgegebenen Weiblichkeit und der widersprüchlichen, von Kultur, Macht und Erfahrung geprägten Wirklichkeit spannt Rosa Mayreders Zur Kritik der Weiblichkeit den gedanklichen Bogen, indem es die scheinbare Selbstverständlichkeit des Geschlechtsbegriffs prüfend auflöst und zeigt, wie Normen, Ideale und Institutionen aus Annahmen geformt werden, die weniger der Natur als historischen Interessen entspringen, wodurch die Lektüre zu einer Prüfung der Grundlagen wird, mit denen Gesellschaften die Hälfte ihrer Mitglieder definieren, lenken und beurteilen, und zugleich zu einer Einladung, Freiheit und Verantwortung anders zu denken, und die Perspektive auf Gleichheit und Differenz neu justiert.
Als essayistische Schrift der kulturkritischen Geschlechterdebatte erscheint Zur Kritik der Weiblichkeit erstmals 1905 und gehört in den Kontext der intellektuellen Umbruchszeit um die Jahrhundertwende in Österreich-Habsburg. Schauplatz ist nicht eine erzählte Welt, sondern die soziale und diskursive Realität, in der Vorstellungen von Weiblichkeit Wissenschaft, Bildung, Arbeit, Ehe und Moral strukturieren. Mayreder greift die gängigen Deutungen ihrer Zeit auf, ordnet sie, vergleicht und prüft sie auf ihre Voraussetzungen. Damit verankert sich das Buch im Spannungsfeld zwischen Moderne und Tradition, zwischen bürgerlicher Lebensordnung und dem Anspruch auf individuelle Selbstbestimmung. Sein Genre ist die argumentierende, historisch wache Gesellschaftsanalyse.
Ausgangssituation ist eine Kultur, die Weiblichkeit als Naturtatsache behandelt und daraus Normen ableitet, die Frauen wie Männer in vorgezeichnete Rollen pressen. Mayreder setzt hier an und entfaltet eine präzise, oft überraschend nüchterne, doch deutlich engagierte Prüfung jener Prämissen. Die Stimme ist reflektiert, unaufgeregt und zugleich insistierend; der Stil verbindet klare Begriffsarbeit mit anschaulichen Beispielen aus Alltags- und Diskurswelt, ohne in Anekdoten zu verfallen. Der Ton bleibt respektvoll, wo er analytisch scharf ist, und einladend, wo er Forderungen andeutet. Leserinnen und Leser begegnen einer Autorin, die argumentativ führt statt zu verkünden.
Zentrale Themen sind die kulturelle Konstruktion von Geschlecht, die Macht von Stereotypen und die Art, wie Institutionen vermeintlich natürliche Unterschiede bestätigen und dadurch fortschreiben. Mayreder untersucht, welche Rolle Erziehung, Sprache, Religion, Wissenschaft und bürgerliche Moral dabei spielen, Erwartungen an Körper, Charakter und Lebensform zu fixieren. Dabei richtet sie den Blick auf Freiheit und Verantwortung des Individuums ebenso wie auf die Grenzen, die eine Ordnung setzt, die sich auf Tradition beruft. Wiederkehrend ist die Frage, wie Gleichheit und Differenz zusammenzudenken sind, ohne in Hierarchie, Vormundschaft oder romantisierende Idealisierung zurückzufallen. Ihre Analyse arbeitet mit begrifflicher Genauigkeit und mit Sinn für gesellschaftliche Folgen.
Formal begegnet das Buch als Folge argumentativer Kapitel, die Fragen stellen, Begriffe prüfen und Gegensätze freilegen, statt eine geschlossene Lehre zu verkünden. Mayreder verbindet philosophische Reflexion, kulturhistorische Beobachtung und systematische Kritik zu einer kohärenten Bewegung des Denkens. Sie befragt Selbstverständlichkeiten und zeigt, wie aus Gewohnheit Geltung wird. Der Text arbeitet mit behutsamen Zuspitzungen, wiederkehrenden Rückfragen und einem durchdachten Aufbau, der Leserinnen und Leser an die Kante ihrer eigenen Annahmen führt. Dadurch entsteht ein analytisches, zugleich anregendes Leseerlebnis, das nicht überredet, sondern überzeugt, weil es Gründe offenlegt und Alternativen denkbar macht.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Zur Kritik der Weiblichkeit relevant, weil es die Mechanismen sichtbar macht, mit denen Geschlechterrollen entstehen, sich verfestigen und als Natur verkauft werden. Wo Debatten um Gleichstellung, Care-Arbeit, Bildungschancen, Körperbilder oder sexuelle Selbstbestimmung geführt werden, liefert Mayreders Analyse Begriffe und Maßstäbe, um Argumente zu prüfen und blinde Flecken zu bemerken. Sie erinnert daran, dass Reformen ohne begriffliche Klärung kurz greifen, und dass Freiheit nie nur privat, sondern immer institutionell gerahmt ist. Wer die Gegenwart verstehen will, findet hier ein Instrumentarium, das nüchtern klärt, statt polarisierend zu verhärten.
So erweist sich das Werk weniger als Dokument vergangener Kontroversen denn als lebendige Denkschule, die zur selbstkritischen Prüfung eigener Voraussetzungen anleitet. Wer es liest, findet keine fertigen Parolen, sondern ein belastbares Raster, um Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit im Alltag, in Medien, in Politik und Bildung zu durchleuchten. In seiner Klarheit und Ruhe bietet es Orientierung, ohne Simplifizierungen zu befördern. Zugleich fordert es dazu auf, die gewonnenen Einsichten praktisch zu erproben: im Gespräch, in Entscheidungen, in Strukturen. Zur Kritik der Weiblichkeit bleibt damit ein Buch, das Denken in Handlung überführt.
Rosa Mayreders Zur Kritik der Weiblichkeit ist eine Sammlung kulturkritischer Essays aus dem frühen 20. Jahrhundert, die den Begriff Weiblichkeit auf seinen gesellschaftlichen Herstellungscharakter hin befragt. Aus einer humanistisch-feministischen Perspektive untersucht die Autorin, wie Vorstellungen vom weiblichen Wesen entstehen, tradiert werden und politische wie persönliche Wirkungen entfalten. Anstatt eine geschlossene Theorie zu präsentieren, entwickelt sie eine Folge miteinander verbundener Argumente, die von philosophischen Voraussetzungen über soziale Institutionen bis zu Fragen der Moral reichen. Den Auftakt bildet die skeptische Prüfung jener Begriffe, mit denen ihre Zeit Geschlecht beschreibt, und die Frage, ob Naturannahmen kulturelle Hierarchien verdecken.
Ausgehend von dieser Problemstellung zeichnet Mayreder nach, wie kulturelle Erzählungen Weiblichkeit als Essenz festschreiben. Sie analysiert Metaphern, Tugendkataloge und Erziehungsleitbilder, die Frauen auf Fürsorge, Passivität und Mütterlichkeit festlegen, und fragt nach den Interessen, die solche Bilder stützen. Zentral ist der Unterschied zwischen biologischer Gegebenheit und gesellschaftlicher Zuschreibung: Körperliche Unterschiede erklären weder Begabung noch Berufung. Indem sie die Sprache der Zeit seziert, zeigt sie, wie scheinbar neutrale Kategorien Normen transportieren. Der argumentative Schwerpunkt liegt darauf, die vermeintliche Natürlichkeit weiblicher Eigenschaften zu relativieren und die Offenheit individueller Entwicklung gegen starre Rollenmodelle zu verteidigen.
Im nächsten Schritt richtet sich die Kritik gegen naturwissenschaftlich klingende Deutungen, die Geschlechterordnung als biologisches Schicksal ausgeben. Mayreder prüft zeitgenössische Theorien über Vererbung, Sexualtrieb und Intelligenz auf ihre Voraussetzungen und Grenzbereiche, ohne den Wert empirischer Forschung pauschal zu bestreiten. Ihr Fokus liegt auf den Übergängen, an denen Daten in kulturelle Dogmen umschlagen. Insbesondere wendet sie sich gegen die Reduktion des Weiblichen auf Fortpflanzung und Gefühligkeit und betont, dass Fähigkeiten situativ wachsen. Dadurch wird der Geltungsanspruch deterministischer Modelle relativiert, während ein Verständnis von Persönlichkeit gewinnt, das Entwicklung, Erfahrung und soziale Rahmung betont.
Einen großen Abschnitt widmet die Autorin den sozialen Institutionen, in denen Geschlechterbilder verfestigt werden. Sie behandelt Ehe, Familie, Erziehungswesen und Arbeitswelt sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen, die weibliche Abhängigkeit stabilisieren. Besonderes Gewicht erhält die Doppelmoral der Sexualethik, von der Regulierung der Prostitution bis zu bürgerlichen Anständigkeitsnormen, die Freiheit und Verantwortung ungleich verteilen. Anhand solcher Felder macht sie sichtbar, wie Machtverhältnisse Verhalten strukturieren und Selbstbilder prägen. Ohne einfache Lösungen zu versprechen, lotet sie die Voraussetzungen einer gerechteren Ordnung aus, in der ökonomische Selbstständigkeit, Bildungschancen und glaubwürdige Moralstandards nicht mehr nach Geschlecht differenziert werden.
Parallel dazu untersucht Mayreder das Bild der Männlichkeit, das sie nicht als natürliche Norm, sondern als historisch gewachsenes Machtideal begreift. Sie beschreibt, wie Erwartungen an Stärke, Konkurrenz und Überlegenheit auch Männer in Rollen zwingen und ein Verhältnis der Geschlechter erzeugen, das auf Distanz, Misstrauen und Instrumentalisierung beruht. Dem setzt sie die Skizze einer partnerschaftlichen Ethik entgegen, die Gegenseitigkeit, Respekt und Verantwortlichkeit betont. Diese Ethik soll nicht das Feminine erhöhen, sondern menschliche Beziehungen von hierarchischen Zuschreibungen entlasten. Dadurch verschiebt sich die Frage von geschlechtsbezogenen Tugenden hin zu Bedingungen gelingender, frei vereinbarter Kooperation.
Konsequent weitergedacht, münden die Analysen in Forderungen nach Reformen, die Freiheit praktisch absichern. Dazu zählen der breite Zugang zu Bildung, die Öffnung der Berufe, Rechtsgleichheit im Zivilstand und eine Neubewertung der Sexualmoral, die Verantwortung statt Repression in den Vordergrund rückt. Mayreder verbindet diese Anliegen mit einer Kulturkritik, die die Rolle von Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit bei der Veränderung von Leitbildern betont. Nicht der abrupte Bruch, sondern die beharrliche Umgestaltung von Gewohnheiten erscheint als Weg. Feminismus erscheint hier als allgemeine Humanisierung der Gesellschaft, die individuelle Begabungen unabhängig vom Geschlecht wirksam werden lässt.
Im Ergebnis bietet Zur Kritik der Weiblichkeit keinen Kanon fertiger Antworten, sondern ein Instrumentarium, um Mythen über das Geschlecht zu erkennen und zu verlernen. Das Werk bündelt philosophische Reflexion und gesellschaftliche Diagnose zu einer frühen, einflussreichen Kritik des Essentialismus, die den Blick auf strukturelle Bedingungen schärft. Seine nachhaltige Wirkung liegt in der Ermutigung, kulturelle Selbstverständlichkeiten zu prüfen und die Grenzen zwischen Natur und Norm immer wieder neu zu bestimmen. So bleibt der Text ein Anstoß für Diskussionen über Gleichheit, Differenz und gemeinsame Maßstäbe – und für eine Praxis, die Freiheit als geteilte Aufgabe begreift.
Rosa Mayreders Zur Kritik der Weiblichkeit erschien 1905 in Wien, im späten Habsburgerreich, dessen Institutionen das gesellschaftliche Klima prägten. Die Doppelmonarchie regelte Geschlechterrollen durch Gesetz und Verwaltung, gestützt auf das Allgemeine bürgerliche Gesetzbuch und eine Sittenpolizei, die Sexualität überwachte. Universitäten und Akademien öffneten sich Frauen nur zögerlich, während die katholische Kirche moralische Normen beeinflusste. Zeitungen, Kaffeehäuser und literarische Zirkel verbreiteten neue Ideen der Moderne. Bürgerliche Vereine und Berufsverbände strukturierten Öffentlichkeit und Partizipation. In diesem Spannungsfeld aus imperialer Bürokratie, Bildungswesen, Kirchenautorität und einer vitalen urbanen Presse verortet sich Mayreders kritische Intervention.
Die österreichische Frauenbewegung formierte sich seit den 1890er Jahren in neuen Vereinen und Netzwerken. 1893 gründeten Auguste Fickert, Marie Lang und Mitstreiterinnen den Allgemeinen Österreichischen Frauenverein, der Bildung, Arbeitsschutz und politische Rechte einforderte. 1902 entstand der Bund Österreichischer Frauenvereine als Dachorganisation vieler bürgerlicher Gruppen. Parallel organisierten sich sozialdemokratische Arbeiterinnen in Parteistrukturen und Gewerkschaften. Streitpunkte waren der Zugang zu weiterführender Bildung, die rechtliche Stellung verheirateter Frauen, die Reglementierung der Prostitution und die Frage des Wahlrechts. Mayreders Buch steht in direkter Nähe zu diesen Initiativen und übersetzt die Forderungen in eine systematische Kritik zeitgenössischer Geschlechterideologien.
Das intellektuelle Wien um 1900 war von widersprüchlichen Strömungen geprägt. Sigmund Freud veröffentlichte 1900 Die Traumdeutung und schob psychologische Deutungen des Geschlechts an. Der in Wien wirkende Psychiater Richard von Krafft-Ebing popularisierte sexualwissenschaftliche Klassifikationen. Sozialdarwinistische und biologisierende Argumente wurden in Presse und Hörsälen verhandelt. 1903 erschien Otto Weiningers Geschlecht und Charakter, dessen essenzialistische Thesen breite Resonanz auslösten. Auch die Rezeption Nietzsches nährte Debatten über Moral und Kultur. Mayreders Schrift setzt an dieser Diskurslage an, prüft deren Voraussetzungen und widerspricht reduktionistischen Konzepten, die Weiblichkeit als naturhafte, statische Größe definieren wollten. Ihre Argumentation bedient sich kulturhistorischer und sozialkritischer Beispiele.
Rechtlich und sozial waren Frauen in der Habsburgermonarchie um 1900 benachteiligt. Das Familienrecht des ABGB statuierte die Vorrangstellung des Ehemannes; die Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen und die Verwaltung von Vermögen standen unter Einschränkungen. Politische Rechte blieben Frauen verwehrt, Vereins- und Versammlungsfreiheit war begrenzt und wurde polizeilich überwacht. Der Zugang zu höheren Schulen und Universitäten erweiterte sich zwar schrittweise, blieb aber fachspezifisch und von Genehmigungen abhängig. Medizinische und juristische Professionen waren nur ausnahmsweise erreichbar. Diese Rahmenbedingungen lieferten den Hintergrund für Mayreders Analyse der alltäglichen Abhängigkeiten und symbolischen Ordnungen, die Geschlechterhierarchien stabilisierten und als Naturgegebenheiten ausgegeben wurden.
Die wirtschaftliche Modernisierung veränderte Lebensläufe und Geschlechterrollen. Industrie und Dienstleistungssektor wuchsen, Frauen arbeiteten in Textilbetrieben, als Hausangestellte und in Büros, oft schlecht bezahlt und ohne Absicherung. Die Sozialdemokratie organisierte Massen, verband Lohnfragen mit Bildungs- und Gleichberechtigungsforderungen. Um 1905 kulminierten Auseinandersetzungen um eine Wahlreform; 1907 führte Cisleithanien das allgemeine Männerwahlrecht ein, Frauen blieben jedoch von nationalen Wahlen ausgeschlossen. Diese Konstellation machte Spannungen zwischen bürgerlicher Reformpolitik und arbeiterbewegter Agitation sichtbar. Mayreders Kritik reflektiert, wie ökonomische Abhängigkeit, Moralvorschriften und politischer Ausschluss ineinandergreifen und weibliche Autonomie im Alltag wie im öffentlichen Raum begrenzen. Zugleich veränderten neue Konsum- und Medienwelten Erwartungen an Weiblichkeit.
Zeitgleich erschütterten Kultur- und Sittlichkeitsdebatten die Metropole. Künstler der Wiener Secession, Schriftsteller und Journalisten stellten Konventionen infrage; Kaffeehäuser und Feuilletons dienten als Resonanzräume. Fragen von Sexualmoral, öffentlicher Gesundheit und „sozialer Hygiene“ erhielten Aufmerksamkeit, nicht zuletzt wegen der Ausbreitung venerischer Krankheiten. Die polizeiliche Reglementierung der Prostitution wurde von Frauenvereinen scharf kritisiert, weil sie doppelte Standards zementierte und weibliche Körper kontrollierte. In diesem Umfeld diskutierte man Sexualpädagogik, Eheethik und die Grenzen ärztlicher Autorität. Mayreders Beitrag nimmt diese Diskurse auf, kontrastiert staatliche Kontrollpraktiken mit Forderungen nach Selbstbestimmung und analysiert, wie Moralpolitiken Ungleichheit institutionalisieren.
Rosa Mayreder war in der Wiener Frauenbewegung organisatorisch und publizistisch präsent, unter anderem im Umfeld des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins. Sie veröffentlichte Aufsätze in reformorientierten Zeitschriften und Zeitungen; zentrale Motive ihrer späteren Buchkapitel wurden bereits zuvor öffentlich diskutiert. Zur Kritik der Weiblichkeit erschien 1905 als zusammenhängende, argumentativ zugespitzte Darstellung. Zeitgenössische Reaktionen spannten sich von Zustimmung progressiver Kreise bis zu scharfer Ablehnung konservativer Stimmen. Die Debatte verlief über Vortragsabende, Vereinsversammlungen und die Tagespresse. So wurde das Werk nicht nur gelesen, sondern als Beitrag zu laufenden Auseinandersetzungen um Wissen, Moral und Geschlechterordnung unmittelbar verhandelt.
Im Rückblick erscheint Mayreders Buch als konzentrierter Kommentar zur Epoche des Wiener Fin de Siècle und der späten Doppelmonarchie. Es bündelt Erfahrungen der Vereinsarbeit mit einer Kritik an Biologismus, Doppelmoral und obrigkeitsstaatlichen Kontrollregimen. Indem es kulturelle Zuschreibungen von „Weiblichkeit“ historisiert und Machtverhältnisse offenlegt, widerspricht es Leitideologien, die Ungleichheit naturalisierten. Zugleich verknüpft es Forderungen nach Bildung, Berufszugang und politischer Teilhabe zu einem kohärenten Reformprogramm. Damit dokumentiert das Werk zentrale Konfliktlinien seiner Zeit und macht sichtbar, wie um 1900 Wissen, Recht und Kultur über den Status von Frauen verhandelt wurden. Seine analytische Nüchternheit trug zur dauerhaften Relevanz im deutschsprachigen Feminismus bei.
Ich habe mich in diesem Buche nach meiner Weise mit den Problemen der Frauenbewegung[1] beschäftigt. Wenn ich auch in einigen Punkten nicht mit ihr übereinstimme, so halte ich doch die Frauenbewegung für eine jener Erscheinungen, durch welche sich die Gegenwart vor allen vorhergehenden Epochen menschlicher Geschichte vorteilhaft unterscheidet – noch mehr: sie scheint mir eine der höchsten Auszeichnungen einer Zeit zu sein, die im übrigen durch ihre Verarmung an Idealen, an hochgestimmten Gefühlen, an gläubigem Enthusiasmus den Charakter des Niedergangs trägt.
Vieles in meinen Ausführungen mag schon oft ausgesprochen worden sein – die ersten Aufzeichnungen sind fünfzehn Jahre alt, und der Anstoß dazu reicht in meine frühesten Jugenderlebnisse zurück – aber den Kenner der einschlägigen Literatur werden die neuen Gesichtspunkte, die hier aufgerollt sind, für die bekannten entschädigen, die er mit in den Kauf nehmen muß; und die Nichtkenner, die ja gegenüber den Ideen der Frauenbewegung immer noch die erdrückende Mehrzahl sind, müssen zufrieden sein, wenn sie ein möglichst umfassendes Bild davon gegeben finden. Auch die Wiederholungen, welche die lose Form der Aneinanderreihung mit sich brachte – zum Teil sind diese Essays schon in Zeitschriften veröffentlicht worden – dürfen denjenigen nicht verdrießen, der weiß, daß gewisse Dinge nicht oft genug wiederholt werden können, weil das Selbstverständliche nicht das Herrschende, das Bewiesene nicht das Anerkannte ist.
Die Bestrebungen der Frauenbewegung lassen sich auf drei verschiedene Ursachen zurückführen, und sie zielen nach drei verschiedenen Richtungen, die meines Erachtens nicht miteinander verwechselt werden dürfen, wenn sie auch auf das innigste zusammenhängen und erst in ihrer Gesamtheit das Wesen der Frauenbewegung ausmachen. Diese dreifache Wurzel ist die ökonomische, die soziale und die ethisch-psychologische.
Während der letzten Jahre, in denen die Bewegung aus dem theoretischen Stadium in das realpolitische überzugehen begann, haben die ökonomischen und sozialen Probleme den Vordergrund behauptet; das ethisch-psychologische ist daneben mehr zurückgetreten. Ich meinesteils habe das ökonomische gar nicht, das soziale nur vorübergehend behandelt. Wenn ich auch keineswegs verkenne, daß ohne die ungeheuere wirtschaftliche Umwälzung, die durch die Maschine hervorgerufen wurde, die ideellen Forderungen der Frauenbewegung schwerlich eine Verwirklichung erfahren könnten, so lege ich doch ein besonderes Gewicht darauf, daß es nicht die materielle sondern die ideelle Seite der Frage war, die historisch ihren Ausgang gebildet hat; und wie hoch man auch praktisch den Einfluß ökonomischer Momente bewerten muß, die ideellen Postulate der Frauenbewegung sind doch ihr wichtigster Bestandteil. Denn alle wirtschaftlichen Errungenschaften würden sehr wenig an dem innerlichen Verhältnis der Geschlechter ändern, und der selbständige Erwerb wäre nur eine neue Form der Abhängigkeit für die Frau, wenn nicht ganz andere Entwicklungseinflüsse zu ihren Gunsten wirksam werden.
Nicht von der »Großmut und Gerechtigkeit der Männer«, wie der alte Hippel meinte, kann das weibliche Geschlecht die Anerkennung der Gleichberechtigung erwarten. Obwohl ich persönlich unbedingt glaube, daß diese Eigenschaften die Auszeichnung der edlen Männlichkeit bilden, so bin ich doch der Meinung, daß die Welt durch elementare Vorgänge und nicht durch Großmut und Gerechtigkeit bewegt wird. Wie für die ökonomischen Lebensbedingungen gilt das auch für die ethisch-psychologischen Beziehungen der Geschlechter zueinander.
Ich hebe das ausdrücklich hervor, um mich im vorhinein gegen den Vorwurf zu verwahren, als wollte ich für das weibliche Geschlecht gegen das männliche Partei ergreifen. Der Frage, ob einem von beiden Geschlechtern der Vorzug gebühre, bin ich aus dem Wege gegangen. Um da ohne Voreingenommenheit Richter zu sein, dürfte man keinem von beiden angehören. Wenn ich ganz privatim und unverbindlich meinen subjektiven Geschmack bekennen sollte, so würde ich wohl dem männlichen Geschlechte den Vorzug geben – aber das scheint eben eine weibliche Voreingenommenheit zu sein, die mit dem Geschlechte zusammenhängt.
Von der Majorität der Männer wie der Frauen gilt leider, was Kant von der Menschheit im allgemeinen sagte: »fragt man, ob die Menschheit als eine gute oder schlimme Rasse anzusehen sei, so muß ich gestehen, daß damit nicht viel zu prahlen sei.« Gewiß! Mit dem gewöhnlichen Weibe ist so wenig zu prahlen wie mit dem gewöhnlichen Manne; und man sollte endlich aufhören, dem einen oder dem anderen Geschlecht als Ganzes eine Zensur auszustellen. Diese Methode der Generalbewertung ist eine der plebejischen geistigen Gewohnheiten der Gegenwart; denn durch sie wird gerade das ausgezeichnete Individuum, der Mensch, der den Durchschnitt überragt, mit der großen Menge zusammengeworfen.
Der Durchschnittsmensch – gleichviel, ob sein Leben sich im Salon oder in der Fabrik abspielt – ist keine interessante Erscheinung; und durch die typischen Geschlechtsmerkmale wird seine Psyche nicht im geringsten anziehender. Erst dort, wo er von dem gewöhnlichen Typus seines Geschlechtes abweicht, wo er etwas Individuelles für sich hat, wo er aus dem Geleise des Herkömmlichen heraustritt, vermag er Interesse einzuflößen. Damit erhält sein Leiden und sein Glück persönliche Schicksalstiefe: es ist nicht mehr gattungsmäßig, also nicht mehr vulgär.
Man könnte den Vorwurf gegen dieses Buch erheben, daß es zu sehr auf den Ausnahmefall der Weiblichkeit und Männlichkeit hinziele; weil hie und da ein atypisches Individuum vorkommt, sei man noch nicht berechtigt, die Geschlechtsdifferenzierung der ganzen Breite nach anzuzweifeln.
Aber was wissen wir von der psychosexuellen Beschaffenheit der Menschen, die wir kennen? Wie schwer ist es überhaupt, die menschliche Psyche in ihrer Nacktheit zu überraschen! Wie ungern läßt sie sich berühren, wie gewandt maskiert sie sich hinter konventionellen Ausflüchten, sobald sie merkt, daß sie beobachtet wird! Und wie plump, wie ungeschlacht sind die Ausdrucksmittel, mit denen wir diesem zarten, flüchtigen, vielgestaltigen Wesen beikommen wollen!
Wird denn ein Mensch, der in seinem Empfinden von dem gewöhnlichen abweicht, verstanden? Teilt er sich denn jenen mit, von welchen er sich unterscheidet? Kann er sich denn beim besten Willen mitteilen? Nur die Oberfläche und das Konventionelle tritt im Verkehr der Menschen untereinander hervor; das Innerliche und Eigenartige enthüllt sich nur dem Gleichgestimmten. Darin liegt mit ein Grund, warum das Atypische so oft unsichtbar bleibt, und das Durchschnittliche den Anschein einer viel größeren Ausbreitung erhält, als es in Wirklichkeit besitzt.
Ohne die Aussagen derjenigen, die in ihren Werken ihr Selbst der Welt geschenkt haben, was wüßten wir von der menschlichen Natur? Solche Aussagen sind das Material, das ich im zweiten Teile dieses Buches auf seine symptomatische Bedeutung hin betrachte. Deshalb hat dieses Buch mehr einen Erkenntniswert als einen propagatorischen. Gegner zu überzeugen, erwarte ich nicht, denn das würde heißen, Andersgeartete zu bekehren. Und ich glaube nicht an eine Verständigung durch intellektuelle Mittel unter Personen von ursprünglicher Wesensverschiedenheit. Auch wenn sie intellektuell einander gleichstehen, werden sie sich gegenseitig durch verstandesmäßige Argumente nicht nähern können, da alle Überzeugungen – zum mindesten die echten – nur Äußerungen der Wesenheit sind. Im Grunde genommen reden wir nicht, um zu überzeugen, sondern um das zu sagen, was die Natur uns aufgetragen hat. Wer in den Künsten des Denkens bewandert ist, weiß, daß sich alles behaupten und beweisen, und alles bezweifeln und widerlegen läßt. Der Kampf der Meinungen, mit welchen Methoden, wie gründlich und sachlich er auch geführt wird, bleibt ein müßiges Spiel, sobald er nicht den Ausdruck für Grundtriebe bedeutet, die in der Individualität des denkenden Subjektes lebendig sind.
Möge dieses Buch jenen, die zu mir gehören, weil sie ähnlich empfinden wie ich, in die Hände gelangen und ihnen die Freude bereiten, die uns erfüllt, wenn wir unser Inneres im Spiegel der Erkenntnis erblicken.
Wien, am letzten Dezember 1904 Rosa Mayreder
Das Problem der Geschlechtspsychologie, in deren Vordergrund die Weiblichkeit steht, bewegt sich der Hauptsache nach um die Frage: Ist das Weib als Persönlichkeit durch das Geschlecht an eine bestimmt umschriebene Geistigkeit gebunden, oder liegt in der weiblichen Psyche die gleiche Möglichkeit einer unbeschränkten Differenzierung nach Individualität wie in der männlichen?
Bei der theoretischen Untersuchung, wie weit der Geschlechtsunterschied in die Psyche des einzelnen Individuums hinübergreife, ist zunächst nicht viel mehr zu holen als die Erkenntnis, daß unter dem weiblichen wie unter dem männlichen Geschlecht eine große Variabilität besteht, daß also ein weiter Spielraum für die Individualität innerhalb der gegebenen physiologischen Grenzen von Mann und Weib übrig bleibt.
Resultate von entscheidender Bedeutung darf man um so weniger erwarten, als diese Untersuchungen sich auf einem Erkenntnisgebiete bewegen, auf dem die grundlegenden Begriffe noch unaufgeklärt und zweifelhaft sind. Die Psychologie ist in dem Kampfe zwischen spiritualistischen und materialistischen Anschauungen, zwischen der dualistischen und monistischen Weltbetrachtung, der das moderne Geistesleben charakterisiert, am schlimmsten weggekommen. Wo man keinerlei Gewißheit über das besitzt, was man überhaupt unter Seele, Geist, Vernunft, Gemüt, oder auch nur Bewußtsein schlechtweg, zu verstehen hat, wo über die Beziehung der seelischen Phänomene zum Körper die divergierendsten Ansichten herrschen – wie sollten dort irgendwelche zuverlässige Anhaltspunkte über die geschlechtliche Differenzierung der menschlichen Psyche gewonnen werden?
Am meisten hat aber die generalisierende Methode, deren man sich hier zu bedienen pflegt, Verwirrung gestiftet. Es heißt immer »das Weib« oder »der Mann«; und man operiert mit diesen Begriffen so, als ob man ein allgemeines »metaphysisches Realwesen«, das in jedem Mann und in jedem Weibe zur Erscheinung kommt, damit bestimmt hätte.
Und doch sind alle Generalurteile über Mann und Weib unverkennbar nach Erfahrungen gefällt, die sich nur auf eine kleinere oder größere Gruppe von Individuen beziehen, nach Erfahrungen, die vielfach durch den Zufall beschränkt, durch die subjektive Natur des Beobachters gefärbt, durch vorgefaßte Meinungen verdunkelt werden. Die Widersprüche, die solchergestalt über »das Weib« in die Welt gesetzt worden sind – »der Mann« ist aus verschiedenen Gründen viel mehr von Pauschalbestimmungen verschont geblieben – wirken besonders deshalb so drastisch, weil alle diese Aussagen durch die generalisierende Formulierung Anspruch auf objektive Gültigkeit erheben. Wer in die Literatur über »das Weib« eingeht, empfängt aus diesen Widersprüchen den barocken Eindruck, daß die eine Hälfte der Menschheit, zum Gegenstand der Erkenntnis gemacht, etwas Unbekanntes, Dunkles, Rätselhaftes ist, daß Wesen, die in der vollen Realität des Lebens gegenwärtig sind, die kraft ihrer natürlichen Aufgaben den gleichen Platz wie der männliche Teil einnehmen, als Fabeltiere behandelt werden, über die man sich Ammenmärchen und Legenden erzählt.
Ja, so schwankend, so unbestimmt ist in Wahrheit der Begriff der Weiblichkeit, daß über die fundamentalsten Eigenschaften, die er bezeichnen soll, durchaus keine Übereinstimmung herrscht.
Eine kleine Blütenlese von Aussprüchen wird das am besten illustrieren[1q]. Jeder davon kann als Repräsentant einer Anschauung gelten, für die sich unschwer viele Belege beibringen ließen.
Da ist vor allem jene Anschauung, nach welcher Fügsamkeit und Unterordnungsbedürfnis zu den charakteristischsten Merkmalen der Weiblichkeit gehören, was Lombroso[2] aus den »Ergebenheitsgefühlen« des Weibes gegenüber dem Manne erklärt, Ergebenheitsgefühle, »wie sie sich zwischen einem höher und einem tiefer stehenden Wesen immer entwickeln.« George Egerton aber, die behauptet, daß in den Augen des Weibes der Mann »ein komisches, großes Kind« sei, nennt »die alte, unersättliche Herrschsucht das Lebenselement des Weibes.«
Nach einer sehr verbreiteten Auffassung ist die Sanftmut eine so allgemeine Begleiterscheinung der Weiblichkeit, daß Virchow[4] Sanftmut geradezu als »eine Dependenz des Eierstockes« bezeichnet; Havelock Ellis[3] aber sagt: »Zornmütigkeit ist eine Form der Affizierbarkeit, die von jeher und wohl mit Recht, dem Weibe zugeschrieben wird.«
Nach einer nicht minder allgemeinen Annahme ist »das Weib« zur Stabilität geneigt und allen Neuerungen abhold. Möbius behauptet: »Die Weiber sind streng konservativ und hassen das Neue«, wie Lombroso: »Auch die Geschichte des öffentlichen Rechtes zeigt die eigentümliche konservative Tendenz des Weibes in ihrem Einfluß auf die soziale Ordnung«; Hippel aber hat gesagt: »Auf dem weiblichen Geschlecht ruht der Geist der Revolution«, und Heine: »Im Geiste der Frauen bleibt immer lebendig und in lebendiger Bewegung das Element der Freiheit.«
Bachhofen findet: »Das Weib trägt das Gesetz in sich; es spricht aus ihm mit der Notwendigkeit und Sicherheit des natürlichen Instinkts«, ebenso Hartpole Lecky: »Nach meinem Dafürhalten sind die Frauen sowohl in der aus freiem inneren Antrieb, als in der aus Pflichtgefühl oder Überzeugung hervorgehenden Tugend überlegen«; Eduard von Hartmann aber sagt: »Das weibliche Geschlecht ist das unrechtliche und ungerechte Geschlecht«, Schopenhauer hält Ungerechtigkeit für den Grundzug des weiblichen Charakters, und Lombroso hat »auch das normale Weib als halbkriminaloides Wesen« kennen gelernt.
Einer sehr allgemeinen Ansicht leiht Julius Düboc mit den Worten Ausdruck: »Es ist ein Zug, der durch die Jahrhunderte geht, daß von dem Weibe nichts Unziemliches ausgehen darf... Das Ziemliche, das ist aber vor allem das Maßvolle.« Die Brüder Goncourt aber schreiben: »Die hauptsächlichste Stärke der Frau ist ein Übermaß in allem.«
Kingsley apostrophiert das Weib als den »einzig wahren Missionär der Zivilisation, der Brüderlichkeit, der zarten vergebenden Liebe,« sein Landsmann Pope aber meinte: »Every woman is in her heart a rake.«
Havelock Ellis ist der Ansicht, daß unter gewöhnlichen Umständen das Weib an Leistungsfähigkeit dem Manne gleich sei: »aber es kann nicht unter Hochdruck arbeiten«; von Horn dagegen: »Geht es ans Erfüllen von schweren Anforderungen, so übertrifft das weibliche Geschlecht oft das männliche bei weitem, so entwickelt es eine Zähigkeit und Ausdauer, die den Mann beschämt.«
Lotze sagt: »Das Weib haßt die Analyse und ist daher nicht imstande, Wahres vom Falschen zu unterscheiden«; Lafitte jedoch: »Das Weib bevorzugt die Analyse der Dinge, der Mann die Beziehungen zwischen den Dingen«, und Lombroso: »In der Synthese und Abstraktion zeigt sich die Intelligenz des Weibes mangelhaft; ihre Stärke liegt in der feinen Analyse, in der scharfen Auffassung der Einzelheiten.« Für solche aber, »welche sich etwas zurechtzulegen wissen«, hat Nietzsche im Gegensatz zu einer sonst fast ungeteilten Anschauung behauptet: »Die Weiber haben den Verstand, die Männer das Gemüt und die Leidenschaft.«
Selbst über die spezifischen Eigentümlichkeiten des Weibes in der Liebe, einem Gebiete, das doch am innigsten mit der Geschlechtsnatur verbunden ist, gehen die Meinungen weit auseinander. So bezeichnen die einen die Treue als einen Grundzug des weiblichen Wesens, da schon durch die Aufgaben der Mutterschaft sein Instinkt in der Liebe auf Dauer gerichtet ist – Krafft-Ebing: »Jedenfalls ist die seelische Richtung des Weibes eine monogame, während der Mann zur Polygamie hinneigt«; oder Schopenhauer: »Die Liebe des Mannes sinkt merklich von dem Augenblick an, wo sie Befriedigung erhalten hat: er sehnt sich nach Abwechslung. Die Liebe des Weibes hingegen steigt eben von jenem Augenblick an... Er sieht sich stets nach anderen Weibern um, sie hingegen hängt fest dem einen an«. Im Gegensatz dazu sagt Lombroso: »Sicher ist jedenfalls, daß sie (die Weiber), wenn ein anderes Verhältnis ihnen mehr praktische Vorteile verspricht, den ersten Geliebten erbarmungslos, oft in der grausamsten Weise im Stich lassen«; und Laura Marholm bestätigt: »Das Weib will spielen, Abwechslung haben, veränderlich sein, der Mann gedeiht in der Einförmigkeit, das Weib verzweifelt darin« – übrigens eine Paraphrase zu jenem alten »La donna è mobile«, das die bekannteste Formel für alle die zahllosen Klagen über die Flatterhaftigkeit und Unbeständigkeit des weiblichen Geschlechtes ist.
Entgegen der allgemeinen Annahme, daß das Charakteristische der weiblichen Liebe in der völligen Hingebung bestehe (»der Mann liebt unter Selbstbehauptung, das Weib unter Selbsthingebung«), bemerkt M. de Lambert: »Die Frauen treiben mit der Liebe ihr Spiel – sie geben sich dazu her, aber sie geben sich ihr nicht hin.« Friedrich Nietzsche hat den Unterschied in der innerlichen Stellung der Geschlechter, wenn sie lieben, so formuliert: »Die Frauen sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, ihr Geliebter möchte ihrer nicht wert sein; die Männer sind es, welche bei der Vorstellung erbleichen, sie möchten ihrer Geliebten nicht wert sein« – wie ja auch Goethe an Frau von Stein geschrieben hat: »Ich möchte im dreifachen Feuer geläutert werden, um Ihrer Liebe wert zu sein« – Mantegazza jedoch, der eine Reihe psychologischer Geschlechtseigentümlichkeiten einander gegenüberstellt, läßt genau umgekehrt den Mann sich fragen: »Ist sie meiner würdig? Kann sie mir genügen?« und das Weib: »Bin ich seiner würdig? Kann ich ihm genügen?«
Es wäre leicht, diese Beispiele ins Unendliche zu vermehren. Dazu kommen jene, welche den psychischen Unterschied der Geschlechter an sich negieren; z.B. Broca: »Mann und Weib würden, wenn sie ganz ihren inneren Impulsen überlassen blieben, zu einer großen Ähnlichkeit gelangen, wie das im Zustande der Wildheit der Fall ist«; oder Montaigne: »Meine Meinung ist, daß Männer und Frauen das nämliche Gepräge tragen; abgesehen von Institutionen und Bräuchen, ist der Unterschied nicht groß.« Auch der Ausspruch Grillparzers gehört hierher: »Das edle Weib ist halb ein Mann, ja ganz«, oder derjenige Baissacs: »Les âmes n'ont pas de sexe«, sowie die Ansicht Swifts: »Ich kenne keine liebenswürdige Eigenschaft an einem Weibe, welche nicht ebenso liebenswürdig an einem Manne wäre. Sogar Bescheidenheit und Sanftmut will ich hiervon nicht ausnehmen; auch kenne ich kein Laster und keine Torheit, welche nicht gleich verabscheuungswürdig an beiden wäre.« Lombroso hingegen erblickt in jeder Annäherung des Weibes an den männlichen Typus – trotz der von ihm aufgestellten Behauptung, daß geniale Frauen sehr häufig männlichen Typus zeigen – eine atavistische Erscheinung: »wir suchen im Weibe vor allem das spezifisch Weibliche; wenn wir das Gegenteil finden, so schließen wir auf eine enorme Anomalie.«
Was also hat es mit einer Sache auf sich, über die jedermann sich andere Vorstellungen macht, die von den einen als etwas Nebensächliches und Untergeordnetes, von den andern als eines der wichtigsten normativen Kriterien betrachtet wird? Wäre man nach so vielen paradoxen Behauptungen und gegensätzlichen Meinungen nicht schließlich berechtigt, dahinter nichts als eine Ausgeburt subjektiver Geschmacksrichtungen oder konventioneller Vorurteile zu suchen?
Es ist ein Verdienst der Frauenbewegung, daß sie den Anstoß zu einer kritischen Beleuchtung dieses ganzen Gebietes gegeben hat[2q]. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte ein geistreicher und subtiler Denker wie Ludwig Feuerbach das Problem mit einer so gänzlich leeren Definition abtun: »Das Wesen des Mannes ist die Männlichkeit, das des Weibes die Weiblichkeit... Was ist die Tugend, die Tüchtigkeit des Menschen als Mannes? Die Männlichkeit. Des Menschen als Weibes? Die Weiblichkeit... Die Tüchtigkeit, die Gesundheit des Menschen besteht demnach nur darin, daß er als Weib so ist, wie er als Weib sein soll, als Mann so, wie er als Mann sein soll.«
Mit dergleichen gibt sich heute nur mehr die oberflächlichste Gedankenlosigkeit zufrieden. Gleichwohl kann man nicht behaupten, daß durch den Kampf der Meinungen vorläufig eine größere Klarheit und Bestimmtheit geschaffen worden wäre. Die Frauenbewegung steht, soweit sie ganz konsequent ist, dem Begriffe der Weiblichkeit gegenüber auf einem skeptischen, wenn nicht völlig negativen Standpunkt; sie bezweifelt oder bekämpft den normativen Wert dieses Begriffes und setzt an seine Stelle die unbeschränkte Freiheit der individuellen Entwicklung; sie legt alles Gewicht auf die gemeinsamen Gebiete zwischen Mann und Weib und fordert in jedem Falle eine von den Geschlechtsnormen unabhängige Berücksichtigung der Eigenart.
Vielleicht ist das der einzige gerechte Standpunkt dem einzelnen Individuum gegenüber, das als ein Naturwesen von unabänderlicher Beschaffenheit in die Welt tritt, vielleicht der einzige, der ohne Phrasen und willkürliche Voraussetzungen bestehen kann. Übrigens, wenn Heine recht hat, daß es das Element der Freiheit ist, das den weiblichen Geist auszeichnet, würde die Frauenbewegung damit sogar den Charakter des »echt Weiblichen« betätigen.
Dennoch wird auf diese Weise das Problem der Geschlechtspsychologie nicht gelöst. Es wird nur umgangen. Wer sich von den Normen der Weiblichkeit unabhängig macht, hat sie nicht zugleich aufgehoben. Wenn auch mit sehr wandelbaren Grenzen, wenn auch als ganz veränderliche Gebilde – sie sind doch ein wesentlicher Bestandteil im geistigen Leben der Menschheit, sie sind das Produkt einer langen Entwicklungsreihe, einer nicht zu unterschätzenden Kulturarbeit.
Das heißt allerdings nicht, zugleich ihre konventionelle Geltung bestätigen. Die Gefahr aber, wieder konventionellen Normierungen Raum zu bieten, liegt in der, neuestens in der Frauenbewegung sich ankündigenden Tendenz, eine fundamentale Verschiedenheit der Geschlechter anzuerkennen, indem man die Mutterschaft zum entscheidenden Faktor erhebt, um von hier aus die Stellung der Frau in der Kultur der Zukunft zu begrenzen. Die Mutterschaft mag als Hindernis der äußeren Gleichstellung mit dem Manne schwer ins Gewicht fallen; als innerlicher Zustand ist sie so wenig ein allgemeingültiges Kriterium der Weiblichkeit, wie irgend eine andere generelle Bestimmung.
Versucht man, einen konkreten Gehalt für das zu finden, was man unter Weiblichkeit verstehen will, so gibt es dafür dreierlei Möglichkeiten. Man kann das Häufige, das Durchschnittliche, das Gewöhnliche als Norm aufstellen; oder man kann ein Idealbild konstruieren, indem man physische Vorgänge als Gleichnis und Analogon für psychische benutzt, und Aktivität und Passivität, Produktivität und Rezeptivität in gegensätzlichen Typen einander gegenüberstellt; oder man kann aus der physiologischen Beschaffenheit zurückschließen auf psychische Eigenschaften, die notwendigerweise damit verknüpft sein müssen.
Durch jede dieser drei Methoden wird ein fiktiver Typus geschaffen, vermittelst dessen man die Geschlechter in eine Majorität sogenannter normaler und in eine Minorität sogenannter abnormer Individuen teilt. Aber schon aus den angeführten widersprechenden Aussagen läßt sich, soweit es sich um die Weiblichkeit handelt, ersehen, daß die Resultate der drei Methoden keineswegs übereinstimmen, so daß Erscheinungen, die nach der einen unter die »abnormen«, also mit der wahren Weiblichkeit unvereinbaren gezählt werden, nach der andern noch in das Gebiet der Normalität fallen und umgekehrt.
Ganz unzulänglich erscheint die Durchschnittsmethode. Abgesehen von den philiströsen Beschränkungen und den subjektiven Vorurteilen, denen sie den Maßstab liefert: es handelt sich bei dem Problem der Geschlechtspsychologie nicht so sehr darum, die bekanntesten und landläufigsten Merkmale aufzuzeigen, aus denen sich generelle Bestimmungen herleiten lassen, sondern vielmehr, ein Naturprinzip bloßzulegen, das widerspruchslos als ein Gemeinsames in dem Wesen aller Weiber – sofern sie körperlich intakte Geschlechtswesen darstellen – zu allen Zeiten und bei allen Völkern nachzuweisen wäre, ein Prinzip, das dort am deutlichsten erkennbar sein müßte, wo die Willkür des menschlichen Bewußtseins noch nicht die Unmittelbarkeit der natürlichen Vorgänge gestört hat – an den weiblichen Geschöpfen des Tierreiches.
Noch weniger kann uns bei der Beurteilung des einzelnen Individuums mit dem Maßstabe gedient sein, den das Idealbild liefert. Vor allem muß man zweierlei auseinanderhalten: die Frage nach dem, was »das Weib« sein soll, und die Frage nach dem, was »das Weib« vermöge seiner Naturanlage ist. Das Idealbild könnte höchstens den Kanon abgeben, nach welchem der Geschlechtswert des Einzelnen unter sozialen oder ethischen Gesichtspunkten zu bemessen wäre; dabei bliebe die Frage dennoch offen, wie weit die Differenzierung nach den Endpolen der Geschlechtlichkeit ein wünschenswertes Ziel sei. Für eine voraussetzungslose, von willkürlichen Annahmen möglichst freie Untersuchung über das, was das Weib wirklich ist, wird nur die dritte Methode in Betracht kommen.
Nach den grundlegenden Voraussetzungen der modernen Naturwissenschaft ist jede Bewußtseinsäußerung an körperliche Vorgänge gebunden. Es scheint also, daß von hier aus eine wesentliche geistige Verschiedenheit der Geschlechter unbedingt zu bejahen wäre. Wenn schon der Geschlechtsunterschied in der Physis des Menschen ein so durchgreifender ist, daß selbst noch die Haare eine Verschiedenheit nach dem Geschlecht erkennen lassen, daß »ein Mann Mann ist bis in seinen Daumen, und ein Weib Weib bis in ihre kleine Zehe« (Ellis), steht es da nicht im vorhinein außer Zweifel, daß der weibliche Körper der Träger einer anderen Seele sein muss als der männliche?
Eine alte physiologische Anschauung hat den Satz aufgestellt: Totus homo semen est; die moderne Physiologie bestätigte ihn. »Das Weib ist eben nur Weib durch seine Generationsdrüse; alle Eigentümlichkeiten seines Körpers und Geistes oder seiner Ernährung und Nerventätigkeit: die süße Zartheit und Rundung der Glieder bei der eigentümlichen Ausbildung des Beckens, die Entwicklung der Brüste bei dem Stehenbleiben der Stimmorgane, jener schöne Schmuck der Kopfhaare bei dem kaum merklichen weichen Flaum der übrigen Haut, und dann wiederum diese Tiefe des Gefühls, diese Wahrheit der unmittelbaren Anschauung, diese Sanftmut, Hingebung, Treue – kurz alles, was wir an dem wahren Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz des Eierstockes.« (Virchow, das Weib und die Zelle.)
An diesem Ausspruch des großen Pathologen fällt vor allem der unvermittelte Sprung von der Aufzählung der sogenannten sekundären Geschlechtscharaktere zu psychischen Eigenschaften auf, deren Zusammenhang mit der geschlechtlichen Differenzierung so wenig erwiesen ist, daß von anderen Beobachtern ganz entgegengesetzte als die typisch weiblichen angeführt werden. Ja das »echte Weib« nach Virchowscher Beschreibung stimmt nicht einmal im Punkte der sekundären Geschlechtscharaktere – unter denen man bekanntlich physische Eigentümlichkeiten versteht, die das Geschlecht zu begleiten pflegen, wie der Kamm des Hahnes, das Geweih des Hirsches, der Bart des Mannes u. dgl. – mit ethnographischen Tatsachen, noch selbst mit dem wechselnden Geschmack der zivilisierten Völker überein. So haben die Männer der zivilisierten Rassen im allgemeinen ein breiteres, also weiblicheres Becken als die Frauen wilder Stämme, während die Männer dieser Stämme den »schönen Schmuck der Kopfhaare« mit den zivilisierten Frauen teilen; die Neigung zur Bartbildung auf der Oberlippe ist als Rassenmerkmal der portugiesischen, spanischen und ungarischen Frauen bekannt; und was die Rundung der Glieder, wie die Entwicklung der Brüste betrifft, so weicht das neueste Modeideal der weiblichen Gestalt, das als »beseeltes Skelett« bezeichnet worden ist, beträchtlich von dem Virchowschen ab. Ob dieses Modeideal eine »Verirrung« ist, kommt dabei gar nicht in Betracht, sondern lediglich die Tatsache, daß die Beschaffenheit vieler Frauen diesem Ideal entspricht. Schon allein die Wandelbarkeit des Geschmackes, durch die immer eine bestimmte Abart zur herrschenden erhoben wird, sollte zur Vorsicht gegenüber dem Begriff des »echten Weibes« mahnen.
Über die physiologischen Eigentümlichkeiten, die das Weib im allgemeinen konstitutionell vom Manne unterscheiden, sind in neuerer Zeit ausgedehnte Untersuchungen angestellt worden. Als die bekanntesten Werke dieser Art können »Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte« von Lombroso und Ferrero, und »Mann und Weib« von Havelock Ellis genannt werden. Besonders das Werk des Engländers, das durch seine planmäßige Anordnung und kritische Methode vor der vielfach angefochtenen Arbeit der italienischen Autoren den Vorzug verdient, enthält eine eingehende und gewissenhafte Zusammenstellung aller exakten wissenschaftlichen Ergebnisse in dieser Richtung. Alles, was meßbar und wägbar am menschlichen Organismus ist, wird hier mit Sorgfalt auf seine psychosexuelle Bedeutsamkeit hin betrachtet. Dennoch muß der Autor am Schlusse seiner Ausführungen bekennen: »Die fundamentalen und wesentlichen Merkmale von Mann und Weib, wie sie vor allem Einfluß äußerer Umstände bestehen, haben wir nicht mit Sicherheit bestimmen können ... Die Einsicht, daß Mann und Weib unter wechselnden Bedingungen innerhalb weiter Grenzen unbestimmbar veränderungsfähig sind, erlaubt uns nicht, starre Dogmen über die besondere Sphäre des einen oder des anderen Geschlechtes aufzustellen ... Ferner sind so viele Tatsachen unter wechselnden Lebensbedingungen wandelbar, daß wir ohne vorausgehende Experimente über das Verhalten des männlichen und weiblichen Organismus unter verschiedenen Bedingungen nichts Bestimmtes aussagen können.«
Da es sich bei diesen Untersuchungen nur um die Feststellung von Tatsachen handelt, wie sie vermittelst der naturwissenschaftlichen Beobachtungsmethoden und statistischer Berechnungen zu gewinnen sind, ist es einleuchtend, daß man auf diesem Wege bei den Symptomen stehen bleibt, ohne zu ihren eigentlichen Ursachen vordringen zu können. Tiefer greift die biogenetische Forschung in das Wesen der Geschlechtsdifferenzierung hinab.
Die physiologischen Funktionen der Ernährung und Fortpflanzung lassen schon in den primitivsten Organismen zweierlei Tendenzen der Lebenstätigkeit erkennen – die eine nach innen, nach Ansammlung gerichtet, die andere nach außen, nach Absonderung. Aus diesen ursprünglichen Tendenzen erklären sich die Besonderheiten der männlichen wie der weiblichen Keimzellen; und das Übergewicht einer dieser Tendenzen entscheidet die Differenzierung des Embryo zu einer verschwenderischen oder zu einer sparsamen Konstitution, zur männlichen oder weiblichen Polarisation. Die männliche Polarisation ergibt, wie sich an den Eigenschaften der Keimzelle erkennen läßt, Beweglichkeit, Energie, Initiative, die Neigung, ins Weite zu streben, und die Fähigkeit, sich unter den ungünstigsten Bedingungen zu behaupten – die weibliche bedingt Stabilität und passives Aufsichberuhen, die Neigung, zu beharren und sich gegen äußere Einflüsse abzuschließen. (Siehe Feuillet, Die Psychologie der Geschlechter und ihre biologische Grundlage.) Verfolgt man die Konsequenzen weiter, so stellt sich das cholerisch-sanguinische Temperament als das männliche, das phlegmatisch-lymphatische als das weibliche dar; im männlichen Geschlecht verkörpert sich das progressive oder zentrifugale Element, das die Art erneuert und umbildet, im weiblichen Geschlecht das konservative oder zentripetale, das die Art unverändert bewahrt und erhält.
Damit scheint eine feste Grundlage für das gewonnen, was man mit Sicherheit als psychische Geschlechtscharaktere nachweisen und bei allen geschlechtlich differenzierten Individuen voraussetzen kann. Allein in Wirklichkeit wird auch damit nur eine Art Schema geschaffen, ein Typus, von welchem sich die einzelnen Individuen mehr oder minder entfernen. Die oberflächlichste Beobachtung lehrt ja, daß diese allgemeinen Bestimmungen selbst bei solchen Personen nicht zutreffen, die sich im ganzen durchaus nicht von dem Gewöhnlichen unterscheiden, sie lehrt, daß die individuelle Differenzierung in vielen Fällen die generelle aufhebt. Es lassen sich unschwer Individuen verschiedenen Geschlechtes ausfindig machen, deren psychische Geschlechtscharaktere ganz vertauscht sind, obwohl sie körperlich normale Repräsentanten ihres Geschlechtes sind. Hier aber liegt erst das eigentliche Problem: Wenn die Keimzelle das einzige und ausschlaggebende Bildungsprinzip des Organismus darstellt, wie sind solche Abweichungen möglich? Und wenn die physische Geschlechtsdifferenzierung nicht mit Notwendigkeit den psychischen Charakter des Individuums bestimmt, welche Faktoren sind es, die solche Abweichungen bewirken?
Doch abgesehen vorerst von den atypischen Individuen – diese allgemeinen Schlüsse aus biologischen Tatsachen lassen eine Reihe von Phänomenen innerhalb der natürlichen Entwicklungsreihen unaufgeklärt. Es gibt viele Tiergattungen, und darunter sehr hochstehende, deren Korporisation außerhalb der Geschlechtssphäre von der Natur der Keimzellen ganz unabhängig zu sein scheint. Hengst und Stute, Hund und Hündin beispielsweise, bei denen von sekundären Geschlechtscharakteren kaum die Rede sein kann, unterscheiden sich auch in ihren intellektuellen Eigenschaften nicht kraft des Geschlechtes. Daher werden Rennpferde und Jagdhunde ohne Ansehung ihres Geschlechtes verwendet. Bei ihnen ist die Beweglichkeit, Energie, Initiative, die angeblich nur aus der Beschaffenheit der männlichen Keimzelle entspringt, auf beide Geschlechter gleich verteilt. Ja das Beispiel der Bienen beweist, daß sogar eine Umkehrung des Geschlechtscharakters als Regel stattfinden kann. Im Bienenstaate steht das soziale Leben der Geschlechter in einem völligen Gegensatz zu dem sexuellen Charakter, den die Keimzelle ihrem Träger verleihen soll. Durch die Neigung zu einem trägen und eingezogenen Leben unterscheidet sich die männliche Drohne von der tätigen, rührigen, abenteuerlichen Lebensweise der weiblichen Arbeitsbiene.
Die Erklärung dafür könnte allerdings in der Natur der Keimzellen selbst gefunden werden. Nach neueren Untersuchungen über die denselben innewohnende Fähigkeit der Geschlechtsdifferenzierung ist es sehr wahrscheinlich, daß die weibliche Keimzelle ihrer eigenen Beschaffenheit nach männliche Polarisation hat, das heißt, die Erzeugung eines männlichen Organismus entscheidet, die männliche Keimzelle hingegen weibliche Polarisation, das heißt, die Erzeugung eines weiblichen Organismus entscheidet. Die Beobachtung der sehr eigentümlichen Fortpflanzungsverhältnisse bei den Bienen zeigt, daß aus den unbefruchteten Eiern ausschließlich Drohnen, also Männchen, hervorgehen; daß aber die weiblichen Bienen – die durch Ernährungseinflüsse zu Arbeiterinnen oder zu Königinnen entwickelt werden – nur unter Mitwirkung des männlichen Zeugungsstoffes entstehen können. (Siehe Janke[6], die willkürliche Hervorbringung des Geschlechtes.)
Wenn nun der weibliche Organismus männliche Keime, der männliche Organismus weibliche hervorbringt, warum sollte sich diese Fähigkeit nicht auch in dem Charakter der Psyche ausdrücken, deren Träger er ist? Übrigens hat Lourbet (Das Problem der Geschlechter) darauf hingewiesen, daß man ebensowohl aus den Eigenschaften der männlichen Keimzelle die charakteristischen Merkmale der weiblichen Psyche hätte ableiten können; »denn das Weib ist lebhafter und beweglicher in seiner Sinnesart als der Mann, unbeständig, nervös, und unfähig aller Dinge, die Ausdauer und Beharrlichkeit voraussetzen.« So könnte man auch aus der Tendenz der männlichen Keimzelle zur vollständigen Aufgebung des eigenen Wesens und Verschmelzung mit einem größeren, in sich abgeschlossenen, auf sich beruhenden Organismus, wie das Ovulum, die Neigung zur Hingebung und Selbstaufopferung nachweisen, die man doch als besonderes Kennzeichen der weiblichen Psyche zu betrachten gewohnt ist.
Nein, auch von hier aus läßt sich keine zuverlässige Grundlage für die psychologische Formel der Weiblichkeit gewinnen. Auch hier findet man, wenn man genauer hinsieht, nicht viel mehr als willkürliche Voraussetzungen, in die alles Beliebige hineingedeutet wird – und zwar in erster Linie der Typus, den der Zeichendeuter aus Erfahrung kannte, oder der ihm durch die herrschenden Anschauungen überliefert war.
Während man Männlichkeit und Weiblichkeit in ihrer gegenwärtigen Gestalt aus ursprünglichen und primitiven organischen Bedingungen zu erklären strebt, übersieht man, daß sie in vielen wesentlichen Stücken bloße Kulturprodukte sind, also nichts Feststehendes und Abgeschlossenes, noch auch etwas allgemein Zutreffendes. Bei den meisten wilden Völkern ist das Bild der Arbeitsteilung zwischen Mann und Weib ein durchaus anderes als bei den Kulturvölkern. Fast überall sind die Frauen die ersten Lastträger, die ersten Ackerbauer, die ersten Baumeister, die ersten Töpfer, wie überhaupt die industrielle Seite des primitiven Lebens samt einem großen Teile der dazu gehörigen ersten Erfindungen ein Werk des weiblichen Geschlechtes ist. (Siehe Ellis, Mann und Weib.) Vermutlich würde auch die physiologische Beobachtung dieser primitiven Frauen vielfach zu anderen Ergebnissen führen als diejenige der Kulturfrauen.
Will man sich aber auf die psychosexuellen Erscheinungen innerhalb des europäischen Kulturkreises beschränken, so wird man vor allem eine Tatsache berücksichtigen müssen, deren Bedeutung nach vielen Richtungen sehr hoch anzuschlagen ist – die höhere Stufe der individuellen Differenzierung.
Es ist eine Eigentümlichkeit, die zur Auszeichnung des Menschen gehört, daß die Geschlechtsanpassung bei ihm nicht wie bei den Tieren eine generelle ist, sondern individuell sehr verschieden. Ein Löwe, ein Pferd, ein Hase sind im Grade ihrer Männlichkeit und Weiblichkeit durch ihre Gattung und nicht als Individuen bestimmt. An sich betrachtet ist eine Löwin ein viel männlicheres Tier als etwa ein Rehbock – da man ja, ganz allgemein genommen, aggressive Impulse als Begleiterscheinung der männlichen Differenzierung anspricht –. Aber schon bei den höchststehenden Säugetieren lassen sich die Spuren einer beginnenden individuellen Differenzierung bemerken; und innerhalb der menschlichen Gattung sind es nur die ganz primitiven Völker, bei denen die Geschlechter sich in ziemlich homogene Gruppen scheiden.
