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In "Zur Literaturgeschichte des Neuen Testaments" untersucht Albert Kalthoff die komplexe Entwicklung und den literarischen Kontext der neutestamentlichen Schriften. Kalthoff analysiert nicht nur die historische Entstehung dieser Texte, sondern auch die theologischen und kulturellen Strömungen, die ihre Form und ihren Inhalt geprägt haben. Der Autor setzt sich mit den unterschiedlichen literarischen Genres auseinander, die im Neuen Testament vorkommen, und erörtert die Bedeutung dieser Schriften innerhalb der Entwicklung des frühen Christentums sowie ihres Einflusses auf die spätere christliche Literatur. Kalthoffs analytischer Stil und seine Präzision machen das Werk zu einem wertvollen Beitrag zur neutestamentlichen Forschung. Albert Kalthoff, ein bedeutender deutscher Theologe und Religionswissenschaftler, hat sich im Laufe seiner Karriere intensiv mit der Entstehung und Rezeption der neutestamentlichen Texte beschäftigt. Seine fundierte Ausbildung in Theologie und Philologie sowie seine kritische Auseinandersetzung mit der historischen Methode bringen eine einzigartige Perspektive in die Debatte über die Authentizität und den historischen Kontext der biblischen Schriften ein. Kalthoffs Interesse an den Ursprüngen des Christentums und seiner Entwicklung spiegelt sich in jedem Kapitel seines Werkes wider, das eine Synthese von Historie, Theologie und Literaturwissenschaft darstellt. Dieses Buch ist nicht nur für Fachleute der Theologie und Bibelwissenschaft von großer Bedeutung, sondern auch für allgemein interessierte Leser, die ein tieferes Verständnis für die literarischen Dimensionen des Neuen Testaments erlangen möchten. Kalthoffs prägnante Analysen und seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge klar darzustellen, machen "Zur Literaturgeschichte des Neuen Testaments" zu einer unverzichtbaren Lektüre für jeden, der sich mit den Wurzeln und der Entwicklung des Christentums auseinandersetzen möchte.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Der Versuch, dem Leserkreise der „Gartenlaube“ die Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments in großen Zügen vorzuführen, bedarf kaum einer besonderen Rechtfertigung. Wer nur halbwegs mit der Entwickelung unserer Zeit gleichen Schritt gehalten hat, der ist sich darüber vollständig klar, daß der Anspruch der orthodoxen Kirche, in der Bibel einen unfehlbaren Glaubenscodex, eine unbedingte göttliche Autorität zu besitzen, vor der fortschreitenden Wissenschaft in nichts zusammenfällt. Fast bis zum Ueberdruß oft ist auf die Widersprüche, die zwischen den einzelnen Büchern der Bibel bestehen, auf die historischen, geographischen und naturwissenschaftlichen Irrthümer, selbst auf die einseitigen sittlichen und religiösen Anschauungen, die sich in der Bibel finden, hingewiesen worden.
Wohl überschwemmt die Orthodoxie jahraus jahrein das Land mit Colporteuren, um der Bibel neuen Eingang in die Häuser zu verschaffen, und es ist allein den preußischen Bibelgesellschaften gelungen, im vergangenen Jahre 52,741 Bibeln und 14,786 Neue Testamente abzusetzen. Aber trotzdem ist die Bibel kein Volksbuch mehr. Sie ist vorwiegend Decoration für Familienbibliotheken und wird wohl noch gekauft und verschenkt, aber wenig gelesen.
Die wissenschaftliche Theologie hat längst einen richtigeren Maßstab für die Würdigung der biblischen Schriften gewonnen, als ihn die altkirchliche Orthodoxie in ihrem Dogma von. der göttlichen Eingebung der Bibel besaß. Die Wissenschaft vergöttertund betet die Bibel nicht mehr an, sondernsucht dieselbe als ein Glied in dem gesammten Entwickelungsgangeder Religions- und Kirchengeschichtezu begreifen; sie leugnet die Entstehung der Bibeldurch directe göttliche Eingebung und übernatürlicheMittel und erklärt sie für ein Werk von Menschenhand,für ein Buch wie andere Bücher. Bei dieser Betrachtungsweise hat die Bibel wahrlich nicht verloren, sondern nur gewonnen. Wenn dagegen in der Mehrzahl unserer Schulen die alte traditionelle Auffassung der Bibel auf hohen obrigkeitlichen Befehl ruhig weiter gelehrt wird, als ob eine wissenschaftliche Theologie überhaupt nicht existire, so ist das ein Verhängniß, das weder dem Volke noch der Bibel zum Segen ausschlägt.
Die Bibel, insbesondere das Neue Testament, ist unleugbar mit der Geschichte der civilisirten Welt auf's Engste verbunden. Die Entstehung des Neuen Testaments bezeichnet immerhin, wie man auch sonst über dasselbe denken mag, einen der epochemachendsten Punkte in der gesammten Menschheitsgeschichte. Um so bedeutsamer erscheint deshalb die Frage, was es denn mit diesem Buche eigentlich auf sich habe.
Der geschichtliche Proceß, dem das Neue Testament seine Entstehung verdankt, ist keineswegs so einfach, wie die vulgäre kirchliche Anschauung anzunehmen pflegt. Ursprünglich hatten die christlichen Gemeinden, die in ihren Gottesdiensten einfach zunächst die heiligen Schriften der Juden gebrauchten, überhaupt keine eigenen heiligen Schriften. Die älteste Art und Weise, das Christenthum zu verbreiten, war ohne Zweifel die der mündlichen Predigt. Jesus selber hatte bekanntlich keinerlei schriftliche Aufzeichnungen über seine Lehre hinterlassen, und seine Jünger, die nach seinem Tode den Zusammenbruch dieser Welt erwarteten, konnten zunächst gar kein Bedürfniß haben, ihre Predigt für nachkommende Geschlechter sicher zu stellen, zumal so lange sie mit derselben nicht über den Kreis der sie umgebenden Gemeinde hinausgingen. Nur von dem Apostel Matthäus haben wir die verbürgte Nachricht, daß er schriftliche Aufzeichnungen über die Reden Jesu hinterlassen habe. Papias, der Bischof von Hierapolis, gestorben um 163, ist hierfür Gewährsmann, und außerdem begegnet uns auch in der ältesten Kirche die Kunde von einem sogenannten Hebräer-Evangelium, welches, wenn nicht gar mit jenem Evangelium des Matthäus identisch, doch mit demselben nahe verwandt war. Dieses Matthäus-Evangelium ist indeß in seiner ursprünglichen Gestalt verloren gegangen. Es war hebräisch geschrieben und wird neben den hauptsächlichsten Reden Jesu einzelne kurze biographische Daten aus dessen Leben enthalten haben. Daneben vertrat es den judenchristlichen, an dem alten mosaischen Gesetz festhaltenden Standpunkt. Unser griechisches Matthäus-Evangelium, das uns im Neuen Testamente aufbewahrt ist, kann keine Uebersetzung des ursprünglichen Evangeliums sein, wen es Bestandtheile enthält, welche in dem Ur-Matthäus nicht gestanden haben, und weil es sich in der freien Behandlung alttestamentlicher Citate als ein griechisches Original, nicht aber als eine Uebersetzung aus dem Hebräischen bekundet.
Welch weiter Weg ist nun von jener in engen Grenzen sich bewegenden mündlichen Predigt der Jünger und jenem einfachem nur noch in einzelnen Bruchstücken mühsam erkennbaren hebräische Matthäus-Evangelium bis zu dem so reich und mannigfaltig gestalteten Inhalte unseres Neuen Testaments! Ein Weg, der durch die Geschichte von Jahrhunderten hindurchführte und erst am Anfang des fünften Jahrhunderts, im Zeitalter Augustin’s, durch den definitiven Abschluß des neutestamentlichen Canons sein letztes Ziel erreicht. Dieser Weg war durchaus nicht glatt und eben. Das Neue Testament hat sich nicht so gebildet, daß uns einem vorhandenen Grundstock sich die einzelnen Zweige organisch heraus entwickelten. Es ist vielmehr das Resultat heftiger Strömungen und Gegenströmungen, die ihre Spuren deutlich in der Geschichte zurückgelassen haben.
Schon als die einzelnen Schriften des Neuen Testaments sämmtlich vorhanden waren, wurde immer noch um ihre offizielle Anerkennung und Aufnahme in die kirchlich autorisirte Sammlung gekämpft. So theilt noch der Kirchengeschichtsschreiber Eusebius von Cäsarea, gestorben 340, die Bücher des Neuen Testaments in solche, die allgemein anerkannt waren, und in solche, denen widersprochen wurde. Zu der ersten Gruppe rechnet er die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe, den ersten Petrus- und den ersten Johannesbrief zu der zweiten dagegen den Brief des Jacobus, des Judas, den zweiten Brief des Petrus und den zweiten und dritten Brief des Johannes, während die Offenbarung Johannis bald zur ersten, bald zur zweiten Gruppe gerechnet wurde. Von Hause aus giebt es aber im Neuen Testament keine einzige Schrift, deren Berechtigung nicht angefochten wurde, und je weiter wir in die ältesten Zeiten der Kirche hinausgehen, desto schwankender wird der Inhalt der neutestamentlichen Sammlung. Eine Anzahl Schriften, welche die Kirche später gar nicht in ihre Sammlung aufgenommen hat, stand früher bei vielen Gemeinden in hohem Ansehen, so z. B. das Hebräer-Evangelium, die Thaten und die Predigten des Petrus, die Offenbarung des Petrus und andere. So waren auch Schriften, die bei dem einen Theil der Christen in Gebrauch waren, bei dem andern entweder völlig unbekannt oder geradezu verworfen.
