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"Beraube einen Menschen seiner Freiheit, entziehe ihm das Vergnügen der selbstgewählten Gesellschaft, drücke ihn hinab auf die unterste Stufe der Armut, damit ihm seine eigene Erscheinung widerwärtig werde und er seine Augen verwünsche, die ihm sein Bild und das der übrigen Gestalten seiner Bettelmannswelt vorführen, kette die Zeit an, damit der Tag zur Woche und die Woche zum Jahre werde, lass seinen Körper hungern und seinen Geist dürsten und du gibst ihm eine Hölle, schlimmer als das Gehirn eines Gottesgelehrten sie erfinden kann." In den Jahren nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 - 1865) greifen zahlreiche Veteranen in Nord und Süd zur Feder, um ihre Geschichte niederzuschreiben. So unterschiedlich ihre individuellen Beweggründe hierfür sein mögen, ein Grundbedürfnis ist bei nahezu sämtlichen Kriegserinnerungen erkennbar: Der Leser soll wissen, dass die "patriotische Pflicht" erfüllt und die "Mannesehre" gewahrt wurde. In diesen Geschichtsinszenierungen ist den Geschehnissen abseits des ruhmreichen Schlachtfeldes und der Kameraderie des Feldlagers bestenfalls eine flüchtige Erwähnung vergönnt. Nur wenige Veteranen bekennen sich zu den demütigenden und "ehrlosen" Aspekten ihrer Kriegserlebnisse, was ihre schriftlichen Zeugnisse zu umso wertvolleren Quellen macht. Einer dieser Männer ist der deutschstämmige Bernhard Domschcke. Geboren im Jahre 1827 in Freiberg, Sachsen, genießt er eine vorzügliche Schulbildung in Dresden und Leipzig. Der junge Bildungsbürger ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Demokratie und nimmt aktiv an den Barrikadenkämpfen des Dresdner Maiaufstandes 1849 teil. Nach dem Scheitern der Deutschen Revolution flieht Domschcke in die Vereinigten Staaten, wo er sich einen Namen als glühender Gegner der Sklaverei und wortgewaltiger Journalist macht. Im Jahr 1862 meldet er sich freiwillig zum Kriegsdienst und dient als Offizier in der 26th Wisconsin Infantry. Als sein Regiment am 1.
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Bernhard Domschcke
Zwanzig Monate in Kriegsgefangenschaft
Erlebnisse eines deutschstämmigen Unionsoffiziers in konföderierten Gefängnissen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort des Herausgebers
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Anhang
Liste der am 9. Februar 1864 durch den Tunnel aus dem Libby-Gefängnis entflohenen Offiziere
"Belle Island"
Verzeichnis der deutschen Offiziere, die sich in der Zeit vom 1. Mai 1863 bis 1. März 1865 in den Gefängnissen von Richmond, Danville, Macon, Savannah, Charleston und Columbia befanden.
Dix-Hill-Abkommen
Vorschriften und Statuten der konföderierten Militärgefängnisse
Medizinisches Gutachten der U.S.-Sanitätskommission über die Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen in den konföderierten Gefangenenlagern (Juli 1864)
Zeugenaussagen für das medizinische Gutachten der U.S.-Sanitätskommission zwecks Beweisaufnahme durch die Kommission bezüglich der Behandlung der gefangenen Unionssoldaten durch die Rebellen.
Impressum neobooks
"Beraube einen Menschen seiner Freiheit, entziehe ihm das Vergnügen der selbstgewählten Gesellschaft, drücke ihn hinab auf die unterste Stufe der Armut, damit ihm seine eigene Erscheinung widerwärtig werde und er seine Augen verwünsche, die ihm sein Bild und das der übrigen Gestalten seiner Bettelmannswelt vorführen, kette die Zeit an, damit der Tag zur Woche und die Woche zum Jahre werde, lass seinen Körper hungern und seinen Geist dürsten und du gibst ihm eine Hölle, schlimmer als das Gehirn eines Gottesgelehrten sie erfinden kann."
Bernhard Domschcke
In den Jahren nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 - 1865) greifen zahlreiche Veteranen in Nord und Süd zur Feder, um ihre Geschichte niederzuschreiben. Ihre Motivationen sind mannigfaltig und reichen von stolzer Verewigung der eigenen Taten und trotziger Rechtfertigung der "Verlorenen Sache" bis hin zur Vergangenheitsbewältigung mittels Niederschrift der eigenen Erlebnisse und Taten. So unterschiedlich die individuellen Beweggründe jedoch sein mögen, ein Grundbedürfnis ist bei nahezu sämtlichen Kriegserinnerungen erkennbar: Der Leser soll wissen, dass die "patriotische Pflicht" erfüllt und die "Mannesehre" gewahrt wurde. Durch die Verknüpfung des eigenen Namens mit den berühmten Generälen und großen Schlachten fällt deren Glanz auf den (mehr oder minder) einfachen Soldaten zurück und adelt dessen bescheidenen Beitrag zum Kriege. In diesen Geschichtsinszenierungen ist den Geschehnissen abseits des ruhmreichen Schlachtfeldes und der Kameraderie des Feldlagers bestenfalls eine flüchtige Erwähnung vergönnt. Nur wenige Veteranen bekennen sich zu den demütigenden und "ehrlosen" Aspekten ihrer Kriegserlebnisse, was ihre schriftlichen Zeugnisse zu umso wertvolleren Quellen macht.
Einer dieser Männer ist der deutschstämmige Bernhard Domschcke. Geboren im Jahre 1827 in Freiberg, Sachsen, genießt er eine vorzügliche Schulbildung in Dresden und Leipzig. Der junge Bildungsbürger ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Demokratie und nimmt aktiv an den Barrikadenkämpfen des Dresdner Maiaufstandes 1849 teil. Nach dem Scheitern der Deutschen Revolution flieht Domschcke, wie so viele seiner Gesinnungsgenossen, in die Vereinigten Staaten, wo er bereits kurz nach seiner Ankunft seinen wachen Geist und seine rhetorische Begabung in den Dienst diverser New Yorker Zeitungen stellt. 1854, im Gründungsjahr der Republikanischen Partei, verschlägt es Domschcke nach Wisconsin, wo er die erste republikanische Zeitung des Staates gründet und sich rasch einen Namen als glühender Gegner der Sklaverei und wortgewaltiger Journalist macht. Im Jahr 1862 stellt seine deutschsprachige Zeitung "Milwaukee Herold" ihr Erscheinen ein und Domschcke meldet sich mit der gesamten Redaktion freiwillig zum Kriegsdienst. Aufgrund seiner Bildung und seines gesellschaftlichen Status wird Domschcke zum 2nd Lieutenant von Kompanie G der 26th Wisconsin Infantry ernannt und rasch zum 1st Lieutenant und Captain von Kompanie H befördert. Als sein Regiment am 1. Juli 1863 bei der Schlacht von Gettysburg nördlich des Städtchens von den angreifenden Konföderierten zerschlagen wird und dabei fast 50% seiner Männer verliert, gerät er in Kriegsgefangenschaft.
Hier beginnt für Domschcke eine Zeit des Leidens, die ihn für den Rest seines Lebens prägt. Monatelang ist er mit seinen Leidensgenossen in dem berüchtigten Libby-Gefängnis in Richmond eingepfercht, bevor er in Gefangenenlager in Danville, Macon, Savannah, Charleston und Columbia verlegt wird. Die anfänglichen Unannehmlichkeiten des Gefängnislebens verschlimmern sich rasch zu einem mörderischen Alltag aus quälendem Hunger, grassierenden Krankheiten und gleichgültiger Grausamkeit des Wachpersonals. Dabei bleibt Domschcke durchweg ein scharfer Beobachter seiner Umgebung und seiner Mitgefangenen, die ihren täglichen Überlebenskampf auf verschiedenste Arten bestreiten.
Als er im März 1865 schließlich ausgetauscht wird, mag Domschcke geahnt haben, dass seine ruinierte Gesundheit ihm kein langes Leben mehr gewähren würde, denn er beginnt unverzüglich mit der Niederschrift seiner noch frischen Erinnerungen. Freunde und Bekannte bemerken mehrfach, dass Domschcke seinen Überzeugungen zwar treu geblieben ist, sein inneres Feuer jedoch erloschen scheint. Nach seiner Heimkehr stellt sich keine Besserung seines Zustandes ein, doch trotz seiner zerfallenden Gesundheit nimmt er seine journalistische Tätigkeit wieder auf, bevor ihn die Spätfolgen seiner Gefangenschaft schließlich ans Siechbett fesseln. Bernhard Domschcke stirbt am 5. Mai 1869 im Alter von 43 Jahren.
Domschckes faszinierende Einblicke in einen vergleichsweise selten durch Primärquellen dokumentierten Aspekt des Krieges werden ergänzt durch einen umfangreichen Anhang, der zahlreiche Facetten des Lebens in konföderierten Gefangenenlagern beleuchtet und dabei hilft, die Erlebnisse des Autors in einen breiteren Kontext einzuordnen.
Bernhard Domschckes zeitgenössischer Sprachstil wurde weitestgehend gewahrt und nur dann behutsam an die modernen Gepflogenheiten angepasst, wenn dies für das Verständnis des heutigen Lesers angeraten schien. Fehlerhafte Schreibweisen von Namen wurden stillschweigend korrigiert.
Florian Dexheimer
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Von Virginia nach Pennsylvania – Die Schlacht bei Gettysburg – Die Gefangennahme
Es war am 12. Juni 1863, als das XI. Armeecorps sein Lager in Stafford County in Nord-Virginia abbrach und sich zum Marsche rüstete. Nach der Rückkehr von der unglücklichen Schlacht bei Chancellorsville wurden jenem Corps Lagerstätten in der Nähe von Brooke's Station zwischen Aquia Creek und Falmouth angewiesen, welche es bis zum Abmarsche an eben genanntem Tage innehatte. Unter den glühenden Strahlen einer Sommermittagssonne verließen wir die öde, steppenhafte Gegend und am Abend erreichten wir Hartwood Church, eine aus wenigen Häusern bestehende Ortschaft. Der Zweck unseres Marsches war uns nur insoweit bekannt, als wir wussten, dass General Robert E. Lee mit seinen Rebellenscharen in Bewegung war. Wo wir mit ihm in Konflikt geraten würden, war der Gegenstand vielfacher Mutmaßungen. Manche glaubten, unsere Armee werde sich in die Verschanzungen von Washington zurückziehen, um die Bundeshauptstadt gegen den heranstürmenden Feind zu verteidigen; Andere träumten von einer dritten Schlacht auf den Leichenfeldern am Bull Run; wieder Andere erwarteten ein Zusammentreffen am Shenandoah River.
Von Hartwood Church marschierten wir über Weaversville, Manassas Junction, Centreville und Gum Springs nach dem Goose Creek, einem Nebenflusse des Potomac River. Wir machten am 17. Juni einige Kilometer vor der Mündung jenes Flusses und etwa zehn Kilometer von Leesburg Halt und blieben sechs Tage an diesem Platze. Es schien noch immer unentschieden zu sein, ob wir dem Feinde in Virginia oder am anderen Ufer des Potomac River begegnen würden; die Frage wurde indes bald gelöst, indem wir Befehl erhielten, den Potomac River bei Edward's Ferry zu überschreiten.
An dem prachtvollen Morgen des 24. Juni betraten wir das Maryland-Ufer, "Gottes Land", nach so vielen Kreuz-und-Quer-Zügen in dem alten, verrotteten Virginia. Der Eindruck, den die wohlangebauten Gärten, die grünen Fluren und die von Wohlstand zeugenden Gebäude der Landbesitzer Marylands auf uns machten, würde uns unvergesslich sein, die wir seit so langer Zeit daran gewöhnt waren, nichts zu erblicken, als langweilige, traurige Kiefernwälder, unfruchtbare, ausgesogene Felder und alte, verfallene Wohnstätten. Wo immer wir in Nord-Virginia waren, sahen wir Stillstand anstatt Fortschritt, Verfall anstatt Erneuerung, den Fluch der Sklaverei anstatt den Segnungen der Freiheit. Alles erschien alt und monoton; Grabesruhe herrschte ringsum in dem traurigen Lande; es war eine Stätte der Toten, ein Platz der Verdammnis, dessen nächtliche Stille nur unterbrochen wurde durch den eintönigen Klageruf der Nachtschwalbe. In der roten Erde dieses stygischen Landes modern die Gebeine von Tausenden unserer Waffengenossen, welche Heimat, Wohlstand und Glück verließen, um die Republik vor ihrem elendesten Feinde zu sichern.
Von Edward's Ferry führte uns der Weg durch eine reiche Gegend nach Jefferson, von da nach Middletown, Frederick und Emmitsburg. Wir kamen am 29. Juni an letztgenanntem Orte an und hielten daselbst eine kurze Rast. Unser Lagerplatz war in der unmittelbaren Nähe des Nonnenklosters, eines großen Gebäudes mit vielen Fenstern und Seiten- und Hintertürchen. Prachtvolle Gärten umgaben diesen stattlichen Palast und die Seitengebäude, in deren einem General Schurz sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Der Superior der Anstalt, ein Europäer mit den Manieren eines Weltmannes und jener feinen Ironie, welche man häufig bei höhergestellten Priestern der katholischen Kirche findet, benahm sich auf das Zuvorkommendste gegen den General und gab die Versicherung, dass er, wenn eine Schlacht in der Nähe stattfinden sollte, alle Räumlichkeiten zur Aufnahme von Verwundeten hergeben werde; es sei hinlänglicher Raum vorhanden für eintausend Mann. Abends ließ Schurz das Musikcorps des 45th New York Regiments kommen, welches vor dem Kloster seine wohleingeübten Märsche, Lieder und Polkas spielte. Der Superior, welcher in seiner schwarzen Tracht zugegen war, wurde von Schurz gefragt, ob die Musik den Nonnen gefallen würde. Ironisch lächelnd bemerkte er: "Es wird ihnen gefallen, aber sie werden sich's nicht anmerken lassen."
Am 30. Juni kam der Befehl, dass wir am anderen Morgen in der Richtung von Gettysburg aufbrechen sollten. Am 1. Juli, morgens gegen 07.00 Uhr, marschierten wir ab. Nachdem wir einige Kilometer auf geebneten und ungeebneten Wegen, über Wiesen und Zäune, durch kleine Bäche und Moräste, welche sich durch den anhaltenden Regen am vorhergegangenen Tage gebildet hatten, marschiert waren, kam der Befehl aus Gettysburg, mit möglichster Eile herbeizukommen. Jetzt begann ein Marsch, der zu den beschwerlichsten und ermüdendsten gehörte, die wir jemals gemacht hatten. Wir erreichten bald die gebirgige Gegend und erstiegen im Eilmarsch die felsigen Berge. Der Regen fiel in Strömen und die Soldaten vermochten kaum, weiter voranzueilen, aber neue Befehle drängten zu größter Eile, denn die denkwürdige Schlacht bei Gettysburg hatte bereits begonnen. Mit Anstrengung aller Kräfte erreichten wir endlich die Stadt, durch deren Straßen wir im Laufschritt nach einem jenseits der Stadt gelegenen offenen Felde eilten, wo sofort die Linien formiert wurden.
Das I. Armeecorps war bereits zu unserer Linken in voller Aktivität und bald waren auch wir im Feuer. Das I. und XI. Armeecorps, zusammen vielleicht 12,000 bis 13,000 Mann, waren zu schwach gegen die unter Ewells Kommando stehenden Rebellen und so kam es, dass wir umzingelt und nach der Stadt zurückgetrieben wurden. Bei diesem Rückzuge wurden viele gefangen genommen und auch der Schreiber dieser Zeilen fiel nebst einem weiteren Offizier und 46 Soldaten von seinem Regimente in die Hände der Rebellen. Mit diesem Augenblicke begann eine Zeit der Qual und des Leidens, an welche alle Beteiligten, so lange sie leben, mit Schaudern zurückdenken werden.
Nachdem ich gefangen genommen und bereits auf dem Wege nach dem Lager der Rebellen war, gestattete mir der Rebellenoffizier, welcher mich gefangen genommen hatte, unter Begleitung einer Wache den Platz noch einmal zu besuchen, auf welchem unser Regiment noch vor wenigen Minuten dem Feinde gegenübergestanden hatte. Ich fand dort manchen Freund tot oder verwundet. Glücklich waren im Vergleich zu den Verwundeten die Toten. Wenn eine Kugel treffen soll, dann möge sie Kopf oder Herz durchbohren und wir kehren zur ewigen Ruhe zurück, aber die Leiden der meisten Verwundeten sind grässlich und der Anblick derselben ist ergreifend. Mancher Verwundete rief mich an, ohne dass ich ihm Hilfe gewähren konnte; mehrere riefen meinen Namen, aber ihre Gesichter waren so mit Blut bedeckt, dass ich die Personen nicht erkennen konnte.
Nach dieser kurzen und traurigen Wanderung ging ich in Begleitung eines jungen Rebellen-Lieutenants, welchem der Krieg bis zu einem gewissen Grade verleidet war und welcher von dem Fragment einer Granate einen kleinen Denkzettel am Bein erhalten hatte, hinüber zum Schlachtfelde der Rebellen, wo ich ähnliche Szenen wie auf dem unsrigen sah, nur war die Zahl der Getöteten größer als die der Verwundeten und die Gefallenen waren meist durch den Kopf oder durch die Brust geschossen, ein Beweis, dass unsere Soldaten gut gezielt hatten. Jener Lieutenant versuchte, wie vorher mehrere andere Rebellenoffiziere, von mir zu erfahren, wie stark unsere Streitmacht sei, auf welchem Wege wir gekommen waren, ob bereits die ganze Army of the Potomac angelangt sei, wer der Nachfolger des früheren Oberkommandeurs Hooker sei und so weiter, aber natürlich wurde die Neugierde der ehrenwerten Herren nicht befriedigt. Auch wünschten sie zu wissen, wie weit Baltimore von Gettysburg entfernt sei, denn die Meisten glaubten zuversichtlich, dass ihr angebeteter General Lee sie im Triumphe nach Baltimore führen werde. Andere fragten vielleicht aus Besorgnis, weil sie glaubten, dass, wenn die Strecke noch weit sei, noch manche Schlacht geschlagen werden müsse, ehe sie von Baltimore aus die Friedensbedingungen diktieren könnten.
Auf beiden Seiten des Schlachtfeldes hatte ich Gelegenheit, mich von den bekannten diebischen Neigungen der Rebellensoldaten zu überzeugen. Wo immer sie konnten, plünderten sie die Gefallenen aus; einen Lieutenant von meinem Regiment, der an meiner Seite fiel, hatten sie schmählich beraubt und selbst ihre eigenen Toten ließen sie nicht in Ruhe. Diebstahl in jeder Form gehörte zu den "Kardinaltugenden" der Rebellen. Mit Diebereien begannen sie und der letzte Akt ihres Kongresses verordnete einen Diebstahl, was die Bankiers von Richmond am besten verstehen. [Anm. d. Hrsg.: Domschcke bezieht sich hier wohl auf die letzten Sitzungen des Konföderierten Kongresses im März 1865, die von zunehmend verzweifelten Bemühungen geprägt waren, Geldmittel zur weiteren Finanzierung des Krieges aufzutreiben und zugleich die Gehälter diverser Führungspositionen anhoben.]
Nachdem ich in der Nähe des Rebellenschlachtfeldes noch einige unserer Verwundeten gesehen und gesprochen hatte, wurde ich von drei Rebellensoldaten zu dem Lager der Gefangenen eskortiert, welches sich auf einer Wiese nahe einer Farm befand. Ich traf dort mehrere Tausende meiner Leidensgenossen. Am anderen Morgen wurden die Offiziere von den Soldaten getrennt und ein Rebellen-General machte uns die Eröffnung, dass General Lee bereit sei, uns auf Ehrenwort zu entlassen und nach Carlisle zu schicken, wo wir unsere Linien passieren könnten. Major-General Halleck hatte aber eine Order erlassen, welche derartige Entlassungen verbot und als Plätze für den Gefangenenaustausch allein City Point und Vicksburg bestimmte. Was die Soldaten anbelangte, so musste deren Entlassungszertifikat von einem Offizier gegengezeichnet sein, aber jene Order verbot diese Gegenzeichnungen, sodass aus der Entlassung nichts werden konnte und sich uns bereits an diesem Tage die traurige Aussicht eröffnete, nach Richmond transportiert zu werden, wenn nicht noch General Meade, vom Glücke begünstigt, die Schlacht gewinnen, den Feind verfolgen und uns befreien würde.
Wir wurden dann zweieinhalb Kilometer hinter die Linie der Rebellen transportiert und erhielten dort die ersten Rationen von dem kommandierenden Offizier, Colonel French aus Virginia, einem halbwegs humanen Manne. Die Rationen waren aber von sehr homöopathischer Quantität und bestanden aus etwas rohem Fleisch, einer Handvoll Weizenmehl und einigen Körnern Salz. Da wir nun fast gar kein Koch- und Backgeschirr besaßen, so lag eine nicht geringe Bosheit in einer solchen Lieferung und wir standen anfangs ratlos vor diesen Gaben der Rebellengroßmut. Nachdem wir diese Rationen empfangen hatten, mussten wir eine Strecke weiter marschieren und auf diesem Marsche entglitt mir das kleine Tuch, in welches ich meine und meines Leidensgefährten Wallbers Mehlrationen eingeschlagen hatte und das Mehl fiel auf den nassen Rasen. Mit großer Wehmut blickten wir auf das Verlorene, denn wir hatten beide sehr viel Hunger. Wallber hatte einen kleinen, blechernen Kessel und in diesem kochten wir später das Fleisch, das für diesen Tag unsere einzige Nahrung war. Ich war später sehr vorsichtig mit dem Mehl und lernte auch backen, obschon wir keine Mulde, keine Pfanne und keinen Ofen hatten. Die Prozedur war folgende: Auf einem Wachstuche machte ich den Teig und formte denselben zu kleinen Kuchen. Wallber hatte unterdessen ein Feuer gemacht und kleine Steine gesucht, welche rings um das Feuer gestellt wurden. Wenn diese heiß waren, legten wir die Kuchen darauf, stützten die Steine mit kleinen Hölzern in schräger Richtung gegen das Feuer und ließen sie in dieser Stellung, bis die erste Seite des Kuchens gebacken war, worauf der letztere umgewendet wurde und der zweite Backprozess vor sich ging. Heute würde ich diese Art von Brot schwerlich anrühren, damals aßen wir es aber mit Heißhunger und wünschten uns nur, noch mehr davon zu haben.
Der zweite Tag der Schlacht neigte sich zu Ende. Wir wussten nicht, ob unsere Waffen Erfolg hatten und die neu hinzugekommenen Gefangenen konnten uns auch keine bestimmte Auskunft geben. Unsere Situation war eine peinigende. Der erste Tag der Schlacht war verloren; hatte unsere Armee am zweiten Tage mehr Glück gehabt? Wir hörten das Musketen- und Kanonenfeuer, aber waren die Unsrigen siegreich oder waren die Rebellen vorgerückt? Wir warteten mit der ängstlichsten Spannung auf eine Nachricht, aber wir mussten uns bis zum Abend gedulden, als die Musikcorps der Rebellen Freudenmelodien anstimmten und die "Graujacken" ihr Hurra dazu riefen. Das bedeutete Sieg, Sieg auf Seiten unserer Feinde! Wohl trösteten wir uns damit, dass die Freude eine voreilige sein möge, aber dieser Trost war schwach und wir befanden uns in melancholischer Stimmung. Der Schlaf erlöste uns vorläufig von unseren grübelnden Gedanken und düsteren Ahnungen.
Am Morgen des 3. Juli hatten wir die zweifelhafte Ehre, des Rebellen-Generals Pickett ansichtig zu werden, vor dessen Zelt wir die Nacht auf dem Erdboden zugebracht hatten. Pickett war ein Urbild eines Sklavenbarons aus Virginia, mit strammem Schritt, vornehmer Haltung, den Kopf hochmütig emporgeworfen ging er einher. Wenn er zu Pferde saß, gab er sich ein Ansehen, als sei er der Beherrscher eines ganzen Erdteils gewesen. Augenscheinlich verwendete er einige Mühe auf die Pflege seines Äußeren; die Reiterstiefel glänzten gewaltig und die langen, beinahe bis auf die Schultern herabfallenden Locken waren künstlich gelegt, aber die Farbe seiner Nase und des oberen Teils seiner Wangen verriet, dass er auch den inneren Menschen nicht vergaß. Der Genuss von Spirituosen hatte unvertilgbare Spuren in seinem Gesichte zurückgelassen, dessen grobe, plebejische Züge nicht im Geringsten zu dem aristokratischen Air passten, welches er sich zu geben bemüht war. Er galoppierte am Morgen stolz von seinem Zelte an die Front, aber als wir ihn einige Tage später am Potomac River wiedersahen, schien ein dunkler Schatten auf seiner roten Physiognomie zu liegen. Er verlor am 3. Juli zwei Drittel seiner Division.
Während des Vormittags hörten wir nur vereinzelte Schüsse. Es herrschte jene unheimliche Ruhe, welche gewöhnlich den heftigsten Katastrophen in einem Kampfe vorangeht. Am Nachmittag entbrannte auch wirklich der Kampf auf das Gewaltigste und die Erde erbebte unter dem furchtbarsten Kanonendonner. Wir ahnten, dass dies wohl der Entscheidungskampf sein werde und unser Herz pochte bei dem Gedanken, dass die Schlacht für die Unsrigen verloren gehen könne. Wir wussten, was die Bedeutung der Schlacht bei Gettysburg war, wir kannten die Tragweite einer Niederlage für uns und deshalb musste die Ungewissheit, in welcher wir uns befanden, doppelt qualvoll und marternd sein. Unsere Soldaten schlugen sich und wir konnten nicht helfen, sondern waren gefangen in den Händen unserer Feinde.
Als es Nacht wurde, verstummten die Kanonen und Musketen. Was war der Erfolg? Die Musik ließ sich zwar nicht, wie am vorigen Abend, hören, aber konnten wir auf dieses schwache Zeichen eine feste Hoffnung gründen? Betrübnis im Herzen, müde und hungrig legten wir uns auf den Boden, um zu ruhen.
Die Sonne des 4. Juli weckte uns. Aber was für ein 4. Juli war dies! Sonst hatten wir an den Feierlichkeiten zum Andenken an die Gründung dieser großen Republik teilgenommen, sonst war dieser Tag ein Freudentag für uns und heute wussten wir nicht, ob es vielleicht dem tüchtigen Feinde gelungen sei, die Republik in ihren Grundfesten zu erschüttern. Einst waren wir frei, daheim bei unseren Freunden, versammelt unter dem glorreichen Sternenbanner und heute waren wir Gefangene, Gefangene der Rebellen, welche das Banner der Union beschimpft und mit Füßen getreten hatten!
Der helle Sonnenschein verschwand, düstere Wolken zogen sich zusammen und der Tag war so traurig wie unsere Stimmung. Man hatte uns auf einer von einem Zaun umgebenen Wiese zusammengepfercht. An der Außenseite, längs des Zauns, gingen die Wachen auf und ab, verwitterte Burschen in grauen, zerlumpten Kleidern, uns mit hämischen Blicken musternd. Da fiel es einem der Unsrigen ein, um unserer Erinnerung an den hohen Festtag der Republik wenigstens durch etwas Ausdruck zu geben, ein patriotisches Lied anzustimmen, in dessen Refrain wir alle einfielen. Die Rebellenwachen stutzten, ließen uns aber gewähren, was wir natürlich sofort zum Besten ausnutzten. Wir kalkulierten so, dass die Rebellen, wenn sie gesiegt hätten, uns schwerlich selbst dieses kleine, harmlose Vergnügen gestattet haben würden. Ihre Bosheit war uns bekannt, warum waren sie in diesem Falle so nachsichtig? Warum ließen sie uns sogar das John Brown Lied und "Sammelt euch um die Fahne, nieder mit den Verrätern" ungehindert singen? [Anm. d. Hrsg.: Domschcke bezieht sich hier auf die Lieder "John Brown's Body" und "Battle Cry of Freedom".] Diese Nachsicht musste ihren Grund haben, wahrscheinlich hatten sie am 3. Juli nicht gesiegt.
Es dauerte nicht lange, bis eine eigentümliche Bewegung zu beobachten war. Truppenabteilungen marschierten hin und her, Adjutanten galoppierten in wilder Eile auf und ab und der immense Wagenzug kam in Bewegung. Einer unserer Offiziere, ein Amerikaner mit einem intelligenten Gesicht und einem sehr langen Halse, richtete sich, auf einer kleinen Erhöhung stehend, empor, blickte wie ein kluger Vogel Strauß um sich her und sagte endlich: "Meine Herren, das bedeutet nichts anderes, als dass sie ausreißen."
Der Mann hatte Recht. Lee war geschlagen und bald erhielten wir Befehl, uns dem abziehenden Zuge anzuschließen. Dunkle Wetterwolken hatten sich mittlerweile mehr und mehr aufgetürmt und gegen Mittag brachen Sturm und Regen los. Wir waren bis an einen kleinen Fluss marschiert und standen neben der Steinbrücke, welche über denselben führte. Blitz folgte auf Blitz, Donner auf Donner, der Sturm beugte die größten Bäume und der Regen fiel in Strömen. Auf der Straße fuhren die Armeewagen, Kanonen, Munitionswagen und allerhand Gefährte mit Verwundeten, welche erbarmungswürdig stöhnten und wimmerten, in buntem Gemisch und vollem Galopp dahin. Die Rebellen hatten verloren und flohen. Wie jubelte unser Herz, als wir dessen gewiss waren, aber zu gleicher Zeit kannten wir unser Schicksal. Wir sahen, dass wir mit dem fliehenden Feinde fortgeschleppt werden würden, hinweg von dem Boden der freien Staaten in das Land des Verrats und der Barbarei, nach Richmond, wo Jefferson Davis, der Erzverräter, thronte. Niemals hatten Freud und Leid so unmittelbar nebeneinander in unserer Seele geweilt; Freude über den Sieg unserer Armee und Leid über unser Schicksal. Aber noch blieb uns Hoffnung. Konnte unser Oberbefehlshaber nicht dem fliehenden Feinde in die Flanke fallen und uns erlösen oder war es nicht möglich, dass der Erfolg unseres Sieges ein solcher war, dass an einen langen Bestand der Konföderation und somit an eine lange Gefangenschaft nicht mehr zu denken war? So bauen Unglückliche auf den geringsten Hoffnungsschein und so ertragen sie, gehoben durch den süßen Strahl der Hoffnung, alle Leiden, denen ihre Seele und ihr Körper unterworfen sind.
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Der Rückmarsch nach Virginia – Das Shenandoah-Tal – Richmond
Lees Armee zog sich in zwei nebeneinander hindrängenden Kolonnen von Infanterie und Artillerie zurück und die Gefangenen bildeten streckenweise die dritte Kolonne, mit einer Infanterieeskorte an der Seite. Da die Wege für einen solchen Strom von Menschen, Kanonen und Wagen nicht breit genug waren, so mussten wir häufig auf ungeebneten Wegen über Felder und Wiesen, durch kleine Bäche und Teiche, welche die starken Regengüsse gebildet hatten, marschieren und Hecken und Zäune erklimmen. Wir erreichten am 5. Juli Fairfield. Frauen und Mädchen standen weinend in den Türen ihrer Wohnungen, denn als sie unsere blauen Uniformen sahen, glaubten sie, dass alles verloren sei. Es wurde ihnen zum Trost zugerufen, dass die Rebellen-Armee sich zurückziehe und wir bald wieder zurückkehren würden. Ein junges, schönes Mädchen weinte bitterlich und rief Gott an, uns zu schützen. An demselben Tage kamen wir in die sogenannten "South Mountains", eine Reihe von teilweise hohen, malerischen Bergen mit tiefen Tälern und Schluchten. Da wir und die Armee uns hier nicht, wie vorher auf den flach gelegenen Feldern, ausbreiten konnten, waren wir oft in einen großen Knäuel zusammengepresst, der sich mühsam fortwälzte. Eine dunkle Nacht war hereingebrochen und es bedurfte aller Vorsicht, um nicht unter die Hufe der Pferde oder die Räder der Kanonen zu geraten. Einige Offiziere nutzten die Dunkelheit und Verwirrung und schlüpften durch die Eskorte auf die waldbewachsenen Berge, wo sie sich versteckt hielten, bis die Rebellenhorden vorüber waren.
Am Morgen des 6. Juli langten wir in Monterey Springs, einem Badeorte, an, wo die Rebellen neue Unterhandlungen wegen der Entlassung mit uns begannen. Sie sahen, wie schwierig der Transport eines so großen Gefangenenzuges war und fürchteten höchstwahrscheinlich noch immer eine Attacke seitens unserer Armee, wobei wir vielleicht entkommen könnten. [Anm. d. Hrsg.: Die konföderierte Army of Northern Virginia führte bei ihrem Rückzug etwa 4.000 Gefangene mit sich.] Ferner berechneten sie jedenfalls, dass eine starke Eskorte für uns notwendig sein würde, welche sie unter Umständen sehr notwendig zu anderen Zwecken brauchen könnten. Sie riefen uns deshalb zusammen und machten uns ungefähr dieselben Vorschläge, die wir bereits bei Gettysburg vernommen hatten. Eine lange Beratung hatte zur Folge, dass wir im Hinblick auf Hallecks Order das Angebot ablehnten, dessen Annahme vorläufig nur von Vorteil für die Rebellen gewesen wäre. Außerdem trug noch jetzt die Hoffnung auf eine mögliche Befreiung zu der Ablehnung bei. Uns war offensichtlich, dass die Rebellen wünschten, der Gefangenen los und ledig zu werden, aber wie hätten wir bereitwillig auf etwas eingehen können, was unsere Feinde sehnlichst wünschten? So traurig unsere Aussichten für die Zukunft waren und so sehr wir danach verlangten, die Freiheit wieder zu gewinnen, so konnten wir uns doch nicht entschließen, den Rebellen eine Gefälligkeit zu erweisen und zu gleicher Zeit eine Order zu verletzen, deren Hauptsinn der war, dass eine Auswechslung nur dann erfolgen konnte, wenn der Feind in "wirklichem Besitze" der Gefangenen war.
Am 6. Juli nachmittags marschierten wir, nachdem diese Unterhandlung gründlich gescheitert war, ab, um einen höchst beschwerlichen und ermüdenden Marsch nach Waynesboro und Hagerstown zu machen. Dies war eine grässliche Nacht: Die Marschkolonne bewegte sich nur langsam und wir mussten fast alle fünf Minuten Halt machen. Es wurde uns keine Rast gegönnt und bis zum Äußersten ermüdet und in Folge der spärlichen Rationen keineswegs sehr kräftig, legten wir uns, sobald die Kolonne ins Stocken geriet, auf der schmutzigen Straße nieder, um jede Minute zu einer kleinen Ruhe zu benützen. Am Morgen gelangten wir in Hagerstown an, wo es damals eine ansehnliche Zahl von Sezessionisten und Sezessionistinnen gab. Eine der letzteren rief vom Trottoir aus, wo sie mit heiterer Miene stand, dem vor dem Zuge reitenden Rebellen-Colonel triumphierend zu: "Colonel, dies ist die rechte Art, sie anzutreiben!" Sie gehörte offenbar zu jener Sorte von verbissenen Hexen, deren es in den Südstaaten so viele gab und die nicht wenig dazu beitrugen, die ohnehin schon halb toll gewordenen Männer noch mehr zu Verrat und Grausamkeit aufzureizen. Am Südende von Hagerstown trafen wir einen Trupp gefangener Kavalleristen, welche auf Erkundung ausgeschickt worden waren und in unmittelbarer Nähe der Stadt einen Kampf mit den Rebellen zu bestehen hatten. Auf einem Felde an der Straße lagen die Leichen mehrerer Kavalleristen, natürlich nach Rebellenmanier ausgeplündert. Auch wurden mehrere Zivilisten zu uns gebracht, die unter irgendwelchem Vorwande von den Rebellen gefangen genommen worden waren und mit uns fortgeschleppt wurden. Ihnen stand ein hartes Schicksal bevor, denn sie wurden nicht als Kriegsgefangene behandelt und erhielten sehr oft nicht einmal das Wenige, was uns die Gnade der Rebellen zukommen ließ.
Nach kurzem Aufenthalt bei Hagerstown trieb man uns weiter nach Williamsport am Potomac River, wo wir auf einer Anhöhe im nassen Grase kampierten und uns von einem angrenzenden Weizenfelde Ähren pflückten, um mit den spärlichen Körnern einigermaßen unseren Hunger zu stillen. Die Rebellen hatten starke Wachtposten in östlicher Richtung aufgestellt, zuweilen hörten wir auch den dumpfen Klang eines Kanonenschusses, aber die erwarteten Retter erschienen nicht und allmählich schwand jeder Hoffnungsschimmer. Vor uns lag der Potomac River, die Grenze zwischen den freien Staaten und dem Reiche der Rebellen. Bis hierher hatte uns die Hoffnung auf Befreiung begleitet und war diese Hoffnung töricht, wenn wir den Zustand sahen, in welchem sich die Rebellen-Armee befand? Getäuscht in ihren Erwartungen, als Sieger in Baltimore einzuziehen und entmutigt durch den Ausgang der Schlacht bei Gettysburg, in welcher sie furchtbare Verluste erlitten hatten, eilten die Rebellen auf streckenweise fast unwegsamen Straßen dem hoch angeschwollenen Potomac River entgegen, um sich auf der Südseite desselben vor neuen Schlägen zu retten, welche sie sicher zu erwarten schienen. Auf dem lehmigen, morastartigen Platze, welcher zwischen Williamsport und dem Potomac River lag, standen ihre Kanonen, Munitions- und Proviantwagen fast bis zu den Achsen in den weichen Boden eingesunken da und die Kavallerie hatte die größte Mühe, durch die Fluten des Potomac River zu gelangen. Konnten nicht diese Umstände unserem Oberbefehlshaber wenigstens annähernd bekannt sein und ihn veranlassen, einen neuen Schlag gegen die Rebellen zu führen, der möglicherweise ihre Vernichtung und unsere Befreiung zur Folge haben konnte?
Aber es geschah nichts Derartiges und am Nachmittag des 8. Juli wurden Anstalten getroffen, uns über den Potomac River zu bringen, den wir zwei Wochen vorher bei Edward's Ferry in der freudigsten Stimmung überschritten hatten. Zuerst hieß es, dass wir auf einer furtartigen, nicht allzu tiefen Stelle den Fluss durchwaten sollten, aber es stellte sich bald heraus, dass die Flut zu reißend und das Wasser zu hoch waren; es wurde deshalb ein altes Flachboot mittels eines in schräger Richtung nach oben gehenden Seiles an einem anderen Seile befestigt, welches an zwei auf den beiden Ufern eingerammten Pfosten festgemacht war. Diese einfache Konstruktion verhinderte, dass die gebrechliche Fähre stromabwärts getrieben wurde und nach dem Verlauf einiger Stunden befanden wir uns sämtlich jenseits des Potomac River.
Wieder auf dem Boden Virginias! Wieder in dem Lande der Barbarei, nicht als Sieger, sondern als Gefangene, die traurigen Ereignisse der letzten Tage in frischem Andenken und eine trübe Aussicht vor uns. Der Potomac River trennte uns von dem Lande der Freien, sehnsüchtig schweiften unsere Augen hinüber nach den Bergen Marylands, wo sich unsere Armee befinden mochte, aber der unbarmherzige Ruf zum Wiederabmarsch weckte uns aus unseren Träumen. Eskortiert von den Überlebenden aus Picketts Division, welche uns wehmütig erzählten, dass noch keine Schlacht so viele Opfer ihrerseits gefordert habe, gingen wir zunächst nach Martinsburg und, nachdem wir daselbst in einem Obstgarten übernachtet hatten, wo manche mit kleinen, grünen und unreifen Äpfeln ihren Hunger stillten, am anderen Morgen bis in die Nähe von Winchester, wo uns an einem schattigen Platze in der Nähe einer herrlichen Quelle, die unter dem riesigen Stamme einer mächtigen, Jahrhunderte alten Ulme in unversiegbaren Strömen hervorfloss, ein Tag Rast gestattet und eine gewisse Menge Mehl und Fleisch verabreicht wurde, zu deren dürftiger Zubereitung sofort jene sehr primitiven Anstalten getroffen wurden, die bereits erwähnt worden sind. Am 12. Juli, einem Sonntage, passierten wir Winchester, eine erträglich respektabel aussehende Stadt mit vielen altmodischen, jedoch auch manchen neuen und elegant aussehenden Häusern, auf deren Balkonen die aristokratischen Damen und alten Herren sich befanden, um eine schadenfrohe Begutachtung über uns zu halten. Sie hatten keine Bemerkungen zu machen, aber in ihren Mienen war deutlich das Wohlgefallen zu lesen, welches sie bei dem Anblick so vieler gefangener "Yankees" empfanden. Jenseits der Stadt sahen wir die Befestigungen, aus welchen vor kurzem der General Milroy verjagt worden war und manche Schlachtengeschichten wurden von Offizieren erzählt, welche an den früheren, bei Winchester stattgefundenen blutigen Konflikten teilgenommen hatten.
In den nächsten Tagen erreichten wir das Shenandoah-Tal und jetzt begann ein Marsch, der uns über alle Maßen ermüdete. Es trat heftiges Regenwetter ein, welches beinahe eine Woche anhielt und die Wege verschlechterte und die Bäche zu Strömen anschwellen ließ. Wir wurden von Kavallerie eskortiert, welche zu Imbodens Kommando gehörte, mussten täglich 25 bis 30 Kilometer zurücklegen und wurden jede Nacht, wenn wir uns müde und durchnässt auf den feuchten Boden gelegt hatten, von einem neuen Regenguss überrascht, der die kleinen Feuer, welche wir mit umherliegenden Holzstücken und Reisig zu unterhalten suchten, auslöschte. Wir waren indes meistens zu müde, als dass wir uns viel um den Regen gekümmert hätten und schliefen, um am anderen Morgen, bis auf die Haut durchnässt und frierend, den Marsch weiter fortzusetzen. Die Rationen waren so klein und unzureichend wie zuvor, jedoch gelang es uns, hier und da etwas kaufen zu können. Man berechnete unsere Unionsbanknoten, die "Greenbacks", zu drei Dollars konföderierten Geldes und forderte enorme Preise für die sauren Brombeerkuchen, welche ein Grundnahrungsmittel im Shenandoah-Tale zu sein schienen. In Harrisonburg traf ich einen Deutschen, einen dem Spekulantengewerbe nachgehenden Israeliten, der, wie er sagte, sehr gute Geschäfte machte und sich für das konföderierte Geld, in dessen Wert er vorsichtigerweise kein großes Vertrauen setzte, Häuser und Farmen kaufte, die er billig haben konnte. Der Mann erzählte viel, in einer Art von Pennsylvania-Deutsch und pflegte ununterbrochen die Redensart einzuschieben: "Und ich will Sie auch sagen die reason why." Er verkaufte uns essigsauren Brombeerkuchen und ein Brot zu einem sehr hohen Preise und erwiderte auf eine kleine vorwurfsvolle Bemerkung: "Ich will Sie auch sagen die reason why; alles ist very high, especially die flour, and müssen Sie sein froh, dass Sie noch haben etwas, sure!" Wir waren auch froh, nur nicht an die ungeheuren Preise gewöhnt, welche man im Süden für jeden Artikel des Lebensunterhaltes forderte. Wir haben später treffliche Studien in dieser Richtung gemacht, fanden es aber damals überraschend, dass man drei Dollars für etwas bezahlen sollte, was im Norden vielleicht zehn Cents kostete und wofür selbst ein "grundehrlicher Marketender" kaum den dritten Teil berechnet haben würde.
Von Winchester kamen wir zunächst nach Newton, wo der kommandierende Rebellen-Captain den Weg verfehlte und wir durch einen Fluss zu waten hatten, weil die Brücke überschwemmt war; dann nach Middletown, Strasburg, Woodstock, Edinburgh, Mount Jackson, New Market und Harrisonburg. Alle diese Städtchen und Dörfer waren zwar hübsch gelegen, aber, Harrisonburg vielleicht ausgenommen, verödet und hatten, wie die meisten Ortschaften im Süden, ein altmodisches oder verwittertes Aussehen. Das Shenandoah-Tal an und für sich war schön und die Felder zwischen den beiden Gebirgszügen waren fruchtbar, aber es fehlte hier, wie überall im Süden, der rechte Fortschrittstrieb. Unter den Händen freier nordstaatlicher Farmer wäre dieses Tal ein Paradies und eine Quelle noch bedeutenderen Wohlstandes geworden, als es zuvor gewesen war. Die Spuren des Krieges waren in den genannten Plätzen deutlich wahrzunehmen; viele Häuser standen leer und gingen dem Verfalle entgegen; man sah manches Aushängeschild, aber der Kaufladen oder die Werkstätte waren geschlossen. Von der männlichen Bevölkerung erblickte man nur Greise, Knaben und verkrüppelte junge Männer; die Frauen und Mädchen waren meist ärmlich und in der Regel schwarz gekleidet. In einigen Ortschaften fanden wir Baracken, in welchen zum Teil Regimenter ihr flüchtiges Domizil aufgeschlagen hatten oder Verwundete untergebracht worden waren. In Harrisonburg war ein großes Akademie-Gebäude zu einem Hospital eingerichtet worden.
Von Harrisonburg ging der Weg durch eine fruchtbare Gegend über Mount Crawford und Mount Sidney nach Staunton, der letzten Station unserer mühevollen und etwa 300 Kilometer langen Tour. Die Eisenbahnwagen standen bereits vor dem Stationshause und nach wenigen Minuten war der Zug zur Abfahrt bereit. Vorher mussten wir indes noch eine Unwürdigkeit erdulden. Ein Lieutenant kam nämlich in die Wagen und verlangte auf Befehl des Kavallerie-Generals und Wegelagerers Imboden, dass wir etwaige Decken, Wachstücher, Mäntel und dergleichen, das Einzige, was Einzelne von uns wenigstens einigermaßen vor dem Unwetter schützte, abgeben sollten. Da Gewalt vor Recht geht, mussten wir uns fügen. Manche schnitten indes ihre Decken entzwei und warfen die Stücke hinaus oder auf den Fußboden. Der Rebellen-Lieutenant sprach sein Bedauern aus, uns dieser kleinen Habseligkeiten berauben zu müssen, bemerkte aber zugleich, dass der General ihm den Befehl in der ausdrücklichsten Weise gegeben habe.
Am Abend des 18. Juli, also beinahe drei Wochen nach dem Tage unserer Gefangennahme, kamen wir in Richmond an. Die Eisenbahn ging unmittelbar in die Stadt und der Zug hielt in einer belebten Straße an. Hunderte von Neugierigen, Weiße und Schwarze, hatten sich auf beiden Seiten der Straße versammelt. Wir stellten uns in viergliedriger Reihe auf, die Eskorte wurde formiert und die traurige Prozession begann. Wir marschierten durch mehrere Straßen, unter anderem durch eine, in welcher die Israeliten ganz ausschließlich ihr Lager aufgeschlagen zu haben schienen. Es war Samstag; vor den Türen saßen die Damen mit dem unverkennbaren orientalischen Typus, ziemlich reich gekleidet und uns schweigend musternd. Über den Läden hingen Schilder mit den bekannten, oft poetisch klingenden, aber in den meisten Fällen höchst kurios anglisierten Namen der Rosenzweige, Rosenhaine, Rosenbäume usw. Wir waren in der Straße, deren Einwohner später einmal der Richmonder Zeitung "Examiner" Stoff zu einem Artikel gaben. Eine nordstaatliche Zeitung hatte nämlich von einem "Kreuzzuge" gegen Richmond gesprochen. Der "Examiner" bemerkte bei dieser Gelegenheit, dass er die "nordstaatlichen Vandalen" zwar nicht mit den Kreuzrittern vergleichen könne, dass aber doch wenigstens eine Ähnlichkeit mit den Kreuzzügen der alten Zeit vorhanden sei, indem die "Yankees" hier viele Juden treffen würden, welche dem "Examiner" übrigens schwer im Magen lagen, weil er ihrem konföderierten Patriotismus nicht traute.
Nach einem Marsche von ungefähr 15 bis 20 Minuten kamen wir in die Cary Straße, nahe dem Kanal, bei einem großen dreistöckigen Gebäude an, wo Halt gemacht wurde. "Was für ein Gebäude ist dies?" wurde gefragt. Ein kleines hölzernes Schild an der westlichen Ecke des Hauses gab uns genügende Auskunft. Die Inschrift lautete: "Libby & Sohn, Schiffsbedarf & Lebensmittel."
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Das "Libby"-Gefängnis – Die Beamten – Die ersten Einrichtungen
Als wir am "Libby", wie das Gefängnis später der Kürze halber genannt wurde, angekommen waren, erschienen an den Fenstern im zweiten und dritten Stockwerk des westlichen Flügels die Offiziere, welche einige Wochen vor uns den Rebellen in die Hände gefallen waren, nämlich die vom Kommando des Colonel Streight vom 51st Indiana Regiment, der einen Vorstoß nach Georgia gemacht hatte, sowie jene vom Kommando des Generals Milroy. Während wir auf der Straße standen, warfen sie einen Zettel mit der Warnung herab: "Versteckt eure Greenbacks!" Natürlich beeilten wir uns, den unter den obwaltenden Umständen doppelt wertvollen Artikel in den Mützen, in dem Unterfutter der Röcke oder in den Stiefeln zu verbergen. Wie wohlgemeint und angebracht jene Warnung war, erfuhren wir sehr bald, denn als wir in das Erdgeschoss eintraten, wurde jeder Einzelne untersucht und der Habseligkeiten beraubt, welche uns der Strauchdieb Imboden in Staunton gelassen hatte. Wenn unser Geld nicht verborgen gewesen wäre, so hätten es die raubgierigen Rebellen ohne Zweifel bis auf den letzten Cent genommen. Bei dieser Durchsuchung machten wir die erste Bekanntschaft mit dem berüchtigten und jetzt als Scheusal bekannten Dick Turner und mit Sergeant George. Ersterer zeigte sich sofort in seiner Glorie, indem er sich unterstand, einen Offizier, welcher gegen die Beraubung protestierte, zu schlagen und der Sergeant George benahm sich nicht minder wie ein grober Büttel. Nachdem die Durchsuchung vorüber war, gingen wir in das zweite Stockwerk, wo wir die Offiziere von Streight und Milroy trafen, welche uns mit tausenderlei Fragen bestürmten. Ihre Neugierde war sehr gerechtfertigt, denn die Zeitungen Richmonds waren mit den übertriebensten Nachrichten von Rebellensiegen gefüllt und als jene Offiziere eine so große Anzahl von Gefangenen ankommen sahen, mussten sie vermuten, dass unserer Armee ein Unglück zugestoßen sei. Natürlich waren sie sehr erfreut, als sie die positive Nachricht von Lees Rückzug erhielten. Sie fühlten sich neu belebt, denn sie hatten bereits so viel von der Gastfreundschaft der Rebellen erfahren, dass ihre Stimmung eine keineswegs freudige war. Besonders gegen Colonel Streight und seine Offiziere zeigten die Rebellen eine besondere Schärfe und Bosheit.
Das "Libby" bestand aus drei Stockwerken: Im Erdgeschoss befanden sich die Verwaltung, die sogenannten "Vorratskammern" (in denen sich allerdings kein Vorrat befand) und ein Hospital-Zimmer; im zweiten und dritten Stock waren Säle, ungefähr 20 Meter tief und 15 Meter breit, in welchen früher die Schiffswaren aufgestapelt waren. Jedes Stockwerk hatte drei solcher Säle, welche wir zur Unterscheidung folgendermaßen bezeichneten: Upper West Room und Lower West Room, in welchen sich Milroys und Streights Offiziere befanden, Upper Middle Room und Lower Middle Room, später das Domizil der bei Chickamauga gefangenen Offiziere, sowie Upper East Room und Lower East Room, welche beide uns gehören sollten. Als wir ankamen, war der untere Ostsaal zu Hospitalzwecken eingerichtet, da aber die mittleren Säle zu jener Zeit noch frei waren, so hatten wir in diesen, sowie in dem oberen Ostsaal, welcher der beste von allen war, hinreichenden Platz. Unter dem Erdgeschoss befanden sich kellerartige Räumlichkeiten, welche zu verschiedenen Zwecken benutzt wurden und in welchen sich auch die furchtbaren Zellen befanden, die für alle ein Schrecken waren, die jemals das Unglück hatten, in denselben eingekerkert zu werden. Es waren kleine, finstere Löcher, in denen Ratten und anderes Ungeziefer hausten und die Luft in den Zellen war durch allerhand in Fäulnis übergegangene Gegenstände verpestet, sodass selbst ein kurzer Aufenthalt in diesen Höhlen eine entsetzliche Marter war. Nur ein einziger Mensch hatte seine Freude an den Zellen und das war Dick Turner. Ihm bereitete es höllisches Vergnügen, wenn er wehrlose Leute bei Wasser und Brot in diese finsteren und übelriechenden Räume einsperren konnte, ein Vergnügen, wie es der Sage nach die Teufel an den Qualen ihrer Opfer empfinden.
Die mittleren Räume waren niedriger und düsterer, während die oberen, unmittelbar unter dem Dach, höher und aufgrund einiger Oberlichter heller waren. Fensteröffnungen gab es im "Libby" in genügender Anzahl, aber es waren eben nur Öffnungen; die Rahmen und Glasscheiben waren mit sehr spärlichen Ausnahmen längst verschwunden. Die Treppen, welche die Stockwerke verbanden, waren aus Holz, ohne Geländer und ziemlich steil, wie es in Warenhäusern üblich ist. Das Dach war teilweise schadhaft. Im oberen und unteren Westsaal standen hölzerne Bettstellen, sogenannte "Bunks", während wir in den übrigen Sälen nichts fanden, als die leeren Wände. In jedem Saal war ein hölzerner Trog, in welchem gewaschen wurde. Das Wasser kam mittels einer Röhrenleitung aus dem nahe gelegenen Kanal und war während des Sommers lauwarm und (besonders wenn es geregnet hatte) mit lehmigen Substanzen vermischt und von gelblicher Farbe. Dieses Wasser wurde zum Trinken, Kochen und Waschen benützt.
Wir wählten zu unserem Aufenthalte zunächst den oberen Mittelsaal und den oberen Ostsaal und waren, obschon wir, wie bereits angemerkt, nichts vorfanden, als die nackten Wände, doch froh, nach einem so ermüdenden Marsche eine Stelle gefunden zu haben, wo wir wenigstens vor Sturm und Regenwetter sicher waren. In Zeiten anhaltenden Unglücks und Elends nimmt der Mensch selbst die kleinste, unter anderen Umständen vielleicht nie beachtete Vergünstigung dankbar entgegen. Es war zwar eine traurige Situation, in dieser Bastille angelangt zu sein und in diesen unheimlich leeren und öden Sälen weilen zu müssen, aber wer von uns hätte nicht an einen baldigen Gefangenenaustausch geglaubt? Hätte man uns damals bereits die Gewissheit gegeben, dass der Austausch nur ein Trugbild sei, so würden die Meisten der Verzweiflung nahe gekommen sein, denn wir waren noch nicht vorbereitet, einem solchen Schicksal ruhig entgegenzusehen. Nur allmählich gewöhnt sich der Mensch an das Elend, nur allmählich macht er sich mit dem Gedanken vertraut, dass er das auserkorene Opfer eines bösen Geschickes ist. Besitzt er Humor, so wird er selbst eine lange Periode des Unglücks überdauern, ohne dass der Schmerz seine Seele durchfurche, aber im anderen Falle wird der Gram sich seiner vollständig bemächtigen und unvertilgbare Spuren in seinem Wesen zurücklassen. Elend kann läutern, aber auch die ganze Substanz eines Individuums aufzehren und nichts übrig lassen als Schlacken.
Am Morgen des folgenden Tages hatten wir das Vergnügen, die erste Bekanntschaft mit der Kost des "Libby" zu machen. Dick Turner erschien vorerst in der Eigenschaft eines Herolds, welcher uns ankündigte, dass man etwas Futter für uns bringen werde, eine angenehme Meldung, welche zugleich unsere Neugierde reizte. Was würde es sein, was man uns vorsetzen würde? Kurze Zeit darauf erschienen Neger und brachten etwas Weizenbrot, eine gewisse Menge Rindfleisch und ungefähr ein Dutzend hölzerner, womöglich bereits zu verschiedensten Zwecken benutzter Kübel, in welchen sich ungesalzene Reissuppe befand. Wir mussten gestehen, dass dieses Gericht beinahe unsere Erwartungen übertraf; als es aber zur Austeilung kam, sahen wir deutlich, dass es nicht die Absicht der Rebellen war, uns zu mästen, denn die Portionen waren erstaunlich klein und außer einer zweiten Auflage von Brot am Nachmittag gab es für dieses Mal in unserem Hotel nichts weiter. Am anderen Tage hatten sich die Köche, uneingedenk der Regel, dass Abwechslung ergötzt, nach derselben Speisekarte gerichtet und nur den Unterschied gemacht, dass sie die Suppe übersalzen hatten. Da das Gelieferte nicht im Entferntesten hinreichte, unseren Appetit zu befriedigen, stellte sich folgerecht die Frage: Was soll aus uns werden, wie soll dies enden? Wir sahen uns bereits in Gedanken als totenbleiche Gestalten, als Skelette einherwandeln. "Ich habe Hunger" sagte jeder Einzelne und Hunger war das Echo des allgemeinen Klagerufs. Der Hunger war mit uns, wenn wir uns auf die Dielen legten, um zu schlafen und der Hunger begleitete uns, wenn wir aufwachten. Er war ein schlechter Kamerad, ein unleidiger Störenfried, der sich nicht beschwichtigen ließ und einem die gute Laune verdarb, ein zudringlicher Geselle, dessen Anwesenheit man hasste und den man doch nicht bannen konnte, wenn man sich in unserer Lage befand.
Das Beamten-Personal des "Libby" bestand aus folgenden Individuen: Kommandant war Captain Thomas P. Turner (später Major), in West Point erzogen, mit einem Anfluge von Noblesse, aber Rebell durch und durch und Mitwisser aller Maßregeln, welche die Grausamkeit gegen die Gefangenen diktierte, ein Mensch, der unter der Maske der Artigkeit eine Gesinnung verbarg, welche mit der Humanität wenig oder gar nichts zu tun hatte, als Kommandeur tätig und wachsam, aber als Soldat im Felde soweit uns bekannt, nicht erprobt. Als Adjutant fungierte Lieutenant Latouche, von französischer Abkunft, ein starker, untersetzter Mann, der freundliche Manieren hatte und gerne lächelte, aber doch falsch und tückisch war. Nächst dem Captain Turner war die Hauptperson Richard (gewöhnlich "Dick" genannt) Turner, ein Mann von ungefähr 40 Jahren, schlank und nervig, von mittlerer Größe, mit schwarzem Haar und Bart, dunklen, stechenden Augen und harten, kantigen Zügen, ein Sohn der Sünde selbst, boshaft und tückisch, zum Gefangenenwärter und Büttel wie geboren, ein Mann nach dem Herzen von Jefferson Davis. Als erster Beamter fungierte ein kleiner, drolliger Bursche namens Ross, dessen Vater Eigentümer des Libby-Gebäudes war. Ross schien Rebell zu sein, weil alle Virginier Rebellen waren; er zeigte sich uns gefällig, fand viel Vergnügen an neuen und verschiedenartigen Kleidungsstücken, plauderte gerne und konnte nie mit den "Yankees" fertig werden, welche ihn hänselten und ihm jedmöglichen Schabernack spielten. Sein Hauptgeschäft war, den Anwesenheitsappell abzuhalten, aber dies war für ihn sehr oft die Quelle bitteren Herzeleids, denn trotz zehn-, zwölf- und fünfzehnmaligen Zählens war das Resultat doch ein unrichtiges, was ihn manchmal zur Verzweiflung brachte. Eines Tages rief er nach wiederholt verunglückter Zählung verbittert aus: "Es sind hier mehr als hier sind!" und ein anderes Mal sagte er klagend: "Ich bin zu wenig für so viele Yankees." Ein andermal zählte er 143 mehr als anwesend waren und als er den lächerlichen Betrug entdeckte, schlug er sein Buch zu und lief schnurstracks auf und davon. Außerdem hatten wir es mit einem zweiten Beamten, dem bereits genannten Sergeant George, welcher anfangs sehr bösartig war, später indes, wahrscheinlich durch Bestechung, milder wurde, und einigen anderen untergeordneten Geistern zu tun.
Nach Verlauf der ersten Tage, welche uns bereits eine Ewigkeit dünkten, wurden einige Anordnungen getroffen, welche unsere Lage zwar verbesserten, aber zugleich auf eine längere Haft schließen ließen. Turner ließ nämlich im oberen Mittelsaal einen Verschlag bauen und Kochöfen in demselben aufstellen, damit wir uns unsere Mahlzeiten selbst kochen könnten. Zu diesem Zwecke und zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Allgemeinen wurde Colonel Tilden vom 16th Maine Regiment zum kommandierenden Offizier und Lieutenant-Colonel Sanderson, der Chef-Proviantmeister des I. Armeecorps, zum Leiter des Kochwesens oder, wie er sich selbst nannte, zum "kulinarischen Direktor" ernannt. Die Offiziere wurden in sogenannte "Messen" zu je 25 bis 30 Mann eingeteilt und an der Spitze jeder Messe stand ein Proviantmeister, wobei diese Proviantmeister wiederum einem Oberproviantmeister unterstanden, welcher die Rationen im Ganzen von den Rebellen bezog und an die Unterproviantmeister verteilte. Jeder Unterproviantmeister bestimmte täglich zwei Mitglieder seiner Messe, welche zu kochen, das Essen aufzutragen und das Geschirr zu reinigen hatten. Die Stunden zum Kochen, sowie die Reihenfolge der Messen bestimmte der "kulinarische Direktor", dessen Zepter der Schaumlöffel war. Die Rebellen lieferten uns noch immer Rindfleisch, Reis oder Bohnen und Weizenbrot.
Eine andere Anordnung betraf den Einkauf von Waren. Die listigen Rebellen-Füchse hatten nämlich ausfindig gemacht, dass wir "Greenbacks" besaßen, einen Artikel, den sie mit Leidenschaftlichkeit liebten. Um diese grünen Zettel auf geschickte Art in ihre Hände zu bekommen und bei der Manipulation ein schönes Stück Geld zu verdienen, gestatteten uns die Turners, Lebensmittel und sonstige Waren zu kaufen. Dies geschah auf folgende Weise: Einer der Offiziere gab scheinbar verstohlen, jedoch mit Vorwissen der Turners, einem Rebellen-Sergeant eine Anzahl von "Greenbacks", welche der Letztere gegen konföderiertes Geld austauschte. Auf diesem Wege erhielten wir anfangs fünf bis sechs konföderierte Dollars für einen "Greenback", welche Summe sich im Jahre 1864 bis auf 16 und 18 steigerte. Hatten wir nun konföderiertes Geld, so bestellte jedes Mitglied einer Messe, welches irgend etwas zu kaufen wünschte, bei seinem Unterproviantmeister die betreffenden Waren. Der Unterproviantmeister schrieb dann alle Bestellungen seiner Mitglieder artikelweise auf einen Bogen Papier und händigte diesen nebst dem Gelde dem Oberproviantmeister aus, welcher die Bestellungen der Unterproviantmeister sammelte und die Gesamtbestellung nebst der Gesamtsumme dem Inspektor Turner übergab. Dieser besorgte dann den Einkauf und schickte am anderen Tage die Waren an unseren Oberproviantmeister, welcher sie an die Unterproviantmeister austeilte. Von den letzteren erhielten dann die einzelnen Mitglieder der Messen ihre größeren oder kleineren Portionen. Die Unterproviantmeister waren quasi unsere Einzelhändler. Dieses Geschäft war für die Rebellen-Beamten ein in dreifacher Hinsicht gewinnbringendes: Erstens erhielten sie von den Wechslern oder von Privatleuten mehr konföderiertes Geld für die "Greenbacks" als sie uns zukommen ließen, zweitens verdienten sie 100 Prozent oder mehr bei dem Wareneinkauf und drittens konnten sie die Rationen so klein als möglich halten, denn sie kalkulierten, dass, wenn wir Hunger hätten, wir ja von dem Privilegium, kaufen zu können, gern Gebrauch machen würden, ohne über die Unzureichendheit der Rationen zu murren. So wanderte unser Geld in ihre Taschen, ohne dass wir sie eines direkten Raubes beschuldigen konnten und außerdem benutzten sie dieses Arrangement, um uns gelegentlich zu verstehen zu geben, dass wir gewiss von ihrer Humanität überzeugt sein müssten.
Diese Einrichtung hatte indes neben den Vorteilen, welche sie gewährte, auch ihre Schattenseiten, denn sie gab Anlass zu dem Verdachte, dass auch einige unserer Offiziere, welche als Proviantmeister mit dem Empfange und der Austeilung der Waren zu tun hatten, ihren eigenen Profit mehr im Auge hätten als die Gerechtigkeit und ferner war es für diejenigen, die kein Geld hatten, drückend, darben zu müssen, während andere, vom Glücke Begünstigte, sich erträgliche Mahlzeiten verschaffen und sich mindestens sattessen konnten.
Eine andere Vergünstigung war die Erlaubnis, Zeitungen kaufen zu dürfen. Am frühen Morgen, oft schon gegen 04.00 oder 05.00 Uhr, kam ein Neger, der, wie er uns einmal erzählte, schon sieben Mal in seinem Leben verkauft worden war, mit dem immergleichen Rufe in den Saal: "Großartige Neuigkeiten in den Zeitungen!" Oft zitierte er auch die Schlagzeilen der Artikel und Nachrichten und zwar oft in kuriosem Englisch und wenn er die Titel nicht wusste, improvisierte er Nachrichten vom Rappahannock River, vom Mississippi River und vom James River und allen möglichen Flüssen, die ihm zufällig bekannt waren, in buntem Gemisch. Aber unter allen Umständen befanden sich stets "großartige Neuigkeiten in den Zeitungen" und er gab diese Versicherung mit der ernstesten und wichtigsten Miene von der Welt. Er verkaufte fünf Exemplare, je eins von jedem Tageblatt, für einen konföderierten Dollar, schien aber den Wert des Geldes nicht sonderlich zu kennen. [Anm. d. Hrsg.: Die fünf Tageszeitungen Richmonds waren der größtenteils unpolitische "Dispatch", der gemäßigt regierungstreue "Enquirer", der nahezu fanatisch regierungsfeindliche (wenn auch die Sezession verteidigende) "Examiner", der regierungstreue "Sentinel" und der regierungskritische "Whig".]
