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Wie lebt es sich mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in Deutschland? Und wie mit der höchsten? Der Autor wollte es genau wissen und hat sich aufgemacht, den Landkreis Eichstätt sowie den Landkreis Uckermark zu bereisen. Denn die beiden Regionen bilden mit 1,3 beziehungsweise 15,2 Prozent Arbeitslosenquote die Spitze und das Schlusslicht in den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. Kein Zweifel: Es gibt rund ein Vierteljahrhundert nach Mauerfall und Wiedervereinigung in diesem Sinne noch immer zwei Deutschland. Eins mit viel und eins mit wenig Arbeit. Wie sich dieser Umstand auf ihr Leben auswirkt, das haben die Menschen hier wie dort, quer durch die Gesellschaft, dem Autor ganz offen erzählt. Sie berichten davon, was sie antreibt oder hemmt, von ihren Freuden und Wünschen, ihren Sorgen und Hoffnungen. So entstanden zwei Reportagen und 16 Porträts, die dem Leser zwei extrem unterschiedliche Regionen auf ebenso unterhaltsame wie bewegende Weise nahebringen - mutige Bekenntnisse und überraschende Erkenntnisse inklusive. Zwei Deutschland, die zuweilen allerdings mehr gemeinsam haben, als man vermuten mag.
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Seitenzahl: 122
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Über den Autor:
Achim Graf ist freier Journalist und Texter. Ihn interessiert, warum Menschen tun, was sie tun. Und was das letztlich für sie bedeutet. Oder für die Welt. Im Laufe seines Lebens hat er fast alle Facetten des Arbeitsmarktes selbst erlebt: Geboren im Kreis Rottweil im Schwarzwald (aktuelle Arbeitslosenquote: 2,8 Prozent) über sein Redaktions-Volontariat beim Südkurier in Konstanz (3,9 Prozent) und das Studium der Sozialwissenschaften in Duisburg (13,2 Prozent) landete er in Köln (9,4 Prozent), wo er nun seit vielen Jahren gerne lebt und arbeitet.
Seine Reportagen, Porträts und Interviews sind in zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen erschienen, darunter Die Zeit, die Süddeutsche Zeitung und die taz. Als festes Mitglied eines Projektteams der heutigen Funke-Mediengruppe (Essen) hat der Autor eine Reihe von Journalistenpreisen gewonnen und war 2011 Finalist beim Deutschen Journalistenpreis (djp). „Zwei Deutschland“ ist sein erstes Buch.
Achim Graf
Zwei Deutschland
Eine Reise durch Regionen mit viel und wenig Arbeit
www.tredition.de
© 2015 Achim Graf
Fotos und Umschlag: Achim Graf
Autorenporträt: Marlene Mondorf
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-4391-1
Hardcover
978-3-7323-4392-8
e-Book
978-3-7323-4393-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Der Landkreis Eichstätt
Reportage: Voll beschäftigt
Impressionen
Porträts Eichstätt
Andreas Steppberger, Oberbürgermeister
Eva Chloupek, Journalistin
Jürgen Uedelhoven, Unternehmer
Jacqueline Dotzer, Studentin
Stefan Menzel, Staplerfahrer
Helmut Kirschner, Rentner
Stefanie Ehrl, Altenpflegerin
Eduard Liebscher, Hotelier
Der Landkreis Uckermark
Reportage: Ausblutende Schönheit
Impressionen
Porträts Uckermark
Hendrik Sommer, Bürgermeister
Margit Sydow, Friseurin
Matthias Bruck, Reporter
Sandra Baumgart, Eisverkäuferin
Reinhold Weiser, Unternehmer
Heino Zingelmann, Künstler
Nadine Wunsch, Landhausbetreiberin
Silvio Moritz, Wirtschaftsförderer
Danksagung
Vorwort
Wir arbeiten nicht nur, um etwas zu produzieren, sondern auch, um der Zeit einen Wert zu geben.
Eugène Delacroix (1798-1863), frz. Maler
Arbeit ist ein wichtiger, wenn nicht der zentrale Aspekt in unserem Leben. Wie selbstverständlich antworten wir auf die Frage, was wir denn so machen, mit unserem Beruf. Kein Zweifel: Die Arbeit sichert nicht nur unseren Lebensunterhalt, wir definieren uns auch über sie und verbringen mit nichts anderem so viel Zeit wie mit unserem Job. Wenn wir denn einen haben. Bildung, Engagement und Flexibilität, so heißt es gemeinhin, sollen die Hauptkriterien sein, um beruflich und damit auch finanziell voranzukommen. Doch stimmt das?
Die Spitze und das Schlusslicht in den Statistiken
Ganz offensichtlich ist das nicht die ganze Wahrheit. Denn neben der sozialen spielt in Deutschland nach wie vor auch die regionale Herkunft eines Menschen eine entscheidende Rolle, wenn es um dessen Jobaussichten geht. Die Chance auf einen Arbeitsplatz ist jetzt, rund ein Vierteljahrhundert nach Mauerfall und Wiedervereinigung, noch immer äußerst ungleich verteilt. Einerseits gibt es insbesondere im Süden Gegenden mit Vollbeschäftigung, andererseits vor allem im Osten Landstriche, in denen es nach wie vor für viele schwierig ist, eine bezahlte Arbeit zu finden. Während der Landkreis Eichstätt in der Mitte Bayerns 2013 auf eine durchschnittlich Arbeitslosenquote von 1,3 Prozent kam, waren im gleichen Jahr im Kreis Uckermark im Nordosten von Brandenburg 15,2 Prozent der Bevölkerung ohne Job. Die beiden Regionen bilden damit die Spitze und das Schlusslicht in den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit. Kein Zweifel: Es gibt in diesem Sinne zwei Deutschland. Eins mit viel und eins mit wenig Arbeit.
Dieser Umstand bildet die Grundlage für das vorliegende Buch.Es soll die Leser bekannt machen mit zwei Landkreisen, die sich in vielen Bereichen gar nicht so unähnlich sind, der Einwohnerzahl etwa oder der Bedeutung als Ferienregion, sich in einem wichtigen Aspekt jedoch fundamental unterscheiden. Dabei werden nicht nur die Gründe aufgezeigt, warum der Landkreis Eichstätt in Sachen Beschäftigung so viel besser dasteht als die Uckermark. Im Mittelpunkt sollen zwei weitere Fragen stehen: Macht das Vorhandensein von genügend Jobs eine Gemeinschaft automatisch zu einer guten und die Menschen glücklich? Und ist – andererseits – in einer Gesellschaft ohne ausreichend Arbeit trotzdem ein gelingendes Leben möglich?
Freuden und Wünsche, Sorgen und Hoffnungen
Um diese Fragen wirklich beantworten zu können, habe ich mich aufgemacht, diese zwei Deutschland zu bereisen. Hier wie dort habe ich mich mit Menschen getroffen, jung wie alt, mit oder ohne Job, quer durch die Gesellschaft. Ob Landhauschefin oder Landrat, ob Bürgermeister oder Eisverkäuferin, ob Friseurin oder Unternehmer, ob junge Mutter oder arbeitsloser Künstler – sie alle erzählten freimütig aus ihrem Leben, sprachen von dem, was sie antreibt oder hemmt, von ihren Freuden und Wünschen, ihren Sorgen und Hoffnungen.
Im ersten Teil des Buches werden Einwohner aus dem Landkreis Eichstätt berichten, im zweiten Teil Bürger aus der Uckermark – mutige Bekenntnisse und überraschende Erkenntnisse inklusive. Entstanden sind auf diese Weise zwei Reportagen und insgesamt 16 Porträts, dazu zahlreiche Bilder aus beiden Regionen, die den Leser mitnehmen sollen auf eine Reise durch zwei der wohl landschaftlich reizvollsten Regionen Deutschlands und den Menschen, die dort leben.
Keine Handlungsanweisung für eine gerechtere Welt
Dabei ist weder eine wissenschaftliche Aufbereitung des Themas Arbeitslosigkeit das Ziel dieses Buchs noch die Ausarbeitung einer politischen Handlungsanweisung für eine gerechtere Welt. Letztendlich sollen die Geschichten vor allem eines erzählen: Wie lebt es sich mit der niedrigsten Arbeitslosenquote der Republik? Und wie mit der höchsten?
Achim Graf, im Juni 2015
Der Landkreis
Eichstätt
Bayern
30 Kommunen
126.000 Einwohner
1,3 Prozent Arbeitslose
Der Marktplatz von Eichstätt. Der prächtige Brunnen in der Mitte zeigt den heiligen Willibald, den ersten Eichstätter Bischof und Stadtpatron.
Die Anlauter, ein Nebenfluss der Altmühl, bei Erlingshofen (links). Bayerische Tradition beim Alten Wirt am Schellenberg in Enkering.
Voll beschäftigt
Im Landkreis Eichstätt sind lediglich 1,3 Prozent ohne Job.
Doch der dynamische Arbeitsmarkt fordert auch Opfer.
Es ist Freitagnachmittag, kurz vor halb fünf. Vor „Sipl’s Kaffeeund Brothaus“, im Herzen von Beilngries, sitzen fünf junge Männer auf Korbstühlen und stoßen auf das Wochenende an. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut, das erste Bier schmeckt. „Was will man mehr?“, fragt einer der Burschen, lacht, und erwartet keine Antwort. Vielleicht gehe es am Abend noch ins „Zentral“, die Cocktailbar, keine 100 Meter weiter, vielleicht schone man sich auch fürs Bouldern am Samstag im b34, dem zum Kletterparadies umgebauten alten Brauhaus. Raus aus der Stadt müssten sie eigentlich nur, wenn sie ins Kino wollten, dann geht es nach Berching, Eichstätt oder Ingolstadt.
Dort, in der direkt an den Landkreis angrenzenden Großstadt, haben zwei der Freunde, alle zwischen 22 und 26 Jahre alt, an der Technischen Hochschule auch studiert, Maschinenbau der eine, Elektrotechnik der andere. Inzwischen arbeiten beide wieder im Landkreis. Zwei haben ihre Ausbildung gleich in Beilngries gemacht, der Jüngste der Gruppe studiert derzeit noch in München an der Technischen Universität. Doch auch er ist am Wochenende eigentlich immer hier, in seiner Heimat, bei seinen Freunden. Manchmal auch unter der Woche. „Ist ja nur eine gute Stunde mit dem Auto, ist ja kein Ding“, sagt er. Ja, meint dann Johannes, der Älteste in der Runde, sie hätten es mit ihrer Heimat gut erwischt. „Hier lockt uns keiner weg“, sagt er und erntet Zustimmung bei seinen Freunden. „Was sollen wir woanders?“
In der Tat: Die Welt scheint hier in Oberbayern, zwischen Titting und Großmehring, zwischen Mörnsheim und Tettenwang, weit mehr als in Ordnung. Der Landkreis Eichstätt, geprägt von Rotbuchewäldern und lieblichen Seen, von weitläufigen Getreidefeldern und stattlichen Burgen, lockt nicht nur jede Menge Touristen ins idyllische Altmühltal, einen der größten Naturparks Deutschlands. Es ist vor allem die Wirtschaftskraft, die beeindruckt: Ökonomen sprechen mittlerweile bereits bei einer Arbeitslosenquote von vier Prozent von Vollbeschäftigung, weil offene Stellen und Bewerber nie ganz aufeinanderpassen. Den Kreis Eichstätt ficht das nicht an: Er kommt auf durchschnittlich 1,3 Prozent Arbeitslose, seit Jahren schon. Das ist ohne Beispiel in Deutschland, möglicherweise sogar in der Welt. Das wissen sie hier selbst nicht so genau. In Vergleichsrankings belegt der Landkreis regelmäßig Spitzenplätze, gewann seit 1990 fast 25.000 Einwohner hinzu. Heute leben rund 125.000 Menschen hier zwischen Fränkischer Alb und Hallertau. Erst im März 2014 hat das Magazin „Focus“ die Region zur lebenswertesten Gegend in ganz Deutschland gekürt.
„Auf einer funktionierenden Wirtschaft baut alles auf.“
Im Landratsamt von Eichstätt hat man sich an derlei Superlative längst gewöhnt, auch an die ständigen Medienanfragen. Hier, am Residenzplatz 1, im barocken Prunk des ehemaligen Bischofssitzes, wirkt seit dem Jahr 2008 Anton Knapp als Landrat. Der Politiker mit kahlem Haupt und wachem Blick ist ein Mann der CSU und „ein Mann der Wirtschaft“, wie der 60-Jährige über sich selbst sagt. Der Elektrotechniker war einst der jüngste Bürgermeister Bayerns, übernahm 1984 im Alter von gerade mal 29 Jahren die Amtsgeschäfte in Gaimersheim; der Kommune, deren Einwohnerzahl sich seit den 1960er-Jahren mehr als verdoppelt hat und heute mit rund 11.500 Einwohnern die zweitgrößte Ortschaft im Landkreis Eichstätt ist – nicht eingerechnet Hunderte von Pendlern, die im dortigen Industriegebiet ihr Ein- und Auskommen gefunden haben. Ein Erfolg, keine Frage, auch für Anton Knapp. Zwar könne man, das räumt er freimütig ein, „als Kommunalpolitiker diese vielen Arbeitsplätze nicht selber schaffen, aber die Rahmenbedingungen.“
Barocker Prunk: Landrat Anton Knapp in seinem Büro. Wo einst der Bischof das Sagen hatte, regieren heute Politik und Verwaltung.
Und diese stimmen offenbar. Stets sei dies sein erstes und oberstes Ziel gewesen, schon damals als Bürgermeister, sagt Anton Knapp. „Auf einer funktionierenden Wirtschaft baut alles auf“, davon ist der CSU-Politiker überzeugt. Erst dadurch nämlich könnten all die anderen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden, soziale, schulische, kulturelle, sportliche. Die Gewerbesteuer sei neben der Einkommensteuerbeteiligung „der Segen“, sagt er. Katholisch ist man schließlich auch.
Kein Zufall also, dass Anton Knapp seinen Wirtschaftsförderer Georg Stark mit zum Interview dazu geholt hat. Dieser ist mindestens so begeistert von seiner Heimat wie sein Chef, spricht von „null Schulden“, die der Landkreis habe und berichtet von Investitionen in Schulen, Straßen, Krankenhäuser. Die beiden sind ein eingespieltes Team, auch wenn Stark noch unter Knapps Vorgänger Xaver Bittl seine Mission begonnen hat. Doch auch dieser war, keine Frage, von der CSU, wirtschaftsnah. Und geändert hat sich am Ansatz ohnehin nichts: „Partner sein für die Betriebe“, wie es Georg Stark formuliert.
Auf 1000 Einwohner will der Landrat einen Baukran sehen
Da trifft es sich gut, dass man – mit Ausnahme der Großen Kreisstadt Eichstätt – für alle weiteren 29 Kommunen zugleich als Baugenehmigungsbehörde fungiert. Auch wenn der Platz durch politische Vorgaben aus München in den Industriegebieten vielerorts langsam knapp wird, hält Knapp an seiner Maxime für Bauanträge fest: „Heute kaufen, morgen genehmigen, übermorgen zustellen“, so wünscht er es sich. Das gelinge natürlich nicht immer, räumt er ein. Doch er gefällt sich mit solch hehren Ziele. „Auf 1000 Einwohner will ich einen Baukran sehen.“
Denn es muss ja weitergehen: Wie damals, als 1982 zwischen Großmehring und Kösching die Shell-Raffinerie stillgelegt wurde. Seit 1989 ist dort auf 1,3 Millionen Quadratmetern das Gewerbegebiet Interpark entstanden. Mit eigenem Öko-Klärwerk und integrierten Biomasse-Heizkraftwerken ist er mittlerweile einer der größten Industrie- und Gewerbeparks Europas – darunter macht man es im Landkreis offenbar nicht. Unweit davon, in Lenting, sorgt die Kessel AG als führendes Unternehmen der Entwässerungsbranche für rund 450 Arbeitsplätze. Nur die Osram-Filiale in Eichstätt übertrifft das mit derzeit 700 Mitarbeitern noch. Ob das so bleibt, hängt auch davon ab, ob das Unternehmen einigermaßen unbeschadet durch die vom Glühlampenverbot der EU entfachte Krise der Beleuchtungsindustrie kommt, viele Mitarbeiter fürchten um ihre Stelle. Im Zweifel aber wird das Industriegebiet Gaimersheim auch hier einiges auffangen. Denn dort hat sich nicht nur EDEKA Südbayern mit Verwaltung und Logistik niedergelassen, es sind vor allem eine Vielzahl an Zulieferern und Dienstleistern aus der Automobilbranche, die sich in den vergangenen 30 Jahren angesiedelt haben – und in der Regel stetig wachsen.
Die A9 nennen sie liebevoll „unsere Lebensader“
„Die Begleitung in der Expansion ist wichtig“, sagt dazu Landrat Knapp. Neuansiedlungen, schön und gut. Aber das sei häufig Glückssache. Glück, das man freilich vor allen Dingen der stetig aufwärts strebenden Audi AG im direkt angrenzenden Ingolstadt zu verdanken hat, das will auch Wirtschaftsförderer Georg Stark nicht verhehlen. „Aber wir haben die Chancen eben auch genutzt“, setzt er, fast ein wenig trotzig, hinterher. Dass die Abhängigkeit von einem einzigen Wirtschaftsakteur unbestritten Risiken birgt, hat man sowieso erkannt. Nicht nur im Landratsamt. „Hat Audi Schnupfen, bekommt der Landkreis eine Lungenentzündung“, diese Warnung bekommt man von verschiedenen Seiten immer wieder zu hören.
Das Wirtschaftswunder von Eichstätt alleine mit der Nähe zu Audi erklären zu wollen, griffe ohnehin zu kurz. Tatsache ist, dass der Landkreis auch von kaum beeinflussbaren Faktoren profitiert. So liegt man im insgesamt florierenden Vorzeigeland Bayern nicht nur genau im Zentrum (der Markt Kipfenberg bildet die geographische Mitte des Freistaats), auch die Lage zwischen den Ballungsgebieten Augsburg und Regensburg, Nürnberg und München, direkt angebunden über die A9 und jeweils keine Stunde entfernt, ist sicher kein Nachteil. „Unsere Lebensader“, nennen sie die Autobahn hier liebevoll. Glücklich ist Landrat Knapp zudem über den ebenso bodenständigen wie vielfältigen Mittelstand, der auch in den Krisenjahren 2008 und 2009 möglichst auf Entlassungen verzichtet habe. Da könne man auch ein bisschen stolz drauf sein, meint er. Manch einer, erzählt Wirtschaftsförderer Georg Stark, habe sich in den vergangenen Jahrzehnten vom kleinen Betrieb zu einem führenden Unternehmen in seiner speziellen Nische entwickelt. Bis hin zum kreativen Schreiner, von dem er berichtet. Dieser beliefere mit großem Erfolg Ritterspiele auf Mittelaltermärkten mit Holzschwertern. Es war eine Marktlücke.
Tradition und Moderne: Blick von der Willibaldsburg, errichtet um 1360 und bis 1725 Bischofsresidenz, auf ein Neubaugebiet von Eichstätt.
Sich auf dem Erreichten auszuruhen, kommt für den Menschenschlag hier aber nicht in Frage. 2008 hat der Landkreis deshalb zusammen mit der Stadt Ingolstadt, zwei benachbarten Landkreisen sowie zahlreichen Unternehmen, darunter Audi, Edeka Südbayern und die Airbus Defence and Space GmbH, das gemeinsame Regionalmanagement „Irma“ aus der Taufe gehoben. Ziel der Kooperation ist die weitere Stärkung der Region, ob durch Aktionstage für Jugendliche, die Unterstützung gemeinnütziger Projekte oder die Installation eines Gründernetzwerks. Jüngst hat man zudem die gemeinsame Vermarktung regionaler Lebensmittel gestartet. „Vier Gärten“ nennt sich die Initiative, die Mehl und Kartoffeln, Honig und Marmelade nicht nur über viele Hofläden verkauft, sondern mittlerweile auch an Edeka und REWE liefert.
Andernorts schließen Schulen, hier machen neue auf
