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Unveröffentlichte, autobiografische Erzählung des zu Unrecht vergessenen, brillanten Schweizer Erzählers Walter Vogt. Zwei Männer in einem Bett, der eine schläft, der andere spricht. Erzählt wird eine Liebe in Zeiten von Aids: Die Geschichte eines »Verschonten«, der sich in einen wesentlich jüngeren Infizierten verliebt, dessen Tod greifbar nahe scheint. So macht sich der Ältere in einem Monolog Gedanken über seine Beziehung, über das Trennende der beiden Männer, über Sexualität, gekaufte Sexualität, aber auch über Freundschaft, Identität und das Verorten zwischen den Geschlechtern. Ein schonungsloser Text, von dem Vogt selbst dachte, dass er nicht publizierbar sei. Über Walter Vogt schrieb Kurt Marti: »Das Ekstatische faszinierte ihn, zugleich behielt er den scharf beobachtenden Blick des Intellektuellen. Der Hunger nach Erlebnis und der Hunger nach Erkenntnis trieben ihn gleichermassen um, trieben ihn auch voran. Erstaunlich die Offenheit, mit der Vogt schliesslich über sich selbst zu sprechen wagte! Worüber er auch immer schrieb und sprach, er schrieb und sprach von sich selbst. Es ist wahr, das tut wohl jeder Autor, nur tun es nicht alle so offen, so obsessionell, auch so gescheit wie Vogt.« Vogts eindrücklicher Text wird flankiert von einem »Vorbeben« von Christoph Geiser und einem »Nachbeben« von Kim de l'Horizon.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Reihe
der Autor:innen
Walter Vogt
Zwei Männer in einem Raum
Erzählung
Mit einem Vorbeben von Christoph Geiser
Und einem Nachbeben von Kim de l’Horizon
Herausgegeben von Guy Krneta
ALIT – Netzwerk für Literatur
Wallstein Verlag
Walter Vogt (1927–1988) war eine der wichtigen literarischen Stimmen der Schweiz der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Mit ersten Texten, welche die damaligen »Götter in Weiss« kritisierten und den Arzt als Patienten zeigten, eckte er Mitte der Sechzigerjahre gesellschaftlich an. Als Psychiater experimentierte er mit psychedelischen Substanzen und verschrieb sich selber den Drogenentzug. Diese Erfahrungen verarbeitete er auch literarisch. In späteren Werken rückt seine Bisexualität und die Maskenhaftigkeit geschlechtlicher Zuordnung in den Vordergrund. Walter Vogt schrieb in allen literarischen Genres, von der Prosa über die Lyrik bis zum Fernsehspiel. Zunehmend entfernten sich seine Texte von der Fiktionalität. »Zwei Männer in einem Raum« entstand 1986 und ist einer der letzten Texte Vogts. Der Text ist bisher unpubliziert und findet sich in Vogts sogenannter »Geheimschublade spez.« im Schweizerischen Literaturarchiv.
»Zwei Männer in einem Raum« erzählt die Liebe in Zeiten von AIDS: Die Geschichte eines »Verschonten«, der sich in einen wesentlich jüngeren Infizierten verliebt. In der Unlebbarkeit der Beziehung, in der Bedrohung und Faszination, die von der Krankheit ausgeht, erlebt sich der Erzähler selbstdefiniert als Mann in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern.
»Zwei Männer in einem Raum« erscheint in der neuen Buchreihe »Reihe der Autor:innen«. Sie basiert auf dem Prinzip »Autor:innen entdecken Autor:innen« und wird getragen von Schreibenden, die bestimmte Bücher, die nach 1945 verfasst wurden, auf dem Buchmarkt vermissen. Die Autor:innen wählen die Texte aus, geben sie neu heraus und verfassen die Vorworte und »Begegnungen«, in denen es um die literaturgeschichtliche wie auch um die aktuelle Bedeutung eines Textes oder eines Autors, einer Autorin geht.
Die »Reihe der Autor:innen« des Vereins ALIT –Netzwerk für Literatur präsentiert Vergessene, Verkannte und Frühverstorbene mit ihren maßgeblichen Werken, in Werkzusammenstellungen oder Neuentdeckungen aus dem Nachlass.
Ziel ist es, zu zeigen, wie bedeutende, aber heute weitgehend vergessene Texte zu Debatten beitragen, Themen und Schreibweisen einbringen, die bis heute relevant sind oder vielleicht neu relevant werden können. Daher sind in jedem Band »Begegnungen« von heute schreibenden Autor:innen enthalten, die sich mit dem Text auseinandersetzen, darauf reagieren, ihm widersprechen, ihn ergänzen und sichtbar machen, welche Bedeutung er für uns Heutige haben kann.
Als Einstieg in diesen Band erzählt Christoph Geiser, Zeit- und Weggenosse Vogts, das eigene Outing und den Schock der tödlichen Pandemie, welche auf einen Schlag die Beziehungen zwischen Menschen bestimmte.
Im dritten Teil sucht Kim de l’Horizon ein Verhältnis zu den Fragen, welche Vogts Text aus heutiger Sicht aufwirft. Welche blinden Flecken enthielt Vogts Selbstverständnis? Und wie haben sich die Koordinaten von Identität und Sexualität, welche Vogt zu überwinden suchte, auf dem Weg bis heute verschoben?
»Zwei Männer in einem Raum« ist erhalten als maschinengeschriebenes Manuskript mit handschriftlichen Korrekturen.Es gibt keine Vorfassungen oder Versionen, wenige Hinweise auf die Entstehungsgeschichte finden sich im Text selber. Minimale Eingriffe bei der Herausgabe betreffen die Anpassung an die aktuelle Rechtschreibung, einzelne Kommasetzung, Vereinheitlichung von Schreibweisen und offensichtliche Vertipper.
Guy Krneta
Ein Vorbeben zu Walter Vogts»Zwei Männer in einem Raum«
Flucht – aus der Enge einer verlogenen Liebesbeziehung in der vergleichsweise kleinen Stadt Bern, die verbotene Erzählung des Verschwiegenen im Gepäck, mit dem russischen Schlafwagen Bern-Moskau direkt, den’s längst nicht mehr gibt, als einziger Passagier – aber nur bis Berlin. Angst, verschlafen zu haben, beim Erwachen in Birkenwäldern … Birkenwälder? Oder waren’s Fichten? Ich habe mich weggestohlen, aus dem sozialistischen Schlafwagen, fahnenflüchtig, am Schaffner in seinem Drillich vorbei, der neben seinem Samowar schlief, um sieben Uhr früh. Bahnhof Zo-o-logischer Garten. Selbständige politische Einheit Westberlin. Juni 83. Man musste den Hasenörl ausm Bett holen, damit er mich vom Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in meinen Kiez chauffierte. Lustiger Kiez, sagte der Hasenörl, doch ich wusste weder was ein Kiez ist noch was lustig daran. Fremd in der Selbständigen politischen Einheit. Die Hauptstadt der DDR war mir vertrauter. Da stand ich nun – in einer kahlen Wohnung, karg bestückt, keine bedrohlichen Möbelstücke, ein zerschossener Spiegel zwischen den beiden Fenstern ohne Gardinen und Vorhänge, Schmauchspuren, als hätte jemand auf sich selber geschossen. Eine Brandmauer gegenüber, aus vielen kleinen Backsteinchen, die von fern verschwammen, hinter dem Spielplatz mit Kinderschaukel jenseits der Eisenacher Straße. Und – rechts davon – in blauer Leuchtschrift Blue Boy. Eine Bar. Bis am Abend wusste ich, wo ich bin, was ein Kiez ist und was lustig daran. Alles schien möglich – für den, der aus der Unmöglichkeit kam. Wenn man mal siebzehn ist, sagen die hiernichts mehr. Die Minibar der Minis, vom Spielplatz weggelaufen, von der Kinderschaukel katapultiert im süßlichen Ruch des Hanfs, das Glimmen der Glut an den Stängeln nachts. Das Bel Ami mit dem Billardtisch für das reizende Vorspiel, oder Tom of Finnlands Keller. Und – überall in den Bars, in dem Keller, das gelbe Plakat mit der schwarzen Schrift: AIDS – was nun? Seuchengebiet!
Ich war Mitte dreißig – bereit zu schier allem, wählerisch noch immer, aber aus einem breiten Angebot. Ohne Vorurteil. Besessen, genommen zu werden – von den Knaben, den Jungs, den jungen Männern, von Wildfremden endlich, womöglich im Finstern. Im Keller. Lebensgefahr! Wir wussten es schon. »Der Spiegel« mit dem ominösen Negativbild der zwei nackten Männer auf dem Titel war eben erschienen. Die unerschrockene junge Immunologin auf mission impossible versuchte, die Ledermänner im Keller zur Enthaltsamkeit zu überreden – denn vom Gummi war die Rede noch nicht, keine Rede vom Gummi. Von ehelicher Treue zu reden, lächerlich hier. Aufhörn! Hieß auch die Botschaft des Doktors vom Robert Koch Institut, verkündet im Audi-Max der FU, vor tausend verschreckten Schwulen. Das Diagramm an der Wandtafel, Kreidestriche, die Ringlein miteinander verbanden, die wieder mit anderen Ringlein verbunden waren – bis zur infinitesimalen Verbreitung … von was eigentlich? Da gab’s noch kein Virus. Ein Gummi?! Der Gummi?! Noch nie einen Gummi gesehen … wir treiben doch keine Familienplanung! Wir zeugen doch nichts! Aber es muss Blut fliessen, sagte der Doktor vom Robert Koch Institut. Eine fatale Verharmlosung. Ein mikroskopisch winziges Risslein in der Halbschleimhaut reicht – man hätte Leben retten können. Kaposi Sarkom. Die schwarzen Flecken auf der Haut, die Farbe von Weinhefe, heisst’s. Doch was ist die Farbe von Weinhefe? Pneumocystis carinii – in New York husteten sie sich schon die Lunge aus dem Leib, auf die Flure der Seuchenhäuser verlegt, damit das Gehuste die anderen Patienten nicht stört – und die Beziehungen der Berliner Szene mit New York waren eng, ich war vorgewarnt (vom Vertriebsleiter meines damaligen Verlags übrigens). Von Parasiten im Gehirn war die Rede, eine Krankheit britischer Schafe ursprünglich – und was macht man mit den derart erkrankten Schafen, fragt der ratlose Humanmediziner den Veterinär? Notschlachten! Und – es kommt vom Ficken. Vom Gefickt-Werden. Und – es trifft nur die Schwulen. Das darf doch nicht wahr sein … Vögelt weiter! Verkündete Ronald Schernikau. Eine Behauptung des Klassenfeinds!, behauptete Foucault. Sie starben wie die Fliegen. Reihum im Kiez.
Und ich?
Zum ersten Mal hatte ich Todesangst, reale Todesangst, in meiner kahlen Wohnung, dem zerschossenen Spiegel gegenüber, die verschwimmenden Backsteinchen der Brandmauer vor Augen, an meinem provisorischen Schreibtisch aus Pavatexplatten, am Morgen danach. Schuldgefühl! Der Gewissensbiss auf die eigene Lippe. War er noch drin, als er kam – kam er in mir – kam er? Wann? Wo? Wer? Der Tod? Schuld sein am eigenen Tod. Und nichts wäre mehr zu erzählen, alle Erzählung abgebrochen. Alles Coming Out für nichts. Postum. Für das Mitleid der Nachwelt. Den Tod kann man nicht abtreiben. Nach neun Monaten ist er da – neun Monate dauerte es in den Anfängen, habe ich in Erinnerung, vielleicht waren’s aber auch achtzehn – eine Gnadenfrist von neun Monaten mit Vollbild. Und ich wusste es doch – es ist infektiös! Unhygienisch! Unsauber! Gefährlich! Entweder man hängt einer Frau ein Kind an – bis lauter ungewollte Kinder an ihrer Küchenschürze hängen – oder man infiziert sich und andere. Wir sind infektiös! Die Schwulen besonders, sagte doch Papa. Eine Regression in den infantilen Medizindiskurs der puritanischen Basler Kindheit … Das Absuchen der Haut nach den weinhefigen Flecken. Das Abtasten der Lymphknoten in der Leistenbeuge, unterm Kiefer, in den Achselhöhlen … Es darf doch nicht wahr sein! Der Tod, das ist der Andere. Jeder Andere ist potentiell der Tod. Meine Verbindung zu den andern ist die Geilheit und die Literatur, nichts sonst. Zuerst ficken, dann reden. Borroughs. Das Gelafere kommt später. Die Liebe (vielleicht) auch. Kein Geschwätz. Die Litanei der Unterwerfung, der Hingabe stattdessen … auf den Knien, auf den Dielen wie Schiffsplanken … Spritz es rein … spuck es aus … nicht schlucken, nicht schlucken … Gib’s mir! Auf den Knien, auf den Schiffsplanken, die metallene Gürtelschnalle küssen, das verbotene Zeichen …
Die Möglichkeiten spazierten nicht nur unter meinen nackten Fenstern vorbei. Das Glimmen der Hanfstängel auf der Kinderschaukel vor der finsteren Backsteinwand lockte nicht vergeblich. Jede Nacht. Die Filmchen auf dem Bildschirm überm bauschigen Vorhang des Eingangs zum Bel Ami als Anregung. Das Vorspiel am Billardtisch. Hast du noch etwas vor? Hastdu was vor mit mir? Suchen Sie einen Begleiter? Das letzte Mal war die Unterlage ein bisschen hart, wa … Ach, das trifft doch nur die, die schon so ausjezehrt sind. Von den Poppers kommt’s … Hatte noch nichts, der Kollege hatte schon mal einen Tripper auszukurieren. Rasch mal eine Tüte Popcorn grapschen im Keller und schnell wieder weg, die Lederkerle waren nichts für die Jungs im Bel Ami. Lustig könnte es sein! Nicht nur lustig. Wenn die Ungeduld übermächtig wird … Patrick … die fleischige Verlängerung der Oberschenkel, stark gefährdet!, rasch geborgen unter dem strahlenden Leib, der Gier feilgeboten … Verzweifelte Gier. Über den grell leuchtenden Leib gebeugt. Geduldig gezähmt – bis man so weit ist. Es ist gleich so weit … Und für vergleichsweise nichts. Ein Trinkgeld … die Ledermänner hingegen sind gratis. Aber lebensgefährlich. Auf dem ius primae noctis bestehn?
Gier, Todesangst, Schuldgefühl, Verzweiflung – der Stoff war literarisch nicht zu bewältigen. Lange Spaziergänge im Freigehege, dieser Selbständigen politischen Einheit, im Zo-o-logischen Garten gar, den eingesperrten Wildtieren guten Tag sagen, herumliegen am Nacktbadestrand am Wannsee, ein grosser Sommer. Und nachts … Mitunter ein Besuch drüben, im vertrauten Ländchen, durchs Nadelöhr am Checkpoint. Kassandra liest Vogt, abends im Bett, am 27. September 1983, man kann’s nachlesen, nach meinem Besuch an der Friedrichstrasse, und hat dann offenbar doch begriffen, warum ich nicht über das Verschwiegene reden konnte, nicht über den Stoff reden wollte, nicht bleiben wollte, trotz der aufgetischten Köstlichkeiten (und Gerd suchte noch immer einen Rückspiegel für seinen Trabi), warum ich um elf schon unruhig wurde, zeitig aufzubrechen in meinen Kiez … Entkommen! Zu den Bildern schlussendlich. Gemäldegalerie Dahlem.
Amor vincit omnia – im Museum: der nackte Hohn! Diesen Schock habe ich schon zu oft beschrieben, er wurde maßgebend für den literarischen Rest. Caravaggios Siegreicher Amor hing damals noch nicht zwischen anderen berühmten Bildern wohlpräsentiert im Kunstforum, sondern am Fuße einer Treppe. Man stolperte über die Stufen und flog schier auf das obszöne Kind. Gräzschenklig. Das unreife Schnäbi in der Bildmitte.
Ein vergleichsweis langer Rest, ein umfangreicher. Das Coming Out war mittlerweile zwar herausgekommen, nicht wirklich postum, aber im Grund schon obsolet. Historisch. Bis 85 machte ich weiter, als wollt ich doch noch immer nicht recht dran glauben, in Furcht und mit Zittern aus Angst vor der Krankheit zum Tod. Letztes Risiko mutmaßlich Frühjahr 85. Mutmaßlich Harald, Pension Stockholm, nicht mehr sturmfrei die Bude am Olivaer, in Untermiete bei der Klavierlehrerin. Bist du gekommen?So halb, ’s is immerwieder abjerutscht … Letzte Bilder: Harald kniet über mir am Fussboden und zerpflückt meine Körperteile, kichernd. Harald pinkelnd am Laternenpfahl, im Nieselregen der Nacht, von oben gesehen, und von hinten. Die kranken Jungs im Wartezimmer des Dermatologen, auf den Sofas und noch bis aufs Fensterbrett wie die Vögel auf den Telefondrähten, mild lächelnd, der Spaß ist vorbei. Kein Tripper, keine Chlamydien, Unspezifisches, aber vorne und hinten, plus Hefepilz, sagte der Doktor …
Madribon und Apfelessig als Heilmittel. Danach – Aufbruch nach Neapel! Zu dem in der Klimakiste dahin verfrachteten Kind, frisch restauriert. Der Restaurator ist später gestorben, zehn Jahre später, ein spät Gestorbener eigentlich, als hätte er sich an dem obszönen Amor-Knaben in seinem Atelier infiziert, der einzige mir nah vertraute Aids-Tote. Sind Bilder infektiös?
