Zwei Monde - Maria Kuncewiczowa - E-Book

Zwei Monde E-Book

Maria Kuncewiczowa

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Beschreibung

Maria Kuncewiczowa (1895–1989) setzte mit »Zwei Monde« dem Weichselstädtchen Kazimierz Dolny ein Denkmal. Als junge Frau hatte sie in der malerischen Stadt ein Haus entdeckt, »versunken in Gänsefuß und Brennnesseln«. Sie verliebte sich in den Ort, kaufte das Haus, pflanzte Malven, Kapuzinerkresse und Rosen und kehrte nach jahrzehntelanger Emigration in England und den USA später wieder dorthin zurück. In »Zwei Monde« nimmt Kuncewiczowa in zwanzig Kapiteln die Gesellschaft in Kazimierz Dolny in den Blick: Stimmungsvolle Porträts geben Einblicke in das Leben der Sommergäste und der ansässigen Bevölkerung – der Bettlerin Agata, der Schneiderin Walentyna, des blinden Hirten Michał und des jüdischen Eisenhändlers Mistig. Jedes Kapitel wirft ein Schlaglicht auf einen Teil der Bewohnerschaft, der Erzählreigen rundet sich zu einem Panorama des friedlichen Alltags in der Kleinstadt. Maria Kuncewiczowa ist eine Meisterin der poetischen, leichthändigen Sprache. Nie beschönigt oder verharmlost sie – soziale und menschliche Missstände werden nicht verschwiegen –, doch gelingt es ihr, mit liebevollem, manchmal auch spöttisch-wissendem Blick auf die Verhältnisse dem Alltäglichen einen Zauber zu verleihen und auch kleinste Nebenfiguren in ihrem Kern zu erfassen. Die Dialoge schweben sommerbrisengleich, die Natur- und Wetterschilderungen sind von grandioser Beschreibungskraft. Peter Oliver Loews Übersetzung folgt der schwerelosen Magie von Kuncewiczowas Prosa und lässt die unwiderruflich versunkene Welt der Zwischenkriegszeit vor unseren Augen wiederauferstehen.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Maria Kuncewiczowa

Zwei Monde

Maria Kuncewiczowa

ZWEI MONDE

EIN ROMAN IN ERZÄHLUNGEN

Aus dem Polnischen vonPeter Oliver Loew

Mit einem Nachwort vonAnna Artwińska

Den Freundenim Zeichen beider Monde von Kazimierz Dolny– den anwesenden und den abwesenden

M. K.

ZWEI MONDE

Die Hitze ließ nach. Die – sehr rote – Sonne neigte sich zum Fluss, von hoch oben kam ein frisches Lüftchen, die Blätter der Tomaten gewannen langsam ihre Spannkraft wieder, die Menschen redeten mit vernehmlicheren, reineren Stimmen. Im Städtchen nahte die Abendbrotzeit.

Der Eisenwarenhändler Mistig stand neben seinem Laden und schaute gierig auf den Marktplatz, ob nicht in dieser letzten Minute vor dem Schließen von irgendwoher ein hier unbekannter bedeutender Kunde erscheint, der rasch den Auftrag geben würde, die größten Waren einzupacken, und dann wie ein Besessener dafür bezahlt. Niemand erschien, und so gestattete der Kaufmann seiner Tochter, den Laden zu verriegeln. Die Gepäckträger waren gähnend am Brunnenhaus auseinandergegangen. Der abendliche Autobus mit dem Namen »Engel« war gekommen und wieder zum Bahnhof gefahren, noch stärker scheppernd als eine Fuhre Alteisen. Moszek Ruchlingier strebte ängstlich seinem Haus zu: von Ferne hörte man Suras Gebrüll, wie sie die widerspenstige Rachel schlug, und das Kreischen ebenjener Rachel. Moszek blieb stehen, zählte sein Geld, seufzte … Ludwiś kehrte erst jetzt aus der Gerberei zurück, obwohl es schon längst nach Feierabend war: Natürlich hatte er in der Wirtschaft »Zur Eiche« getrunken. Pytkowski, der Botengänger mit dem Blechabzeichen des Magistrats auf seiner Mütze, lief rasch durch das enge Tal zu seiner Frau Aniela, die er so liebte, dass die Menschen richtig zornig wurden. Bei der Schneiderin Walentyna hörten die Mädchen auf, mit den Maschinen zu rattern und »Oczy czarne«* zu singen, die Schneiderin selbst saß auf der Veranda. In der Abendkühle bewässerte ihre Freundin Malwina das Gemüse mit verdünnter Kuhjauche, und der Gestank breitete sich bis zu Walentynas Grundstück aus. Meister Sowa stritt mit den Wojtaliks, wie viele Arbeitstage sie beim Verputzen zugebracht hatten und wie viele auf dem Dach beim Verlegen von Dachpappe, denn fürs Verputzen gab er weniger.

Die Kinder hatten sich von der Hitze abgekühlt und liefen wie verrückt mit Brot in der Hand und sahneverschmierten Gesichtern herum. Hier und dort jagten von der Leine gelassene Hunde – heulend – ihre kleinen Herrchen. Und nur eben diese Geschöpfe – Kinder und Hunde – schienen den Abend zu heiligen und furchtlos die nicht mehr ferne Nacht zu begrüßen.

Bald erschien von Osten her der Mond. Fast genauso rot und groß wie die gerade erst im Wasser versunkene Sonne. Da stellte sich der blinde Michał, dessen Vater hinter dem Kloster acht Morgen Land besaß und der die Nacht entsetzlich hasste, seitdem ihn die Mädchen ausgelacht hatten, weil er Angst hatte, einem Kometen auf den Schweif zu treten – an die Straße vor seinem Hof und herrschte die Leute an: »Los, schlafen gehen, schlafen gehen! Warum noch herumtrödeln?«

Doch man folgte ihm nicht sogleich. Der Tag war sommerlich, und ehe er sich zum Schlaf anschickte, musste er vom Schweiß, von der Plackerei, von der Eile gut abkühlen. Die Frauen mussten die Lumpen waschen, das Geschirr spülen, das sie wegen der Feldarbeit oder anderer eiliger Besorgungen vernachlässigt hatten; die Männer mussten sich satt essen, ein wenig klagen, Zigaretten rauchen und sich über alles auslassen. Die Kinder wollten noch im Dunkeln herumtoben.

Langsam aber verstummten das Töpfeklappern und das Geschimpfe der Männer, der Geruch gekochter Kartoffeln legte sich über den bitteren, kühlen Duft des Kartoffelkrauts, die Mütter schickten ihre Kleinen ins Bett, die Hunde jagten – zu einem letzten Ausflug vor der Nacht – in die Dörfer.

Der immer noch rote Mond schrumpfte ein wenig und löste sich von der Erde. Die Menschen schauten ihn ungern an: Man weiß nie, was der Mond prophezeit, wenn er so über der Welt hängt.

Sie gingen in ihre Wohnungen, machten ihre Betten, seufzten zu Gott oder einem verflossenen Glück hinterher, und wer welche hatte, zog die Gardinen zu. Sie legten sich hin. Es ist angenehm, seinen erschöpften Muskeln nachzugeben, es ist angenehm, von nichts zu wissen.

Nur die Bettlerin Agata, der das Schicksal ein eigenes Heim verwehrt hatte, schleppte sich auf dem Weg zu ungewisser Nachtruhe umher.

Schließlich hatte jeder besonnene Mensch seinen Platz gefunden – und ruhte.

Der Mond erbleichte. Er war jetzt schon klein und stand sehr hoch. Gläsernes Licht ging von ihm aus.

Oben hinter dem Hohlweg knarrte ein Gartentörchen. Kleider raschelten. Jemand lachte, jemand sang. Auf dem Hang klapperten Absätze.

Die Franciszkowa, die das Kind unter dem Herzen sehr drückte und die darum einen leichten Schlaf hatte, schreckte auf; sie schubste ihren Mann:

– Was ist das? Wer rennt dort draußen herum?

Er hob den Kopf vom karierten Kopfkissen, lauschte eine Weile und brummte schließlich:

– Ach das … die da … Nachtschwärmer.

Sie seufzte:

– Ach, die da … Und wo ist Janek?

Danach schliefen sie weiter.

Die da liefen derweil in den Hohlweg und zogen Parfumschleppen hinter sich her. Sylwia und Jeremi gingen untergehakt, Flora glitzerte, mit einem Seidenschal wie mit Wasser übergossen, Menas Haare glänzten. Sie plapperten laut, haschten einander. Paweł zog Iza an einem Band, das sie um die Taille trug. Madzia irrte zwischen den Bäumen umher und suchte Leuchtkäfer, Szymon zertrat sie mit großem Eifer, der Herr Rechtsanwalt rettete sie in Lançaden.

Der Hohlweg war auf beiden Seiten von Buchengehölz bewachsen und sah aus wie das Bühnenbild einer Wagner-Oper. Die da schauten immer wieder auf die mit Blättern geschmückten Sterne, auf die versilberten Zweige und sagten: »Wie schön!« Klara hob die Hand:

– Bleibt stehen! Dieser Duft … Spürt ihr das?

Mit halbgeschlossenen Augen sogen sie den Duft des Heus ein.

Nachdem sie auf die Straße gekommen waren, beschleunigten sie ihre Schritte. Das Städtchen schien leblos zu sein. Auf dem menschenleeren Marktplatz brannten zwei hohe Laternen. Eine Katze sprang hinter einer Ecke hervor, in der Ferne bellten unentschlossen einige Hunde.

Die da liefen in die Mitte des Platzes. Die entblößten Bretter der Marktstände glänzten, seitlich hingen Stoffbahnen herab, die am Tag dazu dienten, die Waren zu schützen. Paweł nahm Flora in seine Arme und stellte sie auf einen Marktstand – sie war schön mit ihren schwarzen Locken im Mondschein … Er rief:

– Ejne schejne Puppe! Zur Puppe, zur Puppe, mejne Herrn!

Sie lachten auf, klatschten in die Hände, Flora ließ ihren Schal wunderhübsch wehen.

Dann passierten sie die Pfarrkirche und liefen nach oben zum Turm, zu den Ruinen des Schlosses. Berberitzen griffen nach den Kleidern, es duftete nun nach wildem Thymian. Je höher sie kamen, desto weiter zeigte sich ihnen der Fluss. Bald konnten sie ihn schon bis zur dritten, breiten, silbernen Schleife sehen. Auf dem Gipfel des Hügels blieben sie stehen. Die schartige Burg stand hell in der Nähe, als wäre sie ganz aus morschem Holz. Unten lag dunkel das Städtchen.

Sie setzten sich unter eines der drei riesigen Kreuze. Mena lehnte ihren rothaarigen Kopf gegen das Holz, beinahe wie Maria Magdalena. Aus den Ruinen kam jemand, zwei Menschen näherten sich ihnen. Jeremi ging ihnen entgegen und rief nach einem Augenblick:

– Sie gehören zu uns! Hallo! Kommt! Wir warten hier auf euch.

Krystyna grüßte, Jerzy sagte:

– Wir betrachten das alles schon seit zwei Stunden.

Der Kreis vergrößerte sich. Schweigen. Über den Fluss ging ein silbernes Zittern, über den Himmel – zogen Wölkchen. Jedes Ding veränderte sich ständig. Das Dach der Pfarrkirche schien mal aus Glas zu sein, mal aus Samt. Das Städtchen schlummerte in seinem lauschigen Tal, dann wieder bleckte es seine Renaissance-Attikas zu einem wachsamen und unfreundlichen Lachen.

Mena sagte:

– Der Mond war rot, als diese Menschen schlafen gingen … Jetzt ist er weiß. Ganz anders. Ob diese wissen, wie ein weißer Mond aussieht?

Jeremi antwortete:

– Vielleicht sind es überhaupt zwei Monde … Einer für die da, und der andere – nur für uns.

*»Schwarze Augen« – Melancholisches polnisches Volkslied. (Alle Anmerkungen, sofern nicht anders angegeben, vom Übersetzer.)

GLEICHHEIT

Michał meldete sich manchmal so zu Wort:

– Der Klee blüht dieses Jahr schwärzlich, muss ihn im Mai ein Frost gepackt haben.

Oder:

– Das Kalb hat seine Augen noch nicht für die Welt geöffnet, und die Alte verdrückt sich schon – schön anzuschauen, so ein gesunder Kerl.

Und so vergaßen die Menschen, dass hier ein Blinder sprach.

Selten legte er sich mit den Burschen an: Sie respektierten ihn – für eine Rauferei taugte er besser als so mancher Sehender. Er mochte es sehr, mit einem Klappmesser im Holz zu bohren. Einmal schnappte sich Józiek, sein jüngerer Bruder, das Messer und wollte damit fort, um Grünzeug für das Kaninchen zu schneiden. Also gerieten sie sich in die Haare. Zuerst rief Michał:

– Lass das Messer, mit einer Sichel kannst du’s besser schneiden!

Dann verstellte er den Weg zum Törchen und griff am Ende einen Leinenärmel, den seine Finger gut kannten, zerrte den anderen Körper zu sich hin und schleuderte ihn an den Zaun. Als er den Schrei dieses Körpers hörte, erschrak er gewaltig. Denn es war der Schrei der Magd Nastka, die während des Streits leise von der Seite herangeschlichen war. Es gab deshalb viel Spott. Józiek war mit dem Messer fortgeflitzt … Doch als die Nacht anbrach, setzte sich Michał zu seinem Bruder, betastete ihn, rieb das an der Brust aufgeknöpfte Hemd des Schlafenden, umfing mit der Hand Józefs Daumen, genau so einer wie bei Nastka, horchte, welches Rascheln auf dem Speicher von den Mäusen kam und welches vom Wiesel – und weinte. Vor Verzweiflung darüber, dass es so viel Gleiches auf der Welt gibt. Dass man so wenig mit der Hand begreifen kann! Und dass es so schwer ist – inmitten des zänkischen Tags –, einen Menschen mit dem Ohr zu erkennen.

Er weinte, zerdrückte auf den Wangen die Tränen wie Ungeziefer und rieb sich die unnützen Lider. Nur zum Weinen waren seine Augen gut! Nur zum Weinen.

Etwa einen Monat später riefen sie ihn »Schnüffler«. Denn Michał hatte sich angewöhnt, dass er jede Sache mit der Nase berühren musste: ein Brot, eine fremde Mütze, sogar ein Tier. Doch man konnte ihn nur schwer hinters Licht führen. Eines Tages brachte ihm die Tante einen schönen, fetten Weißkäse, der kaum zerkrümelt war. Er drückte ihn sofort in den Mist und sagte:

– Nachdem da die Ratte dran war, werd ich das nicht aufessen.

Das Weib sagte kein Wort, machte auf dem Absatz kehrt und trollte sich. Wie er sich freute! Den ganzen Tag lang sang er.

Als er etwa zwanzig Jahre alt war, in einem sehr heißen Sommer, trug man Michał auf, nachts die Pferde zu bewachen. Es gab nur drei – sie gehörten ihnen selbst, waren an den Vorderbeinen gefesselt und folgsam. Andere Kerle hatten fremde oder störrische Pferde, oder sechs auf einmal. Auch Mädchen passten auf.

Michał war ganz verrückt nach dem nächtlichen Hüten. Wenn ihm ein Pferd ins Dickicht sprang (man musste es dann einfangen und es wieder zurückbringen), wenn ihm eine Weidenrute die Wange schnitt oder die Beine an einem Stein hängenblieben, da lachte niemand über den Aufschrei, über den Sturz – jeder hatte ja blinde Augen und Gliedmaßen, die sich nicht frei bewegen konnten. In diesem Hütesommer erschien Michał die Nacht nicht nur als eine Zeit der Stille, die den Ohren gewogener und der Bosheit abträglicher war als der Tag, sondern vor allem als eine gerechte Zeit. Denn alle – die Scharfäugigen wie die Blindäugigen – stießen hier auf Ängste, auf Scham vom gleichen Feuer.

Michał lernte, viel zu schwatzen. Er spottete, erzählte, sang geschickter als die anderen. Die Mädchen kreischten und griffen Michał immer wieder an den Oberrock, dass er sie führen möge. Eine, die Zośka gerufen wurde, hatte er besonders lieb gewonnen. Wenn sie etwas zu sagen wünschte, rückte sie mit ihrem Mund so nahe heran, dass man ihren ganzen Atem im Gesicht spürte. Er war warm und duftete angenehm wie Milch. Ihre Haut unter dem Kleid war glatt. Und sie sprach gerade richtig, nicht laut, nicht viel, nicht allzu gescheit. Michał dachte sich, dass er sie heiraten würde, denn sie war eine Waise und besaß nichts – das wäre ein schönes Krüppelpaar.

Er konnte ganz vortrefflich Reisigzäune gegen den Wind aufstellen. Und kein Mädchen hatte es beim Hüten so warm wie sie. Er hatte auch ein Loch gegraben, in das er Heu brachte – hier lag Zośka geschützt, den Mund voll mit einem Kuchen von ihm zu Haus. Die anderen schimpften nicht. War ein Weibchen in der Nähe, blieb es ruhig: Die Männchen – ob Vogel, Hengst oder Mensch – meldeten sich kaum zu Wort.

Michał sagte seinem Vater:

– Papa, es gibt niemanden, der sich um unsere Siebensachen kümmert, eine Schwiegertochter käme gelegen …

Vater pflichtete bei.

Da wurde der Blinde ganz und gar fröhlich. Und als es bei den Wojtaliks brannte, wollte er unbedingt aufs Dach kraxeln und beim Retten helfen – für so normal hielt er sich.

Gegen Ende dieses Sommers sangen die Wächter bei den Pferden dies und das:

Es waren zwei Täubchen

Mit süßen Mäulchen,

Die Schweinehirtin mit dem Blinden

Wollen sich finden, wollen sich finden,

Oj, dynà.

Michał hörte das und schimpfte nicht. Dass Zośka eine Schweinemagd war, daran dachte er sicher nicht, und die Blindheit hatte er vergessen. Oft stand er im Birkenwäldchen, schnitzte etwas und schwatzte vor sich hin:

– Wie gelb die Blätter schon sind, verflixt! Oj, der Winter wird hart werden! Oj, man wird ein warmes Federbett vorbereiten müssen! Oj, ihr Meinen, ihr Lieben, ihr Guten!

Er lachte. So mancher blieb dann stehen, schaute sich die Bäume an und erkannte nun erst: Es gab nur noch wenig Grün. Dann ging er weiter, sehr verwundert, dass er von einem Blinden etwas über Farben erfahren hatte.

Endlich kam die Nacht, in der das Gemeindeland fertig abgegrast wurde und es galt, sich von der schön ausgelegten Grube zu verabschieden. Michał hatte sich vorgenommen, mit dem Vater am nächsten Tag über das Einverständnis zur Heirat zu sprechen. Also blieb noch viel für diese letzte Nachtwache zu überlegen. An welchem Tag die Hochzeit sein sollte, wer Brautführer sein würde, welchen Traum sie zu zweit unter dem Federbett träumen würden und was für schöne Tage nun bevorstünden. Zośka mochte es immer, solchen häuslichen Sachen zuzuhören. Auch jetzt, kaum hatten sie die Pferde zusammengetrieben, kaum hatten die dürren Zweige zum Kochen der Kartoffeln Feuer gefangen, da bereiteten sie ihr Lager, flochten ihre Hände ineinander – schon umgaben sie wichtige Dinge, für deren Erörterung die Zeit bis zum Morgen kaum reichen würde.

Gerade als die Rede auf den Vater kam – dass er nicht habgierig sei wie andere alte Bauern –, da entstand unter den Hirten ein Tumult. Kuba Tarłowszczak brüllte, Schritte hallten im Kahlschlag, bis sie irgendwo schreiend über die Stoppelfelder stoben und die Gäule aufscheuchten. Michał sagte:

– Die dummen Kerle. Dieser Hengst der Tarłowskis, der ist störrisch. So werden sie ihn nicht einfangen, er wird durch den kalten Tau nur wunde Hufe bekommen. Bei ihm muss man es sanft machen; so wie mit einem Mädchen …

Zośka lachte laut auf, schob aber den guten Arm zur Seite, richtete sich auf und schaute sich die wilde Jagd an.

– Bleib liegen, Zośka, bleib liegen – sagte der Blinde –, was kannst du schon bei so einem Hengst helfen?

– Lass sein mit deinem Hengst! – entgegnete sie ihm. – Denn der weidet doch hier gleich beim zweiten Feuer.

Michał setzte sich auf. Hastig fügte er hinzu:

– Aber sage ich denn, dass er nicht weidet? Ist doch klar, dass er hier weidet, das ist ja sein Schnauben. Wenn der warme Rauch in seine Richtung weht, schnaubt er in die Flammen.

Zośka sprang auf. Er konnte sie noch am Rock greifen und zu sich ziehen.

– Wozu gehst du dorthin, wozu? Die Nacht ist mondlos, willst du dir den Kopf an einem Stamm stoßen?

Sie riss ihren Rock los und ging …

Er hörte, wie die Hirten über das glucksende Torfmoor zum anderen Waldrand liefen. Später hielten sie an und schrien wieder laut. Auch Michał stand nun auf. Nachdem er die Senke passiert hatte, wo Rauch und heiße Schwaden von den Lagerfeuern kündeten, bewegte er sich, im Vorbeigehen die laut kauenden Pferdeköpfe tätschelnd, direkt auf die Schonung zu. Er zog es vor, sich von Bäumchen zu Bäumchen zum Stimmengewirr vorzutasten, anstatt den schwankenden Torf unter den Füßen und unter den Händen nur freie Luft zu spüren. Schließlich geht ein Blinder schlecht, wenn es nichts gibt, wogegen er seinen Stock schlagen kann. Sie waren nicht mehr weit, er hörte, was der Enkel von Meister Sowa gerade erzählte:

– Ein Schweif wie ein Zopf, das bedeutet – Krieg; ein Schweif wie ein Besen heißt – Pestluft; ein Schweif wie eine … ja genau, wie eine Getreidegarbe will heißen – der Antichrist kommt.

Plötzlich begann eines der Mädchen zu schluchzen.

Michał kam aus dem Kiefernwäldchen heraus, sprang federnd über einen kleinen Graben und stand dann zwischen ihnen, die hier etwas Seltsames sahen. Er fragte eigentlich nie nach etwas; seine Ohren hatte er unaufhörlich gegenüber allem gespitzt, was die Leute ringsum bezeugten oder benannten, so dass sich sein Wissen von selbst einstellte, ohne Fragen. Doch mit diesen Schweifen konnte er nichts anfangen. Er schob sich zur Seite und nach vorne, und dann noch ein gutes Stück nach links – er spürte keine Wärme; deshalb wunderte er sich, woher sie Licht zum Sehen hatten: Nirgendwo roch er einen Kienspan … Er drückte sich hinter Zośka. Mit ihrem milchigen Atem war sie so leicht zu erkennen wie eine rassige Färse. Schließlich bekam er sie zu fassen. Sie stieß einen Seufzer aus und erzitterte. Er sprach sie an:

– Was stehst du hier herum? Ist was ganz Großes, oder? Und was ist das mit dem Schweif?

Sie stieß ihn mit dem Ellenbogen.

– Still, Gottloser, reize den Antichrist nicht! Da wurde er sanfter:

– Ich reize ihn ja gar nicht. Aber wenn ihr ihn tretet, so wird’s nur noch schlimmer.

Sie machte einen Schritt zur Seite und zischte vor Zorn. Michał spürte, dass er vor etwas stand, was ganz anders als alles war, was normalerweise im Dunkeln zu sehen war. Es packte ihn tief in seinem Innersten: Das ist also die Nacht, die gerechte Zeit! Der eine muss die Gegend selbst mit seinem ganzen Körper und noch dazu mit einem Stock erkunden, der andere sieht den Antichrist, ohne auch nur ein Streichholz anzuzünden!

Stasiek Wojtalik jammerte:

– Dadurch ist uns die Kate abgebrannt, dass dieser da kommen sollte! Jawohl, nur dadurch! Zum Teufel!

Der Blinde tastete nach Zośkas Arm. Wie froh er wäre, wenn Schluss mit diesem wunderlichen Zeugs wäre, denn man wusste nicht, von wo sie einen anfallen würden, von unten oder von oben: Die Beine wurden klamm, die Hände unbehaglich, und im Kopf ging es zu wie in einem Bienenstock.

– Zuweilen speit er Feuer … – merkte Sowas Enkel an. – Dann liegt es mit dem Volk schon im Argen. Alles geht in Flammen auf, Schluss und Amen.

Michał zupfte Zośka.

– Komm, Zosia, gehen wir! Das Böse darf man nicht herausfordern. Wenn er hier in den Wacholderbaum gekrochen ist, dann ist da bestimmt sein Nest zu sehen.

Kaum hatte er’s gesagt, schlug ihn etwas fest ins Gesicht, und aus Zosias Atem explodierte ein Gekreische.

– Geh doch selbst, du blinder Trottel! Was hängst du an mir wie eine Klette? Ein Nest! Habt ihr das gehört? Bei ihm sind Fest und Nest dasselbe! Was der wohl für ein Nest im Dez hat!! Pfui, du räudiger Schweinekerl, über mich hergefallen ist er wie ein Hund! …

Die anderen drängten sich immer enger um Michał, sie lachten und schubsten ihn. Nastka begann im Volkston zu singen:

Es waren zwei Täubchen

Mit süßen Mäulchen,

Die Schweinehirtin mit dem Blinden

Wollen sich finden …

Doch sie beendete ihr Lied nicht. Ein paar Leute stürzten, es kam zu einem wilden Durcheinander, alles geriet in größte Aufregung. Zośka keifte:

– Still, du Schweinefresse, an mir putzt du deinen Rüssel nicht ab!

Dabei machte Nastka eigenartige Laute, als hätte sie Schmerzen … Michał sprang in den Graben. Er tastete mit seinem Stock um sich, stieß auf das Wäldchen und lief atemlos am Waldrand entlang, immer am Waldrand. Er hatte erkannt: Auf dieser schlechten Welt kommt es immer wieder zu Dingen, die selbst einer Schweinehirtin nachts klar vor Augen stehen, während ein Krüppel wie er sie nie und nimmer begreifen konnte.

Er brachte die Pferde in den Stall; hier blieb er dann bei ihnen den ganzen Winter über, mürrisch gegenüber den Menschen.

Michał ließ sich treiben: Von nun an benutzte er die Hände zu nichts anderem mehr, als Nahrung zu suchen, mit den Ohren versuchte er nicht mehr die Dunkelheit zu durchdringen, mit dem Geruchssinn nicht mehr die Welt zu erleuchten. Er schlief und wachte in einem.

Und der Stall wurde von trüben Zeiten durchdrungen, irregeleitet wie ein Fluss, der sein Bett verlässt.

Manchmal riss sein Vater die Tür auf und stieß Michał an.

– Komm doch mal raus, Michał! Wirst noch ganz die Sprache verlieren, wenn du hier weiter bei den Tieren hockst …

Der Sohn zuckte mit den Schultern, nur selten antwortete er. Am Heiligabend aber trat er endlich ins Freie. Er hatte einen Pelz übergezogen, eine Lammfellmütze aufgesetzt und kroch durch den Schnee. Und siehe da, er mochte es immer noch gerne: ertasten, schnuppern und überlegen, was wo war und wozu es wohl gut ist.

Den Rest des Winters hindurch kehrte er langsam zu sich zurück. Er scharrte den Schnee mit seinen Fingern zusammen, ballte ihn zu Klumpen, zerbrach sie, legte die Brocken an sein Gesicht, warf sie in die Luft und sagte: »Das nennen sie weiß.«

Er griff die Sonnenwärme mit den Händen und den Lippen, schüttelte sie wieder ab, blies hinein, spießte sie wie mit Hörnern auf … und sagte: »Gelb.«

Er hörte eine Krähe, sann nach und sagte dann: »Schwarz, kohlrabenschwarz«. Dieses Schwarz konnte er am schwersten begreifen, denn am Tage – so hatte er sie sagen gehört – flog es vogelgleich umher, und in der Nacht breitete es sich anscheinend wie Pech aus.

Manchmal nahm er einen Stock und hieb auf den weißen Schnee und die gelbe Wärme darin ein. Er weinte. Fluchte. Aber die Zeit legte sich für ihn wieder zu festen Gehäusen zurecht: In den einen sprang der weiße und gelbe Tag herum, in den anderen raschelte die Nacht, der schwarze Teich.

Michał hasste Menschen nunmehr stärker als früher die Märchengeschichten. Kaum erlauschte er ein Knarren von Schritten, floh er blindlings. Ihm erschien es so: Wenn einer, der sehen konnte, dorthin schaute, wo alles schon bekannt war, sah er gleich Schweife wachsen, schreckenerregende Dinge sich enthüllen, dort nisteten sich Gekreisch und entsetzliche Albträume ein. Mehr als ein halbes Jahr lebte er so, ganz für sich alleine.

Bis ihn, als es auf Pfingsten zuging, wieder menschliche Gerüche anzulocken begannen. Er erinnerte sich daran, wie Mädchen süß und bitter riechen und Jungen sauer, wenn sie hitzig werden. Wie dieser Geruch – vor allem der von den Mädchen – einem wie Ameisen auf der Haut kribbelt, wie man davon Glückstränen bekommen kann und wie angenehm heiß er die Rippen dehnt. Am frühen Morgen machte er sich in die Kirche auf.

Er setzte sich in einen Winkel unter der Kanzel. Hier fanden ihn die anderen, ohne sich weiter zu wundern, denn der Priester kam schon, um mit der Messe zu beginnen.

Mit großem Gefallen lauschte der Blinde dem Rascheln der Röcke, dem Klappern der Absätze, den klagenden Gebeten, den Ermahnungen der Orgel. Er blähte seine Nüstern, öffnete die Lippen – so eifrig versuchte er zu erraten, wer wo war. Die Bettlerin Agata kniete in der Nähe – er erkannte sie am Schnupftabak und am rasselnden Atem. Links von ihm räusperte sich Franciszek vernehmlich. Und da wehte Ledergeruch heran – dort stand die Frau von Ludwik, der in der Gerberei arbeitete und bei denen zu Hause hinter dem Ofen die geklauten Juchten trockneten. Er schnupperte, ob er nicht irgendwo Zośka fand … Auf einmal Füßescharren der Leute, sie traten zur Seite, es roch nach Priester, die Türchen quietschten und die Treppenstufen knarrten – der Pfarrer stieg auf die Kanzel.

Michał passte nicht auf die Predigt auf. Sie war für die normalen Menschen gemacht, nicht für Krüppel. Also hing er seinen Gedanken nach und schnüffelte wie ein Welpe. Doch als alle zusammen aufstöhnten, schreckte er hoch. Agata winselte:

– Oj, wir wollen, Hochwürden, wir möchten schauen, oj, wir wollen so sehr …

Er spitzte die Ohren und war neugierig, was die Sehenden so gerne anschauen wollten.

Da vernahm er:

– Nun, liebe Brüder und Schwestern, ihr Blinden, die ihr Gott hier auf Erden nicht zu schauen vermögt, auf dass ihr ihn, auf dass wir seiner schließlich nach dem Tode ansichtig werden …

Michał erstarrte. Die Worte des Priesters und das Schluchzen der Betenden ließen ihm das Blut gefrieren wie der Frost eine kleine Pfütze. Düfte und Geräusche traten zurück, die Welt wurde wie bewusstlos, und ganz am Rande seines Fühlens erhob sich die Offenbarung: Wir Blinde können Gott auf Erden nicht schauen …

Da fühlte sich Michał wie erleuchtet, voller großer Neuigkeit.

Gott war schließlich das Wichtigste! Und dieses Wichtigste war allen gleichermaßen vorenthalten. Weder Feuer noch Sonne, weder Furcht noch die vom Antichrist heimgesuchte Nacht – nichts konnte diese Gleichheit beseitigen, nur der Tod alleine … Michał spürte, dass er die Schweinehirtin gar nicht so innig geliebt hatte, wie er nun – für diese allgemeine Zurückweisung – schon jetzt den Herrgott liebte.

Nach dem Hochamt verließ er die Kirche durch das Hauptportal. Mit hoch erhobenem Haupt drängte er sich in der Vorhalle zum Weihwasserbecken: Er fühlte keine Scham, denn ringsum gab es ja nichts als Blinde.

DER BLINDE

Jeremi wurde manchmal von einem metaphysischen Hunger heimgesucht. Er sehnte sich dann danach, die exotischen Strahlen aufzusaugen, die sich irgendwo in einem formlosen Land hinter Millionen von Welten ballen. Und bemühte sich sogleich, die allernächste Welt zu ergründen: einen Sonnenfleck auf der Mauer. Er spürte, dass man das mit Hilfe von Gedanken machen müsse. Er schloss die Augen … Doch nach einer Sekunde öffnete er sie erneut, da ihn, kaum schloss er die Lider, sofort der Schlaf überkam. Hier begann ein Drama: Seine Nerven kündigten ihm eine Zunahme von Göttlichkeit hinter der Frontwand der allerletzten Welt an, während seine Gedanken vor dem Glanz der ersten Welt flohen.

Auf ihr Entsetzen warteten die Augen. Sie waren bei Jeremi furchtlos und stets hungrig. Sein Blick irrte inmitten seines Trachtens wie ein Kopffüßler umher. Kaum wendete Jeremi sein Bewusstsein irgendeiner Sache zu, presste sein Blick ein farbiges Plasma daraus heraus – sie wurde zum Bild.

Auch versuchte Jeremi – in Aufwallungen übersinnlichen Begehrens –, die Welten mit Gefühlen zu durchbrennen … Es gelang ihm nicht. Die Wärme seines Herzens konnte es mit der Kraft seiner Blicke nicht aufnehmen.

Und so wurde ihm der nostalgische Krampf zuwider. Wenn er ihn erkannte, so trank er, tanzte oder fuhr er fort. Er fuhr ohne Hoffnung, dass die Stadt X oder das Meer Y vielleicht näher am Absoluten lägen als die Wohnung Nr. 13 am Schlossplatz … Er brachte seinen Blick ganz einfach zu einem neuen Futterplatz. Um den Preis frischer Lichtspiele, noch nicht abgedroschener Farbkombinationen erlangte er neue Ruhe des Geistes. Seine Augen verschlangen, sein Talent verarbeitete – Stillleben, Landschaften, Porträts kennzeichneten den Weg seiner Wanderschaft, das transzendentale Rauschen des Göttlichen hörte auf, den beschäftigten Körper zu locken.

Es kam vor, dass sich Jeremi – bei einer dieser Künstlerreisen – verirrte. Anstatt auf die nackte Chaussee in Richtung Bahnhof kam er aus dem Wald auf einen Weg, der zwischen zwei Steilwänden gewaltiger Pappeln verlief, so wie ein Bachlauf in einem graugrünen Tal. Diesen schönen Weg konnte er nun nicht mehr verlassen – er führte ihn auf den Marktplatz eines Städtchens. Dort blieb er für längere Zeit.

Das Städtchen war klitzeklein. Es war komisch und sehr traurig. Wenn man seine marionettenhaften Angelegenheiten betrachtete, so hatte man den Eindruck, dass hinter dem lückenhaften Mauerkranz der Burg, die oben auf dem Berg vor sich hin weißte, der Krater eines Vulkans rauchte, angefüllt mit Blumen und Unrat. Niemand Fremdes hätte dies vermutet, nur die Ansässigen wussten es. Darum fanden sie es unnötig zu arbeiten – die Auserwählten des unter der Erde wohnenden Drachen.

Auf den Gassen und Plätzchen reichte das Elend bis zur Gürtellinie. Die Menschen wateten darin wie in klarem Wasser. Den ganzen Tag lang riefen die Frauen nach ihrem einzigen Huhn, oder sie wuschen ihr einziges Hemd, oder sie fragten nach einem einzigen Ereignis. Die Männer krümmten sich beim Gähnen, und wenn sie sich wieder aufrichteten, spuckten sie aus. Es gab mehr Kinder als Stunden in allen Nächten. Überall lagen ungetane Arbeiten und ohne Widerhall verschimmelte Wörter.

Doch die Burg glänzte fast alabasterartig in der Sonne, der Fluss zu ihren Füßen brachte von den fernen Feldern dichtes Grün, fahles Gelb und seidenen Saphir. Vom Gerinnsel der Untiefen überwuchert, vom Sand zerfressen wie mit goldenen Flechten, wand er sich in abwechslungsreichen Uferlinien. Hinter den modernden Hütten schauten Renaissance-Giebel hervor, geradezu unbändig vor steinernem Überfluss. Die Kirche blutete rosa; Akazien umkränzten sie, gebeugt wie die Heiligen aus dem Barock. Die Brunnen hatten den Anschein von Kapellchen, die Dorfleute gingen in bauschigen Gewändern und großen, flachen Strohhüten umher, an den Freitagabenden flackerten die Fenster vom Schein der Kerzenleuchter, vom Wahnsinn der Bärte, der Gebetsmäntel und des Gewürzdufts.

Jeremi war hin und weg. Mehr als jemals zuvor ließ er sich von der Furie des Blicks beherrschen. Vom Himmel übergossen, von der wilden Phosphoreszenz des Zerfalls berauscht, gepeitscht vom Flechtwerk der Streifen, Wellen, Zickzacks und Spiralen, spie er mit Farben wie mit Blut.

Das ging mehrere Wochen lang so.

In einer Nacht wachte er auf: Etwas trippelte über ihm. Der enge Dachboden, in dem er schlief, war mit Blech gedeckt – Jeremi hörte ein Kratzen von Krallen und die klangvollen Sprünge eines kleinen Körpers. Das Geschöpf unternahm mit Eifer irgendwelche Anstrengungen. Es warf sich auf etwas Störendes – vielleicht ein Blatt vom wilden Wein oder ein Mondschatten – und zog seine Beute mit sich, ob sie nun von Belang war oder auch nur eingebildet … Stille breitete sich aus. Und wieder raschelte etwas mit unbekanntem Ziel, wurde schneller, blieb stehen. Jeremi begann, sich darüber Gedanken zu machen. Eine Ratte? Zu klein für eine Ratte. Eine Maus? Eine Maus läuft dorthin, wo es Körner oder Brosamen gibt. Ein Wiesel? Wiesel sind damit beschäftigt, die Kuheuter zu melken. Also: Entweder eine kleine Ratte oder eine uneigennützige Maus oder ein sattes Wiesel, oder ein Vogel, oder noch etwas ganz anderes. Jeremi stand auf. Er nahm die elektrische Taschenlampe und trat vor das Haus. Vor dem Mäuerchen lag eine Leiter, er legte sie ans Dach, stieg hinauf und setzte sich auf den Rand. Das weiße Licht des Mondes hing über den Wäldern und über dem Feld wie ein unguter Blick. Das Blech glänzte, die Blätter der jungen Weinranke ragten steif empor, jedes für sich reglos. Der Maler schaltete die Lampe aus: Auf dem gesamten Dach gab es nicht eine einzige sich bewegende Gestalt.

Aber als Jeremi ins Bett zurückgekehrt war, scharrten die unbekannten Krallen wieder, direkt über ihm. Er seufzte. Was kann der Blick eines Menschen des Nachts in idyllischer Stille durchdringen? Er drückte seine Lider zusammen; entgegen aller Gewohnheit schlief er aber nicht ein – der Zorn in ihm wuchs an. Er hatte es gesehen! Alles hatte er überall gesehen! Die Kollegen hatten gesagt: »Jeremi sieht, ob ein Modell Spinat oder Mohrrüben in seinen Därmen hat. Deshalb gelingt ihm die Hautfarbe.« Aber was kann man über die Welt vom Sehen wissen?

Immer noch raschelte das Tierchen. Jeremi versuchte, sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, dass er es nicht sah. Er lauschte … Das Geräusch der ausgeklügelten Verrichtungen auf dem Dach zeichnete sich immer schärfer ab; ganz so, als würde man einen schwachen Bleistiftstrich mit Kohle nachzeichnen. Der Maler hob sein Haupt. Plötzlich erkannte er, dass die – nunmehr schon ganz deutlichen – Laute andere überdeckten; viele, eine Unmenge anderer. Wie fetzenartige, dünne Spritzer schäumten die Töne auf der gewaltigen Welle des Schweigens … Jeremi dachte, dass auch diese stille Welle in ihrem Innersten vielleicht – mit göttlichen Worten tönte.

Am folgenden Tag ging er schon früh in sein Atelier. Die Stube war feucht, aber mit idealem Licht angefüllt; morgens schaute er jedes Mal, ob die Kartons sich vielleicht gewölbt hatten oder die Farben aufgeplatzt waren. Diesmal trug er alle Bilder an die sonnenbeschienene Wand, stellte die gerahmten auf den Boden, die Keilrahmen auf die Staffeleien, einige Leinwände heftete er an die Wand … Er wollte sich einen Überblick über seine bisherigen Pleinair-Arbeiten verschaffen und sich dann an die Auftragsarbeit machen. Religiöse Bilder malte er nicht gerne. Dieses aber – Gott der Vater – hatte es ihm erleichtert, Zugang zum Priester zu erlangen, der auch für die Vergabe der Fresken in der bischöflichen Bibliothek verantwortlich war. Jeremi hatte den Auftrag aus pragmatischen Gründen angenommen. Und nun erlangte für ihn alles einen tieferen Sinn; in der vergangenen Nacht hatte er sich sozusagen dem Bereich des Geheimwissens genähert. Und so wurde die Bestellung nicht mehr nur zur Frage nach einem Modell, sondern auch zu einem Versuch, über die sogenannte Wirklichkeit hinauszuschauen. Aufgeregt trat er an die Leinwände heran, ging wieder weiter weg, blinzelte, stellte die Bilder geräuschvoll um, schraubte die Staffeleien zusammen und auseinander …

Nein, es gefiel ihm nicht. Diese gemalten Häuser, Bäume, Flüsse, Gesichter waren undurchdringlich, so wie ihre Vorbilder geheimnisdurchtränkt – rohe Fetzen der Welt. Was hatte Jeremi denn erreicht? War es ihm gelungen, irgendetwas zu erklären? Nein; er hatte den Menschen auf der Leinwand nur genau das untergeschoben, was sie vielleicht auf der Leinwand der Natur selbst nicht erkannt hatten. Dabei dringt das Flüstern von Göttlichkeit doch durch die Geräusche unzähliger Geschöpfe … durch das Rauschen aller Blätter, aller lebendigen und gestorbenen … Man müsste doch zumindest ein Wort hören! Man müsste wissen.

Missmutig trank Jeremi einen halben Liter Milch, aß einige Eier und ging hinaus. Als er über den Marktplatz trottete, bemerkte er, dass er unter dem Arm seinen Zeichenblock trug und dass ihm der Klapphocker über der Schulter hing. Zwar ärgerte er sich, doch da es heiß war, setzte er sich hin. Nach Kurzem zeichnete er die Silhouette der Burg, den mit Kreuzen gespickten Hügel – Erinnerungen an die Cholera-Epidemie – und den naiven barocken Giebel im Vordergrund. Sein Bleistift eilte leicht, aus der formlosen Masse der im Raum sprudelnden Farben traten Linien hervor – ein geisterhaftes Skelett von allem Schönen auf der Welt.

Als Jeremi fertig war, stellte er fest, dass er inmitten einer Menschenmenge saß. Zwei Gepäckträger, der Nachbar Oroń, der Eisenhändler, ein Maurer, ein städtischer Aufseher, einige Weiber und viele Kinder standen um ihn herum. Schläfrig, etwas verschämt ließen sie ihre Blicke vom Skizzenblock in die Ferne schweifen und wieder zurückwandern. Für eine Sekunde traten sie etwas auseinander. Eine braungebrannte, schmale Person mit einem grünen Sonnenschirm trat auf Oroń zu und fragte:

– Nun, Herr Oroń, wann zahlt Ihr mir die Erdbeersetzlinge?