24,99 €
Interviews, Insights, Impulse Das Modell des Zweierteams ist gelebte Praxis durch die Menschheitsgeschichte. Die moderne Arbeitswelt entdeckt es neu unter dem Begriff Jobsharing. Doch was braucht diese kleinste Teameinheit, damit sie funktioniert? Wie kann man Unterschiede in Chancen verwandeln? Und wie lassen sich Kooperation, Kommunikation und Klarheit zwischen zwei Menschen verbessern? 12 ausführliche Interviews, Erfolgsrezepte und zahlreiche Übungen machen das Buch zu einem unverzichtbaren Ratgeber für alle, die sich für die Arbeit als Duo interessieren oder es selbst praktizieren.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
„Die eine Hälfte ist so wichtig wie die andere. Du bist gleich wichtig wie ich, und ich bin gleich wichtig wie du.“
Alexander van der Bellen, Bundespräsident von Österreich
Vorwort
Das Buch, das Sie in Händen halten, haben wir zu zweit geschrieben. Es ist somit das Produkt von unterschiedlichen Erfahrungen, Werten, Bedürfnissen und Arbeitsstilen; von Kooperation und sehr viel Kommunikation; von Vertrauen und Loslassen.
Wir sind seit rund 35 Jahren privat ein Paar, haben zwei (erwachsene) Kinder und seit gut 25 Jahren arbeiten wir in verschiedenen Berufsfeldern zusammen – lange Zeit auf der Bühne, seit 2010 als selbständiges Trainingsduo. Bei all unseren Tätigkeiten haben wir immer auch reflektiert, was wir tun und wie wir es tun – wie wir es im Zweierteam tun. Irgendwann ist uns aufgefallen, dass es zwar mehr Bücher zu Teamarbeit gibt, als ein einzelner Mensch lesen kann, aber fast nichts zum Arbeiten zu zweit. Das ist seltsam, denn es ist ein häufig gelebtes Modell.
Und das Arbeiten als Duo hat ja auch zahlreiche Vorteile – sowohl in der Welt der Selbstständigen als auch der Angestellten. Damit es freilich funktioniert, braucht es einiges: Einerseits muss strukturell die Möglichkeit gegeben sein, dass zwei Personen gut zusammenarbeiten können. Andererseits brauchen auch die beiden selbst bestimmte Einstellungen, Fähigkeiten und Werkzeuge, um zu zweit in verschiedensten Situationen und Phasen der Zusammenarbeit kooperativ und konstruktiv zu bleiben.
Spätestens hier wird es Zeit, ein Geständnis abzulegen: Den Begriff „Jobsharing“ haben wir vor allem aus Marketing-Gründen in den Untertitel des Buches gepackt. Tatsächlich mögen wir das Wort nicht besonders, weil es so viele zeitgeistige Assoziationen weckt. So, wie zum Beispiel der häufig strapazierte Begriff „Storytelling“ die uralte Kunst, Geschichten zu erzählen, einengt und in ein wirtschaftstaugliches Korsett zwingt, droht der Begriff „Jobsharing“ die ebenso alte Fähigkeit, zu zweit zusammenzuarbeiten, auf einen Arbeitsmarkttrend zu reduzieren. In diesem Buch geht es allerdings um viel, viel mehr als um ein trendiges Arbeitskonzept.
Da Sie zu diesem Buch gegriffen haben, arbeiten Sie vermutlich mit jemand anderem zusammen. Oder Sie haben es vor. Vielleicht ist es auch aus irgendeinem Grund gescheitert. Oder Sie sind verantwortlich für das Zusammenstellen und Funktionieren von Mini-Teams. Ob Sie nun ein Projekt teilen oder einen Schreibtisch, einen Job, eine Leitungsfunktion oder ein Boot: Das Buch wird Ihnen hilfreich sein. Einzige Voraussetzung ist, dass die Paare gleichberechtigt arbeiten. Denn wir konzentrieren uns hier auf Teams, die sich hierarchisch auf derselben Ebene befinden – und außerdem stark selbstgesteuert sind.
Interviews, Essays, Übungen
Für unser Buch haben wir zwölf Paare – manche sind mittlerweile oder waren zwischenzeitlich auch Trios – ausführlich interviewt, sie kommen aus komplett unterschiedlichen Branchen und sind in ganz verschiedenen Bereichen tätig: etwa als Projektleitung in der IT, in der Geschäftsführung, als gemeinsam Selbständige in einem Handwerksberuf oder als Autorenduo. Eines zeichnet sie alle aus: Sie teilen sich ihren Job partnerschaftlich auf Augenhöhe und tragen gemeinsam die Verantwortung für ihre Arbeit. Wie sie sich organisieren, wie sie mit Konflikten umgehen und was es braucht, damit die Aufgabe gelingen kann, verraten sie in den Interviews.
Profitieren Sie von der geballten Erfahrung! Wir sind überzeugt, dass Sie sich aus den Best-Practice-Beispielen etwas für Ihre Arbeit in oder mit einem Zweierteam mitnehmen können. Sie werden sehen: Es gibt nicht nur einen richtigen Weg – und doch zeigen sich bei allen erfolgreich zusammenarbeitenden Paaren Gemeinsamkeiten. Diese haben wir für Sie aus den Interviews gefiltert, mit wissenschaftlichen Quellen unterlegt und um Übungen ergänzt. Das Resultat finden Sie im zweiten Teil des Buches, das als Seminar angelegt ist: In jedem Kapitel folgen den Inputs passende Übungen. Für einige haben wir ergänzende Erklärvideos gedreht oder Arbeitsblätter erstellt, die Sie mittels QR-Code downloaden können. Zusätzlich finden Sie in jedem Kapitel Essays, in denen wir unsere eigenen Erfahrungen zum Thema schildern. Als langjähriges Coaching- und Trainingsduo wollen wir Ihnen damit das Rüstzeug zur Verfügung stellen, gut in die Arbeit als Zweierteam zu starten, die laufende Arbeit zu verbessern oder auch aus einem Konflikt herauszufinden.
Manuela Vollmann, eine der beiden Geschäftsführerinnen von ABZ, meint im Interview, man könne ein Sharing-Modell nicht einfach mal versuchen – wenn man es strukturell in einem Unternehmen einführen wolle, müsse es begleitet werden. Und so ist auch dieses Buch zu verstehen: Es soll Sie bei Ihrer Vorbereitung auf die Zusammenarbeit im kleinen Team unterstützen und im Alltag als Zweierteam begleiten. Nutzen Sie die Anregungen aus den Interviews, die theoretischen Inputs und die Übungen, um das Gelesene ganz auf Ihre Situation umzulegen. Sie müssen sich weder akribisch an die Reihenfolge noch eins zu eins an die Vorlagen halten, schließlich gilt für Arbeitspaare dasselbe wie für Individuen: Sie sind verschieden.
Wir wünschen Ihnen viel Freude und Inspiration beim Lesen, beim Ausprobieren und beim Arbeiten zu zweit!
Roman Kellner und Elisabeth Gräf WORT & WEISE
Teil 1 – Zwölf Zweierteams im Gespräch
Idee und Geschichte der Interviews
Fast drei Jahrzehnte der erfolgreichen Zusammenarbeit haben uns allerlei über das Funktionieren als berufliches Paar gelehrt. Da wir Seminare halten und gerne schreiben, lag es nahe, unser Wissen in Buchform weiterzugeben. Zeigen wir der Welt, wie es geht!
Doch halt! Was, wenn unsere Erfahrungen gar nicht verallgemeinerbar sind? Was, wenn sie nur der spezifischen Konstellation von uns beiden geschuldet sind? Was, wenn sie nicht auf andere Branchen oder Tätigkeiten übertragbar sind?
So entstand die Idee, berufliche Duos bzw. Trios zu befragen, von denen wir wussten, dass sie vieles richtigmachen. Einige kannten wir, andere wurden uns zugetragen, die meisten aus Österreich, ein paar aus Deutschland. Dann tauchte unser Land Anfang 2021 in einen längeren Corona-Lockdown ab. Über ein paar Wochen lösten sich nahezu alle unsere Termine in Luft auf und wir hatten Zeit, viel Zeit. Wir nutzten sie, um ausführliche Interviews zu führen, in der Regel via Zoom, einige wenige auch in Präsenz.
Wir waren gerade mitten im Transkribieren, Kürzen und Redigieren, als die Situation sich entspannte und die anstehenden Aufträge die Arbeit am Buch verdrängten. Das schlechte Gewissen den interviewten Personen gegenüber wuchs gleichermaßen wie die Sorge, dieses schöne Projekt könnte scheitern. Schließlich rafften wir uns ab dem Sommer 2023 – teilweise zwei Jahre nach den Interviewterminen – auf, sie fertigzustellen und zur Autorisierung zu verschicken. Nach einigen Wochen und Monaten des bangen Wartens stand fest: Alle waren noch im Boot.
Natürlich sind die Interviews stark gekürzt und geglättet, dennoch haben wir sie länger gelassen, als man es vielleicht aus Zeitungen kennt. Uns war wichtig, dass nicht nur die Kernaussagen zum Arbeiten als Zweierteam stehenbleiben, sondern dass Sie beim Lesen auch einen Eindruck davon bekommen, wie verschieden die befragten Paare ticken – in der Art, wie sie antworten, argumentieren und miteinander kommunizieren.
Es sind Momentaufnahmen, viele auch beeinflusst von der Ausnahmesituation der Corona-Zeit. Das Leben der Interviewten ging weiter, vieles hat sich für sie verändert, einige arbeiten nicht mehr in exakt dieser Konstellation. In jedem Fall stehen alle auch heute noch zu dem, was sie vor zwei bis drei Jahren Kluges gesagt haben. Wir sind aber ohnedies überzeugt, dass die meisten Tipps, die sie zur gelingenden Zusammenarbeit geben, zeitlos gültig sind.
„Sprecht die Dinge an, solange sie klein sind.“
Zwei Frauen teilen sich die Geschäftsführung von Amnesty International Österreich
Anne Schlack (im Bild links) und Aurélie Tournan, die von Oktober 2020 bis Mai 2023 gemeinsam die Geschäftsführung von Amnesty InternationalÖsterreich innehatten, über die Vorteile von Topsharing, warum es dazu radikale Offenheit braucht und was das alles mit Zirkusartistik zu tun hat.
Anne Schlack und Aurélie Tournan arbeiteten mit jeweils 30 Stunden als Doppelgeschäftsführung von Amnesty International Österreich, Schlack startete 2016 in einer anderen Zweierkonstellation, Tournan stieg im Herbst 2020 ein. Im Mai 2023 wandte sich Schlack neuen Aufgaben zu, sie ist heute Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf Österreich, Tournan setzte das erfolgreiche Führungsmodell mit einer neuen Partnerin bis Ende 2024 fort und übernahm 2025 die Geschäftsführung von Donau Soja.
Mehr Informationen: www.amnesty.at
Interviews: März 2021 und März 2022
WuW (WORT & WEISE): Eure Zusammenarbeit als Doppelspitze hat mit dem Eintritt von Aurélie bei Amnesty im Oktober 2020 begonnen, aber ihr hattet beide schon Vorerfahrung in der Arbeit zu zweit. Welche?
Schlack:Amnesty International Österreich hat 2015 auf das Modell der gemeinsamen Führung umgestellt, als ich begonnen hatte, war das schon in den Statuten verankert. Somit habe ich seit 2016 insgesamt mit drei Partnerinnen diese Doppelspitze gelebt, und es waren drei recht unterschiedliche Erfahrungen, weil ja auch die unterschiedlichen Menschen andere Haltungen, Kompetenzen und Herangehensweisen mitbringen.
WuW: Hättest du den Job auch alleine machen wollen?
Schlack: Nie und nimmer. Mit jemand anderem an der Seite habe ich eine Schulter zum Kraft-Tanken, ich habe eine zweite Perspektive. Mit der Vorgängerin von Aurélie hat das auch super gekappt! Als Aurélie dann angefangen hat, konnte ich aber nicht sagen: „Du, das ist dein Platz, so war es mit deiner Vorgängerin.“ Mir war klar: Wir müssen das wieder ganz anders denken, wir fangen zu zweit wieder von vorne an.
Tournan: Es hat mit meiner Vorgängerin gut funktioniert, es war dann aber durch die geänderte externe Situation – auch wegen Covid – etwas anderes notwendig, sodass wir die Arbeitsweise neu aufgestellt haben. Wir haben es neu gemacht – nicht nur, weil ich eine andere Person bin.
WuW: War das Modell, als du begonnen hast, für dich reizvoll? Hattest du damit schon Erfahrung?
Tournan: Ich hatte Erfahrung als rechte Hand des Geschäftsführers, und als ich selbst geführt habe, hatte ich oft eine Vertrauensperson, mit der ich Ideen und Lösungen offen besprechen konnte. Ich war aber nie in einer Situation, wo wir zwei gleichberechtigte Personen sind.
WuW: Anne, du bist offenbar ein Fan der Doppelführung. Warum? Was geht, was geht nicht?
„Vollste Transparenz und offene Kommunikation“
Schlack: Alles geht. Vom Arbeitskontext her können zwei Personen alles machen, was eine Person machen kann. Du kannst jeden Job teilen, die Basis muss nur sein: vollste Transparenz und offene Kommunikation.
WuW: Ihr seid beide Mütter, es ist wohl auch eine Chance für Menschen mit Kindern, einen Job zu machen, den man sonst vielleicht nicht bekommen würde.
Schlack: Genau, es ermöglicht, das Potenzial von Menschen zu nutzen, die aus privaten Gründen nicht Vollzeit arbeiten wollen oder können. Ich finde ja grundsätzlich einen 30-Stunden-Job für alle ideal. Warum nicht als Führung? Das Argument, Führung gehe nur in Vollzeit, ist meiner Meinung nach komplett alt.
Tournan: Ich halte es nicht für gut, wenn man das Modell immer mit Frauen verknüpft, es hat meiner Meinung nach heutzutage weniger mit dem Geschlecht zu tun als mit dem Generationenwechsel. Es ist ein gutes Modell, damit Jüngere in Führungspositionen gehen. Ich kenne auch junge Männer, und nicht nur Familienväter, die gerne neben der Arbeit Zeit für Freunde und Freizeit haben. Wir haben einen anderen Zugang zur Arbeit als die Generation unserer Eltern.
WuW: Was hat Amnesty davon?
Schlack: Amnesty Österreichhat die Doppelgeschäftsführung in den Statuten verankert, da geht es auch um Check und Balance und um die Verteilung von Macht.
Tournan: Es ist schwierig, 100 Prozent der Kompetenzen in einer Person vereint zu finden – Kompetenz in Menschenrechtsfragen, im Finanzwesen, in der Unternehmensführung, in der Öffentlichkeitsarbeit. Man kann natürlich Erfahrungen sammeln, aber dass man alles gleich gut kann auf diesem Niveau, das ist schwierig. Wir ergänzen uns gut mit unseren Kompetenzen. Anne ist Menschenrechtsexpertin, Juristin und macht Öffentlichkeitsarbeit, ich bin von Beruf Unternehmensführerin, meine Stärken sind andere als die von Anne. Diese gute Ergänzung ist ein Plus für die Organisation. Und: Wir sind als Geschäftsleitung immer erreichbar.
WuW: Worauf achtet man, wenn man zwei Menschen so eng verbindet? Wie war das bei Amnesty? Und wie weit habt ihr bei der Auswahl der Kollegin mitentschieden?
Schlack: Das Recruiting liegt in der Verantwortung des Vorstands, hier habe ich formell eigentlich nichts zu sagen. Ich habe mich mit dem Vorstand darauf verständigt, dass ich die finalen Kandidat:innen informell eine halbe Stunde off the records treffen kann, um zu sehen, ob überhaupt gegenseitig Sympathie da ist. Ich konnte zwar nicht entscheiden, welche Person ich gerne hätte, aber ich hätte sagen können: „Mit der Person kann ich es mir nicht vorstellen.“ Du musst beim Jobsharing und erst recht beim Topsharing komplementäre Leute suchen, die nicht die gleichen Expertisefelder haben, und es ist unabdingbar, dass die zwei Leute miteinander können. Da durfte ich mich auch gut einbringen.
WuW: Worauf hast du geachtet bei diesen persönlichen Treffen?
Schlack: Als Aurélie und ich uns im Kaffeehaus getroffen haben – da waren wir noch per Sie –, habe ich gemeint, für mich geht das nur ganz offen: alles ansprechen. Wir können nur zu zweit gewinnen. Das ist wichtig für eine Zweierbeziehung. Zu wissen: Was will ich da überhaupt und muss ich zum Beispiel sichtbar sein oder ist mir das wurscht? Es war schnell klar, dass Aurélie sowieso nicht externe Medienarbeit machen möchte, somit ist sie mir die Aufmerksamkeit nicht neidisch. Manchmal wird der externen Aufmerksamkeit vielleicht eine höhere Bedeutung zugeschrieben, aber das stimmt überhaupt nicht, ohne Aurélie und ihre Kompetenzen beim Führen und Managen im „Innen“ könnte ich die externe Arbeit ja gar nicht machen. Das geht eben nur, wenn man sich gegenseitig schätzt und die Komplementarität als Vorteil erkennt. Ego kann da ein großes Problem sein.
WuW: Es braucht ein hohes Maß an Selbstreflexion, das habt ihr beide. War das beim Auswahlverfahren ein Kriterium?
Tournan: Es gab viele Runden im Auswahlverfahren, irgendwo wurde es sicher getestet.(lacht)Natürlich hatten wir ein traditionelles Einstiegsgespräch von zwei Stunden, da kann man schon sehr viel erfragen. Ich habe auch selbst zahlreiche Einstellungsgespräche geführt, da ist auch diese Fähigkeit, sich in Frage zu stellen, sehr wichtig.
WuW: Diese Fähigkeit, sich in Frage zu stellen, kooperatives Arbeiten – sind das Dinge, die man lernen kann?
„Man braucht Selbstvertrauen, sonst kann man anderen nicht vertrauen.“
Tournan: Es ist wie Management, man kann gewisse Dinge lernen, wie zum Beispiel aktives Zuhören, argumentatives Entscheiden oder Teamgeist, aber manche Dinge zeichnen die Persönlichkeit aus. Und man braucht Selbstvertrauen, sonst kann man anderen nicht vertrauen. Leute, die ein großes Ego haben, schaffen das wahrscheinlich auch schwer. Die Erkenntnis, dass man nur gemeinsam erfolgreich sein kann, ist ein Schlüssel zum Erfolg in einer solchen Konstellation.
Schlack: Dieses Modell verlangt sehr selbstreflektierte Menschen, die wissen, was sie brauchen, was sie wollen, und die das auch artikulieren können. Das heißt nicht, dass man immer im Zen oder im Om und immer ausgeglichen ist. Ich sage auch mal: „Du, das zipft mich heute total an“ oder Aurélie sagt: „Ich bin heute nicht so gut drauf.“
WuW: Warum klappt das bei euch? Habt ihr am Beginn ein Teambuilding gemacht?
Tournan: Mehrere Elemente haben dazu beigetragen, dass es bei uns so gut funktioniert. Als Erstes das Erwartungsmanagement, schon in den Gesprächen vor der endgültigen Entscheidung. Anne hat klar auf den Tisch gelegt, was ihr wichtig ist, etwa dass ich nicht siebzig Stunden in der Woche arbeite, damit es ausgeglichen ist – solche Kleinigkeiten. Sie hat mich auch gefragt, was für mich wichtig ist. Ich fand gut, dass sie das anspricht, bevor der Vorstand die endgültige Auswahl trifft. Diese Offenheit gleich am ersten Tag hat mir einen schnellen Einstieg ermöglicht. Keine Geheimnisse voreinander haben, das finde ich ganz wichtig. Und dann das inhaltliche und emotionale Teilen: Es ist wie bei Zirkusartisten, die ihr Leben in die Hände des Gegenübers legen, das ist die reinste Form des Vertrauens. So weit sind wir vielleicht noch nicht.(lacht)
WuW: Zurück zum Sich-Ergänzen: Gilt das auch inhaltlich?
Schlack: Ja, in meinem Fall habe ich eine Menschenrechtsausbildung und bin Juristin, Aurélie hat Expertise in Unternehmensführung, Finanzen und Changemanagement. Aber wir haben die gemeinsame Verantwortung für den Verein. Operativ haben wir uns die Bereiche zugeteilt, allerdings besprechen wir alles, was wichtig ist.
WuW: Was macht ihr, wenn ihr einmal nicht einig seid? Wie geht ihr mit Pattstellungen bei Entscheidungen um?
Schlack: Mit viel Humor, mit besseren Argumenten, mit Einmal-drüber-Schlafen. Wir können uns gut matchen, und meistens sagt dann eine: „Ja, hast recht.“ In den Statuten ist festgeschrieben, dass wir, wenn es eine Pattstellung gäbe, das Präsidium anrufen könnten. Aber das haben wir noch nie gebraucht, das wäre eine Bankrotterklärung.
Tournan: Recht hat der, der überzeugt. Wenn eine nicht einverstanden ist, dann diskutieren wir. Wir entscheiden gemeinsam und eine hat das bessere Argument. Oft ist das die jeweilige Expertin, aber auch nicht immer.
WuW: Das klingt schon so, als ob das nur bestimmte Menschen könnten. Kommt ihr durch das Diskutieren wirklich immer zu einer Entscheidung?
Tournan: Ja, es funktioniert. Auch mit Mitarbeiter:innen und Kolleg:innen kann ich das nur empfehlen, es macht den Menschen Lust, mehr Verantwortung zu übernehmen.
WuW: Wie läuft eure Kompetenzaufteilung, dass ihr euch nicht auf die Zehen tretet?
Tournan: Es ist klar zwischen uns, aber wir sind beide zu hundert Prozent für alles verantwortlich, das kommunizieren wir auch nach außen. Es ist, wie wenn ich von einem Körper der rechte Fuß und die linke Hand bin und Anne ist der umgekehrte Teil. Wir müssen natürlich koordinieren, alle Körperteile gemeinsam bewegen, weil sonst laufen wir in die falsche Richtung oder gar nicht. Wir teilen uns im Alltag die Dinge operativ auf, aber strategische Entscheidungen treffen wir gemeinsam. Wir lernen viel im Austausch miteinander.
WuW: Wie trennt ihr beruflich und privat?
Schlack: Man ist sehr privat, man ist sehr eng – denn es ist der Mensch, mit dem man an einem Wochentag am meisten Zeit verbringt.
Tournan: Ich denke, uns beide verbindet auch eine Art Freundschaft. Wir sehen uns aber so viel in der Arbeit, dass wir kein Bedürfnis haben, uns auch privat zu sehen. Aber ich stelle mir vor, dass wir in Kontakt bleiben, wenn wir einmal nicht mehr miteinander arbeiten.
„Die Unterschiede gehören zu den großen Stärken in so einer Zusammenarbeit.“
WuW: Neben den inhaltlichen Aufteilungen gibt es doch sicher auch Unterschiede in der Arbeitsweise, etwa eine schneller, eine bedachter, eine mit Blick von oben, eine vielleicht mehr mit dem Blick für Details.
Tournan: Ich glaube, die Unterschiede gehören zu den großen Stärken in so einer Zusammenarbeit, mehr noch als die Kompetenzen. Es ist gut, dass man sich da ergänzt. Ich stecke die Arbeitsprozesse in der Organisation klar ab, das schätzt Anne auch an mir. Und ich schätze andere Dinge an ihr, sie ist sehr reflektiert – ich übersehe manchmal gewisse Aspekte, die eine Rolle spielen.
WuW: Ihr könnt damit umgehen, weil ihr euch dessen und auch des Wertes der Unterschiede bewusst seid ...
Schlack: Ich sehe das auch so, je unterschiedlicher, desto besser. Schwierigkeiten gibt es dort, wo die Werte nicht übereinstimmen, etwa bei der Personalführung und der Frage, wie du mit Leuten umgehst. Ich bin zum Beispiel ein sehr vertrauensvoller Mensch, Aurélie ist das auch. Wenn da einer sagt: „Ich will Kontrolle, denn ich vertraue den Menschen grundsätzlich von vorherein nicht!“, wird es nicht gehen. Die Werte müssen ähnlich sein, der Kommunikationsstil vielleicht auch.
WuW: Und wenn etwa eine sehr genau ist und die andere weniger?
Schlack: Das kann ja eine super Ergänzung sein ...
WuW: … wenn man es anerkennt und nicht genervt ist.
Schlack: Man ist ganz sicher genervt, aber man kann es ansprechen. Und irgendwann macht es „klick“, wo du sagst: „Genau so will ich es.“ Und dann kommt die Zeit, wo du weißt, was die andere sagen wird, bevor du es hörst – wie in einer Beziehung.
WuW: Es gibt tatsächlich Ähnlichkeiten. Wenn man Themen wie Liebe und Intimität ausspart, ist der Unterschied zu einer privaten Beziehung so riesig nicht: Wenn du Kinder miteinander hast, ist es ein Projekt.
„Feedback ist ein Geschenk.“
Schlack: Ja, genau. Der einzige Unterschied ist, du nimmst es in einer Beziehung viel persönlicher. In einer Arbeitsbeziehung solltest du es nicht persönlich nehmen, sondern sachlich – und schätzen, dass die andere Person anders ist. In einer Beziehung verstehst du es eher als persönlichen Affront.
Tournan: Feedback ist ein Geschenk. Ich gebe nicht meinen Feind:innen Feedback, damit sie besser werden, sondern meinen Freund:innen. Das versuche ich immer auch an Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen zu vermitteln: Bitte sprecht die Dinge an, solange sie klein sind, weil sonst werden sie zum großen Problem. Und je größer, desto schwerer ist es mit Feedback zu klären, ohne dass die andere Person verletzt ist. Wir reden regelmäßig und wenn eine irritiert ist, sprechen wir das gleich an.
WuW: Ihr sagt, wenn ihr verschiedener Meinung seid, ist das okay, das diskutiert ihr aus. Und vor den Mitarbeiter:innen? Tretet ihr da als eine Person auf oder legt ihr Unterschiede offen?
Schlack: Wir legen es manchmal offen. Wenn wir uns noch nicht abgestimmt haben, sagt eine von uns: „Das habe ich jetzt noch nicht mit dir besprochen, aber ich würde das so und so sehen.“ Da gibt es dann schon die Möglichkeit einzuwenden: „Na ja, ich würde das anders sehen.“ Es geht uns nicht darum, dass man dauernd der gleichen Meinung ist, sondern klar sagt, woher es kommt.
WuW: Da passt eine Analogie zu Eltern, es gibt ja Kinder, die wissen genau, damit gehe ich zur Mama, damit zum Papa. Ist das bei Mitarbeiter:innen, ohne sie jetzt zu Kindern zu erklären, auch so?
Schlack: Sicherlich kann das vorkommen. Aber sobald eine anlobbyiert wird mit einem Anliegen, weiß das die andere kurz darauf. Es geht nur, wenn zwischen die beiden Personen kein Blatt Papier passt. Wir haben ja auch nur eine E-Mail-Adresse.
WuW: Ihr habt keine eigene Mail-Adresse daneben? Wenn ich einer von euch ein Mail schreibe, kriegen es immer beide, damit es keine Nebenabsprachen gibt?
Schlack: Genau. Und noch ein Vorteil: Wir haben viel weniger Abstimmungsbedarf, wir sind immer upgedated; wenn eine gerade auf Urlaub oder krank ist, können wir eins zu eins übernehmen. Wir haben auch nur einen Kalender – mit einem Farbcodierungssystem. Da stehen auch private Termine drin, damit die andere weiß, wann man verfügbar ist.
WuW: Wie sieht eure Kommunikation sonst aus? Habt ihr regelmäßige Meetings?
Tournan: Wir haben Desk-Sharing, aber wenn wir beide im Büro sind, versuchen wir im selben Raum zu sitzen.
Schlack: Aurélie ist oft die erste, die ich in der Früh anrufe, und die letzte, mit der ich am Abend telefoniere.
Tournan: Wir reden jeden Tag miteinander, ob kurz oder lang, hängt vom aktuellen Bedürfnis ab. Wir haben uns im Dezember Zeit genommen, um das Jahr zu reflektieren. Da hat eine Stunde gereicht, wir sind sehr schnell in der Kommunikation zwischen uns. Wenn man sich gut versteht, viel Vertrauen da ist, braucht man nicht lange erklären, dann weiß der andere drei Schritte voraus, wie du denkst. Wir kennen die Denkmuster der anderen und wissen, was sie sagen wird. Das hilft auch beim Einschätzen, wann man die andere informiert und wann nicht. Ich weiß, was für Anne wichtig ist – und umgekehrt.
WuW: Ihr seid ein offenes Buch füreinander.
Schlack: Ja, das war von Anfang an so ausgemacht.
WuW: Versucht ihr, da sich das Modell für euch bewährt, es in den Ebenen darunter auch zu implementieren?
Tournan: Es hat sich einmal so ergeben, eher aus einer ungeplanten Situation heraus, aber es hat sich nicht bewährt, die Position war dafür nicht geeignet. Wir haben es nach sechs Monaten wieder gestoppt.
WuW: Wenn ihr zwei Menschen, die beschließen, ab sofort zu zweit sehr eng zusammen zu arbeiten, einen Tipp geben müsstet, welcher wäre das?
Schlack: Sagen, wofür man es macht und wofür man brennt. Es gibt nichts Motivierenderes als zu wissen, dass die andere das auch so will wie du. Man hat vielleicht verschiedene Wege, aber man braucht sich gegenseitig. Es geht über die gemeinsame Zielvorstellung. Den anderen zu verstehen, wofür er brennt und was ihn antreibt, finde ich total spannend.
Tournan: Offen miteinander umgehen, kein Geheimnis voreinander, das Vertrauen entwickeln. Mehr braucht man nicht.
WuW: In Österreich ist das Modell der Doppelführung noch nicht sehr verbreitet. Warum?
Schlack: Es gibt so viele Vorbehalte: „Wie funktioniert das? Das dauert zu lange! Und was ist, wenn ihr euch nicht entscheiden könnt?“ Nicht ein einziges Mal in all den Jahren haben wir uns nicht entschieden! Vielleicht ist das ein Männer-Thema, dass immer einer das letzte Wort haben muss. (zwinkert)
„Es müssen am Anfang beide für eine sehr, sehr gute Idee halten.“
Ein Paar schreibt eine erfolgreiche Biografie
Verena Mayer und Roland Koberg haben eine erfolgreiche Biografie über Elfriede Jelinek verfasst. Im Interview erzählen sie über unterschiedliche und gemeinsame Zugänge zum Thema Schreiben, was es bedeutet, als Paar ein Buch herauszubringen, und worum es beim einzigen richtigen Streit in der Küche ging.
Die Journalistin Verena Mayer und der Journalist und Dramaturg Roland Koberg aus Wien sind seit 1999 privat ein Paar. Als sie im Jahr 2004 begannen, eine Biografie über die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek vorzubereiten, ahnten sie noch nicht, dass diese im selben Jahr den Literaturnobelpreis erhalten würde, wodurch das Projekt zeitlich unter Druck geriet.
Die beiden lebten bis 2025 in Berlin und haben zwei Kinder miteinander. Heute arbeitet Mayer als Korrespondentin für die Süddeutsche Zeitung in Wien, Koberg tourt mit Weiterspielen Productions durch den deutschsprachigen Raum.
Mehr Informationen: Mayer, Verena/Koberg, Roland: Elfriede Jelinek. Ein Porträt, Reinbek bei Hamburg 2006.
Interview: Februar 2021
WuW: Wie kommt man auf die Idee, als Paar ein Buch zu schreiben? Wir hören oft: „Mit meinem Partner zusammenarbeiten, das könnte ich nie!“
Mayer: Wir haben damals ähnliche Berufe gehabt, beide geschrieben, immer Texte voneinander gegengelesen und dadurch gewusst, wie der andere schreibt, wie der andere denkt, wie Texte entstehen. Wären wir aus völlig unterschiedlichen Bereichen gekommen, hätte das nicht funktioniert. Das war schon eine Grundvoraussetzung, oder?
Koberg: Ja. Und es gab ein paar Dinge, die wir uns noch vorgenommen haben, bevor Kinder kommen: nach Australien reisen, einen Marathon laufen und ein Buch schreiben – so ungefähr.
WuW: Was stand am Anfang? Wir schreiben ein Buch, was bietet sich an? Oder die Idee, ein Jelinek-Buch zu schreiben?
Mayer: Es war so: Sie hat 2004 den Literaturnobelpreis bekommen ...
Koberg: So war es schon mal nicht. Das Originelle an der Geschichte war ja, dass wir die Idee tatsächlich ein halbes Jahr vor dem Nobelpreis hatten. Verena meinte, über Jelinek müsste man mal ein Buch schreiben.
Mayer: Stimmt!
Koberg: Und wir fanden tatsächlich, dass das gut zusammenpasst: Du siehst sie mehr von der Roman-Seite her, außerdem hattet ihr über deine Gerichtsreportagen, die sie immer verfolgt hat, Kontakt, und ich hatte durch mehrere Theateraufführungen, die ich im Deutschen Theater realisiert habe, auch Kontakt zu ihr. Und natürlich schon vorher durch den Falter.1 Wir kannten sie aus unterschiedlichen Zusammenhängen. Es war uns dann auch ein Vergnügen, zu sagen: „Die erste Nachricht: Wir sind ein Paar; und die zweite Nachricht: Wir würden gerne ein Buch über Sie schreiben.“
Wir hatten den ersten Termin, ihr das Buch anzutragen, schon vor dem Nobelpreis ausgemacht, allerdings lag der Termin nach dem Nobelpreis.
WuW: Dadurch hat sich die Zeit, die ihr für das Buch hattet, massiv verkürzt.
Mayer: Genau, die Ursprungsidee war, dass wir so eine Rororo-Monografie schreiben, doch dann wollte der Verlag eine ausführliche Biografie. Um zu eurer Frage zurückzukommen: Das Thema hat uns verbunden, das Interesse ...
WuW: … und das Vertrauen, dass ihr das miteinander könnt, weil ihr eure Schreibstile schon kanntet. War durch eure verschiedenen Zugänge klar, wer wofür zuständig ist?
Mayer: Ja, wir hatten zwei große Themen. Es war klar, Roland macht alles, was mit Theater zu tun hat, und ich alles, was mit Romanen zu tun hat plus – Roland hatte ja damals in Berlin eine feste Stelle – ich übernehme die Recherche. Das heißt, ich versuche Leute zu treffen, die in Wien sind, und mache dieses ganze Leute-Anschreiben und -Abklappern, Ins-Archiv-Latschen, während du dich um die Leute im Theater gekümmert hast.
Koberg: Ja, da gab es ja auch viele ausfindig zu machen und zu treffen. Aber die Recherche, das Aufspüren von irgendwelchen Ex-Freunden aus den Siebziger-Jahren, das war eher Verenas Ding.
Mayer: Roland hat sofort eine Bildersuche gestartet. Ich habe das anfangs ja belächelt. Du bist aber sofort in die Fotoarchive eingestiegen, hast die irrsten Bilder aufgetrieben, weil du wusstest, wie wichtig Bilder sind. Das war kein Schlachtplan, sondern jeder hat gemacht, was ihn interessiert hat, oder?
Koberg: Genau, in unserer Vorstellung standen dann so zwischen zehn und zwölf Kapitel, die wir uns relativ hälftig aufgeteilt haben. Wichtig war uns, dass es nicht rein chronologisch ist, das wäre uns langweilig vorgekommen, sondern dass jedes Kapitel ein Thema hat: Natur, Familie … In den meisten Fällen lag es nahe, wer welches Kapitel angeht. Am Ende gab es dann überraschende Wendungen, wo plötzlich ich derjenige war – darf ich das sagen? –, der das Frauen-Kapitel verfasste. (lacht)
Mayer: Ich hatte da wirklich so eine Art Schreibkrise oder Schreibhemmung. Ich konnte einfach nicht mehr.
WuW: Wegen des Themas oder wegen der Menge?
Mayer: Ich war erschöpft.
Koberg: Ein bisschen auch wegen des Themas. Das Thema, zu dem man am meisten zu sagen hat, fällt einem am schwersten. Es war auch das letzte Kapitel, das Buch war eigentlich schon fertig. Und ich habe natürlich deine Sachen verwendet und das nur so übernommen. Ich erzähle das nicht als Heldengeschichte, sondern um zu zeigen, dass du nicht alles vorher planen kannst. Wir konnten nicht absehen, wie das sein würde – und vor allem, wie sich unsere Schreibstile ergänzen könnten.
WuW: Wie habt ihr das dann tatsächlich gemacht? Habt ihr jeweils ein Kapitel geschrieben und der oder die andere ist drübergegangen? Hin, her, hin, her – bis es gleich klingt?
Mayer: Ja. Ich weiß noch, wir haben gehadert, ob das so geht, und als wir die ersten drei Kapitel fertig hatten, habe ich die nach dem Überarbeiten einem Kollegen zum Lesen gegeben. Und er so: „Ja, ja – genau so.“ Das hat mich bestärkt, dass wir so weitermachen. Aber es wurde schon viel umgeschrieben.
WuW: Ein Buch zu schreiben besteht ja nicht nur aus dem Schreibprozess. Der Kontakt mit dem Verlag zum Beispiel, war der aufgeteilt?
Koberg: Das haben wir beide gemacht.
WuW: Habt ihr die Gespräche mit Jelinek, vermutlich die Highlights, auch immer zu zweit geführt?
Mayer: Da sind wir beide hingefahren, wir haben viel mit ihr gemailt. Sie war sehr auskunftsfreudig und hat die Mails auch immer gleich beantwortet. Man konnte sie supergut dazwischen fragen. Und dann hast mal du mit ihr kommuniziert, mal ich.
Koberg: Erstaunlich unkompliziert. Sie war schon erst geschockt, weil sie natürlich in dieser Phase direkt nach der Nobelpreis-Verkündung extrem überrannt wurde.
„Ich würde auf jeden Fall nochmal mit dir ein Buch schreiben.“
Mayer: Ich weiß nicht, wie viele Gespräche wir führten, aber es war wirklich wahnsinnig unkompliziert – das ganze Projekt. Ich kann es mir nur so erklären, dass wir anfangs überhaupt nicht wussten, was wir da machen, worauf wir uns einlassen.
WuW: Ihr hattet eine tiefe gemeinsame Verbindung mit dem Ziel, die Verbindung zwischen euch hat auch funktioniert ...
Mayer: Ich würde auf jeden Fall nochmal mit dir ein Buch schreiben.
Koberg: War das die Frage, ob wir es nochmal tun würden?
Mayer: Es war das Thema, dass wir uns da so reingefuchst haben. Wir waren auch wirklich motiviert, es gab Geld dafür bis zu einem gewissen Maß. Wir mussten das machen, es war sonst nicht viel zu tun.
Koberg: Ich habe mir dafür auch eine Zeit lang am Theater frei genommen.
Mayer: Wir hatten noch keine Kinder!
Koberg: Ich muss auch sagen, ich habe technisch viel von dir gelernt. Ich bin eher so der Typ, der drauflos schreibt und dadurch wird es auch oft etwas lang. Mittlerweile habe ich, vor allem auf Grund der Erfahrung mit diesem Buch, immer die Verena-Schere im Kopf: Wenn jetzt Verena hier wäre, würde sie da großzügig streichen – schmerzhaft, aber unterm Strich zum Besseren des Werks.
WuW: Kann man sagen, dass Verena die Strengere ist beim Schreiben, die Konsequentere, die mehr drübergeht?
Mayer: Aus zeitlichen Gründen, kurz vor dem Ende, als Roland wieder arbeiten musste, hatte ich die Letztfassung erstellt, und da hatten wir auch den ersten und einzigen riesigen Streit – in der Küche. Da war wirklich alles fertig und wir haben das Quellenverzeichnis gemacht, das Namensverzeichnis. Da hat Roland plötzlich wortwörtlich gefragt: „Moment mal, wo ist der sensible Jelinek-Dramaturg Karl Baratta, den ich im Theaterkapitel erwähnt habe?“ Der war einfach weg, rausgestrichen von mir. Da warst du sehr sauer.
Koberg: Ja, da hast du schon sehr gehobelt. Tatsächlich muss man ja, wenn man so ein Buch schreibt und selber in der Theaterszene verankert ist, bestimmte Rücksichten nehmen oder diplomatische Formulierungen wählen. Das dann alles über so eine stilistische Schiene zu legen – das hat mir damals nicht gefallen.
Mayer: In der letzten Version habe ich wirklich viel gestrichen und darauf geschaut, dass das gut erzählt klingt. Im Nachhinein betrachtet war es die richtige Entscheidung. Das Buch hatte genau die richtige Länge und hat sich verkauft. Die Kritiken haben uns auch recht gegeben. Wenn man eine Biografie über jemanden schreibt oder recherchiert, wird es immer Leute geben, die das Gefühl haben, sie sind nicht richtig repräsentiert und ihre Wichtigkeit wird nicht ausreichend gewürdigt. Da muss man einfach durch.
Koberg: Ich habe dann schon verstanden, dass keine Unwucht entstehen darf. Wenn ich in meinen Bereichen so ausführlich geschrieben hätte – parlierend, girlandig, mäandernd –, hätte man sofort gemerkt: Ah, jetzt kommt wieder so ein Kapitel, wo nichts ausgelassen wird. Und für Verena musste sich jede Geschichte, die man erzählt, durch eine These legitimieren, eine starke Ansage. Sonst hättest du sie nicht durchgelassen und die Frage gestellt – du hast sie auch oft genug gestellt –, wozu wir das überhaupt erzählen. Das war schon eine sehr gute Hilfe und für mich auch ein wichtiges Kriterium.
Mayer: Was uns auch geholfen hat, ist, dass wir beide aus einem journalistischen Beruf kommen. Da gibt es einen klaren Umgang mit Texten, man schreibt um, man wird gebeten, es nochmal zu präzisieren, das ist überhaupt kein Affront. Uns war beiden klar, wenn der Leser das jetzt nicht gut findet, der andere Leser, dann stimmt halt etwas nicht.
WuW: Das heißt, euch war die Arbeitsweise mit Texten von vornherein klar und vertraut.
„Man muss schon eine gewisse Bereitschaft haben zu akzeptieren, dass der andre etwas anders sieht.“
Mayer: Ich kenne auch Kollegen und Kolleginnen, die überhaupt nicht zusammen schreiben können, da entstehen oft die schlimmsten Eitelkeiten und Konflikte. Man muss schon eine gewisse Bereitschaft haben zu akzeptieren, dass der andre etwas anders sieht.
Koberg: Wobei das in den vergangenen Jahren auch eine häufiger praktizierte journalistische Arbeitsweise wurde, dass mehrere Redakteur:innen einen Text zusammentragen. Das hat es 2004, als wir angefangen haben, noch nicht so gegeben. Gerade im Feuilleton, wo ich gearbeitet habe, war man sozusagen kurz vorm Durchbruch als Schriftsteller, wenn man geschrieben hat. Da wäre man nicht auf die Idee gekommen, etwas zusammen zu schreiben. Es hat auch viele Leute verwundert, dass wir das machen.
WuW: Wir haben jetzt viel über das Gemeinsame gehört. Wo waren eure Arbeitsweisen verschieden oder haben sich vielleicht ergänzt?
Mayer: Ich war es gewohnt zu recherchieren, Sachen heranzuschleppen und mich irgendwo reinzuwühlen, noch zehn Leute zu fragen … oder?
Koberg: Komischerweise wollte ich das gerade für mich beanspruchen.
Mayer: Also Bibliotheken habe ich schon mehr von innen gesehen.
Koberg: Wie man bestimmte Sachen rausfindet, da bist du natürlich deutlich versierter.
Mayer: Genau, wie man an Quellen rankommt, wie man mit Leuten redet, dass die was rausrücken, wie es auch rechtlich ist, da habe ich schon ein paar Sachen einfach gewusst aus meiner journalistischen Arbeit. Dafür bin ich oft sehr zweiflerisch und brauche viel länger für alles, du bist immer so mit frischem Schwung hinein. Da haben wir uns auf jeden Fall ergänzt.
WuW: Gab es bei den Lesereisen und der Vermarktung eine Arbeitsteilung?
Mayer: Die Vermarktung war natürlich vor allem deines.
Koberg: Ja, das lag nahe, durch das Theater hatte ich die besseren Zugänge. Wir hatten auch viele Vorabdrucke in den verschiedensten Medien, man musste immer gucken, dass sich das nicht gegenseitig ausschließt.
WuW: Ganz etwas anderes: Wie habt ihr denn den gemeinsamen Zugriff zu den Rohfassungen logistisch gehandhabt?
Mayer: Gute Frage. Heute gibt’s ja Google Docs, heute könnte man das so machen, aber wir haben jedes Kapitel in einer Word-Datei gehabt und an der wurde immer gearbeitet. Wirklich jedes einzelne Kapitel hatte eine Datei und dann hatten wir verschiedene Ordner mit Archivmaterial.
Koberg: Wir haben an zwei Computern gearbeitet und mit Disketten die Dateien hin- und hergespielt. Es gab eine gefürchtete Datei, die hieß Überschuss …
Mayer: Da habe ich dann immer alles reingekippt, was … (lacht)
Koberg: Die gibt’s noch! Das würde mindestens noch einmal ein Buch füllen!
WuW: Habt ihr regelmäßige Meetings abgehalten oder war Jelinek beim Frühstück, zu Mittag, beim Abendessen immer mit am Tisch?
Mayer: Die war mit am Tisch.
Koberg: Ja. Immer.
Mayer: Wir haben ja nicht sehr viel Zeit gehabt, so von März bis Oktober war die Schreibphase und es war wirklich ein krasses halbes Jahr. Wir sind aufgestanden, haben uns an den Computer gesetzt, dann hast du irgendwann Mittagessen gekocht, und am Abend haben wir aufgehört, zu Abend gegessen, dann nochmal weitergeschrieben und dann sind wir ins Bett gegangen. So war jeder einzelne Tag. Es war eigentlich schrecklich.
Koberg: Ja, aber auch toll, nein?
Mayer: Ja, jetzt, aber damals fand ich es nicht toll. Es gab kein Leben nebenbei, keine Freunde, kein Fortgehen.
WuW: Nichts, was man dauerhaft machen könnte.
Koberg: Dass das jetzt ein halbes Jahr so gewesen wäre, das kam mir nicht so vor. Ich habe halt auch gearbeitet. Aber zumindest die zwei Monate Sommerferien, da war es extrem. Im Sommer hätte man ja auch andere Möglichkeiten, sich zu betätigen. Wir waren damals in Berlin in einer Wohnung direkt unterm Dach. Wir mussten sehr viel Minz-Eistee trinken.
„... wenn du jemanden hast, mit dem du dich austauschen kannst und der dich davon abhält, dich völlig zu verrennen.“
WuW: Könnt ihr euch noch erinnern, wie sich das auf die Beziehung ausgewirkt hat? Einerseits der Stress, andererseits natürlich ein großes Projekt und der gemeinsame Stolz …
Mayer: Also während des Schreibens galt wirklich Augen zu und durch, da habe ich überhaupt nicht viel nachgedacht. Wir mussten einfach fertig werden, egal wie. Und dann gab’s eben diesen einen Streit beim Inhaltsverzeichnis – und dann? Waren wir stolz? Gut, als die ersten Kritiken kamen, schon.
Koberg: Ich glaub eigentlich schon. Gleichzeitig war klar, dass wir nach dem Buch wieder jeder in seinen Bereich zurückkehren werden.
Mayer: Wobei ich wahnsinnig gerne im Team arbeite. Ich wollte das nicht alleine machen. Ich schreibe oder recherchiere auch jetzt noch am liebsten mit jemandem zusammen.
WuW: Was war außerdem der Vorteil, es zu zweit zu machen?
Mayer: Also erstens: Roland konnte das, er hatte ja schon Bücher geschrieben. Dann die Menge: Nicht mal jetzt könnte ich mir vorstellen, ein Buch allein zu schreiben, weil das so viel ist! Wenn ich denke, wie schwierig es ist, längere Artikel zu verfassen! Das ist so ein Krampf, diese Mengen zu verarbeiten und sich nicht zu verzetteln!
Koberg: Der Vorteil liegt schon auf der Hand, wenn du jemanden hast, mit dem du dich austauschen kannst und der dich davon abhält, dich völlig zu verrennen.
WuW: Wenn ihr aus eurer Erfahrung einem Paar, das sich an ein Buchprojekt macht, einen Tipp geben müsstet, welcher wäre das?
Mayer: Dass man sich wirklich auf etwas einigt, das man gemeinsam will, dass man weiß, was man erreichen will, und dass man einen ähnlichen Hintergrund hat. Dass man von denselben Dingen ausgeht.
WuW: Ist das wichtiger, als dass man sich in Gegensätzen ergänzt?
Mayer: Ich glaube, die Zielsetzung, dass man weiß, wo man hinwill und was jeder kann und was jeder mitbringt, ist ausschlaggebend.
WuW: Habt ihr das vorab reflektiert oder war das nur implizit klar?
Koberg: Ich glaube, das war eher implizit klar. Es war ein bisschen ex negativo klar, weil wir zum Beispiel wussten, dass wir nicht die Typen sind, die sich ein Haus bauen. Und wenn man das weiß, wenn man so etwas ausschließen kann und noch ein paar andere Dinge, dann findet man Gemeinsamkeiten eben eher in solchen Sachen.
WuW: Was ist der Ausschließungsgrund für ein Haus? Weil ihr es nicht könnt?
„Ich wusste, was ich aus dieser Zusammenarbeit erwarten kann.“
Mayer: Genau. Ich habe beim Buch so darauf vertraut, dass wir vom selben sprechen, und ich wusste, was ich aus dieser Zusammenarbeit erwarten kann. Das weiß ich bei einem Haus nicht, mir fehlt das Hintergrundwissen und auch der Wunsch.
Koberg: Und es ist schon auch so, dass wir damals bei dem Schreibprojekt – mittlerweile bist du mir da davongeeilt – auf einem ähnlichen Level eingestiegen sind. Wir können nicht zusammen kochen (Anm.: Rolands Stärke) und beim Eisschwimmen (Anm.: Verenas Hobby) werde ich immer am Rand stehen – es gibt einfach Dinge, wo das Interesse und letzten Endes auch der Wille sehr unterschiedlich gelagert sind. Und das ist beim Buch eben nicht so gewesen. Deswegen finde ich ganz wichtig, was Verena vorhin sagte: Das Wichtigste ist, dass beide es wollen, beide es von sich aus wollen. Man kann schon unterschiedliche Vorstellungen haben, wie das dann ist, und das darf sich auch im Machen entwickeln und verändern. Aber es müssen am Anfang beide für eine sehr, sehr gute Idee halten, die einen selber weiterbringt und die man sich auch zutraut.
WuW: Hat sich eure Zusammenarbeit im Lauf des Buchs verändert?
Koberg: Es war viel Trial and Error dabei, bis man kapitelweise sagen konnte, das passt jetzt. Das waren schon neun verschiedene Wege, neun verschiedene Anläufe. Komisch, dass es dann insgesamt rund ist, dieses Vertrauen hatten wir eigentlich beide.
1 Wiener Stadtzeitung, bei der Roland Koberg gearbeitet hat
„Vertrauen, Transparenz und Ehrlichkeit“
Zwei Cousins führen eine Werbeagentur
Die Cousins und Geschäftsführer der Werbeagentur FALKEmedia Thomas (im Bild links) und Matthias Wagner im Interview über den Vorteil, Entscheidungen zu zweit zu treffen, warum sie einander Ideen verkaufen und wie sie selbst kleine Teams zusammenstellen.
Im Jahr 2008 gründete Thomas Wagner in Waidhofen an der Ybbs die Werbeagentur FALKEmedia. Sein Cousin Matthias Wagner, damals noch Medieninformatik-Student, stieg ein Jahr später als Kooperationspartner ein, 2012 machten sie eine GmbH daraus. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 20 Angestellte.
Mehr Informationen: www.falkemedia.at
