Zwergenblut - Frank Rehfeld - E-Book

Zwergenblut E-Book

Frank Rehfeld

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Beschreibung

Deutsche Fantasy vom Feinsten!

Barlok und seine Zwerge haben die Dunkelelben mit der Unterstützung der Hochelben aus ihren Minen vertrieben. Vorerst! Denn die Zahl der Dunkelelben scheint unermesslich. Barlok und seine Gefährten sehen nur eine Möglichkeit, ihr Volk zu retten. Sie müssen ins Herz des unterirdischen Reichs der Dunkelelben vordringen und die Wurzel des Übels vernichten …

Das Finale der monumentalen Abenteuer-Saga!

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Inhaltsverzeichnis
Widmung
Kapitel 1 - ZARKHADUL
Kapitel 2 - DAS BITTERE ERBE DES SIEGES
Copyright
Für JosySchwarze Flamme,wenn alle anderen Feuer erlöschen
1
ZARKHADUL
»Tot«, schnaubte Lhiuvan und zerstörte damit den Zauber des Augenblicks. Jäh wurde Thilus aus der ehrfürchtigen Bewunderung gerissen, die ihn ebenso wie die anderen Zwerge beim Anblick der gigantischen Höhle erfasst hatte; einer Höhle, die größer als jede andere war, die er je zuvor gesehen hatte. Sie durchmaß gut drei Meilen, und der steinerne Himmel wölbte sich hunderte Meter über dem Grund, gestützt von zahlreichen wahrhaft titanischen Felspfeilern.
Aber nicht allein die Größe der Höhle war es, die Thilus schier überwältigte, sondern viel mehr noch die Bedeutung dieses Ortes. Dies war Zarkhadul, eine Legende. Die einst größte und prachtvollste Zwergenmine, und außerdem eine der ersten, die sein Volk errichtet hatte. Das Herz und Prunkstück des Zwergenvolkes, vor mehr als einem Jahrtausend verschüttet und auf immer verloren geglaubt.
»Was?«, murmelte er benommen und blickte den neben ihm stehenden Elben an.
»Dieser Ort ist abstoßend, geradezu schrecklich«, stieß Lhiuvan hervor. »Tot, völlig lebensfeindlich. Kein Tageslicht, keine einzige Pflanze außer diesem ekelhaften Flechtengestrüpp. Ich verstehe nicht, wie irgendjemand hierherkommen und freiwillig hier leben kann.« Er verzog das Gesicht zu einer verächtlichen Grimasse. »Aber was kann man von Zwergen auch anderes erwarten? Einem Volk, dessen größtes Vergnügen darin besteht, im Dreck nach Schätzen zu wühlen, mag es ja sogar hier gefallen.«
Heißer Zorn loderte in Thilus auf, nicht nur, weil er als Dreckwühler beleidigt worden war, was kaum jemand sonst in Gegenwart von zwei Dutzend schwer bewaffneter Zwergenkrieger zu äußern gewagt hätte, sondern wegen des unerträglichen Hochmuts der Elben, die alles ausschließlich an ihrem eigenen Geschmack und ihren Ansichten maßen.
Es war allgemein bekannt, dass Elben für Stein und Fels wenig übrighatten, sondern sich nur an lebenden Dingen wie Pflanzen und Tieren zu erfreuen vermochten. Dennoch musste auch ihnen bewusst sein, was für eine unglaubliche architektonische Meisterleistung es darstellte, eine solche Höhle im Inneren eines Berges zu errichten und über Jahrtausende hinweg vor dem Einsturz zu bewahren.
Darüber hinaus wusste Lhiuvan genau, was für eine fast heilige Bedeutung dieser Ort für das Zwergenvolk besaß, und Thilus zweifelte keinen Augenblick daran, dass der Elb seine Bemerkungen nur aus genau diesem Grund gemacht hatte. Er hatte ihnen nicht nur den Moment verdorben, in dem sie Zarkhadul zum ersten Mal mit eigenen Augen sahen, sondern wollte sie mit voller Absicht provozieren.
Alles in Thilus schrie danach, Lhiuvan die Antwort zu geben, die er verdiente, und auch die anderen Zwergenkrieger begannen unwillig zu murren, doch mühsam bezähmte er seinen Zorn. Er war mit einem verkrüppelten linken Arm zur Welt gekommen, was es ihm eigentlich unmöglich gemacht hätte, Krieger zu werden. Aber mit eiserner Willenskraft und einem um ein Vielfaches härteren Training als alle anderen hatte er dieses Ziel dennoch erreicht. Unaufhörlich war er während seiner Ausbildung Hohn und Spott ausgesetzt gewesen, und auch anschließend war das Getuschel hinter seinem Rücken weitergegangen. Stets hatte er aufbrausend darauf reagiert und erst in den letzten Jahren gelernt, sein Temperament in zwergenuntypischer Art zu zügeln, was ihm jetzt zugute kam. Als Kriegsmeister Loton ihm das Kommando über den Kampftrupp übertragen hatte, hatte er durchblicken lassen, dass genau das einer der Gründe für seine Wahl gewesen war.
»Umso besser, wenn unsere Völker so verschieden sind«, sagte er mit erzwungener Ruhe. »Euch gefällt die Tiefenwelt nicht, und wir schätzen das Leben an der Oberfläche nicht. So sollte es doch gar keinen Streit zwischen uns geben.«
Seine Worte enthielten nicht nur eine Warnung an den Elben, sondern galten gleichermaßen den übrigen Zwergenkriegern, die durch die Beleidigung ebenfalls zutiefst getroffen waren. Ihren vor Zorn geröteten Gesichtern war anzusehen, dass es in ihnen brodelte.
»Schöne Worte, nicht mehr«, stieß Lhiuvans Begleiterin Aliriel hervor. »Hören wir auf, Zeit zu vergeuden. Je schneller wir diese Bestien ausmerzen, die angeblich von uns abstammen sollen, desto eher können wir an die Oberfläche zurückkehren. Ich habe das Gefühl, hier zu ersticken.«
Ebenso wie Lhiuvan trug die Elbenkriegerin eine helle Hose, die in kniehohen Stiefeln verschwand, und darüber ein braunes Wams, unter dem ein goldener Brustpanzer sichtbar war. Außer ihm war sie die Einzige aus ihrem Volk, die die Zwerge hierherbegleitet hatte, zu einem kaum meterbreiten Sims, der sich ein Stück unterhalb der Decke entlang der Höhlenwand dahinzog. Barlok selbst, der berühmte Kriegsheld, der mit einem Erkundungstrupp als erster Zwerg seit einem Jahrtausend einen Weg ins Innere des Kalathun gefunden hatte, hatte ihnen geraten, sich den Anblick nicht entgehen zu lassen, der sich von hier aus bot. Auch er hatte vor wenigen Tagen an dieser Stelle gestanden und von hier aus einen ersten Blick auf die Stadt in der Tiefe geworfen.
Es war kaum vorstellbar, dass ein Ort von solch atemberaubender Schönheit zugleich eine so schreckliche Gefahr barg …
»Die Säule dort vorne«, sagte Heldon, einer von Barloks Begleitern, der ihrem Trupp als Führer zugewiesen war, und deutete auf einen der titanischen Pfeiler, um den sich eine schier endlos erscheinende Treppe wand. »Dort sind wir in die Tiefe gestiegen.«
Thilus schauderte, als er sich vorstellte, wie mühsam die Überwindung dieser Stufen gewesen sein musste, vor allem, nachdem die Krieger die schreckliche Entdeckung gemacht hatten, dass Zarkhadul schon vor langer Zeit das gleiche Schicksal ereilt hatte wie Elan-Dhor. Auch seine Bewohner hatten zu tief und zu gierig geschürft und dabei ahnungslos ein Tor ins unterirdische Reich der Dunkelelben geöffnet, und wie das Heer der Zwergenkrieger von Elan-Dhor waren selbst die gewaltigen Armeen von Zarkhadul von diesem Feind überrannt und geschlagen worden. Mehr als hunderttausend Zwerge hatten hier einst gelebt, manche sprachen sogar von einer fast doppelt so großen Zahl, aber diesem Feind hatten auch sie nichts entgegenzusetzen gehabt. In ihrer Verzweiflung hatten sie schließlich selbst durch Sprengungen alle Zugänge zur Oberfläche verschlossen, um zu verhindern, dass die Thir-Ailith, wie sich die finsteren Kreaturen selbst nannten, dorthin gelangen und auch über andere Zwergenminen oder die Städte der Menschen herfallen konnten.
Erneut schauderte Thilus, als er an die unglaublichen Schrecknisse dachte, die sich hier zugetragen haben mussten. Wie viel Mut, wie viel Tapferkeit musste dazugehören, sich selbst mit einem so entsetzlichen Feind einzuschließen und dem sicheren Tod auszuliefern, nur um andere vor diesem Schicksal zu bewahren?
Noch einmal ließ er den Blick durch die Höhle wandern, bewunderte die kunstvollen Verzierungen der himmelhoch aufragenden Pfeiler, soweit sie aus der Entfernung zu erkennen waren, die Bögen und Brücken, die sich zwischen ihnen spannten, die hunderte Meter großen Gerüste aus Seilen, Holz und Metall, die einen Teil der Wände bedeckten, und natürlich die Stadt selbst in der Tiefe. Das ehrfürchtige Gefühl, das er zuvor verspürt hatte, wollte sich jedoch nicht wieder einstellen. Mit ihren abfälligen Bemerkungen hatten die Elben die Stimmung gründlich zerstört.
Thilus wandte sich um und sah seine Begleiter an. Ihnen ging es allen so wie ihm, das konnte er deutlich in ihren grimmigen Gesichtern lesen. Viele hatten die Fäuste geballt und brummten leise Verwünschungen und andere Unfreundlichkeiten in ihre Bärte. Völlig zu Recht fühlten sie sich um etwas betrogen, von dem sie geglaubt hatten, es könnte einer der erhebendsten Momente ihres Lebens werden. Mehr als einer von ihnen hätte den Elben wohl am liebsten einen Stoß versetzt, um sie von dem Sims in die Tiefe zu schleudern.
Zuletzt ließ Thilus seinen Blick auf den beiden Spitzohren verharren. Nicht umsonst wurden Elben auch als das schöne Volk bezeichnet, das musste er zugeben. Sie waren schlank und hochgewachsen, ihre Bewegungen voller Geschmeidigkeit und Eleganz. Helles Haar fiel lang über ihre Schultern, doch war es nicht bleich wie das der Thir-Ailith, sondern von der Farbe reinsten Goldes, und im Gegensatz zu den rundlichen, grobschlächtigen Gesichtern der Zwerge waren die ihren nahezu alterslos und unglaublich fein und ebenmäßig geschnitten, ohne den geringsten Makel. Verglichen mit ihnen sahen selbst Menschen wie Trolle aus.
Ganz besonders galt dies für weibliche Elben. Aliriel war ohne Zweifel eine der schönsten Frauen, die Thilus jemals gesehen hatte, egal aus welchem Volk. Vermutlich wäre sein Herz bei ihrem Anblick in ebenso leidenschaftlicher wie aussichtsloser Liebe entbrannt, wenn nicht auch sie den arroganten Hochmut in sich getragen hätte, der den meisten Angehörigen ihres Volkes zu eigen zu sein schien und der dazu beigetragen hatte, dass sich ihre beiden Völker in den vergangenen Jahrtausenden immer weiter entfremdet hatten. So engelsgleich ihr Gesicht auch sein mochte, besaß es doch nur die kalte Schönheit einer Statue. Der harte Ausdruck ihrer Augen schien ihm jegliche Wärme zu rauben.
Aber so groß die Unterschiede zwischen ihren Völkern auch sein mochten, für den Moment zählte vor allem, dass Zwerge, Elben und Menschen die Schlacht am Kalathun gemeinsam bestritten und gewonnen hatten.
Die endgültige Wende hatte erst Barlok gebracht, als es ihm gelungen war, mit dem letzten Sprengpulver in den Tiefen Zarkhaduls eine ins Riesenhafte mutierte Kreatur zu töten, die nur noch wenig Ähnlichkeit mit einem Thir-Ailith gehabt hatte, von der jedoch die magische Kraft ausgegangen war, die die Zwergenleichname mit neuem Scheinleben erfüllt hatte. Was genau es damit auf sich hatte, begriff Thilus noch immer nicht. Auch Barlok selbst hatte ihm keine Erklärung bieten können, aber darauf kam es auch nicht an.
Das Ungeheuer war tot, zusammen mit den meisten Dunkelelben, und mit seinem Tod war auch seine Magie erloschen. Die Aufgabe des Kampftrupps war es nun, auch die letzten Thir-Ailith aufzuspüren und unschädlich zu machen, die sich noch in Zarkhadul verstecken mochten.
»Gehen wir weiter«, entschied Thilus.
Sie mussten nicht über die Treppe am Pfeiler in die Tiefe steigen, sondern konnten einen anderen, weitaus bequemeren Weg nehmen. Um diesen zu erreichen, mussten sie jedoch zunächst einmal ein Stück durch den Stollen zurückgehen, bis sie die Abzweigung erreichten, an der die übrigen Elben auf sie warteten. Insgesamt handelte es sich um fünf Elbenmagier sowie zwanzig zu ihrem Schutz abgestellte Krieger, Aliriel und Lhiuvan mit eingerechnet. Lhiuvan war es auch, der darauf bestanden hatte, dass die Zahl der Zwergenkrieger die der Elben nicht überstieg. Angesichts der ungewissen Zahl von Thir-Ailith, die sich noch in Zarkhadul aufhalten mochten, wäre Thilus lieber mit einem größeren Kampftrupp aufgebrochen, hatte sich der Forderung jedoch fügen müssen.
Zahlreiche Stollen und Treppen durchzogen jenseits der Höhlenwände den Berg und führten auch bis in die Stadt hinunter. Barlok hatte sie bei seiner Expedition nur deshalb nicht benutzt, weil er nicht stunden- oder womöglich gar tagelang nach dem richtigen Weg hatte suchen wollen. Jetzt aber war dieser nicht zu verfehlen, da er auf eine grauenvolle Art markiert war.
Zarkhadul hatte einst weit mehr als hunderttausend Bewohner gehabt, und längst nicht alle waren als Untote an der Schlacht beteiligt gewesen. Weitere zehntausende Mumienkrieger hatten sich noch auf dem Weg an die Oberfläche befunden, und nach dem Erlöschen der Dunkelelben-Magie waren auch sie überall dort zusammengebrochen, wo sie sich gerade befunden hatten. Dementsprechend lagen zahllose Zwergenleichen neben- und übereinander in den Stollen des Kalathun, laut Barlok bis hinab zu der Leichengrube, aus der sie herausgestiegen waren.
»Was ist geschehen?«, fragte Nariala, eine der Elbenmagierinnen, als Thilus an der Spitze der Zwerge in den Hauptstollen zurückkehrte. »Ihr seht nicht sonderlich glücklich aus. Habt Ihr nicht gefunden, was Ihr sehen wolltet?«
Im Gegensatz zu den Elbenkriegern, die - abgesehen von Königin Tharlia - jeden Zwerg duzten, befleißigten sich die Magier immerhin der ehrenvollen Anrede, die Thilus seinem Rang gemäß zustand. Überhaupt waren sie nicht nur höflicher, sie gaben sich vor allem erheblich weniger hochmütig. Trotz der gefährlichen Mission trugen sie weder Waffen noch irgendeine Panzerung, sondern waren in lange, helle Gewänder mit einem Gürtel um die Taille gekleidet.
»Doch«, brummte Thilus.
Nariala musterte ihn einen Moment scharf, dann ließ sie ihren Blick zu Aliriel und Lhiuvan wandern, die sich wieder zu den übrigen Elbenkriegern gesellt hatten und scheinbar unbekümmert mit ihnen schwatzten. Ein Schatten schien über ihr Gesicht zu gleiten, aber sie sagte nichts. Thilus vermutete, dass sie sich viel von dem zusammenreimen konnte, was geschehen war.
Zusammen mit Heldon und einigen weiteren Zwergen übernahm er die Spitze des Trupps. Dahinter folgten die von Elbenkriegern zu allen Seiten abgeschirmten Magier, und den Abschluss bildeten die übrigen Zwerge.
Es war eine schreckliche Wanderung. Glücklicherweise waren die Stollen die meiste Zeit über ziemlich breit, aber an manchen Stellen verengten sie sich so sehr, dass es trotz größter Vorsicht kaum möglich war, nicht auf die mumifizierten Zwergenleichen zu treten, die den Boden bedeckten. Einige Male musste Thilus sie sogar erst aus dem Weg räumen lassen, ehe an ein Durchkommen zu denken war, vor allem an solchen Stellen, an denen Felsbrocken aus der Decke herabgebrochen waren und zusätzliche Hindernisse darstellten.
Sobald es gelungen war, auch die letzten Dunkelelben zu töten, die sich noch in Zarkhadul verbergen mochten, und in den Minen keine Gefahr mehr drohte, würde es eine der ersten Aufgaben sein, den unzähligen Toten eine ehrenvolle, seit mehr als tausend Jahren überfällige Bestattung im Feuer zukommen zu lassen.
Der Stollen führte in langen Windungen beständig abwärts, teils mit sanfter Neigung, teils aber auch recht steil, und einige Passagen ließen sich nur dank in den Fels gehauener Stufen überwinden. Von Zeit zu Zeit durchzogen Risse und Schründe den Boden, die zwar sehr tief zu sein schienen, zum Glück jedoch nur schmal waren. Auch in den Wänden klafften an vielen Stellen unregelmäßig geformte Risse und Spalten. Immer wieder gelangten sie an Abzweigungen, manchmal in regelrechte Kammern, in denen mehrere Stollen zusammenliefen. Die meisten führten wohl zu den Schürfgebieten in den oberen Bergflanken und den Wänden des unterirdischen Talkessels, die offenbar längst noch nicht ausgebeutet waren.
Thilus schwindelte es bei dem Gedanken, dass die Schätze von Zarkhadul einst mehr als hunderttausend Zwergen üppigen Wohlstand beschert hatten. Sein eigenes Volk maß nur noch knapp ein Fünftel dieser Zahl, und er wagte sich kaum vorzustellen, welche ungeheuren Reichtümer es hier erwarten mochten, selbst wenn man bedachte, dass die untersten Minenstollen, durch die die Dunkelelben einen Zugang gefunden hatten, mit Sprengungen verschüttet worden waren.
Als sie nach Heldons Schätzung etwa zwei Drittel der Strecke hinab in den Talkessel hinter sich gebracht hatten, ordnete Thilus eine Rast an. Wie er kaum anders erwartet hatte, stieß seine Entscheidung auf scharfe Kritik bei den Elbenkriegern.
»Unnötige Zeitverschwendung. So dauert es nur noch länger, bis wir an die Oberfläche zurückkehren können«, murrte Lhiuvan und fügte mit hämischem Unterton hinzu: »Ich dachte, ihr Zwerge wärt so stark und ausdauernd, aber damit ist es wohl nicht annähernd so weit her, wie man sich früher einmal berichtet hat.«
»Vielleicht haben auch die Jahrtausende in der stickigen Luft unter den Bergen sie ihrer einstigen Kraft beraubt«, ergänzte Aliriel in nicht minder spöttischem Ton. »Ich kann mir ohnehin kaum vorstellen, wie ein Volk auf Dauer hier unten leben kann.«
Zornig schluckte Thilus eine Bemerkung darüber hinunter, dass es ja wohl das Volk der Elben war, das in seinem abgelegenen Tal in der unwirtlichen Einöde des Nordens nur noch vor sich hin siechte und auf den Tod wartete.
»Nicht nur uns Zwergen und verschiedenen anderen Völkern ist dies hervorragend gelungen«, sagte er mit mühsam erzwungener Ruhe, »sondern sogar die Abtrünnigen Eures eigenen Volkes, die Ihr einst in die Tiefe verbannt habt, haben sich so gut daran angepasst, dass sie mittlerweile offenbar mächtiger denn je sind.«
Die Elbin schnaubte verächtlich.
»Wegen des bisschen faulen Zaubers, mit dem sie euch in der Schlacht getäuscht haben, um euch vorzugaukeln, dass sie selbst gegen euch kämpfen würden? Dazu gehört nicht besonders viel.«
»Wir haben auch gegen die Thir-Ailith selbst gekämpft, und obwohl wir all unsere Macht aufgeboten haben, haben sie uns geradezu überrannt«, entgegnete Thilus. Je absurder die Vorwürfe wurden, desto leichter fiel es ihm, Ruhe zu bewahren. »Sie sind nicht nur die gefährlichsten Kämpfer, mit denen wir es jemals zu tun bekamen, ihr Volk muss zudem riesig sein. Sie griffen uns zu Tausenden an, zu Zehntausenden, und dabei handelte es sich bestimmt nicht um wieder zum Leben erweckte Zwerge oder andere Geschöpfe.«
»Es ist …«, ereiferte sich Aliriel, doch wurde sie von der Anführerin der Elbenmagier unterbrochen.
»Hört auf!«, befahl diese mit einer Schärfe in der Stimme, die Thilus der sonst so sanftmütig wirkenden Frau gar nicht zugetraut hätte. Ihre Augen schienen zu blitzen. Gleichzeitig verspürte er direkt in seinem Geist etwas wie einen Schlag, der für Sekunden ein unangenehm taubes Gefühl in seinem Kopf zurückließ.
Ungleich stärker traf es Aliriel und Lhiuvan. Beide stießen ein leises, gequältes Stöhnen aus, wurden blass und taumelten ein, zwei Schritte mit schmerzverzerrtem Gesicht zurück.
»Wir sind nicht hier, um untereinander zu streiten, sondern um gemeinsam gegen die Abtrünnigen in den Kampf zu ziehen«, fuhr Nariala mit immer noch scharfer Stimme fort. Das schadenfrohe Grinsen, das sich auf den Gesichtern einiger Zwerge auszubreiten begann, erlosch. »Niemand weiß, wie lange wir in den unterirdischen Katakomben werden suchen müssen, bis wir auch den letzten Thir-Ailith aufgespürt haben. Es nutzt nichts, wenn wir unser Ziel schon erschöpft erreichen, deshalb ist eine Rast durchaus sinnvoll.«
Keiner der Elben wagte mehr zu widersprechen. Im Gegensatz zu den Zwergen ließen sich allerdings nur wenige von ihnen auf dem Boden nieder. Während er einige Streifen des getrockneten Fleischs aus seinem Marschproviant aß, beobachtete Thilus Aliriel, die zusammen mit Lhiuvan ein Stück abseits stand. Der extreme Gegensatz zwischen ihrem Äußeren und dem, was sie dachte und wie sie auftrat, war ein Widerspruch, den er für sich selbst immer noch nicht aufzulösen vermochte. Er konnte einfach nicht begreifen, wie sich hinter einem so liebreizenden Gesicht solch ein Hochmut, solch eine Arroganz und Überheblichkeit verbergen konnten. Aber das galt nicht allein für sie, sondern im Grunde für alle Elben.
Schon seit Jahrtausenden hatte es keine Kontakte zwischen Zwergen und Elben mehr gegeben. Ihre Völker waren nicht miteinander verfeindet, aber man konnte auch nicht von Freundschaft sprechen. Die Elben waren das älteste bekannte Volk, und früher hatten sie sich als Lehrer und Ziehväter der jüngeren Völker verstanden, eine an sich noble Rolle, doch hatten sie sich nicht damit begnügt, ein wenig Hilfestellung zu leisten, sondern hatten die Entwicklung in ihrem Sinne beeinflussen wollen. So waren Konflikte abzusehen gewesen, als die Zwerge - genau wie viele andere Völker - irgendwann ihren eigenen Weg zu suchen begannen und sich nicht länger von den Elben hatten gängeln lassen. Das jedoch hatten sie ihnen in ihrer Überheblichkeit niemals verziehen, wodurch es zu einem Bruch zwischen den Völkern gekommen war.
Ungeachtet dessen hatte das gesamte Zwergenvolk in seiner Not trotzdem große Hoffnungen auf Kampfführer Warlon gesetzt, der mit einem Expeditionstrupp ausgezogen war, um die Elben zu finden und um Hilfe gegen die Abtrünnigen ihres Volkes zu bitten, die Thir-Ailith, die nach einem schrecklichen Krieg vor Äonen von ihnen in unterirdische Höhlen tief unter dem Schattengebirge verbannt worden waren. Auch Thilus hatte gehofft, sie würden ein mächtiges Heer zur Unterstützung entsenden, doch ihre gesamte Hilfe bestand aus zwanzig Elbenmagiern und fünfzig Kriegern, Männern und Frauen gleichermaßen, was bei den Zwergen undenkbar gewesen wäre. Es fiel ihm immer noch schwer, die Kriegerinnen als vollwertig zu betrachten, aber während der Schlacht an den Hängen des Kalathun hatten sie bewiesen, dass sie ihren Brüdern an Kampfkraft und Entschlossenheit in nichts nachstanden.
Und auch die Magier hatten bereits gezeigt, über welch ungeheuerliche Macht sie verfügten, als sie während der Schlacht den Zauber der Thir-Ailith zerstört und das Heer der Zwerge hatten erkennen lassen, dass es sich bei den angreifenden Horden nicht um Dunkelelben, sondern um die durch finstere Magie zu untotem Leben erweckten früheren Bewohner Zarkhaduls gehandelt hatte. Zehntausende mumifizierte Leichen, nur zu dem einen Zweck wiedererweckt, das vor dem Kalathun aufgezogene Heer der Zwerge zu vernichten.
Aber obwohl die Elben mächtige Verbündete darstellten und die Zwerge derzeit jede Unterstützung dringend benötigten, war sich Thilus nach den Erfahrungen, die er mittlerweile mit ihnen gemacht hatte, nicht mehr sicher, ob er wirklich froh sein sollte, dass Warlons Expedition Erfolg gehabt hatte. Er hatte gehofft, dass zumindest die Spannungen zwischen ihren Völkern abnehmen würden, wenn sie sich erst einmal besser kennen lernten, doch was er in den vergangenen Stunden erlebt hatte, ließ ihn eher das Gegenteil fürchten, zumindest, was die Elbenkrieger betraf.
Anderseits würde auch ihre Macht und die der Magier nicht ausreichen, um Elan-Dhor zurückzuerobern und die Thir-Ailith zurück in ihr unterirdisches Reich zu treiben, dafür waren sie zu wenige. So prachtvoll Zarkhadul auch sein mochte, es widerstrebte Thilus zutiefst, mit seinem gesamten Volk hierher umzusiedeln und seine alte Heimat auf Dauer den Dunkelelben zu überlassen.
Sie rasteten nur wenige Minuten lang, dann gab er das Zeichen zum Aufbruch. Angesichts der herrschenden Spannungen und der mumifizierten Leichen war eine richtige Erholung ohnehin nicht möglich.
Weiter drangen sie in die Tiefe vor, wobei sein Blick immer wieder zu den aufwändigen Fresken glitt, die an vielen Stellen die Wände bedeckten. Gerne hätte er die kunstvollen Arbeiten genauer betrachtet und musste sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass sie sich auf keiner harmlosen Expedition, sondern einem Kampfeinsatz auf feindlichem Territorium befanden, auch wenn die Harmlosigkeit, mit der alles bislang verlaufen war, leicht über die Gefahr hinwegtäuschen mochte.
Der Weg schraubte sich in einigen sehr engen Kehren in die Tiefe, dann erreichten sie ein langes, ebenes Stück mit zahlreichen Abzweigungen.
»Ich spüre etwas«, hörte Thilus Nariala hinter sich murmeln. »Da ist … Passt auf!«
Die letzten Worte schrie sie mit überschnappender Stimme. Die Elbenkrieger reagierten wesentlich schneller als die Zwerge, wirbelten herum und bildeten mit ihren kampfbereit erhobenen Schwertern einen doppelreihigen, stählernen Wall um die Magier.
Aber so schnell sie auch waren, es reichte nicht. Thilus sah, wie einem Krieger von einer unsichtbaren Klinge der Kopf abgeschlagen wurde. Gleichzeitig traf zu seinem Entsetzen ein mit furchtbarer Wucht geführter Hieb Aliriel und spaltete ihren Schädel bis hinab zur Brust. Blut schoss aus der schrecklichen Wunde und besudelte den neben ihr stehenden Lhiuvan.
Als dieser begriff, was geschehen war, stieß er einen fassungslosen, von Schmerz und Wut erfüllten Schrei aus und fing die bereits tote Elbenkriegerin auf, als sie zu Boden stürzte, während um ihn herum das Töten weiterging.
2
DAS BITTERE ERBE DES SIEGES
»Wenn dieser verdammte Heiler mich noch einmal anfasst, hacke ich ihm die Hände ab!«, grollte Barlok grimmig, als Salos das Zelt verlassen hatte. Er richtete sich auf und schwang die Beine von der Pritsche. Dann hob er seine bis hinauf zu den Schultern bandagierten Arme, betrachtete sie einen Moment lang kopfschüttelnd und mit einem fast verzweifelten Gesichtsausdruck, dann streckte er sie Warlon entgegen. »Aber bei den Dämonen der Unterwelt, damit kann ich noch nicht mal ein Schwert oder eine Axt festhalten, geschweige denn führen.«
»Es gibt andere, die dies an deiner Stelle erledigen können. Du kannst nicht alles selbst tun«, antwortete Warlon. Mit sanfter Gewalt drückte er den Kriegsmeister auf die Pritsche zurück. Nicht nur dessen Arme, sondern auch seine Beine und sogar ein Teil seines Kopfes waren von Verbänden bedeckt. Überall, wo seine Haut ungeschützt gewesen war, als der Feuerball der Explosion ihn erfasst hatte, hatte er schwere Verbrennungen erlitten. Auch der unter seinem Helm hervorquellende Teil seines Haares war zu Asche verbrannt, lediglich sein Bart, der durch seinen Körper verdeckt gewesen war, war zu seiner großen Erleichterung nahezu unversehrt geblieben. »Man hat dich bereits für tot gehalten, und nach allem, was ich bislang gehört habe, ist es fast ein Wunder, dass du noch lebst.«
»Pah, du weißt doch, Steinläuse vergehen nicht so schnell. Ich kenne mich mittlerweile in Zarkhadul besser aus als jeder andere, und deshalb hätte ich den Kampftrupp befehligen sollen.«
Erneut wollte er sich aufsetzen, und ein weiteres Mal drückte Warlon ihn zurück.
»Du hast genug Ruhm und Ehre für drei Leben angesammelt. Noch in tausend Jahren wird man Heldenlieder über deine Expedition nach Zarkhadul singen und darüber, dass es dir gelungen ist, einen Weg in die Mine zu finden und die Thir-Ailith fast im Alleingang ihrer größten Macht zu berauben. Nun ist es für dich erst einmal an der Zeit, etwas zurückzutreten und dich zu erholen. Was jetzt noch zu erledigen ist, können andere tun. Thilus ist ein guter Mann, und Heldon kennt sich in Zarkhadul fast ebenso gut aus wie du.«
»Ich weiß«, brummte Barlok. »Aber trotzdem … Ich habe diese Angelegenheit begonnen, und ich will sie auch zu Ende führen. Es ist nicht meine Art, mich faul zurückzulehnen und andere die Arbeit tun zu lassen.«
»Faul zurücklehnen, so ein Unsinn! Du erholst dich von schweren Verletzungen, die du dir im Kampf zugezogen hast.«
»Nur ein paar Verbrennungen.«
»Die dennoch erst heilen müssen. Sei vernünftig, du würdest auch keinen verwundeten Mann für einen Einsatz auswählen.«
»Das ist nicht einfach nur ein Einsatz, und es geht mir auch nicht um Ruhm und Ehre.« Barloks Augen verengten sich. »Ich will unbedingt mithelfen, diese Kreaturen auszurotten, als Rache für alles, was sie unserem Volk angetan haben!«
Der flammende Hass, der aus seinen Worten sprach, erschreckte Warlon ein wenig, obwohl er ihn verstehen konnte. Er war nicht dabei gewesen, als die Thir-Ailith Elan-Dhor erobert hatten, und er hatte nur kurz die ausgemergelten Gestalten gesehen, die von den Dunkelelben in Zarkhadul wie Schlachtvieh regelrecht gezüchtet worden waren; Zwerge, die nichts von der glorreichen Vergangenheit ihres Volkes wussten und das Wort Freiheit nicht einmal kannten, weil sie von Geburt an nur in einer Höhle eingepfercht gewesen waren und diese nur auf Befehl der Dunkelelben verlassen hätten, um von diesen getötet zu werden.
Schon die bloße Vorstellung entsetzte Warlon bis ins Mark, und er konnte den Hass seines väterlichen Freundes gut nachvollziehen, da Barlok die bemitleidenswerten Wesen befreit und näher kennen gelernt hatte.
»Sie werden ihre gerechte Strafe erhalten«, behauptete er. »Die meisten hast du ohnehin selbst getötet, und Thilus wird dafür sorgen, dass nicht einer von ihnen seinem Schicksal entgeht. Wenn das deinen Rachedurst noch nicht abkühlt, warten in Elan-Dhor noch genügend von diesen Ungeheuern auf dich.«
»Die werden wir uns auch noch vornehmen!« Barlok schnaubte. »Aber jetzt brauche ich erst einmal ein paar große Humpen Bier, das ist die beste Medizin, die ich kenne. Und du hast dir zumindest einen kleinen verdient.«
»Ich werde dir einen Krug holen und …«
»Unsinn!«, polterte Barlok. »Hör endlich auf, mich wie ein Kind zu behandeln! Es gibt keinen Grund, warum ich hier herumliegen soll, wenigstens meine Füße sind völlig gesund. Ich denke gar nicht daran, mir die gesamte Siegesfeier entgehen zu lassen.«
Wieder setzte er sich auf und schwang die Beine von der Pritsche. Diesmal ließ Warlon ihn gewähren. Barlok verharrte kurz, erst dann erhob er sich ganz. Einen Moment lang war er etwas wackelig auf den Beinen, aber das gab sich bereits nach wenigen Sekunden.
Gemeinsam verließen sie das kleine Zelt, das man seinem hohen Rang gemäß ihm allein zugeteilt hatte, statt ihn zu den anderen Verwundeten in die großen Mannschaftszelte zu legen. Kaum ein Zwergenkrieger hatte die erst wenige Stunden zurückliegende Schlacht ohne Blessuren überstanden, und viele waren mehr oder weniger schwer verletzt worden. So viele, dass selbst die zahlreichen Zelte nicht ausreichten, sie alle aufzunehmen, sodass die weniger schlimmen Fälle von den Heilern unter freiem Himmel versorgt werden mussten.
Die Schlacht war ihnen unter enormem Zeitdruck aufgezwungen worden, nur durch tagelange Gewaltmärsche hatte das Heer den Kalathun überhaupt noch rechtzeitig erreichen können, um einen Ausbruch der Dunkelelben zu verhindern. Für die Errichtung befestigter Stellungen oder auch nur eines richtigen Feldlagers war keine Zeit geblieben. Alles war lediglich improvisiert, und ein Teil der Zelte und der sonstigen Ausrüstung wie Arzneien, Verbände und Lebensmittel stammte sogar aus dem Tross der lartronischen Armee. Der kleine Anfang einer Wiedergutmachung dafür, dass die Menschen unter der Führung des ruhmsüchtigen Vizegenerals Nagaron in blinder Verkennung der tatsächlichen Gefahr zunächst das Zwergenheer angegriffen hatten, wie Warlon erst später zu seinem Schrecken erfahren hatte.
Obwohl Zwerge und Menschen anschließend in der Schlacht gegen die untoten Mumienkrieger Seite an Seite gekämpft hatten, war dieser Vorfall, der fast zweihundert Zwerge das Leben gekostet hatte, noch längst nicht vergessen. Entsprechend wurde auch auf den Sieg nicht gemeinsam angestoßen, aber zumindest von den Zwergen wurde er auf jeden Fall gefeiert, und das - wie es ihrer Art entsprach - laut und ausgiebig. Bis der Felsen barst, wie eine Redewendung besagte.
Schließlich gab es auch allen Grund dazu.
Sie hatten nicht nur eine Schlacht gewonnen und einen Ausbruch der Dunkelelben aus dem Kalathun verhindert, sie standen auch im Begriff, Zarkhadul zurückzuerobern; eine Mine, deren Reichtum legendär war und ihrem ganzen Volk neuen Wohlstand bringen würde. Mehr als ein Zwerg mochte schon von ungeheuren Schätzen träumen, die dort herumlagen und nur darauf warteten, dass jemand kam und die Hand danach ausstreckte.
Schon von weitem hallte ihnen lautes Lachen und Singen entgegen. Der Kampf hatte zahlreiche Opfer gefordert, und die meisten Krieger hatten mindestens einen Freund oder Verwandten verloren, aber daran wollte jetzt niemand denken. Diejenigen, die die Schlacht auch nur halbwegs unbeschadet überstanden hatten, feierten nicht allein den Sieg, sondern auch die Tatsache, dass sie selbst noch am Leben waren.
Als man Barlok und Warlon erblickte, waren sie binnen kürzester Zeit von einer Schar Krieger umringt, die sie mit Fragen bombardierten. Was sich in den vergangenen Tagen in Zarkhadul zugetragen hatte, hatte durch Barloks Begleiter bereits die Runde gemacht. Lediglich von dem monströsen Thir-Ailith-Ungeheuer hatte er nicht einmal ihnen erzählt. Außer der Königin, den Elben und dem Kampftrupp, der zurzeit in den Minen unterwegs war, wussten nur wenige Eingeweihte davon. Niemand konnte sich bislang einen Reim darauf machen, was es mit dieser Kreatur auf sich hatte, und solange sich das nicht änderte, war es wohl das Beste, darüber Stillschweigen zu bewahren.
Dementsprechend galten die meisten Fragen weniger den Thir-Ailith, die zumindest in Zarkhadul bereits als so gut wie besiegt angesehen wurden, sondern der Mine selbst. Schon in früheren Zeiten war sie ob ihrer Pracht und ihres Reichtums von Legenden umrankt gewesen, und das Jahrtausend, in dem sie von der Außenwelt abgeschnitten gewesen war, hatte dies noch verstärkt.
Nachdem man ihm genau wie Warlon einen Bierkrug in die Hand gedrückt hatte und sie ein paar kräftige Schlucke getrunken hatten, begann Barlok zu erzählen, doch wie es seine Art war, hielt er sich äußerst knapp. Schon bald erkannte die wachsende Schar der Zuhörer, dass sie zu ihrem Leidwesen von ihm nichts erfahren würde, was sich nicht ohnehin schon herumgesprochen hatte.
Als schließlich einer von ihnen ganz offen nach Schätzen fragte, brach Barlok in brüllendes Gelächter aus.
»Ihr seid verrückt!«, stieß er hervor, als er sich wieder beruhigt hatte. »Was habt ihr bloß für Vorstellungen? Wir wurden von den Thir-Ailith gejagt! Glaubt ihr, da hätten wir nichts Besseres zu tun gehabt, als nach irgendwelchen verborgenen Reichtümern zu suchen? Sobald auch die letzten Dunkelelben in Zarkhadul besiegt worden sind, könnt ihr euch ja selbst auf Schatzsuche begeben, aber jetzt verschont mich mit diesem Unsinn. Bringt mir lieber ein frisches Bier! Ich bin hier, um zu trinken und zu feiern.«
Jemand reichte ihm einen neuen Krug, während sich das Interesse auf Warlon verlagerte. Seine Expedition zu den Elben hatte ihn und seine Begleiter weiter weg vom Schattengebirge geführt als jeden anderen lebenden Zwerg, bis hin zu den eisigen Einöden hoch im Norden. Dennoch betrafen nur wenige Fragen die Reise selbst und die Länder, die er durchquert hatte. Was außerhalb ihrer Hallen geschah und sie nicht unmittelbar betraf, war für die meisten Zwerge nur von geringem Interesse. Stoff für spannende Geschichten, die man sich an einem prasselnden Kaminfeuer erzählte, aber nichts, was wirklich wichtig war.
Und im Moment gab es eine Menge wesentlich Interessanteres und Wichtigeres. Vor allem über die Elben, ihre Eigenarten und Fähigkeiten, und darüber, in welchem Umfang sie Hilfe zu leisten in der Lage wären, prasselten zahlreiche Fragen auf Warlon ein.
Auf viele davon vermochte auch Warlon keine Antworten zu geben, sondern wünschte sich selbst, diese zu kennen. Er und seine Begleiter hatten sich nur einen Tag lang im goldenen Tal aufgehalten und nur mit wenigen Elben gesprochen. Während der gesamten Rückreise mit dem Schiff schließlich war ihnen so schlecht gewesen, dass an eine Unterhaltung ebenfalls nicht zu denken gewesen war. Zwerge und eine größere Menge Wasser, als in eine Trinkflasche passte, das vertrug sich nun einmal nicht miteinander. Schon gar nicht bei einer Reise auf einem schwankenden Schiff über einen sich in alle Richtungen endlos erstreckenden Ozean, gegen den selbst das gewaltige Tiefenmeer zu einem kleinen Tümpel verblasste. Es schauderte Warlon immer wieder, wenn er nur daran dachte, dass viele Menschen und auch Elben sich freiwillig ins Wasser begaben und ihren gesamten Körper damit abrieben. Manche Völker hatten eben überaus bizarre Gebräuche.
Nach einiger Zeit entdeckte er ein Stück entfernt Malcorion, der zusammen mit Lokin etwas abseits von den übrigen Zwergen zusammenstand. Ailin war zu seinem Leidwesen nirgendwo zu sehen. Trotzdem ließ er alle weiteren Fragen an sich abprallen und ging zusammen mit Barlok zu den beiden hinüber.
»Ich möchte dir noch einmal für deine Hilfe danken«, wandte er sich an den Waldläufer. »Ohne dich hätten wir es niemals geschafft.«
»Das habt ihr auch jetzt noch nicht«, entgegnete der Waldläufer ruhig.
Verwirrt blickte Warlon ihn an, und auch auf Lokins Gesicht erschien ein fragender Ausdruck.
»Jedenfalls nicht, wenn all das stimmt, was ihr mir erzählt habt«, fuhr Malcorion fort. »Ihr habt euch von den Elben Hilfe bei der Verteidigung eurer Stadt erhofft, doch nun stellt sich heraus, dass sie bereits gefallen ist, noch bevor ihr mich überhaupt erreicht habt und wir uns auf den Weg in den hohen Norden gemacht haben. Dafür scheint es euch jetzt zu gelingen, Zarkhadul aus der Gewalt der Dunkelelben zu befreien. Die Frage ist, ob euch das reicht, ob ihr euch dort niederlassen und Elan-Dhor aufgeben wollt.«
»Elan-Dhor aufgeben!«, schnaubte Barlok. »Niemals! So prachtvoll Zarkhadul auch sein mag, und so große Reichtümer noch in den Minen ruhen mögen, Elan-Dhor ist unsere Heimat. Ich werde mich nie damit abfinden, es in der Hand dieser Bestien zu belassen.«
»Das wollte ich hören.« Malcorion rang sich ein knappes Lächeln ab. »Sonst hätte ich auch nicht gewusst, was ich noch hier soll.«
»Wie meinst …«
»Ich habe eingewilligt, euch zu den Elben zu führen, weil diese Thir-Ailith mir alles genommen haben, was mir etwas bedeutete«, fiel der Waldläufer Warlon ins Wort. »Ich wollte mich an diesen Bestien für den Tod meiner Frau und meiner Kinder rächen.« Während er sprach, verzerrte sich sein Gesicht immer mehr vor Hass. »Diese Kreaturen sollen für die grausamen Morde büßen, nicht nur das Ungeheuer, das meine Familie abgeschlachtet hat, sondern ihr ganzes Volk, damit von ihnen nie wieder eine Gefahr ausgeht und sie nie wieder solche Untaten verüben können. Und diese Rache will ich immer noch, nur deshalb bin ich noch hier. Ich will gegen diese Ungeheuer kämpfen, aber wenn euer Volk sich mit der Eroberung Zarkhaduls zufriedengeben sollte, habe ich hier nichts mehr verloren.«
Er biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefermuskeln hervortraten. Seine Augen schienen unter einem inneren Feuer zu glühen.
Einige Sekunden herrschte betroffenes Schweigen, dann begann Barlok plötzlich grölend zu lachen.
»Der Mann ist nach meinem Geschmack!«, stieß er hervor und schlug Malcorion mit der Hand auf den Rücken, dann wurde er schlagartig wieder ernst. »Was du sagst, ist genau das, was ich denke. Elan-Dhor ist meine Heimat und wird es auch immer bleiben. Unser Volk würde jegliche Selbstachtung verlieren, wenn wir uns mit diesem Verlust abfinden würden, ohne wenigstens zu versuchen, es zurückzuerobern. Und solange die Thir-Ailith existieren, würde zudem ständig die Bedrohung auf uns lasten, dass sie womöglich doch noch einen Weg ins Freie finden. Aber ich bin lediglich ein Krieger und habe bei Fragen von solcher Bedeutung nicht zu entscheiden.«
»Gut gesprochen«, erwiderte Malcorion. Seine Gesichtszüge entspannten sich, und er begann ebenfalls zu lächeln. »Aber versuch mir nicht weiszumachen, dass du bei Fragen wie diesen nichts zu entscheiden hättest. Während unserer langen Reise hat mir Warlon viel über dich erzählt. Dein Wort gilt eine Menge bei eurem Volk, selbst Königin Tharlia wird deinen Rat nicht leichtfertig abtun, sie ist eine sehr kluge Frau. Und dass du in dieser Angelegenheit so wie ich denkst, genügt mir für den Moment.«
»Darauf kannst du Glühmoos essen«, bekräftigte Barlok noch einmal. »Ich für meinen Teil jedenfalls werde nicht eher ruhen, bis auch das letzte dieser Ungeheuer vernichtet ist, das schwöre ich bei meinem Barte.«
Warlon runzelte die Stirn. Er konnte Malcorions Verlangen nach Rache für die Ermordung seiner Familie gut verstehen, aber Barloks Fanatismus erschreckte ihn ein wenig. Sicher, auch er wünschte sich, nach Elan-Dhor zurückkehren zu können, und auch er war noch immer fassungslos über die Grausamkeit, mit der die Thir-Ailith in Zarkhadul Zwerge wie Schlachtvieh gemästet hatten, ganz abgesehen von den zahllosen Toten, die die Schlachten und kleineren Scharmützel mit den Dunkelelben sein Volk gekostet hatten.
Barloks Hass hingegen schien so persönlich und tief zu sitzen, dass er nicht nur aller Vernunft widersprach, sondern auch jedes nachvollziehbare Maß überstieg. Er sprach nicht einmal mehr vom Töten, sondern davon, die Dunkelelben zu vernichten, als wären es Dinge, keine Lebewesen.
Außerdem bestand nach allem, was Warlon seit seiner Rückkehr gehört hatte, keine auch nur annähernd realistische Aussicht auf einen militärischen Sieg über die Thir-Ailith, auch nicht mit Hilfe der Elben oder des lartronischen Heeres. Die Rückeroberung Elan-Dhors mochte ein schöner Traum sein, mehr aber auch nicht, jedenfalls nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Kommenden Generationen mochte dies einst gelingen, doch derzeit war jedes Wort darüber nur leeres Gerede.
Warlon kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, weil in diesem Moment ein gellender Schrei durch die Nacht hallte und sogar den Lärm der Feiernden übertönte.
»Das war Königin Tharlia!«, keuchte Warlon erschrocken, während er bereits herumfuhr und losrannte.
Nachdem sie den beiden vor ihrem Zelt stehenden Wachposten den Befehl erteilt hatte, sie nur in wirklich dringenden Fällen zu stören, und auch Loina, ihre Leibdienerin, mit einer Handbewegung hinausgescheucht hatte, ließ Tharlia mit einem erleichterten Seufzen den Vorhang vor dem Eingang herabfallen und genoss für einige Sekunden die Stille um sich herum. Natürlich war es nicht richtig still, nicht inmitten eines Lagers mit tausenden Kriegern, die ihren Sieg in der Schlacht feierten, aber der dicke Stoff aus Luanen-Fell dämpfte alle Geräusche immerhin erheblich.
Schließlich ließ sie sich auf einem Sitzkissen nieder, goss aus einem bereitstehenden Krug etwas Wein in einen Becher und trank in langsamen, kleinen Schlucken. Beinahe augenblicklich begann sie die Wirkung des schweren Weins zu spüren, vor allem, da sie den ganzen Tag über kaum dazu gekommen war, etwas zu essen, und sie verzichtete darauf, sich noch einmal nachzuschenken, nachdem sie den Becher geleert hatte.
Auch hatte sie in der vergangenen Nacht kaum Schlaf gefunden, da niemand mit Sicherheit hatte vorhersagen können, wann es den Dunkelelben gelingen würde, die letzten vor dem Ausgang aus Zarkhadul errichteten Barrieren zu durchbrechen. Bei Sonnenaufgang war es schließlich geschehen, und die viele Stunden tobende Schlacht hatte begonnen, doch hatte Tharlia nicht nur deren Verlauf bangend verfolgt, sondern gleichzeitig noch Verhandlungen mit General Nagaron geführt, dem Befehlshaber der lartronischen Armee, deren rund zehntausend Soldaten anschließend an der Seite der Zwerge gekämpft hatten. Mit der im Augenblick höchster Not eingetroffenen Abordnung der Elben, durch die die Schlacht schließlich ein siegreiches Ende gefunden hatte, hatten sich weitere Verhandlungen angeschlossen. Hauptsächlich hatte es sich um bloßes Höflichkeitsgerede gehandelt, ein vorsichtiges Abtasten zwischen zwei Völkern, die seit Jahrtausenden kaum noch Kontakt zueinander gehabt hatten, wodurch ihre gegenseitige Sichtweise verzerrt worden war und der Entstehung von Vorurteilen Vorschub geleistet hatte.
Auch die Schilderungen von Warlon und seinen Begleitern über ihre erfolgreiche Reise bis zum goldenen Tal der Elben hatte sie sich angehört, und zuletzt natürlich auch Barloks Bericht über den Vorstoß des von ihm befehligten Kriegertrupps in die Tiefen des schon vor langer Zeit von den Dunkelelben eroberten Zarkhadul, der es den grauenvollen Kreaturen überhaupt erst ermöglicht hatte, an die Erdoberfläche zu gelangen.
Alles in allem war es ein nicht nur überaus ereignisreicher, sondern vor allem auch sehr langer und anstrengender Tag gewesen, und entsprechend erschöpft fühlte sich Tharlia. Sie hätte nichts lieber getan, als sich hinzulegen und ihrem Körper und Geist so viel Schlaf zu gönnen, wie sie benötigten, bis sie von selbst wieder aufwachte, aber daran war vorläufig noch nicht zu denken. Obwohl es höchstens noch zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang dauern würde, war der Tag für sie noch längst nicht zu Ende, und sie würde sich höchstens eine kurze Ruhepause gönnen können.
Weitere Beratungen würden nötig sein, um wenigstens das Vorgehen für den nächsten Tag festzulegen, zudem wartete sie schon auf Nachricht von der gemeinsamen Expedition aus Elben und Zwergen unter der Führung von Thilus, die in den Tiefen von Zarkhadul Jagd auf eventuell noch dort verborgene Thir-Ailith machte.
Thilus …
Tharlia war auf ihn aufmerksam geworden, als er in einem besonders heldenhaften Alleingang einen Ausbruch der Dunkelelben aus Elan-Dhor verhindert hatte. Seine besonnene, aber dennoch bestimmte Art gefiel ihr, und in den zurückliegenden Wochen hatte sie ihm immer bedeutsamere Aufträge anvertraut, die er zu ihrer vollen Zufriedenheit erledigt hatte, weshalb sie große Stücke auf ihn hielt. Darüber hinaus …
Sie verdrängte die Gedanken an den Krieger und schloss die Augen. Den größten Teil ihrer ehemaligen Fähigkeiten als Hohepriesterin der Göttin Li’thil hatte sie mit ihrer Krönung und dem damit verbundenen Ausschluss aus dem Orden verloren. Dennoch fiel es ihr gewöhnlich auch jetzt noch leicht, sich in Trance zu versetzen, da es sich weniger um eine von der Göttin verliehene Fähigkeit als hauptsächlich um eine erlernte Form besonderer Entspannung handelte, die ihr neue Kräfte verlieh und viele Stunden Schlaf zu ersetzen vermochte.
Gerade diese Entspannung jedoch fiel ihr heute schwer. Zu viel war an diesem Tag passiert, zu viele Gedanken schossen ihr durch den Kopf, und zu viele Fragen quälten sie.
Ursprünglich hatte sie die Königswürde hauptsächlich aus eigensüchtigen Motiven angestrebt. Sicher, König Burian war korrupt und unfähig gewesen, und unter seiner Regentschaft war es mit dem Zwergenvolk immer weiter bergab gegangen. Spätestens nach seinen katastrophalen Fehlentscheidungen, wie der Bedrohung durch die Dunkelelben zu begegnen wäre, war er unmöglich noch länger tragbar gewesen, oder ihr Volk wäre dem Untergang geweiht gewesen. Nach ihren Erfahrungen an der Spitze des Priesterinnenordens hatte Tharlia sich durchaus zugetraut, eine weit bessere Regentin zu sein, doch in erster Linie war es ihr um den immensen Zugewinn von Macht, Bedeutung und Ansehen gegangen, der mit der Erlangung der Königswürde einherging. Die Gefahr durch die fremden Kreaturen aus der Tiefe war ihr gerade recht gekommen, und mit geschickten Winkelzügen hatte sie die übrigen Angehörigen des Hohen Rates auf ihre Seite gebracht, deren Unterstützung notwendig gewesen war, um Burian vom Thron zu stürzen und an seine Stelle zu treten.
Zwar hatte sie ihr Ziel erreicht, aber ihr war keine Zeit geblieben, sich ihres Erfolgs zu freuen. Auch sie hatte die Gefahr durch die Dunkelelben unterschätzt, und nach der Schlacht am Tiefenmeer, die sie trotz Aufbietung aller Streitkräfte und der Unterstützung durch die Goblins verloren hatten, war ihr nichts anderes geblieben, als Elan-Dhor aufzugeben und ihr Volk in eine ungewisse Zukunft an der Oberfläche zu führen. Obwohl es der einzige Weg gewesen war, es vor der völligen Ausrottung zu bewahren, hatte diese Entscheidung ihr viel Feindschaft eingebracht, vor allem innerhalb der weitgehend ihrer Existenz beraubten Arbeiterkaste, zumal neue Gefahren durch die von Misstrauen, Fremdenfeindlichkeit und Fanatismus verblendeten Menschen sie an der Oberfläche erwartet hatten.
Die Wiederentdeckung und Rückeroberung des für immer verloren geglaubten Zarkhadul würde ihre Kritiker für einige Zeit zum Verstummen bringen und ihrem Volk eine neue Heimat in der Tiefenwelt bieten, aber sie hatten mit vielen Leben dafür bezahlt. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit hatte Tharlia ihr Volk in eine schreckliche Schlacht mit vielen Opfern führen müssen. Auch die Nachricht vom Sieg würde den Hinterbliebenen der Gefallenen nur wenig Trost bieten.
Mühsam verdrängte Tharlia auch diese Gedanken und zwang sich, alle weiteren an sich vorbeiziehen zu lassen, ohne sie zu beachten. Dennoch gelang es ihr immer noch nicht, den wohligen Zustand völliger Entspannung und Leere in ihrem Geist zu erzeugen, den herzustellen ihr sonst so leicht fiel.
Irgendetwas störte sie und lenkte sie ab, ein Einfluss von außen, und als sie endlich erkannte, worum es sich handelte, war es fast schon zu spät. Sie fuhr herum, und im gleichen Moment zerteilte der Hieb einer unsichtbaren Schwertklinge mit einem leisen, reißenden Geräusch den Stoff an der Rückfront des Zeltes von oben nach unten. Die fremde Aura, die sie bislang nur vage und schwach wahrgenommen hatte, wurde schlagartig stärker.
Noch bevor sie ihre Schrecksekunde ganz überwunden hatte, griff Tharlia bereits instinktiv auf den winzigen Rest der ihr noch verbliebenen Magie der Priesterinnen zurück. Scheinbar aus dem Nichts wurde plötzlich eine hochgewachsene Gestalt sichtbar, die als schemenhafter Schatten durch die Öffnung sprang.
Tharlia schrie gellend auf und warf sich zur Seite, kaum eine Sekunde, bevor die Schwertklinge dort niederzuckte, wo sie gerade noch gesessen hatte, und das Sitzkissen aufschlitzte. Die Füllung aus Luanen-Wolle quoll heraus.
Tharlia rollte sich über den Boden unter einem Tisch hindurch und hoffte, von dort aus den Ausgang erreichen zu können, doch mit wenigen blitzschnellen Schritten versperrte der Dunkelelb ihr den Weg. Mühelos schleuderte er den Tisch zur Seite.
Erst jetzt wurde der Vorhang vor dem Eingang aufgerissen, und die durch ihren Schrei alarmierten Wachposten kamen hereingestürmt. Mit einem zornigen Fauchen fuhr der Dunkelelb herum und ließ sein Schwert durch die Luft sausen. Selbst die beiden trainierten Elitekrieger hätten nicht schnell genug reagieren können, und der Hieb hätte beiden den Kopf von den Schultern getrennt, wenn sie nicht ihre Streitäxte bereits kampfbereit in den Händen gehalten hätten. So jedoch gelang es einem von ihnen, die Klinge mit dem stählernen Stiel seiner Axt abzuwehren, während der andere mit seiner Waffe nach dem Thir-Ailith schlug.
Nahezu mühelos wich dieser zur Seite aus.
Obwohl sie sie meisterhaft zu führen verstanden, hatten die beiden Zwergenkrieger mit ihren schweren Äxten keine Chance gegen den schnellen und ungeheuer wendigen Dunkelelben, das hatten bereits frühere Kämpfe gezeigt. Auch war nicht daran zu denken, die Äxte abzulegen und stattdessen die Schwerter zu ziehen, da jede noch so kurze Ablenkung vermutlich den sofortigen Tod der Krieger bedeutet hätte. Obwohl der Kampf erst Sekunden dauerte und sie zu zweit waren, kamen sie überhaupt nicht mehr dazu, ihrerseits einen Angriff zu starten, sondern konnten sich nur mit Mühe der auf sie einprasselnden Hiebe erwehren. Dennoch kämpften sie mit Todesverachtung weiter, um ihre Königin zu schützen.
Tharlia wich zurück und warf rasch einen Blick zu dem Riss im hinteren Teil des Zeltes, durch den der Dunkelelb eingedrungen war. Es wäre jetzt leicht für sie gewesen, auf diesem Weg zu fliehen, doch hätte sie die beiden Krieger damit dem sicheren Tod ausgeliefert. Es waren allein ihre Fähigkeiten, die den Unsichtbarkeitszauber der Kreatur teilweise aufhoben und sie schemenhaft sichtbar machten. Ohne diese Unterstützung würden die Krieger von dem Unsichtbaren augenblicklich niedergemacht werden.
Aber auch so sah es keineswegs gut für sie aus. Länger als ein paar weitere Sekunden würden sie sich gegen diesen schrecklichen Feind kaum noch halten können.
Tharlia wich noch ein paar Schritte zurück und ließ ihren Blick hastig durch das Zelt schweifen, doch nirgendwo gab es eine Waffe. Sie selbst hatte als Hohepriesterin der Li’thil veranlasst, dass alle Angehörigen des Ordens nicht nur ihren Geist schulten, sondern auch ihren Körper, wozu auch ein umfangreiches Kampf- und Waffentraining gehörte, dem sie sich selbst ebenfalls unterworfen hatte.
Einer der Krieger durchschaute eine Finte des Dunkelelben zu spät, und es gelang ihm nicht mehr, dessen vorstoßendes Schwert abzuwehren. Die Klinge bohrte sich so tief in seinen Hals, dass sie blutverschmiert im Nacken wieder austrat. Ohne noch einen Laut von sich zu geben, stürzte der Zwerg zu Boden.
Mit noch größerer Entschlossenheit attackierte der Thir-Ailith den zweiten Krieger, um auch ihn niederzustrecken.
Tharlia wusste, dass jetzt ihre letzte Chance zur Flucht gekommen war. Es konnte nur noch Momente dauern, bis auch der zweite Wachposten fiel. Anschließend würde die schattenhafte Kreatur sich sofort wieder ihr zuwenden, um sie zu töten, und dann wäre es zu spät, noch vor dem ungleich schnelleren Elben davonzulaufen.
Sie wurde ihres Gewissenszwiespalts enthoben, als, angelockt von ihrem Schrei, ein weiterer Krieger ins Zelt gestürmt
1. Auflage Originalausgabe Juli 2010 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Copyright © 2010 by Frank Rehfeld
Redaktion: Simone Heller HK · Herstellung: sam
eISBN : 978-3-641-03829-8
www.blanvalet.de
Leseprobe

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