Zwielicht 12 - Achim Hildebrand - E-Book

Zwielicht 12 E-Book

Achim Hildebrand

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Beschreibung

Die 12. Ausgabe von Zwielicht bringt die gewohnte Mischung aus Kurzgeschichten, Übersetzungen und Artikeln des Genre Horror und unheimliche Phantastik. Das Titelbild ist von Björn Ian Craig. Hier die Liste der Mitwirkenden: Geschichten: Carrie Laben - Postkarten von Natalie Max P. Becker - Strandpoesie Jerk Götterwind - Das Geheimnis der alten Seemannskiste Enzo Asui - Lilith Wolfgang Rauh - Die Alptraum- Beule Ellen Norten - Der singende Schleier Julia Annina Jorges - Diese verfluchten kleinen Dinge Vincent Voss - Mind Fuck Sascha Dinse - Elysion Ralf Kor - Schattensaiten Waldemar Klauser - Bis zum Ende Michael Tillmann - Warum erlöst sie mich nicht, obwohl sie genau weiß, wo meine Knochen verrotten? Uwe Voehl - Auge um Auge Algernon Blackwood - Smiths Untegang Tudor Jenks - Phantomschmerz Anna Alice Chaplin - Drachenthal Artikel: Matthias Kaether - Amazing Stories Ralf Steinberg - Jenseits sonnendurchfluteter Sommertage Vincent Preis 2017 Phantastische Preise 2017 Horror 2017

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Hrsg. Michael Schmidt & Achim Hildebrand

Zwielicht 12

Horrormagazin

Horrormagazin Zwielicht

Band 12

Herausgegeben von Michael Schmidt & Achim Hildebrand

Kontakt: [email protected]

Das Copyright der einzelnen Texte liegt bei den jeweiligen AutorInnen

Titelbild: Björn Ian Craig

Unter Verwendung von Elementen aus einer Fotografie von Alessio Lin (linalessio.co)

Lektorat: Marianne Labisch

Dezember 2018

Inhalt

Vorwort

Geschichten

Carrie Laben – Postkarten von Natalie

Max P. Becker – Strandpoesie

Ralf Kor – Schattensaiten

Enzo Asui – Lilith

Wolfgang Rauh – Die Alptraum-Beule

Sascha Dinse – Elysion

Ellen Norten – Der singende Schleier

Julia Annina Jorges – Diese verfluchten kleinen Dinge

Vincent Voss – Mind Fuck

Michael Tillmann - Warum erlöst sie mich nicht, obwohl sie genau weiß, wo meine Knochen verrotten?

Uwe Voehl – Auge um Auge

Jerk Götterwind – Das Geheimnis der alten Seemannskiste

Waldemar Klauser – Bis zum Ende

Karin Reddemann – Die Herzenswünsche der schönen Lilla

Algernon Blackwood – Smiths Untergang

Anna Alice Chapin – Drachental

Tudor Jenks - Phantomschmerz

Artikel

Matthias Kaether – Amazing Stories

Ralf Steinberg – Jenseits sonnendurchfluteter Sommertage

Vincent Preis 2017

Phantastikpreise international 2017

Horror 2017

Autoreninfos

Vorwort

Liebe Leser unheimlicher Literatur,

Das Dutzend ist voll und es kracht gewaltig. Zwielicht 12 ist eine der umfangreichsten Ausgabe unseres Magazins.

Aber es ist nicht nur die Anzahl an Seiten, die Zwielicht 12 zu etwas Außergewöhnlichem macht. Unser Magazin hat sich im Laufe der Zeit gefunden und so sind bei aller Abwechslung und Neuerung auch Konstanten zu erkennen.

Zwielicht ist eigentlich gestartet, um der deutschsprachigen Horror- und unheimlichen Phantastik-Szene eine Plattform zu bieten und Kurzgeschichten zu präsentieren.

Das ist immer noch der Kern unseres Magazins und so zeigen 13 Autorinnen und Autoren ihr Können. Dabei reicht die Bandbreite von den alteingesessenen Stars wie Uwe Voehl, der schon 1978 als Herausgeber und Autor debütierte, bis zu jungen Autoren wie Max P. Becker, der letztes Jahr in der Goblin Press sein Romandebüt gab.

Inhaltlich handeln die Geschichten von Besessenen, von der dunklen Verknüpfung der Rockmusik, aber auch von dem Schleier, der die Welt hinter der Welt zeigt, und es gleitet sogar ins Märchenhafte ab.

Zwielicht bietet aber auch Übersetzungen und so bildet den Auftakt dieser Ausgabe die Gewinnergeschichte des Shirley Jackson Awards 2016, Postkarten von Natalie, eine bemerkenswerte Erzählung wie ich finde.

Drei Übersetzungen schließen auch den Geschichtenteil ab. Lustig-schauriges von Tudor Jenks, ein wenig Dark Romance von Anna Alice Chaplin sowie der Schrecken der Stadt von Zwielicht-Stammautor Algernon Blackwood.

Ich denke, bei all den Geschichten bleibt kein Auge trocken.

Im zweiten Teil berichtet Matthias Kaether vom Magazin Amazing Stories und man kann sehr gut erkennen, dass dieses Pulp-Magazin aus den USA im letzten Jahrhundert zu Unrecht als reines SF-Magazin wahrgenommen wurde. Amazing brachte alle Spielarten der Phantastik und wer nach dem Essay keine Lust hat, in den Ausgaben zu stöbern, dem ist auch nicht zu helfen.

Jenseits sonnendurchfluteter Sommertage vollzog Ralf Steinberg einen Streifzug durch die dunkle Phantastik und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Lesetipps en masse, was will das Phantastik-Herz mehr, außer aufzuschreien und zu fragen, wann soll man das denn alles noch lesen.

Abgerundet wird der Essayteil mit der Auflistung des Vincent Preis 2017 samt der Horrorliste 2017 und wir werfen auch einen Blick auf für das Genre Horror und unheimliche Phantastik relevante internationale Phantastikpreise.

Nächstes Jahr wird Zwielicht zehn Jahre alt und wir hoffen, Sie bleiben uns als Leser verbunden. Denn natürlich versuchen wir weiterhin Phantastik auf hohem Niveau zu präsentieren, ohne dabei den Faktor Unterhaltung zu vernachlässigen.

Mit dunklen Grüßen

Geschichten

Carrie Laben – Postkarten von Natalie

Von Natalies ersten sechs Postkarten besitze ich nur drei. Mom gelang es, die anderen drei abzufangen, während ich in der Schule war, oder auf Schicht im Tractor Supply, diesem Baumarkt, in dem ich ab Juli gearbeitet habe. Ich hätte gar nichts von ihrer Existenz gewusst, wenn sie nicht absichtlich dafür gesorgt hätte; sie hob sie auf, bis ich nach Hause kam, zerriss sie in die kleinstmöglichen Stücke, die ihre steifen Fingergelenke hergaben, und zündete sie dann im Aschenbecher an. Sie war wütend auf Nat, aber musste sich damit begnügen, mich zu bestrafen.

Ich schaffte es jedes Mal, ein paar lediglich angesengte Stücke aus dem Müll zu klauben, nachdem sie ins Bett gegangen war, aber Nats Handschrift war so groß und schwungvoll, dass ich nur ein paar Buchstaben oder kurze Wörter erwischte – ein ist oder ich oder auch. Nun wünsche ich mir, ich hätte sie aufgehoben und wieder zusammenzusetzen versucht wie einer dieser Kriminaltechniker im Fernsehen, aber Mom geradeheraus die Stirn zu bieten, erschien mir damals keine gute Idee zu sein. Daher starrte ich sie an, bis ich aus den Buchstaben, und den Bildern auf der Vorderseite, so viel wie möglich in mich aufgesogen hatte, und steckte sie anschließend zurück in den Müll und wusch mir die Hände.

Die drei hingegen, die mich erreichten, während Mom spät arbeiten musste, behielt ich natürlich. Ich versteckte sie in dem Buch Betty und ihre Schwestern, das ich mal von jemandem geschenkt bekommen, aber nie gelesen hatte. Die erste bekam ich, kurz nachdem Nat abgehauen war. Sie stammte aus Ohio, von der Rock and Roll Hall of Fame, und darin stand bloß die Dinge laufen super und sind so verliebt und außerdem noch, dass Keith ihr einen Silberring mit einer Schildkröte aus Onyxsplittern besorgt hatte – also offensichtlich geklaut und nicht gekauft. Sie malte eine Zeichentrick-Schildkröte an den unteren Rand und unterschrieb mit Werd dich immer lieb haben Kleine Mandy – von Nat.

Die zweite war vom Big Bend Familiencampingplatz in Michigan. Vermutlich waren sie schon eine Weile dort, denn sie beklagte sich, dasselbe Motiv zweimal schicken zu müssen. Sie sagte, es gäbe keine besonders große Auswahl. Außerdem reimte ich mir zusammen, dass sie sich unterwegs einen Welpen angeschafft hatten, denn sie war stolz darauf, dass sie „Strider“ fast beigebracht hatte, nicht andere Leute zu bespringen, und das, obwohl Keith ihn lachend dazu animierte. Wir sind jetzt eine richtige Familie!, schrieb sie, und mir schnürte sich für einen Moment die Kehle zu, aber ich konnte doch nicht traurig darüber sein, dass sie glücklich war. So etwas taten nur Menschen wie Mom. Und da sie erneut mit Werd dich immer lieb haben Kleine Mandy unterschrieb, wobei sie das ‚a‘ in Mandy in ein Herz verwandelte, fühlte ich mich besser.

Die dritte stammte aus dem Sleeping Bear Dunes-Nationalpark in Wisconsin. Noch bevor ich die Worte las, erkannte ich, dass etwas passiert war, denn obwohl Nat noch immer eine große und zur Seite geneigte Handschrift besaß, wirkten die Buchstaben schmaler und zittriger. Ich versteckte mich im Bad und las sie bei laufender Dusche, falls ich zu abgelenkt war, um Moms Heimkehr zu hören.

Keith ist abgehauen, stand da ohne Begrüßung. Er hat es auf die mieseste Art und Weise getan, Mandy. Ich hab gestern bis zum Umfallen gefeiert und als ich aufwachte, lag ich unter einem alten umgestürzten Baum im Wald, das Feuer war aus und er war weg. Er hat das Auto mitgenommen, und Strider und meine Tasche – einfach alles. Mir war beim Aufwachen so kalt wie noch nie zuvor. Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. Ich fühl mich wie ein Häufchen Elend.

Sie unterstrich ‚Häufchen‘ und ‚Elend‘ mit gewellten Linien. Diesmal unterschrieb sie mit Hab dich lieb und vermisse dich Kleine Mandy.

Ich verließ das Badezimmer und versteckte die Karte bei den anderen, dann ging ich zurück ins Bad und übergab mich. Ich konnte nicht sagen, warum. Ich wusste bloß, dass beim Gedanken daran, wie Keith sie einsam und allein unter einem toten Baum voller Käfer und Fäulnis zurückließ, mein Körper von Kopf bis Fuß kribbelte, und ich fühlte mich, als gäbe es auf der Welt nichts anderes als Demütigungen in der Farbe von Bleistiftstrichen. Ein Teil von mir wollte Keith finden und ihm ins Gesicht schlagen, während ich aus voller Kehle schrie, und der andere Teil wusste, dass es das nicht ungeschehen machen würde, egal wie hart ich zuschlug oder wie laut ich schrie, das Universum war aus dem Gleichgewicht geraten und würde niemals wieder eines sein, in dem die Leute meine wunderschöne große Schwester so behandelten, wie sie es verdiente. Diese zwei Teile standen im Widerspruch zueinander und ließen mir das Mittagessen hochkommen.

Direkt nachdem ich ein Glas Wasser getrunken hatte, um den Geschmack wegzuspülen, rief ich bei Tractor Supply an und kündigte fristlos. Möglicherweise zog ich in Betracht, dass Nat jetzt nach Hause käme, und dass Mom sie vielleicht nicht hereinließe – wobei Mom sie natürlich wieder aufnehmen würde, denn wie sollte sie sie sonst bestrafen? Aber der eigentliche Grund war, dass ich Mom gewiss nicht erlauben durfte, auch nur eine weitere Karte in die Finger zu bekommen.

Ich überstand das Abendessen, ohne mir etwas anmerken zu lassen, und legte mich früh schlafen. Erst nachdem ich mich im Dunkeln in meiner Zimmerhälfte eingerollt hatte und nicht daran zu denken versuchte, wie Nat völlig allein und verwirrt aufgewacht war, stieg in mir stattdessen die Frage auf, woher sie eine frankierte Postkarte hatte, schließlich hatte Keith doch ihr ganzes Zeug mitgenommen. Mit ihr ist alles in Ordnung, redete ich mir ein, immerhin hat sie eine Postkarte geschickt.

Etwa eine Woche später verriet ich Mom schließlich, dass ich gekündigt hatte. Sie wurde nicht müde zu erzählen, wie faul und verwöhnt und wertlos ich wäre, genoss es jedoch, dass ich rund um die Uhr zu Hause war. Ich hatte gewusst, dass es so sein würde. Jetzt konnte sie das Kochen komplett auf mich abwälzen, und die Wäsche und die Gartenarbeit ebenso. Außerdem schien sie seit Nats Fortgehen zu befürchten, dass ich eines Tages auch abhauen mochte, aber ohne Einkommen konnte ich das nicht tun.

Ohne Einkommen konnte ich vieles nicht tun. Außer auf die Post zu warten. Einmal ging ich in die Bibliothek und suchte dort am Computer nach Bildern von Sleeping Bear Dunes, um zu sehen, ob ich Nats Aufenthaltsort ausmachen konnte, wenn ich nur angestrengt genug drauf starrte, aber da ich nicht genau wusste, wann Mom nach Hause kam, blieb ich nicht lange. Doch bevor ich wieder ging, druckte ich für zehn Cent pro Seite die Bilder aus, die am ehesten der Postkarte ähnelten. Ich hängte sie in meinem Zimmer an die Innenseite der Tür. Ich starrte sie so lange an, dass ich sie im Dunkeln sehen konnte.

Ich gewöhne mich schnell an neue Gegebenheiten, dieses Talent habe ich schon immer besessen. Nach ein paar Wochen hatte sich mein Leben stets um das Warten auf Postkarten gedreht, einige Wochen später waren diese stets nie angekommen – selbst wenn die ersten beiden Postkarten, die Mom verbrannt hatte, und jene von der Rock and Roll Hall of Fame alle im Abstand weniger Tage eingetroffen waren. Ich kochte Mom Abendessen und packte ihr auch etwas für mittags ein – wenn man kein Auge auf sie hatte, ließ sie das Mittagessen ausfallen, und sie war so schon dünn genug –, und ich schaute dreimal am Tag nach der Post, obwohl ich durch die Huskies der Nachbarn eigentlich immer wusste, wann sie kam. Ich studierte regelmäßig die Kleinanzeigen im Wochenblatt, aber alle, die mit dem Satz GELD VON ZUHAUSE AUS warben, klangen zu gut, um wahr zu sein. Mark rief zweimal besoffen an, voller Reue, dass er mich abgesägt hatte, bevor er zu den Marines gegangen war, und einmal Nats beste Freundin Katie, die sich aus dem College erkundigte, ob wir etwas von ihr gehört hatten. Mom verneinte und legte auf, bevor ich den anderen Hörer in die Finger bekam.

Die Ahornbäume warfen ihr Laub ab und ich harkte es zusammen, doch dann fand ich das schade um all die Farben – anstatt das Laub also in Säcke zu füllen, ließ ich es auf einem Haufen liegen, damit der Wind es wieder über den Rasen verteilte. Ich erwartete, dass Mom mich deswegen anschreien würde, aber das tat sie nicht. Sie saß auf der Veranda, den Blick auf den Blätterteppich gerichtet, und als ich rauskam, um eine Zigarette mit ihr zu rauchen, sagte sie: „Sieht hübsch aus, nicht wahr? Genauso hübsch wie alles auf diesen verdammten Karten.“ Keiner von uns beiden hatte dem anderen gegenüber je die Postkarten erwähnt, mit Ausnahme der Momente, wenn sie eine vor meinen Augen zerriss. Ich erstarrte. Im Juli hätte ich stillschweigend protestiert, mir vorgestellt, was Nat laut ausgesprochen hätte: Dass die Kiefernwälder und das Seeufer und jeder Ort fern von hier grundsätzlich tausend Mal hübscher waren. Selbst die Rock and Roll Hall of Fame. Aber ich hatte lange genug an Kälte und Einsamkeit gedacht, während ich Sleeping Bear Dunes anstarrte, dass die Blätter wesentlich behaglicher wirkten.

„Ich wünschte, auf einer dieser Postkarten stünde ein Absender“, fuhr Mom nach einem weiteren Zug von ihrer Zigarette fort. „Wir könnten dem Mädel mit einem Foto antworten. Sie daran erinnern, dass es ihr früher hier gefallen hat.“ Ich hatte mir auch gewünscht, dass die Postkarten einen Absender hätten, also wusste ich jetzt nicht, was ich denken sollte.

Danach war Mom irgendwie ausgebrannt oder aufgetaut, und mehr wie die Mom, an die ich mich von früher zu erinnern glaubte – ehe Nat abgehauen war, und ehe die beiden sich jeden Tag wegen jeder Kleinigkeit in die Haare gekriegt hatten, und noch davor, ehe Dad sich verkrümelt hatte. Aber da wären wir dann bei frühen Kindheitserinnerungen angelangt, also war ich mir nicht völlig sicher. Jedenfalls nicht sicher genug, um ihr die nächste Karte von Nat zu zeigen, als diese endlich eintraf.

Sie hatte bis nach Ohio kehrtgemacht; auf der Karte war eine feuerrote gedeckte Brücke abgebildet und darüber die Aufschrift „Grüße aus Troy“. Aber falls sie erwogen hatte, nach Hause zu kommen, erwähnte sie es nicht. Stattdessen schrieb sie bloß: Hi Mandy! Ich hab ein astreines Mädel kennengelernt. Sie ist genau wie Laura aus Unsere kleine Farm, mit zwei langen Zöpfen und einer Hirschlederjacke, die sie selbst genäht hat. Sie wurde auch von ihrem Freund abserviert, darum werden wir eine Zeit lang gemeinsam reisen. Sie ist schon viel herumgekommen und weiß, wo es langgeht. Ich schätze, wir ziehen nach Westen. Hab dich lieb und vermisse dich, Kleine Mandy. Deine Nat. P.S.: Sie heißt Beth.

Ihre Buchstaben hatten den Schwung zurück und das machte mich glücklich, auch wenn sie wieder fortging. Ein Mädchen in einer selbstgenähten Hirschlederjacke klang genau wie die Sorte Mensch, die Nat aus einer Gruppe von tausend Leuten in normalen T-Shirts und Baumwollblusen herauspicken würde. Vielleicht führte sie ihr Weg gen Westen ja bis nach Kalifornien, wo es ihnen so gut gefiele, dass sie mich zum Besuch einladen würden. Vielleicht legten sie sich unterwegs noch einen Hund zu.

Mom schaffte es ebenfalls, einen Freund aufzugabeln, einen Kerl, der mit ihr im Gefängnis von Wende arbeitete, aber keinen der Wärter, sondern einer von denen, die sich um die Klimaanlage und die Elektrik kümmerten. Ich mochte ihn irgendwie oder war zumindest froh, dass er kein Wärter war, denn die Wärter, mit denen sie ausging, konnte ich nie leiden. Als sie ihn das erste Mal mit nach Hause brachte, streckte er die Hand aus und sagte: „Du musst Amanda sein“, wobei er weder zu fest zudrückte, als wäre das ein Kräftemessen, noch versuchte mir auf die Pelle zu rücken. Soweit also in Ordnung. „Ich bin Greg.“ Man sah sofort, dass er sein Sportsakko nicht oft aus dem Schrank holte, tatsächlich erinnerte es mich an ein altes Foto von Dad bei der Hochzeit einer meiner Tanten, auf dem seine ausgebeulten Ellbogen total peinlich aussahen. Dass Mom an jenem Abend nicht nach Hause kam, überraschte mich nicht.

Mom lud Greg nie dazu ein, bei uns zu übernachten, aber einmal in der Woche oder so kam er zum Abendessen. Sie kochte an jenen Abenden, was mir gut passte und vielleicht einen Schubs in die richtige Richtung gab, jedenfalls fand ich ihn zunehmend sympathischer. Wie schon bei unserem ersten Handschlag behandelte er mich immer wie eine Erwachsene, was sonst kaum jemand jemals tat. Und durch ihn wurde Mom deutlich entspannter und umgänglicher. Auch sie fing an, mich wenigstens ein kleines bisschen wie eine Erwachsene zu behandeln.

Eines Abends zum Beispiel, nachdem wir alle Lasagne gegessen hatten – ihr ganz spezielles Lieblingsgericht – und Brownies mit einer Haube Frischkäse obendrauf, öffnete sie eine Flasche Wein, die Greg mitgebracht hatte, goss sich beiden ein Glas ein, und danach auch eines für mich. Ich hatte angefangen, den Tisch abzudecken, aber sie deutete mit der Weinflasche auf mich und meinte: „Setz dich. Das rennt nicht weg.“

Ich gehorchte und nahm einen Schluck Wein. Nicht dass ich noch nie Alkohol getrunken hatte – zum Zahnen hatte ich Old-Crow-Whiskey eingeflößt bekommen, und Nat hatte mich seit der Mittelstufe an ihren Genesee-Bierdosen nippen lassen –, aber dazusitzen und aus den guten Gläsern zu trinken, verschob alles ein wenig seitwärts. Ich fühlte mich sofort beschwipst, obwohl der Wein ziemlich sauer war.

Der Wind drehte auf und das Futterhäuschen klapperte gegen das Fenster. „Is’ bald Winter“, sagte Greg, und seinem Blick nach zu urteilen, bezog sich das auf etwas, das er mit Mom besprochen hatte.

Sie nickte. „Tja, wenn man ihrem Gebrüll von damals Glauben schenkt, ist sie kein verdammtes kleines Kind mehr.“

„Sie hat bestimmt einen Platz zum Überwintern gefunden.“

„Ja, da bin ich mir absolut sicher.“ Mom nickte nachdrücklicher, als nötig gewesen wäre, und trank einen größeren Schluck Wein.

„Im Ernst, Joanne, du musst die Sorgen abschütteln. Sie ist doch sicher ein cleveres Kind. Amanda hat jetzt schon ordentlich Grips im Kopf, und sie ist zwei Jahre jünger.“ Greg schaute mir in die Augen und für einen Moment befürchtete ich, dass Mom austicken könnte, aber sie verstand, dass es keinen Grund gab, eifersüchtig zu sein, nicht bei Greg.

„Amanda war immer die Verlässliche.“ Mom stupste mich mit dem Ellenbogen an. „Ich weiß, man sollte seine Kinder nicht miteinander vergleichen, aber es stimmt und das weißt du, Mandy. Du kamst verantwortungsbewusst auf die Welt. Nat hingegen hatte eine wilde Ader.“

Mir gefiel nicht, dass sie ‚hatte‘ sagte, aber ich sagte nichts.

„Aber du hast recht, Greg. Sie ist clever. Das sind sie beide, Gott sei Dank kommen meine Mädels da ganz nach mir. Beides Einserschülerinnen, und beide wissen, wie man auf sich selbst aufpasst. Dafür hab ich gesorgt.“

„Sie hat mir beigebracht, wie man Brennholz hackt, nachdem Dad fort war“, warf ich ein, weil ich das Gefühl hatte, endlich etwas sagen zu müssen. „Sie besorgte mir ein putziges kleines Beil und übertrug mir das Feuermachen. Sie und Nat lobten mich, als hätte ich uns alle vor dem Erfrieren bewahrt. Erst Jahre später begriff ich, dass es wesentlich länger gedauert haben musste, mir dabei zuzusehen, als es selber zu machen.“

Mom kicherte und schenkte allen mehr Wein ein. „Wir haben es auf die Reihe bekommen, nicht wahr? Er rechnete vermutlich damit, dass wir ohne ihn zerbrechen würden, aber wir haben es hingekriegt.“

„Das muss hart gewesen sein“, sagte Greg.

„Oh, damals dachte jeder, dass es nicht härter ging. Überall in den Nachrichten nur Scheidungsraten und alleinerziehende Mütter. Diese mitleidigen Blicke, die mir alte Frauen im Kaufhaus zuwarfen. Als hätten Männer nicht schon seit Urzeiten das Weite gesucht.“ Mom stellte die Flasche ein bisschen zu energisch ab. „Nichts für ungut.“

„Keine Ursache“, antwortete Greg in einem überfreundlichen Tonfall. „Natalie wird schon nichts passiert sein, Joanne.“

„Ja, ihr geht’s bestimmt gut“, sagte Mom. Und dann, als wäre es ihr gerade eingefallen: „Im Frühling sehen wir sie wieder, jede Wette. Bis dahin hat sie genug von dem Elend.“

Ich dachte an Nat, das unterstrichene Häufchen Elend, und war wieder still. Ich wollte das Mom nicht sagen, aber ich wusste, dass wir sie im Frühling nicht wiedersehen würden.

Der Schnee fiel, bevor die nächste Postkarte eintraf, aber in der Nähe von Buffalo will das nicht viel heißen, nicht wahr? Mit uns reist jetzt ein Mädel namens Tammy, stand da. Sie meint, sie hätte ’ne Menge Zeit bei uns im westlichen New York verbracht, sie ist sogar in Mumford gewesen! Sie war eigentlich auf dem Heimweg nach Florida, aber hat dann ihre Meinung geändert und beschlossen, mit uns nach Westen zu ziehen. Unterwegs trafen wir dann ein Kind, das sich verlaufen hatte, einen kleinen schwarzen Jungen, vielleicht zwei Jahre alt, der bis auf ein Paar Unterhosen nichts anhatte. Ich wollte ihm helfen, aber er wollte nicht mit mir reden und rannte davon, viel schneller als ich einem Kleinkind je zugetraut hätte. Beth sagt, hier draußen würden mehr Eltern ihre Kinder verlieren, als man glaubt, und dass es nichts gebe, was ich tun könnte. Es schien ihr allerdings nahezugehen. Die Worte am Ende waren gestaucht, als hätte sie versucht, so viele wie möglich dorthin zu zwängen, und das Werd dich immer lieb haben Kleine Mandy zog sich bis in den Adressteil der Karte. Ich drehte sie um und betrachtete das Motiv, ein Dampfschiff auf dem Mississippi. Kein Wort darüber, ob es dort, wo sie war, schneite, aber auf Dampfschiffen fiel niemals Schnee, oder?

Nur für alle Fälle kaufte ich ihr zu Weihnachten ein Paar gestrickte lila Handschuhe mit knallgrünen Schildkröten darauf und eine große Stange Toblerone. Ich packte noch drei Ahornblätter aus dem Vorgarten dazu, die ich aufbewahrt hatte: ein rotes, ein orangenes und ein gelbes, an dem anfangs sogar noch ein bisschen Grün dran gewesen war. Ich wickelte das Päckchen ein und legte es unter mein Bett, nur für alle Fälle.

Natürlich verbrachten Mom und ich den Weihnachtsmorgen letzten Endes allein. Greg war bei seiner Schwester und ihrem Mann und den Kinder, hatte aber versprochen, zum Abendessen vorbeizuschauen. Er hatte uns geholfen, einen Baum aufzustellen, der uns beide überragte, aber das bedeutete bloß, dass die Geschenke zweier Leute darunter nur noch einsamer wirkten.

Die Handschuhe, die ich von Mom bekam, waren aus schwarzem Leder, mit lilafarbenem Besatz und einem Futter aus Kaschmir. Beim Anprobieren waren sie ein bisschen zu klein, aber sie fühlten sich an, als würden sie sich noch weiten. Sie hatte mir außerdem Stiefel besorgt, bei denen ich am Karton erkannte, dass sie aus dem Outlet-Store stammten, aber sie wirkten praktisch wie neu. Dazu gab’s noch eine Handtasche aus Leder, in die ein Vogelmotiv eingearbeitet war.

„Die sind umwerfend“, sagte ich, und fuhr mit den Händen zurück in die Handschuhe, um erneut das Kaschmir zu spüren. „Dankeschön.“

„Ich danke dir“, sprudelte es aus ihr heraus, bevor sie mich umarmte. „Ich weiß, ich bin ein bisschen durchgedreht, als Nat abgehauen ist.“

„Ich bin mir sicher, Nat hat auch nicht alles so gemeint, was sie gesagt hat.“

Mom schüttelte den Kopf. „Zu dir war ich ebenfalls nicht fair. Du warst mein Fels, Mandy. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.“ Sie drückte mich fester, nur für eine Sekunde, und ließ mich dann los. „Wenn du eines Tages fortgehen solltest, wüsste ich wenigstens, dass du mir weiterhin schreiben würdest.“

Ich überlegte, ihr von den Postkarten zu erzählen, die ich versteckt hatte, doch ich zauderte zu lange, und dann war der Moment verflogen. Ich glaube, am Ende hätte es aber ohnehin keinen Unterschied gemacht.

Die nächste Postkarte bewies, dass ich mir wegen des Schnees keine Sorgen hätte machen brauchen. Nat war clever, wie Mom gesagt hatte. Sie befand sich jetzt in Texas, unten an der Golfküste. Auf der Karte prangte eine Meeresschildkröte, und ich lächelte beim Gedanken daran, wie glücklich sie gewesen sein musste, als sie darauf gestoßen war. Ihre Buchstaben waren so schwungvoll wie zuvor, doch mittlerweile kleiner, da sie wohl begriffen hatte, dass sie auf diese Weise mehr mitteilen konnte.

Hab hier draußen endlich einen süßen Typen getroffen, schrieb sie, und bei meinem Glück ist er natürlich eine Riesenschwuchtel. Aber ein netter Kerl. Heißt Alejandro. Er sagte, er wäre mit knapp 30 anderen Kids unterwegs gewesen, aber sie hätten vor einer Weile einfach die Kurve gekratzt. Also wird er uns wohl eine Zeit lang begleiten. Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie Nat kicherte und ‚was für eine Verschwendung‘ seufzte, vermutlich beim Versuch, sein Haar zu tätscheln – aber ohne es fies zu meinen, einfach nur Nat in ihrer typischen Unbekümmertheit. Ich hoffte, dass sie ihn nicht zu Tode piesacken würde, aber gleichzeitig genoss ich den Gedanken an ihr Kichern, also Pech für Alejandro. Beth meint, auf der Straße würden sehr oft Leute verschwinden – am wichtigsten sei, dass wir alle zusammenhalten und nicht mit den Cops reden, sie sollen uns nicht einmal zu Gesicht bekommen, sofern es sich vermeiden lässt. Aber manchmal geht das natürlich nicht. Vor allem nie deinen Namen verraten. Verrate einem Cop niemals deinen Namen, Kleine Mandy!, waren ihre Schlussworte.

„Als würde ich das tun“, sagte ich laut zu mir selbst, und legte die Karte zu den anderen.

Der Frühling setzte in diesem Jahr zeitig ein, und Mitte März holte Greg sein Motorrad aus der Garage. Um diese Zeit holten viele Leute ihre Motorräder heraus und viele andere nahmen auf sie keine Rücksicht. Gregs Unfall war nur deshalb ungewöhnlich, weil es sich um Fahrerflucht handelte. Man hielt lange Ausschau nach einem verbeulten Auto, einem schlechten Gewissen, nach irgendetwas, doch man fand nie den Schuldigen. Der einzige Trost war, dass Mom und Greg beide praktisch auf der Stelle starben.

Ich zog einfach meinen Kopf ein, so wie damals, als Dad und Nat abgehauen waren, und anfangs dachte ich, dass es vielleicht keinen großen Unterschied machte, ob ich mit den Postkarten die ganze Zeit alleine war oder nur die meiste Zeit. Aber da lag ich falsch. Jetzt, wo ich nichts zu tun hatte und niemanden, für den ich es tat, las ich alle Postkarten zwei- oder dreimal am Tag durch, wodurch sie sich allmählich verbogen und an den Ecken abnutzten, und das war nicht in Ordnung. Abgesehen davon wusste der Teil meines Gehirns, der nicht wie benommen war, dass das Geld von Moms Versicherung nicht ewig reichen würde, selbst wenn mir nie wieder der Sinn nach Essen stand.

Meine alte Filialleiterin bei Tractor Supply hatte mich immer gemocht und bekam Mitleid mit mir. Sie setzte sich bei ihren Vorgesetzten für mich ein, pochte darauf, dass ich stets zuverlässig gewesen sei, bis zu diesem einen Tag, und ich glaube, das schob sie auf Mom, hab aber nicht nachgefragt. Moms Temperament hatte in der Stadt einen ziemlichen Ruf genossen. Auf jeden Fall hatte sie Erfolg und ich wieder einen Job, allerdings auf der untersten Stufe der Karriereleiter, wo mir Kids Anweisungen gaben, die zwei, drei Jahre jünger waren als ich. Aber das störte mich nicht. Ich kehrte ausgekipptes Vogelfutter auf, hängte die Carhartt-Jacken wieder richtig hin, arbeitete an der Kasse. Und ich konnte jeden Tag dem Moment entgegensehen, wenn ich in die Einfahrt bog und den Briefkasten öffnete, anstatt den ganzen Nachmittag auf die Huskies zu lauschen.

Die nächste Postkarte erreichte mich ungefähr eine Woche, nachdem ich wieder arbeiten ging, obwohl es mir wie die vielen Jahre vorkam, die es eigentlich brauchen sollte, um die Welt komplett aus den Angeln zu heben. Sie hatte es nach Kalifornien geschafft, das Land der Träume, über dessen Besuch wir immer gesprochen hatten, der Ort, den wir aus dem Fernsehen kannten. Die Postkarte zeigte ein Schiff der Navy im blauen Wasser mit dem Schriftzug San Diego.

Total schräg, stand auf der Rückseite. Kurz nachdem wir hier angekommen sind, entdeckte ich entlang der Straße eine Frau, die genau wie Mom aussah. Genau wie sie, Mandy. Ich starrte sie an und sie starrte zurück, aber sie drehte sich um, ohne ein Wort zu sagen. Das sähe ihr überhaupt nicht ähnlich, oder? Nicht, wenn sie etwas mitzuteilen hätte. Bei ihr war auch ein Typ, den ich nicht kannte. Also war es wahrscheinlich nicht Mom. Allerdings hoffe ich, dass zu Hause alles in Ordnung ist … Ich vermisse es zwar nicht, aber ich vermisse dich.

Nat hatte kein Datum auf die Karte geschrieben, das tat sie nie. Aber der Poststempel war von dem Tag nach Moms Beerdigung. Und sie war erst jetzt hier angekommen. Ich begann mich zu fragen, ob auf der Straße, die Nat bereiste, die Zeit völlig anders tickte.

Aber sich solche Gedanken zu machen war verrückt, und da ich jetzt ständig normalen Leuten gegenüberstand, sorgte ich mich schon ein wenig, dass ich den Verstand verlieren könnte. Menschen taten das, nach einem Trauerfall, in leeren Häusern. Die einen stapelten Bierflaschen bis unters Dach, die anderen stopften sich die Scheunen, Schuppen und Häuser voller Katzen, die nach Pisse stanken, und wieder andere fanden auf eine heftige und befremdliche Weise zu Jesus, aber darunter verbarg sich stets dieselbe Verrücktheit. Diesen Weg wollte ich nicht einschlagen. Ich nahm mir vor, die Postkarten nur jeden zweiten Tag zu lesen. Oder nur einmal pro Woche. Sie würden sich deutlich länger halten, wenn ich sie nur einmal pro Woche las, und ich mich ebenfalls. Ich übernahm jede Stunde im Tractor Supply, die ich kriegen konnte.

Deshalb arbeitete ich auch an jenem Abend die Spätschicht, als Keith fünf Minuten vor Acht aufkreuzte. Er schleppte einen halben Zentner Hundefutter und bis er begriff, an wessen Kasse er stand, war es vermutlich zu spät, um unbemerkt kehrtzumachen.

Ich ließ mir zuerst nicht anmerken, dass ich ihn erkannt hatte. Es wäre im Prinzip nicht verwunderlich gewesen, keine Notiz von ihm zu nehmen – die schwarze Farbe war aus seinen dunkelblonden Haaren herausgewachsen und er sah heute viel älter aus als damals, bevor er und Nat abgehauen waren. Vor nicht ganz einem Jahr. Bisher hatte ich es gedanklich nie mit einem konkreten Datum verknüpft. Die Zeit tickte hier ebenfalls seltsam.

Ich wartete, bis ich das Hundefutter eingescannt und sein Geld genommen hatte, und gab ihm schließlich den Kassenbon mit den Worten: „Was du Nat angetan hast, war echt nicht cool.“ Ich sagte es so leise und ruhig, wie ich konnte. Die Mädchen an den anderen Kassen sollten nicht denken, ich wäre wie Mom und würde eine Szene machen.

Er ließ den Bon fallen und rannte ohne das Futter davon. Ich quälte mich den restlichen Abend mit der Frage, ob Strider jetzt hungern musste. Das hätte Nat nicht gewollt.

Er holte es am Morgen bei der Frühschicht ab und ich rechnete nicht damit, ihm noch einmal zu begegnen. Doch die Woche darauf kam er zurück, als ich wieder die Spätschicht hatte. Er schnappte sich einen dieser Nuss-Karamel-Riegel, die wir an der Kasse verkauften – offensichtlich nur ein Vorwand. Mir war noch nie jemand begegnet, der die Dinger tatsächlich aß.

„Ich hatte nichts damit zu tun“, sagte er, während er mir einen Fünf-Dollar-Schein gab. „Der Typ, der uns die Pillen verkauft hatte, war’s; ich wusste von nichts.“

Ich verstand, dass da Worte aus seinem Mund kamen und dass er den Kopf schüttelte, doch ich hörte nicht wirklich hin. „Aber du hast sie zurückgelassen. Du hättest sie nicht dort draußen lassen sollen.“

Er schüttelte den Kopf heftiger, wobei seine schmierigen Haare gegen seine Wangen flogen. „Ich konnte absolut nichts tun, Mandy. Was hätte ich tun sollen? Keinem tut es mir leid als mir, aber was hätte ich tun sollen? Nichts konnte ich tun, gar nichts.“ Er wiederholte diesen einen Satz in abgewandelter Form, bis ich ihm den Nussriegel in die Hand drückte. Dann schaute er darauf, als hätte er noch nie einen gesehen, und ging hinaus.

Als ich um Neun den Parkplatz betrat, klemmte unter meinem Scheibenwischer die rote Verpackung des Nussriegels, zerrissen in die grobe Form eines Herzens. Ich zog sie heraus und warf sie in einen Mülleimer. Ich verstand schon; ich sollte sie mit nach Hause nehmen und für immer behalten, vielleicht ebenfalls in ein Buch stecken – und nun begriff ich, wieso Mom nichts davon hielt.

Der verrückte Teil von mir fragte sich, ob Nat irgendwie in ihrer nächsten Postkarte darüber Bescheid wusste, aber sie erwähnte nichts dergleichen. Sie kam aus San Francisco und zeigte zwei Männer mit freiem Oberkörper in Sonnenbrillen und Cowboyhüten sowie einen versauten Spruch, den ich in Gesellschaft von Mom vermeintlich nicht kapiert hätte. Ich hab Alejandro genauso einen Hut besorgt, weil er aus Texas kommt. Besorgt, also geklaut und nicht gekauft. Die gute alte Nat. Er meinte zu Beth, sie solle ihm auch ihre Wildlederjacke leihen, aber natürlich denkt sie nicht daran. Ich liebe San Francisco, Mandy. Ich wünschte, wir könnten bleiben. Wir hatten hier nur ein schlechtes Erlebnis, nämlich, dass Tammy vor ein paar Tagen verschwunden ist. Vielleicht hat sie einem Cop ihren Namen verraten? Na, jedenfalls hat das Beth natürlich mitgenommen und sie sagt, mir müssen in Bewegung bleiben, weiter Richtung Norden.

Ich bin mir nicht sicher, wieso. Aber mal Seattle zu sehen, wäre vermutlich schon klasse.

Ich weiß nicht genau, warum gerade das mein Gedächtnis ankurbelte, es war ja nicht so, dass ich die Zeitung las oder Nachrichten schaute. Aber es hatte Schlagzeilen gemacht, also hatte ich es vielleicht im Augenwinkel gesehen oder aus dem Radio eines Autos mit geöffneter Scheibe gehört, oder ein paar Frauen hatten bei McDonald’s in der Schlange darüber getratscht, während ich für meinen Kaffee anstand. Nette alte Damen unterhalten sich beim Shoppen gern über die tragischsten, ekligsten und brutalsten Kriminalfälle. Ich sagte zu mir selbst, okay das war’s, du hast den Verstand verloren, aber ging trotzdem in die Bibliothek und besorgte mir die Buffalo News von Montag vor zwei Wochen.

Noch vor meiner Geburt hatte man die verscharrte Tammy Jordan in einem Feld etwas außerhalb von Honeoye Falls entdeckt, und mein ganzes Leben lang war sie Honey Namenlos gewesen, eine vage Erscheinung, die nur Beachtung fand, wenn ein TV-Reporter gelangweilt zu neuen Hinweisen aufrief. Bis vor zwei Wochen, als sie endlich identifiziert werden konnte – eine alte Frau hatte sich eine vor Ewigkeiten aufgenommene Folge von Unsolved Mysteries angeschaut und erkannte in dem computer-rekonstruierten Bild von Honey Namenlos die schiefen Zähne und das Lieblings-Shirt ihrer ausgerissenen Nichte.

Wir kennen ihren Namen, lautete die Schlagzeile. Ihre sterblichen Überreste sollten nun exhumiert und überführt werden, um sie dort zu beerdigen, wo sie hingehörten, in einem anständigen Grab mit einer anständigen Inschrift. Es ärgerte mich, dass niemand vorhatte sie zu fragen, ob sie überhaupt zurück wollte, bis mir klar wurde, wie dumm sich das anhörte.

Ich saß in der Bibliothek, bis sie schloss, weil ich nicht allein sein wollte. Danach ging ich nach Hause und starrte auf die mittlerweile eingerollten, glanzlosen Bilder von Sleeping Bear Dunes, die noch immer an die Rückseite meiner Tür gepinnt waren. Irgendwo zwischen diesen dunklen Kiefern hatte er Nat einsam und allein zurückgelassen. Und sie hatte einen Weg dort heraus gefunden, um mir trotz allem weiterhin zu schreiben. Sie hatte mich lieb und vermisste mich.

Dieses Mal musste ich nicht einmal meinen Kopf einziehen, um weiterzumachen. Er war bereits eingezogen. Ich kündigte nicht im Tractor Supply, weinte nicht in der Dusche, vergaß nicht zu essen, denn ich hatte all diese Dinge bereits getan. An meinem Verhalten änderte sich eigentlich nur, dass ich Zuhause das Licht nicht mehr anmachte. Ich wusste, wo sich alles befand, und es gab niemanden sonst, der etwas sehen musste. Außerdem wurden die Tage jetzt länger.

Ich hatte ein wenig Angst davor, dass sie aufhören könnte mir zu schreiben, jetzt, da ich dahintergekommen war. In einem Märchen, so schien es mir, würde genau das passieren. Aber so zu denken war verrückt. Und gleich in der nächsten Woche erreichte mich eine weitere Postkarte, diesmal aus Klamath Falls. Darauf ein See, hinter dem sich ein schneebedeckter Berg erhob.

Irgendetwas geht hier vor sich, Mandy. Wir sind auf diese ganze Gruppe von Frauen gestoßen … überwiegend Frauen und junge Mädchen, dazu noch einige Kinder und Kerle. Ein paar von ihnen kannten Beth und verhielten sich so, als hätten sie ihre Ankunft erwartet. Sie stellte mich und Alejandro allen vor. Alle sind aufgeregt. Es ist, als wären wir auf dem Weg zu einem Festival oder so. Wie es scheint, hat hier eine indianische Frau namens Anna das Sagen, die musst du echt erlebt haben – sie kümmert sich um alles und jeden und bringt uns so schnell nach Norden, dass ich kaum Zeit fand, dir das hier zu schicken. Ich werd so schnell ich kann herauskriegen, was hier los ist, und dir dann wieder schreiben; ich wette, das wird großartig! Ich vermisse dich so sehr, Kleine Mandy.

Ich ging weiterhin arbeiten, aber die Leute fragten mich, ob ich geschlafen hatte. Man sah es mir an. Wenn das Telefon klingelte, nahm ich nicht ab. Ich fühlte mich, als bräuchte ich nicht einmal Kaffee, dennoch ertappte ich mich dabei, mehr zu trinken als jemals zuvor, um mich dann, so oft es nur ging, aus dem Tractor Supply an die frische Luft zu stehlen. Ich fing an, Zigaretten zu schnorren und Raucherpausen zu machen, aber Leute in der Raucherpause wollten reden, und das fiel mir schwer, wo ich doch von etwas erfüllt war, über das niemand mit mir reden konnte außer Nat. Von Bedeutung war nur noch eins, und zwar die Tage abzuhaken, bis ich die nächste Postkarte bekam.

Sie erreichte mich gerade rechtzeitig. Sie war aus Seattle und in Schwarz-Weiß, ein sonderbar altmodisches Motiv mit Pferden auf der Straße und Männern, die Hüte trugen, dazu irgendein offiziell aussehendes Gebäude. Alle hellen Bereiche, sowohl der Himmel zwischen den Gebäuden als auch das fahlere Grau der Bürgersteige, waren übersät mit auf dem Kopf stehenden Buchstaben, in einer Schrift schmaler als alles, was ich jemals von Nat gesehen hatte. Der Text quoll von der Rückseite herüber, wo sich von Rand zu Rand winzige – na ja, zumindest für Nats Verhältnisse winzige – Buchstaben drängten, wenn man von dem Kästchen mit meiner Adresse und dem kleinen Feld für die Briefmarke absah. Über einen Teil war ein Sticker mit einem Strichcode geklebt worden, aber es gelang mir, ihn vorsichtig abzuziehen, ohne dass etwas von der Tinte darunter abblätterte.

Wir steigen den Berg hinauf. Es gibt so viele von uns, dass sie uns bald nicht mehr ignorieren können, Mandy. Die indianischen Mädchen allein – nur die aus Vancouver und British Columbia – wären schon eine Armee, und dazu kommen noch so viele aus Kalifornien, so viele aus Ohio, so viele aus Michigan, wir sind von überall her, aus jedem einzelnen Bundesstaat. Jede von uns für sich ignorieren sie, mal war es eine miese Pille oder ein mieser Mann, mal sind wir ins falsche Auto eingestiegen, völlig egal. Aber zusammen, wenn man uns nicht voneinander trennt und isoliert betrachtet, sondern uns alle zusammen, sieht man, dass das nicht stimmt. Es ist viel größer. Bis gerade eben war mir das selbst nicht bewusst, Kleine Mandy. Ich dachte, es wäre mein Fehler. Ich bin so froh, dir das sagen zu können, damit du dich nicht mit diesen Gedanken belasten musst. Also wie gesagt, hier musste ich die Karte umdrehen, wir

steigen

den Berg hinauf. Wenn wir

herabkommen, wird es aufeine Weise sein,

die sie nicht ignorieren können.

Und bis dahin sind wir in Sicherheit.

Ich wünschte, es gäbe einen Weg für dich, hier zu sein, stand über den weitesten Teil des Himmels geschrieben, ohne diese Straße beschreiten zu müssen. Ich hab Dich lieb und vermisse Dich, Kleine Mandy.

Ich hatte sie gerade zu den anderen in meine Ausgabe von Betty und ihre Schwestern gelegt, als es an der Tür klingelte. Hätten sie nur eine halbe Stunde länger gewartet, wären mir die Tränen übers Gesicht geflossen und sie hätten vielleicht gewonnen. Aber als die Polizei draußen stand, konnte ich nur an eines denken: Verrate einem Cop niemals deinen Namen, Kleine Mandy!, und beherrschte mich. Ich nickte und machte sogar das Licht an, damit sie mich nicht für schrullig hielten, aber das ist nicht dasselbe. Und als sie mir den Ring mit der Schildkröte aus Onyxsplittern zeigten und mich nach Nat befragten, sagte ich, nein, meiner Schwester geht’s gut. Ich habe gerade eine Postkarte von ihr bekommen.

Originaltitel: Postcards from Natalie

Erschienen in The Dark 7/16 (Wiederveröffentlicht in The Year’s Best Dark Fantasy and Horror 2017) 

Übersetzung: Sebastian Rudolph

Max P. Becker – Strandpoesie

„I was standing outside myself trying to stop those hangings with ghost fingers … I am a ghost wanting what every ghost wants — a body — after the Long Time moving through odorless alleys of space where no life is, only the colorless no smell of death …”

William S. Burroughs: „Naked Lunch“– The Restored Text

Wenn sich auf seinen Wanderungen, die er in Einsamkeit verbrachte, ein herrlicher Anblick auftat, dachte er daran, wie viel Schönes in der Welt unentdeckt verweilte und recht tat er daran. All den Wucherungen und Verästelungen, den Gestrüppen, die die Kunst seit Jahrtausenden unerbittlich durch jedes wahrnehmbare Objekt trieben und die Augen wund machten, war nicht länger zu entkommen und doch –

Er hielt für einen Moment inne und lauschte der gedämpften Melodie eines Plattenspielers, die die Geräusche der Wellen überlagerte. War das die Stimme Eddie Cantors? Jedenfalls strömte die Musik, der Ruf der Zivilisation, getragen vom Ostwind, in den Wald hinein. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, schulterte seinen Rucksack und bewegte sich in die Richtung, aus der die Töne drangen. Obwohl sich seine Neugier in Grenzen hielt und er noch eine weite Strecke vor sich hatte, drehte er sich wie jemand um, der hinter sich unerwartet einen Mann oder eine Frau husten hörte.

In der Luft schwelte eine unergründliche Energie, ähnlich der vor einem Wolkenbruch. Es fühlte sich an, als könnte es jederzeit in Strömen regnen oder schneien oder hageln. Nichts dergleichen geschah: Durch die Baumkronen war keine einzige Unwetterwolke zu sehen – nur Grau. Die Sonne hatte am Tag nicht geschienen. Kein Vogel sang. Das Moos schluckte sämtliche Geräusche seiner Schritte. Über jede Wahrnehmung, jede Empfindung senkte sich eine unbeschreibliche Aura des Widernatürlichen.

Er hätte an dieser Stelle sicherlich merken können, dass etwas nicht stimmte, aber wie es so ist, lassen sich die ärgsten Zweifel hinter dem Schleier von Banalität und Ignoranz verbergen.

Da waren plötzlich Stechmücken neben ihm. Tausende, Zehntausende, vielleicht Hunderttausende – wer hätte sie zählen können? Er spürte sie um sich sausen, seine Haut streifen und seine Ohren mit ihrem Summen füllen, doch war er unfähig dazu, sie zu sehen. Vergeblich fuchtelte er in der Luft herum, dabei war da nichts – nichts Greifbares. Die eigenen Körperfunktionen waren ihm ein Orchester, der taktgebende Dirigent das Gehirn – pochpochpoch. Speichel sammelte sich auf seiner Zunge, sodass er alle paar Sekunden schlucken musste. Das Schmatzen, das er sich selber zuschrieb, war nicht seines (und gleichzeitig gehörte es keiner anderen Kreatur). Vor ihm tauchte ein Haus auf, ein gewöhnliches Ferienhaus, eines von der Sorte, welches sich an eine Düne schmiegte und für Familien gebaut wurden. Eine Schaukel, viel Sand, Rasen, Spielsachen und was sonst dazugehörte. Hinter der Düne ragte der unbestückte Wipfel eines Baumes hervor. Ein Drachen hatte sich darinnen verfangen, die abgerissene Schnur wehte im Seewind. Aus diesem Haus drang die Musik oder wenigstens: aus dieser Szenerie. Was das bedeutet? Beides war eines geworden.

Selbstverständlich schwitzte er am gesamten Körper. Seine Wanderungen waren immer lang und unerbittlich. Für Pausen hatte er meist keine Zeit. Heute jedoch schwitzte er nicht vor Anstrengung; Er schwitzte, weil seine Nerven blank lagen. Sie glichen einem aufgescheuerten Knie oder einer Platzwunde am Kopf. Diese Schmerzen gehörten mittlerweile nicht mehr ihm – nicht seit das Quietschen eingesetzt hatte. Wie all die anderen Geräusche hatte sich das Quietschphänomen verselbstständigt, brauchte keinen Körper, ohne Körper keine Seele, und es klang, wie zwei übereinander reibende reife Früchte. Die Tonhöhe variiert willkürlich. Doch das Scheußlichste daran war wirklich, dass die Quelle nirgends auszumachen war.

Ob er fliehen könnte? Wahrscheinlich nicht. Er folgte der Musik durch die offene Balkontür, um wenigstens diese Geräuschquelle zu eliminieren. Das mochte ihm helfen, um die restlichen Merkwürdigkeiten zu vergessen. Nach allem war das Haus erschreckend gewöhnlich. Bis vor Kurzem hatte eine Familie hier gehaust (oder tat sie es noch immer?). Da waren drei Paar Damenschuhe, ein Paar schlammverkrusteter Herrenschuhe und einige durcheinandergepurzelte Kinderschühchen. Von letzteren fehlte seiner Zählung nach einer, und dieses Detail ließ ihn zum ersten Mal gründlich erschaudern. Er wusste nicht warum, und der Grund lag letztlich auch nicht auf der Hand. Außer dieser Haushülse verwies hier nichts auf menschliches Leben. Im Flur waren einige Blätter in einer Reihe verstreut worden, und er bückte sich und erkannte, dass eine krumme Linie sie miteinander verband. Und irgendwie spürte er, dass die Stiftführung nicht die eines Kindes, sondern die eines Erwachsenen war. Dies war die Intuition eines gläsernen Gehirns, gegen das sein Seelenpendel geschlagen hatte. Weitere Blätter führten die Treppe hinauf. Er ignorierte sie und folgte der Spur ins Esszimmer.

Mittlerweile konnte er nicht mehr auseinanderhalten, ob die Stechmücken, das Schmatzen, das Quietschen oder sogar seine eigenen Körperfunktionen die Akustik beherrschten. Die Musik, ach ja, die Musik fiel ihm ein. Die konnte ebenfalls die Akustik beherrschen.

Das Esszimmer war verwüstet worden. Ohne den geringsten Zweifel hatte hier jemand den Verstand verloren. Dieses Chaos stammte nicht vom Wind, rührte von keinem Streit, nicht von den Kindern, einem Einbrecher und auch keinem Mörder – nur ein Irrer wütete auf diese Weise.

Er hielt sich den Kopf, der nicht länger Teil seines Körpers war, und fiel auf einen Stuhl. Danach zog er sich mit einer immensen Kraftanstrengung hoch, schließlich hörte er nachträglich das Geräusch seines Aufpralls auf die Sitzfläche.

Er lächelte mit offenem Mund; das Lächeln gehörte auch nicht mehr seinem Mund. Aber seine Augen blickten weiter für ihn, alle seine Sinne saugten die kosmischen Empfindungen um ihn herum auf, bis sein Organismus zwangsläufig zusammenbrechen würde. Davon ahnte er nichts, und ohnehin ahnte er kaum noch was. Er griff nach den vollgekritzelten Seiten auf dem Tisch, ohne zu wissen, ob die gewählte Reihenfolge tatsächlich stimmte. Einer geistlosen Eingebung folgend (einem logischen Schluss, wie ihn jedes Kind der Welt in seinem Leben kennengelernt haben wird), sortierte er sie nach der Lesbarkeit – die besser leserlichen vorne und das Gekrakel nach hinten. Einige besonders Unleserliche sparte er aus. Das letzte Blatt mündete in der krummen Linie, die sich auf den Blättern am Boden fortsetzte.

Im Strudel der unirdischen Phänomene begann er zu lesen:

Mir ist hier am Meer zum ersten Mal bewusst geworden, wie wenig ich fühle. Ich weiß zu sagen, was meine Familie sich erhofft, und weiß zu handeln, wie von mir verlangt. Den Augenblick, in dem ich mein Erlebnis am Strand zu Papier bringe, prägt das Bewusstsein, dass sich alles ändern wird. Ich erkenne, wenn ich aus dem Fenster spähe, die Lust, den Rausch, die Poesie, die mir nie zuteil geworden ist. All die HOHEN Gedanken. Mein Leben war profan. Das Tapsen und Kichern von Cat und Tammy beglückt mich nun mehr als meine Eheschließung. Meine reizende Frau Gertrude (die ich sehr, sehr, sehr liebe) küsste mir soeben auf meine beginnende Glatze (sehen wir den Tatsachen ins Auge – oder?) und ist auf dem Dachboden verschwunden. Elektrizität durchfährt all die Nerven und Fasern meines Körpers, damit mein Stift ein Fragment des Glücks auf ein weißes Stück Papier zu bannen fähig ist. Hier also kommt es, mein Stranderlebnis:

Die Fahrt zum Ferienhaus verlief nervenaufreibend. Die Mädchen scheuten sich vor keinem Streit, keiner Rangelei, keinem Ungehorsam, der ihnen über den Weg lief. Ungezogene Gören. Die Sonne prallte mit voller Wucht auf unseren Wagen, der Reifen rebellierte vor unserem Ziel, der Stress rieb uns alle auf. Stickige Luft. Schwüle Luft. Staub in der Luft. Cat schrie bei unserer Ankunft über ihre rotgeschwollene Wange und Gertrude schmollte und Tammy scheute keinen Streit, keine Rangelei – gehorchte jedoch. Ich verließ meinen Hühnerhof (jaha, wir Männer sind verdammt gerissen, was?) und stakste an den Strand. Ich kannte ihn seit meiner Kindheit: die streichelnden Dünen, die peitschenden Sandwehen, das Auf und Ab der Wellen. Ein Strand. Und hier ist, was ich meine: Früher war mir dieser Ort egal gewesen. Ich war Millionen und Millionen Male am Wasser spaziert, mit Schaufel und Eimer, mit Eiscrème und Matrosenanzug, mit Mamma und Pappa. Davon gibt es noch FOTOGRAFIEN! Warum zur Hölle bekam dieser Ort also heute erst seine Bedeutung?

Ich hasse es, wenn Menschen klagen (ich meine, man braucht nur Cats Wange zu sehen), ich hasse es wirklich. Manchmal treiben mich die Umstände zur Weißglut. Arme, arme Cat – wie weh es getan haben muss. Ich war mir verdammt sicher gewesen, richtig gehandelt zu haben, und trotzdem strömen mir Tränen aus den Augen. Was ein Versager, ein herzhafter Bastard, lernt von ihm, wie man im Leben versagt.

ICH HÖRE EURE SCHREIE. Alles in Ordnung. Ich führe dieses Dokument fort, nachdem wir unser Abendessen beendet haben. Sonst hören sie nicht auf – zu schreien.

Alle waren ruhig, yippi, wo war ich? Am Strand suchte ich mir ein Kliff, um eine Zigarette zu rauchen. Sie klebte in meiner schweißfeuchten Hand, und es fiel mir schwer, an ihr zu ziehen. Die salzige Luft nahm mir meinen Spaß. Aber da war noch mehr. In der Luft hing eine ungebündelte Kraft, eine knisternde Energie wie vor einem gewaltigen Sturm. Den Hühnerhof hatte ich vergessen. Niemand suchte nach mir. Ich übersah meine Möglichkeiten und gleichzeitig den Strand nach etwas, das mich aus meiner Not retten könnte.

Plötzlich bemerkte ich etwas Ungewöhnliches. Zehn Fuß vor mir stach ein auffälliger Gegenstand aus dem Sand hervor. Eine hohle Muschelschale, ein abgezogener Reifen, ein halber Picknickkorb – ich stützte mich vom Sandboden ab und verrenkte mir den Kopf, um den Unterschied auszumachen. Sobald ich merkte, dass der Versuch zum Scheitern verurteilt war, sprang ich auf und näherte mich dem fremden Treibgut. Der Wind blies mir einen durchdringenden Geruch entgegen, der mich an Spargelurin erinnerte. Bei dem Gegenstand handelte sich um ein unförmiges Objekt von dreizehn Zoll Durchmesser, das über und über von einem organischen Film wie Öl bedeckt war. Seine Ausmaße erinnerten an die Innereien einer Auster, durch die jemand schwarze Schläuche gezogen hatte. Die Proportionen waren kaum fassbar.

Weil es mir gefiel, stopfte ich es mir in den Mund und schlang es im Ganzen herunter.

Guten Morgen, Leichtmatrosen und unwillige Matronen, haha, die letzte Nacht hindurch erhitzte sich mein Magen, bis ich zum Fenster getaumelt war, um dort eine Zigarre zu paffen. Gertrude wachte nicht auf. Sie hätte sich gewundert, dass mein Bauch vollends aufgebläht war. Ich schriebe gern nieder, es läge am Pflaumenkuchen, den sie mir zur Entschuldigung gebacken hatte, fürchte jedoch, es könnte an dem Strandding, dieser Auster, liegen. Ich erinnere mich beim besten Willen nicht, weswegen ich es so eifrig verspeist habe. Juni da ist kein R, so sagt man doch, ist das gut oder schlecht? Lest die Buchstaben auf weißem Papier! Die Worte von Gestern beleuchten das Heute; das Wichtigste ist, sie nicht auszuradieren und dem Weiß preiszugeben. Ohnehin grenzt dies an Unmöglichkeit, weil ich den Bleistift mit meinem Füller nachgezogen habe und fortan mit Tinte schreibe. All die prallen Bildlichkeiten, Konstrukte, Aquädukte in Buchstaben repräsentieren meine herrlichen Wonnen. Ohne sie müsste ich mich schämen – was?

Zurück am Schreibpult. Ich habe nicht mehr dermaßen viel geschrieben, seitdem ich Gertrude meine Liebe gestanden habe. Was ein Unterschied dagegen meine jetzige Verfassung darstellt! Ich hing heute ungefähr dreimal über der Toilette und habe all die buschigen Pflaumenstückchen wiedergekäut. Mein Körper verdaut sie nicht. Das ist so eine Sache mit Pflaumenkuchen; man speist und speist und merkt gar nicht, dass man nichts mehr essen will. Die Auster hingegen blieb drinnen. Ich fühle wenig, sehr, sehr wenig. Ich mache einen Strandspaziergang.

Zurück. Unglaublich! Der Strand hat sich verändert. Ich bin bestürzt und muss meine Gedanken in Worte fassen. Obwohl der Himmel matt und grau verhangen war, stahl sich in jedes Sandkorn, jeden Tropfen Gischt, jede Facette eine Pracht, welche einen besseren Künstler als mich auf ewig zum Schweigen brächte. Meine Beine stolperten über die glasigen Dämpfe, unter denen zahllose Farbenspiele flammten. Tupfen, impressionistische Striche, schallende Kontraste erstreckten sich zu meinen Füßen, ein Reich der Sinnlichkeit, erblickt von einer SINNLOSIGKEIT. Ich bin zurückgerannt und habe den Mädchen verboten, zum Strand zu gehen. Sie sind nicht reif genug, um eine solche Pracht zu schauen. Gertrude ist aufgebracht, weil sie wissen will, was los ist. Ich führe sie an den Strand.

Hier bin ich. Jeder Absatz ist eine neue Welt. War ICH das, der schreibt? Ich glaube, die Welt steht Kopf. Cammy und Tat spielten am Baum, hatten ihren Drachen gut geschreddert verheddert. Die Hühner haben eine Leiter gebaut und wären fast in die Dünen gekracht. Pah! Gertrude wäre außer sich gewesen. Sie schläft –! Die Auster hat ihr gemundet. Ich glaube nicht, dass die Polizei kommt oder irgendwer. Was wäre die Welt ohne unerhörte Dinge! Der Drachen ist verloren. Um zu verstehen, dass niemand uns hier schreien hört, müssten wir zwanzig Meilen zur Telefonzelle. Nicht mit mir. Nicht mit mir. Nicht m

Ich habe keinen Schimmer, woher es ursprünglich kam. Ich habe es mich damals nicht gefragt und ich frage es mich heute nicht. Irgendetwas stimmt nicht mit meinem Körper. Ich wache im Sand auf und realisiere, dass mir der Wind die Haare von den Armen und Beinen weht. Sie gehören mir nicht mehr. Mir ist heiß und schwül und die Kinder essen keinen Bissen. Catty und Tam springen um den Tanzbaum herum, der sie an roten Schnüren hält. Wir stammen allesamt aus Mutter Naturs Bauch, der ganze Hühnerstall, keine Wahl, das zu leugnen. Glaubt ihr mir nicht? Wenn ich fresse, ist das mein gutes Recht. Wen ich fresse

Gertrude nimmt die Kinder mit, ein neuer Morgen, der Strand ist voll von den Austern, Thanksgiving kann kommen. Werte Traditionen, alles viel Ge-

schrei ohne Bewandtnis. Was ist, wenn ich einen Fehler gemacht habe? Wir lesen jeden Abend unsere Tagebücher. Wer das Schönste hat? – Das ist Gertrude! Eine Frau mit Gespür für Poesie! Sie führt die Kinder auf blutroter Seide und ich muss an Cheruben einer Deckenmalerei denken, die um eine Wolke wimmeln. CAPRICCIO! Die Seidenstränge werden fester und ziehen sie näher an den Galgen. Neben den Drachen. Es ist noch nicht soweit. Ich vergesse zu schreiben, Zeit fließt, Gedanken auch, ich bin jemand anderes. Da ist das Haus, die Stühle, die Betten, das Pferd, das Geschirr, diese Blätter, die tropischen Wälder, der Nebel, das Fressen, Worte, Gedanken, Lichter, Ängste, Hoffnungen, Gläser und das, woraus Augen gemacht werden, und alles ist aus DEMSELBEN Material geschaffen. Ich weiß nicht, ob ich heute Nacht schlafen möchte.

Die Kinder schreien seit Mitternacht sie lachen seit dem Morgen sie schweigen seit Mittag. Sie verstehen nicht, aus welchem Stoff Albträume gemacht sind, und deswegen sind sie an den Strand geschickt worden. Warum bläst der wilde Westwind – thou breath of Autumn‘s being – den Geruch von Unzucht in mein Ohr, wenn ich doch weiß, dass ich ihn nicht mehr von meinem eigenen unterscheiden kann? Ich weiß, dass ein Fehler vorliegt ich weiß, dass die Welt voller Fehler ist und

ICH WEIß

Schluchzt ein schwarzgefleckter Tiger, könnte es nicht trauriger klingen als meine liebe Liebste. Zum Abend hin ist mein liebes Kind verstorben. Das Herz hat aufgehört zu schlagen. Ihr Gesicht war purpurn und die anderen VERÄNDERUNGEN zu viel. Ich spüre, wie sich die Organisation meiner Organe die ORGAN-isation verschiebt und dagegen wehre ich mich, ich bin zum Strand geschlichen, um nicht von den körperlosen Mäulern verhöhnt zu werden, ich habe am Strand erst einmal Elliot, den ich über alles verabscheue, Pound, den ich über alles fürchte, und ein eigenes Gedicht vorgetragen und ich weiß, dass mir Ruhm für jedes der Gedichte zusteht die Vereinigung

von Gedanken ist von der Verfasserschaft nicht genügend erwogen worden

Oooooooooooooooooooo ich habe ihnen stattdessen einen Schuh geopfert

Im Grunde ist nichts wirklich Schreckliches geschehen. Die Ferien sind noch nicht vorbei. Meine Frau liegt in den Wehen ich werde an ihnen sterben. Ich bezweifle, dass die Austern für uns gedacht waren. Jemand anderes hat sie weggeschmissen.

Impressionen eines Schundschreibers: Alles zerfließt zu Tinte. Die Tinte schimmert wie Öl. Ich kann keine Möbel mehr verrücken, weil sie festgewachsen sind mit der Szenerie festgewachsen sind. Der Leim in der Tapete schlägt Wellen. Es ist zu heiß geworden. Das Dröhnen raubt uns den Schlaf. Meine Frau ist wütend auf mich. Sie will von hier fort, aber sie kann sich nicht mehr vom Bett fortbewegen. Ich glaube, das Tödliche liegt in der Luft. Das alles ist die Verschwörung unserer Sinne. Ich habe keine Haare mehr. Ich kann sie nicht finden. Ich schlafe manchmal am Strand, manchmal bei ihr. Sie schreibt jetzt mit links. Am Morgen pflücke ich die Austern von meiner Haut. Es tut meinen Nerven nicht weh.

Wie ich aussehe: haarlos, aderndurchzogen, verschoben, purpurn, wohlgenährt haha, Augen Nasen Mund, weiche Knochen, dehnbare Haut, die Stirn eines Dichters! Meine Feuchtigkeit zieht sich nach innen zurück, auch die Haare wachsen nach innen, denn die Luft ist schwül und giftig. Ich weiß nicht, wohin das hier füh

Was frisst sich selber auf? Wenn ich etwas dermaßen Erhebendes sehe, scheint mir, viel Schönes bleibe unerkan unentdeckt schrecklich ist was absichtlich Fehler zeugt meine frau (gertrude die ich sehr liebe) liegt im bett fiebert zunge abgebissen krämpfe husten gesang bei ihr ist es am schlimmsten ich habe mir angewöhnt das Fenster zuzumachen denn

Wie es sich anfühlt ich zu sein:

An dieser Stelle mündeten die Seiten in der krummen Linie. Der Verfasser hatte sich die Mühe gemacht, die Linie sorgfältig über mehrere Blätter weiterzuführen und die Blätter im Anschluss bis zum Flur zu verteilen.

Der Lesende knüllte den Papierstapel zusammen und warf ihn in eine Ecke. Ihm kam eine letzte Idee – über das eigenlebige Tönen der Szenerie – und er wuchtete sich vom Stuhl. Die Schwingungen in der Luft erinnerten ihn an Oboen und Geigensaiten im unsinnigen Widerspiel mit Eddie Cantors Stimme, der klang wie die blecherne Stimme eines Propheten. Dies alles war subjektiv und doch intersubjektiv. Nach seiner Flucht benötigte er einen Beweis, ein Dokument – irgendetwas Stichhaltiges, das ihn an die Strapazen dieses Phänomens erinnern würde. Er kniff das linke Auge zu, welches feucht geworden war, als hätte ihm jemand Salz ins Gesicht gehaucht. Eine seiner Adern, eine derer, die sich durch seinen gesamten Leib zog, brannte. Seine Nerven sandten unter der atmosphärischen Last Notsignale. Weil alles vibrierte, lockerten sich seine Zähne, seine Nägel, aber noch fiel ihm nichts aus. Die Beine bleiern, der Schädel leer, die Finger zittrig, bückte er sich nach den zerknüllten Seiten in der Ecke und schreckte mit einem lautlosen Schrei zurück, sobald er spürte, dass die Ecke sie nicht länger hergab.

Ralf Kor – Schattensaiten

Mit nachdenklichem Blick betrachtete Pascal die zahlreichen, auf Kopfhöhe hängenden Geigen. Könnte eines dieser sündhaft teuren Instrumente ihm helfen, die Anerkennung seines ständig abwesenden Vaters zu erlangen?

„Diese drei haben wir vor wenigen Tagen erst reinbekommen“, erklärte Vincent Brinkmann, Inhaber von Brinkmanns klassische Instrumente mit bester Lage in der Münsteraner Altstadt, und wies auf drei spiegelnde Violinen aus poliertem Fichtenholz.

Pascal schüttelte den Kopf und sah zu Brinkmann herab. „Nein, die ganzen neuen Instrumente wollen mir nicht zusagen. Weißt du, Vince“, duzte er den Verkäufer geflissentlich, „ich suche etwas wirklich Altes. Es muss nach Geschichte, nach Vergangenheit klingen.“

„Natürlich, das kann ich nachvollziehen“, sagte Brinkmann mit gefalteten Händen. „Die alten Instrumente sind ohne Frage die Besten.“

Pascal sah den Verkäufer geringschätzig an. „Ich denke, es bleibt bei den neuen Saiten und dem Bogen.“

„Gerne, Herr Brauner. Folgen Sie mir bitte zur Kasse.“

Pascal folgte Brinkmann durch den Verkaufsraum. Im Vorbeigehen glitt seine Hand über den schwarzen, polierten Lack eines Klaviers. Vor seinem geistigen Auge sah er die feingliedrigen Finger seines Vaters über die Tasten huschen, um Chopins Trauermarsch zu spielen. Er seufzte leise.

Brinkmann, ein guter Beobachter, entging die Geste nicht. „Ein edles Instrument, nicht wahr? Aber kein Vergleich zu dem Flügel, den Ihr Vater neulich bei mir erwarb. Wie geht es ihm eigentlich? Haben Sie das Weihnachtsfest feierlich begangen?“

„Er wurde über die Feiertage in Dresden gebucht“, antwortete Pascal mit einem bitteren Unterton in der Stimme.

„Oh …“

Der Ladenbesitzer schwieg einen Augenblick und ergänzte dann unsicher: „Immerhin blieb Ihnen ja noch das Neujahr.“

„Da gab er ein Konzert für eine Gesellschaft.“ Pascals Gesicht verdüsterte sich.