Zwischen Baum und Borke - Klaus Zander - E-Book

Zwischen Baum und Borke E-Book

Klaus Zander

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Beschreibung

Die meisten Flüchtlinge waren erst nach Kriegsende in Schleswig-Holstein eingetroffen. Sie hatten dort die Einwohnerzahl so stark ansteigen lassen, dass auf vier Einheimische drei Flüchtlinge kamen und viele von ihnen blieben, bis in den 50er Jahren die großen Umsiedlungsaktionen nach Westdeutschland einsetzten. Hier wird von den Menschen und ganz besonders von den Kindern erzählt, die im Juli 1946 mit ihren Müttern, als Flüchtlinge nach Süderbrarup in Schleswig-Holstein kamen. Wegen der bedrückenden Wohnverhältnisse in den Lagern und zugewiesenen Zimmern konnten die Kinder der Flüchtlinge meistens nur draußen spielen. Aber auch da lagen sie ständig auf der Lauer um etwas zu ergattern, dass ihnen und ihren Müttern das Überleben erleichtern würde. Ob bei der Kohle oder den Briketts nachgeholfen wurde, damit sie von den Zügen fallen oder wenn Zuckerrüben oder Kartoffeln auf dem Bauernhof vom Wagen stibitzt, wurden, wobei der stets wachsame Hofhund geschickt abzulenken war, stets vermischte sich ihr Überlebensdrang mit Abenteuerlust und ganz normalen kindlichen Verhaltensweisen. In diesem Zwischenraum von Spielen, Neugier, Vergnügen, Abenteuer und Not spielte sich ihr Leben ab. Die Wiederaufnahme des Schulbesuchs, zusammen mit den einheimischen Kindern, sorgte dann für etwas Normalität. So erlebten sie, nach all dem Schrecken doch noch eine Kinder- und Jugendzeit in dem noch dörflichen Charakter des Ortes, der alles was sie durchgemacht hatten, in eine unwirkliche Ferne rückte. Für sie waren die Feste, wie Kindergilde mit Kuchenessen und Tanz oder der Weihnachtsbasar im alten Anglerhof mit Varieté, jetzt ein wichtiger Mittelpunkt des Jahres geworden. Das Baden in Bächen, moorigen Gewässern und in der Schlei, war das schiere Sommervergnügen. So könnte man nach Art einer " Sentimental Journey " noch viele unwiederbringliche Momente aufzählen. Auch davon wurden alle, die hier ankamen geprägt, das nahmen sie mit, wohin sie auch später gingen.

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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2015

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- Es roch hier sogar wie früher, also kein Brandgeruch und keine Moderluft aus den Kellern der Ruinen, dafür frische Landluft und der unverkennbare Geruch von in Betrieb befindlichen Küchenherden. Er stellte sich vor, dass auf den Tischen jetzt eine Schüssel mit dampfenden Stampfkartoffeln und mit Speck durchsetzter Einbrenne stand und er wäre dabei beinahe gestolpert.

- Durch ihre Erlebnisse hatten sie alle ein Stück ihrer Kindheit verloren und waren viel zu früh, zu kleinen Erwachsenen geworden. 

Zusammen mit den Einheimischen erlebten die Flüchtlingskinder nun die Nachkriegszeit in der Landschaft Angeln in Schleswig-Holstein.

Hier wurde ihnen, nach all dem Schrecken, doch noch eine Kinder- und Jugendzeit zuteil, in welcher sie vieles geschehene vergessen konnten.

Das auf der Umschlagseite dargestellte Foto zeigt den Marktplatz in Süderbrarup mit der Volksschule im Hintergrund. Dies war auch der Ort, wo viele Erlebnisse der Kinder stattfanden.

Inhaltsverzeichnis

Die Vorgeschichte
Die Kinder
Die Ankunft
Ihr erstes Quartier
Der Schaumlöffel
Die Volksküche
Der neue Mittelpunkt
Die Mittagesser
Edith, die Tischnachbarin
Mehr als nur Essenausgabe
Eine Wandzeitung
Rote Falken in der Volksküche
Die Gartenlaube
Das Flüchtlingslager im Anglerhof
Im großen Saal
Die Freiluftküche
Der Drang zur Sauberkeit
Das Nachtkonzert
Ährenlesen
Der Schulbeginn
Die Mitschüler
Das Kriminalstück im Saal
Von der Baracke ins Empfangszimmer
Gespräche in der Baracke
Herr Rahn
Das Mädchen und die Jacke
Eigen Herd ist Goldes wert.
Die vergebliche Vorstellung
Das Empfangszimmer der Fotografin
Häuslich Sanitäres
Die Kalamität, der erste Winter
Schnee und Kälte.
Die Lektüre an der Wand.
Die Eishöhle.
Es stirbt ein Baby.
Not macht erfinderisch.
Schlittenfahrten
Winter am Thorsberg.
Das Winterende
Der Stillstand
Der Wiener Kurier
Das Radio
Die Gestrandeten
Das Mütterproblem
Die Währungsreform
Die Wahlen
Treckfantasien
Noch einmal davon gekommen
Begegnungen mit Dr. Brackmann
Die Praxis
Ein neues Zimmer und TB-Verdacht
Bauchschmerzen der bisher unbekannten Art
Rheuma oder was?
Vergnügliches
Die Kinogänger von Berg's Filmpalast
Kino im Angler Hof
Die Kindergilde
Der Brarupmarkt
Alle Jahre wieder
Ein Bazar zu Weihnachten
Wo ist hier was los ?
Fußball
Die Angler
Die Badefreuden am Thorsberg
Der Heidberg
Hinterm Güderotter Wald
Auf nach Lindaunis
Die Aquarianer
Die Maler
Querfeldein.
Lerchenfeld
Lerchenfeld Gewässer
Das Heidbergrevier und die Oxbek
Der Westen
Die Westenstraße
Die Probleme des Wohnungsamtes
Wieder Herr Rahn
Alltag in der Westenstraße
Die Volksschule.
Die Klassenräume
Herr Johannsen
Herr Fiedler
Herr Bilet
Herr Hinz
Religion in der Schule
Schlussstrich
Die Konfirmation
Das Schulende naht.
Letzte Tage in Angeln
Ablenkungsversuche
Der lange Abschied

Die Vorgeschichte

Die meisten Flüchtlinge waren erst nach Kriegsende in Schleswig-Holstein eingetroffen. Sie hatten dort die Einwohnerzahl so stark ansteigen lassen, dass auf vier Einheimische drei Flüchtlinge kamen und viele von ihnen blieben, bis in den 50er Jahren die großen Umsiedlungsaktionen nach Westdeutschland einsetzten.

Das Thema wird heute meistens als erledigt abgehakt, obwohl sich das nur darauf beziehen kann, dass die meisten von ihnen mittlerweile verstorben sind.

Sich selbst auf die Schulter klopfend, wird diese Zeit heute meistens als gelungene Integration bezeichnet. Das wurde damals keineswegs so gesehen. Bestenfalls kann man heute rückblickend bestätigen, dass man miteinander auskam, ohne dass der teilweise offene Hass der ihnen entgegenschlug, Gewalt auslöste.

Wobei ihre persönlichen Geschichten sicher an allen Orten anders waren. Diese hier beginnt in Süderbrarup, einer Gemeinde im nördlichsten Teil Schleswig-Holsteins, in der schönen Landschaft Angeln, nahe der Ostsee.

Auch hier steht das Thema dieser Flüchtlinge heute natürlich nicht mehr im Mittelpunkt, obwohl sie für die Zeitgenossen, Flüchtlinge wie Einheimische, prägend waren. Aber selbst in der aktuellen Ortschronik wird darauf nicht besonders tiefschürfend eingegangen. Sie werden zwar erwähnt, aber ohne besondere Teilnahme, was angesichts der allgemeinen Tendenz auch nicht zu erwarten ist. Im Ortsbild deutet nichts mehr auf die großen Lagerkomplexe hin, die es hier einst gab, kein Hinweisschild oder Ähnliches gibt darüber Auskunft.

Ihr damaliges Erscheinen auf der Ortsbühne wird häufig nur noch als eine lästige und überstandene Episode der Geschichte angesehen, die man bald vergessen möchte, was auch verständlich ist.

Die Flüchtlinge kannten bei ihrer Ankunft meistens nur noch zwei Gefahren, den Hunger und im Winter die Kälte. Und damit wurden sie zu Konkurrenten der Einheimischen, da es für beide Gruppen um das gleiche Stück Brot auf den Lebensmittelkarten und das gleiche Dach über dem Kopf ging.

Die Bauern unter den Alteingesessenen, die man auch Selbstversorger nannte, brauchten keine Lebensmittelkarten. Und das waren in dem Agrarland Schleswig-Holstein nicht wenige und die meisten Einheimischen hatten natürlich ihre gewachsenen Beziehungen zur Verwaltung, welche die Einweisung der Flüchtlinge in Wohnraum realisieren sollte. Was aber wegen des wachsenden Widerstandes und mangels Masse oft erschwert wurde, sodass sich über viele Jahre ein Lagerleben etablierte. Damit konzentrierte sich das ganze Elend der Zeit auf die Flüchtlinge.

Nun gab es im Norden von Schleswig-Holstein noch etwas, was über die „normale“ Rivalität zwischen diesen konkurrierenden Bevölkerungsgruppen hinausging. Das war die dänische Minderheit. Diese wollte, offenbar ermutigt durch das Beispiel der Polen, die ihre Grenze nach Westen bis zur Oder verschoben hatten, ebenfalls gerne die dänische Grenze nach Süden bis zur Eider verschieben. Danach sollten alle Flüchtlinge ausgewiesen werden.

Die fast täglich neu hinzu Kommenden waren dafür natürlich hinderlich, sodass ihnen Ablehnung und Feindseligkeit entgegenschlug. Eben waren sie noch in ihrer Heimat verfolgt worden, weil sie deutsche waren und jetzt wurden sie hier deswegen erneut infrage gestellt. Sie saßen also wieder zwischen Baum und Borke.

Die Neuankömmlinge entstammten verschiedenen Flüchtlingswellen. Mit Schiffen oder auf dem Landweg waren die Ersten, meist unter dem Beschuss der heranrückenden Front, noch vor Kriegsende angekommen. Die Nächsten kamen direkt aus dem unmittelbaren Frontgeschehen und dann jene die man den so genannten „wilden“ und zum Schluss, die man den „regulären“ Vertreibungen zurechnete.

Sie alle mussten noch die Erlebnisse von Kampfhandlung, Plünderung und Exzessen verarbeiten, bevor sie in Schleswig-Holstein eintrafen. Was immer man hier mit Worten erklären wolle, es würde nicht reichen.

Hinzu kamen noch die Soldaten, die in Schleswig-Holstein in Gefangenschaft geraten waren und die nicht wieder in ihre mittlerweile von Russen und Polen besetzte Heimat zurück konnten.

Die ersten der Flüchtlinge konnten noch die schon vorhandenen Baracken der Wehrmacht und des Reichsarbeitsdienstes benutzen. Die später kamen wurden dann in Schulen, Säle von Gaststätten oder auch zwangsweise in Privaträume von Einheimischen untergebracht.

Viele waren traumatisiert und mussten jetzt versuchen unter Umständen weiterzuleben, die für sich alleine schon schwer waren. Das sie nicht willkommen waren wussten sie und dies bedrückte sie noch zusätzlich. Das war der Boden, das Substrat, auf dem sich dann alles Weitere entwickelte.

Die Kinder

Hier wird von den Menschen und ganz besonders von den Kindern erzählt, die im Juli 1946 mit ihren Müttern, als Flüchtlinge nach Süderbrarup in Schleswig-Holstein kamen.

Kinder haben es manchmal etwas leichter, weil vieles von den Alltagssorgen bei den Erwachsenen verbleibt. Aber durch ihre gemeinsamen Erlebnisse hatten sie alle schon ein Stück ihrer Kindheit verloren und waren dadurch viel zu früh, zu kleinen Erwachsenen geworden.

Es werden hier nur beispielhaft, die Erlebnisse von Klaus erzählt, der mit seiner Mutti seit dem Einmarsch der Russen in Pommern, eine Überlebensgemeinschaft gebildet hatte.

Sie hatten beide alles überlebt, wenn auch mit vielen Narben und Schrammen. Er kam als neunjähriger nach Süderbrarup und ging als sechszehnjähriger ins Rheinland. Über diese Zeit wird hier erzählt, aus der Froschperspektive des heranwachsenden Flüchtlingsjungen.

Wegen der bedrückenden Wohnverhältnisse in den Lagern und zugewiesenen Zimmern konnten die Kinder der Flüchtlinge meistens nur draußen spielen. Aber auch da lagen sie ständig auf der Lauer um etwas zu ergattern, dass ihnen und ihren Müttern das Überleben erleichtern würde. Ob bei der Kohle oder den Briketts nachgeholfen wurde, damit sie von den Zügen fallen oder wenn Zuckerrüben oder Kartoffeln auf dem Bauernhof vom Wagen stibitzt, wurden, wobei der stets wachsame Hofhund geschickt abzulenken war, stets vermischte sich ihr Überlebensdrang mit Abenteuerlust und ganz normalen kindlichen Verhaltensweisen. In diesem Zwischenraum von Spielen, Neugier, Vergnügen, Abenteuer und Not spielte sich ihr Leben ab.

Schon nach kurzer Zeit fanden sich wieder ganz automatisch gleichaltrige Kinder, meist Jungs, zusammen. Während sie früher den lästigen HJ-Streifen ausweichen mussten, die jedes Untätige herumlungern, wie sie es nannten, unterbinden wollten, konnten sie sich jetzt ungehemmt bewegen. Diese Selbstständigkeit waren sie gewöhnt, da sie doch schon nach Kriegsende oft entscheidend mit fürs Überleben der Familie gesorgt hatten, denn ihre Mütter konnten sich aus berechtigter Furcht vor schlimmsten Belästigungen kaum an die Öffentlichkeit trauen.

Dieses „zusammen cliquen“ der Flüchtlingskinder, wie Mutti es nannte, erfolgte zunächst nur, um zu erkunden, wo es etwas gab, das den täglichen Speiseplan ergänzen konnte. Später suchte man sich zusammen auch anderweitig zu beschäftigen, um nicht vor Langeweile, wie Georg Koppitsch es nannte, zu versauern. Denn es gab am Ort nichts, was man auch nur im entferntesten als ein Angebot zur Freizeitgestaltung, wie man es heute nennen würde, ansehen konnte. Sodass alle auf sich und ihrer eigenen Fantasien angewiesen waren. Da dies ein allgemeines Problem war, zog die Clique der Flüchtlingskinder natürlich auch einheimische Kinder an.

Die Wiederaufnahme des Schulbesuchs, zusammen mit den einheimischen Kindern, sorgte dann für etwas Normalität. So erlebten sie, nach all dem Schrecken doch noch eine Kinder- und Jugendzeit in dem noch dörflichen Charakter des Ortes, der alles was sie durchgemacht hatten, in eine unwirkliche Ferne rückte.

Für sie waren die Feste, wie Kindergilde mit Kuchenessen und Tanz oder der Weihnachtsbasar im alten Anglerhof mit Varieté, jetzt ein wichtiger Mittelpunkt des Jahres geworden. Das Baden in Bächen, moorigen Gewässern und in der Schlei, war das schiere Sommervergnügen.

Es gab noch die mit allen Sinnen wahrzunehmenden Naturwunder. Die zu jeder Tageszeit anders duftenden Wiesen. Das unverwechselbare Geräusch der Himmelsziegen in der Dämmerung, das Glocken Geläute der über einen niedrig Hinweg streifenden Wildenten, das Kiebitzgeschrei in den Feuchtgebieten, die blühenden Knabenkrautwiesen und das toben auf den nach einem Sommergewitter überfluteten Wegen und Straßen.

So könnte man nach Art einer „ Sentimental Journey „ noch viele unwiederbringliche Momente aufzählen. Auch davon wurden alle, die hier ankamen geprägt, das nahmen sie mit, wohin sie auch später gingen.

Die Ankunft

Der Zug hatte schon längere Zeit seine Geschwindigkeit spürbar verringert und hielt schließlich mit quietschenden Bremsen an. Seit sie in Bad Segeberg eingestiegen waren, wo sie aus Stettin kommend, eine Nacht in dem englischen Lager übernachten durften, hatte es nur kurze abrupte Halts auf offener Strecke gegeben. Jetzt spürten alle, dies war die Endstation. Sie waren am Ziel.

Auf einem sichtbar werdenden Stationsschild konnte man trotz der abgeblätterten Farbe, den Namen Süderbrarup entziffern. Wie aber die Sprechübungen der Mitreisenden es bezeugten, bereitete der Name pommerschen Zungen einige Probleme.

Ihr erstes Quartier

Es war nur ein kleiner Bahnhof mit einem grünen Sperrenhäuschen, durch dessen schmalen Durchlass sich nun die Flüchtlinge mit ihren Rucksäcken und Bündeln quetschten. Vor dem aus gelben Ziegeln bestehenden Gebäude verlief eine ungepflasterte aber saubere Straße. Überhaupt wirkte hier alles sauberer, als alles was die ankommenden seit Langem gewohnt waren. Oma sagte auf seine staunenden Blicke hin, so sah es bei uns in Friedenszeiten auch aus, so als wollte sie ihn ermahnen nicht zu vergessen, dass es zuhause auch schön gewesen war.

Der Bahnhofsvorplatz war ungepflastert aber mit einer losen wie glatt gewalzten Steinschicht belegt. Ein Blick auf diese Steine ließ Klaus stutzen und er hob einige auf und besah sie gründlich. Sie wirkten wie zersplittert, mit Farbnuancen auf den glasigen Bruchflächen von Grünlich bis Gelblich. Zuerst dachte er, es wäre Horn oder Bernstein, aber er verwarf es bald.

Es waren die dort sehr häufig vorkommenden Flintsteine, die ihm aufgefallen waren, aber Mutti bedrängte ihn mit der Spielerei aufzuhören, wie sie es nannte, da sich jetzt alle in Bewegung gesetzt hatten, weil sie offenbar ihrer neuen Bleibe zugeführt werden sollten.

Die familieninterne Marschordnung ging üblicherweise so, dass Klaus zwischen Mutti und Oma ging und außen die beiden Tanten, denn häufig war von der Miliz eine Fünferreihe vorgeschrieben worden, da diese von ihnen leichter zu kontrollieren war.

Aber eine Miliz gab es hier nicht. Deshalb hielt er diese Regelung für mehr als unnötig. Jetzt brauchte Mutti nicht mehr Angst haben, dass er verloren geht oder dass ihm was passiert, dachte er. Deshalb schob er sich langsam aus der Mitte der Marschkolonne an deren Rand vor und ging schließlich ohne Einwand oder Protest, fröhlich gestimmt an der Seite mit.

Sie gingen eine stille und beidseitig mit hohen Bäumen bestandene Straße entlang. Fahrzeugverkehr war hier anscheinend nicht zu erwarten und der dahin strömende Zug der Flüchtlinge füllte die ganze Straßenbreite aus.

Er wusste nicht, was es für ein Wochentag war, die Bürgersteige waren mit einem Muster im Boden sauber geharkt und der Blick in die Vorgärten mit in den Haustüren stehenden Menschen versetzte ihn in eine sonntägliche Stimmung, obwohl die Distanz mit der sie zu ihnen herüberblickten, spürbar war. Es war friedlich, beinahe so wie früher in Stolp und es hätte gepasst, wenn ihn Oma jetzt plötzlich zum Essen reingerufen hätte.

Es roch hier sogar wie früher, also kein Brandgeruch und keine Moderluft aus den Kellern der Ruinen, dafür frische Landluft und der unverkennbare Geruch von in Betrieb befindlichen Küchenherden. Er stellte sich vor, dass auf den Tischen jetzt eine Schüssel mit dampfenden Stampfkartoffeln und mit Speck durchsetzter Einbrenne stand und er wäre dabei beinahe gestolpert. Ein Blick zur Seite, wo die anderen die Straße entlang trotteten, beendete seine Träumerei und konfrontierte ihn wieder mit der Wirklichkeit.

Und dann war man plötzlich am Ziel angekommen, es war eine Schule.

Auf dem Platz davor versammelt sich alle und hörten wie ein kleiner gemütlich aussehender älterer Herr, der ihnen als Bürgermeister vorgestellt wurde, eine längere Rede hielt, die Klaus zum größten Teil nicht verstand. Er wies eindringlich darauf hin, dass die Familien zusammenbleiben müssten, damit sie bei der gleich erfolgenden Zuweisung der Schlafplätze nicht getrennt würden, und danach würden Essensmarken für die Volksküche ausgegeben. Das machte ihn munter, zumal ihn Mutti mit dem Ellbogen anstieß, um ihn zum Zuhören zu animieren und am Einschlafen zu hindern, denn dass konnte er auch im Stehen, wenn er sich bei Mutti oder Oma anlehnte.

Man wies ihnen Klassenzimmer zu, in denen schon portionierte Strohhaufen bereitlagen, auf denen sie sich niederlassen konnten. Ans Kopfende kam wie üblich das Gepäck.

In jedem Raum gab es Platz für ungefähr dreißig Personen. Klaus bekam mit Mutti einen Schlafplatz in der Nähe der Tür, neben einem Waschbecken zugewiesen. Dieses war allerdings ohne Funktion, sodass eine feuchte Überraschung nicht zu erwarten war, denn man hatte in der Schule das Wasser abgestellt. Der Grund waren die kleinen Trinkbrunnen, die überall auf den Fluren installiert waren. Diese waren sofort von allen Kindern ausprobiert worden, auch von Klaus. Sie hatten sich mit Wasser bespritzt und der Fußboden war etwas nass geworden. Die Reaktion darauf war das sofortige Abstellen des Wassers, begleitet von einem strengen Verweis in einer gestelzt klingenden Sprache, der sie etwas erschrecken ließ.

Der Schaumlöffel

In der Nähe der Mittelschule, der derzeitigen Behausung der Flüchtlinge, befand sich der Marktplatz.

Dieser war bei den baldigen Erkundungen der Kinder, an den sich Klaus natürlich sofort beteiligte, bald entdeckt. Der Platz stellte sich ihnen als eine riesige rechteckige und ungleichmäßig begrünte Fläche dar. Eine Seite entsprach der Länge von mindestens zwei Fußballfeldern. In der Mitte, etwas abseits eines Trampelpfades, der offenbar schon seit Generationen als Abkürzung über den Platz genutzt wurde und bereits vollkommen ausgetreten war, befand sich in einer Baumgruppe eine großzügige Toilettenanlage, wodurch klar wurde, dass hier auch wichtige Veranstaltungen stattfanden.

Wie ihnen die Leute im Dorf später erzählten, hätten hier früher die Bauern der Umgebung ihre Kartoffeln, Gemüse, Butter, Eier, Käse, Speck verkauft. Das hörte sich für Klaus zu fantastisch an, obwohl er aus Erzählungen von den Omas schon gehört hatte, dass so etwas früher durchaus üblich war. Jetzt, in der letzten Juliwoche des Jahres, fand hier etwas ganz besonderes statt und das war wie schon seit hunderten von Jahren, der Brarupmarkt. Mitteilsame Einheimische, die das Erstaunen der Kinder bemerkt hatten, erzählten ihnen, dass dies in Friedenszeiten der größte ländliche Jahrmarkt von ganz Schleswig-Holstein wäre. Auf dem Platz seien früher noch viel mehr Buden, Karussells gewesen und in Festzelten hätte Musik gespielt und dort wäre gefeiert worden. Das war für die Kinder eine sehr sympathische Neuigkeit, welche ihnen ihre neue Heimat sofort in ein erfreuliches Licht rückte.

Die ganze Größe des Marktplatzes war für die Kinder nicht deutlich erkennbar, denn selbst die wenigen Buden und Karussells verhinderten den Überblick. Alle waren begeistert und sie wanderten lange wie betäubt und ratlos zwischen den Buden und Fahrgeschäften umher. Solche Karussells und diese Losbuden mit den merkwürdigen und leider völlig unpraktischen, weil ungewohnten Spielsachen, und diese Stände mit den unbekannten Süßigkeiten hatten, sie zuvor noch nie gesehen und auch noch nie davon gehört. Für sie war das wie ein Schaufenster, an denen man sich beim Betrachten der dahinter ausgebreiteten Herrlichkeiten, die Nase plattdrückt und dann ob des unerreichbaren, seufzend weitergeht. Ermüdet von den Eindrücken gab Klaus schließlich auf. Es zog ihn zurück, dahin wo Mutti auf ihn warten würde und wo auch Oma und die Tanten waren.

Vor der Schule spielten ein paar Mädchen auf dem Bürgersteig Himmel und Hölle und eine auffallend gut aussehende Frau stand in der Nähe und sah ihnen zu. Sie schien auf etwas zu warten. Klaus bemerkte sie, als er mit den anderen Jungen vom Brarupmarkt kommend den Schulhof betreten wollte. Er erschrak, als sie ihn ansprach und fragte, ob er auch zu den Flüchtlingen gehören würde.

Seine Mutter und auch alle anderen Frauen seiner Umgebung hatten bei ihm immer einen unauffälligen Eindruck hinterlassen, sodass sie leicht zu übersehen waren. Er wusste, dass dies notwendig gewesen war, um gegenüber den Russen so wenig wie möglich aufzufallen, was aber manchmal auch nichts genutzt hatte. Diese Frau wirkte dagegen so ganz anders und er wagte sich entschlossen vor und bejahte ihre Frage, während die anderen wie hypnotisiert stehen geblieben waren.

Sie erklärte, dass sie auf dem Brarupmarkt an einigen Losbuden Verschiedenes gewonnen hätte, dass sie sehr gerne den Flüchtlingen übergeben würde, und drückte ihnen verschiedene Sachen in die Hand. Für ihn blieb ein Stück Seife und ein ihm unbekanntes Küchennutensiel übrig, dass er unschlüssig anstarrte.

Sie bemerkte seine Unsicherheit und erklärte, dass sie verstehe, dass ihm als Jungen, Derartiges unbekannt sei, aber er solle es mal seiner Mutter geben, die wisse sicher was damit anzufangen und schob die Erklärung hinterher, es wäre ein Schaumlöffel, den sie beim Kochen sicher dringend benötigen würde.

Die Unkenntnis dieser Frau, was ihre Lebensverhältnisse betraf, berührte ihn, aber er genierte sich ihr zu erklären, dass sie weder was zu essen hätten, bei dem man einen Schaumlöffel gebrauchen könne, noch überhaupt eine Küche besaßen.

Er überlegte angestrengt, ob er so einen Schaumlöffel schon früher bei den Omas in Stolp gesehen hatte, konnte sich aber im Augenblick an rein gar nichts mehr entsinnen. Aus reiner Verlegenheit betrachtete er den Schaumlöffel weiter ganz genau, obwohl an diesem simplen Teil nichts gab, was noch neu zu entdecken wäre. Die anderen Jungs hatten sich längst verdrückt, aber er stand noch immer neben dieser Frau, die auch noch äußerst angenehm roch.

Ihr schien durch die zögernde Entgegennahme der Geschenke mittlerweile bewusstzuwerden, dass sie offenbar in eine andere Welt eingetaucht war. Das schien sie zu überfordern, sodass sie auf einmal etwas murmelnd und den überraschten über den Kopf streichend zu erst langsam und dann immer schneller werdend davon ging. Er hörte ihre sich entfernenden Schritte genau, wagte aber nicht aufzusehen.

Jetzt wo sie weg war, fiel ihm wieder ein, an was ihn an dem Teil, das sie Schaumlöffel nannte, erinnerte. Es war nichts aus einer Küche, sondern es erinnerte ihn an die Gasmaske der Soldaten. Schon oft hatte er mit anderen Jungs eine auseinandergenommen und auch aufgesetzt um die Mädchen zu erschrecken. Und die Filter dieser Gasmasken sahen genau so aus wie der Schaumlöffel, denn aus so einem war er gemacht worden, das war für ihn jetzt klar.

Er setzte sich auf die kleine Mauer vor der Schule und hielt sich den Schaumlöffel vor den Mund und blies dadurch und stellte sich vor, es wäre eine Gasmaske und er wäre ein Soldat. Nachdem er eine Weile so vor sich hin gespielt hatte, nahm er den Schaumlöffel und ließ ihn über seinen Kopf kreisen und schmetterte ihn dann mit Schwung über den Zahn in den dahinter stehenden Apfelbaum, sodass die unter ihm im Gras kratzenden Hühner mit empörten Gegacker davon stoben. Danach fühlte er sich bedeutend besser. Das Stück Seife steckte er in die Hosentasche. Er nahm sich vor, es bei nächster Gelegenheit vielleicht zu benutzen.

Die Volksküche

Bei der Begrüßung hatte der Bürgermeister ihnen mitgeteilt, dass sie für die Volksküche Essensmarken ausgehändigt bekämen, wie er sich ausdrückte.

Nach dem sie diese dann am nächsten Tag erhalten hatten, machten sich alle sofort auf dem Weg dorthin. Die Volksküche befand sich in einer Baracke auf einem weitläufigen Geländer neben einer Viehauktionshalle.

Der neue Mittelpunkt

Sie wurde bald für die Flüchtlinge zu einem unverzichtbaren Lebensmittelpunkt, denn in ihren Unterkünften gab es meistens keine Kochgelegenheit und für Kochtöpfe und Ähnlichem wäre in ihrem Fluchtgepäck auch kein Platz gewesen.

Dass sie aber weit mehr als nur eine Essenausgabestelle war, zeigte sich jeden Tag. Wenn die Ausgabeschalter schon lange geschlossen hatten und das Licht schon abgeschaltet war, blieben viele von ihnen noch lange zusammensitzen. Die ungemütliche meist kalte Unterkunft im Lager oder in ihren Quartieren lockte verständlicherweise nicht zum Aufbruch.

Das Zusammensein dort wurde auch für den Austausch von Informationen genutzt. Bei fast jede Gelegenheit wurde gefragt, wo kommst du her und wen kennst du. Es war zwar meistens völlig aussichtslos, dadurch vermisste Angehörige zu finden, aber gehofft wurde immer. Das bewiesen schon die hunderte Zettel, die an Mauern und Bäumen klebten, wo immer Flüchtlinge zusammenkamen. Anfangs hatte auch Klaus sie neugierig gelesen, aber er merkte schnell, dass der Leser auch das Elend und die Angst des Schreibers mitbekam. Deshalb mied er diese Stellen, weil ihn schon alleine der Anblick dieser Zettel belastete.

Viele hatten vor dem völligen Zusammenbruch aller Informationen, noch Verabredungen treffen können, wo man sich für den Fall der Fälle treffen könne. Das waren Verwandte oder bestimmte Orte, was von allen Strategien noch die erfolgreichste war. Die Suche nach Angehörigen kam direkt nach dem täglichen Kampf ums Überleben, und beschäftigte alle Tag und Nacht. Es war eins der Probleme, welches die Einheimischen nicht hatten, denn deren noch vermisste Angehörige wussten, wo sie sich treffen konnten.

Es gab in der Volksküche einige, die bei Suche nach Angehörigen behilflich waren. Deren Tisch war nach der mittäglichen Esseneinnahme immer regelrecht belagert, sodass sie richtige Sprechzeiten mit Voranmeldung hatten. Man kannte dort die Adressen der Suchdienste und half beim Verfassen der berüchtigten Suchzettel. Die besten Adressen für das Aufhängen derselben waren bekannt und es gab sogar Kuriere, die für das Anbringen sorgten.

Schwierigkeiten gab es aber schon bei den einfachsten Dingen, kaum einer hatte Papier für die Zettel, dann mangelte es auch einzelnen an der Fähigkeit, sich richtig auszudrücken. Deshalb war Hilfe erwünscht und dieser wichtige Dienst wurde nach einiger Zeit an eine zentrale Stelle im Rathaus verlagert. Aber niemand vergaß diese Erstehilfe in der Volksküche.

Später bildeten sich nach dem täglichen Mittagessen in der Volksküche weitere lose Gruppen, die Skat oder Schach spielten. Andere diskutierten über Literatur, Theater, sowie Gott und die Welt, wie Oma immer sagte.

So war die Volksküche als Versammlungsort, ganz von alleine allmählich zu einer gesellschaftlichen Institution geworden. Manchmal schien es, als wenn sich zu denen da draußen, den Einheimischen, eine Parallelwelt entwickeln würde. Für die waren sie nur Eindringlinge, die aus dem wilden und unzivilisierten Osten gekommen waren.

So sahen es die Flüchtlinge. Denn für einem Angeliter Kleinbauern waren die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den pommerschen großflächig organisierten Gütern und Bauernhöfen nur schwer verständlich. Wenn dann einer von den Flüchtlingen berichtete, wie viel Land er in Pommern unter dem Pflug gehabt hatte, dann wurde er verspottet, das wäre wohl eher Wind hinter dem Haus gewesen, aber den gäbe es hier auch.

Die offiziellen Stellen waren da keineswegs anders, so erzählte man sich, dass vom Finanzamt Hamburg, eine Steuerermäßigung wegen der Wiederbeschaffung eines Küchenherdes abgelehnt worden war, weil bezweifelt wurde, dass der im Osten zu den normalen Haushaltsgegenständen gehörte.

Deshalb unterblieb oft jede Kommunikation zwischen Flüchtlingen und Einheimischen, um Konflikte und Kränkungen zu vermeiden.

Die Mittagesser

In der Mitte der Volksküche stand ein eiserner Kanonenofen auf einem niedrigen gemauerten Unterteil. Im Winter wurde er schon am frühen Vormittag angeheizt. Wegen der meist nicht vollständig getrockneten Buchenholzscheite stand die große Ofentüre bei Heizungsbeginn immer eine Zeit lang offen, damit das Feuer mehr Zug bekam, meinten die um den Ofen herumstehenden. Aber mitbestimmend war auch die besondere Atmosphäre, die der Anblick des offenen Feuers erzeugte. Er wirkte dann wie ein offener Kamin.

Das flackernde Feuer, das Knistern der zusammenbrechenden Holzscheite in dem im Winter noch halbdunklen Speiseraum war beeindruckend. Man konnte sich kaum vom Anblick der Flammen lösen. Einige Männer wachten besorgt darüber, dass niemand von den vor dem Ofen sich drängelnden Kindern, im Feuer herumstocherte.

Wenn Klaus und seine Kumpane sich alleine vor der offenen Ofentüre am Feuer zu schaffen machen konnten, war das wie ein kleines Abenteuer. Es herrschte eine, nur durch das knistern vom Feuer und zischen der teilweise feuchten Scheite unterbrochene magische Stille. Das ferne Klappern von Geschirr aus der Küche störte nicht, es gehörte dazu. Der typische Geruch vom brennenden noch leicht feuchten Buchenholz mischte sich mit dem, der von der Küche kam, und hat sich für jeden, der dort morgens um den Kanonenofen bei offener Ofentüre stand, für immer eingeprägt. Dieser Geruch und die ausströmende Wärme waren ein Begriff für Geborgenheit. Denn Wärme war nach Essen der zweitwichtigste lebenserhaltende Faktor für die Flüchtlinge, das war jedem klar.

Die Sitzplätze in Ofennähe schienen einigen älteren Flüchtlingen vorbehalten zu sein, denen die Kinder alle respektvoll auswichen, denn sie hatten einen Ton an sich, den viele noch all zu gut kannten und bei dem sie immer noch innerlich strammstanden. Sie durften aber ohne sich Ärger einzuhandeln, vor dem Ofen stehend erwärmen oder ihre manchmal schneenassen Hosen, Strümpfe und Handschuhe trocknen, aber wehe, wenn einer sich auf die danebenstehenden und manchmal noch leeren Bänke niederließ, die als reserviert galten.

Es gab einige der Mittagsgäste, bei deren Erscheinen immer wieder getuschelt wurde. Da war der Fabrikant, so nannte man den Mann eines älteren Ehepaares. Das Kennzeichen war sein Hut, ein schwarzer Homburger, der wohl früher einen sehr eleganten Eindruck hinterlassen haben muss, aber jetzt schon sehr ramponiert war. Aber man sah ihm an, dass er noch jeden Tag gebürstet wurde. Auch die sonstige Kleidung konnte man so charakterisieren. Man erzählte sich, dass er in Stettin eine große Fabrik besessen hätte. Folglich stellte sich Klaus für lange Zeit so einen Fabrikanten vor. An den allgemeinen Gesprächen unter den Flüchtlingen beteiligte er sich nicht. Zu seiner Frau, die ihn stets fürsorglich eingehakt und somit gestützt begleitete, gab es nichts Besonderes zu bemerken.

Ein anderes ebenfalls bemerkenswertes Paar war deutlich umgänglicher. Von der Frau wusste man, dass sie eine erfahrene Hebamme war, weshalb sie bei einigen Frauen eine gerne gesehene Gesprächspartnerin war, da viele von ihnen infolge der Vergewaltigungen durch die Russen schwanger geworden waren und sie deshalb einen Ausweg suchten, wobei sie ihnen helfen sollte. Nach einiger Zeit fiel auf, dass ihr Mann alleine zum Essen kam. Bis durchsickerte, dass sie verhaftet worden war, weil sie bei einer Abtreibung mitgewirkt hätte.

Nach einigen Wochen war sie jedoch wieder da, was von vielen mit deutlich erkennbarer Erleichterung zur Kenntnis genommen wurde. Ihr Mann, der Musiker war hatte jetzt Hochkonjunktur, weil alle nach dem durchgestandenen Schrecken und Grauen des Krieges nur noch vergessen wollten, da half außer Alkohol auch das Tanzvergnügen und für Letzteres benötigt man Musik.

Seine Frau aber war über die zahlreichen Engagements ihres Mannes nicht so erfreut, denn er wahr lungenkrank, was für einen Trompeter keine gute Prognose bedeutete und deshalb bangte sie bei jedem seiner Auftritte, ob er ihn auch lebend übersteht. Er aber fuhr bewusst volles Risiko, weil er seiner Frau, so lange er noch kann, was bieten wolle, sagte er war

Edith, die Tischnachbarin

Jeden Mittag erschien der Koch im vollen Ornat, also mit hoher Kochmütze, weißem Hemd und Kochkrawatte im Speiseraum. Er stand dann meistens an der Stirnseite des Raumes vor dem Schalter der Essenausgabe und blickte fragend in die nicht gerade geräuscharm speisende Menge. Wenn nach Meinung einiger das Essen besonders gelungen schien oder wenn es nicht genug handfestes für Kritik gab, kam von hier und da ein Zuruf, der einen positiven Eindruck vermitteln sollte. Einige bezeichneten die sich so vorwitzig Äußernden, verächtlich als Claqueure und unterstellte ihnen, dass sie sich nur einen Nachschlag verdienen wollten.

Klaus fragte seine Tischnachbarin, was ein Claqueur ist. Sie erzählte ihm lang und breit von der früheren Pariser Theaterwelt, wo man Beifall und Zustimmung kaufen konnte, um den persönlichen Erfolg der Ausführenden zu sichern. Die Ähnlichkeit hier, mit einer Bühne, mit Publikum und Künstlern, sei verblüffend, sagte sie. Die Nachbarin war nach seiner Einschätzung älter als Mutti und ohne Zweifel eine Dame, nur vergleichbar mit seiner Tante Eta, die er in Stolp zurücklassen musste.

Wenn er neben ihr auf der Bank im Speiseraum der Volksküche sitzend, sich mit ihr unterhielt, meinte er immer den Geruch von Etas Tosca Parfüm wahrzunehmen und der sonst alles überlagernde Essensgeruch wurde damit überdeckt. Er nannte sie in Gedanken Edith, den richtigen Namen von Eta, aber er sprach sie natürlich nicht damit an.

Mittags bemühte sich Klaus, so zum Essen auf die Bank zu setzen, dass keiner die Möglichkeit bekam, sich zwischen ihm und Edith zu drängen. Mit ihr konnte man über alles Wissenswerte reden, nicht nur übers Theater, denn da waren seine Erfahrungen zu begrenzt. Eine Struwelpeter Aufführung in Stolp war alles, was er in dieser Kunstrichtung als Erfahrung hätte einbringen können. Als er ihr das gestand, lachte sie nicht, sondern sie erklärte ihm alles über das Buch und die verschiedensten Inszenierungen.

Er verstand zwar nur wenig davon, war aber so begeistert, dass er offenbar von ihr ernst genommen wurde und er deshalb am nächsten Tag erneut das Thema anschnitt, weil er unbedingt seine Wissenslücken schließen wollte.

Er war mit Edith über die Bücher, die er aus der Volksbücherei entliehen hatte, ins Gespräch gekommen. Klaus hatte an dem kleinen Häuschen neben der Volksschule das Schild an der Hauswand mit dem Hinweis auf die Bücherei entdeckt und Mutti war einverstanden, dass er sie mal aufsucht, wenn er unbedingt was zu lesen habe wolle. Am nächsten Tag hatte er sich dann ein Herz gefasst und stand zur passenden Zeit vor der Haustüre. Nach dem Öffnen der Tür sah er am Ende des dunklen Flurs einen Schalter, hinter dem ein kleiner dicklicher freundlich blickender Mann, ihn mit Blicken und Handzeichen ermunterte, näherzutreten.

Wie es sich später herausstellte, war es der Lehrer Johannsen. Er fragte nach seinem Alter, der Herkunft und was er gerne lesen würde. Klaus war überrascht und hoch erfreut, dass sich jemand so für ihn interessierte. Bald hielt er einen Stapel Bücher in seinen Händen und begab sich froh und begeistert auf die Suche nach einer stillen Ecke, wo er sie ungestört lesen würde.

In einem der Bücher, einem Roman, spielte die Handlung in Berlin und Edith bat ihn, sich das Buch von ihm ausleihen zu dürfen, denn sie kannte alle Handlungsorte, Straßen und Stadteile die dort beschrieben wurden persönlich. Klaus glaubte, dass sie vielleicht meinte über das Lesen, ihr Heimweh stillen zu können. Er verstand sie sehr gut, denn er hätte auch gerne ein Buch über Stolp gehabt, das ihm sein Heimweh vertrieben hätte. Aber er ahnte, dass es das nicht gibt.

Edith, die fast täglich gegenüber jemandem betonte, dass sie eigentlich Pianistin ist, hatte sich irgendwann, zu dem im Speiseraum stehenden Klavier getraut und einige Melodien darauf angestimmt. Einige summten und andere sangen mit.

Das berührte Klaus unangenehm, er hätte den Grund nicht sagen können und auch nicht wollen. Denn es waren natürlich Lieder, die er zuletzt zuhause gehört hatte. Zunächst wurde von vielen mit Begeisterung mitgesungen. Aber nach einiger Zeit änderte sich das. Einige verließen bald, die Tränen nur mühsam unterdrückend, den Raum. Andere saßen schluchzend den Kopf auf dem Tisch gestützt, sodass der improvisierte Liederabend ein schnelles Ende fand. Edith, welche ebenfalls ihre Tränen nicht verbergen konnte, musste von Mutti und Oma davon überzeugt werden, dass dies nicht an ihrem Talent gelegen hatte.

Bei einer anderen Gelegenheit, wo es auch zu einer Gesangseinlage kam, es war vermutlich in der Weihnachtszeit, begann sich wieder das heulende Elend im Raum auszubreiten. Klaus empfand das wieder sehr peinlich. Für diese Meinung fand er aber bei Mutti und Oma keine Unterstützung, vielleicht weil sie auch nicht unberührt geblieben waren, aber dies vor ihm geschickt verborgen hatten.

Herr Runge, der das Ganze initiiert hatte, meinte, dass es an dem schwarz gebrannten Schnaps läge, der für diese Rührseligkeit verantwortlich gemacht werden müsste. Hätte man nur Danziger Goldwasser oder Mampe Halb&Halb getrunken, wäre das nicht passiert, sagte er. Niemand sah sich genötigt ihn aufzuklären, dass man durch die Lieder zu überdeutlich an die Heimat und an glücklichere Zeiten erinnert wurde und das so was eben schmerzt. Und dass es nicht an der Schnapssorte liegt.

Manchmal kam es zu Diskussionen über den Geschmack des Essens. Das fand Klaus merkwürdig, weil es für ihn jeden Tag gleichmäßig nichts sagend schmeckte. Das kulinarische Fachwissen bei anderen Gästen der Volksküche schien sich auf einem hohen Niveau zu befinden, denn allenthalben wurden in Gruppen diskutiert und absonderliche Kochrezepte ausgetauscht, die er natürlich auch studierte.

Diese Diskussionen verfolgten Klaus und die anderen Kinder meist völlig verständnislos, denn die Lebensmittel, die in den Rezepten vorkamen, waren ihnen oft vollkommen unbekannt und in keinem Geschäft in Süderbrarup gab es sie zu kaufen.

Das nichts sagende des Geschmacks, der ihnen täglich vorgesetzten Speisen, wurde von vielen nicht groß beanstandet, da es ihnen immer noch besser schien, als leere Teller vor sich zu haben.

Es war allen bewusst, dass wegen der akuten Lebensmittel Knappheit, dieses durchaus in den Bereich des möglichen rücken könnte. Wegen dieser akzeptierten Spartanität gab es zwar keine Proteste, aber es steigerte sich immer mehr die Langweile und Abstumpfung, die sich in allgemeiner, verhaltener und nicht ungefährlicher Unlust äußerte, wo dann entgegen jeder Vernunft, nach jedem Haar in der Suppe gefahndet wurde. Diese zunächst defätistisch anmutende Neigung verbreitete sich in Wellen manchmal fast epidemisch, von der auch Klaus zwangsläufig befallen wurde.