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Was ist der Sinn des Lebens? Ist diese Frage selbst überhaupt sinnvoll? Robert Friedrich setzt sich mit grundsätzlichen Fragen auseinander. In Form eines Briefes an einen Freund, der eine schwere Krise durchlebt, erörtert er die Triebstruktur des Menschen, seine Sinnsuche und die Rolle der Religion. Geselligkeit und Anerkennung durch andere seien für viele Menschen eine wesentliche Grundlage für Glück und Zufriedenheit. Das Leben im Alltag bestehe weitgehend daraus, sich Ziele zu setzen und die Probleme auf dem Weg dorthin zu überwinden. Die Frage nach dem letzten Sinn gelange deshalb erst in Krisen an die Oberfläche, bei Verlusterfahrungen etwa, bei Krankheit oder im hohen Alter. Friedrich plädiert für Klarheit über die eigenen Bedürfnisse und ein aufgeklärtes Annehmen des Zufälligen im Sinne einer „inneren Vorsorge“, indem man sich bereits in glücklichen Umständen klarmacht, dass man nicht alles kontrollieren kann und auch negativen Zufällen ausgeliefert ist.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2016
Lieber J.!
Vielen Dank für Deinen Brief. Einerseits habe ich mich natürlich gefreut, wieder von Dir zu hören, andererseits hast Du nicht gerade Erfreuliches zu berichten. In der Vergangenheit hattest Du keinerlei Andeutungen gemacht von dem, was bei Dir vorging, weder im Hinblick auf Dein Zuhause noch im Hinblick auf Deine Arbeitsstelle. So bin ich doch einigermaßen überrascht, was Du mir jetzt mitzuteilen hast. Allerdings – das möchte ich hier gleich anführen – bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich mir wirklich in jeder Hinsicht das richtige Bild mache von dem, was sich zugetragen hat, da Dein Bericht etwas unübersichtlich ist.
Du schreibst, es ließe sich nicht leugnen, aber Du stecktest „ganz schön in einer Krise“. Du habest das Gefühl, als habe bei Dir „das Schicksal gleich dreimal kräftig zugeschlagen“. Zwar sei Dein Los nicht mit dem eines Hiob vergleichbar und einem Unbeteiligten müsse Deine Geschichte auch ziemlich belanglos erscheinen. Mit einem Deiner nicht wenigen Versuche, selbstironisch zu sein, fasst Du Deine Situation zusammen als „Alternder Mann erlebt Zusammenbruch seiner Karriere, wird von seiner Frau verlassen und seine so über alles geliebte Tochter wendet sich auch von ihm ab“.
„So amüsant dies für einen Außenstehenden auch klingen mag“, so fährst Du anschließend fort, subjektiv sei es eben etwas ganz anderes, wenn man selbst dieser „alternde Mann“ sei, dem in relativ kurzer Zeit eine „Säule“ nach der anderen zusammenfiel von jenen „Säulen“, die gleichsam das „Gebäude seines Lebens“ trugen, und wenn man eben selbst derjenige sei, der auf dem „Trümmerfeld seines Lebens“ säße und sich fragte, wie es nun eigentlich weitergehen solle und welchen Sinn „das Ganze“ überhaupt noch habe.
Als sollte ich jedoch aus diesen Worten keine falschen Schlüsse ziehen, beeilst Du Dich hinzuzufügen, dass Du natürlich erst einmal „weitermachen“ müsstest, weil Du Dich „irgendwie verpflichtet fühltest“, Deine Kinder noch durch den Rest ihrer Ausbildung zu bringen. In dieser Hinsicht würdest Du eben noch „gebraucht“. Aber für die Zeit danach, wenn Deine Kinder ihre Ausbildung hinter sich haben, könntest Du für Dein Leben nur „gähnende Leere“ sehen, und was spräche dagegen, so fragst Du, „dann eben die Sachen zu packen und sich aus dieser Welt zu verabschieden“.
Vor diesem Hintergrund breitest Du Dein Anliegen mir gegenüber aus. Du fragst mich, ob ich nicht als der „alte und ältere Freund“ – wie Du Dich so schön ausdrückst – Dir beim „Sortieren der Gedanken“ helfen könnte, damit Du mit Dir wieder „ins Reine kommst“. Du möchtest nichts weniger – sofern ich Dich recht verstehe –, als von mir zu erfahren, welche Vorstellungen ich vom Leben habe; vom Leben des Menschen im Allgemeinen, der „Situation“ oder „Lage“ des Menschen, von dem, was manche Autoren auch als die „Conditio humana“ bezeichnen oder das „Wesen“ oder die „Essenz“ des Lebens. Du begründest dieses Anliegen mit dem „rationalen Verhalten“ und der „Gelassenheit und Ruhe“, die ich angeblich bei und nach T.s Tod zeigte, obgleich – wie Du wohl wüsstest – T. mir sehr viel bedeutet habe. Du hättest mich nie darauf angesprochen, aber Du würdest jetzt gern erfahren, welche Einstellung zum Leben meinem Verhalten damals und in der Folgezeit zugrunde gelegen habe. Du fragst, ob ich nicht – von Deiner Situation ausgehend – Dir meine Vorstellungen von „unserer menschlichen Lage“ darlegen könnte, und Du hoffst, dass diese Vorstellungen Dir helfen werden, Deine gegenwärtige Krise zu überwinden. Du möchtest nun wissen, wie ich „die menschliche Situation“ einschätze, wenn ich eine Bilanz meines eigenen Lebens ziehe und auf das Leben anderer blicke; wie ich die Gegebenheiten und Bedingungen des menschlichen Lebens beurteile, das „Besondere“ am menschlichen Leben, das Du hauptsächlich in unserem Wissen um unsere Endlichkeit siehst und in unserem Bemühen, einen Sinn in unserem Leben zu erkennen; einen „Sinn des Ganzen“, wie Du Dich auch ausdrückst. Du erwartest offensichtlich, dass ich gewisse Vorstellungen über „die grundlegenden Probleme des Lebens“ vor Dir ausbreiten kann und welche Möglichkeiten ich für die Überwindung dieser Probleme sehe. Du hoffst dadurch, Dir auch „Klarheit“ über Dein Leben zu verschaffen und eine Einstellung zum Leben zu gewinnen, ein „Lebensbild“ und einen „Lebensplan“, die Dich wieder mit mehr Vertrauen in die Zukunft blicken lassen.
Ich möchte Deinem Wunsch natürlich nachkommen. So sehr ich mich aber zugegebenermaßen durch Deine Worte geehrt fühle und so gern ich Dir auch helfen möchte (sofern ich dazu überhaupt imstande bin), so versetzt mich dieser Dein Wunsch doch in eine gewisse Verlegenheit. Allgemein etwas über eigene Vorstellungen vom menschlichen Leben und der „Lage des Menschen“ zu sagen ist die eine Sache. Eine ganz andere ist es jedoch, wenn man dabei an eine konkrete Situation von jemand anderem anknüpfen soll, bei der man außerdem kein direkter Beobachter gewesen ist. Hinzu kommt – was ich schon angeschnitten habe –, dass ich mir aus Deiner Darstellung kein so klares Bild machen kann. Du schilderst die Geschehnisse recht sprunghaft und nicht in zeitlicher Reihenfolge, und obgleich Du am Anfang Deines Briefes eingestehst, „ganz schön in einer Krise zu stecken“, unterbrichst Du Deine Erzählung immer wieder mit selbstironischen Einflechtungen, so als wolltest Du damit den Eindruck bewusst herabmindern, wie sehr Du von den Ereignissen doch innerlich betroffen bist; wahrscheinlich, um nicht – wie Du an einer Stelle schreibst – mir gegenüber als „Jammernder und Klagender“ zu erscheinen.
Offensichtlich begann Deine gegenwärtige Serie von Rückschlägen mit dem Verlust Deiner Arbeitsstelle und dem damit verbundenen Ende Deiner beruflichen Karriere. Dies war sozusagen der erste „Schlag“, der Dich traf, die erste der „Säulen“, die Dir zusammenstürzte. Rückblickend möchtest Du sagen, dass Du Dich schon vor dem eigentlichen „Aus“ Deiner Karriere mit Deinem damaligen Projekt „in eine Ecke gearbeitet“ hattest. Deine Untersuchungen entsprachen nicht mehr den Interessen der Führungsriege Deiner Firma und Deine Ergebnisse konnten allem Anschein nach nicht die Personen an den „Schalthebeln“ der Abteilung oder des Betriebes überzeugen. Das war wohl der Grund, weshalb man bei der Reorganisation der Firma Deine Forschungsgruppe „einsparte“ und Deinen Vertrag nicht verlängerte.
Du räumst an dieser Stelle ein, dass Du insofern „Glück im Unglück“ hattest, als Du nach relativ geringem Suchen eine neue Arbeitsstelle finden konntest; allerdings mit wesentlich reduziertem Gehalt im Vergleich zu Deinem vorherigen Einkommen und mit einer Tätigkeit, die Dir wenig Befriedigung bereitet. Offenbar – so vermutest Du – habe man Dich eingestellt, um diejenigen Arbeiten zu verrichten, für die sich jeder andere in der Firma in ähnlicher Stellung „zu schade war“. Dementsprechend sei Dein Ansehen unter den neuen Kollegen, die insgesamt auch wesentlich jünger sind als Du und Dich so behandelten, als gehörtest Du schon nicht mehr dazu, sondern gehörtest längst in den Ruhestand versetzt.
Nicht lange nach dem Ende Deiner Karriere musstest Du den zweiten „Schlag“ hinnehmen: das Ende Deiner Ehe. Es begann für Dich damit, dass Du eine gewisse Entfremdung zwischen Dir und O. verspürtest. Zunächst, so schreibst Du, hättest Du nicht sonderlich darauf geachtet, eben wohl auch wegen der gleichzeitigen verstärkten beruflichen Anspannung in Verbindung mit dem Wechsel Deines Arbeitsplatzes. Dann sei Dir aber der fehlende Zuspruch aufgefallen, wenn Du von Deinem beruflichen Verdruss erzähltest. Hinzu kam eine wachsende Kritik an Deiner Person und eine ungewöhnlich zuvor an O. nie beobachtete Feindseligkeit und Kälte Dir gegenüber, die mehr und mehr auch von vagen Andeutungen über den Fortbestand Eurer Ehe begleitet waren. Bis zuletzt habest Du allerdings gehofft, dass diese Entfremdung nur eine vorübergehende Erscheinung sein möge, bis es Dir zur unwiderlegbaren Gewissheit wurde, dass O. sich jemand anderem zugewandt hatte.
Im Gegensatz zu Deinen Söhnen, die ihre Neutralität Dir und O. gegenüber erklärten, hat Deine Tochter sich brüsk auf die Seite ihrer Mutter gestellt, gleich nachdem O. die Scheidung eingereicht hatte. Du schreibst, die schroffe Abwendung Deiner Tochter sei ein „unerwarteter Schock“ für Dich gewesen und habe Dich in gleicher Weise getroffen wie das Ende Deiner beruflichen Karriere und das Ende Deiner Ehe. Das Verhältnis zu Deiner Tochter sei für Dich etwas Besonderes gewesen, eben eine „tragende Säule“ für sich in Deinem Leben, deren Verlust Du immer noch nicht fassen könntest. Du hast den Eindruck, Deine Tochter gäbe Dir allein die Schuld an der Trennung von O. und Dir, und sie überhäuft Dich nun mit Dir unverständlichen und – Deiner Ansicht nach – auch unbegründeten Vorwürfen, dass Du ihr nach Möglichkeit zurzeit am liebsten aus dem Wege gingest. Aus gewissen Äußerungen glaubst Du sogar entnehmen zu können, dass sie und O. Dir indirekt Deinen beruflichen „Abstieg“ und Deine daraus erfolgende Niedergeschlagenheit zum Vorwurf machten, Dich gleichsam als Versager sähen.
Ich hoffe, mit dieser Zusammenfassung nichts Wesentliches von dem übersehen zu haben, was Du als besonders schwerwiegend und belastend empfunden hast oder noch empfindest, damit ich mit meiner Antwort nicht „danebenliege“ und Du mit ihr auch etwas anfangen kannst. Ich hoffe dieses umso mehr, als Du mich am Ende Deines Briefes ausdrücklich dazu aufforderst, mit meiner „Analyse“ der „Conditio humana“ aufrichtig zu sein und dabei keine Rücksicht auf Deine gegenwärtige Situation zu nehmen. Du erinnerst daran, dass ich einmal gesagt habe – „wenn auch wohl halb scherzend“, wie Du dankenswerterweise hinzufügst –: „Wer sein Leben nicht mag, der braucht es doch nicht zu leben!“
Ich werde versuchen, mir die Antwort so einzuteilen, dass ich Dir zunächst meine Ansicht von der allgemeinen menschlichen Situation darlege und wie wir mit dieser gewohnheitsmäßig umgehen, das heißt: außerhalb einer uns betreffenden „Krise“. Danach werde ich mich mit der „Krise“ selbst befassen, mit dem, was sie beinhaltet und wie wir uns ihr gegenüber verhalten. Schließlich – und dieses dürfte wohl einen größeren Raum für sich beanspruchen – möchte ich auf Deine Lage etwas näher eingehen, vor allem aber in diesem Zusammenhang auf das weite Feld des Irrationalen, bezogen auf unsere menschliche Situation, weil nicht wenige von uns in diesem Bereich nach Antworten für ihre Lage suchen und auch Du allem Anschein nach in diesem Bereich einen Ausweg aus Deiner „Krise“ zu finden hofftest und vielleicht noch hoffst und vielleicht auch einen Ausweg finden kannst.
***
Ich sollte dem Versuch, auf Dein Anliegen einzugehen und Dir meine Vorstellungen von der „Lage des Menschen“ darzulegen, zunächst eine Mahnung vorausschicken, eine Mahnung zu einer gewissen Zurückhaltung, um uns beide daran zu erinnern, auf welch unsicherem Grund wir uns bewegen. Ludwig Wittgenstein schließt mit dieser inzwischen berühmt gewordenen Mahnung seinen „Tractatus logico-philosophicus“ ab: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ich möchte mich bei der Deutung dieses Satzes durchaus denjenigen anschließen, die meinen, dass Ludwig Wittgenstein mit ihm genau auf jenen Bereich unseres Denkens verweisen wollte, um den es uns beiden hier geht; jenen Bereich, der vorwiegend außerhalb des Rationalen liegt, außerhalb von Naturwissenschaft und sinnlich Wahrnehmbarem, und zu dem Fragen wie die zur „Lage des Menschen“ und zur Erklärung des Lebens und der Welt gehören dürften.
Würde ich mich allein an Ludwig Wittgensteins mahnende Worte halten, so dürfte ich hier schon am Ende meines Briefes sein. – Doch wenn es letztlich auch sinnlos sein mag, über die „Lage des Menschen“ und den „Sinn des Lebens“ und den „Sinn dieser Welt“ zu reden, wir können es nicht vermeiden, uns hierüber unsere Gedanken und Vorstellungen zu machen, und es scheint uns ein Bedürfnis zu sein – das zeigt mir auch Dein Brief –, für Fragen in diesem Bereich des Denkens und Fühlens Antworten zu finden, nach denen wir uns irgendwie ausrichten können. Weshalb sollte man dann nicht mit der gebührenden Vorsicht seine Vorstellungen einem Gesprächspartner mitteilen dürfen, wenn dieses – wie jetzt hier von Dir – ausdrücklich gewünscht wird.
Wahrscheinlich sind es nicht wenige unter uns, die im fortgeschrittenen oder höheren Alter oder – wie nun in Deinem Fall – an einer gewissen „Schnittstelle“ ihres Lebens sich fragen, was dieses eigentlich gewesen sei, dieses sogenannte „Leben“. Vielleicht sollte man sogar schon in jüngeren Jahren von Zeit zu Zeit ganz bewusst eine Art Bilanz ziehen und versuchen, über das „Erreichte“ und über das „Noch-zu-Erwartende“ sich Klarheit zu verschaffen, und vielleicht sollte man sich bei einem solchen Versuch nicht davon abschrecken lassen, dass es „das Problem des Lebens ist, dass man es rückwärts sieht, aber vorwärts leben muss“, wie es der dänische Philosoph Sören Kierkegaard ausgedrückt hat.
Was die „menschliche Situation“ anbetrifft, die „Lage des Menschen“, so würde ich zunächst ganz allgemein sagen, dass der Mensch in seinem Leben gewissen unabänderlichen Gegebenheiten und Unabdingbarkeiten gegenübersteht, mit denen er sich einfach abfinden muss; dass sich ihm zusätzlich gewisse Fragen aufdrängen, die er nicht beantworten, aber denen er auch nicht ausweichen kann, und dass er bestimmten Trieben unterworfen ist, die er nur schwer – wenn überhaupt – zu kontrollieren vermag. Darüber hinaus strebt der Mensch – der eine vielleicht mehr, der andere weniger – nach Klarheit und Sicherheit in seinem Leben und im Hinblick auf die Welt, in der sich dieses Leben für ihn abspielt.
In Anlehnung an Beobachtungen in der Tierwelt – oder in der übrigen Tierwelt – ließe sich das menschliche Leben vielleicht einteilen in Geborenwerden, Aufwachsen, Sich-Fortpflanzen und Sterben. Man könnte unter diesem „Blickwinkel der Natur“ auch noch einfacher von nur drei Lebensabschnitten sprechen, dem Aufwachsen, dem Sich-Fortpflanzen und dem Sterben. Geburt und Tod bilden dabei nur die begrenzenden Augenblicke am Anfang und Ende dieser Lebensstrecke. Man mag darüber noch streiten, wie und wo beim Menschen diese Abschnitte gegeneinander abzugrenzen wären. Doch das ist eine Ermessensfrage, auf die ich nicht weiter eingehen möchte.
Versuchen wir gewissermaßen eine Art Bilanz unseres Lebens zu ziehen, um von daher das „Wesen unseres Lebens“ zu ergründen, so dürfte uns diese Einteilung sicherlich nicht als Erstes in den Sinn kommen. Wir können auch nicht – was zunächst vielleicht als das Selbstverständlichste erschiene – bei unserer Geburt ansetzen; denn je weiter wir mit unseren Erinnerungen an unsere Kindheit zurückgehen, desto zusammenhangloser und verschwommener werden diese Erinnerungen und verlieren sich schließlich wie in einem Nebel; gänzlich wohl so in unserem dritten Lebensjahr. Auf unser Leben zurückblickend, werden wir in Gedanken mit unserer Bilanz eher zu jener Zeit ansetzen, in der wir uns zum ersten Mal – wenn auch wohl in unterschiedlichem Maße – mit Fragen zu diesem unserem Leben überhaupt beschäftigten. Das dürfte bei den meisten von uns die frühe Phase der Adoleszenz gewesen sein, etwa in der Zeit zwischen dem zwölften und fünfzehnten Lebensjahr. Es erscheint uns später, als seien wir zu dieser Zeit „aktiv“ ins Leben getreten und hätten angefangen, uns gedanklich mit unserer Umwelt – im weitesten Sinne des Wortes – auseinanderzusetzen. Ich denke, Rousseau hat diese Phase zu Recht mit einer „zweiten Geburt“ verglichen. Sie wird als eine Zeit der „inneren Umwälzung“ und der „erhöhten geistigen Aktivität“ gesehen, und die Vorstellungen und Werte, die wir im Laufe dieser „geistigen Aktivität“ jener Zeit entwickeln, werden in den daraufolgenden Jahren zwar die eine oder andere Korrektur erfahren, dennoch werden wir später unsere „Niederlagen“ oder „Erfolge“ in unserem Leben an jenen Plänen – oder auch Träumen – messen, zu denen wir am Ende unserer damaligen Entwicklungsphase vorgestoßen waren.
Unsere Auseinandersetzung mit Fragen zum menschlichen Leben, zur „menschlichen Situation“, beginnt wohl in jenem Augenblick in der Zeit unseres Heranwachsens, in dem wir uns unserer selbst bewusst werden – so jedenfalls möchte ich es ausdrücken –, in jenem Augenblick, in dem jedem von uns sein Selbst bewusst wird, ihm bewusst wird, das er ist und nur er selbst ist und eben – so trivial es auch klingt – niemand anderes sein kann; der Augenblick – so könnte man auch sagen –, in dem wir uns unserer eigenen Existenz bewusst werden. Ich weiß nicht, wie sich dieser Vorgang bei Dir abgespielt hat oder haben mag, doch ich habe ihn als etwas recht Dramatisches in Erinnerung, so dass ich durchaus von einem Ereignis in meinem Leben sprechen möchte. Ich erinnere mich an die eigentlich sonst bedeutungslosen Umstände jenes Augenblicks und daran, dass ich tagelang einige Schwierigkeiten hatte, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Aus Gesprächen mit Schulkameraden in jener oder auch späterer Zeit erfuhr ich, dass es anderen ähnlich ergangen war. Ich glaube, dieser Augenblick des Sich-seiner-selbst-bewusst-Werdens ist auch der Zeitpunkt, von dem ab wir nicht nur unsere eigenen Gedanken gleichsam begutachten, sondern auch wissen, dass wir sie begutachten. Wir nehmen uns selbst nicht nur wahr, sondern wir sind uns auch bewusst, dass wir uns wahrnehmen.
Die Frage, die sich dem Einzelnen von uns in jenem Zusammenhang wohl als erste aufdrängt und der er sich irgendwie verwundert und hilflos gegenübersieht, ist die Frage: „Wer oder was bin ich eigentlich?“ Um diese Frage, die Frage nach unserer Identität, beantworten zu können, mögen wir unwillkürlich wieder und wieder versuchen, gedanklich aus uns herauszutreten, um uns wie von außen nur als ein Objekt betrachten und beurteilen zu können. Aber so sehr wir uns auch zunächst bemühen, es gelingt uns natürlich nicht. Wir können auf unsere Frage keine zufriedenstellende Antwort finden und mögen unsere Versuche nach einer Weile abbrechen. Auch wenn wir es in jener Zeit noch nicht entsprechend auszudrücken wissen, wir ahnen zumindest unsere eigene Begrenztheit, dass wir – wie Jean Paul Sartre es ausgedrückt hat – „unsere eigene Subjektivität nicht überschreiten können“. Insofern beschränkt sich ein bewusstes Wahrnehmen von uns selbst nur auf ein bewusstes Empfinden von uns selbst. – Diese Einsicht sollte uns doch eigentlich auch dazu veranlassen – wenn wir schon Ludwig Wittgensteins Rat nicht folgen und nicht darüber schweigen wollen –, alle allgemeinen Aussagen über die „innere Beschaffenheit“ des Menschen, die auf eigenen Empfindungen und Beobachtungen am Verhalten anderer beruhen, allein als Deutungen zu sehen. Deutungen besitzen aber nicht die gleiche Verbindlichkeit wie etwa Messwerte in Naturwissenschaft und Technik oder auch Aussagen, welche sich allein auf äußerlich wahrgenommene Tatsachen und Geschehnisse beziehen. Aussagen über die „innere Beschaffenheit“ des Menschen, seine „Seele“ – wenn man so will – können also nur hypothetisch sein, nicht kategorisch wie unabhängig bestätigte Messungen und Beobachtungen. Man sollte sie deshalb stets relativieren. Sie mögen glaubhaft und denkbar sein, aber eben nicht erwiesen, und man sollte sie mit Wörtern wie „vielleicht“, „wohl“, „es scheint“ und ähnlichen kennzeichnen. (Ich hoffe, Du hast schon bemerkt, dass ich mich hier um ein solches Einschränken meiner Aussagen bemühe.)
Unser Empfinden von dem eigenen Ich kann zeitweise so eindringlich sein, dass es uns geradezu scheint, als bestünde die Menschheit oder sogar die Welt überhaupt nur aus zwei Einheiten: Man selbst, das eigene Ich, auf der einen Seite und der Rest der Menschheit oder der Welt auf der anderen Seite. Zwar sagen wir uns, dass alle anderen Menschen ähnlich empfinden müssen; dennoch überkommt uns zeitweise ein Gefühl des totalen Alleinseins, ja des Alleingelassenseins, ein Gefühl – wie ich es erst später bei dem Philosophen Martin Heidegger trefend ausgedrückt fand – „in diese Welt geworfen zu sein“; „geworfen“ auch mit aller Zufälligkeit dessen, was mit uns bis dahin schon geschehen ist, was wir bis dahin schon erfahren haben und hinnehmen mussten. Mit welchen schon wahrnehmbaren Fähigkeiten oder auch Behinderungen wir zufällig zur Welt kamen, wer unsere Eltern zufällig sind und in welcher Umgebung und in welcher Gesellschaft wir zufällig aufwuchsen und gerade leben, ja sogar in welche Nation und welches Zeitalter wir zufällig geboren wurden. Zusammenfassend mögen wir hierbei von unserem „Schicksal“ sprechen, wie wir auch später rückblickend als „Schicksal“ gern jene Einzelereignisse bezeichnen, von denen wir meinen, dass wir sie nicht beeinflussen konnten, und die eine fortdauernde Auswirkung auf unser Leben hatten. Je nach Gemütslage wird der eine oder andere von uns all die Zufälligkeiten, die ihm zugestoßen sind, entweder als Selbstverständlichkeit hinnehmen oder als eine „Benachteiligung“ oder sogar als einen „Betrug seitens des Schicksals“ ansehen, als sei das „Schicksal“ eine Person oder ein Wesen, dem zielgerichtetes Handeln unterstellt werden kann, wie in zahlreichen alten Mythologien beschrieben. Wir spüren auch in jener Zeit des Heranwachsens – wohl mehr, als dass wir uns dessen bewusst sind –, dass diese „Geworfenheit“ bereits einen bestimmenden Einfluss auf uns gehabt hat und weitestgehend unabänderlich ist. Was uns zu jenem Zeitpunkt ebenfalls noch nicht bewusst ist, abgesehen vielleicht von denen, die schon einschneidende Lebenserfahrungen gemacht haben: Diese Zufälligkeit wird auch in Zukunft häufig über unser weiteres Leben entscheiden, und dieses sicher nicht in einem Sinne, wie es sich mancher von uns so manches Mal wünscht.
Jedem von uns dürfte schon in den Jahren der Kindheit erklärt worden sein, was Sterben und Tod bedeuten. Doch nur wenigen von uns wird mit diesen Erklärungen in die Vorstellungswelt eingesunken sein, dass die Sterblichkeit der Menschen auch für uns selbst gilt und auch unser zukünftiges Ende mit einschließt. Mit dem Gewahrwerden unserer eigenen Existenz und unserer eigenen Identität scheint uns auch erstmalig die Endlichkeit unseres eigenen Daseins bewusst zu werden, dass wir – mit einem anderen Wort Martin Heideggers – „zum Tode sind“. Neben der „Subjektivität“ und der „Geworfenheit“ könnte man den „Tod“ als die dritte und zweifellos bedeutendste Unabänderlichkeit in unserem Leben sehen. Das frühzeitige Wissen von unserem zukünftigen Tod wird von nicht wenigen als diejenige Eigenschaft angesehen, die den menschlichen Verstand am wesentlichsten vom tierischen unterscheidet, und der Tod ist wohl jene unabänderliche Gegebenheit unseres Lebens, mit der wir uns innerlich am meisten auseinanderzusetzen haben. – Denken wir an den Tod, sehen wir vielleicht unser Leben als einen geraden Weg vor uns liegen, an dessen Ende der Tod wie etwas Dunkles, Ungewisses lauert und uns mit einem gewissen Schauder erfüllt, und zeitweise mögen wir uns auch unseres eigenen inneren Zwiespaltes bewusst werden, dass wir objektiv gesehen den Tod als etwas Naturgegebenes anerkennen müssen, dem alles Lebende unterworfen ist, gleichsam als Teil eines natürlichen Kreislaufs. Subjektiv jedoch, in unserem Innersten, wünschen wir uns, von dieser Unabänderlichkeit ausgenommen zu sein.
Zwangsläufig dürfte sich bei vielen von uns mit dem Gedanken an den Tod die Frage anschließen, was wohl danach kommen wird, oder sogar: „wohin“ wir wohl gelangen werden. Vielleicht können einige von uns schon zu jener Zeit, als Heranwachsende, derartige Fragen als irrelevant und unsinnig beiseiteschieben. Einer Mehrheit von uns scheint aber mit dem Gedanken an den Tod die Vorstellung von einer „Seele“ und der Glaube an eine „Seele“ bekräftigt zu werden. Ähnlich wie der Begriff „Tod“ dürfte der Begriff „Seele“ jedem von uns schon während der Kindheit auf die eine oder andere Weise nahegebracht und erklärt worden sein, ohne dass auch dieser Begriff zu jener Zeit eine besondere Rolle für uns gespielt haben mag. Er entsprach durchaus unserem Empfinden, dass wir aus einem sinnlich wahrnehmbaren Körper einerseits bestehen und andererseits aus einem formlosen, sinnlich nicht fassbaren „inneren Wesen“, das man eben allgemein als „Seele“ bezeichnet. Vielleicht ist dieses Empfinden von unserem Zweigeteiltsein in uns in ähnlicher Weise angelegt und fest verankert – „hardwired“ – wie das Denken in Raum und Zeit oder etwa unsere Fähigkeit, Sprache zu erlernen.
Das Besondere einer solchen Vorstellung wie der, aus einem Körper und einer Seele zu bestehen, dürfte sein, dass die Seele dabei als zeitlos empfunden wird, als etwas, das keinen Anfang und kein Ende hat und in diesem Sinne auch unsterblich ist. Erklären könnte man sich dieses Gefühl wiederum damit, dass wir uns selbst eigentlich insgesamt zunächst als zeitlos empfinden. Keiner von uns hat eine Erinnerung an den Anfang des eigenen Daseins. Sobald man versucht, so weit wie möglich zurückzudenken, ist es – worauf von manchen bereits verwiesen wurde –, als hätte man „immer schon“ gedacht, „immer schon“ gesprochen und „immer schon“ gelebt. Das erste Mal, dass ein Kind über seinen Ursprung nachzudenken scheint, fragt es auch nicht die Eltern, wie es seinen Anfang genommen hat, sondern woher es käme, wenn es nun nicht „immer schon“ bei den Eltern gewesen sei. – Auf der anderen Seite lernen wir von dem zukünftigen Ende unseres Daseins nur deshalb frühzeitig, weil man uns überzeugend erklärt hat, dass dieses sich irgendwann in der Zukunft ereignen wird. Besäßen wir keine Sprache, so würden wir im Laufe unseres Lebens vielleicht aufgrund unserer vergleichenden Beobachtungen eine Ahnung von der eigenen Geburt und dem eigenen Tod entwickeln, eine Bestätigung von außen erführen wir aber wohl nicht.
Mit dem Gedanken an den eigenen kommenden Tod gewinnt auch die Vorstellung von der „Unsterblichkeit der Seele“ für uns eine erneute Unmittelbarkeit und sie wird bereitwillig in unsere eigene Vorstellungswelt aufgenommen – oder in ihr „bestätigt“. Vielleicht geschieht dieses auch deshalb, weil unser Selbsterhaltungstrieb den Gedanken an die absolute Endgültigkeit unseres Daseins einfach nicht zulässt. Ich habe verschiedentlich über Aussagen gehört und gelesen, dass es erst das Begreifen der Unausweichlichkeit des eigenen Todes gewesen sei, der vielen als Heranwachsenden die eigene Existenz bewusst werden ließ, und sie sich bei dieser Gelegenheit auch eingestehen mussten, wie sehr sie doch der Gedanke an die Endlichkeit ihres Lebens und die Ungewissheit über das „Danach“ bedrückte.
Obgleich wir für uns selbst das Gefühl haben, unsere „Seele“ ändere sich nicht, bleibe immer die gleiche, wandelt sich im Laufe unseres Lebens doch das, was andere an uns von außen als „Seele“ wahrnehmen oder wahrzunehmen meinen. Es wandelt sich wohl aufgrund unserer Erfahrungen, die wir im Laufe unserer Jahre sammeln, und aufgrund der physiologischen Entwicklung, die wir durchmachen. Auf schlagartige Änderungen der „Seele“ – wir sprechen dann eher von einer „Wesensänderung“ – stoßen wir gelegentlich, wenn wir jemandem begegnen, der durch Unfall oder Krankheit einen Hirnschaden erlitten hat. Eine Frage, die sich aber bei der Begegnung mit diesen Menschen ergeben sollte – besonders bei denjenigen unter uns, die so nachdrücklich auf der „Unsterblichkeit der Seele“ bestehen –: Welche „Seele“ wird eigentlich nach dem Tode „weiterleben“? Die vor oder die nach der Schädigung des Gehirns? Oder sind wiederum alle „Seelen“ gleich, wenn sie entsprechend verbreiteter Vorstellung unsere Körper nach deren Absterben wieder verlassen, so wie es keinen Unterschied zwischen den „Seelen“ geben soll, die bei der Befruchtung des Eies oder bei der Geburt angeblich „eingehaucht“ werden? Gewinnen die „Seelen“ danach ihre Einmaligkeit nur vorübergehend durch das Zusammenspiel mit dem Körper und der Umgebung während der biologischen Lebenszeit des Körpers? – Bemerkenswert finde ich, wie wir trotz des weit verbreiteten Glaubens an die „Unsterblichkeit der Seele“ solche und ähnliche Fragen ohne Schwierigkeit unbeantwortet beiseiteschieben können.
Vielleicht sollte ich hier – mehr der Vollständigkeit halber – eine andere Gegebenheit unseres Daseins einfügen, die wir anscheinend auch ohne große Schwierigkeit hinnehmen können, ohne von der fehlenden Antwort sonderlich beunruhigt zu sein. Jedenfalls scheint sie bei Fragen und Gesprächen über die „Lage des Menschen“ nur eine geringe Rolle zu spielen. Dies ist die Feststellung, zu der wir wohl schon in den Jahren unserer Kindheit gelangen, dass Raum und Zeit keinerlei Begrenzung haben, zumindest nicht in unserem Denken. Wie wir auch immer das Universum (oder „Multiversum“) betrachten mögen, früher oder später stoßen wir auf die Fragen: Was kam eigentlich davor? Was kommt danach? Was ist noch größer? Was ist noch kleiner? Vielleicht ficht uns diese Unbegrenztheit von Raum und Zeit weniger an, weil sie uns innerlich weniger berührt und wir Antworten auf die Fragen, die sie uns stellen lässt, als weniger dringlich empfinden als jene Fragen nach unserem persönlichen „Wer oder Was“ und unserem persönlichen „Woher und Wohin“.
Ausgelöst wohl aber von dem Gedanken an den uns einmal bevorstehenden Tod und dem Rätseln über unsere eigene Identität, erhebt sich in uns in jener Zeit des Heranwachsens auch erstmalig die Frage nach dem „Sinn des Lebens“. Zunächst beinhaltet sie wohl nur die Frage nach dem „Sinn unseres Lebens“, doch wird sie dann gedanklich erweitert, um im Grunde auch die Frage nach dem „Sinn von allem Lebendigen“ und dem „Sinn der Welt“ mit einzuschließen und zur Frage nach dem „Sinn des Ganzen“ zu werden. Mit dieser Frage kommt aber für uns zu den schon unbeantwortbaren Fragen nach dem „Wer oder Was“ und dem „Woher und Wohin“ noch die unbeantwortbare Frage nach dem „Weshalb und Wofür“. Von diesen Fragen, die alle unsere menschliche Situation betreffen, dürfte gerade die letzte Frage, die die Frage nach dem „Sinn des Lebens“ beinhaltet, uns im Laufe unseres Daseins wohl am meisten innerlich beschäftigen.
Vielleicht hängt die Beharrlichkeit, mit der uns diese Frage trotz ihrer Unbeantwortbarkeit bewegt, mit einer Eigenschaft zusammen, die auch anlagebedingt ist – also auch „hardwired“ ist, wie ich wohl sagen sollte. Bei dieser Eigenschaft handelt es sich um ein Denken, das einerseits ursachenbestimmt (kausal) ist – also ständig nach Grund und Ursache eines Geschehens oder einer Erscheinung fragt – und andererseits zweckbestimmt (final) ist, uns also ständig nach dem Zweck einer Sache oder eines Vorgangs fragen lässt. Wie tief verwurzelt in uns dieses Denken ist, lässt sich vielfach an Aussagen des täglichen Lebens erkennen, die von der Art sind, dass „Girafen einen langen Hals haben, damit sie die Blätter in den oberen Zweigen der Bäume besser erreichen können“. Man findet eine solche Art der Argumentation nicht selten sogar in naturwissenschaftlichen Abhandlungen und Vorträgen. So hörte ich beispielsweise, dass ein bestimmtes Virus nach der Infektion eines Menschen häufig mutiere, „damit es der Immunabwehr entgehe“. „Was für ein kluges und begabtes Virus!“, dachte ich da nur, da es doch ein zielgerichtetes Denken zeigt und sogar imstande sein soll, bewusst sein genetisches Material den Erfordernissen entsprechend zu verändern.
Berechtigt wäre es vielleicht, in diesem Zusammenhang zu fragen, ob nicht ein ursachen- und zweckbestimmtes Denken uns Menschen einen evolutionären Vorteil gebracht hat – oder bisher nur noch keinen Nachteil. Man könnte argumentieren, dass es gerade dieses Denken war, das in den Menschen zur Vorstellung von der Existenz übernatürlicher Mächte geführt habe, die seit alters her als „Götter“ bezeichnet werden. Auf das Wirken derartiger übernatürlicher Mächte – oder einer übernatürlichen Macht – führte man alle möglichen Erscheinungen der umgebenden Natur zurück, deren Ursache und Sinn man sich anderweitig nicht erklären konnte und denen man sich sonst hilflos ausgeliefert fühlte. Es ließe sich in dieser Hinsicht von einer „transzendenten Hilfsgröße“ für den Menschen sprechen, weil diese Vorstellung sich auf etwas jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren und des Messbaren bezieht und dem „diesseitigen“ Menschen helfen soll, das ihm Unverständliche zu erklären. Natürlich – das will ich hier gleich anführen – lässt sich andererseits die Behauptung von jemandem nicht widerlegen, der – von der Existenz einer übernatürlichen Macht überzeugt – dagegenhielte, ein ursachen- und zweckbestimmtes Denken sei gerade deshalb im Menschen angelegt, damit er das Wirken dieser übernatürlichen Macht oder Mächte erkenne.
Die Gegebenheiten oder Unabänderlichkeiten unseres Lebens, die ich soweit erwähnt habe, sind über ein Ahnen hinaus vielleicht erst mit der Entwicklung einer Sprache in das Bewusstsein des Menschen getreten – und damit für ihn wesentlich geworden. Das durch die Sprache ausgelöste oder geförderte Denken mag den Menschen dann zu den genannten „Lebensfragen“ geführt haben, den Fragen nach der eigenen Identität, nach dem „Woher und Wohin“ und nach dem „Sinn des Lebens“. Doch diese unabänderlichen Gegebenheiten, wie die „Geworfenheit“ und der Zufall, das „Sein zum Tode“ und die eigene nicht überschreitbare Subjektivität, sind nicht die einzigen Bedingungen, denen wir in unserem Leben unterworfen sind und die in diesem Sinne unsere „menschliche Situation“ ausmachen. Unsere „menschliche Situation“ schließt auch Bedingungen ein, die unsere Gedanken und Neigungen und das aus ihnen resultierende Handeln entscheidend beeinflussen und bestimmen, jedoch keineswegs nur uns Menschen eigen sind. Sie finden sich über das gesamte Tierreich verbreitet, und ohne sie wäre tierisches wie auch menschliches Leben wohl nicht möglich. Ich meine hiermit jene uns angeborenen Bedürfnisse, die vor allem die Selbsterhaltung und Fortpflanzung bewirken und fördern. Allgemein bezeichnen wir diese Bedürfnisse als „Triebe“ und sprechen vom „Selbsterhaltungstrieb“ und „Fortpflanzungstrieb“. Im letzteren Falle wäre es wohl aber genauer, von einem „Kopulationstrieb“ zu sprechen, da wir Menschen einerseits die Fortpflanzung weitgehend von der sexuellen Befriedigung getrennt haben und sich andererseits auch beim Tier nicht nachweisen lassen dürfte, ob ein „Kinderwunsch“ der Grund für eine stattfindende Kopulation ist.
Der Selbsterhaltungstrieb bleibt wohl zeit unseres Lebens der vorherrschende Trieb, und letztlich ist ihm alles Denken und Fühlen nachgeordnet, sobald er sich bei uns auf die eine oder andere Weise bemerkbar macht, sei es bei Gewahrwerden einer Bedrohung unseres Lebens, sei es als Schmerz oder die Furcht vor diesem, sei es als eine Vorwarnung mit einem Gefühl von Hunger, Durst, Hitze oder Kälte. Diese Empfindungen signalisieren unmittelbare Bedürfnisse unserer Selbsterhaltung, die mehr oder weniger unmittelbares Handeln erfordern, um das jeweilige „Miss“-Empfinden wieder abzustellen. Insgesamt sind wir gefordert, uns zusätzlich schon auf lange Sicht auf das Auftreten solcher Bedürfnisse zur Selbsterhaltung vorzubereiten. Unsere gesellschaftliche Umgebung versucht, uns die Notwendigkeit eines solchen Vorbereitens bewusst zu machen, zu einer Zeit schon, wenn die wenigsten von uns eine derartige Notwendigkeit verspüren. Schule, Lernen und Ausbildung sollen eben in erster Linie dazu dienen, dass wir uns später selbstständig „erhalten“ können. Die Einsicht in die Notwendigkeit einer solchen Vorbereitung für das Leben wird als Teil eines sogenannten „geistigen Reifungsprozesses“ des Heranwachsens gesehen, und die Vorstellung eines jeden von uns von dem einzuschlagenden „Lebensweg“ wird Gedanken an eine Tätigkeit enthalten, von der der Betreffende zumindest glaubt, sie werde ihn „ernähren und kleiden“ können.
Wird der Selbsterhaltungstrieb als der wohl mächtigste Trieb gegebenenfalls jedes andere Denken und Fühlen zurückdrängen, so vermittelt das Wirken des Kopulationstriebes uns wohl am stärksten den Eindruck, trotz einer sonst „hochgeistigen Entwicklung“ – wie es uns scheinen mag – weiterhin einem noch tierischen Verhalten unterworfen zu sein, ob wir es wollen oder nicht. Und ein solches Empfinden überkommt uns manchmal auf eine unangenehme und schmerzhafte Weise, wenn wir uns auf etwas eingelassen oder etwas getan haben, was wir entsprechend späterer Einsicht hätten vermeiden sollen. Ähnlich wie beim Selbsterhaltungstrieb wird die überwiegende Mehrheit von uns den „Ansprüchen“ des Kopulationstriebes Rechnung tragen und diese gelassen, bereitwillig oder sogar begeistert in jegliche Art von „Lebensplanung“ mit einbeziehen, wenn wir etwa anfangen, einen Lebenspartner zu suchen für den „lebenswierig wechselseitigen Besitz der Geschlechtseigenschaften“ (ein Wort, das dem Philosophen Immanuel Kant zugeschrieben wird).
Ich glaube, man darf sagen, dass eine Mehrzahl der Menschen die Meinung vertritt, Leben bestünde nicht nur aus Essen, Trinken, Schlafen und „Beischlafen“. Doch was dieses „Mehr“ eigentlich ist, da scheinen die Meinungen ziemlich weit auseinanderzugehen. Die Endpunkte des Selbsterhaltungstriebes und des Kopulationstriebes sind der direkten Wahrnehmung zugänglich oder entsprechen physiologischen Messwerten innerhalb eines bestimmten Messbereiches. Sie sind also in dem Sinne objektivierbar, ob es sich nun um die Aufrechterhaltung einer angenehmen Körpertemperatur, die Sättigung nach einer Mahlzeit oder auch um einen Orgasmus handelt. Diese Ziel- und Endpunkte des Selbsterhaltungstriebes und des Kopulationstriebes gelten nicht nur gleichermaßen für alle Menschen, sondern auch weitestgehend für das gesamte Tierreich. Beide Triebe sind bestimmende Kräfte im Leben eines jeden Menschen. Doch abgesehen von einem mehr unbewussten Miteinbeziehen der Grundbedürfnisse zur Selbsterhaltung und zur sexuellen Befriedigung in die Lebensplanung würde ich beiden Trieben keine bedeutendere Rolle zuschreiben, was das „Besondere“ am „Wesen“ des menschlichen Lebens bestimmt.
