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Anna kommt nach Moskau, ohne zu wissen, dass diese Stadt sie leise verändern wird. Zwischen verschneiten Straßen, warmem Licht in kleinen Cafés und den stillen Regalen eines Buchladens beginnt sie, sich selbst neu zu begegnen. Freundschaften wachsen behutsam, Gespräche tragen mehr Bedeutung als große Gesten, und Gefühle entfalten sich dort, wo niemand sie drängt. Der Roman erzählt von Nähe, die nicht laut sein muss, von Liebe, die im Schweigen atmet, und von Abschieden, die nicht schmerzen, sondern klären. Moskau wird dabei mehr als ein Ort – es wird ein innerer Raum, gefüllt mit Erinnerungen, Zweifeln und Erkenntnissen. Mit poetischer Sprache und ruhigem Rhythmus begleitet die Geschichte Anna auf einer Reise nach innen, bis sie versteht, dass manches nicht bleibt, um verloren zu gehen, sondern um Spuren zu hinterlassen, die den Weg in ein neues Morgen weisen.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2026
Zwischen Schnee und Stille
Eine Geschichte über Nähe, die bleibt
© 2026 René Schlüns
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist
der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die
Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:
René Schlüns, Horststraße, 21680 Stade, Germany . Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichte - Das leise Versprechen des Winters
2. Geschichte - Die Metro, die nie schläft
3. Geschichte – Das Café der verlorenen Sätze
4, Geschichte – Die Bibliothek unter dem Schnee
5. Geschichte – Die Stadt im Aufbruch
6. Geschichte – Die Schwelle
1. Geschichte - Das leise Versprechen des Winters Die Glocke über der Tür war ein kleines, müdes Tier aus Messing. Sie klingelte nicht – sie seufzte. Als hätte sie selbst den Winter inhaliert und würde ihn nun, jedes Mal wenn jemand eintrat, in einem leisen Ton wieder ausatmen.
Anna liebte dieses Geräusch.
Vielleicht, weil es zuverlässig war. Vielleicht, weil es nicht log.
Draußen war Moskau eine harte Zeile, geschrieben in Eis. Der Asphalt glänzte wie frischer Druck, die Luft biss nach Wangen, nach Ohren, nach jedem Gedanken, der zu lange draußen blieb. Schneematsch lag an den Bordsteinen wie graue, erschöpfte Wolken. Die Menschen liefen schneller, als müssten sie die Kälte überholen. Ihre Atemwolken stiegen auf und zerplatzten, als würden sogar die Worte in dieser Stadt frieren.
Drinnen aber – im Buchladen „Sneg i Slova“ (Schnee und Wörter), den kaum jemand beim ersten Vorbeigehen bemerkte – war die Zeit anders. Sie legte sich wie ein Schal um die Schultern. Es roch nach Papierstaub, nach Leinwand, nach Druckerschwärze, nach dem fernen Versprechen von Kaffee, obwohl Anna streng darauf achtete, dass niemand Becher zwischen die Regale schmuggelte.
„Nicht, weil ich unfreundlich bin“, sagte sie manchmal, wenn jemand die Lippen verzog. „Sondern weil Bücher keine Flecken verzeihen.“
Das war nur halb wahr.
Die ganze Wahrheit war: Anna hatte gelernt, dass manche Flecken nie wieder verschwinden. Auch nicht, wenn man sie abwischte, auch nicht, wenn man so tat, als wären sie nicht da.
Sie stellte gerade einen Stapel Neuankömmlinge auf den Tisch neben dem Fenster – Übersetzungen aus dem Englischen, russische Lyrik, ein paar Literaturtheorie-Bände, die kaum jemand kaufte, aber alle respektvoll anfassten – als sie bemerkte, dass der Schnee draußen dichter wurde. Er fiel nicht mehr in schüchternen Flocken, sondern in ganzen Absätzen. Die Straße wurde in Weiß umgeschrieben.
Anna zog den Ärmel ihres Wollpullovers über die Hand und wischte eine Staubspur von einem Einband.
Sie war zwanzig.
Manchmal fühlte sie sich wie zwölf, manchmal wie vierzig. In ihr lebten Jahre, die sie nie gehabt hatte, und gleichzeitig fehlten ihr Stunden, die sie hätte haben sollen.
Sie studierte Literatur an der Universität – weil es das Einzige war, das sich anfühlte wie eine Sprache, in der sie atmen konnte. Ihre Dozenten sprachen über Struktur, über Motive, über Erzählperspektiven, und Anna nickte, machte Notizen, zeichnete kleine Sterne an den Rand der Seiten. Aber was sie wirklich lernte, war: In Geschichten darf man zurückblättern. Im Leben nicht.
Der Buchladen war ihr Zwischenraum.
Ein Ort, an dem Menschen leise wurden, selbst wenn sie laut hineingekommen waren. Ein Ort, an dem Fragen selten schmerzten, weil sie meist lauteten: „Haben Sie das auch als Taschenbuch?“ oder „Gibt es eine Ausgabe mit größerer Schrift?“
Ein Ort, an dem Anna nicht erklären musste, warum sie manchmal zusammenzuckte, wenn draußen ein Auto hupt.
Sie ordnete die Bücher, als würde sie eine Ordnung in sich selbst bauen.
Dann seufzte die Glocke.
Jemand trat ein.
Anna sah zuerst nur Farbe.
Zwei Handschuhe, knallrot, wie ein Ausrufezeichen in der weißen Stadt. Darauf Schneekristalle, die kurz funkelten, bevor sie schmolzen.
Das Mädchen, das diese Handschuhe trug, schüttelte den Schnee von der Mütze und lachte, als wäre der Winter nur ein Witz, den sie verstanden hatte.
„Ich dachte schon, ich finde euch nie“, sagte sie in die Wärme hinein.
Ihre Stimme war hell, aber nicht schrill. Eher wie ein Lied, das man nicht sofort mitsingen kann, aber irgendwann summt.
Anna hob den Blick. Ihre Hände blieben auf dem Einband liegen.
„Wir sind nicht gut in Werbung“, antwortete Anna. „Das ist Absicht.“
Das Mädchen lächelte breit.
„Natürlich. Ein geheimer Buchladen. Wie in einem Roman.“
Sie zog die Mütze ab. Darunter kamen dunkle Locken zum Vorschein, vom Schnee feucht, ein bisschen wild. Ihre Wangen waren gerötet, die Augen lebendig, als hätten sie auf dem Weg hierher mit der Stadt gestritten und gewonnen.
„Ich heiße Nika“, sagte sie und streckte die Hand aus – als wäre es selbstverständlich, dass man in Buchläden Hände schüttelte.
Anna zögerte einen Moment.
Nicht, weil sie unhöflich war. Sondern weil Berührung für sie manchmal wie eine Frage war, auf die sie nicht vorbereitet war.
Dann nahm sie die Hand. Nika war warm.
„Anna“, sagte Anna.
Nika sah sich um, langsam, mit einer Art Respekt, der nicht geschniegelt wirkte. Ihre Blicke streiften die Regale, als würde sie nicht nur die Titel lesen, sondern die Stille zwischen ihnen.
„Hier riecht es nach…“ Sie hielt inne, suchte nach dem Wort.
„Nach alten Entscheidungen?“, schlug Anna vor, halb scherzhaft.
Nika lachte.
„Nach Möglichkeiten“, sagte sie.
Das Wort blieb hängen.
Anna tat so, als hätte sie es nicht bemerkt.
„Suchst du etwas Bestimmtes?“, fragte sie.
Nika zog die roten Handschuhe aus und rieb die Finger aneinander, als müsste sie sie zurück ins Leben bringen.
„Ja. Und nein. Ich suche ein Buch, das…“ Sie verzog das Gesicht. „Kennst du das, wenn man ein Buch sucht, aber eigentlich sucht man etwas, das einem sagt, dass man nicht kaputt ist?“
Anna spürte, wie in ihrem Brustkorb etwas klirrte, ganz leise, wie Glas in einer Tasche.
Sie schob es weg.
„Das sind meistens Gedichte“, sagte Anna. „Oder sehr gute Romane.“
Nika trat näher an den Tisch mit den Neuankömmlingen.
„Dann gib mir das Beste“, sagte sie.
Als wäre das eine einfache Bestellung.
Anna betrachtete sie. Diese Unverfrorenheit – nicht laut, nicht aggressiv, eher mutig – war selten. Die meisten Menschen standen im Buchladen wie Besucher in einem Museum: vorsichtig, ehrfürchtig, als könnte ein falscher Schritt Alarm auslösen.
Nika bewegte sich, als gehörte sie hierher.
„Was liest du sonst?“, fragte Anna.
„Alles, was mich kurz aus meinem Kopf rauszieht“, sagte Nika. „Aber ich mag…“ Sie drehte sich um, ihr Blick suchte die Regale. „Ich mag Sachen, die wehtun und trotzdem schön sind. Und Sachen, die einen am Ende nicht auslachen.“
Anna nickte.
Sie ging zum Regal mit russischer Lyrik und zog einen Band heraus: Achmatowa. Dann überlegte sie, stellte ihn zurück, nahm stattdessen Zwetajewa. Zögerte. Dann griff sie nach einem schmalen Band moderner Gedichte.
„Das hier“, sagte sie schließlich und legte Nika den Band in die Hände. „Es ist nicht freundlich. Aber ehrlich.“
Nika hielt das Buch wie etwas Zerbrechliches.
„Ehrlich ist das Einzige, das ich gerade ertrage“, sagte sie.
Anna schluckte.
Sie war geübt darin, nicht zu reagieren.
„Möchtest du noch etwas dazu?“, fragte sie, als wäre das hier ein normales Gespräch.
Nika sah auf.
„Vielleicht etwas, das mich daran erinnert, dass Menschen…“ Sie verzog die Lippen, als sei das Wort schwierig. „…dass Menschen gut sein können.“
Anna dachte an die Menschen, die sie kannte. An die, die gegangen waren. An die, die geblieben waren. An die, die nicht einmal die Chance gehabt hatten zu bleiben.
Sie dachte an die wenigen, die wirklich gut gewesen waren – nicht perfekt, aber gut.
„Komm“, sagte Anna.
Sie ging zu einem Regal, das nur Stammkunden kannten. Dort standen Bücher, die Anna nicht nach Genre ordnete, sondern nach Gefühl. Sie zog einen Roman heraus, dessen Seiten schon beim Anfassen weich waren.
„Das hier“, sagte sie. „Es ist wie… ein Kamin. Du liest es, und es wird warm, ohne dass es kitschig wird.“
Nika nahm auch dieses Buch.
„Du redest über Bücher, als wären sie Menschen“, sagte sie.
Anna hob die Schultern.
„Manche Menschen verdienen weniger Vertrauen als Bücher“, antwortete sie.
Nika betrachtete sie einen Moment zu lange.
Nicht neugierig aufdringlich. Eher aufmerksam.
„Ich glaube, du hast recht“, sagte Nika leise.
Anna ging hinter den Tresen. Sie tippte die Preise ein, während Nika die Bücher auf die Theke legte.
„Du studierst hier in der Nähe?“, fragte Anna, weil man Fragen stellen konnte, ohne sich zu verraten.
„Ja“, sagte Nika. „MGU, aber ich bin nicht so…“ Sie machte eine vage Handbewegung, als wolle sie das Wort „ordentlich“ wegwischen. „Ich bin eher chaotisch. Und du?“
Anna spürte das alte Ziehen: die Angst, zu viel zu sagen.
„Ich studiere Literatur“, sagte sie.
Nika riss die Augen auf.
„Natürlich tust du das“, sagte sie, als wäre es eine Tatsache wie Wetter.
„Warum natürlich?“, fragte Anna.
„Weil du aussiehst, als würdest du Wörter sammeln wie andere Leute Münzen“, sagte Nika.
Anna musste, gegen ihren Willen, lächeln.
Es war nur ein kleines Lächeln. Aber es fühlte sich an, als würde irgendwo in ihr ein Fenster geöffnet.
Nika bezahlte, steckte die Bücher sorgfältig in ihre Tasche.
„Danke“, sagte sie. „Das war…“ Sie suchte wieder nach Worten. „… wie eine gute Begegnung. Nicht so eine, nach der man sich duschen will.“
Anna lachte kurz auf – überrascht über das Geräusch.
„Das ist ein ungewöhnliches Kompliment“, sagte sie.
„Ich gebe nur ungewöhnliche Komplimente“, sagte Nika. Dann zog sie die roten Handschuhe wieder an. „Also… bis bald, Anna aus dem geheimen Buchladen.“
„Bis bald“, sagte Anna, und es klang, als würde sie es meinen.
Nika öffnete die Tür.
Die Glocke seufzte.
Dann war sie wieder weg.
Und doch war der Raum nicht mehr derselbe.
Anna stand einen Moment still, die Hände auf dem Tresen, als müsse sie sich vergewissern, dass der Boden noch da war.
Draußen fiel der Schnee weiter.
Drinnen hatte jemand einen Satz in die Luft geschrieben, den man nicht sofort lesen konnte, aber der trotzdem blieb.
In der nächsten Stunde kamen zwei ältere Frauen, die nach einem Kochbuch suchten, und ein Mann, der ein Geschenk brauchte, aber keine Gefühle kaufen wollte. Anna half ihnen, lächelte höflich, nickte, reichte Wechselgeld.
Doch immer wieder dachte sie an die roten Handschuhe.
An das Wort „Möglichkeiten“.
Sie versuchte, sich darüber zu amüsieren. Sich zu sagen: Es ist nur eine Kundin.
Aber sie wusste, wie Geschichten anfangen.
Meistens nicht mit Donner.
Meistens mit einer Türglocke.
Am Abend, als sie den Laden schloss, war die Stadt draußen dunkel und leuchtete zugleich: Laternen, Autoscheinwerfer, Schaufenster, die sich im Schnee spiegelten. Der Winter machte aus allem ein bisschen Theater.
Anna zog den Schlüssel aus dem Schloss und hielt einen Moment inne.
Sie hörte die Stadt, wie sie atmete.
Und sie hörte in sich selbst eine leise Frage, die sie sonst immer überhörte:
Wie wäre es, wenn dieses Mal jemand bleibt?
Sie schob die Frage tief in die Manteltasche, dorthin, wo sie sonst ihre Hände versteckte.
Dann ging sie zur Metro.
Der Schnee folgte ihr wie ein Absatzzeichen.
Und irgendwo, in einem anderen Teil der Stadt, ging Nika mit zwei Büchern in der Tasche nach Hause, und vielleicht – nur vielleicht – begann auch bei ihr etwas zu leuchten.
Am nächsten Morgen erwachte Anna, bevor der Wecker klingelte.
Das passierte selten.
Normalerweise zog sie den Schlaf wie eine Decke über sich, hielt ihn fest, weil die Träume oft freundlicher waren als das Erwachen. Doch diesmal lag sie wach, die Augen offen, das graue Licht Moskaus auf der Zimmerdecke, und dachte an rote Handschuhe.
Sie ärgerte sich darüber.
Nicht über Nika – über sich selbst.
Über diese Leichtigkeit, mit der ein fremder Mensch einen Abdruck hinterlassen konnte. Über die Art, wie ein einziges Wort – Möglichkeiten – sich festgesetzt hatte wie ein Lesezeichen in ihrem Kopf.
Anna stand auf, kochte Tee, verbrannte ihn fast, weil sie wieder abschweifte. Draußen war der Schnee über Nacht hart geworden, der Winter hatte die Stadt konserviert.
Sie zog sich an, wickelte den Schal zweimal um den Hals und ging los.
Der Buchladen öffnete erst um zehn. Anna kam immer früher.
Sie mochte die Stunde davor – wenn die Regale noch schliefen und die Stadt draußen nur gedämpft klang. Sie stellte den Samowar an, sortierte Rückgaben, strich mit den Fingern über Buchrücken wie über vertraute Schultern.
Gegen halb elf seufzte die Glocke erneut.
Anna blickte nicht sofort auf.
Sie wusste es trotzdem.
„Guten Morgen, Anna aus dem geheimen Buchladen“, sagte Nika.
Anna hob den Kopf.
Die roten Handschuhe waren wieder da.
Diesmal trug Nika einen langen dunklen Mantel, zu groß für sie, als hätte sie ihn aus einer anderen Geschichte geliehen. Ihre Wangen waren weniger gerötet, aber ihre Augen hatten dasselbe Leuchten.
„Du bist früh“, sagte Anna, und meinte eigentlich: Du bist wieder da.
„Ich hatte Angst, dass der Laden heute plötzlich verschwindet“, sagte Nika ernst. „So wie Dinge das manchmal tun.“
Anna verstand zu gut, was sie meinte.
„Er verschwindet nicht“, sagte sie. „Er versteckt sich höchstens.“
Nika lächelte und stellte die Tasche auf den Tresen.
„Ich habe die Gedichte gelesen“, sagte sie. „Nicht alle. Aber genug, um heute langsamer zu gehen.“
Anna spürte eine Wärme, die nichts mit der Heizung zu tun hatte.
„Möchtest du…“, begann sie, brach ab, atmete ein. „Möchtest du nach meiner Schicht einen Spaziergang machen?“
Das Angebot hing zwischen ihnen wie ein vorsichtig formulierter Satz.
Nika zögerte keine Sekunde.
„Sehr gern“, sagte sie.
Und dieses einfache Ja fühlte sich an wie der Beginn eines Kapitels.
Sie gingen später am Nachmittag los, als der Himmel bereits in dieses blasse Blau kippte, das Moskau so gut beherrschte. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen, die Stadt war laut und leise zugleich.
Sie sagten zuerst wenig.
Nicht aus Unbehagen, sondern aus Respekt vor dem Moment.
„Ich mag es, mit dir zu schweigen“, sagte Nika schließlich. „Es fühlt sich nicht leer an.“
Anna nickte.
„Schweigen ist manchmal ehrlicher als Gespräche“, sagte sie.
Sie gingen entlang der Straßen, vorbei an erleuchteten Fenstern, an Menschen, die lachten, stritten, liebten, ohne dass Anna sie beneidete. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie kein Loch in sich, das gefüllt werden musste.
Nur Raum.
Als sie an der Metro standen, blieb Nika stehen.
„Danke“, sagte sie. „Nicht nur für die Bücher.“
Anna sah sie an.
„Wofür dann?“
Nika zog einen Handschuh aus, berührte kurz Annas Ärmel.
„Dafür, dass du mich gesehen hast“, sagte sie.
Anna antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie leise:
„Du auch.“
Die Metro verschluckte Nika.
Anna blieb noch einen Moment stehen, sah den Atem verschwinden, sah den Schnee fallen.
Sie wusste es jetzt.
Diese Geschichte würde bleiben.
Und sie würde sie weiterschreiben.
Anna ging langsamer nach Hause, als sie es sonst tat.
Nicht, weil sie müde war, sondern weil sie das Gefühl hatte, dass jeder Schritt sonst etwas zerbrechen könnte. Der Abend legte sich wie ein weicher Umschlag um die Stadt. Die Lichter spiegelten sich im nassen Asphalt, und Moskau sah aus, als hätte jemand es vorsichtig poliert.
In ihrer kleinen Wohnung zog sie den Mantel aus, ließ ihn über den Stuhl fallen. Sie stellte die Schuhe ordentlich nebeneinander, eine Angewohnheit aus Zeiten, in denen Ordnung das Einzige gewesen war, das sie kontrollieren konnte.
Sie setzte sich ans Fenster.
Von hier aus sah man keine Sehenswürdigkeiten, nur Hinterhöfe, Feuerleitern, das matte Leuchten fremder Küchen. Aber Anna mochte diesen Blick. Er verlangte nichts von ihr.
Sie dachte an Nikas Hand an ihrem Ärmel.
An diese kurze, fast beiläufige Berührung, die sich tiefer eingeprägt hatte als laute Gesten es je könnten.
Dankbarkeit war ein seltsames Gefühl.
Es machte leise. Es drängte nicht. Es kam ohne Forderung.
Anna hatte lange geglaubt, dass man Liebe verdienen müsse. Dass sie eine Art Belohnung sei für Durchhalten, für Funktionieren, für das richtige Verhalten. Doch Freundschaft – echte, warme Freundschaft – war etwas anderes. Sie kam manchmal einfach so. Wie Schnee. Wie ein Buch, das man zufällig aus dem Regal zieht und das plötzlich genau weiß, wer man ist.
In dieser Nacht schlief Anna ruhig.
In den folgenden Tagen wurde Nika zu einer Konstante.
Nicht jeden Tag, nicht aufdringlich, sondern genau richtig. Manchmal kam sie nur kurz vorbei, brachte einen Apfel mit, setzte sich auf die niedrige Leiter im Laden und las ein paar Seiten, während Anna arbeitete. Manchmal blieb sie länger, half beim Einsortieren, stellte Fragen zu Autoren, als würde sie Anna lesen wollen, nicht nur die Bücher.
„Du hast Lieblingsstellen“, sagte Nika einmal und zog einen Band aus dem Regal. „Man sieht es an den Eselsohren.“
Anna errötete.
„Das ist Blasphemie“, murmelte sie.
„Das ist Liebe“, korrigierte Nika.
Anna widersprach nicht.
Sie gingen öfter spazieren. Durch Straßen, die Anna sonst nur benutzte, um von A nach B zu kommen. Mit Nika wurden diese Wege zu Sätzen. Zu Absätzen. Zu kleinen Geschichten, die niemand aufschrieb, die aber trotzdem existierten.
Einmal blieben sie auf einer Brücke stehen. Der Fluss darunter war träge, dunkel, trug Eisstücke wie Erinnerungen mit sich.
„Manchmal habe ich Angst“, sagte Nika plötzlich.
Anna drehte sich zu ihr.
„Wovor?“
Nika zuckte mit den Schultern.
„Davor, dass gute Dinge abbrechen. Einfach so. Ohne Warnung.“
Anna kannte diese Angst.
Sie legte ihre Hand neben Nikas auf das kalte Geländer. Nicht darüber. Nicht fest.
Nur da.
„Ich auch“, sagte sie.
Das reichte.
Eines Abends, kurz vor Ladenschluss, blieb Anna allein zurück. Die Stadt draußen war ruhig, als hätte sie den Atem angehalten. Anna löschte das Licht bis auf eine kleine Lampe zwischen den Regalen.
Sie setzte sich auf den Boden, den Rücken an ein Regal gelehnt.
Hier hatte sie angefangen, sich sicher zu fühlen.
Sie dachte an ihr jüngeres Ich. An das Mädchen, das gelernt hatte, leise zu sein. Unsichtbar. Dankbar für jede freundliche Geste, weil sie wusste, dass nichts selbstverständlich war.
Jetzt war sie immer noch dankbar.
Aber sie war nicht mehr klein.
Anna stand auf, ging zur Tür, stellte das „Geschlossen“-Schild um.
Der Buchladen atmete aus.
Sie wusste: Diese Geschichte war noch nicht zu Ende.
Sie hatte gerade erst gelernt, wie man sie erzählt.
Am nächsten Tag war die Universität eine andere Art von Winter.
Nicht der, der an den Wimpern klebte und die Straßen in Weiß übersetzte, sondern der, der aus Neonlicht bestand und aus Korridoren, in denen Stimmen wie Papier raschelten. Anna saß im Seminarraum am Fenster. Draußen schob sich die Stadt wie ein grauer Film vorbei, innen war die Luft trocken, nach Heizung und Kreide.
Der Dozent sprach über den Realismus, über die Pflicht, die Welt zu zeigen, wie sie ist.
Anna hörte zu, machte Notizen, aber in ihrem Kopf stand Nika mit roten Handschuhen zwischen den Regalen, als wäre sie eine Randbemerkung, die plötzlich zur Hauptthese geworden war.
„Anna?“, fragte der Dozent, als hätte er ihre Abwesenheit in ihren Augen entdeckt. „Wie würden Sie das Motiv der Wiederkehr hier lesen?“
Wiederkehr.
Das Wort glitt über Anna wie ein vorsichtiges Messer.
Sie zwang sich, zurück in den Raum.
„Als… als etwas, das nicht nur Handlung ist“, sagte sie langsam, „sondern ein Versprechen. Oder eine Prüfung. Man glaubt, man ist fertig mit etwas – und dann steht es wieder vor der Tür.“
Ein paar Köpfe nickten. Jemand schrieb es auf.
Anna spürte Hitze unter der Haut.
Nicht Scham.
Etwas, das eher wie Wahrheit schmeckte.
Im Buchladen war es später ruhiger als sonst.
Der Schnee hielt die Menschen drinnen, in ihren Wohnungen, in ihren Gedanken. „Sneg i Slova“ wurde an solchen Tagen zum Unterschlupf für die, die nicht allein sein wollten, aber auch nicht reden.
Da war die alte Frau mit dem Pelzkragen, die jeden Donnerstag kam und nach Gedichten fragte, als würde sie Medizin kaufen.
„Etwas, das mich nicht an meinen Mann erinnert“, sagte sie einmal und sah dabei aus, als sei genau das unmöglich.
Da war ein Junge, vielleicht sechzehn, der sich heimlich in die Philosophie-Ecke drückte, den Blick immer wieder zur Tür. Als er endlich bezahlte, war das Buch ein dünner Band über Angst.
Anna sagte nichts. Sie verstand.
Und da war – immer wieder – Nika.
