ZWISCHENFALL AUF DEM TRAFALGAR SQUARE - Victor Gunn - E-Book

ZWISCHENFALL AUF DEM TRAFALGAR SQUARE E-Book

Victor Gunn

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Jeder in England kennt Rosalind Tresham. Sie ist die Kandidatin für die große Preisfrage im Fernseh-Quiz. Aber jemand scheint daran interessiert zu sein, dass sie an der nächsten, entscheidenden Runde nicht mehr teilnehmen kann. Inspektor Cromwell übernimmt den Fall... Der Roman ZWISCHENFALL AUF DEM TRAFALGAR SQUARE von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1958; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

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Seitenzahl: 340

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Victor Gunn

 

 

Zwischenfall auf dem

Trafalgar Square

 

Roman

 

 

 

 

Apex Crime, Band 159

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

ZWISCHENFALL AUF DEM TRAFALGAR SQUARE 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechszehntes Kapitel 

 

 

Das Buch

 

Jeder in England kennt Rosalind Tresham. Sie ist die Kandidatin für die große Preisfrage im Fernseh-Quiz. Aber jemand scheint daran interessiert zu sein, dass sie an der nächsten, entscheidenden Runde nicht mehr teilnehmen kann. Inspektor Cromwell übernimmt den Fall...

 

Der Roman Zwischenfall auf dem Trafalgar Square von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; † 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1958; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr.  

Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.

   ZWISCHENFALL AUF DEM

TRAFALGAR SQUARE

 

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

Es begann am frühen Nachmittag des 08. Dezember, einem Sonntag, im Herzen von London, auf dem Trafalgar Square...

George Wentworth schlenderte sorglos an dem Becken eines der großen Springbrunnen entlang und genoss den schönen Wintersonnenschein. In den letzten Tagen war das Wetter ungewöhnlich mild gewesen, und viele Londoner nutzten die schönen Tage aus. George machte dabei keine Ausnahme. Als er mit seinem alten Sportwagen hier vorbeikam, war er unfähig gewesen, der Verlockung des von Leben erfüllten sonnigen Platzes zu widerstehen. So war er also aus seinem Wagen gestiegen und spazierte nun, mit sich und der Welt zufrieden, über den Platz.

In diesem Augenblick geschah es...

Er sah das junge Mädchen im Pelzmantel erst, als sie nach seinem Arm griff und ihn halb zu sich herumdrehte. Nur flüchtig konnte er ein kleines, vom Zorn gerötetes Gesicht wahrnehmen, aus dem ihn braune Augen wütend anblitzten. Dann fuhr die Hand des Mädchens hoch, und klatschend fiel der Schlag auf seine Wange. Es klang fast wie eine kleine Explosion; der Zorn musste dem Schlag die Triebkraft von Dynamit verliehen haben. Denn der unglückliche George verlor das Gleichgewicht, wankte, stolperte über den niedrigen Rand des Brunnenbeckens und verschwand in dem eisigen Schaum, der nun aus dem Wasser des Beckens aufspritzte.

»Oh!«, stieß das Mädchen verwundert aus.

Offenbar hatte sie eine solche Wirkung ihrer Tat nicht beabsichtigt; sie wandte sich um und rannte, so schnell sie ihre Füße trugen, fort.

Nass bis auf die Haut stieg George, noch ganz verdutzt, aus dem Wasser; seine Wange brannte noch von dem heftigen Schlag. Das Wasser hatte ihm die klare Sicht genommen, sodass er die Gesichter um sich herum nur undeutlich wahrnahm. Wie durch Zauberei hatte sich nämlich schon eine Menschenmenge angesammelt, die Georges Auftauchen aus dem Wasser mit schadenfrohem Gelächter begrüßte.

Aber obwohl George das Schauspiel, das er bot, höchst peinlich war, so überwog sein Zorn doch noch sein Schamgefühl. War das Mädchen verrückt, ihm einen solchen Schlag zu versetzen, dass er ins Wasser fallen musste? Hatte sie es etwa aus Freude am Schabernack getan? Als er wieder klarsehen konnte, bemerkte er, wie sie, schon in erheblicher Entfernung, ein vorbeifahrendes Taxi heranwinkte.

Nun rannte er auch noch. Noch lauter lachten die Menschen hinter ihm her. Sein Hut schwamm sogar immer noch im Wasser des Beckens. Als er endlich die Straße erreicht hatte, war das Taxi mit seiner Angreiferin schon abgefahren.

»Oh nein, so leicht entkommst du mir nicht, mein Kind!«, stieß George wütend hervor.

Sicherlich hoffte sie, ihm entwischt zu sein; sie konnte ja nicht wissen, dass er seinen Wagen keine zwanzig Meter entfernt geparkt hatte. Er lief zu seinem Auto, sprang hinein, ließ den Motor an und nahm sofort die Verfolgung des Taxis auf. Glücklicherweise war am Sonntag hier wenig Verkehr, sodass George den Wagen ohne Schwierigkeiten erkennen konnte, als er in die Pall Mall einbog.

George kochte innerlich vor Wut; aber äußerlich fror er. Denn trotz des Sonnenscheins war es winterlich kalt, und seine total durchnässte Kleidung, die ihm am Körper klebte, ließ ihn laut schnattern. Nun war zwar George Wentworth von Natur ein gutmütiger Mensch, der nicht zu Jähzorn neigte und stets bereit war, die Dinge auch vom Standpunkt des andern aus zu sehen. Aber was zu viel war, war zu viel! In den ganzen siebenundzwanzig Jahren seines Lebens war er kaum je so wütend wie jetzt gewesen. Dass ein Mädchen ihn in ein Wasserbecken auf dem Trafalgar Square gestoßen hatte, erschien ihm der Gipfel der Unverschämtheit!

Einen Augenblick lang dachte er daran, die Geschwindigkeit seines Wagens zu steigern, sich dem Taxi quer in den Weg zu stellen und es so zum Halten zu zwingen. Aber damit hätte er ja eine weitere Straßenszene verursacht, und so nahm er von diesem Plan wieder Abstand. Er hielt sich vielmehr ein kurzes Stück hinter dem Taxi, das nun aus der Regent Street in den Piccadilly einbog.

Die Kälte hatte auch seinen Zorn abgekühlt. Die erste Welle der Entrüstung hatte sich gelegt, und jetzt war alles wie ein großes Fragezeichen. Warum? Welchen Grund konnte das Mädchen gehabt haben, ihn, der ihr ja absolut fremd war, an einem der belebtesten Punkte Londons zu ohrfeigen?

Hyde Park Corner... Knightsbridge... so fuhren sie weiter nach Kensington. Die Fährt, obwohl eigentlich kurz, schien George ewig zu dauern. Aber schließlich hielt das Auto vor einem Block ruhiger, gutbürgerlicher Mietwohnungen, über dessen Eingangstür der Name Altonstoke Court stand. Das Mädchen im Pelzmantel stieg aus, drückte dem Taxifahrer Geld in die Hand und eilte zur Haustür.

Aber George hatte ihr diesen Weg abgeschnitten. Er hatte seinen Wagen mit quietschenden Rädern gebremst und war mit einigen großen Sprüngen an der offenen Tür. Als sie den Hauseingang erreichte, stand er schon zerzaust und schmutzig dort.

»Jawohl – ich!« Er nickte erbittert. »Sehen Sie doch nicht so verwundert aus – selbstverständlich bin ich Ihnen nachgefahren, um...«

Seine Stimme erstarb. Die Worte, die er hatte äußern wollen, kamen ihm nicht über die Lippen. Verdammt! Das war ja das hübscheste Mädchen, das er je gesehen hatte! Jetzt starrte sie ihn mit vor Grauen weit aufgerissenen Augen an. Das Blut schoss ihr ins Gesicht – dann wurde sie wieder blass.

»Ach, du meine Güte«, murmelte sie. »Sie sind ja gar nicht der Mann...«

»Nicht welcher Mann? Wollen Sie etwa behaupten, dass es mir Vergnügen macht, nass wie eine gebadete Katze herumzulaufen?«

»Ich wollte ja gar nicht... Ach!« Das Mädchen im Pelzmantel sah jetzt noch verwirrter aus als zuvor. »Daran ist nur Ihr Sportjackett schuld! Es hat dieselbe Farbe – rostbraun mit großen, grünen Karos!«

»Na, so hässlich ist es doch nun wieder nicht!«, protestierte George, dessen frühere Zweifel hinsichtlich dieses Kleidungsstückes jetzt eine weitere unerwartete Bestätigung erhielten. »Aber was, zum Teufel, hat mein Sportjackett überhaupt damit zu tun?«, fuhr er fort und kehrte wieder zu seinem Thema zurück.

»Sie haben die gleiche Größe, die gleiche Figur... Ach, es tut mir wirklich furchtbar leid!«, fiel ihm das Mädchen ins Wort und sah ihn so ehrlich betrübt an, dass nun George, der sich kaum noch daran erinnern konnte, dass ihm doch ein Unrecht geschehen war, seinerseits verlegen wurde. »Sie müssen mich ja für eine schreckliche Närrin halten!«

Er aber dachte gar nicht daran, sie für so etwas zu halten. Ihre Stimme, gerade weil sie so verlegen klang, berührte ihn ganz eigenartig beruhigend und doch aufregend. Ihr Gesicht, das jetzt ihm zugewandt war, war so ungewöhnlich reizvoll, dass er eine Traumvision zu sehen glaubte. Dabei hatte er das unbestimmte Gefühl, es schon früher gesehen zu haben. Was mochte sie sein? Schauspielerin? Mannequin? Fotomodell?

»Sie müssen ja fürchterlich frieren!« Ihre Stimme, jetzt voll Mitgefühl, unterbrach seinen Gedankengang. »Sie werden sich ja den Tod holen, wenn Sie nicht in trockene Kleider kommen! Bitte glauben Sie mir, ich hatte nicht beabsichtigt, Sie in das Becken zu stoßen. Ich wollte Ihnen nur ein paar Ohrfeigen herunterhauen...« Sie brach ab. »Nicht Ihnen natürlich! Dem andern... aber Sie können nicht länger so nass herumlaufen! Sie müssen zu mir heraufkommen; ich werde in kürzester Zeit Ihre Kleider trocknen!«

»Nein... wirklich...«

Er hielt inne. Was war eigentlich mit ihm los? Nur ein Trottel konnte doch eine solche Aufforderung ablehnen! Plötzlich kam ihm zu Bewusstsein, dass er wirklich bis ins Mark fror. So setzte er ihr keinen Widerstand entgegen, als sie seinen Arm ergriff und ihn in das Treppenhaus zog.

In diesem Haus gab es keinen Portier, und so konnten sie ohne weiteres die Treppen zu ihrer Wohnung, Nr. 20, hinaufsteigen. Oben angekommen, zog das Mädchen einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Tür; leicht erregt betrat George ihre Wohnung. Sie kamen in ein gemütlich eingerichtetes Zimmer, in dessen Kamin ein elektrischer Ofen schwach brannte. Das Mädchen eilte sofort hin und schaltete den Ofen voll ein.

»Dort ist das Schlafzimmer!«, sagte sie und wies auf eine Tür. »Es ist eine kleine Wohnung – nur dieses Zimmer, das Schlafzimmer, das Bad und eine Kochnische.« Beim Sprechen hatte sie Hut und Mantel abgelegt. »Gehen Sie jetzt ins Schlafzimmer, und werfen Sie mir Ihre Sachen heraus, sobald Sie sie ausgezogen haben. In einigen Minuten werde ich alles am elektrischen Ofen getrocknet haben.«

Obwohl dieser Vorschlag ja eigentlich recht praktisch war, zögerte George. Er war offensichtlich mit dem Mädchen allein in der Wohnung, und diese Tatsache machte ihn unschlüssig. Sich ausziehen und seine Kleider durch die Tür hinauswerfen...

»Nun, machen Sie schon!«, forderte sie ihn auf. »Stehen Sie doch nicht hier herum! Sie zittern ja vor Kälte am ganzen Körper! Schließlich ist alles meine Schuld, und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das ist.«

Es gab jedoch noch einen anderen Grund für Georges Zögern: Nachdem sie ihren Pelz abgelegt hatte, stand sie nämlich in einem blassgrünen, wollenen Kleid da, das ihre schlanke Gestalt wunderbar zur Geltung brachte. Zusammen mit ihrem kastanienbraunen, gewellten Haar und ihrem geröteten Gesicht wirkte dieser Anblick auf George wie Rauschgift.

»Vielleicht genügt es schon, wenn ich mich vor das Feuer stelle«, meinte er verlegen. »Dann brauche ich Ihnen nicht so viel Scherereien zu machen...«

»Reden Sie doch nicht so dummes Zeug! Auf diese Weise werden Sie niemals trocken! Übrigens muss auch Ihr Anzug gebügelt werden, sonst sieht er ja wie ein Lappen aus. Machen Sie schnell! Sie können sich ja, während Ihre Sachen trocknen, in meine Bettdecke einwickeln.«

Gehorsam ging er in das Schlafzimmer, das nicht geheizt war. Als er sich ausgezogen hatte, klapperten seine Zähne vor Kälte. Er war glücklich, die Steppdecke vom Bett nehmen, sie um seinen zitternden Körper wickeln und so festhalten zu können. Dann sammelte er seine klatschnassen Kleidungsstücke auf und trug sie ins Wohnzimmer.

Während seiner Abwesenheit war das Mädchen nicht müßig gewesen. Sie hatte ein Bügelbrett aufgestellt, und vor dem Kamin stand ein Trockengestell. Auf dem Tisch erwartete ihn ein großes Glas Whiskey.

»Jetzt setzen Sie sich in den Lehnstuhl und ruhen sich aus!«, sagte sie vergnügt, während sie seine Kleidungsstücke auf den Trockenständer hängte. »Dort steht ein Glas Whiskey für Sie. Außerdem möchte ich Ihnen nochmals sagen, wie leid es mir tut, dass ich mich Ihnen gegenüber so töricht benommen habe.«

Nachdem er den Whiskey in drei Schlucken hinuntergestürzt hatte, fühlte sich George wohler. In der Bettdecke wurde ihm nun auch allmählich angenehm warm. Fasziniert beobachtete er das Mädchen, das sich mit seiner Kleidung zu schaffen machte, von der jetzt schon Dampfwolken aufstiegen.

»Es wird nicht lange dauern«, versicherte sie ihm lächelnd.

Sein Herzschlag setzte beinahe aus. Jetzt hatte er sie zum ersten Male lächeln sehen, und dabei hatte sie sich völlig verändert. Sie war ja mindestens zehnmal so hübsch, als er bisher gedacht hatte!

»Sehr freundlich von Ihnen, sich so viel Mühe mit mir zu machen«, erwiderte er, nachdem er seinem Herzen Zeit gelassen hatte, seine normalen Funktionen wiederaufzunehmen. »Aber ich würde gern wissen, wie Sie überhaupt zu Ihrem Irrtum gekommen sind! Für wen hielten Sie mich denn?«

»Es war nur Ihr Sportjackett«, antwortete sie entschuldigend. »Ihr Gesicht konnte ich ja gar nicht erkennen. Als ich Sie am Trafalgar Square stehen sah, überkam mich eine riesige Wut. Ich bin eben leider Gottes allzu impulsiv. Harold hat mir das schon oft vorgeworfen. Ich hätte eben warten sollen, bis Sie mir Ihr Gesicht zuwandten.« Sie hielt inne. »Aber eigentlich habe ich auch das Gesicht dieses Kerls gar nicht richtig gesehen – obwohl mir klar ist, dass Sie ganz anders aussehen...«

»Was für ein Kerl? Ich verstehe Sie gar nicht...«

»Gestern Abend wartete ich auf dem Bahnsteig am Oxford Circus auf die U-Bahn«, erwiderte sie, und das Blut stieg ihr wieder ins Gesicht. »Es waren viele Menschen auf dem Bahnsteig; dicht neben mir stand ein Mann, der dasselbe Sportjackett trug wie Sie. Er – er wurde zudringlich.« Sie zögerte. »Ich versuchte, von ihm abzurücken, als der Zug einlief...»

»Wollen Sie damit sagen, dass er Sie ansprach?«

»Nein. Er sagte gar nichts, aber seine Hände...«

Sie brach verlegen ab.

»So einer also!«, brummte George verständnisvoll. »Warum haben Sie nichts gesagt? Aber nein, ich kann Sie schon verstehen. Es ist ja nicht einfach für ein Mädchen...«

»Ich habe nichts gesagt, aber ich versuchte, von ihm wegzukommen«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Es war scheußlich. Gerade als der Zug einfuhr, rempelte er mich an. Ich wäre unzweifelhaft auf die Schienen gefallen, wenn mich nicht jemand zurückgerissen hätte. Mir wurde vor Furcht ganz schlecht, aber als ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte und mich umsah, war der Bursche verschwunden. Ich weiß gar nicht, wie ich in den Zug hineingekommen bin – so verwirrt war ich.«

»So ein Schwein!«, sagte George mit Überzeugung. »Da kann ich Ihnen wirklich keinen Vorwurf machen, dass Sie mich in das Wasserbecken gestoßen haben. Wenn jemanden eine Schuld trifft, so den Verkäufer, der zwei gleiche Sportjacketts verkaufte.«

Diesmal lachte sie, was George freute. Offenbar war ihre Verlegenheit vorüber.

»Es wird wohl noch mehr Sportjacketts in England geben, die genauso aussehen wie das Ihrige«, meinte sie vergnügt.

»Dann war es eben mein Fehler!«, erwiderte er. »Ich war eben ein Trottel, mir diese verdammte Jacke zu kaufen. Sie gefiel mir schon von Anfang an nicht recht. Das Muster ist doch viel zu auffällig, wie? Ich werde das Jackett nie wieder tragen.« Er hielt inne und wandte seine Gedanken ernsteren Dingen zu. »Aber beantworten Sie mir noch eine Frage: Warum in aller Welt versuchte der Mann, Sie auf die Schienen der Untergrundbahn zu werfen? Und da wir schon bei diesem Thema sind, wer sind Sie überhaupt? Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ich Sie schon gesehen haben muss.«

»Wenn Sie beim Fernsehen zusehen, müssen Sie mich gesehen haben«, meinte sie lächelnd. »Ich war gestern Abend auf dem Nachhauseweg vom Fernseh-Studio, als mich dieser Mann...«

»Ach so! Das 64.000-Halfcrown-Quiz!«

»Jawohl...«

»Dann sind Sie also Rosalind Tresham!«

»Ja.«

»Mein Gott, wieso habe ich Sie nicht schon längst erkannt?« George sah sie nachdenklich an, aber dann leuchteten seine Augen bewundernd auf. »Sie waren gestern Abend großartig!«

»Sie haben zugesehen?«

»Selbstverständlich habe ich zugesehen! Die Art, in der Sie die 32.000-Halfcrown-Fragen beantworteten, war ja unerhört!« Er war ganz enthusiastisch. »Warum nennt man es eigentlich die 32.000-Halfcrown-Frage? Es sind doch in Wahrheit fünf verflixte Fragen! Ich sehe Sie jetzt noch im Geist in dieser scheußlichen, schalldichten Zelle – und wie Sie aus der Zelle herauskamen und alle Antworten schon bereit hatten! Ihre Kenntnisse in englischer Geschichte sind ja einfach erstaunlich!«

Sie wurde ganz plötzlich ernst.

»Dessen bin ich nicht so sicher«, meinte sie und schüttelte den Kopf. »Ich war mir gestern über zwei dieser Fragen gar nicht im Klaren. Und erst nächsten Sonnabend – ach, du meine Güte! Da wird es ganz schlimm werden!«

»Gehen Sie doch gar nicht hin!«, rief er. In seiner Erregung wollte er aufspringen, wobei ihm beinahe die Bettdecke zu Boden gefallen wäre. »Sie werden nur alles verlieren, was Sie bis jetzt gewonnen haben...« Er brach ab und sah sie fast ungläubig an. »Ich erkenne Sie zwar jetzt, aber Sie sehen in Wirklichkeit doch so anders aus, dass es zu verstehen ist, dass ich Sie zuerst nicht unterbringen konnte. Ihr Teint, Ihr schönes, braunes Haar, Ihre wunderbaren Augen! Sie sind ja zehnmal hübscher, als ich dachte!« Über die Offenheit seiner Worte betroffen, hielt er einen Augenblick inne. »Es ist eben ein Jammer, dass wir noch kein Farbfernsehen haben!«

»Die schalldichte Kabine ist gar nicht so schlecht«, erwiderte sie in einem Versuch, seine letzte Bemerkung zu ignorieren. »Für mich ist der Aufenthalt dort recht angenehm. In der Abgeschlossenheit kann man sich sehr gut konzentrieren.«

Auf ihre Worte folgte ein kurzes Schweigen. Als sie ihn jetzt ansah, fiel ihr auf, wie entschlossen sein Gesicht und wie energisch sein Kinn war. Auch die Form seines Kopfes und die Offenheit seiner blauen Augen gefielen ihr. Um die eingetretene Gesprächspause zu überbrücken, wandte sie sich zum Trockenständer und brachte die Kleidungsstücke in Ordnung.

»Gehen Sie lieber gar nicht hin!«, wiederholte er plötzlich. »Mein Gott, bis jetzt haben Sie schon 32.000 Halfcrown oder 4.000 Pfund gewonnen! Aber Sie werden alles verlieren, wenn Sie aufs Ganze gehen! Eine einzige falsche Antwort genügt. Dabei suchen sie sich für die letzten Fragen immer besonders knifflige Sachen aus!«

»Das fürchte ich auch«, nickte sie traurig.

»Dann begnügen Sie sich doch mit dem, was Sie bis jetzt erreicht haben!«

»Nein, ich werde mein Glück versuchen! Ich habe keine andere Wahl – ich muss es!«

»Was meinen Sie damit: Sie müssen? Sind Sie denn nicht mit 4.000 Pfund zufrieden? Bis jetzt haben Sie doch großartig abgeschnitten...«

Sie schüttelte den Kopf.

»Es ist keine Eitelkeit«, erwiderte sie ruhig. »Es ist nicht etwa, dass ich glaube, so viel zu wissen, dass mein Versuch gar nicht fehlschlagen kann. Vielleicht werde ich versagen – das ist sogar mehr als wahrscheinlich. Aber ich muss mich auf das Risiko – alles oder nichts – einlassen. Der halbe Preis nützt mir gar nichts. Bitte sprechen wir nicht mehr darüber.«

Ihre Worte klangen so ernst, so entschlossen, dass er für den Augenblick zum Schweigen gebracht war, wenn ihm auch ihr Widerstreben, über dieses Thema zu sprechen, rätselhaft blieb. Sie hatte sich inzwischen wieder zum Trockenständer begeben.

»Ich glaube, sie sind jetzt trocken«, meinte sie vergnügt. »Es wird mich nur eine Minute kosten, die Hose zu bügeln...«

»Aber nicht doch!«, protestierte er. »Es genügt völlig, dass sie trocken ist.« Er sah sie forschend an. »Warum nützt Ihnen eigentlich die Hälfte nichts? Warum müssen Sie alles, was Sie gewonnen haben, aufs Spiel setzen?«

»Ich setze ja gar nicht alles aufs Spiel! Nach den neuen Quiz-Regeln werde ich immer noch 2.000 Pfund erhalten, auch wenn ich nächsten Sonnabend nicht alle Fragen richtig beantworten kann«, erwiderte sie. »Aber 2.000 Pfund nützen mir nicht das geringste! Darum muss ich ja versuchen, den Höchstbetrag, die vollen 64.000 Halfcrown, zu gewinnen. Natürlich wird diese Woche für mich schlimm werden! Man hat mir zwar im Büro freigegeben, aber die Arbeit wird trotzdem kaum zu schaffen sein. Übrigens haben Sie mir noch nicht gesagt, wer Sie sind!« Sie lachte. »Komisch, nicht wahr? Ich meine, da wir schon in meiner Wohnung beieinandersitzen, sollten Sie doch...«

»Ach... ich heiße Wentworth – George Wentworth«, unterbrach er sie gleichgültig. »Ich bin nichts Besonderes. Sie können mich einen Kolonialwarenhändler nennen...«

»Einen was?«

»Das ist nicht gerade sehr großartig, nicht wahr? Den ganzen Tag über beschäftige ich mich mit Tee und Zucker und solchen Sachen. Aber schließlich verdient man dabei seinen Lebensunterhalt.«

Seine Worte klangen so entschuldigend, dass sie den Eindruck gewann, er müsse einen höchst unwichtigen Posten im Kolonialwarenhandel haben, wohl nur ein einfacher Verkäufer.

»Ich hoffe, dass ich Ihre Kleider nicht ruiniert habe«, meinte sie, als sie das Bügeleisen einschaltete. »Sollte es aber doch der Fall sein, so müssen Sie mir gestatten, es wieder gutzumachen...«

»Daran ist gar nicht zu denken!«, unterbrach er sie schnell. »Aber ich wollte Sie noch etwas fragen: Nach dem, was Sie mir erzählt haben, wollte Sie dieser Kerl doch auf dem Untergrundbahnhof auf die Schienen werfen, als der Zug einfuhr...«

»Ja.«

»Wenn man Sie nicht ergriffen und zurückgerissen hätte...«

»Ja. Ich möchte gar nicht mehr daran denken.«

»Sie sollten aber daran denken!«, bestand er auf seiner Ansicht. »Der Mann hat ja versucht, Sie umzubringen! Warum? Können Sie sich einen Grund vorstellen, warum jemand so etwas versuchen sollte?«

»Dafür gibt es keinen Grund.«

»Sie meinen, Sie wissen von keinem?«

»Lächerlich!«, antwortete sie ruhig. »Ich bin doch niemand! Nur prominente Leute haben Feinde!«

»Das ist völlig falsch!« George wurde sehr ernst. »Sie sind schon prominent! Millionen von Fernsehteilnehmern kennen Sie! Nächsten Sonnabend haben Sie die besten Aussichten, mit dem Höchstgewinn nach Hause zu gehen!«

»Hoffentlich haben Sie recht!«, meinte sie mit einem solchen Ausdruck von Furcht in den Augen, dass er höchst verwundert war.

»Aber wer würde mich umbringen wollen, nur, weil ich eine kleine Chance habe, viel Geld zu gewinnen? Die einzigen, die bei meinem Gewinn etwas zu verlieren haben, sind doch die Leute vom Fernsehen!«

»Sie haben mir ja auch noch nicht gesagt, warum Sie unbedingt den Hauptgewinn machen müssen; warum erklären Sie nicht nächsten Sonnabend, dass Sie schon genug gewonnen haben?«, wiederholte er. »Dazu sind Sie doch berechtigt! Sie können sich einfach die 4.000 Pfund einstecken, die Sie bisher gewonnen haben, und damit basta. Vielleicht haben Sie sich das noch nicht richtig überlegt –«

»Ich glaube nicht, dass Sie recht haben und dass dieser Mann mich wirklich umbringen wollte!«, fiel sie ihm ins Wort und schüttelte den Kopf. »Er benahm sich nur unpassend – rempelte mich an, sodass ich stolperte. Aber er wollte mich sicherlich nicht töten! Glücklicherweise können Sie sich jetzt anziehen«, fügte sie lächelnd hinzu. »Hier ist Ihre Hose. Die Bügelfalte ist allerdings nicht tadellos... Ach, Sie müssen doch noch einen Augenblick warten! Ich habe Ihre Unterwäsche noch nicht ausgebügelt!«

»Das sollten Sie auch nicht!«, unterbrach er sie rasch. »Sie ist trocken, und das genügt völlig. Kümmern Sie sich auch nicht um das Jackett und den Pullover. Ich werde das Jackett sowieso wegwerfen. Ich will es jetzt nicht mehr sehen!«

Er war gerade dabei, sich die verschiedenen Kleidungsstücke über den Arm zu nehmen, als die Wohnungsglocke läutete – zweimal kurz und einmal lang. Rosalind stieß einen ärgerlichen Ausruf aus, sodass George sie ganz erstaunt ansah.

»Ach, du lieber Himmel!«, rief sie verstimmt. »Das hatte ich ja ganz vergessen! Harold!«

»Wer ist denn Harold? Sie haben diesen Namen schon einmal erwähnt...«

»Mein Verlobter.«

Aus irgendeinem Grund war George von diesen Worten höchst verärgert. Ein Anfall von Eifersucht hatte ihn gepackt. Gewiss, es war idiotisch – er war für dieses Mädchen ein Fremder, und es bestand nicht der geringste Grund, warum sie keinen Verlobten haben sollte. Trotzdem begann er, George, den ihm unbekannten Harold mit einer blinden und ganz unvernünftigen Wut zu hassen.

»Rasch!«, flüsterte sie atemlos. »Er darf Sie hier nicht vorfinden! Er versprach mir, heute Nachmittag herzukommen und mit mir irgendwohin zum Tee zu gehen. Ich hatte ihn ganz vergessen.«

Wieder läutete es an der Wohnungstür.

»Es ist Ihnen wohl peinlich, wie?«, fragte George unsicher.

»Was soll er sich denn denken, wenn er Sie hier ohne Kleider vorfindet?«, fuhr sie ganz verängstigt fort. »Hier – nehmen Sie sie!« Sie legte ihm seine Kleidungsstücke über den Arm. »Schnell – gehen Sie in das Schlafzimmer! Ziehen Sie sich, so rasch Sie können, an und warten Sie dann dort, bis Sie hören, dass wir fortgegangen sind!«

»Es ist mir nicht recht verständlich...«

»Bitte, tun Sie mir doch den Gefallen! Ich ziehe mir nur meinen Pelz an, und in zwei Minuten bin ich mit ihm verschwunden!«, bestand sie mit dringlichem Flüstern auf ihrem Wunsch. »Dann können Sie fortgehen, sobald Sie wollen. Ach – widersprechen Sie mir doch nicht! Harold würde es sehr übel aufnehmen, wenn er Sie hier findet!«

George ging, seine Kleider über dem Arm, ins Schlafzimmer. Sie schloss hinter ihm die Tür, ging zum Spiegel und brachte rasch ihr Make-up in Ordnung. Sie war krampfhaft bemüht, sich einzureden, dass sie wieder ganz ruhig und normal war, als sie die Wohnungstür öffnete.

»Ach – guten Tag, Harold«, sagte sie beiläufig. »Entschuldige bitte, dass ich dich warten ließ. Aber ich war gerade im Badezimmer...«

Ihre Ruhe war so übertrieben, dass sie unzweifelhaft gespielt wirkte. Harold Sears sah sie ganz erstaunt an, als er ihr ins Wohnzimmer folgte. Ihr Benehmen war so ungewohnt, dass er sofort wusste, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein konnte. Ihre Wangen waren übermäßig gerötet; sie hatte es auch versäumt, ihn, wie gewöhnlich, zur Begrüßung zu küssen.

»Was ist denn los?«, fragte Harold.

»Los?« Sie lachte mit so gezwungener Fröhlichkeit, dass es fast kreischend klang. »Gar nichts!« Während sie nach ihrem Pelz langte, musste sie sich unwillkürlich an Situationen aus Lustspielstücken erinnern; sie kam sich dabei höchst lächerlich vor. »Hilf mir doch bitte in den Mantel, Harold. Du willst mich doch zum Tee abholen, nicht wahr?«

»Ja, aber warum so eilig?«

Harold Sears sah sie misstrauisch an. Mit seiner kräftigen Gestalt, seinen fast klassischen Zügen und seinem gewellten, schwarzen Haar sah er sehr gut aus. Sein Straßenanzug war untadelig, wie sich zeigte, als er seinen Mantel ausgezogen hatte.

»Ich habe aber schon großen Teedurst!«, bestand sie auf ihrem Wunsch. »Sieh mal, ich bin schon zum Fortgehen fertig! Zieh dir deinen Mantel nur wieder an...«

»Verdammt nochmal, Rosie, irgendetwas ist hier doch nicht in Ordnung!«, fiel er ihr ins Wort und starrte sie an. »Sieh dich nur einmal im Spiegel an! Die Haare verwirrt, auf der Seite der Nase einen Puderfleck, und der Lippenstift ganz verschmiert! Was zum Teufel, ist denn mit dir los? Du siehst ja geradezu schuldbewusst aus!«

Sie versuchte, ihn abzulenken.

»Wie oft habe ich dir schon gesagt, Harold, dass es mir widerlich ist, wenn du mich Rosie nennst!«, warf sie ihm entrüstet vor. »Ich heiße Rosalind und finde Rosie scheußlich! Das weißt du doch! Ich glaube, du nennst mich nur Rosie, um mich zu ärgern! Also gehen wir jetzt Tee trinken oder gehen wir nicht?«

»Nicht, bevor du mir erzählt hast, warum du so nervös und zerrauft bist«, erwiderte er, ohne ihren Protest zu beachten. »Du lässt mich, Gott weiß, wie lange, vor deiner Tür warten, und wie du mir schließlich aufmachst, siehst du wie ein verängstigtes Schulmädel aus, das verheimlichen will, dass sich ein Liebhaber bei ihr unter dem Tisch versteckt hat!«

Unglücklicherweise drang gerade in diesem Augenblick das Geräusch eines lauten, männlichen Niesens aus dem Schlafzimmer zu ihnen heraus.

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Harold Sears richtete sich steif auf. Schon von Natur bis zur Pedanterie korrekt, brachte dieses Niesen in seine klassischen Züge einen Ausdruck hemmungslosen Entsetzens. Er hatte es ja nur ironisch gemeint, als er seinen Vergleich mit dem Schulmädel gebracht hatte, dessen Liebhaber unter dem Tisch versteckt war...

»Was ist denn das?«, fragte er entgeistert.

»Gar nichts, Liebster...«

»Wer ist denn bei dir?«, fuhr er fort. »Wer ist denn in deinem Schlafzimmer?« 

»Aber Harold... Lass mich dir erklären...« Rosalind war jetzt noch nervöser. »Ach Gott – das ist doch aber wirklich blöd! Ich wusste ja, dass du kein Verständnis dafür haben wirst...« Sie ergriff seinen Arm. »Nein, geh nicht in das Zimmer... du darfst nicht denken...«

Aber er schüttelte ihre Hand ab und riss die Schlafzimmertür auf – um eine Szene zu enthüllen, die aussah, als ob sie ein Possendichter erfunden hätte. George Wentworth, in Unterhosen, bemühte sich gerade, die Hose anzuziehen.

Ein leiser, fast unhörbarer Laut des Unwillens entschlüpfte Rosalind, als sie über Harolds Schulter sah, der von der Türschwelle aus ungläubig auf George starrte.

»He! Sie können hier nicht hereinkommen!«, protestierte George. »Noch eine halbe Minute, und ich komme zu Ihnen hinaus...«

Er hielt inne. Sein Gedankengang war ein anderer wie der Rosalinds. Ihn erinnerte die Situation nicht an eine Posse, sondern an eine Szene aus den grobsinnlichen Stücken der Restaurationszeit. Er kam sich vollkommen idiotisch vor.

»Das war es also!«, stieß Harold mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

George musste schlucken. Ein Blick auf den Eindringling überzeugte ihn, dass nur ein Mensch wie Harold diesen Ausruf in diesem Ton äußern konnte. Sein Benehmen entsprach genau seiner ganzen Erscheinung.

Jetzt schlug Harold die Tür so donnernd zu, dass die Wände zitterten. Dann wandte er sich mit wutblitzenden Augen an Rosalind.

»Nun, da sind Erklärungen wohl überflüssig!« Er beherrschte sich offenbar nur noch mit Mühe. »Ich glaube, ein Gentleman zu sein, und ich werde daher keine Szene machen. Was ich mit eigenen Augen sehe, genügt mir völlig.«

»Harold, hör doch zu...«

»Kein Wunder, dass du verwirrt warst, als ich klingelte«, fuhr er bitter fort. »Mein Gott, ich hätte dich nie für so eine Person gehalten...«

»Du missverstehst ja...« Rosalind schwieg. Auch sie wurde jetzt zornig. »Es wird mir jetzt erst klar, was du gesagt hast...« Ihre Augen blitzten. »Was meinst du eigentlich damit – so eine Person? Wie kannst du es wagen...«

Sie schwieg, weil sie vor Zorn keine Worte fand.

»Ich weiß zwar nicht, wer dein Freund ist, aber ich muss dir schon sagen, dass mir bei deinem Verhalten übel wird!«, erwiderte Harold schneidend. »Wenn ich es nicht vermeiden wollte, in deiner Wohnung eine Szene zu machen und deinen Ruf völlig zu vernichten, so würde ich jetzt hineingehen und dem Kerl den Hals umdrehen!« Er hielt inne und fuhr dann erbittert fort: »Dabei ist er ja nicht eigentlich der Schuldige – sondern vielmehr du!«

Weiß vor Wut verließ er die Wohnung und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Unnatürlich blass blieb Rosalind zurück. Innerlich kochte sie vor Wut. Er hatte noch nicht einmal den Mut aufgebracht, George entgegenzutreten! Das war es, was sie am meisten aufbrachte.

Inzwischen trat George, jetzt angezogen, aus dem Schlafzimmer.

»Ist er fort? Ich hörte die Wohnungstür zuschlagen...«

»Ja«, sagte Rosalind mit zusammengepressten Lippen. »Er ist fort!«

»Es tut mir furchtbar leid, dass ich niesen musste«, entschuldigte er sich. »Der Reiz kam ganz plötzlich, und ich konnte ihn nicht unterdrücken. Vielleicht habe ich mich doch erkältet.«

»Ich bin froh, dass Sie niesen mussten!«

»Wie?«

»Ja – froh!«, wiederholte sie trotzig. »So lernte ich eine Seite von Harolds Charakter kennen, die ich nie bei ihm vermutet hätte. Wie konnte er wagen, mir solche Vorwürfe zu machen! Warum wartete er nicht meine Erklärung ab? Aber nein – er zog sofort seine abscheulichen Schlussfolgerungen!«

»Nun, wissen Sie, es sah doch ein bisschen merkwürdig aus«, meinte George verlegen. »Ich meine, dass er mich in Ihrem Schlafzimmer antraf, als ich mir gerade die Hose anzog. Ich kann es ihm eigentlich nicht verdenken, dass er annahm... Entschuldigen Sie bitte, so krass wollte ich es gar nicht ausdrücken... Ach, hol’s der Teufel!«

Ihre Blässe war verschwunden, und dafür war ihr das Blut ins Gesicht gestiegen.

»Gleichgültig, wie es auch aussah! Er hätte zu mir Vertrauen haben sollen!«, rief sie gereizt. »Er durfte doch nicht sofort annehmen, dass Sie und ich... dass wir beide...«

Zu Georges Bestürzung brach sie jetzt in Tränen aus. Er fühlte sich hilflos und überflüssig. Dieser verdammte Pedant, dieser Harold, ist noch nicht einmal wert, ihr die Schuhe zu putzen!, dachte er. Was für ein Bräutigam war er denn, dass er gleich das Schlimmste glaubte und wütend fortlief?

»Bitte, beruhigen Sie sich«, bat er, nachdem der erste Ausbruch vorüber war. »So eine Aufregung schadet Ihnen doch! Sie nimmt Ihnen ja die Fähigkeit, sich auf Ihre Arbeit zu konzentrieren!«

»Ach, der Teufel soll meine ganze Arbeit holen!«, rief sie wütend. »Wenn er eben das Schlimmste denken will, so soll er es tun! Ich habe nie gewusst, dass er so misstrauisch veranlagt ist!«

Von ihrem Tränenausbruch betroffen, war George ganz erstaunt zu sehen, dass sie jetzt plötzlich zu lachen anfing. Er bewunderte sie mehr und mehr, denn ihr Lachen bewies ihm, dass sie auch Sinn für Humor besaß.

»Ich habe ja immer gewusst, dass er ein bisschen pedantisch ist! Er sah ja geradezu aus, als ob er ein Lineal verschluckt hätte, als er die Schlafzimmertür öffnete und Sie erblickte, wie Sie sich gerade die Hose anzogen!«

»Aber hören Sie...«, protestierte George.

»Ich muss allerdings zugeben, es sah wirklich recht eigenartig aus«, gab sie offen zu. »Ich meine – Sie in Unterhosen in meinem Schlafzimmer – und ich verwirrt und schuldbewusst. Es ist ja jetzt zu spät, aber mir wird nun klar, dass es falsch war, Sie ins Schlafzimmer zu schicken, als es klingelte. Wenn er hereingekommen wäre und Sie hier in die Steppdecke gehüllt vorgefunden hätte, während Ihre Kleider vor dem Feuer trockneten, wäre es doch leicht gewesen, ihm zu erklären, was geschehen war.«

»Ja, so etwas fällt einem immer erst ein, wenn es zu spät ist!«, meinte er zerknirscht. »Ja, natürlich – dann wäre alles in Ordnung gewesen, nicht? Was für ein Esel war ich doch, mir nicht darüber klar zu sein –«

»Sie haben gar keine Veranlassung, sich Vorwürfe zu machen«, unterbrach sie ihn. »Und ich bin sogar froh, dass alles so gekommen ist, wie es kam! Wenn Harold mir nicht vertrauen kann, dann besteht doch auch keine Hoffnung auf eine glückliche Ehe!«

»Hören Sie, der Zorn Ihres Bräutigams wird bald verraucht sein!«, meinte George eifrig. »Wenn er sich bis morgen nicht bei Ihnen eingefunden hat, um sich zu entschuldigen, dann will ich mich mit ihm in Verbindung setzen und ihm alles erklären. Lassen Sie sich deswegen keine grauen Haare wachsen!«

Er sprach zögernd, denn er war sich ja bewusst, dass er selbst in Rosalind verliebt war und insgeheim hoffte, dieser lächerliche Harold werde sie freigeben.

»Wenn er sich entschuldigen kommt, wird er aber recht demütig Abbitte leisten müssen!«, meinte Rosalind mit blitzenden Augen. »Warum hat er nicht meine Erklärung abgewartet? Sonst ist er ja wirklich ein netter Mensch – vielleicht etwas pedantisch und altmodisch, aber so aufmerksam, freundlich und – eben liebenswert.« Sie warf einen Blick zu ihm hinüber, sah, wie sich seine Miene verdüsterte, und lächelte. »Sie sind da wohl nicht ganz meiner Meinung?«

»Ich habe ihn eben kennengelernt, als er nicht gerade auf der Höhe war«, antwortete George vorsichtig. »Was ist er denn? Ich meine von Beruf.«

»Er ist Mitinhaber einer Innendekorationsfirma.«

Beinahe hätte George laut aufgelacht. Einen solchen Beruf hätte er erraten können. Harold sah genauso aus, wie er sich einen Innendekorateur immer vorgestellt hatte.

»Ein sehr interessanter Beruf«, meinte er höflich.

»Eigentlich hat er es nicht nötig zu arbeiten«, erklärte ihm Rosalind. »Er tut es nur aus Freude an der Sache. Sein Onkel hinterließ ihm viel Geld, und so hat er ein erhebliches privates Nebeneinkommen.«

»Er ist also einer von den müßigen Reichen, wie?«

»Nicht gerade müßig – wie ich Ihnen soeben erklärt habe.«

»Entschuldigen Sie, ich wollte nicht, dass man mir den Neid anhört. Aber erklären Sie mir noch eins –«, fügte George, dem ein neuer Gedanke gekommen war, hinzu, »wenn Ihr Bräutigam so viel Geld hat, warum quälen Sie sich dann mit diesem Quiz ab? Wenn Sie unbedingt 8.000 Pfund brauchen, warum lassen Sie es dann mit den 4.000, die Sie schon verdient haben, nicht bewenden, und borgen sich von Harold den Rest?«

»Nein, das würde ich nie tun!«, fiel sie ihm rasch ins Wort. »Was ich mit dem Geld erreichen will, kann ich nur mit eigenem Geld oder gar nicht erreichen!«, fügte sie entschlossen hinzu. »Ich werde es auch schaffen! Ich habe ja die ganze Woche Zeit, mich auf die Fragen vorzubereiten. Ich arbeite in einer Buchhandlung im Westend«, erklärte sie, »und der Inhaber ist zu mir sehr nett gewesen. Jetzt hat er mir die ganze Woche freigegeben, damit ich mich ungestört auf die Quiz-Fragen über englische Geschichte vorbereiten kann.«

»Gerade in einem solchen Augenblick muss ich kommen und Ihnen die Ruhe nehmen«, meinte George verlegen. »Höchste Zeit, dass ich mache, dass ich fortkomme! Vielen Dank, dass Sie mir meine Kleider getrocknet haben.«

Er war zwar äußerst neugierig, zu welchem Zweck sie einen so großen Betrag wie 8.000 Pfund dringend benötigte, aber er wollte nicht fragen, um nicht den Anschein zu erwecken, dass er seine Nase in Dinge steckte, die ihn nichts angingen.

»Ja, bitte gehen Sie!«, sagte sie und lächelte ihm zu. »Ich habe zu schuften und zu schwitzen – Stunde für Stunde – Tag für Tag – bis nächsten Sonnabend. Für mich heißt es eben alles oder nichts!«

Sie hatte das schon einmal gesagt, und wieder wurde er neugierig. So oft dieses Thema berührt wurde, machte sie ein so ernstes Gesicht, dass er wusste, dass sie wichtige Gründe haben musste.

Er war schon halb entschlossen, sie zu bitten, im Verlauf der Woche nochmals vorsprechen zu dürfen, um sich nach den Fortschritten ihrer Arbeit zu erkundigen; aber er kam davon ab. Es gab ja keinen triftigen Vorwand zu einem nochmaligen Besuch.

Sie schüttelte ihm herzlich die Hand, als er sich eine Minute später verabschiedete. Er konnte den Druck ihrer kühlen Finger noch fühlen, als er auf die Straße trat und zu seinem Wagen ging. Er hatte schon vielen Mädchen die Hand geschüttelt, aber noch keine weibliche Hand hatte ihm diese Art von kribbelnder Elektrizität übermittelt.

»Ach, hol’s der Teufel!«, sagte er, als er davonfuhr.

Höchstwahrscheinlich würde er sie kaum wiedersehen – jedenfalls nicht in Wirklichkeit, denn selbstverständlich wollte er ihr am Fernsehschirm am nächsten Sonnabend Zusehen, wenn sie den Kampf um das 64.000-Halfcrown-Quiz aufnahm. Er wusste, dass es auch für ihn schlimm werden würde, während sie in der schalldichten Zelle saß und nachdachte.

Er fuhr seinen Wagen in eine private Garage am Berkeley Square und ging dann zu Fuß in seine Junggesellenwohnung in der Charles Street. Hier bewohnte er in Nr. 6, im Orford House, eine kleine Wohnung. Bei sich angekommen, zog er sich um und setzte sich an die Arbeit, gab sie aber bald wieder auf, weil das Bild Rosalinds immer wieder vor seinen Augen auftauchte und ihn ablenkte. Also ging er wieder aus und aß in einem ruhigen Restaurant zu Abend. Aber als er in seine Wohnung zurückkehrte, beschäftigten sich seine Gedanken immer noch mit Rosalind. Als sie ihm auch den Schlaf rauben wollten, wurde er sehr ungehalten.

Das war doch idiotisch! Dieses Mädchen war schön, hatte Verstand, aber sie war für ihn eine Fremde – und bereits verlobt. Aber war das wirklich richtig? Wie, wenn Harold die Verlobung auflöste? Dieser Gedanke beunruhigte ihn, und er begann darüber nachzugrübeln, wie er sich über diesen Punkt Gewissheit verschaffen könne.

Schließlich fiel er doch in einen unruhigen Schlaf; aber es war ein schlimmes Zeichen, dass sein erster Gedanke beim Erwachen wieder Rosalind galt. Während er sich anzog und rasierte, wurde ihm klar, dass er keineswegs gewillt war, sie aus seinem Leben zu streichen. Im Verlauf dieser Woche würde er sie zwar nicht aufsuchen, weil er sie damit ja nur stören konnte. Aber sobald sie das Martyrium am nächsten Sonnabend hinter sich hatte...

In diesem Augenblick wurden seine Tagträume durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Ein älterer Mann trat ins Zimmer, der ein wohlgefülltes Frühstückstablett trug.

»Guten Morgen, Simpson«, sagte George zur Begrüßung. »Haben Sie den Leuten unten gesagt, dass der Toast gestern verbrannt war? Ah, heute sieht er schon besser aus!«

»Am Sonntag sind die Leute eben ein bisschen schlampig, Sir«, sagte Simpson, als er das Tablett auf den Tisch stellte.

George bewohnte eine Wohnung, in der die Hausverwaltung den Mietern das Frühstück lieferte. Simpson war Georges Diener.

»Sie wissen doch, welches Sportjackett ich gestern trug?«, fragte George plötzlich. »Ich glaube mich zu erinnern, dass es Ihnen nicht sehr gefiel! Es ist wohl auch für mich nicht ganz das richtige, wie?«

»Vielleicht ein bisschen zu auffällig, Sir«, meinte Simpson vorsichtig.

»Bei Gott, da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen!«, lachte George. »Es fiel in der Tat gestern jemandem unangenehm auf. Nehmen Sie es und machen Sie damit, was Sie wollen. Notfalls wird sich doch im Keller ein Ofen finden lassen?«

Als er später zu seiner Arbeit ging, trug er zu weißem Hemd einen gedeckten grauen Straßenanzug. Er nahm sich ein Taxi, fuhr in die Innenstadt und betrat ein hübsches, neues Bürogebäude in der Moorgate Street. Der Portier empfing ihn mit einem respektvollen: »Guten Morgen, Mr. Wentworth.« Der Fahrstuhlführer tat das gleiche; als er im dritten Stock ausstieg, wurde George von den Bürodamen mit größtem Respekt und freundlichem Lächeln empfangen.

In der Tat war die ganze Etage von den Büroräumen der Wentworth-Kettenläden belegt, deren geschäftsführender Direktor George war. Mit einem Wort, er war der Enkel des berühmten Alexander Wentworth, der einst in einem kleinen Kolonialwarenladen in Kensington angefangen hatte und dessen Sohn – Georges Vater – der jetzt über das ganze Land verbreiteten Firma Vorstand. Jeder Engländer kannte die Wentworth-Läden und wusste, dass sie gute Ware lieferten. Aber während der Zeit zwischen den Weltkriegen hatte sich die Firma nur wenig entwickelt. Die Wentworths waren altmodisch in ihren Geschäftsmethoden geblieben, altmodisch in der Art ihrer Bedienung, und so war der Umsatz allmählich zurückgegangen – bis die Firma nach dem zweiten Weltkrieg unstreitig auf der absteigenden Linie war.

Normalerweise hätte Georges älterer Bruder, Alexander, die Geschäftsleitung übernehmen sollen; aber er war als Flieger im Krieg gefallen. George, der kurz nach dem Krieg die Universität verließ, hatte seinen Vater bestürmt, die Läden zu modernisieren. Aber er hatte für seine Bemühungen bei ihm wenig Verständnis gefunden. Schließlich hatte ihm sein Vater aber doch, auf sein ständiges Drängen hin, erlaubt, versuchsweise vier Geschäfte in Selbstbedienungsläden umzubauen.